Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for October 2006

Elke 11: Schlafrock; Elke 12: Biographisches

leave a comment »

Elke had a dream:

Ahoi Mannschaft,

Elke Hegewaldsteigen da nicht, gleich schillernden Luftblasen, vertraute Bilder vom Meeresgrund der Erinnerung herauf? – An die schlaflos durchschwatzten Nächte kindlicher und halbwüchsiger Pyjamapartys oder an das Bei-der-besten-Freundin-Übernachten? Was gibt es Innigeres und Verklärteres als diese Momente, da man, Schulter an Schulter in wärmende Decken gehüllt und gegen die Welt da draußen verschworen, einander seine Geheimnisse anvertraute und über das Leben fabulierte.

Und das Unterbewusstsein taucht nach diesen versunkenen Perlen, während man, schon wieder schamlos und gespannt lauschend, Queequegs Geschichte hört und endlich sein Geheimnis erfährt: ein Königssohn ist er also, ein rebellischer dazu, geboren auf einer paradiesischen Insel – auf der Suche nach dem Guten und Wahren.

Und als er aufbrach, ausbrach, hat er wohl nicht geahnt, dass “sein unbändiges Verlangen, die Länder der Christenheit kennenzulernen” und “das Licht der Aufklärung zu seinen ungebildeten Landsleuten zu tragen”, ihm dereinst die ganze Welt in Frage stellen würde. Hat er sich etwa deshalb von seiner Menschenfresserinsel auf dieses fremde Schiff gestürzt, nur um zu erfahren, “dass selbst Christenmenschen so jämmerlich wie böse sein konnten, und dies unendlich viel mehr, als alle Heiden seines Vaters zusammengenommen”?! (S. 113)

Da wundert es denn auch keinen noch groß, dass ausgerechnet den der Ismael finden muss, genau so ein Aussteiger. Auch er ein Suchender und Zweifler vor dem Herrn und der hergebrachten bürgerlichen Gesellschaft so fern und fremd, wie Queequeg der seinen. So braucht es nur noch den liebevoll sanften Heidenfreund, dass ihm nun gänzlich alle Werte seiner Abkunft fragwürdig werden, nichts mehr heilig, alles vorläufig und offen scheint (Jendis/Göske: Nachwort, S. 893 f.), was ihn wieder mal zur faszinierenden Übersetzung seines biblischen Pendants ins Irdische macht (Genesis 16,12).

Ich find ja Wolfs Vorstellung vom Puppenspieler Melville sehr reizvoll und treffend. Der lässt nicht nur seine selbst zurechtgeschnitzten Figuren an selber gesponnenen Fäden nach seiner Pfeife tanzen – die Kunst des Meisters dabei, dass sie – “leben” –, nein, er ist auch ein Teil von ihnen. Und gibt in jeder einzelnen zwischen den Zeilen ein gutes Stück seines Innersten preis, des eigenen zerrissenen Bildes von der Welt.

Dem hochverehrten Publikum verlangt er dabei Erkleckliches ab – es erstarre gefälligst nicht vollends in Faszination und Ehrfurcht, sondern begebe sich selbst auf den Weg zu ergründen, was er ihm zu sagen hat:

Dieses seltsame Wesen Queequeg, das so durch und durch gut ist – hat es nicht irgendwas von einer Vision, einem heimlichen, diffusen und unfertigen Ideal? Das nach einem Weg tastet, einem Leben, das man leben kann. “I have a dream”, meint man doch geradezu Melville hier und da vor sich hin murmeln zu hören, oder geht jetzt wieder meine Fantasie mit mir durch?

Ist nicht vielleicht der ganze Queequeg für Melville vielmehr ein gewichtiges Symbol, als eine wahrhaftige Figur? – fragt etwas in mir. Oder hat es so gar nichts zu bedeuten, dass die Urheimat des weltenwandernden Königskindes, eine “Insel weit im Westen und Süden” mit exotischem Namen, auf keiner Landkarte verzeichnet ist?

Und wie man sie dort so hocken zu sehen meint, unsere zwei, blitzt ein Gedanke auf, der hier schon mal da war – und es drängt mich danach, dem Wolf Recht zu geben: Ja! Sie sind die Lost Boys aus dem Peter Pan, einer wie der andere. Auf der Suche nach einer anderen, glücklicheren Welt, auf dem Flug ins lockende Abenteuer, weit weg von schicksalhaften Bindungen und Zwängen – und doch bereit, an etwas zu glauben. Sie wissen nicht, was sie finden werden, und die Pequod mag ihnen ihr Nimmerland scheinen.

Und keiner ahnt auch nur, dass die alte Welt sie gerade dort unentrinnbar einholen wird, weil nicht Peter Pan, sondern Captain Ahook auf sie wartet – auf einem Schiff, beladen mit dieser Welt bis obenhin – und statt der Hand fehlt ihm ein Bein. Nun, vielleicht würde bei dieser Assoziation nicht nur Herr Melville widersprechen und sich dagegen verwahren, sie weiter auszumalen – doch die Parallelität menschlicher Träume und Sinngebungen fasziniert schon … und kann doch nicht nur ein Zufall sein. – Herr Dr. Freud??

Written by Wolf

30. October 2006 at 5:01 pm

Posted in Steuerfrau Elke

Moby-Dick – der ungesehene Film seit 1998

leave a comment »

Elke muss eigentlich gar nicht erst gucken:

Elke HegewaldOha, ich habe gerade Steffis Beitrag gelesen. Das Remake des Moby-Dick kenne ich bisher nur vom Hörensagen. Übrigens war der Vater Mapple von 1998 Gregory Pecks letzte Filmrolle, der für mich in dieser Geschichte jedoch wohl für immer der dämonische Ahab – ohne Frau – bleiben wird. Eigentlich wollte ich ja was ganz anderes sagen. Denn: Ha! “… am Ende geht Ahab auf, dass er eigentlich Jona ist und Gott verspottet.” – Juhu! Meine Predigt-Interpretation! So abenteuerlich war die wohl gar nicht.

Gregory Peck bei der Arbeit

Written by Wolf

29. October 2006 at 4:36 pm

Moby-Dick – der Film, 1998

leave a comment »

Steffi hat geguckt:

StefanieInspiriert durch unsere Exkursion zu einem alten Filmschinken lieh ich mir an diesem Wochenende die Neuverfilmung mit Patrick Stewart aus.

Auf der einen Seite wollte ich einfach sehen, wie der Stoff neu angegangen wurde, aber ich gestehe auch freimütig ein, dass ich schon immer ein großer Fan von Patrick Stewart war, und ja: Ich bin ein Trekkie und wollte natürlich sehen, ob er für mich auch ein anderer Captain als Picard sein konnte.

Fassen wir uns kurz: Ja, er kann!

Und ich gehe sogar noch weiter: Ich halte seinen Ahab für einiges besser als den von Peck. In der Neuauflage besitzt Ahab eine Tiefe, eine Gebrochenheit, die ich bei Gregory Peck nie gesehen habe. Sicher, bei der Neuaufbereitung wird vieles noch deutlicher gesagt, viel mit inneren Monologen (Selbstgesprächen) gearbeitet.

Aber was sind die interessantesten Fakten?

Ahab hat eine Familie, Frau und Sohn, und beide sehen aus, als wäre er gestorben, als er das Haus verlässt.

Auch in diesem Film sind unsere Busenfreunde Freunde geworden, ohne dass der Busenteil eine Rolle spielte.

Piripi Waretini in Diamonds of Jeru. Was anderes find ich nicht.Ismael sagt, er ginge zum ersten Mal auf See (und stellt sich auch so trottelig und wehleidig an); von Mapple erfährt man, dass er Harpunier war (und dementsprechend ist die Gleichung von Christian – Mapple und Ahab als zwei Seiten einer Medaille – wunderbar stimmig), und Queequeg ist so eindeutig ein Maori, dass ich am Anfang die Minuten zählte, bis wann er endlich die Zunge rausstreckt (ich musste nicht allzu lange warten). Außerdem hat der Schauspieler einen so tollen Namen, dass ich ihn euch nicht vorenthalten möchte: Piripi Waretini. (Wenn wir schon bei Schauspielernamen sind: Ismael wird von Henry Thomas gespielt, der auch den kleinen Elliott bei E.T. gespielt hat!)

Vater Mapple wird übrigens von Gregory Peck himself gespielt, aber auch hier kann er nicht mithalten: Orson Welles‘ Schuhe sind eben doch eine Nummer zu groß. Bezeichnenderweise gab es auch keine Strickleiter, sondern eine schnöde Treppe zur Kanzel.

Interessant: Ziemlich am Ende geht Ahab auf, dass er eigentlich Jonas ist und Gott verspottet. Die Einsicht nützt jedoch nichts: Als der Wal ein letztes Mal gesichtet wird, ist die Chance verstrichen und die letzte Chance zur Umkehr ist vertan.

Auch schön: eine Szene, in der Ahab sich ausmalt, wie Prometheus ihn geschaffen hätte: 15 Meter groß, kein Herz und ein Bugfenster, um seinen Geist zu erhellen. Da hadert einer aber wirklich mit seinem menschlichen Schicksal der menschlichen Unzulänglichkeit und nicht zuletzt mit Gott.

Dank des Films freue ich mich besonders auf Mister Starbuck, die tragischste Figur in diesem nassen Kammerspiel, der einzig Sehende (neben einem aufgewerteten Ismael) und doch unfähig, etwas an dem Schicksal zu ändern.

Auch bin ich gespannt auf die literarische Vorlage zu Pip, der hier schon ganz anders war, als in der Verfilmung von 1956, und ich frage mich, wo Herman ihn wirklich angesiedelt hat?

Werden wir tatsächlich im Packeis landen, werden wir von Haien attackiert werden, von Queequeg hören, dass Ahab sein Captain, sein Gott sei, werden wir erleben, wie sehr Ahab mit seinem Schicksal hadert, wie sehr er sich bewusst ist, dass er ins Verderben geht und doch nichts daran zu ändern vermag, so sehr er sich dies auch wünscht?

Ja, lasst uns weiter lesen, und hoffentlich hat die Freundschaft von Ismael und Queequeg im Buch mehr Tragweite und Handlungsspielraum, als in den Filmen nur angedeutet! Wir haben uns über viele Seiten lang dem Dreamteam genähert, da gehe ich doch davon aus, dass die beiden als Team noch einiges stemmen werden.

Also, meine Empfehlung: Der Film lohnt allemal, sich mal anzuschauen. Er geht andere Wege (vielleicht auch zu sehr vom Buch weg, mal sehen) und erlaubt doch eine beklemmende Seelenschau eines Mannes, der frei nach der Erkenntnis handelt: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders.”

Ich werde weiterlesen.

Written by Wolf

28. October 2006 at 4:19 pm

Posted in Krähe Steffi

Kapitel 11: Schlafrock; Kapitel 12: Biographisches

with 2 comments

Steffi sagt:

Schiffskameraden,

Stefanie DrecktrahNachdem ich also meine Notizen hervorkrame und kurz nachlese, was mir in diesem Kapitel so auffiel (herzlich wenig), möchte ich nur kurz darauf hinlenken, dass wir endlich auch mal etwas zu Queequegs Herkunft erfahren, seine Motivation, seine Prägung, wenn auch dies etwas knapp ausfällt. Aber immerhin erfahren wir, dass er von einem Ort stammt, der nicht verzeichnet ist. Aber wie heißt es dort so schön? “Die wahren Orte sind es nie.”

Written by Wolf

27. October 2006 at 3:55 pm

Posted in Steuerfrau Steffi

Übersetzung The Lightning-Rod Man: Der Blitzableitermann!

with 29 comments

BlitzableitermannWer immer das ist, der, die oder das seit Wochen nicht müde wird, nach übersetzung lightning-rod man zu googeln und fortgesetzt auf meiner Bücherliste rauskommt, darf gerne Laut geben. Dann kriegt er, sie oder es gerne eine Kopie von der Mummendey-Übersetzung, ich bin da wirklich nicht so. Das passt auf vier A4-Seiten und kostet keinen Euro Porto.

“Der Blitzableitermann” gibt’s nämlich nicht als Online-Text und wenn doch, soll er, sie oder von mir aus auch es erst recht was sagen. Bitte.

Bild: Blitzableitermann 1900 via Eduardo Pardo.

Written by Wolf

26. October 2006 at 9:09 am

Posted in Kommandobrücke

Ahab voraus

leave a comment »

Christian spricht noch ein Wort zur Predigt:

Auf dem Bild sieht man es: Welles steht in einer Kanzel, die dem Bug eines Schiffs nachempfunden ist. Genau wie Ahab später tatsächlich dort steht. Er ist meiner Meinung nach der gespiegelte Ahab, der Mahner und Warner, er ist die andere Seite einer Medaille.

Wenn er von Jona und dem Wal spricht, und dass dieser versuchte, Orte zu finden, an denen Gott nicht regiert, bezieht er sich eben auf Ahab, der einem Phantom, einer fixen Idee nachjagt – ohne Rücksicht auf Verluste und nur, weil er nicht einsehen will, dass er sich (der Natur, Gott) unterwerfen muss.

Das Ganze hat auch eine allegorische Ebene, die sich auf die amerikanische Nation und den Materialismus bezieht, auf das Erreichen irdischer Ziele, wo es doch um geistige gehen sollte, um Reinheit und Heldenhaftigkeit, um Menschenliebe und eine wirkliche Neue Welt.

Da treffen sich Melville und Walt Whitman, die beide übrigens auch Vorbild für Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Bob Dylan und zahllose andere wurden mit ihrer Vision von Amerika. Eine Vision, die ein Ideal beschwört und eine positive Version der amerikanischen Nation und ihrer Werte, die für Freiheit steht und Geistigkeit, Menschheitsideale und somit diametral dem gegenübersteht, was man heute in Amerika beobachten kann (von Materialismus bis Kriegstreiberei). Aber auch das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn es gibt sie noch, die Melville-, Whitman-, Dylan- und Ginsberg-Amerikaner.

Aber das führt nun wirklich zu weit.

Written by Wolf

26. October 2006 at 8:20 am

Eats Bush and Leaves of Grass

leave a comment »

Christian sagt:

Zwei Anmerkungen möchte ich mir erlauben: Schwul oder Buddy-Freundschaft.

Ich glaube, dass Melville beeinflusst war von Walt Whitman, dem amerikanischen Dichter des 19. Jahrhunderts, in seinen Elegien über starke Männer und enge Bande und das Edle im Manne. Zeitgenosse von Melville war er und imposante Stimme der Neuen Welt. In den “Grashalmen” (so etwas wie das offizielle Großwerk auf die amerikanische Nation, die Demokratie und den freien Bürger, der damals eben nur Mann ist) wird seitenweise von Kameradschaft, brüderlicher Liebe usw. geredet und, ja, gesungen. Wie übrigens in der Bibel auch, das zweite Buch, das Melville stark beeinflusste – wie sollte es auch anders sein. Auch dort ist immer wieder die Rede von der Liebe der Jünger, dem weinerlichen und dem starken Mann, die einander stützen, dem einander “erkennen” und sich nähern, sich unterwerfen und liebenliebenlieben – all das weckt für uns 21. Jahrhundertmenschen – wenn man es will – homosexuelle Assoziationen. Was sie natürlich nicht sind. Oder jedenfalls waren sie nicht so gemeint, ganz unabhängig ob die Jünger, ob Whitman oder Melville, respektive Thomas Mann sie mal gelebt haben: Der Text sollte die höchste Form der Freundschaft und des Vertrauens zwischen Geschlechtsgenossen zeigen. So etwas wie ein Ideal der Vereinigung ohne den “schmutzigen” Sex, das Körperliche. Geistige Einheit und gemeinsamer Edelmut. Liebe zu Gott über die Liebe zu Menschen, ganz ohne Körper. Das haben Old Shatterhand und Winnetou auch gezeigt.

Das zeigen die Buddy-Movies oder Bücher aber gerade nicht, finde ich. Die zeigen zwar auch keinen schwulen Sex, aber da treffen immer zwei Loner aufeinander, es geht nicht um “geistige Vereinigung”, sondern Bündelung der Kräfte, beide sind stark, beide sind eigenwillige Persönlichkeiten für sich, die sich in Kämpfen und Auseinandersetzungen mit Gegnern nicht nur in ihrer Männlichkeit bestätigen (Frauen und Sex spielen da ja auch immer eine Rolle und bringen nicht selten Unruhe ins System), sondern fern ab aller sexuellen Gedanken, ihr Ding durchziehen – was immer das sein mag, meist jedenfalls ein Deal, ein Bruch, ein Clou. Da geht es selten um Ideale oder Höhere Werte, außer den Mut oder die Kampfkraft allein. Somit wären Ismael und Queequeg eine Mischung aus beidem: Buddies im Kampf gegen den Wal und die Idioten auf dem Schiff und geistige Brüder in der Erkenntnis der Endlichkeit und im Glauben an Vorzeichen, Übersinnliches (die Weissagung, die Predigt etc.), ihre innere Stimme sozusagen.

Written by Wolf

26. October 2006 at 7:52 am

Posted in Christians Koje

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 29 other followers