Gestern sank die Sonne hin und ging doch wieder auf
Obligates Update zu Teach me to heare Mermaides singing und Wiser Far Than I:
Wie meiner werten Auftraggeberin Hille Perl bei Lieferung der Übersetzungen für die Dowland-Vertonungen für ihre eigene Präsenz versprochen, hab ich mich an einen Extended Remix — das ist: eine Übersetzung aller fünf Strophen des Song II statt nur der üblichen und für die CD eingesungenen drei gesetzt. Und siehe: Es verträgt die Länge ganz gut. Meines Wissens ist das jetzt die einzige einigermaßen zugängliche deutsche Version des vollständigen Gedichts. Man korrigiere mich notfalls, aber die Reste von Vordtriede bringen es gar nicht und Koppenfels dreistrophig.
Heute vor 380 Jahren ist John Donne (21. Januar 1572 bis 31. März 1631) gestorben. Wie lebendig er ist, zeigt spätestens die Perl-Santana-Mields-Sirius-Viols-Sammlung über John Dowland Loves Alchymie, eingespielt vor ziemlich genau einem Jahr. Da wird er sich wohl noch wünschen dürfen, dass eins seiner schönsten Gedichte wenigstens einmal vollständig irgendwo steht. Zu Diensten, Exzellenz.
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John Donne: Song II Sweetest love, I do not go, Yesternight the sun went hence, O how feeble is man’s power, When thou sigh’st, thou sigh’st not wind, Let not thy divining heart |
John Donne: Lied II Liebste mein, Süßeste, nein, Gestern sank die Sonne hin Ach, wie schwach der Mensch, der ringt, Wenn du seufzest, seufzt kein Wind – Glaub nie in deinem ahnungsvollen |
Dieses Luminarium rockt ungemein. Was allein im Donneschen Song II für Lieder drinstecken, von denen der teure Verstorbene nichts wissen konnte.
Der Anklang am Anfang ist seinerseits schon wieder in Vergessenheit, weil es ein mittelaltes von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung ist (Neppomuk’s Rache, 1990):
Arrivederci, ciao, ciao, mon amour,
wie konnte ich mich nur erdreisten.
Du bist mir zu kostbar, zu gut eine Spur,
ich kann mir dich nicht mehr leisten.
Arrivederci, ciao, ciao, mon amour,
ich weine nicht, wenn ich scheide.
Arrivederci, ab jetzt wein ich nur
noch, wenn ich Zwiebeln schneide.
Das hört erst auf mit The only thing that looks good on me is you (irgend so ein Bryan Adams), „all mein Blut und mein Leben“ ist selbstverständlich das Ännchen von Tharau, Anfang dritte Strophe ist „When you’re smiling“ – Louis Armstrong, späterhin als Dixieland-Standard missbraucht – und die letzte Strophe riecht mir stark nach Love Me Tender. Das Allerbeste an dem ganzen Extended Remix ist der Anfang zweite Strophe. Herrschaften, hoffentlich ist das ein Original von mir. Das hat fühlbar — durch Donnes Verdienst — die Qualität von „Das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht“, der Sokrates-Zuschreibung durch Tomte. Das will ich singen können.
Die Überschrift heißt aus gleichen Gründen wie beim ersten Song (“Goe and catch a falling star”) Lied statt Song, klar.
Musik: John Dowland auf John Donne: Sweetest Love I Doe Not Goe,
aus: Hille Perl, Lee Santana, Dorothee Mields, Sirius Viols: Loves Alchymie, 2010.








Hab ich des jetz richtig verstanden: Das hast du übersetzt?
phrixuscoyote
31. March 2011 at 1:57 pm
In meiner grenzenlosen Bescheidenheit, ja :) (Den Artikel hab ich schon vor Wochen vorveröffentlicht, um den mittelrunden Todestag abzufeiern. Inzwischen kommt er mir reichlich rumgeprotzt vor. Anscheinend war ich stolz und froh, dass ich den Job endlich abgeschlossen hab…)
Wolf
31. March 2011 at 2:25 pm
Also ich muss dazu ehrlich sagen, dass ich deine Übersetzung sehr, sehr gelungen finde und ich werde sie gern propagieren. :)
phrixuscoyote
31. March 2011 at 2:39 pm
Hui, danke, das ehrt mich — grade von der anglistischen Kollegin :) Ich bin ja dafür, dass die Gesamtheit der CD-Texte endlich ins Hillenet zu stehen kommt, aber die Dame tourt wohl derzeit und geigt verschiedene Fastenzeitpassionen auf.
Ein paar Donne-Texte hab ich noch übrig. Kann ich noch nach und nach verballern, wenn sich ein hübsches Mermaid-Bildchen zu gar keinem anderen Thema fügen will :)
Wolf
31. March 2011 at 2:57 pm
Ich hab schon auf der Hille-Seite spioniert, da würd ich ebenfalls gern die Texte lesen, und anhören muss ich mir das wohl auch mal, ich mag ja derlei fast schon unbesehen. :)
Und mehr hübsche Übersetzungen von dir: ja, gern! Sowas kann man nicht genug lesen.
phrixuscoyote
31. March 2011 at 8:02 pm
Du bist sowieso Zielgruppe, wie man hört: Außer dem Abo-Publikum um die achtzig verirren sich zu der immer auch ein paar Goten in den Konzertsaal. Der gern auch mal eine gotische Kirche ist. Ich hab sie ja nur mal im Münchner Herkulessaal und einmal in der Plattenabteilung vom Beck am Rathauseck erlebt :)
Wolf
1. April 2011 at 6:00 am
Hab mir gestern noch glatt das Dowland-Album gekauft. Hach, ist das schön! :D
phrixuscoyote
1. April 2011 at 6:16 pm
So ist es recht. Da pack auch gleich das Prequel mit ein: In Darkness Let Me Dwell, noch ohne meine Reinpfuscherei ins Booklet. Oder wie die Wölfin es ausdrückt: “Personen, die sich für Gejammer interessierten, interessierten sich auch für Gegreine.” Kunstverständnis ist nicht jedem einfach so mitgegeben :)
Wolf
2. April 2011 at 11:08 am
Hach, und ich hab daraufhin gleich mal wieder deine Abbruzzelung desselben (*umguck* Pscht! Hab ich was gesagt? ;o) ) vorgekramt, versink darin und in seiner Melancholie und der Abend ist für alles andere verloren. Weil: von wem wissen wir gleich noch, es “sind diejenigen Tränen dennoch zweifellos angenehm, die die Musik weint”?
Und schämen uns dessen mitnichten, denn von wem wissen wir gleich noch
“Gestern sank die Sonne hin
Und ging doch wieder auf…” ?
Go Wolf, go.* :o)
hochhaushex
2. April 2011 at 7:50 pm
Siehstä mal, sogar gebruzzelt hab ich das schon mal. Gut, dass wir hier eine reine Privatveranstaltung sind. Eine geöffnete .ò)
Wolf
3. April 2011 at 9:40 am