Archive for the 'Krähe Elke' Category

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Mit Medusa oder ohne

19. März 2008

Elke sucht Perseus und findet Keto:

Elke HegewaldDa also danach gefragt ward, worüber ich im Nachhinein gar richtig happy bin, fallen mir zwei Interpretationen zu Hermans Cellini-Ahab ein:

Die erste kurz und schlicht und augenscheinlich, ohne Hintergedanken, lässt den Perseus gänzlich außen vor und bezieht sich nur auf die Statue (als solche ist Ersterer einfach nur ein fraglos äußerst fein gelungenes Exemplar). Wenn man Einem das Attribut zuschreibt, “wie aus harter Bronze gegossen” zu sein (Jendis, Seite 212), will man ihm wohl auch eine vergleichbare menschliche Härte und Standfestigkeit bescheinigen, körperlich und in seinem Wesen, oder? Als Kerl aus einem Guss ist unser Ahab — wenigstens bedingt — vorstellbar. So weit, ihm auch noch bronzene Korrosionsbeständigkeit im maritimen Gewerke oder das Edle und den wärmenden Glanz, die diesem Metall anhaften, anzudichten, möcht man fast gar nicht gehen – aber es könnt ja sein. Melville selbst hat jedenfalls durchaus Sympathien für seine düstere Schöpfung, find ich.

William Hogarth, Perseus rettet AndromedaDie zweite, die mir anfangs viel zu abenteuerlich vorkam, um sie hier öffentlich zu machen, gefällt mir inzwischen immer besser und scheint mir überhaupt nicht mehr so abwegig — denn watet unser guter Melville nicht tief in Allegorien und wird er nicht zu Recht des symbolistischen Vorreitertums verdächtigt? Diese Deutung wiederum hat vor allem mit Perseus zu tun, mit seiner Rolle in der griechischen Mythologie und dem, was Cellini in seiner Skulptur vom Perseus-Mythos abbildet. Danach hat nämlich Perseus — entweder mit dem Haupt der Medusa oder auch ohne (da sind die Sagenerzähler sich uneins) — das Seeungeheuer Ketos getötet. Das — ihr ahnt es? — in sprachlich augenscheinlicher Weise zum Namensgeber für Mobys Familie der Cetacea wurde.

So weit, so gut. Ha, und das ist doch ein Thema, wie gemacht für die Elke, auf das sie schon lange gewartet hat.

Bild: William Hogarth: Illustration zum Gedicht »Perseus und Andromeda« von Lewis Theobald: Perseus rettet Andromeda, Radierung 1730–1731, British Museum, Department of Prints and Drawings.

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LiederJan Mayen und die Wahrheit über den alten Flegel

13. Januar 2008

Elke macht ein Update zu ihrem Und Jan Mayen, der alte Flegel:

Elke HegewaldKennt noch jemand Liederjan?

Ganz am Anfang der Siebziger, als sie noch Irish Folk sangen, nannten sie sich Tramps & Hawkers. Und dass deutsches Volksliedgut oder solches, das eins sein will oder könnt’, auch anders geht als im Musikantenstadl, haben sie in ihrer dreißigjährigen Bühnengeschichte fraglos bewiesen. Sie haben irgendwann sogar angefangen, selber welches zu schreiben. Und dürfen mit Fug und Recht den Titel dienstälteste deutsche Folkgruppe für sich beanspruchen. Obwohl der dritte Mann des Trios zugegebenermaßen in den Jahren mehrmals gewechselt hat. Zum vorerst letzten Mal und zugleich überaus augenfällig, als nach dem Tod eines der beiden verbliebenen Gründerväter (Anselm Noffke) 2003 die erste Lieder-Jana, die in Wirklichkeit Hanne heißt, die Truppe veredelte.

Ihr Markenzeichen sind der gepflegte Satzgesang und die Verwendung exotischer Streich- und Zupfinstrumente, die nicht nur den Mittelalteraffinen und -fininnen unter uns das Herz aufgehen lassen. Oder sind die Zeiten längst vorbei, da die unverbesserlichen Romatiker am Lagerfeuer gern ein Opus dieser Urviecher unter den Volksbarden zur eigenen Klampfe nachträllerten?

Jan Mayen View towards south as seen from the Beerenberg Glacier, picture postcardHa, und deren Angewohnheit, in verstaubten Büchern nach alten, vorzugsweise unbekannten Liedern fürs eigene Repertoire zu kramen, lässt sie nun gar in die Annalen des Moby-Dick-Blogs eingehen. Fiel ihnen doch auch die in norddeutschen Walgründen überaus bewanderte Glückstädterin Wanda Oesau und vor allem deren schmalbrüstiger Jan Mayen, der alte Flegel, in die Hände, hier als — wenn auch weitgehend vages — Fundstück längst verbloggt. Und — tadaaa! — sie haben ihn lebendig besungen, wahrscheinlich als erste und einzige nach den ollen Waljägern anno dunnemals. Auf ihrem antiken Scheibchen Mädchen, Meister, Mönche von 1978 nämlich:

Und Jan Mayen, der alte Flegel

Alle segeln nach dem Norden in das eisigkalte Meer
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Groß und stolz die Flagge wehet in der Luft am Großmasttopp.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Joan Blaeu-Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita estZusammen mit dem “Grönländischen Wachtlied”, einem Einströpher zum Wecken der nächsten Wache, und “Unser Bootsmann”, einem derb-zotigen Spottliedchen auf einen solchen selben ist es dort in der Nummer “Wallieder” zu finden.

Mit diesem Fang erhellt sich uns auch schlagartig und auf überraschende Weise die Identität des alten Flegels. Entgegen naheliegender Vermutungen der Ahnungslos-Unwissenden – und auch wenn die Norwegen-Freunde jetzt aus dem Grinsen über mich überhaupt nicht mehr rauskommen – ist der aktuelle Jan Mayen nämlich kein besoffener Maat von der Art des soeben bespöttelten Bootsmanns. Ein unwirtliches Eiland ist’s, gelegen sehr, sehr nördlich, zwischen Grönland und Spitzbergen, und den alten Walfängern als Wegweiser auf stürmischer See dienend:

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick…

sangen sie in ihrem Shanty, wenn sie, womöglich in den Wanten schindernd, an ihm vorbeisegelten. Hei, doch seinen Namen hat es von einem Walkapitän, wie der finstere Ahab einer war: dem Niederländer Jan Jacobs May van Schellinkhout (genannt Jan May), der sich zwischen 1614 und 1635 gelegentlich auf der Insel herumtrieb.

Ismael und seine Kameraden haben Jan Mayen Island nie gesehen, jedenfalls nicht auf der Jagd nach Moby Dick. Die Pequod segelte auf der andern Seite der Welt entlang, gen Süden. Und endete irgendwo da hinter Australien…

Aber dafür kann der alte Jan Mayen nix.

Bilder: Vidar’s Jan Mayen Page;
Joan Blaeu (Amsterdam 1596—1673):
Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita est;
RGBfoto.
Film: Liederjan: Auswandererlied, WDR Folkfestival, 1978.

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Wo der Nikolaus wohnt

7. Dezember 2007

Vom Seeleuteretten, Kinderbeschenken
und Urlaubmachen

Elke hat fast das Christkind gesehen und macht ein Update zu Stephans Only that day dawns to which we are awake:

Elke HegewaldDurch die Landschaft von Lykien in der heutigen Türkei fließt das Flüsschen Myros. Nicht weit von der Stelle, wo der Myros in das Mittelmeer mündet, liegt das Städtchen Patara. Das Städtchen liegt dort schon sehr lange, ist voll von Geschichte und deren Ruinen, voll von wundersamen und wundertätigen Legenden.

Ich bin dort gewesen, vor ein paar Jahren, in einem Urlaub zwischen Ruhe und Abenteuer fernab vom wuselnden Touristentrubel. Patara liegt für mich am Ende eines unvergesslichen Tages, an dem ich an eben jener Mündung des Myros aus einem Kanu stieg, das mich flussabwärts dorthin getragen hatte. Die Haut von der Sonne verbrannt und die Fußsohlen vom kochendheißen Sand an einer Schwefelquelle in der Wildnis. Deren heilsamer Schlamm war uns nach dem Bade in der Gluthitze vom Leib geplatzt, bevor wir, gefühlte Halbwilde, uns in einem Teich mit silberklarem Nass wieder in Zivilisationsmonster verwandelten. Ein bisschen erschöpft vom Fooltime-Manövrieren mit dem Stechpaddel und den Aufregungen beim Umschiffen tückischer Baumstämme und Überwinden harmlos sprudelnder Stromschnellen stand ich am Meer – atemlos. Denn zur Rechten streckte die Sonne grad den großen Zeh in die See und vor mir, auf dem Weg zum Wasser, lag – ein riesiger Teppich aus strahlend weißem, feinem Sand, wie ich noch nie einen gesehen hatte. Ein Paradies. Feenstaub, in den man die Zehen wühlen musste. Und sie ließen ihn auch dann nicht los, als die Wellen die Füße umspülten, die weit, weit in das flache nasse Glitzern hinauswaten konnten… am Strand von Patara.

Hl. NikolausSommer, Sonne und Wasser – man mag es nicht glauben, dass gerade von dorther der Alte kommt, aus dem wir den Rauschebart mit dem roten Mantel gemacht haben, der den Kindern Süßes in die Schuhe steckt. Und doch hat es den Heiligen Nikolaus wirklich gegeben. Und in “meinem” Patara ist er vor fast zweitausend Jahren geboren. Allzu viel weiß man allerdings nicht über ihn und Belegtes gibt es kaum, dafür Legenden zuhauf. Scho recht, wie es sich halt für den Nikolaus gehört, möchte man beinahe sagen. Als Bischof von Myra – das ist da gleich um die Ecke – soll er ein richtiger Powertyp gewesen sein und in dieser Eigenschaft viel Gutes an den Menschen getan haben: Jungfrauen vor dem Los der Prostitution gerettet, Hinrichtungen verhindert, verschleppte Kinder heimgeführt oder gegen den Hunger Korn vermehrt.

Auf dass solches fortdauere, wurde er von aller Welt als Schutzpatron erkoren. Eine Tatsache, die ich schon deshalb sehr begrüße, weil sie mich endlich die Kurve kriegen lässt und rechtfertigend den Bogen schlagen zu Moby-Dick. Denn der Heilige Nikolaus von Myra ist auch der Schutzheilige der Fischer und Seeleute, aus gutem Grund. War er doch neben sonstigen Wundertaten kompetent, Seestürme zu stillen, die Segel zu sortieren und die Navigation zu übernehmen.

Der Mannschaft der Pequod hats allerdings nix genützt. Vielleicht weil sie mehrheitlich Quäker waren und auch sonst nicht die richtige orthodoxe Religion hatten? Hm, ich versteh ja als religionsfernes Mädchen nicht so viel davon, aber sollte ein Patron nicht ohne Ansehen der Person schutzheiligen? Also ich glaub ja, dem hat der Ahab dazwischengepfuscht – welcher heilige Beschützer will schon den Satan retten? Und Herr Melville hatte da wohl auch ein Wörtchen mitzureden. Obwohl er das – so – wahrscheinlich nie zugegeben hätte…

Ich weiß, meine Niklausgeschichte kommt einen Tag zu spät. Wünsche trotzdem allen, was zum Naschen im Schuh gehabt zu haben. Nikolaus sei Dank!

Ach ja, und fahrt mal nach Patara.

Nikolausschiff

Bilder: Tintoretto: Nikolaus von Myra via Christkindls Weihnachtsseiten;
Lorenzo Monaco, 15. Jahrhundert: Nikolaus rettet die Schiffbrüchigen,
Galleria dell’ Academia Venecia via Die Kelten.

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Für Moby-Dick gibt’s keine Orden

11. August 2007

Über eine große weis(s)e Walin im russischen KaviarKarpfenteich

Elke macht ein Update zu: Voll der Moby
und erst recht zu Die Welt spricht Moby:

Elke HegewaldAllzu viel erfährt der virtuelle Fremdling nicht im kyrillischen Labyrinth des World Wide Web – über die Frau, bei der Herman Melvilles Weißer Wal russisch sprechen lernte. Nicht mal ein Foto ist aufzutreiben. In einem Land, in dem so viele Leute Poeten sind, ohne auch nur selbst eine Ahnung davon zu haben, werden Übersetzer wohl nicht zu Helden ihrer Leser, wenn in ihnen nicht selber ein kleiner Puschkin wohnt oder sie nicht wenigstens ihren eigenen Moby-Dick geschrieben haben. Ich versuche trotzdem mal, ein Bild von ihr zu zeichnen, sei es auch ein Schemen… wie Der Wal in Melvilles erstem Kapitel

Inna Maksimowna Bernstein, Jahrgang 1929. Eine, wenn man den spärlichen Spuren glauben darf, geistig noch sehr rege alte Dame, die stramm auf die Achtzig zugeht. Berufsbezeichnung: Übersetzerin aus dem Englischen. Wobei schon das nicht so ganz stimmt: die fremdsprachige Ausschließlichkeit ist wohl erst mit den Jahren gewachsen und die junge Bernsteinin soll sich früher auch schon mal in dänischen Übertragungen versucht haben.

Geboren ist sie in Moskau. Und ihr Elternhaus bezeichnete sie 2001 in einem Interview freimütig als nicht sonderlich literaturverbunden. Um gleich darauf – wie könnte es anders sein, wenn man Bernstein heißt – mit einer jüdischen Großmutter väterlicherseits herauszurücken, die jiddische Gedichte schrieb und darob sogar mit einem kleinen Eintrag in der Encyclopaedia Judaica verewigt ist. Worauf die inzwischen selbst betagte Enkelin nicht wenig stolz zu sein scheint.

Für die waschechte Moskwitschka Inna B. kam eigentlich für die Studien andrer Herren Sprachen nur die philologische Fakultät der Moskowskogo Gosudarstwennogo Universiteta (MGU) in Frage, was auf Deutsch die Staatliche Moskauer Universität ist. Und so geschah es, im Studienfach Romano-germanische Philologie. Die Absolventen der Filfak (Filologitscheskij Fakultet) zeichneten sich immer durch die solide bis exzellente Beherrschung fremder Idiome aus; das weiß man – hat man doch in fröhlichen Studentenzeiten selber ein paar fesche und redegewandte Austauschstudiosi von da gekannt.

Bernsteins erste veröffentlichte Übersetzung waren die humorigen Told after Supper-Geschichten von Jerome K. Jerome, den die Welt vor allem als Autor seiner berühmten – und in Deutschland als Heinz-Erhardt-Klamauk verfilmten – Drei Mann in einem Boot kennt. Es folgten Werke von Sir P. G. Wodehouse ebenso wie weitaus Ernsteres, so Erzählungen von J. D. Salinger, Thomas Malorys Le Morte d’Arthur oder Captains Courageous von Rudyard Kipling.

Cover Moby-Dick 2007, russischNicht zu vergessen unser breitstirniger Wal, der zu ihren beeindruckendsten Leistungen zählen dürfte. Und das nicht nur, weil es immerhin stolze 110 Jahre brauchte, bis die Russen endlich auch ihren Moby-Dick (erschienen 1961, wahrscheinlich im Verlag Chudoshestvennaja Literatura) hatten.

Was mich eine vom Schicksal launig geschnörkelte Parallele ziehen lässt, die mir am Wegesrand auffiel: Genau so viele Jahre ist nämlich auch Inna Bernstein jünger als Herman Melville. Und – was beide wundersam über mehr als ein Jahrhundert geradezu verbindet – sie war, genau wie Melville, 32 Jahre alt, als sie mit dem Wal kämpfte. Genug der Spinnwebereien.

Was dagegen unbedingt noch hierher gehört: Die Bernstein scheint – was die Russen wiederum deutlich von den Deutschen mit ihren Jendis und Rathjen und wie sie sonst noch alle heißen unterscheidet – mit ihrer Übersetzungsversion bis heute allein auf weiter Flur dazustehen. Jedenfalls vermerken die mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder erscheinenden neuen Moby-Dick-Ausgaben bis auf den heutigen Tag: Übersetzung aus dem Englischen: Inna Bernstein. Die vorerst letzte stammt aus diesem Jahr, 2007.

Neben immer noch neuen literarischen Übersetzungen (zur Zeit wieder mal Wodehouse beim Verlag Ostoshje) beteiligt sich die ehrwürdige alte Dame an öffentlichen wissenschaftlichen Diskussionen zu Übersetzungstheorie und -praxis, ja sogar zu Übersetzungs-”Politik”. So erfährt der geneigte Leser in dem bereits erwähnten Interview auf die Frage nach nicht übersetzbarer Prosa Interessantes, durchaus eigenwillig Bernsteinisches, das einen Elkeschen Versuch wert ist, sie hier möglichst wörtlich übersetzt zu zitieren:

Ist dem Leser ein Buch nicht verständlich, bedeutet das, es ist nicht übersetzbar. Sehen Sie, so ist bei der Übersetzung von Ulysses [gemeint ist die russische Übersetzung] nichts Gutes herausgekommen. Überhaupt ist die Übersetzung dieses Romans teilweise unter dem Druck einer politischen Konjunktur entstanden; die Amerikaner tönten damals dauernd im Radio: “Jaaa, in der Sowjetunion ist der Ulysses immer noch nicht übersetzt!” Ich denke, das ist ein Buch für Schriftsteller. Um zu verstehen, was genau Leopold Bloom am 16. Juni 1904 in Dublin gesehen hat, … muss der Leser nach Dublin fahren. Andererseits kann man andere Autoren, die dem Weg von Joyce gefolgt sind, wunderbar übersetzen. Bei Faulkner, bei den Franzosen ist der stream of consciousness einfach großartig gelungen…

Für die so zahlreichen Übersetzungen englischer und amerikanischer Literaturklassiker über viele Jahrzehnte hat Inna Bernstein nie einen Preis bekommen. Befragt, ob sie das ärgere, antwortete sie mit Würde und in weiser Gelassenheit:

Wenn man auf dieses Thema zu sprechen kommt, sage ich gewöhnlich: Ja, es war nun mal so, dass ich zwei Reihen englischer und amerikanischer Bücher übersetzte – immer in Zeiten des Kalten Krieges. Wir haben unseren Beitrag zur Annäherung der Kulturen geleistet. Und ich hätte schon nichts dagegen gehabt, für den Moby-Dick von den Amerikanern einen Orden zu kriegen. Schließlich war unsere Arbeit für sie auch wichtig.

Nun, sie haben mir keinen gegeben…

St.-Basilius-Kathedrale Moskau 2006

Bilder: ozon.ru, St.-Basilius-Kathedrale, Moskau;
Lizenz: Fair Use, Creative Commons.

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Die Welt spricht Moby (und Moby spricht russisch)

23. Juli 2007

… wie kann der unbelesene Ismael dann hoffen, das altehrwürdige Chaldäisch auf der Pottwalstirn zu lesen? Ich stelle diese Stirn nur vor euch hin. Lest sie, wenn ihr könnt.

Kapitel 79, Seite 545

Elke hat ihr Schulrussisch nicht nach der letzten Schulaufgabe verdrängt, sondern zu Ende studiert. Darum weiß sie heute:

Elke HegewaldHabt ihr Lust auf ein bisschen Nachwort-Fleddern? Ich meine, so ein kleines Waljagen ohne Ozean? oder Harpunenwerfen aus dem Bücherregal? Eine ausdauernde Kissenschlacht in der Kajüte…?

Dabei hatte ich sowas gar nicht nicht vor. Eigentlich war ich einer Walsichtung in bislang unerforschten Jagdgründen auf der Spur, und zwar in russischen Wassern. Also nicht in denen zum Gurgeln jetzt, den Wässerchen (Wodki) mit der hohen Drehzahl. Nee, ich meine die großen, ausgewachsenen (vody) von anderem Geist. Aber davon später.

Bei der ganzen Sucherei kam mir nämlich die Neugier in die Quere – und die einschlägige Frage, wann denn nun sich Moby Dick überhaupt in die weite Welt aufgemacht und in fremd(sprachig)en Meeren schwimmen gelernt hat. Denn wie wir wissen, tat er sich damit ja etwas schwer.

Mobi Dik 2006Das war von vornherein nicht unbedingt zu erwarten, hatte doch der junge, hoffnungsvolle Autor mit seinen beiden Frühwerken, den Südseeromanen Typee und Omoo schnellen – auch internationalen – Ruhm eingeheimst. Doch dann begann mit The Whale, diesem „alle Konventionen brechenden Romanmonstrum“ (Göske, Seite 904), mit dem der auf eben selbige geeichte Leser nichts anzufangen wusste, bereits sein ebenso schneller Abstieg. Den perfekt zu machen er dann nur noch den Pierre (1852) schreiben musste. Nach dem wurde ob der enthaltenen „sexuellen Verirrungen“ sogar seine Zurechnungsfähigkeit angezweifelt. Obwohl er nie aufgehört hat zu schreiben, hatten die Heimat und die Welt ihren Melville, als er fast vierzig Jahre später starb, so gut wie vergessen.

Dabei wäre es womöglich geblieben, wenn nicht die eigensinnig verschlungenen Wege der Kunst und ihrer Jüngerschaft in den zwanziger Jahren des nachfolgenden Jahrhunderts zu einem wundersamen Melville-Revival geführt hätten, in dem man ihn begierig wiederentdeckte und neu zu lesen begann (siehe Göske, S. 904). Obwohl der Herr Nachwörtler es nicht dezidiert erwähnt, kombiniert Ms. Elke Holmes mal (logisch!), dass dafür die Veröffentlichung des Melvilleschen Nachlasses 1924 verantwortlich zu machen ist.

Man feierte Melville als großen Modernen, und den natürlich vor allem als Schöpfer des Moby-Dick. Ausschweifende und literaturwissenschaftlich verquaste Definitionen möchte ich dem geneigten Mitleser an dieser Stelle gerne ersparen. Nur die feine, mir so wunderbar moby-kompatibel scheinende Erklärung für Modernität, von Charles Baudelaire bereits 1863 formuliert und von mir aus dem Wiki-Artikel über die Moderne rausgeklau(b)t, sei hier zitiert:

Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist.

Und zu dieser Zeit begab es sich, dass der Moby polyglott zu werden anfing. Ha, und es ist durchaus der Erwähnung wert, dass die erste fremde Sprache, die er lernte, die deutsche war.

Im Jahr 1927 erschien mit Wilhelm Strüvers stark gekürzter, auf die Abenteuerhandlung beschränkter Adaption die erste fremdsprachige Buchfassung überhaupt (Berlin: Knaur).

Kapitel 79, Göske, Seite 904

Damit war’s allerdings mit der Melvilleschen Deutschsprachigkeit erstmal wieder für eine ganze Weile vorbei. Denn “die ersten seriösen Versuche deutscher Verlage, eine verlässliche Werkausgabe vorzulegen, erlitten Schiffbruch; sie gerieten in den Strudel der Nazizeit und des Krieges.” (ebenda) Dass einer dieser – zugegeben stichhaltigen – Hinderungsgründe, ja selbst, dass beide zusammen als Argument für das Immer-noch-nicht-Vorhandensein einer umfänglichen Ausgabe der Werke herhalten könnten, dürfte weit schwerer einzusehen sein…

Mobi Dik russische ErstausgabeWoanders begann “Moby-Dick” inzwischen munter und babylonisch zu erscheinen. Bereits vor dem II. Weltkrieg hatten ihn die Holländer, die Ungarn und die Tschechen übersetzt vorliegen. Als meisterhaft gilt die erste italienische Fassung von Cesare Pavese, der seinem Vorwort zur ersten Ausgabe 1932 die programmatische Verkündigung voranstellte: “Moby-Dick übersetzen heißt mit der Zeit gehen” (siehe Göske, Seite 905). Und über den vielleicht der Stephan noch was weiß.

Von Jean Giono, der 1939 den Wal zu seinen Franzosen brachte und den Melville nach dieser Arbeit nicht losließ, weiß der aufmerksame Leser schon aus den hiesigen Walfängen. In wie viele Sprachen dieser “Walbulle im Karpfenteich der Romanliteratur” (Göske, Seite 869) bis zum heutigen Tag übersetzt wurde, vermag wohl nicht mal mehr die größte Melville-Koryphäe zu sagen – hat er doch mittlerweile die ganze Welt erobert.

Aber ich bin euch noch was schuldig. Denn aufgemacht hatte ich mich ja, um Moby Dick in Russlands Weiten aufzuspüren.

Der obige Fund ist eine Online-Übersetzung des Romans auf der Seite der Elektronnaja Bibliotheka, basierend auf der Hendricks House Edition, die von Professor Eugene F. Irey der University of Colorado bearbeitet wurde. Der auf dieser Erwähnung ausdrücklich besteht. Genauer gesagt, handelt es sich um zweimal die identische Volltextversion, übersetzt von Inna Bernstein, mit paralleler englischsprachiger Fassung. Die einzige Erklärung, die ich für diese Doppelung für mich gefunden habe, ist, dass es sich wohl um zwei Versuche des Hochladens handelt und schlicht und ergreifend der Speicherplatz für das monströse Upload nicht gereicht hat. Denn so ganz Volltext – also bis zum Ende – ist es denn doch nicht, denn selbiger bricht jeweils nach dem 60. Kapitel ab.

Weitere Googeleien führten lange ins Nichts, bis – ja, bis ich auf die Idee kam, den russischen Wal doch einfach mal mit kyrillischen Zeichen und entsprechend getippselten Suchanfragen aus der Reserve zu locken. Wozu hat man schließlich mal, vor einem gefühlten Walalter, mit summa cum laude sein Diplom in russischsprachiger Literatur erschwitzt. Und siehe da, das Ungetüm kam zutraulich ans Ufer geschwommen, seinen Papa Melville nebst reger einschlägiger Literaturwissenschaftlerei im Schlepptau.

Mobi Dik 1967Mit dem, was ich da so alles an Bord gehievt habe, werde ich euch gelegentlich häppchenweise füttern – wenn ihr Lust habt. Ich muss mich selber erst noch da durchwühlen. Einstweilen nur so viel: Es gibt diverse komplette Online-Versionen des Romans: diese hier zum Beispiel mit erklecklichem Anmerkungsteil und einem Nachwort von J. Kovaljov, allerdings leider ohne Inhaltsverzeichnis, dafür aber in Seiten gegliedert. Eine sperrigere mit fortlaufendem Text hat ein Inhaltsverzeichnis am Ende.

Die Russen können ihren Moby erst seit 1961 in kyrillischen Lettern lesen, dank der erwähnten Frau Bernstein, die das absolute Moby-Monopol zu haben scheint.

Und der erste Satz – heißa! – lautet: Зовите меня Измаил (Zovitje menja Izmail). – Was eins zu eins übersetzt unser “Nennt mich Ismael” ist.

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Zwischen Elephant Island und den Jagdgründen von Mocha Dick

12. Juli 2007

Elke kennt sich da aus und gibt Stephan Antwort:

Who is the third who walks always beside you?
When I count, there are only you and I together
But when I look ahead up the white road
There is always another one walking beside you
Gliding wrapt in a brown mantle, hooded
I do not know whether a man or a woman
— But who is that on the other side of you?

T.S. Eliot in: The Waste Land, 1922.
Die Strophe ist Shackletons Marsch
über das Südgeorgische Gebirge gewidmet.

Elke HegewaldDas Stichwort Endurance und noch mehr die Erwähnung Sir Ernest Henry Shackletons, des exzessiven Antarktis-Fahrers, haben mich an etwas erinnert: Ich habe ihn vor gar nicht so langer Zeit nämlich auch gesehen, den Dokumentarfilm Verschollen im Packeis (Originaltitel: Shackleton’s Legendary Antarctic Expedition – USA 2000) und fand ihn atemberaubend. Das heißt, so es denn gestattet ist, den tiefen und anhaltenden Eindruck einer Dokumentation in bewegten Bildern so zu umschreiben.

Und ich kann Stephan verstehen. Denn die Story fühlt sich an wie das perfekte Szenario zu einem dramatischen Abenteuerfilm, das man nicht spannender hätte ersinnen können. Und doch ist es eine von den Geschichten, die das (Forscher-)Leben schreibt, auch wenn man sie kaum glauben mag:

Shackletons Expedition, die drei Tage vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges begann und die erste Überquerung des antarktischen Kontinents werden sollte, scheitert. Nach 327 Expeditionstagen wird die Endurance am 27. Oktober 1915 vom Packeis zerdrückt. Die Besatzung ist zu diesem Zeitpunkt tausende Kilometer von jeder Zivilisation entfernt. Sie erreicht mit ein paar geretteten Booten, die sie auf einem Marsch voller Strapazen mit Manneskraft übers Eis gezogen und zwischen Eisschollen hindurch manövriert hat, am 15. April 1916 Elephant Island auf den südlichen Shetlandinseln.

Ernest Shackleton, Shackleton's Antarctic Journey, EnduranceVon dort aus bricht Shackleton mit fünf Männern auf, um Hilfe zu holen, und es gelingt ihm und dem Skipper der Endurance, Frank Worsley, in einer seemännischen und navigatorischen Meisterleistung nach 15 Seetagen am 10. Mai das 1200 km entfernte Südgeorgien zu erreichen. Nach einem kräftezehrenden Fußmarsch über das Gebirge erreichen sie am 20. Mai die Walstation Stromness an der bewohnten Ostküste der Insel. Und endlich glückt am 30. August 1916, erst im vierten Anlauf, die spektakuläre Rettungsaktion, und Shackleton holt seine Männer nach Hause.

Sein Ruhm ist in den heißen Kriegszeiten groß genug, ihn zum Nationalhelden zu machen, und kann dazu herhalten, die Frontkämpfer zu motivieren. Viele seiner Männer melden sich freiwillig an die Front – und fallen.

Das Buch zum Film schrieb die Amerikanerin Caroline Alexander, die einige Jahre zuvor bereits einen Bildband über die Shackleton-Expedition veröffentlicht hatte. Ihr Verdienst dabei ist vor allem eine lebendige Zeichnung der Charaktere der Crew mit Hilfe der alten Bordbücher und Dokumente:

… eine Besetzung von altgedienten Forschungsreisenden, Wissenschaftlern und der Schiffsmannschaft. Wir erfahren beispielsweise, daß der Zimmermann und Schiffbauer Henry McNish — oder “Chippy”, wie er genannt wurde — “weder verträglich noch tolerant”, und Mrs. Chippy, seine Katze, “voller Charakter” war. Beschreibungen dieser Art aus erster Hand, gepaart mit 170 von Frank Hurleys intimen Fotografien (hier zum ersten Mal umfassend zusammengetragen), durchdringen den Rumpf der Endurance und die rauhen Schalen dieser zähen Männer. Sie bringen das kaum bekannte häusliche Leben einer Expedition zum Vorschein — das Liedersingen, die Festgelage, die Vorträge und die Kameradschaft — so daß uns diese Leute über die stereotype Gestalt der Forscher hinaus vertraut sind, als die Entbehrungen einsetzen und wir um ihre Sicherheit bangen.

Alexander stellt Shackleton als einen inspirierenden Optimisten dar, als “einen Führer, dessen Mannschaft für ihn stets an erster Stelle kommt”. Durch die zermürbende Tortur hindurch zeigen Shackleton und seine Männer, was Durchhaltevermögen und Größe sind. Endurance ist ein intimes Porträt einer Expedition und des Überlebens. Der Leser wird Respekt vor diesen kühnen Seelen gewinnen und ihre unvorstellbare Mühe und ihren halbvergessenen Ruhm besser kennenlernen.

Aus der Amazon-Beschreibung

Die Filmemacher hatten das Glück, dass sie hunderte Originalfotos und umfangreiches Filmmaterial verwursten konnten. Hinterlassen von einem Teilnehmer der Unternehmung, dem australischen Kameramann Frank Hurley, ohne den es diese faszinierende Dokumentation wohl nicht geben würde.

Randall Enos, Mocha DickWas für Assoziationen uns hier zu Moby-Dick hintreiben?

Nun, eigentlich graben wir (danke, Stephan!) in der Nähe der Herkunftswurzeln des Weißen Wals, sogar in zweierlei Richtung.

Denn dass erstens Owen Chases Bericht zum Untergang der Essex eine der Steilvorlagen für Melvilles Roman war, ist unbestritten. Und die Strapazen der (zugegeben kannibalischen) schiffbrüchigen Walfänger von 1821 mit denen der Shackleton-Männer zu vergleichen, scheint mir so weit hergeholt nicht.

Und zweitens lassen uns diese – zu guter Letzt doch noch mehr oder weniger glücklich (oder glimpflich?) ausgegangenen – Schicksale der Besatzungen doch wiederum tiefer nachsinnen über Melvilles drastisch geänderte Schreiberpläne und -wendungen. Die ihn zuletzt bewogen haben, nur den armen Ismael überleben zu lassen im Kampf der Gewalten: “Und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.” (Hiob 1,15, 16, 17 und 19) Dass er es mal anders vorhatte, weiß der Herr Nachwörtler Göske (und bestimmt auch der gute Hawthorne):

Auch Melville nahm nun auf das Schicksal der Essex Bezug, aber er wollte im archetypischen Kampf zwischen Wal und Mensch keine Überlebenden. Während ursprünglich wohl wichtige Nebenfiguren… einen frühen Tod finden sollten, entschloss er sich nun, die Männer auf der Pequod am Ende in einer einzigen, dramatischen Katastrophe zusammen ins Verderben zu schicken.

Göske, Seite 881

Bliebe noch Stephans Frage, ob es noch weitere belegte Walangriffe auf große Schiffe gegeben habe.

Kurz nach der Beendigung seines Romans erfuhr Melville aus den Zeitungen vom Untergang der Ann Alexander im August 1851. Ein Pottwal hatte sie gerammt und versenkt (siehe Göske/Jendis, Seite 884). Er war erschüttert und schrieb in einem Brief nach New York:

“Nachdem ich die letzten Tage mit Axt, Spaltkeil & Schlegel im Walde gewirtschaftet hatte, war mir der Wal fast vollständig entglitten (& ich war froh drum), und krach! kommt Moby Dick höchstselbst… herbei & erinnert mich an das, was ich in den letzten ein oder zwei Jahren getrieben habe…. - Ihr Götter! Was für ein Kommentator ist doch dieser Wal der Ann Alexander!… Ich frage mich, ob meine böse Kunst [evil art] dies Ungeheuer aufgestört hat.

Ebenda, Seite 884

Und dann ist da mindestens noch der legendäre und unfassbare Mocha Dick, kein Geringerer als der Namensgeber “unseres” Wals. Und in der Tat, ein bisschen unfassbar ist er immer noch. Der Abschnitt zu Mocha Dick unter Walfang in der Wikipedia ist – verlautbart – mangels ausreichender Belegbarkeit von der Löschung bedroht. Umso erstaunlicher, als laut und deutlich ein Zeitungsartikel im New York Knickerbocker Magazine vom Mai 1839 als Beleg angeführt wird. Der m.E. nicht mehr vage sein kann als eben jener Mocha Dick selbst. Aber es handelt sich hier offenbar um den auch längst immer wieder durch unsere eigenen Aufzeichnungen geisternden J. Reynolds, dessen einziger Makel zu sein scheint, dass er, weiß der Geier warum, niemals nicht ins Deutsche übersetzt ward. Oder? Wolf, erleuchte uns!

[Der Reynolds wurde erstmals von Friedhelm Rathjen für seine Moby-Dick-Ausgabe verdeutscht und ist 2004 dort im Anhang erschienen. – Anm. Wolf]

Ein Artikel in der mare 15 nimmt ebenfalls auf den Geisterwal Bezug. Nu ja, aber ob man den nun belegt nennen soll?

So, und ehe mein Traktat hier nun gänzlich ausufert, nur noch eine leise kleine Anmerkung: Auf der kürzlich bei mir zu Hause eingelaufenen Essex des Owen Chase bin ich gerade noch in Sturm- und Wellengebraus unterwegs. Sollte diese Reise ein glückliches Ende finden, erfahrt ihr hier umgehend davon.

Title Page of First Edition of Moby-Dick

Bilder: Frank Hurley, Randall Enos, Peabody Essex Museum, Salem, Massachusetts; Lizenz: Creative Commons, Public Domain.

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Schwören wir auf Moby-Dick!

16. Juni 2007

Elke macht das nötige Update zu The secret’s in the sauce:

“Hardcover, Rotschnitt, die Ausgabe wird nicht ersichtlich.”
Wolf, 11. Juni 2007

Elke HegewaldEine Frage bleibt ja offen in diesem ganzen Grüne-Tomaten-Salat: Auf welche „Bibel“ hat der gute Reverend Scroggins denn nun geschworen?

Wo ich doch so ein neugieriges Mädchen bin und Mr. J. Larry Voyer sich die dankenswerte Mühe gemacht hat, uns eine ansehnliche Graphical Bibliography of published editions, in English, prior to 1970 of Moby Dick by Herman Melville zur Verfügung zu stellen – kramen wir doch einfach mal.

Also, ich finde ja, dass die Ausgaben von Harper & Brothers von 1855 und 1950, vielleicht sogar die von 1851, gut als Bibel durchgehen könnten. Oder wie wärs mit der 1930er von Oxford University Press? Schick sind ja fraglos noch die drei Bände vom Chicagoer Lakeside Press, 1930, illustriert von Rockwell Kent. Oder die die 1926er von Carleton House, New York, aber die wäre wohl zu auffällig gewesen, wie einige andere Schnuckelchen auch.

Hm, so als religionsferner Mensch würde mich ja noch interessieren: Wie ist das eigentlich dann mit dem Eid auf die falsche Bibel? So ähnlich wie bei Kindern, die mit gekreuzten Fingern hinterm Rücken lügen? Ich würde ja jederzeit auf Moby-Dick schwören, so als lesende Waljägerin jetzt…

Und immerhin hat seine literarisch-filmische Schwanzflosse sogar schon mal reale kirchliche Belange aufgemischt. Seamen’s Bethel in New Bedford sieht schließlich erst seit 1961 aus wie Father Mapples Gottesort, nachdem ungezählte enttäuschte Touristen dort unmutig nach einer Kanzel wie ein Schiffsbug geröhrt hatten.

Father Mapples Walfängerkirche

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Und Jan Mayen, der alte Flegel

12. März 2007

Elke macht ein Update zu Songs the Whalemen sang:

Elke HegewaldAus gegebenem Anlass erinnern wir uns: In leicht sentimentaler Stimmung und umfolkrockt von den Pogues spürte ich um die Zeit des Jahreswechsels der Seefahrerromantik und den Liedern der Walfänger nach. Wie verklärt diese Romantik für uns Landratten und wie herb sie in Wirklichkeit ist, erfahren wir von denen, die die Songs selbst noch singen, die über die Herkunft, die Geschichte und die ursprüngliche Rolle der Shanties und Sea Songs auf den Seglern und in den Walbooten besser Bescheid wissen. Sie können uns sogar etwas von den Arbeitsliedern erzählen, die für verschiedene harte Jobs auf dem Schiff und einen gemeinsamen Rhythmus gut und nötig waren: die Short-Haul-, Halyard- oder Walk-Away-Shanties und wie sie alle heißen. Sowas lernen wir doch gerne.

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Walfang in EuropaDer ostfriesische Gale Huntington ist eine Frau. Keine Seeräuber-Jenny, aber immerhin so etwas wie eine Galionsfigur – der deutschen Walfanggeschichtsschreibung nämlich. Wanda Oesau (1893-1966) verbrachte ihre Tage fern von Huntingtons glücklichem neuenglischen Eiland in ihrem norddeutschen Glückstadt. In einer Walfahrerfamilie geboren, hatte sie mit selbigem nicht nur den Schulmeisterberuf gemein, sondern auch die Passion, einheimische Waljägerlieder zu sammeln. Wie es scheint, muss das Lehrerdasein noch vor wenigen Jahrzehnten bei weitem beschaulicher und erstrebenswerter gewesen sein als heutzutage.

Ihr Buch alter deutscher Walfanglieder “Und Jan Mayen, der alte Flegel…“, erschienen um 1930, ist bei weitem nicht so umfangreich wie das ihres amerikanischen Berufskollegen und war wohl eher ein Nebenprodukt ihrer beachteten Forschungen und Materialsammlungen zum deutschen Walfang.

Zum selbigen veröffentlichte sie mehrere anerkannte Bücher, als deren bedeutendstes das Standardwerk “Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenschlag” aus dem Jahre 1937 gilt. Eine Auflistung der Publikationen von Wanda Oesau findet der interessierte Leser im Bibliothekskatalog des Deutschen Schiffahrtsmuseums, das auch ihren Nachlass verwaltet.

Aus den spärlichen Informationen über Frau Wanda, die für ihre Verdienste um die Geschichte der Waljäger sogar mit dem Bundesverdienstkreuz bekränzt wurde, erfahren wir (gedankt sei Cetacea) wenigstens noch, wo mehr über sie zu finden ist. Nur für den Fall, dass unsere Moby-Dick-Mannschaft beim nächsten Landgang dort vorbei kommt, dachte ich…

Handbemalte Galionsfiguren

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Cabidoulin is too seldom

1. Februar 2007

Elke hat noch ein Monster gefunden:

But where there’s a monster there’s a miracle.
Ogden Nash: Dragons Are Too Seldom

Elke HegewaldHach, beim Hinterhersurfen hinter all den ganzen Propheten wurde ich doch an einen anderen von denen erinnert, der es auch heftig mit der Orakelei und düsterem Menetekeln hat. Den alten Cabidoulin hat die Mannschaft sogar auf ihrem Kahn die ganze Zeit am Hals. Und es ist – man höre und staune – ein Walfängerschiff. Und auch hier ist der Anlass für das anschließende Chaos ein Monster auf See. Diese Geschichte ist, glaube ich, nicht allzu bekannt, was einen bei dem umfänglichen Gesamtwerk des Autors vielleicht nicht sonderlich wundern muss.

Naaa, wer hat’s erfunden? Nö, diesmal nicht die Schweizer. Ein Franzose war’s, den der Wolf in weiser Voraussicht und aus gutem Grund schon längst im Schatzkästlein der Literaturliste verewigt hat: Tadaa! – Unser aller Jules Verne!

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Songs the Whalemen Sang

3. Januar 2007

Elke singt mit:

WalfangnixeJüngstens segelten mir doch, liebevoll verehrt, gleich zwei blanke Scheiben trunken folkender Hits von The Pogues unter den Weihnachtsbaum. Unter denen fand sich auch Greenland Whale Fisheries, dessen wild und herzerwärmend herausgeschmetterter Melodei die Mannschaft der Pequod wohl ebenso verzückt gelauscht hätte wie die happy Neueigentümerin dieses von Null auf Hundert loslegenden Feuerwerkes. Wahrscheinlich hätten sie’s gar selber lauthals gegrölt.

Nach dem Poguesschen Texte musste ich ein Weilchen kramen, denn so unnachahmlich sie das trällernde Ballädchen zelebrieren, so haben sie es doch nicht erfunden, wie wir wissen – und es gibt erstaunlich viele Versionen davon, wie die Brave Boys den Wal jagen. Nicht nur das, in parodierten Fassungen haben auch die Hobby-Angler von ihm Besitz ergriffen.

Und so als Walfängerin auf Zeit denkt man dann auch schon mal drüber nach, wie so eine Schiffsbesatzung unterwegs auf den Wal wohl ins neue Jahr reinschippern mag. – Mit ‘ner ordentlichen Buddel Whisky oder Rum vielleicht? Na, das walte doch Ahab. Welche Lieder mögen sie singen auf dem weiten, wogenden Meer?

Wir wissen es nicht. Aber einer weiß es mit Sicherheit, der High-School-Meister Gale Huntington nämlich. Der hat es sogar gründlichst erforscht und ein Buch draus gemacht, mit Texten und Noten sowie ausführlichen Erläuterungen. Der Zufall kam ihm auf bemerkenswerte Weise zu Hilfe: als Grundlage fiel ihm das Tagebuch eines Waljägers in die Hände, der darin die Lieder festgehalten hat, die an Bord gesungen wurden. Zum Glück aller Melvilleschen Moby-Dick-Freunde schöpft der emisige Autor des weiteren justament aus den Quellen Neuenglands, wo wir uns gerade herumtreiben. Ha, und natürlich hat er auch die eben besungene Greenland Whale Fisheries aufgesammelt.

Um die Herausgabe des immerhin 360 Seiten umfassenden Buches machte sich das Mystic Seaport Museum verdient, von dem man bisher auch noch nichts wusste. Dort wird, wie unser Informant zu berichten weiß, inzwischen die Veröffentlichung eines Folgebandes vorbereitet, dessen Manuskript Huntington bei seinem Tode 1993 hinterließ.

Und Generationen rauer Walfänger- und Folksängerkehlen werden ihn unsterblich machen…

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Môby Dique: Pour saluer Melville

8. Oktober 2006

Elke hat was gefunden:

Dieses Werk mit all seinem Geheimnis, es rollt dahin; es steigt an und fällt ab wie das Gebirge, wie der Sturzbach und das Meer. Er reißt uns fort und schlägt über uns zusammen.
Jean Giono über Moby-Dick

Jean Giono im Allewettermantel, hol's der KlabautermannFranzosen und Englisch? Aber klärchen lesen auch die ihren Moby-Dick! Dass sie dafür kein Englisch lernen müssen, verdanken sie zuvörderst Jean Giono. Der besorgte nämlich 1939 die erste französische Übersetzung des Mevilleschen Wälzers.

Und nicht nur das, der konnte sogar selber schreiben und – im Gegensatz zu vielen anderen – sogar ziemlich gut davon leben. Man nennt so einen nicht von ungefähr den Vergil der Provence.

Giono hinterließ seiner Nachwelt die Vision einer symbolhaften Begegnung zwischen dem Schöpfer des Moby-Dick und seinem “Engel”, eine kleine, feine und bemerkenswerte Erzählung, die in Deutschland kaum bekannt ist.

Das sollte sich aber sowas von ändern, meine ich. In Melville zum Gruß (im Original: Pour saluer Melville) lässt er selbigen in einer Postkutsche von London nach Bristol durch die nämliche Begegnung die Ahnung für das Buch vom weißen Wal finden.

In der Vorstellung Gionos war Melville nach Europa gereist, um das Manuskript von White-Jacket abzuliefern, und schreibt, nach Amerika zurückgekehrt, unter dem Eindruck seines überirdischen Reiseerlebnisses sein berühmtes Werk nieder. Ach was, lest doch selber ausführlich nach, worum es in der Geschichte geht (pdf-Link, der eine aspx-Datei lädt. Die 63 kB abspeichern, mit Extension .pdf versehen und im Acrobat Reader öffnen. Die interessante Stelle, die Buchbesprechung “Engel und Haifisch”, fängt auf Seite 1 von 3 rechts unten an); 1999 stand es auch in der Zeit.

Die deutsche Fassung gibt es als recht frisches Hörbuch Annäherungen an Melville bei Parlando, auf der zudem noch Ahab als eindrucksvolle musikalische Komposition von Stephen Melillo in einer Live-Uraufführung verpackt ist.

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Father Mapple Goes to the Top Again

8. Oktober 2006

und Elke weiß warum. Wenigstens einer liest, was dasteht…


Zuvörderst würde ich da doch mal Ismaels eigene Deutung gelten lassen, denn er selbst hat (sich) schließlich zuerst danach gefragt. Und nicht wir, die besserwisserischen Leser, die wir natürlich nur zu gern sind, während wir ihm auf Schritt und Tritt folgen. Man muss sich ja nicht jedesmal gleich seinen ganzen Melville neu erfinden, gell? Erst recht nicht, wenn er sogar eine durchaus klare Antwort gibt.

Er jubelt dem lauteren und frommen Prediger mitnichten einen theatralischen Selbstdarstellungstrieb unter, was auf den ersten naiven Blick ja so abwegig nicht ist. Aber nur auf den ersten – denn das wäre nun doch zu platt für den charismatischen Vater Mapple. Nein, es muss “ein Sinnbild für etwas dem Auge nicht Sichtbares sein. Ob es wohl so ist, dass er durch diesen Akt leibhaftiger Absonderung seinen zeitweiligen inneren Rückzug von allen äußeren, weltlichen Banden und Bindungen kundtut? Jawohl, denn mit dem Fleische und Weine des Wortes versehen, ist diese Kanzel dem glaubensstarken Gottesmann, das sehe ich klar und deutlich, eine Feste, die sich selbst genügt…”

Eine Feste. Ein Fels in der Brandung, den nichts anficht und zerstören kann – der Gottvertrauen heißt. Ja, der weiß, was er tut, der Mann, weiß, was er Gott, sich und seinem Job schuldig ist. Und sein Job ist da unten, sind die Leute auf den Bänken, die zu ihm aufschauen und etwas von ihm erwarten – Trost, Glaube und Hoffnung. Und das überzeugend zelebriert, bittschön. So einer bricht keine Brücken ab – aber seine Brücke ist das Wort Gottes. Postuliert hier ohne Zögern eine Atheistin.

Die Frage ist wirklich spannend. Und eigentlich darf man hier noch gar nicht aufhören mit der Bilderdeuterei. Ist doch die Leiter selbst ein altes christliches Symbol. Jakob, Sohn des Isaak und somit leiblicher Neffe des biblischen Ismael, sah sie in seinem Traum:

“Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott [...] Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.” (Genesis 28,10 ff.)

Dass sich nun Vater Mapple seiner eigenen Jakobsleiter bedient, wird ihm von seinem obersten (Dienst-)HERRN hoffentlich nicht als Amtsanmaßung ausgelegt. Die raue Welt der Waljäger und des Seefahrervolkes braucht wohl klare Ansagen und Symbole und vielleicht auch einen, der sich quasi mit den Himmlischen Heerscharen auf eine Sprosse stellt.

Wo wir schon mal dabei und unter Seefahrern sind, deren der Prediger in seinem früheren Leben ja auch einer war: Mir selber würde ja eine andere Deutung auch noch gefallen und passend erscheinen – die der Ankerkette oder des Fallreeps nämlich, die hochgezogen werden, wenn ein Schiff ausläuft. Ist es nicht beinah so, als wollte Vater Mapple mit dieser geradezu allegorischen Geste sagen: “Wir legen ab. Kommt, lasst uns aufbrechen zu neuen Ufern… der Hoffnung, des Glaubens…”?

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Da klebt er

13. September 2006

Walreisen sind vom Sofa aus doch am bequemsten. Da kann man seinen Enkeln beim Ordnen kleiner bunter Schnipsel erzählen, wie’s früher war.

Keine Ahnung, ob mit Briefmarkensammeln oder Walefangen mehr vedient ist. Bei den Briefmarken lernt man jedenfalls mehr Geschichte; viel mehr ist bisher bei der ganzen Bloggerei auch nicht rumgekommen.

Danke an Elke für den Link.