Archive for the 'Ausguck' Category

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World of toil and trouble

1. Mai 2008

Update zum Tag der Arbeit zu While some folks row way up to heaven I’m gonna sing the pirate’s gospel:

Uncle Tupelo, No Depression, 1990. Cover1936 arbeitete die Carter Family die Weltwirtschaftskrise in einem Lied namens No Depression in Heaven auf. 2:53 Minuten, die einfach nur nach Hoffnung klingen. Dafür muss Musik gut sein: als Lichtlein in Wenn du meinst es geht nicht mehr. Das knallt in die allfällige Depression, die im Wirtschaftsleben und mit dem feinen Doppelsinn des Wortes deutlich genug innerhalb zahlreicher Einzelpersonen stattfindet. Man möchte ihnen heute noch die Hand dafür schütteln.

1990 nahmen sich Uncle Tupelo aus der Erkenntnis, dass in Amerika erneut Verhältnisse wie 1936 herrschten, des Liedes an. Und Donnerwetter, No Depression (ohne in Heaven) klingt noch viel besser. Energischer, treibender, raubauziger, nicht so tranig dahingezogen, und setzt einer Depression viel trotziger etwas entgegen: zweideutige, aber deutliche Worte, einen Ohrwurm mit dem Zeug zum Volksgut, ja sich selbst.

Nach diesem einen Lied ist die ganze Musikrichtung No Depression benannt, die gern auch alt.country heißt. Die Band weist allerdings den Ehrgeiz von sich, eine Musikrichtung einläuten zu wollen; vielmehr haben sie ihren Beitrag zu traditionellen Spielweisen geleistet: Carter Family, Woodie Guthrie, Willie Nelson und wie sie alle heißen. Man empfinde sich weder als Punk noch Revolution, wolle einfach die Musik weitermachen, die sich als gut herausgestellt hat. Dass 1995 danach eine zweimonatliche Musikzeitschrift entstand (An Introduction to Alternative Country Music. Whatever That Is), die bis 2008 ungewöhnlich lange für derlei Organe durchhielt, war trotzdem okay.

Was daran so zweideutig ist: Soll eine Aussage wie “Ich gehe dahin, wo keine Depression herrscht, verlasse diese Welt voller Müh- und Drangsal, meine Heimat ist im Himmel und da geh ich jetzt hin” von hoffnungsfrohem Aufbruch ins gelobte Land künden — oder ist das schon düstere Koketterie mit der Todessehnsucht, ja die Verherrlichung von Selbstmord? — Aus der Entscheidung halte ich mich wie immer vornehm raus, aber ich höre eine herzvergnügte Melodie auf dem Text herumhüpfen.

Konzertplakat Uncle Tupelo, ca. 1990Ich weiß noch, wie die Version von Uncle Tupelo zum ersten Mal im Radio hörte und eher zufällig auf Kassette erwischte. Das war mal, ihr Jungfröschlein, nicht nur ein beliebter Sport unter Musiknerds, sondern die Methode, sich Lieder anzueignen: sie zufällig am Radio mitzuschneiden. Der Gipfel der Technik war das Überspielkabel (oder ein Ghettoblaster mit Kassettendeck), die Katastrophe ein Moderator, der sein eigenes Dummgesabbel für wichtiger als Musik hielt. Mein Haussender war jedoch das Erlanger Radio Downtown, das seine Lieder gern ausspielte, obwohl es sich die Frequenz mit Radio Z teilen musste. Kein Wunder, dass es 1995 pleite ging. Nicht herauszufinden war jedoch, von wem das Lied war, die leiernde Scotch C90 schwieg sich aus. Dabei musste man dankbar sein, dass sie es überhaupt ein paar Jahre tat. Band, Text und Geschichte erschlossen sich erst in Zeiten des Internets aus einer nicht ganz so vernuschelten Textzeile.

Was man ihr gar nicht zugetraut hätte: Auch Sheryl Crow, die einst von klinischen Depressionen heimgesucht wurde, hat eine Version gemacht, gar nicht schlecht, die der Carter Family näher steht als Uncle Tupelo (und auf keiner ihrer CDs erscheint). Das hört man erstens, und heißt zweitens mit dem ursprünglichen vollen Namen No Depression in Heaven.

Was das nun wieder mit Moby-Dick zu tun hat? Nu, hören Sie einfach mal genau hin. Das erste Kapitel kennen Sie: “whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off” — dann geht man entweder zur See oder schickt eine CD im Kreis herum, die als Lebenshilfe taugt. Außerdem ist das Zeug zutiefst amerikanisch in jenem Sinne, den man nur liebhaben kann.

Das ist eine Bereicherung für das Lagerfeuerrepertoire aller bierseligen Klampfisten (kein Problem, es sind nur die üblichen drei Griffe), und Idgie Threadgoode muss dazu mit einer Bottel Jackie in der Hand in aufgekrempelten Latzjeans — und zwar auf Terz! — krähen:

1. For fear the hearts of men are failing,
For these are latter days we know
The Great Depression now is spreading,
God’s word declared it would be so.

Refrain: I’m going where there’s no depression,
To the lovely land that’s free from care.
I’ll leave this world of toil and trouble,
My home’s in Heaven, I’m going there.

2. In that bright land, there’ll be no hunger,
No orphan children crying for bread,
No weeping widows, toil or struggle,
No shrouds, no coffins, and no death. – Refrain

3. This dark hour of midnight nearing
And tribulation time will come
The storms will hurl in midnight fear
And sweep lost millions to their doom. – Refrain

Und Tribulation heißt Trübsal.

Bilder: Cover Uncle Tupelo: No Depression, 1990, nach Tracing alt.country;
Konzertplakat der viertbesten Country-Band 1994: The Gumbo Pages.


Bonus Track: Carter Family: Can the Circle Be Unbroken (By and By), 1935
mit Bildern aus der Great Depression 1928–1939.

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Signed: Adolf Wolf, Colossal Stinker

20. April 2008

Update zu Vorabendvorstellung:

taz: Können Sie uns einen schönen Islamwitz erzählen?

Harald Schmidt: Nein. Davon lasse ich die Finger. Das ist mir zu heikel.

taz: Auch wenn Sie selbst keine solchen Witze machen - würden Sie wenigstens sagen, dass man solche Witze machen dürfen muss?

Harald Schmidt: Aus dieser Diskussion halte ich mich vollkommen raus, weil ich mir nicht ein Problem auf den Tisch ziehen möchte, das ich zum Glück nicht habe.

taz: Als Rudi Carrell 1987 in seiner “Tagesshow” Chomeini in Dessous grabbeln ließ - Herr Schmidt, war das nicht ein großartiger Gag?

Harald Schmidt: Aber Carrell hat damals einen gefährlichen Ärger bekommen. Und mittlerweile ist das nicht mehr zu steuern. In einer kleinen dänischen Zeitung erscheint die Karikatur und in Indonesien wird die dänische Botschaft gestürmt. Bei Carrell war es noch Ajatollah gegen Carrell. Zwanzig Jahre später leben wir in einer anderen medialen Landschaft.

taz: Sie haben einen gefährlichen Beruf.

Harald Schmidt: Nein. Man muss nur ein bisschen wachsam sein. Sie brauchen die nötige Portion Feigheit. Machen Sie doch lieber Witze über Bush, das ist ungefährlich. Insofern hat die westliche Zivilisation doch einige ganz großartige Errungenschaften hervorgebracht.

taz: Kann man denn sagen, dass es diese Karikaturen geben dürfen muss - auch ohne sie abzudrucken?

Harald Schmidt: Das ist Filigran-Analyse. Die nutzt Ihnen nichts, wenn Sie Leute gegen sich aufgebracht haben, von denen Sie vorher noch gar nicht wussten, dass es die gibt. Sie diskutieren auf Salon-Niveau. Wir reden hier aber von der Möglichkeit: Kawumm neben der Küche. Deswegen sage ich auch: Vorsicht mit glorreichen Selbsteinschätzungen. Wie hätte ich mich im Dritten Reich verhalten? Ich bin nicht gestrickt wie die Geschwister Scholl.

taz: Im besten Fall unauffällig?

Harald Schmidt: Gelinde gesagt. Da kann keiner von sich Zeugnis ablegen, bevor er nicht in die Mündung geguckt hat. Es gibt vielleicht Leute, die sind zum Helden geboren. Ich bin es nicht. Ich habe mich auch noch nie geprügelt. Das System, in dem ich spiele, funktioniert nur, wenn alle die Spielregeln einhalten. Ich bewege mich in einer Demokratie, in der gewisse Grundrechte garantiert sind. Aber wenn Sie sagen, interessiert mich nicht, ich habe ne Knarre, dann funktioniert die ganze Sache nicht mehr.

taz: Da sind wir bei der Frage, die Ihnen wahrscheinlich gestellt wurde, bevor Sie Ihren Zivildienst antreten durften: Wenn nachts ein böser Mann kommt und Ihre Freundin vergewaltigen will, und die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, wäre mit Gewalt …

Harald Schmidt: Die Frage wurde mir nicht gestellt. Sie müssen wissen: Mein Verhandlungsdatum war am 20. April 1978. Und ich komme rein und da sitzen vier Herrschaften und zwei davon haben ein Holzbein aus dem Krieg. Und die erste Frage an mich war: “Wissen Sie, was heute für ein Datum ist?”

taz: Darauf kann man nur falsch antworten.

Harald Schmidt: Wissen Sie, was ich geantwortet habe? “Jawoll, Führers Geburtstag.” Da muss der Rhythmus stimmen. Da können Sie nicht sagen: “Diese Bestie wurde da leider zur Welt gebracht.” Und dieser Begriff hat entspannt. Das war aber nichts anderes als eine historische Information. Wissen Abiturienten heute noch, was der 20. April ist?

Interview: Man braucht die nötige Portion Feigheit,
taz, 8. Februar 2006 (Ausschnitt)

Von Moby-Dick™ erfahren Sie’s jedenfalls nicht. Aber ich ergehe mich in Andeutungen.

Noch im Produktions- und vorvorvorletzten Kriegsjahr 1942 beschloss Disney, seinen Donald-Duck-Film Der Fuehrer’s Face (7:52 Minuten) nie wieder in der vorliegenden Form zu veröffentlichen. 2004 wurde das Versprechen aus dokumentarischen Gründen gebrochen. Wahrscheinlich die Anti-Nazi-Propaganda mit den meisten überlebenden Fans.

Dagegen weigern sich AOL-Time-Warner bis heute, ihren Bugs-Bunny-Film Tokio Jokio, 1943 (6:49 Minuten) zu zeigen. Der Humor darin ist sehr viel zorniger als im immer noch mitreißenden Der Fuehrer’s Face.

Spinach fer Britain, 1943 (6:14 Minuten) ist ideologisch einer der fragwürdigsten, technisch und sogar dramaturgisch einer der besten der ganzen Popeye-Serie.

Überhaupt hängte Amerika in die Anti-Nazi-Propaganda mittels Zeichentrickfilme erstaunlich viel Liebe. Für Blitz Wolf, 1942 (9:51 Minuten) war Tex Avery für den Oscar nominiert und verlor wogegen sonst als Der Fuehrer’s Face.

Am beklemmendsten von allen ist wohl doch der unbekannteste. Walt Disney: Hitler’s Children. Education For Death, 1943 (9:59 Minuten).

Sollte Sie das trösten, haben am 20. April auch Joan Miró, Ryan O’Neal und Blümchen Geburtstag.

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Should we shout? Should we scream?

21. März 2008

Update zu And if the band you’re in starts playing different tunes, I’ll see you on the dark side of the moon:

Tell me true
tell me why
was Jesus crucified?
Is it for this that Daddy died?
Was it for you?
Was it me?
Did I watch too much TV?
Is that a hint of accusation in your eyes?

Karfreitagslied The Post War Dream
in: The Final Cut, 21. März 1983.

Cover The Final Cut, 1983In unserer Serie “Unterschätzte Jubiläen” gedenken wir des 25-jährigen Erscheinungsdatums von The Final Cut von Pink Floyd: 21. März 1983, damals kein Karfreitag, sondern ein Montag.

Nach dem Monument The Wall, das in der laufenden Musikepoche wohl nicht mehr gestürzt wird, war The Final Cut, wie der Name nicht absichtlich sagen sollte, gerade noch eine letzte Gemeinschaftsarbeit der alten Bandbesetzung. Was man auch anders sehen kann, wenn man wie Roger Waters seine Kollegen unter Zwang ins Aufnahmestudio zitieren muss, damit sie ihren Part einspielen. Dann formuliert man auch gerne etwas leichtfertig egozentrisch in die Liner Notes: “by Roger Waters performed by Pink Floyd” und zerstreitet sich darüber erst recht. Roger Waters und David Gilmour sollen sich inzwischen wieder grüßen, die “musikalischen Differenzen” waren aber nie wieder auszuräumen.

In umfassender Vergessenheit ruhen heute die 19 Minuten Extended Play als PR-Film, die vier Musikvideos aus der LP in einen losen Handlungsverlauf stellen. Die offizielle Website zum Album rettet sie.

Text und Ausrichtung sind noch eindeutiger politisch als auf dem Vorgänger The Wall, die Musik klingt ähnlich und zitiert The Wall so weit, dass die Kritik Worte wie “Armutszeugnis” dafür fand. Trotzdem bleiben die besonnenen Melodien in durchsichtiger Instrumentierung auf The Final Cut besser als alles, was unterschiedlich zusammengewürfelte Reste von Pink Floyd danach noch ablieferten, und vornehmlich geeignet, große Mädchen zu beeindrucken. Das war ein Tipp für unbeheizte Osterfeiertage, Jungs.


Teil 1: The Gunner’s Dream;


Teil 2: The Final Cut;


Teil 3: Not Now John;


Teil 4: The Fletcher Memorial Home.

Musik kaufen: Pink Floyd: The Final Cut, 1983.

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Mit Medusa oder ohne

19. März 2008

Elke sucht Perseus und findet Keto:

Elke HegewaldDa also danach gefragt ward, worüber ich im Nachhinein gar richtig happy bin, fallen mir zwei Interpretationen zu Hermans Cellini-Ahab ein:

Die erste kurz und schlicht und augenscheinlich, ohne Hintergedanken, lässt den Perseus gänzlich außen vor und bezieht sich nur auf die Statue (als solche ist Ersterer einfach nur ein fraglos äußerst fein gelungenes Exemplar). Wenn man Einem das Attribut zuschreibt, “wie aus harter Bronze gegossen” zu sein (Jendis, Seite 212), will man ihm wohl auch eine vergleichbare menschliche Härte und Standfestigkeit bescheinigen, körperlich und in seinem Wesen, oder? Als Kerl aus einem Guss ist unser Ahab — wenigstens bedingt — vorstellbar. So weit, ihm auch noch bronzene Korrosionsbeständigkeit im maritimen Gewerke oder das Edle und den wärmenden Glanz, die diesem Metall anhaften, anzudichten, möcht man fast gar nicht gehen – aber es könnt ja sein. Melville selbst hat jedenfalls durchaus Sympathien für seine düstere Schöpfung, find ich.

William Hogarth, Perseus rettet AndromedaDie zweite, die mir anfangs viel zu abenteuerlich vorkam, um sie hier öffentlich zu machen, gefällt mir inzwischen immer besser und scheint mir überhaupt nicht mehr so abwegig — denn watet unser guter Melville nicht tief in Allegorien und wird er nicht zu Recht des symbolistischen Vorreitertums verdächtigt? Diese Deutung wiederum hat vor allem mit Perseus zu tun, mit seiner Rolle in der griechischen Mythologie und dem, was Cellini in seiner Skulptur vom Perseus-Mythos abbildet. Danach hat nämlich Perseus — entweder mit dem Haupt der Medusa oder auch ohne (da sind die Sagenerzähler sich uneins) — das Seeungeheuer Ketos getötet. Das — ihr ahnt es? — in sprachlich augenscheinlicher Weise zum Namensgeber für Mobys Familie der Cetacea wurde.

So weit, so gut. Ha, und das ist doch ein Thema, wie gemacht für die Elke, auf das sie schon lange gewartet hat.

Bild: William Hogarth: Illustration zum Gedicht »Perseus und Andromeda« von Lewis Theobald: Perseus rettet Andromeda, Radierung 1730–1731, British Museum, Department of Prints and Drawings.

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Lies Bücher, nicht T-Shirts!

4. März 2008

(Wenn eines auf der Welt kein Jazz ist,
dann ja wohl Pilze!
)

Update zu Phasen eines Umschlags von Deutsch into English:

Katz und Goldt, Wissen Schweigen VorübergehenEs ist schwer geworden, Max Goldt zu verteidigen. Seit Anfang der 1990er, als dieser sympathisch autoritäre Moralist mit einer ungewohnt blitzsauberen Sprache das deutsche Literaturgeschen von hinten aufrollte und von zuinnerst erleuchtete, sind seine Epigonen so viele geworden, dass er allenfalls noch als präpotenter Querulant auffällt.

2008 wird Max Goldt 50: Für einen Popliteraten zu alt, für einen besserwisserischen Sabbelsack zu jung. Vermuten wir mal, dass man im jungen Jahrtausend für diese Altertümelei in Wort- und Themenwahl immer entweder zu jung oder zu alt ist. Die Codes haben sich überlebt. Vorwürfe von Ex-Fans lauten dahin, dass er den Leuten gegenüber einen reichlich präpotenten Ton anschlägt; selbst wenn man sich seinen Büchern heute mit einem Vorschuss an Wohlwollen nähert, kann man sich noch ziemlich angeranzt vorkommen. Seinen dauererigierten Zeigefinger hat man mal geschätzt. Es funktioniert nicht mehr. Selbst die unverwüstlichsten Fans sind nur noch treu.

Seine Kolumne in der Titanic zählt immer noch zum Besten, was nur irgendwie monatlich erscheinen kann. Im Februar hieß sie Im Visier von Pakistan und Texas, singt ein selten luzides Abschiedslied auf Weblogs, lobt jedoch ausdrücklich die German Joys von Andrew Hammel, die seit langem in den Nordamerikana der Linkrolle nebenan hausen und mit Vergnügen und Gewinn gelesen werden. Max Goldt hat einen Lieblingsblog, schau mal einer an, dabei gar keinen schlechten, und einen, der sich mit den krausen Moby-Dick™-Themen vereinbaren lässt. — Aus Goldts Laudatio:

Andrew Hammel, andrewhammel.comHammel ist Texaner und, soweit ich es verstanden habe, seit einigen Jahren als Jurist an der Uni Düsseldorf tätig, Interessenschwerpunkt: Todesstrafe. Damit hier nichts mißverstanden wird: Er setzt sich gegen die Todesstrafe ein. Verblüffend ist es, daß er trotz Berufstätigkeit und eines regen Reiselebens Muß findet, ein so regelmäßiges und ausführliches öffentliches Diarium zu schreiben, und das auch noch in bestens gebauten Sätzen ohne modische Sprachsalopperien und sogar fast ohne Tippfehler. Offenbar gehört er zu den beneidenswerten Autoren, die druckreif denken können und nicht nach jedem Satz erst einmal zehn Minuten rauchend und zweifelnd in der Wohnung auf und ab gehen müssen. Auf Privates und redundanten Meinungsausfluß über Sport und Popmusik [...] ist er liebenswürdig genug, ganz zu verzichten, statt dessen gibt es allerlei Gewitztes über Politik, Kultur, Wissenschaft und das, was man in der inzwischen stark abgenutzten Kategorie “Alltag” zusammenfaßt, sowie dienliche Rubriken wie “German Word of the Month”.

German Joys ist demnach eine Art USA Erklärt umgekehrt: Im letzteren, 2007 fast grimmepreiswürdigen Falle erklärt ein Amerikaner in Deutschland auf Deutsch den Deutschen Amerika; im Falle Andrew Hammel erklärt ein Amerikaner in Deutschland auf Englisch den Amerikanern Deutschland (und raskal trippin hat auch mal was in der Richtung gemacht…).

Womöglich ist es inzwischen mit Max Goldt selbst so bestellt, wie er das Weblogwesen im Febraur 2008 beschreibt: dass es “so’n bißchen vorbei” sei, dass man dafür aber in angenehmer Weise von Hypes wie einer “Blogosphäre” verschont bleibe. Sein stiller, aber gar nicht überschätzbarer Einfluss ab Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau 1989 ff. bleibt: Von Max Goldt abzuschreiben ist immer noch keine richtige Schande, das macht man nämlich sowieso dauernd.

Bilder: Rumpfkluft bei Katz & Goldt;
Andrew Hammel bei Andrew Hammel.

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Fremde im Zug

18. Februar 2008

Update zu Pissed about having to work in a post office to support himself:

Rolf Tietgens, Patricia Highsmith collection, 1942
Rolf Tietgens: Patricia Highsmith at age 21, 1942

Mit Schreibmaschine auf der Vorderseite:

Pat Highsmith – all photos at age 21 just out of University

Mit Schreibmaschine auf der Rückseite:

Rolf Tietgens, friend from Hamburg, who took pictures on other side, when I was 21. I cannot easily unglue these pictures, so I send the whole page to you.

Rolf Tietgens, ca. 1942Ein Deutscher, der 1942, statt sich im Schlamm der Schützengräben Handgranaten um die Ohren pfeifen zu lassen, Nacktbilder von Literaturstudentinnen macht, Respekt, das lass ich mir eingehen.

Rolf Tietgens war einer der wenigen Männer in Patricia Highsmiths Leben, mit denen sie sich näher einließ, dazu noch unmittelbar nach ihrem Abschluss auf dem Barnard College, das nur Frauen zulässt. Vor allem wenn man nur die offiziellen Verlagsfotos des Diogenes Verlags kennt, die Frau Highsmith in fortgeschrittenem Alter mit hängenden Backen und verhärmtem Blick zeigen, finden wir sie vor Zeiten überraschend schön. Ein tolles Bild von einer tollen Frau. In einer abschreckenden Weise hässlich konnte ich sie auch später nie finden; gerade la Highsmith gehört zu jenen Patentweibern, die ich von Kind auf immer gerne mal kennen gelernt hätte.

Dmitri Kasterine, The Parting Shot. Patricia Highsmith 1986Frau Highsmiths verlagswirksam vom Leben zerfurchtes Gesicht rührt vermutlich von ihrer Zerrissenheit zwischen der Produktion reißerischer Krimis und dem Schaffen anspruchsvoller psychologischer Literatur, die unpraktischerweise meist im selben Roman stattfanden, dazu noch der ungebetenen Kürzung ihrer fertigen Werke seitens Diogenes, die auch seit der Neuausgabe 2002 innerhalb des Verlags erst nach und nach bereinigt werden. Melville-Bezug: Herausgeber ist Melville-Experte Paul Ingendaay; phüh, das war knapp. Und dann noch das ständige Umherziehen, wahrscheinlich auf der Flucht vor den wechselnden lesbischen Liebesbeziehungen, in denen sie nie glücklich wurde.

Bei allem Respekt vor ihrem literarischen Werk sollte uns spätestens das davon abhalten, einen Lebenslauf als Comictexter, Drehbuchschreiber für Hitchcock und so ziemlich einziger Kirimigroßmeister, der noir statt cosy arbeitet, obwohl “er” eine Frau ist, anzustreben.

Das alles, unter anderem ihre lesbische Identität, war 1942 noch nicht zu ahnen. Rolf Tietgens muss ein sehr glücklicher Mann gewesen sein.

Rolf Tietgens, Patricia Highsmith, 1942
Rolf Tietgens: Patricia Highsmith at age 21, 1942

Bilder erscheinen in: Franz Cavigelli, Fritz Senn, Anna von Planta: Patricia Highsmith. Leben und Werk und Andrew Wilson: Beautiful Shadow: A Life of Patricia Highsmith. Vor allem das untere, um das es sichtlich andauernd geht, wird viel schöner, wenn man es groß anzeigen lässt, und liegt hochauflösend vor.

Hausaufgabe: Verfassen Sie 1000 Anschläge über Patricia Highsmith, ohne das Wort “subtil” zu verwenden.

Bilder: Patricia Highsmith Papers aus den 50 laufenden Regalmetern Nachlass im Schweizer Literaturarchiv;
Dmitri Kasterine: The Parting Shot, 1986;
Andrew Wilson.

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Moby Sonnendeck

5. Februar 2008

Update zu sieht ja ulkik aus:

Death and hell are never full
And neither are the eyes of men
Cats can fly from nine stories high
And pigs can see the wind.

Willie Nelson

Name:
1851: Moby Dick
2008: Manned Cloud

Technische Daten:
1851: Bis zu 18 Meter lang, 50 Tonnen, Flukenantrieb, Tintenfische, Fische, Krustentiere, Sauerstoff, Landungen unerwünscht
2008: 210 Meter lang, 82 Meter breit, 52 Meter hoch, Auftriebskörper 520.000 Kubikmeter, 170 km/h, 20 Zimmer, Helium, Landetechnik ungeklärt

Verträglichkeit:
1851: Aggressiv, frisst menschliche Gliedmaßen, versenkt Walfänger, Inbegriff des Bösen
2008: Umweltfreundlicher Antrieb, landschaftsschonend, Restaurant, Bücherei, Fitnessstudio, Bar, Sonnendeck, 15 Angestellte

Status:
1851: Nie gestorben
2008: Noch nicht geboren

Fachliteratur:
1971: Philip José Farmer: The Wind Whales of Ishmael,
Mass Market Paperback
1980: Philip José Farmer: Ismaels fliegende Wale, Moewig

Manned Cloud

Bild: Antje Blinda: Weißer Wal für Luxustouristen
in: Spiegel Online, 4. Februar 2008;
Film: Airshipworld: Massaud — Manned Cloud Hotel.

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Lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt

31. Januar 2008

oder: The White Americans have never really been proud of their own history

Update zu Was man überhaupt noch glauben soll
und Bürgerkriegsware:

Herman Melville und die Deutschen. Belesener Weltbürger, der er war, setzte er eine Momentaufnahme aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe in die dem Wal vorausschwimmenden Extracts:

The papers were brought in, and we saw in the Berlin Gazette that whales had been introduced on the stage there.

Eckermann’s Conversations With Goethe
as quoted in the Extracts for Moby-Dick

Das muss er aus der seinerzeit kursierenden englischen Übersetzung von Margaret Fuller, Boston 1839, haben. Der weite Weg vom Ereignis zu Weimar, Eckermanns Dokumentation, Fullers Übersetzung, Melvilles Kenntnisnahme bis zur Verwendung in Moby-Dick wurde also recht zügig zurückgelegt:

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf dortige Bühne gebracht.

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 31. Januar 1830

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen, dass die Nazis ihren Feiertag gestern hatten. Jenen 31. Januar 1830 verbrachte Goethe mit Eckermann über der Durchsicht seiner Jugendmanuskripte (Götz sieht sehr reinlich aus, Werther ist verloren), und die Berliner Theaterleute spinnen wieder.

Bei belustigtem Zurückblättern gab es schon prekärere Themen im Hause Goethe. 1. September 1829:

Whipped Slave Gordon, 2. April 1863Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel, und während sie uns weismachen wollen, was für humane Maximen solchem Verfahren zugrunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Objekt sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun und welches man hätte wissen sollen. An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe. In Amerika haben sie selbst große Negerkolonien angelegt, die sehr produktiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die nordamerikanischen Bedürfnisse, und indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihrem merkantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen daher, nicht ohne Objekt, gegen den inhumanen Handel. Noch auf dem Wiener Kongreß argumentierte der englische Gesandte sehr lebhaft dagegen; aber der portugiesische war klug genug, in aller Ruhe zu antworten, daß er nicht wisse, daß man zusammengekommen sei, ein allgemeines Weltgericht abzugeben oder die Grundsätze der Moral festzusetzen. Er kannte das englische Objekt recht gut, und so hatte auch er das seinige, wofür er zu reden und welches er zu erlangen wußte.

Holla, der alte Geheyme Rath (80). Parliert geläufig über die Motive der Sklavenbefreiung. Eine menschliche Existenz gesteht er der Handelsware nicht zu, mich erinnert seine Wortwahl an die Beurteilung der Heuernte, in einer Oberpfälzer Bauernbierschwemme vom Dorflehrer mitgeschrieben beim Versuch, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Sehen wir es ihm nach: Auch solche, die der Negerhaltung misstrauten, ich denke da an Herman Melville in Benito Cereno und seinen humoristisch gezeichneten poor old Yorpy aus The happy Failure, nahmen bei allem Wohlwollen für die komische Rasse bestenfalls einen Paternalismus ein, für den sie heute schlicht als glatte Rassisten durchgingen, dabei waren sie in einem Kontext real existierender Sklaverei das Gegenteil davon. Es muss wirklich eine sehr fremdartige Begegnung gewesen sein, als Abendländer auf Stärkerpigmentierte trafen.

Gordon im DienstHerr PJM, der jeden lieben Tag ein Old Picture of the Day ausstellt, hat sehr treffend beobachtet, wie auffallend wenige Bilder von Negersklaven aus der Zeit existieren, als Sklaverei eine lebenserhaltende Industrie darstellte. Wenn überhaupt, zeigen die Bilder entlaufene oder befreite Sklaven, nie aber die zweibeinigen Arbeitstiere im Einsatz. Vielleicht doch ein tiefes Bewusstsein von Unrecht und Schuld bei denen, die sich Sklaven — und dann bestimmt auch Kameras — leisten konnten?

Das dokumentierte Foto zeigt Gordon, nach anderer Quelle Peter, aus Mississippi, der nach seiner Flucht zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs in Baton Rouge, Louisiana vorsprach und erst als Vorzeigeflüchtling, danach als Soldat auf konföderierter Seite Verwendung fand. 1860 waren 47% der Bevölkerung von Louisiana versklavt; 1863 für Gordon immer noch eine Verbesserung seiner Umstände. Nach Louisianas strategischem Wechsel der Kriegsfront durfte Gordon immerhin für seine Interessen eintreten.

Vom misshandelten Arbeitstier zum Kanonenfutter für seine eigene Befreiung. Memo an mich: Bei dem ganzen Wirrwarr aus Unionisten, Konföderierten, Abolitionisten, Southern Unionists und border states steigt heute sowieso kein Schwanz mehr durch; da konnte sich selbst Melvilles Lyrik darüber nur noch ins Lamento retten. Da schaut ein Dialogdrama mindestens so lang wie die Iphigenie raus, Eckermännchen.

Bilder: Scars of a whipped slave, 2. April 1863: Wikimedia Commons;
Gordon in his uniform as a US soldier: Civil War Harper’s Weekly, 4. Juli 1863.

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Vorabendvorstellung

29. Januar 2008

Update zur Seeräuber-Jenny:

Erreichte um 8 Uhr abends Heidleburgh. [...] Bestieg um 2 Uhr mittags den Zug nach Frankfort am Maine. [...] Nahm um halb elf den Zug nach Wiesbaden, stieg aber versehentlich in Mayence aus — um 2 Uhr. Weiter mit dem Schiff nach Cologne. [...] Fuhr durch das Land des Rheinweins. [...] Stand um 5 Uhr auf, frühstückte & ging zum Amsterdamer Bahnhof auf der anderen Flußseite. Durch Duselldorff & Utrecht. [...] Darüber ließe sich wohl etwas Gutes schreiben, im ironischen Stil.

Herman Melville: Reisetagebuch, 21.—23. April 1857,
nach: Ein Leben, 2004, Seite 478ff.

Was den Film Cabaret von anderen Musikfilmen wohltuend abhebt, ist das Setting im, ja, eben: Cabaret, damit die Figuren ihre Lieder auf einer Bühne singen können, wie sich das gehört, und nicht dauernd unversehens in Gesang ausbrechen müssen. So schaurige Schießbudenfiguren ihn bevölkern, hält ihn das geradezu realistisch.

Das eindrucksvollste Lied des Films ist trotzdem das einzige, das nicht auf einer Bühne performt wird, sondern gerade doch in einem Biergarten geschmettert. Frischen Sie mal Ihr Gedächtnis auf, aber machen Sie sich auf alles gefasst: Es tut heute weher als vor dreißig Jahren, als Sie extra lange aufbleiben durften und sich nur über Liza Minnellis Schimpfkaskaden gefreut haben:

Tomorrow Belongs to Me wurde aus der Musical-Vorlage von 1966 für den 1972er Film übernommen und stammt demnach von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Text), dem Team hinter New York, New York.

Die Melodie orientiert sich an der Wacht am Rhein und dem Horst-Wessel-Lied, zwei durchaus schmissigen Gebrauchsliedern der Nationalsozialisten, so dass der Vorwurf an die beiden Schöpfer laut wurde, sie könnten ihre Nazihymne einen Tick zu ernst gemeint haben. Letztendlich ein Kompliment an ihr Lied, aber genauer besehen haltlos, weil sie von der späten Geburt begnadete Juden waren. Dafür, dass die als neonazistisch eingestufte Kapelle Skrewdriver es für sich entdeckte, konnten sie schon nichts mehr.

Nach der lebhaften Legendenbildung Hollywoods soll die Broadway-Kapazität Mark Lambert das Lied schon eingesungen, nachher aber ihren Auftritt verweigert haben, weil sie sich die Haare nicht blondieren lassen wollte. Im Film erscheint deshalb ein angeblich echter deutscher Statist namens Oliver Collignon. Die deutsche Synchronisation ist sowieso auch technisch ein Graus.

Was erwarten wir von Deutschen in amerikanischen Filmen? Dass sie als dümmlich oder gefährlich dargestellt werden, am besten beides. In dieser auf mehreren Ebenen zermürbenden Dramaturgie bedeutet das einen Gewinn. Nehmen wir es dieses eine Mal hin, die Deppen abzugeben: Zeit und Ort der Handlung sind dort angesiedelt, wo ziemlich viele Deutsche drauf und dran waren, ziemlich viel falsch zu machen.

Das Lied ist auf eine gespenstische Weise mitreißend. Als Ohrwurm ist es wahrhaft gemein.

Der Beste ist sowieso die überschminkte Schwuchtel auf dem Rücksitz am Schluss. Das ist Joel Grey als Conferencier, eine Art spukhafter Begleitmephisto durch den Film. Das war einen der acht Oscars und den Tony Award wert.

Morgen vor 75 Jahren war Machtergreifung. Das können Sie feiern, wenn Sie müssen, aber ohne mich.

Tomorrow Belongs to Me, Cabaret, 1972, Joel Grey

Film: ABC; Bild: Xah Lee.

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One Total Inky Blot

24. Januar 2008

Update zu A Note on “Isle of the Cross”
aus der Reihe Verpasste Jubiläen:

In view of the description given, may one be gay upon the Encantadas? Yes: that is, find one the gaiety, and he will be gay. And, indeed, sackcloth and ashes as they are, the isles are not perhaps unmitigated gloom. For while no spectator can deny their claims to a most solemn and superstitious consideration, no more than my firmest resolutions can decline to behold the specter-tortoise when emerging from its shadowy recess; yet even the tortoise, dark and melancholy as it is upon the back, still possesses a bright side; its calipee or breastplate being sometimes of a faint yellowish or golden tinge. Moreover, everyone knows that tortoises as well as turtle are of such a make that if you but put them on their backs you thereby expose their bright sides without the possibility of their recovering themselves, and turning into view the other. But after you have done this, and because you have done this, you should not swear that the tortoise has no dark side. Enjoy the bright, keep it turned up perpetually if you can, but be honest, and don’t deny the black. Neither should he who cannot turn the tortoise from its natural position so as to hide the darker and expose his livelier aspect, like a great October pumpkin in the sun, for that cause declare the creature to be one total inky blot. The tortoise is both black and bright.

The Encantadas, Sketch Second: Two Sides to a Tortoise,
March 1854, opening

Suddenly, Last Summer, Filmplakat 1959Am 7. Januar vor 50 Jahren, das ist: 1958, wurde der Einakter Suddenly, Last Summer von Tennessee Williams uraufgeführt.

Kennen Sie nicht? Ich auch nicht. Noch dazu gehört das Jubiläum dem Stück nicht mal alleine: Am selben Abend gab es noch den Einakter Something Unspoken, was als Doppelpack Garden District hieß.

Wäre da nicht der Handlungsstrang in der 1. Szene:

Mrs. Venable. One long-ago summer—now why am I thinking of this?—my son, Sebastian, said, “Mother, Listen to this. He read me Herman Melville’s description of the Encantadas, the Galapagos Islands. He said that we had to go there. And so we did go there that summer on a chartered boat, a four-masted schooner, as close as possible to the sort of a boat that Melville must have sailed on. We saw the Encantadas, but on the Encantadas we saw something Melville hadn’t written about.

Obwohl das eher zu Anfang des Stücks vorkommt, war es nachweislich eine der letzten Stellen, die Williams einfügte: Durch Mrs. Venables Monolog zeigt Williams seine Hauptfigur Sebastian nebst Mutter auf den Encantadas, vulgo Galápagos-Inseln, wie sie das üppig sprießende und treibende und wimmelnde Stirb und Werde vom Krähennest ihres Schoners aus beobachten, vor allem wie frisch geschlüpfte Meeresschildkröten unter den Angriffen von flesh-eating birds zum ersten Mal ins Meer krabbeln. Abermals Mrs. Venable:

My son was looking for God, I mean for a clear image of Him. He spent that whole blazing equatorial day in the crow’s nest of the schooner watching this thing on the beach … and when he came down the rigging he said “Well, now I’ve seen Him!”, and he meant God.

Nach Pau Gilabert Barberà:
Literature and Mythology in Tennessee Williams’s
Suddenly Last Summer:
Fighting against Venus and Oedipus
,
Universitat de Barcelona

Schon bald nach Bekanntwerden des Stücks und vor allem des nachfolgenden Films hat James R. Hurt Melvilles Sketch Second über Galápagos-Schildkröten in Suddenly Last Summer: Williams and Melville (ein abgelegener Artikel in Modern Drama III vom Februar 1961) unter einem moralisierenden Gesichtspunkt behandelt, obwohl Melville sich darin ausgesprochen sachlich und wertfrei naturbeobachtend äußert. Das erlaubt uns heute, den Vergleich mit Williams’ moralischem Einakter anzustellen:

Wie alles auf der Welt haben Schildkröten eine helle und eine dunkle Seite — richtig und gut so. Der Mensch aber, der in seinem Leben immer nur eine von beiden Seiten betrachtet, bereitet sich stete Enttäuschung oder gar den Untergang. Bei hellen Tieren sind wir auch schnell beim bekannten weißen Wal, den Ahab nicht als unschuldiges Tier oder, philosophischer, als neutrales Wesen ansieht, sondern als Inbegriff des Bösen. Was er damit anrichtet, ist mythisch geworden. Hören wir James Hurt selbst:

Sebastian’s fascination with Melville’s account is consistent, then, with his own fascination with the primeval and with his own vision of the evil face of God. But ironically Sebastian does not see the other theme of The Encantadas: the theme that the universe will be “one total inky blot” for him who sees it thus. And ironically the world which Sebastian sees mirrored in the spectacle of the turtles and the birds will turn and devour him as it devoured the turtles.

Noch eine Parallele Melville—Williams: Die Kritikerin Carol F. Reppert hat sich nicht der zweiten, sondern achten Skizze aus den Encantadas zugewandt: Sketch Eighth: Norfolk Isle and the Chola Widow, die als eine der schönsten und reifsten Arbeiten Melvilles gilt: Von Norfolk Isle, einer einsamen Insel bei Galápagos, wird eine Schiffbrüchige gerettet, die daraufhin ihre Geschichte voller Entsagungen erzählt. Frau Reppert zieht eine nicht ganz stringente Parallele zwischen Melvilles schiffbrüchiger Witwe Hunilla zu Catharine Holly aus Suddenly Last Summer, beobachtet aber schlagend, dass beider Berichte unbesehen geglaubt werden, nur weil sie überzeugend genug erzählt werden.

Die besondere Qualität aller dieser Werke, die sie zu Weltliteratur machen: Man muss sie selbst zu Ende denken. So lassen sie einen nicht in Ruhe.

Bild: Filmplakat Suddenly, Last Summer, 1959: Fair Use;
Film: Columbia Pictures, 1959.

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A thick card was inserted to stiffen them.

19. Januar 2008

Update zu The still unannotated Melville, Oops und Herba Santa:

Ab den 1930er Jahren wurde das Sammeln von Sammelbildchen durch die zum Teil mit viel Text versehenen und sehr günstigen (Preise um 1 Reichsmark) Alben zu einem Massenphänomen, und die Auflagen der Alben gingen in die Millionen, die der Bilder sogar in die Milliarden. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden die Zigarettenbilder vor allem für Propagandazwecke eingesetzt, wie zum Beispiel das Album über den Raubstaat England des Soziologen Ernst Lewalter verdeutlicht.

Cream of Cards, Alice in Wonderland Cigarette Cards, 1930

Bild: Cream of Cards; Text: Wiki.

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LiederJan Mayen und die Wahrheit über den alten Flegel

13. Januar 2008

Elke macht ein Update zu ihrem Und Jan Mayen, der alte Flegel:

Elke HegewaldKennt noch jemand Liederjan?

Ganz am Anfang der Siebziger, als sie noch Irish Folk sangen, nannten sie sich Tramps & Hawkers. Und dass deutsches Volksliedgut oder solches, das eins sein will oder könnt’, auch anders geht als im Musikantenstadl, haben sie in ihrer dreißigjährigen Bühnengeschichte fraglos bewiesen. Sie haben irgendwann sogar angefangen, selber welches zu schreiben. Und dürfen mit Fug und Recht den Titel dienstälteste deutsche Folkgruppe für sich beanspruchen. Obwohl der dritte Mann des Trios zugegebenermaßen in den Jahren mehrmals gewechselt hat. Zum vorerst letzten Mal und zugleich überaus augenfällig, als nach dem Tod eines der beiden verbliebenen Gründerväter (Anselm Noffke) 2003 die erste Lieder-Jana, die in Wirklichkeit Hanne heißt, die Truppe veredelte.

Ihr Markenzeichen sind der gepflegte Satzgesang und die Verwendung exotischer Streich- und Zupfinstrumente, die nicht nur den Mittelalteraffinen und -fininnen unter uns das Herz aufgehen lassen. Oder sind die Zeiten längst vorbei, da die unverbesserlichen Romatiker am Lagerfeuer gern ein Opus dieser Urviecher unter den Volksbarden zur eigenen Klampfe nachträllerten?

Jan Mayen View towards south as seen from the Beerenberg Glacier, picture postcardHa, und deren Angewohnheit, in verstaubten Büchern nach alten, vorzugsweise unbekannten Liedern fürs eigene Repertoire zu kramen, lässt sie nun gar in die Annalen des Moby-Dick-Blogs eingehen. Fiel ihnen doch auch die in norddeutschen Walgründen überaus bewanderte Glückstädterin Wanda Oesau und vor allem deren schmalbrüstiger Jan Mayen, der alte Flegel, in die Hände, hier als — wenn auch weitgehend vages — Fundstück längst verbloggt. Und — tadaaa! — sie haben ihn lebendig besungen, wahrscheinlich als erste und einzige nach den ollen Waljägern anno dunnemals. Auf ihrem antiken Scheibchen Mädchen, Meister, Mönche von 1978 nämlich:

Und Jan Mayen, der alte Flegel

Alle segeln nach dem Norden in das eisigkalte Meer
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Groß und stolz die Flagge wehet in der Luft am Großmasttopp.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Joan Blaeu-Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita estZusammen mit dem “Grönländischen Wachtlied”, einem Einströpher zum Wecken der nächsten Wache, und “Unser Bootsmann”, einem derb-zotigen Spottliedchen auf einen solchen selben ist es dort in der Nummer “Wallieder” zu finden.

Mit diesem Fang erhellt sich uns auch schlagartig und auf überraschende Weise die Identität des alten Flegels. Entgegen naheliegender Vermutungen der Ahnungslos-Unwissenden – und auch wenn die Norwegen-Freunde jetzt aus dem Grinsen über mich überhaupt nicht mehr rauskommen – ist der aktuelle Jan Mayen nämlich kein besoffener Maat von der Art des soeben bespöttelten Bootsmanns. Ein unwirtliches Eiland ist’s, gelegen sehr, sehr nördlich, zwischen Grönland und Spitzbergen, und den alten Walfängern als Wegweiser auf stürmischer See dienend:

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick…

sangen sie in ihrem Shanty, wenn sie, womöglich in den Wanten schindernd, an ihm vorbeisegelten. Hei, doch seinen Namen hat es von einem Walkapitän, wie der finstere Ahab einer war: dem Niederländer Jan Jacobs May van Schellinkhout (genannt Jan May), der sich zwischen 1614 und 1635 gelegentlich auf der Insel herumtrieb.

Ismael und seine Kameraden haben Jan Mayen Island nie gesehen, jedenfalls nicht auf der Jagd nach Moby Dick. Die Pequod segelte auf der andern Seite der Welt entlang, gen Süden. Und endete irgendwo da hinter Australien…

Aber dafür kann der alte Jan Mayen nix.

Bilder: Vidar’s Jan Mayen Page;
Joan Blaeu (Amsterdam 1596—1673):
Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita est;
RGBfoto.
Film: Liederjan: Auswandererlied, WDR Folkfestival, 1978.

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Das Land der Kuhjungen mit der Seele suchen

26. Dezember 2007

Update zu Amiot! und Alle lieben Bartleby
(und Das Land der Deutschen mit der Seele suchen):

Manu Larcenet, Hundejahre. Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud, 2001Sigmund Freud, Kind vom 6. Mai 1856, verlegte nach einer ausgiebigen Praxis der Psychoanalyse an neurotischen alten Wiener Schachteln den Schauplatz seiner Seelenforschung in den Wilden Westen.

Manu Larcenet, Kind vom 6. Mai 1969, macht die unbewussten Tatsachen dramaturgisch schlüssig. Vor allem auch die Nebenerscheinung, dass im Indianergebiet kaum jemand auf Verhaltensmuster seiner Kindheit festzunageln ist, vielmehr allzu bereitwillig Koriander gegen halluzinogene weiße Pilze, rote Kräuter aus den Hügeln und Maismehl eintauscht.

Die Weißen werden Krieg gegen die Inhaber echter Seelen führen. Nicht den mit Gewehren, das tun sie ohnedies, und es wird vorübergehen. Ihre schlimmste Waffe werden die Krötenhäute sein, Geldscheine, die ihnen erlauben, auf einem Boden zu marodieren, den ihre Füße nie kennen werden. Wenn die mit den Seelen eines Tages nichts mehr haben, werden auch sie diese Seelen annehmen, um noch eine Weile zu überleben. Dann haben die anderen gewonnen. “Ist es das, was du willst, Vetter Hund? Eine Siegerseele?” — Spot, der Hund auf der Suche nach seiner Seele, meint mit Seele etwas anderes als der angegraute Doktor seiner selbsterfundenen Disziplin mit Psyche.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur. —

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vom dem Wilberforcemonument in: Kuttel Daddeldu, 1923

Manu Larcenet, Hundejahre. Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud, 2001, Seite 7

Bilder: Repodukt.

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Herz des Positivismus

17. Dezember 2007

Update zu Was man überhaupt noch glauben soll:

Das Garn der Seeleute ist von einer rückhaltlosen Einfältigkeit, deren ganzer Sinn in einer aufgeknackten Nußschale liegt. Aber Marlow war nicht typisch (wenn man von seiner Neigung, ein Garn zu spinnen, absieht), und für ihn lag der Sinn einer Begebenheit nicht in dieser eingeschlossen wie der Nußkern, sondern draußen, rings um die Geschichte, die ihn lediglich sichtbar machte, so wie eine Feuersglut einen Dunst sichtbar macht — ähnlich einem jener Schleierhöfe, die mitunter im gespenstischen Licht des Mondscheins sichtbar werden.

Joseph Conrad: Herz der Finsternis 1899/1902,
Übersetzung von Urs Widmer 2004.

Joseph Conrad, rätselhafte ZeichnungMarlow darf Conrad den vorgeschobenen Rahmenerzähler machen, all seinen Rassismus schultern und sich dann noch einfältig schimpfen lassen. Gut, dass Novellenfiguren so wehrlos sind und ihrem Schreiber nur dann was husten können, wenn er es entweder so einbaut oder Flann O’Brien ist.

Mal ganz langsam mitdenken.

Der Sinn einer Begebenheit wohnt ihr nicht inne, sondern umwabert sie.

Der Sinn wäre demnach nicht kleiner, sondern größer als eine Begebenheit.

Der Sinn einer Begebenheit ergibt sich also nicht zwingend aus ihr, vielmehr ist eine Begebenheit einer von vielen Wegen, die zu ihrem Sinn führen.

Der Sonderfall, den eine Begebenheit darstellt, führt zu einem Allgemeinen, ihrem Sinn. In der Lehre von der Folgerichtigkeit des Denkens, vulgo Logik, nennt man das Induktion.

Im Positivismusstreit von 1961, den vor allem Karl Popper gegen Theodor W. Adorno anzettelte, wollte Popper neue Theorien innerhalb der Sozialwissenschaften ausschließlich anhand des Kritischen Rationalismus gebildet sehen. Grob gesagt, darf danach innerhalb der Sozialwissenschaften, sofern sie den Status einer Theorien bildenden Wissenschaft einnehmen wollen, ausschließlich induziert, niemals deduziert werden. Man sagt entlang der klassischen Syllogistik:

Praemissa maior: James Wait ist ein Nigger.
Praemissa minor: James Wait ist doof.
Conclusio: Nigger sind doof.

Timthy Lantz, Her Heart of Darkness, 2007Das wäre anhand des Beispiels einer anderen Novelle von Joseph Conrad, die mit selbstverständlich rein stilistisch gemeinter Gottgegebenheit das böse N-Wort für stark pigmentierte Leute verwendet, eine zulässige Induktion. Der Klassiker “In Holland erscheint mindestens eine Kuh mindestens drei Menschen von mindestens einer Seite schwarz” hätte auch funktioniert, aber es geht ja um Joseph Conrad und Karl Popper. Hören wir dem letzteren zu:

Sechste These (Hauptthese):
a) Die Methode der Sozialwissenschaften wie auch die der Naturwissenschaften besteht darin, Lösungsversuche für ihre Probleme — die Probleme von denen sie ausgeht — auszuprobieren.
Lösungen werden vorgeschlagen und kritisiert. Wenn ein Lösungsversuch der sachlichen Kritik nicht zugänglich ist, so wird er eben deshalb als unwissenschaftlich ausgeschaltet, wenn auch vielleicht nur vorläufig.
b) Wenn er einer sachlichen Kritik zugänglich ist, dann versuchen wir, ihn zu widerlegen; denn alle Kritik besteht in Widerlegungsversuchen.
c) Wenn ein Lösungsversuch durch unsere Kritik widerlegt wird, so versuchen wir es mit einem anderen.
d) Wenn er der Kritik standhält, dann akzeptieren wir ihn vorläufig; und zwar akzeptieren wir ihn vor allem als würdig, weiter diskutiert und kritisiert zu werden.
e) Die Methode der Wissenschaft ist also die des tentativen Lösungsversuches (oder Einfalls), der von der schärfsten Kritik kontrolliert wird. Es ist eine kritische Fortbildung der Methode des Versuchs und Irrtums (”trial and error”).
f) Die sogenannte Objektivität der Wissenschaft besteht in der Objektivität der kritischen Methode; das heißt aber vor allem darin, daß keine Theorie von der Kritik befreit ist, und auch darin, daß die logischen Hilfsmittel der Kritik — die Kategorie des logischen Widerspruchs — objektiv sind.
Man könnte die Grundidee, die hinter meiner Hauptthese steht, vielleicht auch folgendermaßen zusammenfassen.
Siebente These:
Die Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen führt zum Problem und zu den Lösungsversuchen. Aber sie wird niemals überwunden. Denn es stellt sich heraus, daß unser Wissen immer nur in vorläufige[n] und versuchsweisen Lösungsvorschlägen besteht und daher prinzipiell die Möglichkeit einschließt, daß es sich als irrtümlich und also als Nichtwissen herausstellen wird. Und die einzige Form der Rechtfertigung unseres Wissens ist wieder nur vorläufig: Sie besteht in der Kritik, oder genauer darin, daß unsere Lösungsversuche bisher auch unserer scharfsinnigsten Kritik standzuhalten scheinen.
Eine darüber hinausgehende positive Rechtfertigung gibt es nicht. Insbesondere können sich unsere Lösungsversuche nicht als wahrscheinlich (im Sinne der Wahrscheinlichkeitsrechnung) erweisen.
Man könnte diesen Standpunkt vielleicht als kritizistisch bezeichnen.

Karl R. Popper: Die Logik der Sozialwissenschaften,
in: Der Positivismustreit in der deutschen Soziologie,
1961/1993, Seite 105f.

Und ob man das könnte. Alles was man sich zu wissen einbildet, sei einer fortgesetzten Selbstfrustration unterworfen, werde so lange kritisiert, bis es widerlegt ist, ansonsten sei es Nichtwissen. Induktion. Die einzig zulässige Art des Wissens. Kein Wunder, dass man so, ohne sich auf jemand anders außer sich selbst zu berufen, Streit anzettelt.

Marlow aus dem Herz der Finsternis, der unbedarfte Seebär, weiß davon nichts, er induziert einfach so, weil es ihm liegt. Das macht ihn jedenfalls nicht ganz so einfältig wie Poppers Widerpart Adorno. Eine wie depressive Persönlichkeitsstruktur man jedoch dafür braucht, beginnen wir nach Poppers Hauptthese ganz vage zu ahnen.

Induktiver Logiktest:

Praemissa maior: Sokrates war ein Mensch.
Praemissa minor: Synchronschwimmer sind Menschen.
Conclusio: Sokrates war Synchronschwimmer.

Gut, lassen wir Popper den einen Punkt. Mir schwindelt. Zu Ende denken können Sie ab hier selbst. Wenn mich jemand sucht, ich bin was Unverfängliches gucken.

Bilder: Joseph Conrad: gemeinfrei;
Her Heart of Darkness: Timothy Lantz, 2007;
Film: Steamboat Willie, die Erscheinung der Maus, 1928.

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Call me Fishmael

15. Dezember 2007

Update zu (… und hört schon auf, mich dauernd Ismael zu nennen):

Volker Jahr berichtet in der Lesemaschine seit Aberwochen darüber, wie er Georg Forster: Reise um die Welt. Illustriert von eigener Hand nicht liest. Man hat schon weit Unspannenderes mitverfolgt.

Salzte James Cook nach?

“Stattlich und feist erschien James Cook am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.”

Das könnte der erste Satz im hochpreisigen Forsterband sein: Forster beobachtet seinen Kapitän aus der Kajüte heraus bei der Morgentoilette, während er selbst über einer Tierzeichnung brütet. Aber vielleicht auch nicht. Ich habe ja keine Ahnung, bis Weihnachten ist es noch lang und ich habe damit begonnen, mir mögliche Buchanfänge auszudenken, um nicht in völliger Duldungsstarre ausharren zu müssen. Waren die Forsters zum Essen in der Offiziersmesse zugelassen? Dann könnte der erste Satz lauten James Cook salzte nach. Aber auch dies eher unwahrscheinlich, denn dann hätte er ja heimlich bei Grass abgeschrieben und den alten Zausel so vor 200 Jahren schon salonfähig gemacht.

Ich fange noch mal von vorne an und variiere ein wenig, vielleicht geht es ja mit einer Selbstbeobachtung los:
Stattlich und feist stand ich am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Könnte passen, denn Forster schien einen Hang zur Fettleibigkeit aufzuweisen, wie die Notiz eines Zeitgenossen in seinen späteren Jahren nahe legt: “Er war dicker geworden, dicker denn je. Die Knöpfe vom Halskragen seiner Hemden sprangen ab.” Aber kann diese Anlage angesichts der Schiffszwieback-und-Pökelfleisch-Diät auf der Erdumrundung zum Tragen gekommen sein? Doch wohl eher nicht.

Hat er seinen Bericht möglicherweise mit einem Nachruf auf seinen schwierigen Vater begonnen?
Heute ist Papa gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiss es nicht.
Unsinn, denn Reinhold Forster hat die Reise ja lebendig beendet und seinen Sohn letztlich sogar überlebt. Vielleicht hat er stattdessen seine der fliegenden Gicht geschuldete Unfähigkeit porträtiert, an den allmorgendlichen Bordspielen teilzunehmen:
Reinhold Forster war schon vierzig Jahre alt und immer noch so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte.
Nein, das klingt zu uninteressant für einen Buchanfang, aber lagen in dieser Verweigerung eventuell die gegen Reinhold Forster verhängten Sanktionen begründet und wurden vom Sohn sogleich literarisch verarbeitet?
Jemand musste Reinhold verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Könnte schon eher zutreffen, wenn man sich anschaut, dass sein Vater mehrmals von Cook unter Kajütenarrest gestellt worden ist.
Oder breitet Georg zum Anfang minutiös seinen Tagesablauf vor uns aus?
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Auch das nicht unwahrscheinlich, denn was soll man ohne Fernseher, I-Phone und Internet in seiner kleinen Kabine schon anfangen, 1111 Tage lang.
Luana, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden… Denkbar, möglicherweise hatte er ja auf einer der angesteuerten Südseeinseln nach einem Landgang was am Laufen, der Junge war 17 und auf einem Schiff voller Männer unterwegs, aber würde man so einen wissenschaftlichen Reisebericht beginnen?

Ich sehe schon, das bringt alles nichts, ich sollte einfach geduldig abwarten und mich wie ein Maulwurf langsam aber stetig auf die greifbar nahen Festtage zubewegen. Jan Schumacher vom Eichborn-Verlag ist zum Punkt geworden, ich bin eine Linie. Ich komme voran.

Kaufen, kaufen, kaufen (in dieser Reihenfolge):

Und für mich einmal den Forster, bitte.

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Happy Birthday nachträglich,

11. Dezember 2007

Emily Dickinson.

If I can stop one heart from breaking,
I shall not live in vain:
If I can ease one life the aching,
Or cool one pain,
Or help one fainting robin
Unto his nest again,
I shall not live in vain.

Quasi als Update zu Das Schwirren eines Vogels auf Blütenblättern, der Aufprall einer Nippesfigur auf dem Fußboden, Teil 2, wurde erst anno 2000 die angeschlossene Photographie von ca. 1850 entdeckt.

Und zwar auf Ebay. Es ist das zweite Foto von Emily Dickinson, das je bekannt wurde.

Sogar erst vor zehn Minuten wurden ihre sämtlichen Gedichte entdeckt, aber nur von mir… Wenn man sich die .zip-Datei saugt, was wegen ausgelaufenem Copyright legal sein sollte, kann man sich die 2006er Hanser-Ausgabe ihrer Gedichte sparen, was trotzdem schade wäre. Die ist nämlich zweisprachig.

Das lebenslange Fräulein Barfuß-Dichterin wird mir die paar Stunden Verspätung nachsehen. Sie war eh ein so wenig greifbares Wesen.

Probably Emily Dickinson, ca. 1850

Die Bildrechte an Emily Dickinson bleiben trotz der mehr als 70 Jahre post mortem auctoris wie immer bei ihren Inhabern.

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So dürft ihr nach eurem eigenen Gesetz heute nicht hier stehen, sondern müsstet alle tot sein, wenn euer Gesetz wahrhaftig wäre

10. Dezember 2007

Update zu Über die Magie des Bösen:

Ich möchte nun zu gerne wissen, wer es war, der den Befehl gab, mich festzunehmen und zu hängen. Ich lebte friedlich dort mit meiner Familie im Schatten der Bäume und tat genau das, was General Crook mir geraten hatte zu tun. Ich habe oft um Frieden gebeten, aber Ärger kam immer von den Agenten und Dolmetschern. Ich habe nie Unrecht ohne Grund getan, und wenn ihr von Unrecht redet, oder auch nur an Unrecht denkt, so tätet ihr besser daran, an das Unrecht zu denken, das ihr dem Roten Manne zugefügt habt, und das tief und weit wie ein Ozean ist, durch den niemand mehr waten kann, ohne darin zu ertrinken.

Geronimo bei San Bernardino Springs
zu General George Crook, 25. März 1886.

Je ne suis pas d’accord avec ce que vous dites, mais je me battrai jusqu’à la mort pour que vous ayez le droit de le dire.

Voltaire

Skull & Bones LogoGeorge Walker Bush, der erste ungewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hat noch nie in seiner Amtszeit, wozu er die Befugnis und eine moralische Verpflichtung hätte, eine einzige Begnadigung von einer Todesstrafe ausgesprochen. Vielmehr hat er auch Frauen, geistig Behinderte und Minderjährige braten lassen. Seinen Erbfeind Saddam Hussein, erst ein Verbündeter der USA, später Kriegsgegner seines Vaters George Herbert Walker Bush, hat er als den Inbegriff des Bösen, nicht wesentlich über dem Satan stehend, stilisiert. Husseins Strafverteidiger Ramsey Clark, früherer Justizminister und schon Verteidiger von Slobodan Milošević, spricht nicht von einem Prozess, sondern einer Zirkusnummer mit ziemlich vielen Clowns und festgelegtem Ausgang (”Wir brauchen keinen Prozess, sondern eine Hinrichtung!”).

Geronimo, 76Ferner gehört George Walker Bush jun. der diskreten Gesellschaft Skull & Bones an, die der Yale University angeschlossen ist und über deren Gebräuche man naturgemäß nicht viel weiß, außer dass ihre Mitglieder bei der Initiation Blut aus einem Schädel trinken. Besonders geeignet schien Bushs Großvater, dem Senator Prescott Bush, dafür der Schädel des Apachenhäuptlings Geronimo; er stahl ihn 1918 aus dem Grab in Fort Sill bei Oklahoma und schenkte ihn seinen Mit-Bonesmen. Himmelangst kann einem werden, wenn man Ismael bekennen hört: “A whale-ship was my Yale College and my Harvard.”

Persönlich imponiert mir in dem ganzen Gruselkabinett Ramsey Clark: Der äußert sich so missbilligend wie jeder moralisch Empfindende auch über seine Schützlinge, steht aber nicht an, einige der schlimmsten Verbrecher der Welt zu verteidigen, weil sie ein Recht auf einen fairen Prozess haben — einzig aus dem Grund, dass sie, was schwer zu widerlegen wäre, Menschen sind und den Menschenrechten unterliegen. In der Bewertung meiner weiland Facharbeit über Günter Wallraff: Ganz unten hat mir mein Deutschlehrer “engagierte Sachlichkeit” bescheinigt und nur den letzten von 15 möglichen Punkten hat verweigert: weil ich nicht deutlich genug zwischen Äußerungen der “linken” und “rechten” Presse unterschieden hatte. Dabei wäre mir unwohl gewesen. Wichtiger finde ich heute noch das positiv moralische Handeln nach Kant, das sich von der Kohlschen Überbewertung dessen, “was hinten rauskommt”, durch knochenharte Stringenz in der Pflichterfüllung unterscheidet:

Der Begriff der Pflicht fordert also an der Handlung, objektiv, Übereinstimmung mit dem Gesetze, an der Maxime derselben aber, subjektiv, Achtung fürs Gesetz als die alleinige Bestimmungsart des Willens durch dasselbe.

Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft, 1788

Ab 1952 hieß das: A man’s gotta do what a man’s gotta do. Es gibt nämlich auch anständige Amerikaner. Schon der allerfrüheste Donald Duck sah am Ende seines ersten Filmauftritts 1934 die Fragwürdigkeit seines Tuns ein und bestrafte sich gegenseitig mit seinem Kompagnon selbst.

Bild: Skull & Bones Logo, Geronimo: Public Domain;
Film: The Wise Little Hen, 1934.

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Das Bild zur Geschichte hinter der Geschichte

9. Dezember 2007

Update zu The Life of Moby and the Death of Mocha:

Stephan hat gestern den Originalartikel aus dem Independent beigebracht. Musste auf drei Mal gescannt werden, das Mittelstück davon einzupassen war das Gesellenstück für einen DTP-Redakteur, dafür können Sie den Text vom 4. Dezember jetzt durch einfaches Anklicken groß stellen. Sieht doch viel besser aus.

The stories behind some of literature’s best-known novels, The Independent, 26 November 2007

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Wo der Nikolaus wohnt

7. Dezember 2007

Vom Seeleuteretten, Kinderbeschenken
und Urlaubmachen

Elke hat fast das Christkind gesehen und macht ein Update zu Stephans Only that day dawns to which we are awake:

Elke HegewaldDurch die Landschaft von Lykien in der heutigen Türkei fließt das Flüsschen Myros. Nicht weit von der Stelle, wo der Myros in das Mittelmeer mündet, liegt das Städtchen Patara. Das Städtchen liegt dort schon sehr lange, ist voll von Geschichte und deren Ruinen, voll von wundersamen und wundertätigen Legenden.

Ich bin dort gewesen, vor ein paar Jahren, in einem Urlaub zwischen Ruhe und Abenteuer fernab vom wuselnden Touristentrubel. Patara liegt für mich am Ende eines unvergesslichen Tages, an dem ich an eben jener Mündung des Myros aus einem Kanu stieg, das mich flussabwärts dorthin getragen hatte. Die Haut von der Sonne verbrannt und die Fußsohlen vom kochendheißen Sand an einer Schwefelquelle in der Wildnis. Deren heilsamer Schlamm war uns nach dem Bade in der Gluthitze vom Leib geplatzt, bevor wir, gefühlte Halbwilde, uns in einem Teich mit silberklarem Nass wieder in Zivilisationsmonster verwandelten. Ein bisschen erschöpft vom Fooltime-Manövrieren mit dem Stechpaddel und den Aufregungen beim Umschiffen tückischer Baumstämme und Überwinden harmlos sprudelnder Stromschnellen stand ich am Meer – atemlos. Denn zur Rechten streckte die Sonne grad den großen Zeh in die See und vor mir, auf dem Weg zum Wasser, lag – ein riesiger Teppich aus strahlend weißem, feinem Sand, wie ich noch nie einen gesehen hatte. Ein Paradies. Feenstaub, in den man die Zehen wühlen musste. Und sie ließen ihn auch dann nicht los, als die Wellen die Füße umspülten, die weit, weit in das flache nasse Glitzern hinauswaten konnten… am Strand von Patara.

Hl. NikolausSommer, Sonne und Wasser – man mag es nicht glauben, dass gerade von dorther der Alte kommt, aus dem wir den Rauschebart mit dem roten Mantel gemacht haben, der den Kindern Süßes in die Schuhe steckt. Und doch hat es den Heiligen Nikolaus wirklich gegeben. Und in “meinem” Patara ist er vor fast zweitausend Jahren geboren. Allzu viel weiß man allerdings nicht über ihn und Belegtes gibt es kaum, dafür Legenden zuhauf. Scho recht, wie es sich halt für den Nikolaus gehört, möchte man beinahe sagen. Als Bischof von Myra – das ist da gleich um die Ecke – soll er ein richtiger Powertyp gewesen sein und in dieser Eigenschaft viel Gutes an den Menschen getan haben: Jungfrauen vor dem Los der Prostitution gerettet, Hinrichtungen verhindert, verschleppte Kinder heimgeführt oder gegen den Hunger Korn vermehrt.

Auf dass solches fortdauere, wurde er von aller Welt als Schutzpatron erkoren. Eine Tatsache, die ich schon deshalb sehr begrüße, weil sie mich endlich die Kurve kriegen lässt und rechtfertigend den Bogen schlagen zu Moby-Dick. Denn der Heilige Nikolaus von Myra ist auch der Schutzheilige der Fischer und Seeleute, aus gutem Grund. War er doch neben sonstigen Wundertaten kompetent, Seestürme zu stillen, die Segel zu sortieren und die Navigation zu übernehmen.

Der Mannschaft der Pequod hats allerdings nix genützt. Vielleicht weil sie mehrheitlich Quäker waren und auch sonst nicht die richtige orthodoxe Religion hatten? Hm, ich versteh ja als religionsfernes Mädchen nicht so viel davon, aber sollte ein Patron nicht ohne Ansehen der Person schutzheiligen? Also ich glaub ja, dem hat der Ahab dazwischengepfuscht – welcher heilige Beschützer will schon den Satan retten? Und Herr Melville hatte da wohl auch ein Wörtchen mitzureden. Obwohl er das – so – wahrscheinlich nie zugegeben hätte…

Ich weiß, meine Niklausgeschichte kommt einen Tag zu spät. Wünsche trotzdem allen, was zum Naschen im Schuh gehabt zu haben. Nikolaus sei Dank!

Ach ja, und fahrt mal nach Patara.