Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Moby Dünn

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Update zu Kapitän Ahab will sich an einem Fisch rächen, benimmt sich wie der Teufel aus dem Verlorenen Paradies und geht aber unter:

I read the crap so you don’t have to.

MadHaiku, 24. Januar 2008

Im Februar 2008 fällt endlich auch in Deutschland auf, was der Orion Publishing Group, das ist die mit der verdienstreichen Everyman-Reihe, für Mai 2007 eingefallen ist. Die Neon, ein Blatt für die gleiche Zielgruppe wie für Weblogs, interviewt auf einer Doppelseite Gail Paten, Lektorin für die Compact Edition.

Electrocuting Whales and Machine Gunning Sea Lions, November 1931Worum geht’s? Gekürzte klassische Romane, die typischen dicken Bücher, die angeblich gut sein sollen, aber halt viel zu dick. Neon titelt auf Seite 142f.: “Editor’s Cut. Ein englischer Verlag kürzt Klassiker der Literaturgeschichte – damit wir sie lesen können.”

Bla. Das Problem ist bekannt: Jeder würde entweder ja gern die ganzen tollen Klassiker lesen, aber leider fängt grade Sex in the City an, oder ist sowieso in der Schule dafür versaut worden. Für die ersteren, die noch nicht ganz für lizenzfreie Weltliteratur verloren sind, ist die Compact Edition. Great books in half the time! Bis jetzt ist es bei zwölf solchen Ausgaben geblieben, laut Frau Paten sind weitere geplant.

Und wo heute zwölf Klassiker versammelt sind, da ist Moby-Dick mitten unter ihnen. In der Compact Edition ist er von 135 auf 94 Kapitel reduziert, was eigentlich noch ein moderater Eingriff ist. 336 Seiten. Natürlich fehlen darin die ganze zoologische Einteilung der Wale und Fachsimpeleien über Walfang.

Einen Punkt hat Frau Paten: Wenn es nicht zufällig Klassiker wären, hätte auch keiner was dagegen, dass Lektoren straffend eingreifen, um das Tempo der Handlung zu erhöhen. Heiligtümer wie David Copperfield sind als Fortsetzungsroman erschienen. Charles Dickens konnte also seine Brotgewinste dadurch sichern, dass er sich möglichst viel Zeit nahm, Nebenhandlungen mit schön vielen Nebenfiguren einführte und ausführlich abschweifte. Gute Gründe für einen langen Atem waren im 19. Jahrhundert zahlreicher als heute.

Worauf Frau Paten sich allerdings gehütet hat hinzuweisen, ist die Folter der Umzugshelfer, das Ärgernis der Flohmarkthändler, die Enttäuschung der Nachlassverwalter, die Verhöhnung der Literaten: Reader’s Digest Auswahlbücher, angeblich die beliebteste Buchreihe der Welt, die seit 1955 genau das gleiche macht, nur nicht als great books in half, sondern sogar quarter the time — außerdem, dass Robert A. diCurcio 1995-2000 einen sinnvoll gekürzten Moby-Dick als Nantucket’s Tried-Out Moby-Dick in der Funktion eines “Companion Reader” online gestellt hat, ebenfalls nach literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, wie Frau Paten sie für sich behauptet — und dass gerade Moby-Dick auf eine Geschichte als zuschanden gekürztes Kinderbuch aus lauter “spannenden Stellen” zurückblickt, mit dem einzig ruhmreichen Aspekt, dass er immer noch unbeschadet da rausgekommen ist. Übrigens genau wie David Copperfield, Jane Eyre oder The Count of Monte Cristo — ebenfalls seit 2007 in Ihrer Compact Edition.

Kollegial anerkannt wird Jane Austen, die sehr dicht erzählt, so dass kaum Puffertext zum Kürzen übrig bleibt — nach modernen Maßstäben ein guter Job. Alle sieben Bände Harry Potter auf 400 Seiten will Frau Paten nicht prinzipiell ausschließen. Ist leider Copyright drauf, sowas aber auch. Den Text bei so spannenden Büchern mittendrin

Lesetipps:

Bild: Electrocuting Whales and Machine Gunning Sea Lions, November 1931;
Film: Jaws in 30 seconds, Angry Alien.

Written by Wolf

27. January 2008 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

13 Responses

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  1. So etwas gibt es wirklich? Gruselig.

    Billy Budd

    27. January 2008 at 10:36 am

  2. … und man hält uns für die Zielgruppe. Ich kenn Leute, die haben nix anderes als Reader’s Digest Auswahlbücher… wer immer sowas aktiv kauft. Die 15 Haikus find ich dagegen ganz gelungen.

    Wolf

    27. January 2008 at 3:34 pm

  3. Die Haikus kann ich erst nach Moby Dick lesen, sonst weiß ich ja schon, was passieren wird.

    Billy Budd

    27. January 2008 at 6:39 pm

  4. Igitt, das kömmt ja gleich nach den ShortBooks samt der von mir heißgehassten und Allergien verursachenden einschlägigen Werbespots. Aber womöglich ists noch schlimmer, beinhaltet es doch eigenmächtig und selbstherrlich abgewogene Wertungen der uns lieb gewordenen Autorentexte. Die auch noch literarisch wertVOLL sein wollen. Ein Glück nur, dass die meisten Urheber der Originale DAS nicht mehr erleben müssen. Wer mir jemals sowas zu Weihnachten schenken wöllte, na der kann sich warm anziehn – diagonal lesen kann ich selber.

    Die Moby-Haikus hingegen sind ja absolut zauberhaft. Meine Favoriten: Chapter two, six, nine und… hihi, erst recht fifteen. Ach was, sie sind a l l e hümmlüsch.

    Rettet die dicken Wale!

    hochhaushex

    27. January 2008 at 7:28 pm

  5. Ich kenne niemanden, der Reader’s Digest kauft. Aber dafür sehr viele, die “Klassiker” im Regal stehen haben, die sie noch nie gelesen haben. Was peinlicher ist, darüber kann man sich streiten (am peinlichsten wären auf vermutlich ungelesene Reader’s Digest-Bände).
    Da ich mich für Kürzungen (genausowenig wie für Übersetzungen und sonstige Textverwurstungen) nicht so recht begeistern kann, würd ich sagen: Leute, die für lange Bücher zuwenig Zeit/Durchhaltevermögen haben, sollten eben kurze Bücher lesen, statt sich mit solchem Zeug zu quälen. Man kann sich doch allein aus Kurzgeschichten eine ausgeglichene, wohlschmeckende und erbauliche literarische Diät zusammenstellen. Es gibt auch großartige Comics. Man soll sogar schon Menschen mit Lyrikbänden gesehen haben. Warum der fette Roman ausgerechnet *die* Krönung der Literatur sein soll, ist mir eh ein Rätsel.

    cohu

    28. January 2008 at 7:51 am

  6. Thanks for the shoutout!

    mad

    28. January 2008 at 6:56 pm

  7. Kurzgeschichten als Kurzgeschichten, Lyrik als Lyrik, lang lebe der Comic, lasst Gesamtkunstwerke mit Grenzgängen zwischen allen denen um mich sein – und ganz recht: Was macht eigentlich Romane ab 600 Seiten zur Krönung von egal was? Trotzdem hat das Rumschnipseln in 150 Jahre alten Sachen, die offenbar schon mal jemandem etwas bedeutet haben, deutlich etwas Unanständiges, und wenn’s nur die Parallele zur Grabschändung ist. An den Ur-short-stories von Poe, die in die gleiche Zeit wie die anderen zwölfe fallen, haben sie sich ja dann auch gar nicht vergriffen.

    Die Brüder Karamasoff oder was dergleichen Tischunterlagen mehr sind halt ich in diesem Leben wohl nicht mehr durch, da versag ich ja selber schon beim Lesen. Bevor ich mir aber eine gekürzte Ausgabe aufschwatzen lasse, guck ich lieber den Film. Da vertrau ich den Verlag zu wenig: Die Stellen, die man weglassen könnte, will ich gefälligst selber benennen dürfen, und ein gewisser Handapparat, den man nicht heute oder morgen wegliest, steht einem Bücherregal durchaus. Wie viel Zukunft hat der 600+-Roman denn noch? Soll er doch seine Vergangenheit behalten.

    Orion sind normalerweise ein anständiger Laden; vielleicht hat auch schon mal jemand Mord & Verrat geschrien, als sie ihre Inkunabeln unbedingt in Taschenbücher fassen mussten (wer war das eigentlich zuerst: Penguin oder die Orion-Everymans – oder doch der hiesige Reclam?). Dann stört mich aber immer noch die Selbstherrlichkeit, als ob sie’s höchstpersönlich im Mai 2007 erfunden hätten.

    Ich kenn mehrere Leute, die Reader’s Digest rumstehen haben – man erkennt die ja auf Meter, das Design ist also gelungen, alles was recht is… – aber meines Wissens niemanden, der eins davon gelesen hätte.

    ———
    mad: Most welcome thou art!

    Wolf

    28. January 2008 at 7:02 pm

  8. Kürzungen sind sehr skeptisch zu beurteilen. Aber das Ausgangsproblem liegt halt darin, dass den Leuten eingeredet wird, sie “müssten” Buch xy gelesen haben, und dann kommt halt so ein Schmarrn raus. Eine Schande, man sollte gar nix lesen “müssen”.

    Ah ja, was ich eigentlich auch noch schreiben wollte: gekürzte Ausgaben würden mich eigentlich bei Filmen sehr interessieren (bei Büchern weniger, da ich schnell lese). So in etwa wie “Pulp Fiction in 30 Seconds with bunnies.” Weil, ich wäre ja schon gern filmisch gebildet, aber den ganzen Schmarrn tatsächlich selbst anschauen? Neeeee…. :-) Ebenso bei Opern, Musicals, etc. Ertrag ich auf Echtlänge nicht.

    cohu

    28. January 2008 at 10:52 pm

  9. Mein obiges Filmbeispiel zum maritimsten aus der Karnickelfilmsammlung hat auch nur ganz knapp gegen die wichtigsten Stellen aus dem Big Lebowski gewonnen :o)

    Wolf

    29. January 2008 at 1:34 pm

  10. Die wichtigsten Stellen aus Big Lebowski, haha. Dann brauch ich ihn ja auch nicht mehr sehen.

    Zum Lesen”müssen”. Ich verstehe Menschen nicht, die glauben, sie müssten etwas Bestimmtes lesen. Oder tun es aus nur diesem Grund. Verhält sich ähnlich mit dem Ausspruch “das muss man gesehen haben”. Wir müssen gar nichts. Ach.

    Billy Budd

    29. January 2008 at 7:22 pm

  11. Auch wenn niemand was anderes als sterben muss, verspreche ich, dass der Rest vom Lebowski die Zeit bis dahin… nun ja… verkürzt…

    Wolf

    29. January 2008 at 8:18 pm

  12. “Moby Duenn,” haha — genau! Aber sehr trauig. Arme Melville spinnt in sein Grab.

    MeGo

    8. February 2008 at 12:12 pm

  13. Stimmt… Die zoologischen Stellen waren eigentlich das Wichtigste. So schön übersichtlich tabellarisch…

    Wolf

    8. February 2008 at 5:44 pm


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