
Moby & ich
20. August 2006
Moby Dick war mein erstes Reclam-Heft. Reclam war damals noch billig, und es war demnach die Seiffert-Übersetzung von 1956, zwölf Jahre älter als ich, und ich war wohl so dreizehn.
Für Seemannsromantik war ich schon immer empfänglich. Wenn ich was Billiges zu lesen wollte, kaufte ich mir sogar die Räuberheftchen, die “Seewolf” hießen, wenn daneben Jerry Cotton lag, der damals noch nicht ganz so uncool war. Das heißt aber nicht viel; ich bin ja sogar für Fernfahrerromantik empfänglich.
Wie Dreizehnjährige so sind, wollte ich umgehend Ismael sein. Was dieser angenehm übersichtliche Charakter für ein mythisches Ausmaß hat, ahnte man erst viel später. Jedenfalls hab ich das nicht irgendwie weggelesen, vielmehr trat dieses Buch in mein Leben, man kann es nicht billiger sagen - ein Erlebnis, das ich später allenfalls noch mit Richard Brautigan, Max Goldt und den Sandman-Comics hatte (in chronologischer Reihenfolge).
Das Reclam-Heft - denn auch Reclam-Bücher werden immer “Hefte” sein - sah schon unverhältnismäßig zerfleddert aus, während ich es las, weil ich es überall mit hinschleppte, weil man ja in dem Alter seinerseits noch von seinen Eltern überall mit hingeschleppt wird, und ich in der Schule keine kostbare Lesezeit verschenken wollte. Die Ränder sind rundum mit Tesafilm verstärkt, und es muss wohl ich gewesen sein, der mit Bleistift hinten reingekrakelt hat: “Dieses Buch war schon mal in Förrenbach” - offenbar aus der Erkenntnis heraus, dass sua fata habent libelli. Förrenbach, das war ein von meinen Eltern gerne zu Sonntagsausflügen frequentiertes Kaff in der Hersbrucker Schweiz, Frankenalb.
Als mir mal eine Freundin sagte, sie fühle sich zur Zeit wie Ismael im ersten Kapitel (”als mich nichts Besonderes an Land hielt”), wusste ich: Es ist aus. Über die Dreizehn war ich hinaus, aber Ismael, das war immer noch, wenn schon, mein Part.
Meine nächste Moby-Ausgabe kaufte ich mir erst, als ich nach München gezogen war, im Advent 1997. Da führte ich meiner Freundin - die heute meine Frau ist - Deutschlands größten englischen Buchladen vor, den Words’ Worth in der Schellingstraße. Da haben sie ein Shakespeare-Zimmer, einen Hauskater namens Morris und ein überaus engagiertes, vier Mann starkes Personal. Und weil ich nie zuschauen kann, wenn sie sich ein Buch kauft, ohne dass ich auch eins krieg, schnappte ich wie selbstverständlich nach der Studienausgabe Moby-Dick bei Norton. Es musste schnell gehen, weil der Laden selbst im Weihnachtsgeschäft am frühen Samstagnachmittag dicht machte. In solchen Fällen landet man entweder einen gloriosen Fehlgriff oder erwischt das, was einem ohnehin von einer höheren Instanz zugedacht war. Und mit meinen Spontankäufen bin ich eigentlich immer ganz gut gefahren.
Als es mit angedeuteter Frau ans Einrichten einer Wohnung ging, musste mein Zimmer unbedingt aussehen wie Ahabs Kapitänskajüte. Sollte je die Walfangprämie aufgeteilt werden, arbeiten wir weiter dran.
Moby-Dick im Original bedeutete einen Quantensprung in meinen Englischkenntnissen, weil ich penibel auch die ganzen Fachausdrücke der christlichen Seefahrt im allgemeinen und des Walfang-Handwerks im besonderen nachschlug; Norton bietet ein seemännisches Glossary. Wir Anglistik-Studierten kennen ohnehin Wörter, über die jeder Native Speaker Mund und Augen aufreißt - was mich leider eher davon abhält, souverän auf Englisch zu parlieren, aber mach was. Erkenntnis ist durch nichts zu ersetzen.
Und dann machte Hanser ab 2001 die Melville-Ausgabe auf Deutsch und ließ alles frisch übersetzen. Ich nix wie hin und ein Stück aus der Erstauflage kommen lassen. Und was soll ich sagen: Schon klasse.
In diesen Tagen vor einem Vierteljahrhundert ist mir Moby-Dick zugelaufen. Leben mit Melville.





Interessante Hinweise habe ich hier gefunden, vielen Dank dafür. Ich wollte mich schon immer mal daran machen, Moby Dick endlich zu lesen. Diese uralte Insel-Taschenbuchausgabe habe ich zuhause herumliegen. Angesichts der Vielzahl der jüngst erschienen neuübersetzten Ausgaben bin ich etwas verzweifelt - aber Du hast Licht ins Dunkel gebracht.
Sehr gern geschehen! Die Insel-Ausgabe bringt auch die Seiffert-Übersetzung, sogar mit (nicht allen) Bildern von Rockwell Kent, die ist schon okay. Der ausführliche Vergleich zwischen den zwei neuen Übersetzungen heißt weblogintern Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber.