Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Kombüse’ Category

I Believe the Whale Got Sick

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Update zu Der Zweck von Metaphern:

Then Jonah prayed unto the Lord his God out of the fish’s belly, and said, I cried by reason of mine affliction unto the Lord, and he heard me; out of the belly of hell cried I, and thou heardest my voice.

Book Jonah, 2,2f.

Keine Ahnung, ob die zeitgenössische Musik besser oder schlechter ist als ihr Ruf, jedenfalls ist sie anders: Entgegen dem sich aufdrängenden Eindruck haben sich die populären Lieder in Moll-Tonarten zwischen 1965 und 2009 mehr als verdoppelt (zahlenmäßig, nicht in der Laufzeit), .mp3-Dateien geben jetzt doch nur 5 Prozent der eingespielten Tonsignale wieder (CDs 15, Vinyl-LPs 100), und der befürchtete galoppierende Missbrauch des Vocoders nach Do You Believe in Life After Love von Cher ist nach 1998 ausgeblieben.

Talking of Cher: Nicht mal das Schreckgespenst des “singenden Schauspielers” führt sich heutzutage noch zwingend so auf wie Uwe Ochsenknecht. Hugh Laurie zum Beispiel, dem deutschen Medienverbraucher als coolster aller Knochen Dr. House in der gleichnamigen Krankenhausserie bekannt, hat sogar singend, schreibend, musizierend angefangen, bevorzugt im Duett mit Stephen Fry, und zwar in allen Disziplinen ziemlich brillant.

Nachdem Dr. House in acht Staffeln alles gesagt hat, was zu sagen war, hat Hugh Laurie während der siebten schon mal wieder angefangen, seine musikalischen Wurzeln zu gießen. Für Let Them Talk 2011 hat er noch keine Lieder selbst geschrieben, bringt uns aber einen schönen Schwung seiner persönlichen Lieblinge des traditionellen Blues nahe.

Ob es dazu eine hunderteinundelfzigste Version von Swanee River gebraucht hat, darf man diskutieren, aber wenn’s ihn doch so freut, den Hugh. Außerdem lässt er im aufschlussreichen Beipackzettel seine Kindheitserinnerung dazu durchblicken: Dass er das mit einem gewissen Einfallsreichtum einspielt, ist eine um 45 Jahre verspätete Rache an seiner weiland Klavierlehrerin — daher wohl der diablische Lacher im Solo. Überhaupt will ich durchgehend glauben: Der Mann mag die Lieder wirklich. Das Eröffnungs-Instrumental ist grandios genug, um einen mit allen folgenden Schnitzern zu versöhnen, und so viele kommen da gar nicht mehr.

Liedauswahl und Interpretation begründen sich fadenscheinig, aber allemal gut genug mit because I can und weil’s das bringt. Blues als ausgelassener Spaß für erwachsene Leute — doch: Das ist ungefähr so lustig und lässig wie Dr. House.

Das Thema von The Whale Has Swallowed Me handelt aus dem Buch Jona, wurde ursprünglich von JB Lenoir angestimmt und steht somit dem Gospel nahe.

They say the Whale swallowed Jonah
Out in the deep blue sea.
Sometimes I get that feeling
That same old Whale has swallowed me.

The sun rise in the East,
Goes down in the West.
Sometimes I get that feeling
Every creature needs some rest.

I believe the Whale got sick,
That’s why I have this blues.
I do believe one day
He will finally turn me loose.

Now if I live
I pray, I don’t get killed.
I do believe one day
I will cross out of here

Hugh “Jonah” Laurie: Let Them Talk, 2011.

Written by Wolf

9. June 2012 at 12:01 am

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Møbendick oder Der schwarze Wal

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Moby Dick im Mosaik – Legende trifft Legende

Elke HegewaldVon unserer legendären Elke.

Dass den drei Comic-Helden der Mosaik-Hefte auf ihren Abenteuerreisen durch Raum und Zeit und Weltgeschichte nicht irgendwann auch der weltliterarische Moby Dick begegnen musste, wäre erstaunlicher gewesen als es überraschend ist, dass es zu dieser denkwürdigen Begegnung kam.

“Hä?? Mosaik-Hefte?”

Mosaik 1, Dig Dag Digedag auf der Jagd nach dem GoldeOkay, okay, nochmal auf Anfang. Mosaik ist Kult. Womöglich ist es ja vermessen, Digedags, Abrafaxe und ihre mosaikanische Heimat jenseits des deutschen Pecos genauso für Markenzeichen und Fanobjekt zu halten wie diesseits davon. Oder doch nicht? Immerhin reden wir hier über die seit Wilhelm Busch oder so älteste und die seit überhaupt langlebigste und auflagenstärkste deutschsprachige Comic-Serie ever, die unverdrossen seit über fünfzig Jahren erscheint, bis heute. Was sie sogar ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht hat.

Und was nicht halb so einfach war, wie es sich schnell mal so hinfabuliert. Sondern wenigstens anderthalb Lebensrettungen brauchte. Die halbe gelang mittels eines Blut-… nein, Heldenaustausches der Digedags durch die Abrax, Brabax und Califax Mitte der Siebziger. Die spätere ganze – durch einen mutigen Werbefuzzi von jenseits besagten Pecos und eine Verlagsneugründung Steinchen für Steinchen im allgemeinen Abwicklungsrausch Anfang der Neunziger. Mit Erleichterung konstatieren wir zudem, dass auch die alten Mosaik-Sammelbände mit den Urhelden Asyl gefunden haben – im Fränkischen beim Nürnberger Tessloff Verlag.

Die Mosaiker sind wohl sowas wie die Donaldisten des Ostens und Mosaik-Vater Hannes Hegen kann bis in die letzten Siebziger als so eine Art Carl-Barks-Pendant durchgehen. Abgesehen davon, dass er noch lebt, schätzt er den Max-und-Moritz-Preis des Internationalen Comic-Salon Erlangen (auf den natüralemente auch der Barks verweisen kann) vermutlich mehr als das ihm noch recht unlängst verliehene Bundesverdienstkreuz am Bande. Was man allerdings nicht sicher weiß, denn meidet er seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit. Seit dem für ausgewachsene Mosaik-Insider noch erinnerlichen abrupten Abschied von seiner Schöpfung nämlich.

Ertönt da ein Aufschrei ob vergewaltigend gezimmerter Verwandtschaft? Na gut, ihr habt es nicht anders gewollt:

MosaikheftstapelSeit 2005 versammeln sowohl eine Duckipedia als auch eine Mosapedia geballtes Wissen über die beiden Comic-Welten. Mosaikanische wie donaldistische Forschungen widmen sich der Historie und Verbreitung, den Quellen und dem Sinngut des digedag-abrafaxischen und des Entenhausener Universums ebenso wie ihren menschlich-philosophischen Abgründen. Beide Seiten zeigen bisweilen belegbare Vorlieben für eine gewisse interimsgeschichtliche Terminologie aus deutschem Wort(un)gut. Beider Fangemeinden (wenn auch in abweichend organisierten Strukturen) sind riesig, deren Sammelwut legendär. Nach dem heimlichen Vorbild von Donald Duck und Co. haben auch die Mosaik-Figuren inzwischen längst laufen gelernt. Und in Forscherkreisen wird gar gemunkelt, dass die mosaikischen Urgestalten Dig, Dag und Digedag auf eine phonetische Namensverwandtschaft zu den Donald-Duck-Neffen Tick, Trick und Track hinweisen. Was ihr Schöpfer allerdings immer bestritten haben soll.

Angesichts des Vorgebrachten könnte man als halbgeouteter Anhänger beider Paralleluniversen schon mal auf eine Frage kommen: ob nicht gelegentlich deren Forschungsabteilungen den Ur-, Tat- und anderen Sachen dafür nachgraben wöllten, warum trotz unleugbarer Anwesenheit aller zwei einschlägigen Comicvertreter-Gemeinden beim Abriss eines langgestreckten Bauwerks vor mittlerweile über 20 Jahren selbige Gemeinden immer noch mindestens regional, wenn nicht überhaupt, getrennt marschieren statt vereint jagen. Oder einander auf der Straße nicht wenigstens freundlich grüßen. Oder nicht mal einen Comic-Zweiergipfel mit lustigen Reden und Sprechblasen-Statements veranstalten… Selber hat man ja nie Zeit für sowas.

Doch genug der aus- wie abschweifenden Lang- & Breiterklärungen zum Umfeld zweier Comic-Mythen. Zurück zum weblogrelevanten Wal, wie angekündigt zur Abwechslung mal dem in mosaikanischen Gewässern. Aus Entenhausener solchen hatten wir ja hier im unsrigen bisweilen schon mal welche von den Viechern.

Mosaik, Der schwarze Wal CoverWale unterschiedlicher Spezies (meines Wissens bedauerlicherweise noch ohne eine wohlsortierte Cetacea wie die Entenhausener) bevölkern diverse Mosaik-Hefte beider Heldengenerationen.

Ihre Lieblingsbeschäftigung haben sie von Moby Dick gelernt: Schiffe versenken. So zu beobachten unter anderem im Mosaik von Hannes Hegen, Heft 196 von 1973 (Amerika-Serie): “Die Fahrt nach Panama” mit den Digedags und Käptn Blubber auf seinem maroden Walfänger. Dort setzt eine Pottwalherde vor Panama-City den Postdampfer der Pazific Line außer Gefecht. Besagter Käptn Blubber (nomen est omen!), verhökert beiläufig nach dem Abgang seiner goldfiebernden Mannschaft das Walfett des letzten Fangs als Lampenöl und führt in Frisco auf seinem Schiff das tranmiefige Whaleboat-Hotel, bevor er mit dem und den Digedags zur Rettung eines Goldschatzes wieder in See sticht. Er ist immer noch ein zielsicherer Harpunenwerfer und verfügt über einen imposanten Wortschatz an Seemannsflüchen.

Als – farbmalerisches oder parodierendes – Umkehrbild zu Melvilles Albinowal taucht der schwarze Wal in zwei Heften aus den Fluten: in Nr. 85 (Erfinderserie) aus der Hegenschen Frühzeit vom Dezember 1963: “Der schwarze Wal vom Fehmarnsund” und, dreißig Jahre später, in Nr. 211 vom Juli 1993: “Der schwarze Wal” (Mittelalterserie, Wikingerkapitel) aus der Ära der Abrafaxe nach Hegen.

Mosaik Vereinte HeldenWozu ich noch einmal was nebenhererklären muss, diesmal ganz privat, so aus der Position der quasi lebenslangen und kurzzeitig gestörten Mosaik-Leserin. Ich hab ja in kindlich resoluter Parteilichkeit als erklärte Digedag-Fänin eine ganze Zeit die Abrafaxe boykottiert – zu plötzlich passierte der unvorhersehbare Heldenwechsel 1975/76 und, zudem unkommunizierte, Hintergründe interessierten die Zopfgöre von damals überhaupt nicht. Allerdings neigt sich aus heutiger Sicht und im speziellen Fall meine Sympathie eher dem spätereren Wikinger-Wal zu. Was an dessen deutlicher Anspielung auf Moby-Dick, vielleicht auch an der wenig mädchenaffinen Einbettung des Hegenschen Frühwals in “militärischen Kontext” liegen mag.

Von seiner Spezifizierung her ist wiederum der schwarze Strolch im Fehmarnsund melvillesker, da deutlich ein Pottwal. Eine zugegeben seltene und seltsame Fügung, denn in der Ostsee als Ort der Handlung wurde der erste nur vom Leben statt von Künstlerhand gezeichnete Pottwal erst 2004 gesichtet.

Viel früher ist der Hegensche aus Heft 85/1963 dort unterwegs: Er treibt im ersten Holsteinischen Krieg um 1850 sein Unwesen. Und was tut er? Na was schon – Boote rammen. Von den kriegführenden Parteien, mittendrin die Digedags, wird er für ein neu erfundenes gegnerisches U-Boot gehalten. Als ihm das zu heiß wird, sucht er das Weite.

Mosaik WalheilungKleines Schmankerl am Rande: Der historisch belegte und im Heft vercomicte U-Boot-Erfinder Wilhelm Bauer macht seinem Befinden mit urbairischen Flüchen Luft: “Malefiz-Kugelspritz’n damische! I schlag’s umanand!”

Fabriziert wurde das Ganze unter der künstlerischen Oberhoheit des damals unantastbaren Obervaters Hegen vom so emsigen wie kompetenten Mosaik-Künstlerteam, zu dem auch des oberen holde Gattin Edith Hegenbarth gehörte – sie zeichnete, er textete.

Als Co-Texter dieser Folge zu nennen wäre noch Lothar Dräger, gelernter Opernsänger und Langzeitmosaiker, der nach dem 1975er Crash auch Hegens Posten erbte. Ein Impressum mit Nennung aller Beteiligten kam beiläufig in der Hegen-Ära nur einmal vor, in Heft 11.

Mosaik 3x WalDer Schwarze in Heft 211/1993 ist am ehesten ein Grönlandwal (Balaena mysticetus) oder Nordkaper (Eubalaena glacialis), der schon auf dem Titelcover grinsend seine Barten sehen lässt. Dafür heißt er Møbendick und ist die Geißel der Wikinger, zu denen es die Abrafaxe mittels Zeitreise verschlagen hat. Ein Schelm, der bei dem Namen nicht an – Autobahngastronomie und Eisessen denkt. Öh… und an den von Captain Ahab zur Geißel der Menschheit erklärten weißen Wal natürlich.

Feder-, respektive stiftführend bei dieser Folge und unbedingt erwähnenswert sind zwei Ladies: Lona Rietschel und Irmtraut Winkler-Wittig, beide mosaikanisches Urgestein. Die erste, mit einem Studium für Modegrafik und Zeichentrick als Qualifikation, rettete nach der Mitnahme der Rechte an den Digedags durch Hannes Hegen das Mosaik als zeichnerische Mutter der neuen Abrafax-Helden, gab neben anderen auch der Kultfigur des fränkischen Ritter Runkel ihr Gesicht und darf im vorliegenden Fall für das Møbendick-Coverbild verantwortlich gemacht werden. Die zweite war mal Porzellanmalerin in der Porzellanmanufaktur Meissen, wovon später auch das Mosaik noch was hatte: als sie in Heft Nr. 2/91 auf Seite 21 inhaltskompatibel die Porzellanherstellung erklärte und mit dem allbekannten Zwiebelmuster garnierte. Die Walhatz-Geschichte mit den Nordic Seefahrern in Heft 211 gestaltete sie figürlich sogar komplett.

Møben-Dick oder Der (schwarze) Wal. Der jagt Sven Svensons Wikinger im Zuge der Handlung durch den Comic, von Norwegen bis nach Island:

Møbendick ist bei diesen wohlbekannt und gefürchtet. Den Männern gelingt es dank der Hilfe der Abrafaxe, mit ihrem Schiff in einem schmalen Fjord vor dem Wal Zuflucht zu suchen. Am nächsten Morgen ist Møbendick verschwunden, und die Männer machen sich auf die Heimreise in Richtung Island. Einige Wochen später taucht Møbendick in den Gewässern vor dem Wikingerdorf, in dem sich die Abrafaxe aufhalten, auf. Die Abrafaxe, denen die Schuld an der Rückkehr des Wals gegeben wird, sollen ihm geopfert werden. Während sich die drei in einem Ruderboot dem Ungetüm nähern, entdecken sie die Ursache für dessen Aggressionen: Eine Harpune steckt in seinem Körper und verursacht offensichtlich heftige Schmerzen. Califax gelingt es, das Geschoss zu entfernen. Er behandelt die Wunde mit seinem Rosmarinextrakt und befreit somit den Wal von dessen Schmerzen. Møbendick ist wieder friedlich und schwimmt zurück ins offene Meer.

Aus: Mosapedia. Møbendick.
Vgl. auch Mosapedia: Mosaik 211 – Der schwarze Wal.

Mosaik Lanze im WalUnd auch jetzt kann ich’s nicht lassen. Wieder außerhalb des Protokolls (und weil der geneigte Leser eh schon mit meinen beständigen Abschwöffen rechnet) juckt es mich in den Fingern, für die angelehnten Wortgut-Donaldisten unter uns noch einen vom Wal zu erzählen, bloß ohne Wal. Und vom Folgeheft Nr. 212, in dem die Abrafaxe mit den Wikingern Amerika entdecken. Schon der wohlverfremdete Titel “Neuland unterm Bug” sollte russenliterarischen Scholochow-Kennern und solchen sozialistisch-realistischer Terminologie was sagen. Und neben der Abwesenheit des im Vorheft gegenwärtigen Sven Svenson und der (wohlverfremdeten) Anwesenheit des dereinst allgegenwärtigen Hannes Hegen(barth) als Wikinger Hannes Gegenparth sowie einer bemerkenswerten Abhandlung zur nordischen Mythologie fallen zudem vorsätzliche Anklänge an DDR-typisches Vokabular auf: So werden (jaha, schaut’s her, Freie Donaldistische Jugendliche!) aus der Kampfreserve der Partei, der FDJ, hier die Einherjer in Walhalla.

Aber wir waren ja auf Fischzug nach Melville-Sequenzen. Ha, und einen hab ich noch.

Im Januar-Heft von 2003: “Ein fast perfekter Plan” (Zweite Japan-Serie, Nr. 325) begegnen die Abrafaxe im japanischen Hafen Hakodate flüchtig dem leibhaftigen Kapitän Ahab, und was für einem! Der heißt da zwar nur “ein Walfänger-Kapitän” und (noch) nicht Ahab (und sein Schiff noch nicht Pequod, aber es ist sein Schiff), doch seine Züge sind unverkennbar die des karikierten Gregory-Peck-Ahab aus Hustons 1956er Film “Moby Dick”. Uuund: Er steht da noch auf zwei gesunden Beinen. Was völlig in Ordnung geht und passend zur Örtlichkeit darauf hinweist, dass er das eine erst kurz nach dem Auslaufen des Schiffes hinter Japan verlieren wird. Hut ab vor witziger Belesenheit und Melville-Kenntnis des Zeichner- und Autorenteams.

Die einschlägigen Namen erhalten Mann und Schiff dann im noch recht frischen Januar-Heft Nr. 421 von 2011: “Unter Schmugglern” (Barock-Serie). Allerdings erscheinen sie da dem Brabax nur in einem Traum, und das auch noch zeitverschoben, so in die Zeit um 1700 hinein. Aber die Figur mit dem Peck-Habitus ist hier als Ahab benannt und auf dem Traumbild-Schiffsbug steht in Spiegelschrift “Pequod”.

Eindeutig in Melvillescher Mission unterwegs sind die Abrafaxe im mosaikischen Kalender von 2005 “Die Abrafaxe und die Welt der Bücher”: Auf dem März-Bild jagen sie in einer winzigen Pequod-Nussschale zusammen mit dem grimmig die Harpune schwingenden Ahab nach dem weißen Wal.

Wal und FlotteDer allbekannte Wesenszug von Comic-Palavern, zuvörderst aufs Visuelle zu bauen nämlich, manövriert mich am Ende mit meinem Sermon nun noch in eine mittlere Bredouille. Denn auf den Urheberrechten für illustrierende Bilder aus der Mosapedia sitzt frank und frech und recht rigide der Steinchen für Steinchen Verlag. Ob aus Protest gegen lästige Blogger-Werbung für lau und unkommerziell oder aus Sorge um unkontrollierbare Explosionen der Nachfrage auf dem Comic-Markt, weiß man nicht. Verziehen sei mir drum stümperhaftes Selberabknipsen der einschlägigen Illus aus meinem ehrlich und käuflich erworbenen Mosaik-Privatexemplar sowie die Bebilderung mittels Link-Verweisen. Tja, selber schuld, ihr Mosaiksteinchenverwalter.

PS: Kommt in nächster Zeit vielleicht wer nach Leipzig? Einer, der Comic-Fan ist? Für den ergeht hier noch ein exklusiver Freizeit-Tipp: Begebe er sich zum Zeitgeschichtlichen Forum in der Grimmaischen Straße und stürze er sich auf und in die noch bis zum 13. Mai 2012 dort laufende Digedag-Ausstellung. Es soll viel liebenswertes, lieb gewordenes und viel bislang unveröffentlichtes Zeug aus Hegens Archivschenkung zu sehen sein – und jede Menge Alt- und Jung-Mosaikaner, bis in die dritte Generation, wie man hört. Der Eintritt ist frei.

PPS: Ein Belegexemplar von Mosaik-Heft 211 (Reprint) “Der schwarze Wal” geht an den Käpt’n, damit der die richtigen Scans für die Freundlichen Begegnungen in der Bücherliste machen kann (den MosaPeck-Ahab muss ich erst noch herbeiorganisieren).

Bilder: Mosaik Nr. 1: Zeitgeschichtliches Forum Leipzig;
Vereinte Helden: von Mosaik. Geschichte und Figuren;
Mosaik-Hefte von weißnichtwo, vielleicht eBay;
alle anderen: selber geknipst. Dass man das sieht, ist gewollt, teilweise jedenfalls. Vielleicht tolerieren’s ja dann die Steinchen-für-Steinchen-Rechte-Geier.

Film: hier ab vier.

Written by Wolf

6. April 2012 at 12:01 am

Posted in Smutjin Elke

Pshaw!

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Update zur alten Schwulendebatte am Rande von Melville und Beitrag zum Karl-May-Jahr 2012:

2012 ist Karl May 100 Jahre lang gestorben und 170 Jahre lang am Leben. Seine Wildwest-Geschichten, mit denen man ihn am ehesten verbindet, schrieb er nicht von Anfang an. Da war erst 1874 oder nach anderen Stimmen 1875 Die Rose von Ernstthal, dann Schreibertätigkeit für, man ahnt das heute gar nicht mehr: die Gartenlaube und für Friedrich Pustet in Regensburg. Eine besondere Leistung des Sachsen war die Neukonzeption der baierischen Mundart für Der Weg zum Glück, 1886 bis 1888: eine Form der Realitätsnähe, die er beibehalten sollte. Als sein erster Amerika-Roman gilt Auf der See gefangen, 1878.

Seitdem glauben die bücheraffinen Leute in Deutschland, in Amerika, da fluchen alle Zounds! und Winnetou ist nur so eine Erfindung.

Wie immer ist es genau umgekehrt, lackaday and botheration!

George Catlin, Ha-wón-je-tah, Lakota chief, 1832, der wahre Winnetou

Ein Mann in mittleren Jahren, von vornehmer Haltung und fast Apollo gleichend. Auf der Jagd war er der erste; er konnte auf eigenen Beinen mit einem Büffel mitlaufen und schoss ihm dann den Pfeil ins Herz.

George Catlin über den Lakota-Häuptling Ha-wón-je-tah, als er ihn 1832 porträtierte.

Image: George Catlin: Ha-wón-je-tah, Lakota chief, 1832 by Smithsonian American Art Museum.

Scan und Text aus: Harald Eggebrecht: Der wahre Winnetou, in: Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 11. Januar 2011, Seite 14: Rezension zu Helga Arend (Hg.): “Und wer bist du, der mich betrachtet?”: Populäre Literatur und Kultur als ästhetische Phänomene, 2010.

Written by Wolf

30. March 2012 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

Nasty black mark

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Update zu I have never read that:

Wenn Norbit, 2007 lustig sein soll, ist nicht mal mehr “Nigger” ein Schimpfwort. Sowas dürfen sich, Hollywood hin oder her, weltweit nur Neger ausdenken. Eddie Murphy hat das produziert (mit Geld!), das Drehbuch mitgeschrieben und drei Rollen übernommen. Die Oscar-Nominierung für die Maske war also durchaus berechtigt. Die drei Goldenen Himbeeren (nominiert für 8) auch. Ich werde keine Filmzitate anführen (na gut, überredet, ein gebremst alberiges), die Screenshots als Dokumentation einer Freundlichen Begegnung sind schon genug Zumutung.

Mr. Wong (eine von Eddie Murphys Masken) ist der Waisenhausvater des jungen Norbit (Khamani Griffin) und Moby-Dick-Fan. Zur pädagogischen Bildung und eigenen Kurzweil spielt er mit seinen Waisen gerne Walfang.

Mr. Wong [after harpooning Rasputia in the ass]: Bingo! Right in the blowhole! WHALE HO!

Rasputia: Did somebody just call me a whale?

Mr. Wong: Yeah! And a ho!

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Norbit, 2007

Aber wir sind hier allesamt hard-boiled Internetnutzer und an Frank Schätzing gestählte Kulturbeutel. Wenn Sie da komplett durch müssen — stellen Sie einfach auf Vollbild. Und tun Sie es bald; ich glaub nicht, dass YouTube besonders lange einen vollständigen Film in anständiger (technischer) Qualität mitansehen kann:

Die Rechte an Bildern und Filmen dürfen liebend gern bei ihren Inhabern bleiben, ich beabsichtige mit Sicherheit keine Copyrightverletzung. Das Copyright daran, Norbit in Verbindung mit Qualität gebracht zu haben, schon.

Written by Wolf

1. March 2012 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

Rotzgrüne Perle der irischen See

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Update zu Call me Fishmael, Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen
und Kein Wunsch, 125 zu werden: And Anxiety’s Plenty For Me:

– Gestatten der Herr mal die Rotzfahne, daß ich mein Messer abwischen kann.

Stephen litt es, daß er ihm das schmutzige zerknüllte Taschentuch herauszog und es hoch an einem Zipfel zur Schau hielt. Buck Mulligan wischte säuberlich das Messer ab. Dann betrachtete er das Taschentuch und sagte:

– Des Barden Rotzfahne. Eine neue Kunstfarbe für unsere irischen Poeten: Rotzgrün. Kann man fast schmecken, was?

Er stieg wieder auf die Brustwehr und blickte hinaus auf dei Bai von Dublin, sein helles eichenmattes Haar regte sich leicht.

– Mein Gott, sagte der still. Ist die See nicht genau was Algy sie nennt: eine graue liebe Mutter? Die rotzgrüne See. Die skrotumzusammenziehende See. Epi oinopa ponton. Ah, Dedalus, die Griechen! Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen! Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter. Komm her und sieh.

Stephen stand auf und ging hinüber an die Brustwehr. Sich darauf lehnend, blickte er hinab auf das Wasser und auf das Postboot, das sich eben aus deer Hafeneinfahrt von Kingstown löste.

– Unsere mächtige Mutter, sagte Buck Mulligan.

James Joyce: Ulysses, 1922,
Übersetzung von Hans Wollschläger, auch schon wieder 1975.

Erinnert sich jemand ans Jahr 1994? Da war Franz Kafka das siebzigste Jahr lang gestorben, worauf marktorientierte Buchverlage nur gelauert hatten, denn da wurde sein Copyright frei. Seitdem — nein, das ist noch nicht länger — gibt es von Kafka diese ganzen beliebig zusammengestoppelten und mit “Jeder ist ein Künstler”-Chuzpe “lektorierten” Kaufhausausgaben.

Das gleiche passiert jetzt mit James Joyce (* 2. Februar 1882 in Dublin; † 13. Januar 1941 in Zürich), dessen erlöschendes Copyright von seinem Enkel streng bewacht wurde. Da haben wir — einbezogen der verewigte Mr. Joyce — Glück, dass sich immerhin dtv der Dubliners annimmt (ab Mai 2012, übersetzt von Harald Raykowkski) und Manesse des A Portrait of the Artist as a Young Man, ebenfalls ab Mai 2012 — und von wem anders als unserem guten Friedhelm Rathjen übersetzt.

Das bedeutet auch: Ulysses darf zum Comic umgearbeitet — und veröffentlicht — werden. Ein grandioses Projekt in dieser Richtung, das ich schon längst freigegeben hätte, wenn ich der Enkel von James Joyce wäre, aber mich fragt ja wieder keiner, ein Projekt also, das nichts vom schuldigen Respekt gegenüber einem stil- und sinnstiftenden Buch für alle nachfolgenden Bücher vermissen lässt, ein Projekt, sage ich, das mir mit anderen Inkunablen der Weltliteratur so ähnlich auch schon beigefallen ist, das ich aber mit der sehr schnell eintretenden Idee “Phh, das kriegt kein Mensch hin, viel zu aufwendig” ruckzuck verworfen habe, ein dermaßen grandioses Projekt ist unserem verdienten Mitleser Klaus Jost aufgefallen: Ulysses “Seen”™. Adapted by Robert Berry from the novel by James Joyce.

Es ist groß. Groß wie das Buch, nach dem es gestaltet ist, das seinerseits groß werden musste, weil es ebenfalls nach einem Riesen gestaltet war. Es gibt aber einen Reader’s Guide, einen hilfreichen und — au weh, auch das noch — weiterführenden Weblog und wer ermisst, was noch alles, wozu ich noch nicht gekommen bin. Viel Zeit mitbringen.

Das macht man jetzt so, Comics aus Prosawerken zu bauen. Die so genannte Weltliteratur ist schon fast so vollständig durcherschlossen wie erstmals vor 150 Jahren vom illustratorischen Ehrgeiz von Gustave Doré, und neue Romane berücksichtigen vor der Brauchbarkeit als Filmstoff zuerst die Tauglichkeit als Comic. Da freut sich der Filmproduzent gleich mit, weil ein Comic als einwandfrei schnuffiges Storyboard zu gebrauchen ist. Ja viel besser noch: eins, das man schon verkaufen konnte.

Das sagt sich so kulturpessimistisch dahin, aber wieso soll das eigentlich ein Nachteil sein? Das Video zur Befreiung des Copyrights von James Joyce — eine Feierlichkeit, zu der es Kafka anno 1994 noch nicht gebracht hat — äußert sich jedenfalls sehr optimistisch. Mit dem Ulysses ist es im Lauf der zeit eigentlich nur bergauf gegangen: Über die erste deutsche Übersetzung von Georg Goyert meinte Kurt Tucholsky 1927 noch: “Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.“, die zweite von Hans Wollschläger 1975 war ein Meilenstein. Und der Comic sieht verdammt state of the art aus.

Heißt das, Ulysses wird endlich anständig verfilmt? — Bitte nicht, ich will keinen Showdown, in dem Molly Bloom eine Dreiviertelstunde allein im Bett liegt und sich warme Gedanken macht.

Ulysses Seen, Telemachus 0010, Cf. 1922: 5:2-15; Gabler 1.67-80

Yes.

Video: M. Barsant: Happy Public Domain Day, Joyceans!, 1. Januar 2012.

Written by Wolf

2. February 2012 at 10:56 am

Posted in Moses Wolf

Snøfnugg og spor i snøen

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Update zu Das ganze verkehrte Wesen (Frisches Basilikum
und Weil er da ist: Madness Affecting One Train of Thought:

Es bleibt eine der spannendsten Abenteuerpistolen: das Wettrennen zwischen Scott und Amundsen um den Südpol. Einer Guter gegen einen Bösen, tarantinischerweise gewinnt der Böse, der sich doch mit der Nordwestpassage hätte zufrieden geben können, und zur heiligen Adventszeit war’s auch noch — als V-Effekt, weil da am Südpol Tag ist.

Was Roald Amundsen für einen begabten Captain Ahab abgegeben hätte, lernen wir heute zur hundertjährigen Südpoleroberung im Kalenderblatt des Deutschlandradios:

Nach außen tat Amundsen weiter so, als hielte er an der Expedition in den Norden fest. Erst als er sich mit der Fram schon auf hoher See befand, offenbarte er der Mannschaft seinen wahren Plan. Im Januar 1911 erreichten sie das Schelfeis an der Antarktis.

Was Starbuck dazu gesagt hätte? — :

“Ich hab Mumm genug für seinen schiefen Rachen, und für den Rachen des Todes auch, Kapitän Ahab, wenn es sich bei dem Gewerbe, das wir betreiben, nun mal so ergibt; aber ich kam, um Walen hinterherzujagen, nicht der Rachsucht meines Kommandanten. Wieviel Faß wird deine Rache dir eintragen, selbst wenn du sie kriegst, Kapitän Ahab? sie wird dir auf unserm Nantucketer Markt nicht viel Bares bringen.”

Kapitel XXXVI, diesmal nach Rathjen.

Immer diese kaufmännischen Kleingeister. Selbst die Wölfin meint: “Ach Gott, hundert Jahre. Da waren die Pinguine schon viel eher dort. Die sind uns eh alle über.”

Wo sie Recht hat…

Originalt Amundsen-foto fra Sydpolen funnet i Australia, Aftenposten Norge, 8. Oktober 2009

Fachliteratur: Roald Amundsen: Die Eroberung des Südpols: 1910-1912, Edition Erdmann (das sind die antik designten, immer einen Tick zu teuren, aber die sind alle klasse und jeden Cent wert), Neuauflage Juni 2011.

Neu entdecktes altes Bild: Originalt Amundsen-foto fra Sydpolen funnet i Australia,
Aftenposten Norge, 8. Oktober 2009:

Dette er det hittil eneste kjente originalbildet fra Roald Amundsens ekspedisjon til Sydpolen i 1911. Se forskjellen på originalbildet og kopien lenger nede i saken. Amundsen er kraftigere på dette bildet. I tillegg vaier flagget og vimpelen annerledes, og man kan på dette bildet tydelig se snøfnugg og spor i snøen.

Ja, auch alles richtig.

Written by Wolf

14. December 2011 at 7:53 am

Posted in Moses Wolf

Nun, o Unsterblichkeit

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Update zu Den stärksten Trieb zum Wasser:

Heute: 200. Todestag von Adolphine Sophie Henriette Vogel (* 9. Mai 1780; † 21. November 1811).

Heinrich von Kleist und die Frauen by JudithMein Heinrich,

mein Süßtönender, mein Hyazinthenbeet, mein Wonnemeer, mein Morgen- und Abendrot, meine Äolsharfe, mein Tau, mein Friedensbogen, mein Schoßkindchen, mein liebstes Herz, meine Freude im Leid, meine Wiedergeburt, meine Freiheit, meine Fessel, mein Sabbath, mein Goldkelch, meine Luft, meine Wärme, mein Gedanke, mein teurer Sünder, mein Gewünschtes hier und jenseits, mein Augentrost, meine süßeste Sorge, meine schönste Jugend*, mein Stolz, mein Beschützer, mein Gewissen, mein Wald, meine Herrlichkeit, mein Schwert und Helm, meine Großmut, meine rechte Hand, mein Paradies, meine Träne, meine Himmelsleiter, mein Johannes, mein Tasso, mein Ritter, mein Graf Wetter, mein zarter Page, mein Erzdichter, mein Kristall, mein Lebensquell, meine Rast, meine Trauerweide, mein Herr, Schutz und Schirm, mein Hoffen und Harren, meine Träume, mein liebstes Sternbild, mein Schmeichelkätzchen, meine sichre Burg, mein Glück, mein Tod, mein Herzensnärrchen, meine Einsamkeit, mein Schiff, mein schönes Tal, meine Belohnung, mein Wert(h)ester!**, meine Lethe, meine Wiege, mein Weihrauch und Myrrhen, meine Stimme, mein Richter, mein Heiliger, mein lieblicher Träumer, meine Sehnsucht, meine Seele, meine Nerven, mein goldener Spiegel, mein Rubin, meine Syringsflöte, meine Dornenkrone, meine tausend Wunderwerke, mein Lehrer und mein Schüler, wie über alles Gedachte und zu Erdenkende lieb ich Dich.

Meine Seele sollst Du haben.

Henriette

Mein Schatten am Mittag, mein Quell in der Wüste, meine geliebte Mutter, meine Religion, meine innere Musik, mein armer kranker Heinrich, mein zartes Lämmchen, meine Himmelspforte. H.

Henriette Vogel an Heinrich von Kleist, 9. (!) November 1811.

Fachliteratur:

Fürs Frauenbild danke an Tatjana “Judith” Traurig! Sterbebild: Jochen Jansen, 5. August 2009.

Written by Wolf

21. November 2011 at 12:12 am

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I have never read that (but you should watch this)

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Update for Billy Budd heute, The secret’s in the sauce, and Der Zweck von Metaphern:

The Brothers Bloom, 2008

The con-man sequence from The Brothers Bloom, released September 9th, 2008
(starring Adrien Brody, Mark Ruffalo, the beautiful Rachel Weisz, and Rinko Kikuchi; guest starring as Melville: Robbie Coltrane; directed by Rian Johnson, and dearly recommended):

The Brothers Bloom, 2008Penelope Stamp the epileptic photographer (Rachel Weisz): Oooooh! Your name’s Melville?

Curator Max Melville (Robbie Coltrane): Oué, yea.

Penelope: Right. No, sorry, uhm. Because I noticed before, but I couldn’t place it. This ship is called Fidele, which is the name of the ship in Melville’s novel The Confidence-Man. So that’s weird.

Melville: Oué.

Bang Bang (Rinko Kikuchi): [throws her peeled apple overboard behind her back.]

Stephen Bloom (Mark Ruffalo): I… I… I have never read that.

“Bloom” Bloom (Adrien Brody): [glares.]

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

~~~\~~~~~~~/~~~

Deutsche Synchronisation:

The Brothers Bloom, 2008Penelope Stamp, die epileptische Fotografin (Rachel Weisz): Oooooh! Ihr Name ist Melville?

Kurator Max Melville (Robbie Coltrane): Oui, ja.

Penelope: Richtig. Ja, entschuldigen Sie, hm. Es war mir aufgefallen, aber ich konnte es nicht einordnen. Dieses Schiff heißt doch Fidele. Genau so wie das Schiff in Melvilles Roman Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen. Hm. Ist wirklich seltsam.

Melville: Oui.

Bang Bang (Rinko Kikuchi): [wirft geschälten Apfel hinterrücks über Bord.]

Stephen Bloom (Mark Ruffalo): Das… das… das hab ich nie gelesen.

“Bloom” Bloom (Adrien Brody): [guckt.]

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

The Brothers Bloom, 2008

~~~\~~~~~~~/~~~

Images and Trailer: The Brothers Bloom, 2008. Directed by Rian Johnson, distributed by Summit Entertainment.

Written by Wolf

7. September 2011 at 12:01 am

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160, 120, 10: 6.8.2011, 15.05

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Update zu Moby-Dick und das Radio: Zu wüten gegen ein stummes Ding
und Knurrren, Grunzen oder Brüllen:

Peter Fry Photography, Fawnya Frolic, 23. Juli 2011Bayern 2 schlägt mal wieder zu: Sie verwerten wieder Dr. Klaus Buhlerts 2002er Moby-Dick-Hörspiel, das im Original auf 10 CDs stattfindet. Am kommenden Samstag, 6. August 2011, nach den 15-Uhr-Nachrichten gibt’s den Adventure Cut davon. 82 Minuten dauert er; da bleibt wohl nur Zeit für die wichtigsten “Da bläst er”-, “Aye, aye, Sir”-, “Ahoi”- und “Arrr”-Teile.

Was man wohl nicht halb so elitär sehen sollte, wie das gerade wieder klingt. 2011 feiern wir 160 Jahre Moby-Dick, 120 Jahre ohne Herman Melville und 10 Jahre Jendis-Übersetzung, da muss man so viele Zielgruppen erschließen, wie man mit Mitteln aller Lauterkeitsgrade erwischen kann, damit wenigstens ein paar Leute in den binnenländischen Hafenkneipen auf den Theken tanzen (wozu ich vor allem die hübsche, kluge, freundliche Bedienung Bine aus dem Südstadt ausdrücklich ermuntern möchte).

In diesem Sinne: I know it ain’t gonna last (kann übrigens jemand nachweisen oder auswendig hersagen, wo das Video gedreht ist? Es sieht fatal aus wie im provinzdeutschen Mittelfranken östlich hinter Nürnberg, müsste aber eher etwas um die nordamerikanische Ostküste sein, oder?).

Bild: Peter Fry Photography: Fawnya Frolic, 23. Juli 2011.
Video: Mercury Rev: Goddess on a Highway,
aus: Deserter’s Songs, 1998.
Danke für Aufmerksamkeit: Mario Sacco!

Written by Wolf

3. August 2011 at 12:01 am

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Applied Orthographics

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Update for Campfire Tape:

I gunned it down to San Pedro Bay,
Watched my ship sail in, watched it sail away.
The sun was sinking into the sea,
But a ball of fire inside of me
Was burning my motor and driving me hard
Past the big hair on the Boulevard.

Lyrics and video: Michelle Shocked: Come a Long Way, from: Arkansas Traveler, 1992.

Harry Furniss, Sylvie and Bruno Concluded, 1893Other critics have objected to certain innovations in spelling, such as “ca’n’t”, “wo’n’t”, “traveler”. In reply, I can only plead my firm conviction that the popular usage is wrong. As to “ca’n’t”, it will not be disputed that, in all other words ending in “n’t”, these letters are an abbreviation of “not”; and it is surely absurd to suppose that, in this solitary instance, “not” is represented by ” ‘t”! In fact “can’t” is the proper abbreviation for “can it”, just as “is’t” is for “is it”. Again, in “wo’n’t”, the first apostrophe is needed, because the word “would” is here abridged into “wo”: but I hold it proper to spell “don’t” with only one apostrophe, because the word “do” is here complete. As to such words as “traveler”, I hold the correct principle to be, to double the consonant when the accent falls on that syllable; otherwise to leave it single. This rule is observed in most cases (e.g. we double the “r” in “preferred”, but leave it single in “offered”), so that I am only extending, to other cases, an existing rule. I admit, however, that I do not spell “parallel”, as the rule would have it; but here we are constrained, by the etymology, to insert the double “l”.

Lewis Carroll [sic]: Sylvie and Bruno Concluded, Preface, 1893.

Image: Harry Furniss: Illustration for Lewis Carroll: Sylvie and Bruno Concluded, 1893,
scanned by Ignacio Fernández Galván from “The Complete Illustrated Works of Lewis Carroll”,
Chancellor Press, ISBN 978-0-907486-21-3.

Written by Wolf

8. July 2011 at 12:01 am

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Das Leben ist kein [Zutreffendes streichen].

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Sarah Burrini, Pirate Style

Ab 2011 neu auf dem Münchner Comicfestival: Kategorie “Bester deutscher Online-Comic” beim PENG!-Preis. Erster Gewinner: Sarah Burrini mit Das Leben ist kein Ponyhof. Glückwunsch und Unterstützung! Insidertipp: Vorne zu lesen anfangen und vorarbeiten.

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26. June 2011 at 11:12 am

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His Life and Times

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Update for Shut Up ‘N Play Yer Guitar:

From the liner notes to Bob Dylan, 1961, by Robert Shelton as “Stacey Williams”:

His Life and Times

Bob Dylan was born in Duluth, Minnesota, on May 24, 1941. [...]

“I didn’t agree with school,” he says. “I flunked out. I read a lot, but not the required readings.”

He remembers staying up all night plowing through the philosophy of Kant instead of reading “Living With the Birds” for a science course.

“Mostly,” he summarizes his college days, “I couldn’t stay in one place long enough.” [...]

Recalling his first professional music job, Bob says:

“I never thought I would shoot lightning through the sky in the entertainment world.”

In 1959, in Central City, Colorado, he had that first job, in rough and tumble striptease joint.

“I was onstage for just a few minutes with my folk songs. Then the strippers would come on. The crowd would yell for more stripping, but they went off, and I’d come bouncing back with my folky songs. As the night got longer, the air got heavier, the audience got drunker and nastier, and I got sicker and finally I got fired.”

Charles M. Schulz, Peanuts, May 1971

Image: Charles M. Schulz: Peanuts via Pictures of Dylan (Dylan, Oh Dylan!), May 1971.

(No music by Bob Dylan. Listening to music by Bob Dylan in public places is practically illegal.)

Written by Wolf

24. May 2011 at 12:01 am

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The books that live among the cannibals

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Update zu A Riddle to Unfold, a Wondrous Work in One Volume:

Melville Hitches Old Charlie to the Wagon

The problem of western philosophy, of course,
is that it puts Descartes before the horse.

Laurie Robertson-Lorant: The Man Who Lived Among the Cannibals.
Poems in the Voice of Herman Melville
,
Spinner Publications, Inc., New Bedford, Massachusetts 2005.

Spinner Publications, Whaling Bark Greyhound, New BedfordNa? Kalauer verstanden?

Geradezu “cognizant of Melville’s use of irony, satire, and puns to harpoon a point” (Elizabeth Schultz im Vorwort zu ), führt der Verlag Spinner Publications für deutsche Begriffe einen ausgesprochen drolligen Namen, und dann auch noch als Positionierung: Publishing history and culture of Southeastern New England.

Wie hochspezialisert geht’s denn noch? Die wollen nicht Amerika abdecken, noch nicht mal Neuengland, sondern nur den südöstlichen Walfängerzipfel davon. Und dann auch nicht alles, was aus der Region so zusammenkommt, sondern ausdrücklich Geschichte und Kultur. Das können sie sich leisten, weil sie Melville, Hawthorne, Thoreau samt ein paar abseitigen Transzendentalisten haben und dann eben das romantisch gewordene Gewerbe des Walfangs samt Nantucket. Muss man sich trotzdem erst mal trauen — und siehe: Man möchte umgehend das gesamte Verlagsprogramm zusammenkaufen, so kompetent ist das ausgewählt, so schön ist das aufgemacht.

Spinner Publications, Whaling HarpoonsAus Programm, Geschichte und Philosophie:

Spinner Publications, Inc. is a community-based, non-profit publishing house based in New Bedford, Massachusetts. Our mission is to record and promote the history and culture of the cities and towns of southeastern New England. We do this primarily through the publication of books. We collect oral histories and create documentary, photographic and illustrative accounts that tell the story of the individual, the city, the land; stories of families and their work. We seek to promote the humanities and arts of the region and collaboration among artists to present local history in an accurate, dramatic and entertaining way. Spinner’s aim is to bring out the story of individuals, to show how people’s lives have impacted the community, and to portray the culture as it is realized in the lives of community members. We are interested in fostering the growth of authors as writers and historians; and of developing work which returns experience to the places of its origin.

[In 1990], Spinner began with a vision—we wanted people to get a sense of their heritage and to take pride in their contributions to the region. Since then, we have published over 20 major books and numerous small publications, employing hundreds of local artists, writers, photographers, historians and educators. As the area’s only independent, non-profit publishing house, we are proud that our name is synonymous in the region with the telling of history.

Die Umstände für die Verlagsgründung waren also günstig, das Monopol in der thematischen Nische vermutlich bis auf weiteres unangefochten.

Spinner Publications, Unknown GirlSowas kenne ich aus Deutschland auch: Beherzte One-Man-Shows, die wegen einer mehr oder weniger offenkundig eingetretenen Nischenkompetenz wenige kleine, feine Bücher machen und womöglich sogar als Backlist erreichbar halten. Populär taugliche Dissertationen, Bildbände, schlagende Entdeckungen von Heimatpflegern, solche Sachen. Kleinstauflagen, unerschwinglich, aber immer noch hart am Selbstkostenpreis, wenn nicht darunter, weil ein kalkulierter Endpreis niemandem zu vermitteln wäre. Träumer, Selbstausbeuter, kommerzielle Selbstverstümmler. Wenn die den Betrieb, wie es einzig vernünftig wäre, lieber gestern als heute einstellen würden, sähe es auf dem Buchmarkt aber mal richtig trist aus.

Bei genauerem Hinschauen sind diese Ballerbuden mit viel Desktop-Publishing und inneren Werten dann Abschreibeobjekte von betuchten Alpharüden, bei denen’s nicht so auf den Cent ankommt und die nicht gerade etwas gegen Bücher haben — weil sich die Zahnarztgattin für “Margit`s Strick Läd`le” zu fein ist und letztes Jahr den Franchise-Outlet für Ambienteartikel schon vor der ersten Steuererklärung in den Ruin investiert hat. Ihre “Desperate Housewives”-und -Prosecco-Freundin musste in der New Economy, bevor sie den Florian kennen gelernt hat, vom Arbeitsamt aus einen Kurs Mediengestalterin machen, und der Geschichtslehrer ihres hochbegabten Ritalinopfers hat da in den Sommerferien was zusammengeschrieben. Das nennt sie ihr Business-Netzwerk, und so eins braucht man doch heutzutage für seine Geschäftsidee.

Oder es sind Projekte von Studienabbrechern (alles außer BWL), die noch keine richtige Arbeit gefunden haben. Bei Hugendubel wollen die gar nicht gelistet sein, weil der sowieso einen Schuss hat, was der für den Regalzentimeter in einer einzigen Stadt verlangt, darum finden die Verlagserzeugnisse ihren Absatz im örtlichen Bastelladen und am Kiosk vom Tretbootverleih. Vielmehr finden sie ihn nicht, sondern gilben vor sich hin, weil sie berechtigterweise wesentlich teurer als ein Mövenpick Cappuccino sind, bis sie an die umliegenden Stadtteilbibliotheken gestiftet werden müssen.

Schon tragisch. Warum kann das in einer Industrienation, einem Kulturland, einer sozialen Marktwirtschaft — alles das ist Deutschland — nicht funktionieren? Wenn jemand ein Gegenbeispiel weiß, bitte Laut geben. Wenn der Laden dann auch noch sowas wie “Spinnerveröffentlichungen” heißt, bau ich endlich einen PayPal-Button in die Seitenleiste.

Die Darstellungen der Whaling Bark Greyhound, New Bedford, der Schautafel mit Whaling Harpoons und des Unknown Girl entstammen dem überbordenden und vorbildlich gepflegten Flickr-Stream von Spinner Publications, Inc., welcher derzeit über dreizehntausend historische Bilder aus dem Südosten Neuenglands umfasst.

Soundtrack: The Dresden Dolls, featuring the wunderschöne und hochgebildete Amanda Palmer:
Sing, aus: Yes, Virginia…, 2006.

(Und ja: Die Generation, die Florian heißt, ist mittlerweile fertig studiert. Ich bin selber erschrocken.)

Written by Wolf

20. May 2011 at 12:01 am

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A Riddle to Unfold, a Wondrous Work in One Volume

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Update zu Absurd and Nonprofit, Bei Lehmkuhl auf dem Flügel liegen und Of the Monstrous Pictures:

Melville Ponders Sperm-Whale Vision

The sperm whale’s eyes sit
sideways on his head
looking the other way.

On second thought,
what other way
when only double-consciousness

can hope to apprehend
reality?—Both/And—
not Either/Or.

I mean, one eye faces right,
the other left, and the front
of his head is a dead blind wall.

The whale butts his head
against your boat
because he cannot see.

When ships get in his way,
they sink: the whale regards them
as mere jeux d’esprit.

Laurie Robertson-Lorant: The Man Who Lived Among the Cannibals.
Poems in the Voice of Herman Melville
,
Spinner Publications, Inc., New Bedford, Massachusetts 2005.

Laurie Robertson-Lorant ist die Autorin von Melville: A Biography, dem einbändigen Konkurrenzprodukt zu Hershel Parkers zweibändigem Opus 1998, promoviert über Melville und die Rassenfrage — siehe auch: Sklaverei, Amerikanischer Bürgerkrieg, Benito Cereno, Queequeg, den Negerjungen Pip et al.

Die Bücherliste weiß schon länger davon, jetzt auch wir: Aus der Beschäftigung mit Melville erwuchs Frau Robertson-Lorant ein schmaler Gedichtband — in der Originalfassung gerade mal 56 Seiten –, der biographische Fakten in Fiktion einspinnt. Das verbindet mit dem Genre des Dokutainments, dass es Historie geradezu sangbar macht. Auch wenn es freie Rhythmen sind: Solange “Gedicht” von “Verdichtung” kommt, hilft das Wirklichkeit verstehen.

Die “Biographie” hangelt sich an Melvilles literarischem Werk entlang, aber nicht lückenlos, was einer anfangs gar nicht bemerken kann, der nicht zuvor mit seinen obskuren Sachen wie den Fragments from a Writing-Desk, Mardi, den Encantadas oder den Rose Poems vertraut war, und ich möchte keine großen Summen darauf wetten, ob sich da im deutschen Sprachraum mehr als ein Hundert Leute finden. Oben ist die Meditation übers Chapter LXXIV: The Sperm Whale’s Head—Contrasted View in Moby-Dick zitiert.

Sie beobachtet einen Herman Melville, der weder genau so 1:1 existieren konnte noch als reale Person bei genau dem dargestellten Tun dingfest gemacht werden konnte — am deutlichsten in seinen lyrischen Auseinandersetzungen mit einem ebenfalls hypothetischen George Orwell und Salman Rushdie. Dadurch wird die Person Melville ein auktorialer Erzähler, jener allwissende Märchenonkel mit übergeordneter Erzählperspektive aus dem Deutsch- und Englischunterricht. Das heißt auch: Er fordert mit seiner Erfinderin Robertson-Lorant einen denkenden Leser, einen mit Vorwissen und Belesenheit, je mehr schon vorhanden, desto bereichernder: für Einsteiger ungeeignet. Wer dann schon mal so weit ist, sich darauf einzulassen, merkt dann schon, wo die biographische Wirklichkeit steckt und wo sie ins Spiel mit der Fiktion kippt.

Laurie Robertson-Lorant by Guido RögerDie Gedichtform — ich hab’s absichtsvoll misstrauisch gegen den Strich gelesen — ist angemessen: Frau Biographin verrät keine Fakten um der gesuchten Form willen und verschwafelt kein Wort zuviel — ganz, was man dichte Sprache nennt. Und vor allem kriegt sie es hin, einen Gedichtzyklus mit Konzept zu liefern, keine Sesamstraße-Texte, aus denen man “spielerisch lernen” soll. Das war noch meine größte Sorge — aber bitte: Es sitzt doch.

A Riddle to Unfold, A Wondrous Work in One Volume heißt das Vorwort von Elizabeth Schultz. Damit beschreibt Ismael im Chapter CX: Queequeg in his Coffin Queequeg. Das klingt deutsch von Rathjen: “[...] so daß Queequeg in eigener ganzer Person ein Rätsel aufzulösen gab; ein wundersames Werk in einem Band.” Die einbändigen Referenzen ziehen sich durch bei Frau Robertson-Lorant.

Demnächst: Wäre eigentlich die Zeit nicht reif für einen deutschen Verlag, der “Spinnerveröffentlichungen” heißt?

Bilder: Spinner Publications, Inc.; Guido Röder photograph.

Schauderhaft alberner und bezugsloser Soundtrack, der den ganzen Versuch eines wissenschaftlichen Anstrichs wieder runterzieht, dafür aber von Amanda Palmer ist:
Oasis, aus: Who Killed Amanda Palmer, 2008.

Written by Wolf

14. May 2011 at 12:01 am

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BBBB in D

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Das Licht scheint durch das Dunkel, und das Dunkel wird begriffen und leidet. O Schönheit, o Anmut und Güte, ach, dass ich euch erblickte!

Benjamin Britten (Musik), Libretto von Edward Morgan Forster und Eric Crozier, 1951.

Billy Budd jacketIn diesen heil’gen Hallen kommt bis jetzt Billy Budd viel zu kurz. Die letzte Erzählung von Herman Melville ist gemeint (und wirklich wunderschön); die gleichnamige Oper von Benjamin Britten zu besuchen wäre jetzt gerade günstig: In Düsseldorf ist am 26. März eine neue Inszenierung von Immo Karaman angelaufen, über die flächendeckend Wunderdinge rezensiert werden (“dreieinhalb Stunden Musiktheater, spannend bis zum letzten Takt” ist da noch gelinde) — in vier statt zwei Akten, in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Vereinfacht gesagt, ist sich Melville mit dem Billy Budd in den vierzig Jahren seit Moby-Dick treu geblieben: Wieder eine Seemannsgeschichte, wieder eine allgemeingültige Allegorie auf alles und jeden, nur auf nichts zu Kleines, wieder eine reine Männerveranstaltung, wieder voller latenter Homoerotik, wieder ein Stoff, der uns “die existenzielle Erfahrung, in dieser Welt gefangen zu sein und außer Stande, die Begrenztheit zu durchbrechen” (Christoph Schmitz: Meuterei unter Männern im Deutschlandfunk, 26. März 2011) lehrt.

Persönlich ist mir die Musik zu… nun ja, zu zeitgenössisch. Was Seemannsopern angeht, steh ich musikalisch noch bei Idomeneo und bleibe spätestens beim Fliegenden Holländer hängen, da bin ich von diesem ganzen Pathos, das mir jede der hundertfünfzig Bedeutungsebenen einzeln hinreiben will und dazu noch mit Atonalität kokettiert, heillos übefordert. Mein Fehler.

Billy Budd in Ten Minutes: Benjamin Britten: Billy Budd, Inszenierung in Frankfurt, 2007: Billy’s introduction; Goodbye to the Rights of Man; Billy sings with his shipmates; Death of Claggart; Court-martial scene; “Look, through the port comes the moonshine astray”. Billy Budd: Peter Mattei, Captain Vere: John Mark Ainsley.

Wieder mal danke an Klaus Jost!

Written by Wolf

29. March 2011 at 3:23 pm

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160 Years Ago: Literature Makes Things Happen

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Update for More done with pens than swords [and whips]:

On January 23, 1850, Richard Bentley in London published White-Jacket; or, The World in a Man-of-War.

They [Redburn and White-Jacket] are two jobs, which I have done for money — being forced to it, as other men are to sawing wood. And while I have felt obliged to refrain from writing the kind of book I would wish to; yet, in writing these two books, I have not repressed myself much — so far as they are concerned; but have spoken pretty much as I feel. — Being books, then, written in this way, my only desire for their “success” (as it is called) springs from my pocket, and not from my heart. So far as I am individually concerned, and independent of my pocket, it is my earnest desire to write those sort of books which are said to “fail”.

Herman Melville: Letter to Lemuel Shaw, October 6, 1849.

Herman Melville, White-Jacket, Ill. A. Burnham Shute, 1850, Frontispiece p. 131. The Captain's finger was now lifted, and the first boatswainsmate advanced.

“Das Buch wurde jedem Kongressmitglied auf das Pult gelegt, und bald ging ein Gesetz durch, das die Auspeitschung in der Flotte untersagte und keine andere Strafe an deren Stelle setzte.”

Konteradmiral Franklin nach John Freeman: Herman Melville, MacMillan 1926, cit. H. M.: Weißjacke, Nachwort von Dr. Walter Weber, Manesse 1948.

In March 1850, Herman Melville published [in USA] White Jacket, or the World in a Man-of-War, a novelized memoir of his experiences in the South Seas aboard a U.S. Navy vessel.

Melville’s vivid depiction of flogging, a brutal staple of 19th century naval discipline, led New Hampshire Sen. John P. Hale to renew efforts to have Congress ban the “cat-o’-nine-tails” as a barbarous anachronism.

Flogging, which was prescribed in the original Articles of War written in 1775 by John Adams, was outlawed in the Army in 1812 but revived two decades later as punishment for desertion.

Navy officials, meanwhile, vigorously defended flogging against its critics—most often abolitionists—as the only practical means of controlling “the turbulent and ill-assorted characters common on board every ship of war.”

In 1842, a Navy court-martial convicted Capt. Uriah P. Levy, an outspoken foe of the lash, for failing to flog a disrespectful cabin boy.

Still, at Hale’s urging, Congress banned flogging on all U.S. ships in September 1850. And in July 1862, in a bill authorizing African-Americans to serve in Union militias, it was finally banned from all branches of the military.

George Hodak: September 28, 1850: Congress Bans Maritime Flogging.

Image: A. Burnham Shute for Herman Melville: White-Jacket, 1850, frontispiece p. 131:
“The Captain’s finger was now lifted, and the first boatswainsmate advanced.”

Written by Wolf

23. January 2011 at 12:01 am

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Knurren, Grunzen oder Brüllen

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Update zu Moby-Dick und das Radio: Zu wüten gegen ein stummes Ding:

Moby-Dick™ wäre nicht, was es ist, ohne seine aufmerksamen und treuen Leser. Nach genau einem Jahr erinnert uns Mario Sacco wieder an Moby-Dick im Radio. Der Unterschied zum Artikel von letzten Jahr ist: Heuer brauchen Sie kein Radio dazu, weil die Podcasts online stehen. Einfach anklicken, sie laden schnell.

Vielleicht schätzt man das zu wenig, was gerade der Bayerische Rundfunk für den Melvilleaner leistet, oder feiert noch ein anderes Binnenlandmedium so ausführliche Seemannsweihnachten? Jedenfalls hilft es gegen das lästige Zusammenkleben der Magenwände von zu vielen Plätzchen.

Julian Doepp: Zu wüten gegen ein stummes Ding. Moby-Dick und das Radio, 11. Dezember 2009:

Wale sprechen nicht. Aus ihrem Körper dringt “keine Silbe, kein Knurren, Grunzen oder Brüllen”, schreibt Herman Melville. Paradoxerweise hat Moby-Dick gerade akustisch Karriere gemacht.



(54 Minuten)

Carl-Ludwig Reichert: Moby Medial, 18. Dezember 2009:

Rezeptionsgeschichte und Medialität eines Romans: Viele kennen die Geschichte von Moby-Dick, aber nur wenige haben Melvilles genialen Roman vom weißen Wal tatsächlich gelesen, schon gar nicht in der ungekürzten Fassung.



(54 Minuten)

Mira Alexandra Schnoor: Melville, der Rätselhafte, 25. Dezember 2009:

Leben und Werk eines großen amerikanischen Dichters. Melville gehört zu den großen Rätseln der Literaturgeschichte. Mit Hilfe der erhaltenen und wiederentdeckten Dokumente und Texte porträtiert Mira Alexandra Schnoor den Matrosen, Walfänger und Moby-Dick-Autor.



(58 Minuten)

Lo, Red on Rocks, 6. August 2010

Bild: Lo: Red on Rocks, 6. August 2010.

Written by Wolf

26. December 2010 at 9:42 am

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We are 65

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Update zu Walgesänge mit Begleitung:

Als ich mal auf Acid war, habe ich Gott gesehen. Er ist größer, als ich gedacht habe.

Ian Fraser “Lemmy” Kilmister, 1996, nach:
Harry Shaw: Lemmy Talking, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010.

Man hat mich schon Gott oder Jesus genannt, aber nicht Santa Claus. Hm, allerdings habe ich mich schon als Santa verkleidet. Einmal fürs Fernsehen. Und einmal für das Cover unseres Albums „Ace of Spades“.

Ders., in: Jörg Scheller: Lemmy Kilmister: Der Geist der bösen Weihnacht,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Interview 24. Dezember 2010 (empfohlenes Interview!).

Da wird der alte Krawallbruder, den man mit so gedämpftem Respekt Lemmy anredet (was er unterstützt), am 24. Dezember auch schon 65. Das Christkind hat man sich immer anders vorgestellt.

Lemmy KilmisterNun ist dem Guten manches vorzuwerfen — zum Beispiel, dass ein Vorbild für so viele junge Menschen weltweit nicht mehr Zeit findet, als sich seinen Fans immer nur einzeln zuzuwenden: Nach seinen eigenen Berechnungen war er, der lebenslange Junggeselle, mit gar nicht so vielen Frauen zusammen: “Es waren nur 1000. Und wenn du die auf all die Jahre umrechnest, ist das auch nicht mehr als eine pro Woche.”

Die Rechnung stammt von 2010, und wenn wir wohlwollend ansetzen, dass Herr Kilmister seine diesbezüglichen Bemühungen mit 18 Jahren aufgenommen hat, kommen wir auf eine pro drei Wochen. Immer noch genug, um einen vielbeschäftigten Musiker vom Heiraten abzuhalten.

Motörhead hat er 1975 gegründet, mit 30. Von Anfang an bestand die Band aus drei Mann (Lemmy Kilmister: Bass; anfangs Larry Wallis: Saitenmoped; Lucas Fox: Schießbude), die zusammen einen wirklich ganz erstaunlichen Lärm zustande brachten. Mit Verlaub: Im Vergleich zu dem, was von neueren Death, Speed, Trash und sonstigen Metal-Bands in Mikrophone gekotzt wird (jedes andere Wort wäre untertrieben), wirken Motörhead heute zahm. Was von den wenigsten erreicht wird, ist Motörheads, allen voran Lemmys entwaffnende Credibility, nein: Trueness.

Als ob man den Umzugskarton mit dem Besteck und Geschirr das Treppenhaus runterschmeißt, klingen sie alle, bei Motörhead lohnt sich das wiederholte Hinhören. Lemmy benutzt ein einschüchterndes Werkzeug von Rickenbacker-Bass, der unzweifelhaft größer ist als manche seiner Frauen und zuverlässiger dazu, und mit dem er einen der ganz wenigen Frontleute mit Bass abgibt. Und er spielt darauf Bluesschema; viel komplizierter sind Metalsongs nicht. Das macht sonst erst wieder Ringsgwandl, und der besteht aus Parodie.

Als Lyriker gibt er nicht viel her: Motörhead-Texte sind engagiert stimmungsvoll, mehr nicht. Saufen, Weiber, Leiden an der Welt, was denn sonst. Durchaus große Themen, die selten an eine große Wahrheit rühren. Aber hey. Wenigstens verschaffen sie sich Luft.

Ehrfurcht kriegt man erst vor dem Typen Lemmy außerhalb einer Bühne. Die Rolle des knorrigen, schrottigen Saufprolls, der außer auf stete Whiskyzufuhr alles scheißt und die besten Mädels kriegt, mag erfunden sein, aber es fällt schwer, Lemmy irgendetwas nicht zu glauben: Der Kerl ist echt. Jedenfalls soll sich jemand anders mit der Grugahalle voller tätwowierter Bierbäuche mit Harley-Schlüsseln in der Kuttentasche anlegen.

Lemmy Kilmister Live at Reds, Edmonton, May, 2005 Langsam gehört Lemmy zu den letzten Überlebenden seiner Generation mit Vorbildwirkung: Frank “It’s fucking great to be alive” Zappa, der Lemmy entfernt ähnlich sah, wäre in diesen Tagen, am 21. Dezember, 70 geworden, weilt aber seit 1993 nicht mehr unter uns und verstand sich sowieso mehr als launiger Retter der großen Oper und betont biederer Familienvater; Captain Beefheart, den immerhin Tom Waits als Vorbild angibt, ist 1982 unter die Kunstmaler gegangen und soeben, am 17. Dezember, mit 69 an MS gestorben. Bob Dylan lebt noch, hat aber nie besonders gern mit Leuten geredet. Außerdem konnte man sich anhand Fotos von denen allen nie so unmittelbar vorstellen, wie sie riechen.

Allein Ace of Spades vom gleichnamigen vierten Album 1980 ist heilig. Auf den ersten Blick auch nicht viel anders als der ganze Lärm drumherum, mit einem Text von geringem Erkenntnisgewinn, aber in seiner stilistischen Schlichtheit der Inbegriff eines Rockfetzens. Ein Lied wie ein sehr großer, sehr kraftvoller und wahrscheinlich schwarzer Lkw.

Schon in den 1980ern hat sich Lemmy interviewweise darüber verwundert, wie es doch “immer noch Idioten gibt, die sich unsere Musik anhören wollen”, 2010 ist das zwanzigste Motörhead-Album erschienen, The Wörld Is Yours — übrigens auch auf Vinyl, wie sich das gehört —, und angeblich leitet er Konzerte immer noch mit der hingeranzten Formel ein: “We are Motörhead, and we play Rock and Roll” — mit sämtlichen Silben in britisch sorgfältiger Präsenz. Was passieren würde, wenn sie dann tatsächlich mit Rock and Roll anfangen wollten, will ich ebenfalls lieber nicht erleben, aber nach einer Dosis Motörhead fühlt man sich immer noch nicht genervt wie von auf Kasper geschminkten Posern wie Accept oder Iron Maiden, die nach 1980 ja auch als Heavy Metal durchgehen wollten, sondern wie frisch geduscht. Qui habet aures audiendum, audiat oder soll sich weiter seine Metallicaschnulzen bei iTunes runterholen.

Wie man hört, gedenkt sich Lemmy zu seinem Geburtstag am Heiligen Abend wie jedes Jahr in einem Hotel in Las Vegas einzuquartieren, das sich vornehmlich an alleinstehende Herrschaften richtet. 65 und erst tausend Frauen? Himmel, der Mann hat mehr Beziehungen geführt, als unsereiner je Gutenachtbussis erhalten wird, und könnte jetzt schon unser aller Vater sein.

Alles Gute und schöne Weihnachten, du alter Sack.

Heiliges Lied: Ace of Spades, aus: Ace of Spades, 1980;
Fachliteratur: Jörg Scheller: Lemmy Kilmister: Der Geist der bösen Weihnacht, Interview Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Dezember 2010;
Harry Shaw: Lemmy Talking, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010;
Bilder: Blastwaves: Quid Me Anxius Sum? nach Metal Library;
Lemmy Live at Reds, Edmonton, May, 2005: Wikimedia Commons.

Written by Wolf

24. December 2010 at 12:01 am

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Walnachrichten

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Das wird heuer nichts mehr, also raus mit dem Zeug, alle in einen Eintrag. Geplant war es anders: jeden in einen eigenen, kompetent und beweiskräftig verlinkt und hübsch bebildert. Nun geht schon das nächste Jahr den Bach runter und immer noch ist nichts getan. Die Zettelwirtschaft auf meinem Schreibtisch besteht aus Zeitungsmeldungen, die Wale oder Sprachwissenschaft betreffen, einer davon sogar beides, alle zufällig aus der Süddeutschen Zeitung, die ich gar nicht regelmäßig lese, die restlichen vier entstammen dem “Wissen”-Teil. Lesen wir sie chronologisch.

1.
Leserbrief der Grundschule Maria Ward, Klasse 4a, München in: Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 15. Juli 2009:
Gut für Möwen, schlecht für Wale
Wale werden neuerdings von Vögeln angegriffen

Wir fanden Artikel “Vögel auf Walfang” vom 27./28. Juni sehr interessant. Wir haben ihn im Unterricht besprochen und kamen zu folgendem Ergebnis: Die Menschen fischen die Meere so leer, dass die Möwen nicht mehr genügend Nahrung finden. Im Laufe der Zeit lernten sie, dass es viel einfacher ist, den Schnabel in den nahrhaften Rückenspeck der Wale zu hacken, als mühsam und zeitaufwändig im leergefischten Meer Futter zu suchen. Im Sinn der Evolutionstheorie nach Charles Darwin ist das eine Weiterentwicklung der Möwen, aber eine Bedrohung für die Wale.

Ohne den Originalartikel, den die Klasse 4a mir voraus hat, gelesen zu haben, fand ich gegen ihre Einschätzung nie etwas einzuwenden. Zur Beförderung unserer Meinungsbildung:

1 a)
Tina Baier in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag, 27./28. Juni 2009:
Vögel auf Walfang
Vor Argentinien reißen Möwen immer häufiger Fleisch aus den Körpern von Walen — und werden damit neben dem Menschen zur ernsten Bedrohung für die Meeressäuger.

In den meisten Ozeanen der Welt haben Wale außer dem Menschen nur wenige Feinde. Vor der argentinischen Halbinsel Valdés ist das anders. Dort machen Dominikanermöwen Jagd auf den Südlichen Glattwal. Sobald die bis zu 18 Meter langen Säuger zum Luftholen an die Oberfläche kommen, landen die Vögel auf ihren Rücken und reißen große Fleischstücke aus ihrem Körper. Die Wunden sind Zentimeter tief und bis zu einen halben Meter lang.

Nach Angaben von Walforschern des Instituto de Conservación de Ballenas in Buenos Aires hat die Zahl der Attacken dramatisch zugenommen. Im Jahr 2008 hatten 76,8 Prozent der Wale von Valdés Spuren von Möwenangriffen auf dem Rücken. 1974 waren es lediglich ein Prozent.

Anfang der siebziger Jahre beobachteten Forscher erstmals, wie Möwen auf den Walen landeten. Doch damals gaben sich die Vögel noch damit zufrieden, Parasiten von den Rücken zu picken und ab und zu einen Fetzen loser Haut. Irgendwann haben sie dann begonnen, ihren Schnabel in den nahrhaften Speck zu schlagen. Am häufigsten greifen die Möwen Walmütter mit ihren Kälbern an. Die kleinen Wale müssen öfter zum Luftholen auftauchen als erwachsene Tiere.

Mittlerweile sind die Vögel zur ernsten Bedrohung geworden. Die Region ist eine Kinderstube für den Südlichen Glattwal. Die Mütter säugen dort ihre Jungen bis sie groß genug sind, in den Ozean hinauszuschwimmen und sich selbst zu versorgen. Die Mütter fressen während dieser Zeit nichts. Um Energie zu sparen, bewegen sie sich unter normalen Umständen kaum und dümpeln an der Wasseroberfläche. Seit dort die Möwen lauern, hat sich das geändert.

Ein Drittel des Tages sind Mütter und Kälber auf der Flucht vor den Luftangriffen. Statt sich auszuruhen, tauchen sie unter und schwimmen mit großer Geschwindigkeit davon. Die argentinischen Walforscher befürchten, dass sie dabei zu viel Energie verbrauchen, die die Mütter eigentlich in die Milchproduktion, und die Kälber in ihr Wachstum stecken sollten. Tatsächlich haben Meeresbiologen beobachtet, dass die Kälber dünner sind als noch vor einigen Jahren.

Dergleichen wird sicher gern in Nymphenburger Grundschulen besprochen.

2.
Christian Weber in: Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 4. August 2009, Seite 14, “Wissen”:
Die Gesetze der Schwanzflosse
Delfine schwimmen nach linguistischen Regeln

Ein bislang nur Linguisten bekanntes Gesetz scheint auch bei Delfinen zu gelten. Wie ein britisch-spanisches Forscherteam im Fachblatt Complexity (Bd. 14, S. 23, 2009) jetzt zum ersten Mal berichtet, neigen die Meeressäuger dazu, sich möglichst ökonomisch durch das Wasser zu bewegen. Am häufigsten vollführten die Tiere einfache Schwimmfiguren, die sich mit wenigen Flossenschlägen zustande bringen lassen. Je komplexer die Bewegungsmuster, desto seltener seien sie zu beobachten.

Dieses Verhalten entspreche einem Gesetz, das nach Angaben der Autoren der Harvard-Linguist George Kingsley Zipf bereits in den 1930er Jahren mathematisch formuliert hatte. Es besagt in vereinfachter Form, dass die am häufigsten benutzten Wörter in einer Sprache in aller Regel auch die kürzesten sind. Im Deutschen ist zum Beispiel “der” das meistgebrauchte Wort.

Für ihre Delfin-Studie beobachteten der Computerwissenschaftler Ramón Ferrer i Cancho von der Universität Politècnica de Catalunya in Spanien und der Meeresbiologe David Lusseau von der schottischen Universität Aberdeen das Verhalten Großer Tümmler (Tursiops truncatus) an der Meeresoberfläche vor der Küste Neuseelands. Dabei kodierten sie die Bewegungen der Tiere nach kleineren Einheiten wie “Klaps”, “Stop”, “Schwanz”, “Kopf” oder “Sprung”. So ergaben sich insgesamt 30 Bewegungsmuster, die aus einer bis maximal vier Einheiten bestanden. Die statistische Analyse der ermittelten Daten ergab tatsächlich eine Häufigkeitsverteilung, wie sie Sprachwissenschaftler von den Wortlängen her kennen. “Die Verhaltensmuster der Delfine gehorchen dem gleichen Gesetz der Kürze wie die menschliche Sprache, wo ebenfalls die einfachsten und effizientesten Codes gesucht werden”, sagt Ferrer i Cancho.

Diese Parallelität sei mehr als ein Zufall, schreiben die Autoren. Sie zwinge vielmehr zu einer grundlegenden Einsicht: Wenn Sprache nach ähnlichen Prinzipien aufgebaut sein sollte wie biologische Systeme, müsste sie in Zukunft auch vermehrt nach den Prinzipien der Lebenswissenschaften untersucht werden. Anders gesagt: Zoologen sollten auch Bücher zu Objekten ihrer Forschung erklären.

Das ist jetzt mein Liebling in dieser Sammlung. War es doch schon im Studium meine Rede, dass die Fähigkeit zur Sprache im Lauf der Menschheitsgeschichte ins Erbgut vorgedrungen ist; jeder Phänotyp des Menschen erlernt nur noch ein Sprachsystem, ohne die Veranlagung dazu wurde schon sehr lange niemand mehr geboren. Sollte diese Forschung fortgesetzt werden, verspreche ich mir endlich Aukunft darüber, ob leicht zu produzierende Wörter öfter benutzt werden, oder ob sie erst durch den häufigen Gebrauch handlich zurechtgeschliffen werden — also eine Unterscheidung von Ursache und Wirkung. Und ob die Delfine vor Neuseeland andere Bewegungsmuster ökonomisch finden als die zum Beispiel im Nürnberger Delfinarium — also ob sie quasi in verschiedenen Dialekten schwimmen.

3.
Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 24. Juni 2010, Seite 14:
Nicht parodierbar
Skizzen und Notizen des Büchner-Preisträgers Walter Kappacher

Klappentexterin, Sinn und Sinnlichkeit, 30. August 2010Walter Kappacher, als Stilist der Meister einer eindringlichen Unaufdringlichkeit, hat ein Heft mit Notizen, Fundstücken und Fotografien vorgelegt. Auch diese Kürzesttexte blenden nicht, zeigen keinen blitzenden Witz, sondern eher stille, abgründige Komik: “Mai 1986. Der in Berlin-Spandau inhaftierte 92jährige Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess sorgt sich wegen der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl; er gesteht dem Pastor Gabel, dass er seit Tagen frische Milch und frischen Salat meidet.” Der Titel des Bändchens bezieht sich auf ein berühmtes Foto, das Marilyn Monroe im Badedress bei der Lektüre des “Ulysses” von James Joyce zeigt, es ist offensichtlich die Erstausgabe, also wohl das Exemplar ihres Ehemannes Arthur Miller: “Es wäre leicht, darüber zu schmunzeln, aber wie viele von den ‘Intellektuellen’ haben das Buch zu Ende gelesen?” Anderes liest sich wie eine Kürzestgeschichte, ein Eheroman in fünf Sätzen: “Der Metzger in der Linzergasse tritt vors Geschäft mit blutiger Schürze, Feierabend, und wischt sich die Hände ab, zündet sich eine Zigarette an. Ein Touristenpaar kommt vorbei, feist beide; der Mann grüßt halbmilitärisch, zwei Finger zur Schläfe: Er sei Kollege, habe in Duisburg eine Fleischhauerei. Ist froh sich mit dem Metzger über Berufliches unterhalten zu können. Die Ferientage, die Stadt Salzburg, das dauernde Zusammensein mit seiner Frau öden ihn sichtlich an.”

Kappachers eigene Sprachmaxime steht schon auf der zweiten Seite: “Wäre nicht jener Stil der beste, der nicht parodierbar ist?” Die wachsende Kappacher-Gemeinde wird sich auch über die Fotos freuen, die das Uferschilf eines bei Salzburg gelegenen Sees so nah zeigen, dass geometrische Muster daraus werden, wie eine stumme Schrift der Natur.

Walter Kappacher: Marilyn Monroe liest Ulysses. Notizen, Fundstücke und Fotografien. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2010. 40 Seiten, 15 Euro.

Die Artikel von Gustav Seibt gehören immer zum Aufschlussreichsten in der Süddeutschen, man kann danach gehen, der Mann ist dort zuständig für Goetheforschung und die richtig dicken literarischen Bretter. Der wiedergegebene Artikel stand unter “Kurzkritik”, war daher gerade mal eine halbe Spalte lang und besteht da noch großenteils aus Zitaten. Ein Buch, das Rudolf Hess, die Monroe, einen österreichischen Metzger, Entschuldigung: Fleischhauer und Fotos von sehr beschaulichen Landschaften zusammenbringt und darin an Arno Schmidt im Twitterformat erinnert, wollte ich mir trotzdem merken.

Überdies hab ich mir das auch schon mal gedacht, dass man möglichst schreiben sollte, was sich der Parodie entzieht. Am besten parodiert man gleich selber, und zwar mit Respekt. Dann kommt Moby-Dick™ raus und alle haben was zum stillvergnügten Grinsen. Mehr geht nicht.

4.
Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 1. Juli 2010, Seite 24, “Wissen”:
Wal! Da beißt er!
Fossiler Pottwal mit Riesenzähnen

Die Vorfahren des Pottwals gingen einst mit imposanten Reißzähnen auf die Jagd nach anderen Walen. Das berichtet ein europäisches Forscherteam um den belgischen Paläontologen Olivier Lambert im Fachjournal Nature (Bd. 466, S. 105, 2010). Die Wissenschaftler entdeckten im November 2008 nahe der Stadt Ica an der Küste Perus die Überreste eines Urzeit-Pottwals. Der etwa 13 Millionen Jahre alte Schädel des Säugetiers war mit einem kräftigen Unterkieferknochen sowie mächtigen Zähnen ausgestattet. Diese waren bis zu 36 Zentimeter lang und hatten einen Durchmesser von mehr als zwölf Zentimetern. Der Fund ist das größte jemals entdeckte Gebiss eines Landwirbeltiers. Außerdem beweise das Fossil die räuberische Vergangenheit der Pottwal-Familie, berichten die Wissenschaftler. Die urzeitlichen Pottwale waren demnach gefährliche Jäger, die in ihrem Beute-Verhalten heutigen Schwertwalen ähnelten. Wahrscheinlich habe sich dieses bis zu 17 Meter lange Raubtier von mittelgroßen Bartenwalen ernährt. Zusammen mit dem Megalodon, dem größten bekannten Hai der Erdgeschichte, standen die räuberischen Pottwale vermutlich an der Spitze der einstigen Nahrungskette im Meer. Die Entdecker tauften den Pottwal aus dem Erdzeitalter des Miozän auf den Namen Leviathan melvillei — ein Urzeit-Seemonster also, das Herman Melville, dem Autor des Romans “Moby Dick”, gewidmet wurde.

Das war die erste Meldung, durch die uns der Melvillei auffiel. An dieser Stelle nochmal zur individuellen Vollständigkeit, zur Erinnerung, und falls doch noch was Neues drinsteht. Das Wichtigste: dass Wale von Landtieren abstammen und gegen alle Evolution ins Meer zurückgekrabbelt sind, geht im Nebensatz etwas unter.

5.
cwb in: Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 14. Oktober 2010, Seite 16, “Wissen”:
Die Zahl

9800 Kilometer weit muss ein Buckelwal-Weibchen mindestens geschwommen sein, das zuerst vor der Ostküste Brasiliens und zwei Jahre später vor Madagaskar gesichtet wurde. Experten haben es anhand von Flossenform und Fleckenmuster eindeutig identifiziert. Es wäre die längste Reise eines Säugetiers, die je beobachtet wurde. Vermutlich war die Strecke sogar noch länger, berichten die Forscher um den Meeresbiologen Peter Stevick vom College of the Atlantic in Bar Harbor, USA (Biology Letters, online): Das Tier habe wahrscheinlich nicht die Direktverbindung genommen, sondern zuvor einen Abstecher in die Antarktis gemacht, wo reiche Fischgründe locken. Unklar sei allerdings, ob der Buckelwal gezielt neue Lebensräume erkunden wollte, oder ob er sich schlicht verirrt hat.

Was auch mal wieder gesagt werden muss: Besuchet regelmäßig die Walnachrichten auf Cetacea sowie kulturelle Nachrichten bei Arts & Letters Daily!

Bild: Klappentexterin: Sinn und Sinnlichkeit, 30. August 2010.

Soundtrack gegen all die Trockenheit: Die Ärzte: Westerland, aus: Das ist nicht die ganze Wahrheit… — von 1988 und für meinen Begriff immer noch “ihre neue”.

Written by Wolf

16. December 2010 at 12:01 am

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Zweimal Zweitausendzehn

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Update zu Er bläst wieder (und wieder):

Weit ist es gekommen mit den literarischen Weblogs: empfehlen mehr Fernsehsendungen als Bücher. Heute, hat unser Leser und Kontributor Klaus Jost bemerkt, könnte sich’s richtig lohnen: Da bringt ARTE im Rahmen seines Filmfestivals den Spielfilm Kapitän Ahab, im Original Capitaine Achab. Der kommt in der Donnerstagnacht um 00.10 Uhr, also in den frühen Freitagmorgenstunden, typisch, Sie verstehen. Und das ist heute. Was ARTE als für einen kommerziell orientierten Fernsehsender ziemlich dickes Brett dazu bohrt, klingt durchaus raffiniert und verlockend:

Dijana Tolicki, 25. Juli 2010Philippe Ramos erzählt in “Kapitän Ahab” die fiktive Geschichte über die Kindheit des berühmten Kapitäns aus Herman Melvilles Roman “Moby Dick”. In fünf Kapiteln berichten fünf Figuren aus der Kindheit, den Jugend- und Erwachsenenjahren des Ahab.

1840, im Nordosten der USA: Noch ahnt niemand, dass aus dem zehnjährigen Ahab einst der wohl berühmteste Schiffskapitän und Waljäger der — literarischen — Welt werden würde. Der Junge wächst, nachdem sein Vater bei einem Duell ums Leben kommt, bei seiner gottesfürchtigen Tante Rose und deren strengem Ehemann Henry auf. Doch als der kleine Ahab genug von dessen Züchtigungen mit dem Stock hat, inszeniert er seinen Tod und zieht alleine in die Welt hinaus.

Nach einem kurzen Zwischenstopp bei einem Pfarrer beschließt er, in die Seemannsschule einzutreten. Für ihn gibt es nur noch eines im Leben: den Ozean. Als der erwachsene Ahab schließlich bei der Jagd nach einem großen weißen Wal beinahe getötet wird, lassen ihn Rachegedanken nicht mehr los. Bevor er jedoch wieder mit neuem Schiff und neuer Mannschaft in See stechen kann, muss er sich von seinem Beinverlust erholen.

Inspiriert von der Heldenfigur aus “Moby Dick” von Herman Melville, schildert der französische Regisseur Philippe Ramos seine eigene Interpretation dieser unverwechselbaren Gestalt der US-amerikanischen Literatur. Fünf Menschen, die Ahab kannten, erzählen aus dem Off sein tragisches Schicksal und lassen einen bestimmten Abschnitt im Werdegang des Helden wieder aufleben: eine Vielzahl an Erzählperspektiven, die sich auch in der jeweils unterschiedlichen Begleitmusik widerspiegelt.

Philippe Ramos, geboren 1964 in Vaucluse, Frankreich, dreht bereits in frühen Jahren als Autodidakt Super-8-Filme und realisiert drei Kurzfilme in Folge sowie die beiden langen Filme “L’Arche de Noé” (1999) und “Adieu pays” (2002). Alle seine Filme wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt. Beim Festival von Locarno 2007 erhielt er für “Kapitän Ahab” den Preis für die beste Regie. Für ARTE realisierte der Regisseur bereits 2003 einen gleichnamigen Kurzfilm zum Thema.

Gut, der ist nicht von 2010, sondern schon 2007. Wie anders könnte er unserem Jürgen 2008 schon mal aufgefallen sein.

Ahab war anno 1840 zehn Jahre alt? und kriegt schon 1851 den Roman über seinen Untergang als älterer Herr, verursacht von einem Wal, der außerhalb der Literatur bis 1838 Untergänge verursacht hat? Holla, da muss einer der Historienschaffenden wohl nochmal den Zeitstrahl geradebiegen.

So ein unverkrampfter Umgang mit dem vorgefundenen Material geht aber, liebe De- und sonstige Konstruktivisten, noch ganz anders. Unser anderer Leser und erklärter Fan Poor Richard weiß von einer ganzen Fernsehserie Moby Dick von 2010 und kommentiert uns darüber:

Lissy Laricchia Elle, , Armada, 13. Mai 2009Der Stoff wurde behutsam modernisiert. Moby Dick ist jetzt statt aus Holz und Leinwand aus Computer und ein prähistorischer Riesensaurierwal, der Ölbohrinseln, U-Boote und Kreuzfahrtschiffe versenkt und Buckelwale am Stück schlucken kann.

Kapitän Ahab kommandiert jetzt ein hochmodernes U-Boot, wird von Rocky-Horror-Barry Bostwick dargestellt und stelzt auf einer Terminatorbeinprothese einher.

Ismael hat ein ordentliches Paar Brüste bekommen, ist jetzt Meeresbiologin und hört auf den Namen Dr. Michelle Herman. Sie wird zusammen mit ihrem coolen schwarzen Sidekick Pip an Bord genommen, der es durchaus mal okay findet, dass das Böse mal weiß ist.

Queequeg schießt jetzt Atomtorpedos statt Harpunen und Ahab hat seinen Spezialtorpedo “Fedallah”.

Und um zusätzlich noch ein paar Explosionen unterzubringen, wird Ahab, anstatt einige Quäker in den Bankrott zu reiten, von der halben US-Navy gejagt.

Man sieht: Viel hat sich also nicht verändert. [...]

Die Action-Version muss man ja nicht unbedingt gesehen haben. Hat halt ihren eigenen Ed-Wood-Charme. Auf Youtube ist noch ein Best-of zu finden. Die Szenen von Ismael im Bikini fehlen leider, ansonsten fasst es den Film präzise zusammen. Wenn man sich aber ‘nen schön doofen Filmabend machen will, kann man sich Moby Dick 2010 als Silly Fun durchaus anschauen. Dauert ja keine 90 Minuten und man kann sich einen Spaß daraus machen die kleinen, liebevoll verstreuten Melville-Bezüge zu suchen und finden. Allein schon die Schiffsnamen: Acushnet, Essex, Coffin.

Und das hat er doch wahrlich schön gesagt. Danke an unsere Jungs in den begleitenden Ausgucken (“Ausgücken”…?)!

Bilder: Dijana Tolicki, 2010;
Lissy Laricchia Elle: Armada, 13. Mai 2009.

Written by Wolf

25. November 2010 at 7:53 am

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Of the Monstrous Pictures

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Update zu Berkshire Athenaeum and Their Daguerreotype:

Consider! Most of the scientific drawings have been taken from the stranded fish; and these are about as correct as a drawing of a wrecked ship, with broken back, would correctly represent the noble animal itself in all its undashed pride of hull and spars. Though elephants have stood for their full-lengths, the living Leviathan has never yet fairly floated himself for his portrait. The living whale, in his full majesty and significance, is only to be seen at sea in unfathomable waters; and afloat the vast bulk of him is out of sight, like a launched line-of-battle ship; and out of that element it is a thing eternally impossible for mortal man to hoist him bodily into the air, so as to preserve all his mighty swells and undulations.

Chapter 55: Of the Monstrous Pictures of Whales.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Vor elf Jahren, da stellte die Old Dartmouth Historical Society am New Bedford Whaling Museum von Juni 1999 bis Januar 2000 Maritime Prints from Herman Melville’s Collection of Art aus. Der Kurator Robert K. Wallace, Regents Professor an der Northern Kentucky University (besuchet seine MOBY page!), regte damit eine Zusammenarbeit zwischen dem ausstellenden Whaling Museum, der Melville Society und dem Center for Teaching and Learning an der UMass Dartmouth an.

So weit die Fakten. Setzen wir voraus, dass die angestrebte Zusammenarbeit funktioniert, denn die Melville-Forschung erfährt in Amerika den meisten, gerade auch finanziellen Rückhalt unter allen Literaturforschungen über Einzelautoren; die Melville Society ist als florierend und publikumswirksam sehr umtriebig vorzustellen. Außerdem gibt es den Ausstellungskatalog immer noch für zwei Dollar im New Bedforder Museumsshop, woher ihn mir der liebe Mäuserich mitgebracht hat.

Joseph Mallord William Turner, The Whale Ship, ca 1845, oil on canvasSo wie unsereins .jpg-Dateien zur eigenen Erbauung und Belehrung auf einer Festplatte versammelt, trug Melville Drucke von Holz- und Kupferstichen der Gemälde seines Interesses zusammen. Stiche von Gemälden im Druck waren zu Melvilles Zeit die übliche Technik, visuelle Information zu verbreiten, und Melville investierte für einen Literaten überdurchschnittlich viel Aufwand und Geld in seine private Galerie. Über 400 Drucke aus seinem Besitz sind überliefert — zuerst von seiner Witwe Elizabeth Shaw Melville bewahrt, an beider Tochter Frances Melville Thomas vermacht, von derselben an ihre vier Töchter verteilt, von diesen wiederum an die Sammler und Institutionen weitergegeben, von denen Kurator Wallace sie für die Ausstellung 1999 zusammenlieh, darunter die in jeder Hinsicht vorbildliche Stadtbibliothek Berkshire Athenaeum (mit dem Melville Memorial Room!) und das Mystic Seaport Museum (mit unserem musikalischen Kollegen Hulton Clint als Nachbarn).

Wallace gilt mit Veröffentlichungen in Essays in Arts and Sciences, Melville Society Extracts und dem Harvard Library Bulletin als führender Experte für die Beziehungen zwischen Literatur und darstellender Kunst, vor allem als die Koryphäe für Melvilles Bildersammlung. In Melville and Turner hat er Melville als Fan von William Turner ausgemacht, worauf man angesichts Turners Seemotiven in der Darstellungsweise aus einer Welt, die man bei Melville ständig antrifft, hätte kommen können. Ein eingegrenztes Thema oder einen bestimmten Maler sammelte Melville nicht, sein Schwerpunkt liegt aber auf Landschaften, Meeresbildern, Portraits und Historienszenen, aus unterschiedlichen Perioden und Stilen, von italienischen, französischen und holländischen Alten Meistern bis zur damals modernen Kunst — wie Manet und eben Turner. “All of them depict scenes he had visited with his eyes and in his mind”, findet Wallace als roten Faden.

In gewisser Weise war der einstige Bestsellerschreiber und Titan des Moby-Dick in seiner Bildersammlerzeit in einer finanziellen Situation wie ein Schulbub: Seine deutsche Biographie Ein Leben von Daniel Göske verortet ihn in 1877–85 bis auf weiteres in seiner so langen, aufreibenden wie prekären Anstellung als Zöllner im New Yorker Hafen, die nur deswegen noch gerade genug zum Leben abwarf, weil er mit seinen 58 Jahren noch einmal verlängerte Arbeitszeiten in Kauf nahm.

Da erbte seine Frau Elizabeth im September 1878 von einer ihrer Bostoner Tanten den enormen Geldsegen von 10.000 Dollar, von denen sie ihrem Herman ein Taschengeld von 25 Dollar monatlich gewähren konnte. Er verwendete sie für Bücher — und eben Stiche.

Dann kamen die Einschläge um ihn herum näher: Seine Tochter Elizabeth erkrankte an Arthritis, sein Sohn Stanwix in Kalifornien an Tuberkulose, sein gerade drei jahre älterer Freund und Verleger Evert Duyckinck, die letzte Verbindung zu seinen ehemaligen Literatenkreisen, starb 1878 und sein Bruder Thomas im März 1884. Melville flüchtete sich in Bücher, schrieb an seinem lyrischen Werk — zum Beispiel den lange verschollenen Burgundy Club Sketches mit Portraits alternder Sonderlinge –, während sein ehrgeiziges Versepos Clarel schon wieder eingestampft wurde, sammelte seine Bilder und fing sogar an, Rosen zu züchten.

Am 31. Dezember 1885 quittierte er, 66-jährig nach 19 Arbeitsjahren, den ungeliebten Dienst als New Yorker Hafenzollinspektor — bewusst, um seine verbleibenden Kräfte für seine anstehende Spätlyrik zu behalten. Ohne seine Frau Elizabeth und deren tote Tante aus Boston gäbe es diese Sammlung nicht, und immerhin hat die nachmalige Witwe noch über sie verfügt. Über die elegische Dimension davon, mit welchen Mitteln Melville seine Bildersammlung zusammentrug, wusste der liebe Mäuserich 2010 nichts, als “er” mir den Ausstellungskatalog schenkte; Robert K. Wallace 1999 bestimmt schon. Dergleichen gehört viel offener gewürdigt.

Na gut, es ist ja auch ein dünner Katalog (20 Seiten, 2 Dollar).

Stanka mit dem Ausstellungskatalog, 10. November 2010

Bilder: Joseph Mallord William Turner: The Whale Ship, oil on canvas, ca 1845:
Metropolitan Museum of Art, New York;
Claude Lorrain: Seaport with the Embarkation of the Queen of Sheba, 1638: National Gallery, London.

An den lieben Mäuserich und die bezaubernde Stanka: Danka!

Written by Wolf

11. November 2010 at 12:01 am

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And the Wind Cries

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Update zu Speaking Words of Wisdom und
Von Lindau bis zum Fehmarnsund kennt man mich als Schäferhund:

Jimi Hendrix Memorial, Fehmarn am Leuchtturm FlüggeHinter Fehmarn hört die Welt auf. Da kommen nur noch Wikingerland und Thule und Walhall.

Jimi Hendrix starb am 18. September 1970. Was nie so richtig ins kollektive Bewusstsein vorgedrungen ist: Sein letztes Konzert gab er kurz davor am 6. September auf Fehmarn. Das hieß Love-and-Peace-Festival und sollte eine Art deutsches Woodstock werden. Soll nicht so gut gewesen sein.

In Erinnerung daran ist es praktisch, dass heute Sonntag ist: Da sind Sie wenigstens nicht verpflichtet, im Büro wie ein Pirat angetan zu erscheinen und womöglich noch mit “Ahoi” zu grüßen.

Bild: Joachim Müllerchen: Jimi Hendrix Memorial auf Fehmarn am Leuchtturm Flügge.



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19. September 2010 at 8:22 am

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Die Grande Dame der Bootsrestaurierung

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Update zu Er bläst wieder (und wieder):

Andrew Testa. Im Hafen von Newport steht die International Yacht Restoration SchoolElizabeth Meyer hatte in den siebziger Jahren 125.000 Dollar geerbt. Davon kaufte sie Bauland auf Martha’s Vineyard — vorausschauend, wie sich Jahre später zeigte. Da bekam sie für das Land auf der Nobelferieninsel vor Cape Cod zehn Millionen. Die hat sie in die „Endeavour” gesteckt, komplett. Verkauft hat sie das Schiff später für 15 Millionen. Sie leistete sich eine Farm in Massachusetts, 500.000 Dollar spendete sie für Denkmalschutzprojekte in Newport, mit dem Rest beglich sie Schulden. Es glaubt ihr keiner. Immer wieder kommen Leute auf sie zu: Wollen Sie einen Rembrandt kaufen? Für eine Million? „Ich hab kein Geld”, sagt sie dann. „Haha”, amüsieren sich die Gesprächspartner, ,ich wohne zur Miete’, haha.”

Anfang der achtziger Jahre begann sie zu recherchieren. Von den ursprünglich zehn Yachten hatten drei überlebt: „Shamrock V”, „Endeavour I” und „Velsheda”. Meyer arbeitete zu jener Zeit als Journalistin und überzeugte den Chefredakteur des „Nautical Quarterly”, sie nach Europa zu schicken; dort sollten die Boote sein. In Monaco fand sie „Shamrock V”, die britische Herausforderin des America’s Cup von 1930. Der einst ideal proportionierten Yacht waren alle möglichen Aufbauten zugefügt worden, und Meyer dachte nur: Gebt mir eine Kettensäge. Aber immerhin, sie war seetüchtig.

Andrew Testa. Das Rampenlicht schätzt sie nicht, elegante Boote um so mehr. Nicht nur die berühmte Endeavour gehörte Elizabeth Meyer. Über 80 Boote hat sie restauriert.Dann, an der britischen Küste, in einem ehemaligen Lager für Wasserflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg, das einst berühmteste Segelschiff der Welt: die 40 Meter lange „Endeavour”. „Ich stand vor ihr und sah aus wie eine Comicfigur”, sagt Meyer, „wie hypnotisiert.” Im Bauch der „Endeavour” sammelte sich Laub, sie war nicht einmal mit einer Plane bedeckt. Um sie herum gammelten noch ein paar andere Boote, sonst war hier nichts. Elizabeth Meyer lieferte ihrem Chefredakteur die versprochene Geschichte. Und kam Monate später wieder, mit einem Scheckbuch und einem Plan.

Wie viel sie bezahlt hat, verrät sie nicht, viel wird es nicht gewesen sein; die beiden Männer, denen die „Endeavour” vor ihr gehört hatte, hatten sie für je zehn Pfund gekauft.

Elizabeth Meyer lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in einem zweistöckigen Haus aus dem 18. Jahrhundert, unterhalb der Kirche in Newports Zentrum, umgeben von einem üppigen Garten, den sie täglich pflegt. Das Haus mit den knarzigen Stiegen und Bruce Chatwin im Regal ist von den Prachtbauten der Bellevue Avenue weit entfernt, auch von den Eitelkeiten und Gerüchten, die die Sommergäste aus Manhattan mitbringen.

Steffi Kammerer: Liebesdienste einer Lady, in: mare 75, August 2009.

Weiterlink: Elizabeth Meyers International Yacht Restoration School in Newport.

Bilder: Andrew Testa für mare: “Im Hafen von Newport steht die International Yacht Restoration School” und “Das Rampenlicht schätzt sie nicht, elegante Boote um so mehr. Nicht nur die berühmte Endeavour gehörte Elizabeth Meyer. Über 80 Boote hat sie restauriert.”

Written by Wolf

22. August 2010 at 12:17 pm

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Happy Birthday, Herman: Tuckernuck to Wauwinet, Cisco to Grat Point.

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Update zu Happy 189th, Herman (der 190. war nur Gewinnspiel):

Du bist es gewohnt: Zu unrunden (191, hmnaja) kriegt man lauter Tinnef. Wie praktisch, dass du geboren und es schon hinter dich gebracht hast, da hast du nächstes Jahr wenigstens 120. Todestag.

Alles Gute, Mister Melville. Wenn man genau hinliest, werden Sie mit den Jahren immer noch besser. Und viel Spaß inzwischen mit dem Nantucketer Verkehrsnetz.

Bild (interaktive Vorschau!) und Poster für 20 Dollar: Transit Authority Figures; Rahumg in Cape Cod: 139–208 Dollar.

Written by Wolf

1. August 2010 at 8:18 pm

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Teach me to heare Mermaides singing

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Update zu Perliana. Werkstattbericht.

Die Aufgabe war, den Song von John Donne, der um 1604 eingeordnet wird, zu übersetzen. Hille Perl und die Sirius Viols einschließlich angetrautem Lee Santana an den Theorben und Tochter Marthe als Special Guest an der anderen Viola da Gamba; golden ziselierten Sopran stiftet Dorothee Mields — veröffentlichen eine Sammlung Lieder des Dichters: Loves Alchymie wurde Anfang März 2010 aufgenommen und erscheint als Sequel zu In Darkness Let Me Dwell, einer Sammlung über John Dowland, im September 2010.

Hille Perl & Lee Santana in St. GallenMit beiläufiger Grandezza, jedoch treffsicher wie in allen Dingen, fragte mich Hille Perl am 14. Februar 2010:

Haste schonmal John Donne übersetzt?

Noch kein Wort vom Song notabene in ihrer Frage, aber John Donne, konnte ich ihr antworten, ja, wirst lachen, hab ich tatsächlich schon mal übersetzt. Schon paar Tage her, aber es war der Songhttp://www.bartelby.com/101/196.html — der ja wohl berückend is und außerdem das Motto zum Stardust by the incredible Neil Gaiman. Über meine Lösung wird man wahrscheinlich lange & fruchtlos disputiern können, aber das Entwaffnende daran is ja der Rhythmus, und wir ham doch so lange Wörter. Auf Fränkisch is es noch meistens leichter.

Das könnte ich noch wissenschaftlicher formulieren, aber in der Sache jederzeit unterschreiben. Wirklich umwälzend ist tatsächlich die zeitlos gültige Erkenntnis in einer modern gebliebenen Geisteshaltung und in einer schmissigen Form.

Zu Ihrer Orientierung gebe ich hier die Vollversion in der weniger verbreiteten originalen frühneuenglischen Schreibweise wieder, nach der vollständigsten, halbwegs erreichbaren Gesamtausgabe John Donne: Poetical Works, von Sir Herbert Grierson bei Oxford University Press erstmals 1912 herausgegeben und seither nicht mehr grundlegend verändert:

Song

Goe, and catche a falling starre,
     Get with child a mandrake roote,
Tell me, where all past yeares are,
     Or who cleft the Divels foot,
Teach me to heare Mermaides singing,
     Or to keep off envies stinging,
          And find
          What winde
Serves to advance an honest minde.

If thou beest borne to strange sights,
     Things invisible to see,
Ride ten thousand daies and nights,
     Till age snow white haires on thee,
Thou, when thou retorn’st, wilt tell me
All strange wonders that befell thee,
          And sweare
          No where
Loves a woman true, and faire.

If thou findst one, let mee know,
     Such a Pilgrimage were sweet;
Yet doe not, I would not goe,
     Though at next doore wee might meet,
Though shee were true, when you met her,
And last, till you write your letter,
          Yet shee
          Will bee
False, ere I come, to two, or three.

Bis dato existieren fünf deutsche Donne-Übersetzungen unterschiedlicher Vollständigkeit und Qualität von

  • John DonneWerner Vordtriede: Metaphysische Dichtungen, Insel Verlag 1961. Nachfolgeauflagen sind mit anderen Dichtern, aber unter der Anfangszeile des Song, aufgegangen in Geh, fang einen Stern, der fällt;
  • Annemarie Schimmel: Nacktes denkendes Herz, 1969;
  • K. Wydmond: Liebeslieder (Songs and Sonets), Privatdruck von Christian Nekvedavicius 1981. Das war die erste wirklich vollständige Übersetzung des geschlossenen Corpus, leider so weit unverständlich, dass gegenüber dem Original nicht viel geholfen ist, außerdem apokryph geworden und wenn greifbar, praktisch unerschwinglich;
  • Christa Schuenke & Maik Hamburger: Zwar ist auch Dichtung Sünde, Reclam Leipzig 1983, erweitert 1986. Christa Schuenke hat nachmals für Hanser Herman Melvilles Pierre übersetzt, die Donne-Auswahl ist reichhaltig und gilt als gelungen;
  • Werner von Koppenfels: Alchimie der Liebe, Henssel textura 1986, übergegangen zu Diogenes. Die bisher letzte, noch genießbare Auswahl, welcher auch der Song als das erwähnte Motto für die deutsche Version von Stardust (Sternenwanderer bei Ullstein) entnommen ist.

Der Perl-Santana-Mields-Sirius-Viols-Sammlung über John Dowland liegen keine deutschen Übersetzungen bei, was Sony BMG geklagt sei, weil solcher Erstellung zu teuer, zu raumgreifend im Booklet oder zu langwierig war. Vielmehr musste Hille Perl aus eigenem Antrieb Speicherplatz ihrer eigenen Website damit belasten. Wer heute ihre CD hört und besser verstehen will — was ich ausdrücklich empfehle — muss gleichzeitig das Internet aufschlagen, um mitzulesen. Das soll mit dem Sequel — immerhin gleiche Epoche (elisabethanische Shakespearezeit. Donnes Lebensdaten stimmen mit Dowlands genau genug überein, dass man sie andauernd verwechselt), ähnlicher Umgang mit ähnlichem Thema, gleicher Vorname, sogar gleiche zwei Anfangsbuchstaben des Nachnamens — nicht wieder passieren; die Donne-Übersetzungen mussten also frühzeitig erstellt oder zusammengesucht und ins Booklet eingeplant werden.

Bei der bekannten Caprice von Sony in Copyrightfragen (lassen Sie mich hier nicht von ihrem Umgang mit YouTube anfangen…) kommt der Veröffentlichung sehr entgegen, dass John Donne seit deutlich mehr als 70 Jahren tot ist und deshalb von jedem reproduziert und adaptiert werden darf, der Freude an dergleichen hat — oder wie Werner von Koppenfels es 1986 im Nachwort zu seiner Übersetzung ausdrückt:

Keine der bisherigen Ausgaben [...] hat Donne zu einer lebendigen Präsenz im deutschen Sprachraum verholfen, und keine ist so frei von Reimnot und Wortstellungskrampf, daß sich weitere Versuche erübrigen. Weder Dichterwitwen noch Copyright wehren gottlob solch verwegenem, aber notwendigem Unterfangen.

Hurra. Es wäre verwegen, aber notwendig und von Natur aus erlaubt? Na, dann ans Werk! Mein eigener erster Versuch am Song liegt leider vor der Zeit, in der man so selbstverständlich Speichermedien für seine literarischen Bemühungen verwendete, außerdem erscheint eine Donne-Übersetzung mit oberostfränkischen Einschüssen aus dem Landkreis Nürnberger Land für eine internationale Verwendung nicht einmal mehr fragwürdig, selbst wenn er gerade dazu dient, von Koppenfels’ beklagtem Wortstellungskrampf vorzubeugen. Darum legte Hille ihren Einstiegsversuch vor, mit dem sie bei ihrer mir verschlossenen recherchefreien Naturmethode gar nicht so kläglich abschnitt:

Kannst Du denn zur Schnuppe fliegen
die Alraune schwanger kiegen?
Sagen wo die Zeit geblieben
wer in des Teufels Fuß den Spalt getrieben?

Mir lagen zum Einlesen in Donnes Tonfall die Gesamtausgabe von Sir Grierson sowie die deutschen Auswahlen von Vordtriede und von Koppenfels vor, also die älteste und die jüngste. Das gestützte Einfühlen geschah entgegen Hilles Rat, die ihre Übersetzungsarbeit lieber unbeschwert von geistigem Ballast angeht; mein eigener Approach ist aber, zuvor zu studieren, was da schon gedacht und versucht wurde — und ja: Das ist verkopft. Mehr als diese drei Bücher gaben die mir ohne weitere Einschreibungen zugänglichen Bibliotheken ohnehin nicht her. Aus ihnen entnahm ich, dass selbst Ullstein, wie angeführt, das Rad nicht neuerfunden, sondern ein noch ausreichend geländegängiges Hollandrad aus den Achtzigern wiederverwendet hatte — und weit weniger ermutigende Sachen als die mit dem freilaufenden Copyright:

Wenn Lyrik unübersetzbar ist und gerade deshalb den sprachlichen Grenzgänger zum Betreten Utopias einlädt, so muß dies (falls ein Paradox die Steigerung verträgt) umso mehr für den größten der Metaphysical Poets gelten. Zur berüchtigten Silbenknappheit des Englischen, einer naturgegebenen Erschwernis englisch-deutscher Versübersetzung, kommen bei Donne unglaubliche Bedeutungsdichte bei komplizierten Reimmustern und Strophenformen, dramatisch abrupte Gedankenführung, überspannter, enjambementreicher Satzbau, Nachbarschaft gegensätzlicher Stillagen, Wortspiele aller Art und schwindelerregende Metaphorik. (Die Referenzbereiche der Bildersprache wie alte Kosmologie, Jurisprudenz, Theologie, Alchimie, Aberglauben, Petrarkismus, elisabethanischer Alltag stehen dem modernen Leser nicht gerade besonders nahe.)

Werner von Koppenfels, a.a.O.

Damit waren die Schwierigkeiten klar, keine davon unüberwindlich. Nach der üblichen Phase der Prokrastination übersetzte ich in der Osternacht 2010 das ganze Stück in einem Husarenritt runter. Ich verkünde nie das Evangelium, kann aber grundsätzlich immer einen aussprechlichen Grund angeben, warum ich an welcher Stelle genau das und nicht etwas anderes hingeschrieben habe. Nicht jede meiner Lösungen muss die beste aller möglichen sein, aber man darf voraussetzen, dass ich mir bei jeder etwas gedacht habe. So auch im Lied.

Mit derselben Überschrift geht die Erklärungsnot schon los: Die Übersetzung war für ein CD-Booklet vorgesehen — also passender ein “Lied” wie bei Schubert, und nicht, wie man sich auch wünschen könnte, als “Song” belassen wie bei Lennon/McCartney. Genau das meinte ich damit, dass es auf Fränkisch statt Deutsch oft zielgenauer und eindeutiger wäre: Das süddeutsch dialektale “Liedl” wäre unzweifelhaft. Außerdem befürchtete ich bei “Song” schon wieder eine schlimmste anzunehmende Klassikabonnement-Rentnerschaft quaken zu hören: “I hob denkt, des is af deidsch, wos kennäsn dou ned deidsch redn?!” Also Lied und ecce epistula.

Ob die mandrake eine “Mannswurz” oder “Alraune” (metrumhalber nicht “Alraun”) sein sollte, wollte ich als einzige Stelle explizit Hille höchstselbst entscheiden lassen. War ja die “Mannswurz” immerhin einer ihrer Wunschvorschläge und gefiel mir deswegen, weil es betont, wie es ja überhaupt gar nichts Männlicheres auf der Welt geben kann, und ausgerechnet dem soll einer jetzt Kinder machen gehen. Dagegen “Alraune”: kommt dem Alchymie-Teil des Oberthemas entgegen und würde voraussichtlich öfter verstanden. Der unmaßgeblich einzigen Testleserin war nicht geläufig, was eine Mannswurz ist, erschien aber bei Alraune die im kollektiven Bewusstsein verankerte Bilderwelt aus Paracelsus, Kabbala und Frankenstein.

Die erste Eindeutschung, Vordtriede bei Insel 1961, meint zu der Stelle noch:

Ich halte die zweite Zeile, obwohl dies die einzige Lesart ist, für verderbt. “Get with child a mandrake root” scheint, über die gewollte Unmöglichkeit hinaus, sinnlos. Vielleicht sollte man lesen: “Werde schwanger durch Alraun” [statt: "Schwängere mir den Alraun"].

Was für ein phantasieloser Lyrikübersetzer. Auch später im Nachwort:

Unmöglich sich vorzustellen, das romantische Lied könne sich Donnescher Verse bedienen.

Ist das so? fragte ich da die Musik in Gestalt von Hille, fällt die Musik wirklich dermaßen unterschiedlich aus, nur weil da einer im Text mit Conceit und Metaphysik gelahrte Inhalte in Gefühlsdarstellung überträgt, statt sein Inneres auszuforschen oder was immer die späteren Romantiker und Viktorianer ihre Formen gießen?

Andernorts meint Vordtriede:

Die dichterischen Hauptmittel [...] sind, inhaltlich, der Witz im weitesten Sinn und, formal, der wechselnde Rhythmus und die Antithese.

Wenn wir das auf Musik anwenden, kam für meinen laienhaften Begriff Mozart raus, jedenfalls etwas viel Späteres als Donne, oder nicht? Wie weit war Donne seiner Zeit voraus — oder Vordtriede hinterher? Johann Sebastian Bach, zeitlich näher an Donne und gleich ihm einer, der dem Rest der Welt Jahrhunderte voraus war, konnte ja alles — und ich Übersetzerlein stand damit da und sollte mich mit diesem virtuellen Olymp voller Genies danach richten.

Meine Lösung für den Anfang “Wer fängt mir” ist, wie man bemerken wird, jambisch, nicht trochäisch wie alle drei originalen Donne-Strophen. Und beide bestehenden, veröffentlichten und vorliegenden Übersetzungen der zwei Werners (ist das fürs Donne-Übersetzen Voraussetzung oder nur Qualifikation?) Vordtriede und von Koppenfels halten das auch ein. Respekt an die Kollegen, aber ich fand dieses Fitzelchen in der Formgebung unnötig, wenn man dafür den Inhalt süffiger machen konnte. Ohnehin war mir nie eingegangen, wie man Gedichte ausgerechnet so gestrenge danach einteilen mag, ob sie vor ihren — meistens — vier Hebungen noch ein Silbchen Auftakt haben oder nicht. Wenn man erst die eine oder andere Form angefangen hat, soll man sie weiter durchhalten, so viel ist wahr, sonst verliest und verschluckt man sich ständig, und im Vortrag klingt es wie früher Reinhard Mey (“zum Behúf der Vórla-gé beim zuständ’-gén Ertéilungsámt”). Sollten mir solche Stellen unterlaufen, darf man mich immer noch nachkorrigieren. Mir fallen schon lange keine mehr auf, aber man liest selbst immer nur, was da stehen soll.

Abgesehen von solchem überschätzten Auftaktgefrickel galt es den Donnischen Rhythmus einzuhalten, ohne zuviel vom Inhalt dranzugeben. Das hat Vordtriede wie von Koppenfels ja offenkundig auch in Atem gehalten — gerade in den jeweils letzten drei Versen, in denen man kein Reimpaar, sondern einen Dreier finden muss. Trochäen sind unter Umständen schön und nützlich, nur wenn etwas an diesen pointierten Stellen hakt, das fällt auf und kann das ganze Lied zerstören. Und bitte kurze Wörter, die möglichst viel Bedeutung tragen, oder wozu sonst stehen die so prominent aufgebockt in den Strophen?

Der Tonfall blieb deshalb antikisierend wie das Original, dabei so flüssig lesbar wie irgend möglich. Und sollte, gemäß Vordtriedes “gewollter Unmöglichkeit” eine Idee von “Ja, nee, is klar, ne” behalten — ein gottergeben resignierendes Dreinfügen in das Schicksal, wohl nirgends ein treues Weib zu finden. Denn man freut sich nicht ob dieser Aussicht, doch kann sich ihrerhalber auch nicht entleiben: ein Lachen unter Tränen, das frisch wie am ersten Tag von 1604 herüberweht.

Strophe 3 bekam einen alternate take. Das ist eine vorab entstandene Version, mit der ich dann doch nur so mittelglücklich war. Ich behielt sie trotzdem vorerst als Steinbrüchlein, falls Hille Änderungen anregte; hier teile ich sie aus dokumentarischer Nostalgie mit. Übersetzerseits empfohlen wurde schon bei Lieferung das, was als Fließtext dastand.

Der größte Rest war hoffentlich selbsterklärend: Wenn man es toterklären musste, lebte es nicht mehr, und grade das sollte mein Ehrgeiz sein. Das Zielpublikum war eins, das sich auf denkbar “schwere” Musik einlassen, und keins, das sich lange mit lyrischen Inhalten auseinandersetzen wollte. Es musste umso besser werden, als es nicht der hero sein sollte.

Und siehe, nach einer Latenzzeit von drei Tagen war ich immer noch recht zufrieden mit dem Ergebnis. Im Direktvergleich liest sich meine neue nämlich eingängiger als die zwei erreichbar verlegten Versionen, worin ich gerade für die Verwendung im CD-Booklet eine objektive Qualität begründen kann. Das mag an meiner Hybris liegen, mit der ich leben muss. Hilles Loves Alchymie bekommt also etwas richtig blitzblank Zeitgemäßes. Im Wortlaut:

Lied

Wer fängt mir eine Schnuppe, geht
     der Mannswurz Kinder machen,
bringt Jahre wieder, die verweht,
     könnte Satans Huf zerkrachen?
Lass die Meerjungfrauen singen,
     lass die Eifersucht verklingen
          und find
          den Wind,
der solchen weht, die aufrecht sind.

Bist du einer mit dem klaren
     Blick, der schaut, was keiner glaubt,
kannst doch zehntausend Tage fahren
     und Nächte, bis voll Schnee dein Haupt;
wenn du wiederkommst, berichte
deine seltenen Gesichte:
          Nie fand
          ein Land
ein Weib gleich schön und treu bekannt.

Wirst du Meldung machen müssen,
     pilgre ich, wohin sich’s lohnt.
Oder will ich’s gar nicht wissen,
     denn selbst wenn sie beim Nachbarn wohnt
und du sie treu getroffen hast,
hätt sie doch, eh du dich versahst,
          zwei
          bis drei
betrogen, bevor ich dabei.

~~~|~~~~~~~|~~~

((Strophe 3, alternate take:

Findst du eine, sag mir’s weiter,
     die Pilgerfahrt hätt sich gelohnt.
Nein, tu’s nicht, das ist gescheiter,
     denn selbst wenn sie beim Nachbarn wohnt
und du sie noch treu treffen magst,
hätt sie doch, bis du’s mir erst sagst
     zwei
     bis drei
betrogen, bevor ich dabei.))

I Heard the Mermaids Singing, 2008 PosterFast schade ist, dass die Musik bei meiner Übersetzung längst eingegeigt war und nur noch für den Feinmix anstand: Mit all dem Wissen, das einem wegen magerer 3×9 Zeilen aus allen Ecken zuläuft, hätte ich glatt gern Regie geführt: Ein “Brillantfeuerwerk von Conceits” begegne uns da, “Daseinsdeutung im Zeichen des Todes als Garanten irdischer Desillusion und der Jenseitshoffnung”, obendrauf “selbstquälerische Liebeslogik”, die erfüllte Liebe nur als wechselseitiges Glück möglich hält und demnach — news and surprise — das ernst nehmen muss, was heute significant other heißt, und alles mit “erotischer Motivik als zentraler Bestandteil der geistlichen Bildersprache” — mithin etwas Zwingendes auf dem Wege von mittelalterlicher Marienminne über Shakespeare zu den 1990er Riot Grrrlz. Ein Job für Oskar Supermaus — oder für Pink Floyd? oder ein Wagnerorchester, das Hollywoodschinken versoundtrackt? oder Tom Waits plus zwei schläfrige Bierdümpfel an Pump Organ und Singender Säge? Zu wievielt, hieß es, haben Hille und Kollegen das eingespielt…? — Und woher und von wem sind eigentlich die ganzen anderen nötigen Übersetzungen?

Bilder: Hille Perl & Lee Santana in St. Gallen, 2009;
John Donne, ca 1595;
I Heard the Mermaids Singing, 2008.

Written by Wolf

22. May 2010 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

Die Nachrichten von seinem Tod: Huck, Mark, Samuel und Tom (und Alexander, Andreas und Paul)

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Update zu Moby-Dick goes Huckleberry Finn
und The little mocking bird sang sweetly all the day:

Gentlemen: — Please do not use my name in any way. Please do not even divulge the fact I own a machine. I have entirely stopped using the Typewriter, for the reason that I never could write a letter with it to anybody without receiving a request by return mail that I would not only describe the machine, but state what progress I had made in the use of it, etc., etc. I don’t like to write letters, and so I don’t want people to know I own this curiosity-breeding little joker.

Yours truly,
Samuel L. Clemens.

Mark Twain to E. Remington Typewriter Company,
Hartford, March 19, 1875.

Dictating autobiography to a typewriter is a new experience for me, but it goes very well, and is going to save time and ‘language’ — the kind of language that soothes vexation.

I have dictated to a typewriter before — but not autobiography. Between that experience and the present one there lies a mighty gap — more than thirty years! It is a sort of lifetime. In that wide interval much has happened — to the type-machine as well as to the rest of us. At the beginning of that interval a type-machine was a curiosity. The person who owned one was a curiosity, too. But now it it is the other way about: the person who doesn’t own one is a curiosity.

In a previous chapter of this Autobiography I have claimed that I was the first person in the world that ever had a telephone in his house for practical purposes; I will now claim — until dispossessed — that I was the first person in the world to apply the type-machine to literature. That book must have been The Adventures of Tom Sawyer. I wrote the first half of it in ’72, the rest of it in ’74. My machinist type-copied a book for me in ’74, so I concluded it was that one.

That early machine was full of caprices, full of defects — devilish ones. It had as many immoralities as the machine of to-day has virtues.

Mark Twain: Unpublished Autobiography, 1904,
Villa Quarto, Florence, in: Harper’s Weekly, March 18, 1906.

Huckleberry DichterliebchenAlles an dem Manne ist zwei.

Das fängt mit dem Namen an: Samuel Langhorne Clemens wurde Mark Twain, das bedeutet wörtlich: zwei Faden Tiefe unter dem Rumpf eines Schaufelraddampfers, was wiederum bedeutet: Wenn das Uferpersonal bei seinem Nahen “mark twain!” rief, konnte sein Schiff sicher passieren — und das in seinem zweiten Leben, dem als Schreiber. Das erste behielt er bei: als Geschäftsmann, Ehemann und Vater. Die Hälfte Mark Twain wurde einer der Klassiker, die hundert Jahre nach ihrem Tod noch freiwillig, ja begeistert gelesen und verstanden werden.

Das ist heute. “Klassiker: ein Buch, das die Leute loben, aber nicht lesen” — das stammt von ihm wie bestimmt Hunderte anderer kurzer, knackiger Sätze, die ihm gern nur zugeschrieben werden, weil sie so schön knurrig-versöhnlich nach ihm klingen. Manchmal werden sie auch mit denen von Oscar Wilde verwechselt, es hat eben alles zwei Seiten.

Im englischsprachigen Volksgedächtnis haftet er wie Shakespeare und Lewis Carroll, selbst im deutschen ist er der Inbegriff eines schnucklig-romantischen Amerika geworden, dem man weder für den Bürger- noch die Irakkriege noch die als selbstverständlich angenommene Kulturlosigkeit böse sein kann: Den Negersklaven ging’s doch richtig gut! Und Lausbubengeschichten vom Mississippi sind ja was anderes als Musik mit Schlagzeug! Lösungssätze für Kreuzworträtsel liefert er wie sonst nur Wilhelm Busch, Kästner und Schiller.

Seine zwei stilprägenden Welterfolge waren die ersten Bücher, die ich im englischen Original gelesen hab; dem Jungwolf mangelte es am nötigen Gelde, und die Nürnberger Stadtbibliothek hatte auf Deutsch nur schmalbrüstige Kinderausgaben da. The Adventures of Tom Sawyer (1876) und Adventures of Huckleberry Finn (1884) dagegen in einem Band, complete and unabridged, wo ich noch nicht mal wusste, was abridge heißt, und nicht so kindisch mit bunten Bildchen von beschönigten prekären Existenzen aufgemacht, sondern eine abgegriffene, erwachsen wirkende Textwüste, älter als ich. Ich erinnere mich, dass ich die paar hundert Seiten durchgehalten hab, mit dem Pons Global in Nachschlageweite auf dem Bauch. Mein zweites Buch auf Englisch war dann Bukowski, dafür ließ ich mir alsbald von der Leipziger Verwandtschaft die DDR-Aufbau-Ausgabe Der berühmte Springfrosch von Calaveras von 1963 schenken (auf Amazon.de nur noch im Softcover bebildert), um eine Reihenfolge einzuhalten.

Der Unterschied zwischen Tom Sawyer und Huckleberry Finn ist ungefähr der zwischen Micky Maus und Donald Duck: der jeweils erstere ein kleiner Held aus dem einfachen Volk, Identifikationsangebot und pädagogisch taugliches Vorbild; die letzteren ihr struppigerer Widerpart — nicht etwa Gegner, nur Reibungsflächen als komplementäre Sidekicks. Und sogar beide in ihren Serien zuerst als Nebenfigur aufgetreten, danach wegen großer Nachfrage Hauptfiguren ihres eigenen Werks. Die etwas böseren Jungs auf der guten Seite, dadurch plastischer, schillernder, glaubwürdiger in ihrer mehrschichtigen Welt. Fand jemals einer Tom Sawyer besser als Huck Finn? Mag irgendwer Micky Maus?

Ersparen wir uns, die Lobreden auf Mark Twain und seine Jugendaufarbeitungen nachzusingen, die gerade zu seinem hundertsten Todestag die Feuilletons verstopfen; sie führen alle an, was Hemingway über den Huckleberry gesagt hat (soll ich’s sagen? — : dass es vorher “nichts” gab und nachher nichts Gleichwertiges mehr kam und dass es das beste Buch sei, das “wir” haben — außer Hemingways eigenen wahrscheinlich) und was sein Schöpfer doch für ein brillanter “Zyniker” war. Es stimmt alles, ist aber egal. Nehmen wir sachbezogen zur Kenntnis, was getan wird:

Mark Twain on Mississippi RiverDer Hanser-Verlag hat Sawyer und Finn in einem Band in neuer Übersetzung von Andreas Nohl vereint. Man hört nur Gutes darüber, es scheint wirklich grandios und überaus genießbar geraten — der Twain, hört man, fürs dritte Jahrtausend —, und man hätte von Hanser gar nichts Geringeres erwartet. Als Unternehmung, in Anspruch und Aufmachung erinnert das Opus stark an ihren neu eingerichteten Moby-Dick von 2001.

Und Alexander Pechmann hat Mark Twains Briefe erstmals auf Deutsch zu einer Biographie zusammengefasst: Sommerwogen. Eine Liebe in Briefen vereint vor allem die Briefe an seine Frau mit solchen, die den Entwurf vervollständigen. Pechmann hat sich vormals als Herman Melvilles neuester Biograph verdient gemacht, seine Unternehmung erinnert in Anspruch und Aufmachung stark an Daniel Göskes Materialsammlung Ein Leben von und über Melville.

Melville und Twain, die amerikanischen Ikonen — etwas scheint sie zu verbinden. Sicher das Stiften einer künstlichen neuen Welt für die geographische Neue Welt: Haben doch beide das Zeug zum Mythos und sind immerhin Klassiker geworden. Da lagen Themen herum, jemand musste sie aufgreifen. Und das Neue im Altbekannten, die frische Sicht auf allgemeinmenschliche Zustände konnten Zeitgenossen anrühren (in Melvilles Fall wenigstens den Verleger, in Twains Fall eine Menge Publikum, die zum zweitgrößten Bestseller der Zeit nach Uncle Tom’s Cabin reichte) und werden es wohl noch einige Generationen lang können.

Ferner teilten sich Melville und Twain den Verleger, Evert Duyckinck von Harper — übrigens auch mit Emerson, Longfellow und Poe; Harper besteht bis heute. Beider Romane wurden für reife Leser erfunden und als Kinderbücher zurechtgestutzt und vereinnahmt. Und wie Melville unternahm Twain seine Bildungsreise durch Europa und das Heilige Land, worüber vom letzteren mehr und entschieden besser gelaunte Zeitungsartikel, Romane und Vorträge entstanden als Melvilles langatmigstes Versepos der Welt. Auch das Bildungsideal der Europareise besteht noch unter ehrgeizigen Amerikanern.

In Italien interessierte ihn an Kunstschätzen hauptsächlich der Markusplatz, weil der nach dem Namenspatron seines Pseudonyms heißt, ansonsten mehr das nautische Geschick der Gondolieri. Seine Ciceronen nervte er mit der ersten Frage, ob die ganzen Leute, von denen sie ihm stolz erzählen wollten, doch nicht etwa schon tot seien.

Womöglich arbeitete er so auch am uramerikanischen, gerade in der Alten Welt volkstümlichen Bild des kulturlosen Amis. Wir wissen jetzt: Seiner Kultur mangelt es nicht, sie wendet sich nur gegen ihr falsches Verständnis.

Aus dieser betonten, stellenweise bis zur Pose aufgesetzten Volksnähe entspringt mein persönliches Lieblingsstück von ihm: The Awful German Language von 1880. Twains Stoffe sind ohnehin niemals erst durch ihre Benennung ins Leben getreten, sondern bilden es — vice versa — ab. Niemand kann ihm nachsagen, er hätte nicht versucht, dem Volk aufs Maul zu schauen, um es ihm gleichzutun. An der deutschen Sprache ist er mit launig allen vernünftig — lies: englisch — sprechenden Leuten mitgeteilter Verzweiflung gescheitert. Das Frappierende für den deutschen Leser ist die Sicht des Fremdsprachlers auf das Gestrüpp von endlosen Wörtern und ebensolchen Sätzen mit auseinandergerissenen Verben. Man muss weder Amerikaner noch Germanist sein, um auf die grotesken Aspekte der deutschen Sprache zu stoßen — aber so einsichtig und einsehbar, so erhellt und erhellend und dabei so pointiert wie der Innocent Abroad Twain hat’s seither keiner mehr gebracht. Praktischerweise ist die Satire ganz gut in ihren eigenen Gegenstand übersetzbar; online steht sie am handlichsten als Weblog-Eintrag aufbereitet bei Vitaly Friedman.

Die Ismael-Figur, die aus dem Nirgendwo kommt, tut, was sie will, geht, wohin sie will, sagt, was sie denkt, und erfolgreich das schafft, was sie als ihre Bestimmung erlebt — auch Huckleberry Finn ist so eine, und das macht ihn zutiefst amerikanisch. Die unverdrossen scheiternden Loser Ismael, Huck Finn und Donald Duck — dem Setting nach auch Django und alle anderen namenlosen Westerndorfbesucher europäischer Provenienz — leben den American Dream. Und es macht Spaß.

Nun wäre Samuel Clemens nicht Mark Twain, wenn das die einzige Sicht wäre.

Gleich im zweiten Kapitel von Tom Sawyer steht jenes Parade-Schelmenstück, das immer kommt, wenn irgendwas über Tom Sawyer kommt: wie er zur Strafe Tante Pollys Lattenzaun anstreichen muss, sich dabei einen Lenz macht und noch materiellen und sozialen Gewinn daraus zieht. Ein dramaturgischer Geniestreich, in dem sich die amerikanische Seele offenbar seit jeher wiedererkennt, und bei dem man jedes Mal wieder breit mitgrinst.

Das steht am Anfang. Im weiteren Verlauf treffen wir den stadtbekannten Säufer Muff Potter, den amoralischen Raubmörder Indianer-Joe, in ihr Schicksal ergebene Sklaven, korrupte und bigotte Honoratioren und nicht zuletzt einen vom alkoholkranken Vater verstoßenen kleinkriminellen Halbwaisen namens Huck Finn, der auf den einzigen anständigen Charakter auf dieser Geisterbahn in der Provinz von Missouri, den Bürgersohn Tom Sawyer, Einfluss nimmt, als ob das lustig wäre, besonders wenn man in diesem Milieu aufwachsen musste.

Ist es nicht. Aber man kann es idyllisch darstellen. Das Sequel Huckleberry Finn ist dann auch ungleich vielschichtiger, durchwachsener als Tom Sawyer, der tatsächlich fast als Sammlung von Kinderepisoden durchgeht. Genau richtig, um ziemlich viele Seiten und das inzwischen dritte Jahrhundert lang zu tragen. Mit diesen vergnüglichen Hits des Schreibers Mark Twain tingelte der Geschäftsmann Samuel Clemens durch einen Triumphzug von Lesereisen. Niemand von uns Heutigen war dabei oder könnte auf Bild- und Tonmaterial davon zurückgreifen — aber sich fragen, was er dabei über sein Publikum dachte, das er eigentlich nur getreulich abgebildet hatte.

Mark Twain and Dorothy QuickSehr viel schlimmer treibt er es in seinen späteren Büchern. Er etabliert als Stilmittel, lustig und übermütig anzufangen und dann immer düsterer zu werden, die Maulschellen der Sozialkritik kommen im Trojanischen Pferd humoriger Geschichten. Er schrieb unstrukturiert, atemlos und an allen Enden gleichzeitig — einer von denen, angesichts deren schieren Outputs man sich fragt, ob der denn nie wenigstens mal aufs Klo musste, dabei hatte er vor seiner Schreiberkarriere die nötige Lebenserfahrung zusammenerlebt, Drucker gelernt, nach Gold geschürft, Dampfer auf dem Mississippi von New Orleans nach St. Louis und zurück gelotst und als Journalist gearbeitet und war als Live Act ein unfehlbarer Kassenfüller für den Buchhandel, nebenbei auch noch treusorgender Ehemann, ein glühender Freund und Unterstützer aller Katzen, fleißiger Europareisender und, worauf alle Zeichen deuten, liebevoller Vater, und einzig als Investor für seine selbst erfundene Setzmaschine, deren Zeit noch nicht reif war, zu hitzig und folglich glücklos, und wenn’s am einen Projekt nicht recht vorwärts gehen wollte, schrieb er eben schnell am anderen weiter. Hier war er nicht zwei, hier war er die ganze Menschheit, die er für missraten und verloren hielt. Was musste in diesem Mann alles brodeln.

Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof fängt an als harmlose Satire aufs ach so finstere Mittelalter. Hintenzu stellt sich als Moral heraus, dass die Menschheit seitdem nicht vorwärtsgekommen, sondern rückwärts in einen Abgrund gestolpert ist. Am Schluss sind die Neuzeitlichen die Kriegsgewinnler, sterben aber am Leichengift der Selbstbesiegten. Man hätte stutzen sollen, als die Titelfigur Hank Morgan Werksmeister in der Hartforder Waffenfabrik von Samuel Colt war.

Die Briefe von der Erde gar waren dermaßen brandgefährlich aggressiv, dass sie erst 1963 veröffentlicht wurden, nachdem Clemens/Twains letzte Tochter Clara starb und der Nachlass frei wurde. — Satan wird auf die Erde strafversetzt und muss Berichte schreiben, die zu einer radikal hoffnungslosen Abrechnung mit allem geraten, was Moral, Trost, ja Leben heißt:

Wenn es ein Motto für [Gott] gab, so hätte es lauten müssen: „Laßt keinen Unschuldigen entkommen.“ Man denke daran, was er in der Zeit der Sintflut tat. Da waren Unmengen von kleinen Kindern, von denen er genau wusste, dass sie sich nicht das Geringste hatten zuschulden kommen lassen; aber ihre Angehörigen hatten es, und das genügte ihm. Er sah die Wasser steigen bis zu ihren schreienden Mündern, sah die wilde Angst in ihren Augen, das Flehen auf den Gesichtern der Mütter, das jedes (andere) Herz als das seine gerührt hätte; aber er ließ die kleinen Würmer ersaufen.

Mark Twain: Briefe von der Erde,
cit. nach Paul Stänner: Ein Yankee aus Connecticut, Deutschlandradio Kultur Berlin, 18. April 2010.

Remington Typewriter CompanyDer liebenswerte, mitreißende Stegreif-Rhetoriker und ansteckend lebendige Kauz mit wuscheligem Feuerkopf und Schnauzbart, die Einstein und Disney von ihm abgeschaut haben müssen, war ein schonungsloser Haudrauf — nicht, weil er in Wirklichkeit so viel Bosheit unterdrücken musste, sondern im Gegenteil: weil er das Menschengeschlecht, das seine, lieb haben wollte. Seine Düsterarien sind nie Ermunterungen zum Aufgeben, nur Darstellungen dessen, was längst passiert ist und von Anfang an so war. Die Hölle, die sein Wohnort und der seiner Lieben ist, war ihm nicht recht: Er wollte, dass es vorwärts geht und besser wird; Tom Sawyer ist das erste Schreibmaschinenmanuskript der Literaturgeschichte — klar: gelernter Drucker; über den fingierten Ich-Erzähler Huck Finn, den bildungsfernen, verwahrlosten Straßenjungen, hat er Südstaaten-Slang in die Hochliteratur getragen und damit vielleicht endgültig die amerikanische von der englischen Literatur emanzipiert. Heute hätte er wahrscheinlich gebloggt.

Zynismus ist kein großmäulig missmutiges Herumlästern, sondern eine der anspruchsvollsten philosophischen Richtungen, für die man eine gute Zeitlang gelebt und sich aufmerksam umgeschaut haben muss — daher “ein Vorrecht des Alters”, wie wir von Twain wissen —, das wurde schon immer unterschätzt. Und Pessimisten haben immer Recht, darum kriegen sie nie einen Gutenachtkuss. Dass er seine von Anfang bis zum Ende zärtlich geliebte Frau Olivia und drei seiner vier Kinder überleben musste, gab ihm den Rest. Kein Gott, kein Teufel, kein Weltall existiert, und erst recht keine Liebe in der Welt — mitt alledem konnte man noch irgendwie zurecht kommen. Nur vor solcher Ungeheuerlichkeit eines blind dreindreschenden Schicksals stand sein Witz wehrlos, hilflos, resigniert.

Samuel Clemens, nicht so sehr Mark Twain, hat am Ende eine Art Frieden damit gemacht, dass die Menschheit nun einmal verdammt ist. So ist der Mensch, hier steht er und kann nicht anders, Gott helfe ihm, falls es ihn überhaupt gibt, es ist, was es ist, finden wir uns damit ab oder sterben wir noch unglücklicher als unbedingt notwendig. Seine letzten, bittersten Texte sah er erst gar nicht mehr zur Veröffentlichung vor.

Es hat einen Grund, dass ich lieber von hier unten aus dem Grab spreche: Von hier kann ich frei sprechen.

Twain hat seine Bibliothek sorgfältig behandelt, seine Arbeitsweise ist schwer anhand von Anstreichungen und Eselsohren nachvollziehbar, weil es kaum welche gibt. Umso auffallender die eine in seinem Exemplar von Darwins Reisebericht von der Beagle, Journal of Researches — mit Tinte:

Can any plausible excuse be furnished for the crime of creating the human race? [Kann man sich für das Verbrechen, die Menschheit erschaffen zu haben, irgendeine plausible Entschuldigung ausdenken?]

Ein Vorwurf gegen Gott, nicht gegen einen Menschen, das muss man unterscheiden. Twains alte Zweiheit: Nicht, weil sich das ausschlösse — sondern weil es eine andere Seite ist.

1835 war ein Jahr, in dem der Halleysche Komet in Amerika vorbeischaute, da wurde Samuel Clemens (noch nicht Mark Twain) geboren. Am 20. April 1910 war der Komet das nächste Mal fällig, da wollte er sterben. Einen Tag später, am 21. April vor 100 Jahren, hat er es geschafft und behielt ein letztes Mal Recht. Eine seiner wenigen Sentenzen, die überlebt und dabei — ausnahmsweise nicht vor lauter Überstrapazierung — sich überlebt haben, ist deswegen gerade noch:

Die Zeitungen schreiben, dass ich sterbe. Das ist falsch. Ich würde so etwas niemals in meinem Leben machen. Die Nachrichten über mein Ableben sind stark übertrieben.

Vielleicht ändert sich innerhalb hundert Jahren ja doch das eine oder andere — oder beides.

Prost, Master Mark, prost, Mr. Samuel. Ihr werdet noch gebraucht.

Literatur:

Totenlied: Blind Willie Johnson: Shine On Me: Afromamerikanischer Südstaaten-Gospel, hat nicht unmittelbar mit Mark Twain zu tun, stammt aber aus seiner Mississippidelta-Gegend, atmet seine verzweifelte Fröhlichkeit — und wird genau ab der zweiten Hälfte knorriger und besser. Das hab ich eigens für hier zusammengeschraubt. Falls es trotzdem mal wieder gesperrt ist, gucken Sie die zweite Wahl von Rose Stone and the Venice Four and the Abbot Kinney Lighthouse Choir aus dem Coen-Remake Ladykillers 2004, da kriegen Sie noch Trouble of This World obendrauf. Das ist auch noch wirklich schön und gibt genügend was fürs Auge her, dass es Vollbild rentiert.

Bilder: The Living Daylight: More of Mark Twain’s, 4. November 2009;
Mark Twain and Dorothy Quick: Photowall Mark Twain in Quotations Book;
E. Remington Typewriter Company, 1904;
Videobild: FotoEdge: Gospel Lighthouse in Excelsior Springs, Missouri, 16. November 2008.

Huckleberry Dichterliebchen: Druckbleistift 0,5 HB und Rötel auf Moleskine, April 2010.

Written by Wolf

21. April 2010 at 12:02 am

Because all I have left is the voice of the wind

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Katzenjammer kultivieren Kuddelmuddel.

Bernhard Blöchl:
Gut geschnurrt,
Süddeutsche Zeitung,
18. September 2009.

The wind is a-whipping through the open doors
Speaking of the sea and the rolling waves
Maybe there’s a ship at the bottom now
or struggling on the surface with a cry for help
Wish I could forget and let the years go by
Wish I could escape from my dreams of you
Twenty years ago it was a howling storm
as the voice of a god from a great beyond
I was standing on the shore as the sky grew dark
with a hand on a bible and a hand on my heart
Wish I could forget and let the years go by
Wish I could escape from my dreams of you.

Ketzenjammer (nicht die Kids): To the Sea.

Katzenjammer sind: Rotschopf Turid Jørgensen mit dem alleinstehenden Grinsebass, Solveig Heilo an Schießbude und Tröte, Marianne Sveen an Schießbude und allem, was drei bis zwölf Saiten hat, und Anne Marit Bergheim an Klavizimbel, fünfsaitigem Morgan-Banjo und sonstigem Zupfwerk, aber letztendlich alle an allen Instrumenten; Tuva Andersen ist ausgestiegen. Vielleicht weiß sie, warum.

Frau Fernseh hat’s bemerkt, und wir bitten um freundliche Beachtung des Waldes von Links auf Katzenjammers offizieller Webpräsenz.

Bilder: Andreas Ehrig: Katzenjammer (Norwegen) im Zwischenbau; Mathias Fossum für Myspace & Facebook.

Written by Wolf

6. March 2010 at 9:00 pm

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Kein Krimi wie ein Gedicht

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Jürgen Jessebird SchmitteJürgen wird heute zarte 42, das Alter, in dem man das Leben, das Universum und den ganzen Rest versteht, und kriegt als Geschenk seinen eigenen Eintrag vom 20. September 2009 geklaut: John Burnside: Glister. Glückwunsch auch vom Rest der P.E.Q.U.O.D.!

Jürgen hielt berufsbedingt die Neuerscheinung Glister von John Burnside als einer der ersten in Händen. “Ein Buch wie ein Gedicht”, fasst er zusammen, und versteht einen im weiteren Verlauf richtig neugierig darauf zu machen. Scheint gut zu sein.

Und für uns gräbt er eine Freundliche Begegnung aus:

Nathalie by An Sophie & Bart, Ad Majorem Dei Gloriam IV, 13. Januar 2010Plötzlich wusste ich, dass er mich nur auf den Arm genommen hatte, und von diesem Augenblick an mochte ich ihn irgendwie. Schließlich verdankte ich es John, dass ich noch einmal zu Herman Melville griff. Ich kannte eine überarbeitete Fassung von Moby Dick aus der Kinderbücherei, nicht aber den eigentlichen Roman. Irgendwelche allgewaltigen Mächtigen hatten aus irgendeinem unerfindlichen Grund schon vor vielen Jahren beschlossen, dass sich Moby Dick als Kinderbuch eigne, woraufhin allerlei seltsame Ausgaben herausgebracht worden waren, samt und sonders gekürzt und illustriert und auf das bloße Skelett einer Abenteuergeschichte reduziert. Schlimmer noch, man hielt Melville für jemanden, der nur ein einziges Buch geschrieben hatte, weshalb ich, bis John kam, nichts von Maskeraden wusste, von Bartleby, der Schreiber oder Billy Budd. Niemand aber sollte je den ewigen Dank vergessen, den er jenem Menschen schuldet, der ihn zum ersten Mal dazu bringt, den wahren Herman Melville zu lesen. Laut John gehörte der ungekürzte Moby Dick ebenfalls zur fesselnden Lektüre – und er hatte recht, so wie er mit Proust und all den anderen Autoren recht hatte.

John Burnside: Glister; deutsch: Glister bei Albrecht Knaus, seit 28. September 2009.

Danke für deine Aufmerksamkeit und gute Arbeit, Jürgen! Schreib mal wieder was für uns!

Rotschopf Nathalie: An Sophie & Bart: Ad Majorem Dei Gloriam IV, 13. Januar 2010,
mit Juan Eusebio Nieremberg (1595–1658): De la diferencia entre lo temporal y eterno, Madrid 1640.

Written by Wolf

19. February 2010 at 1:07 am

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Speaking words of wisdom

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Update zu Chiemgirl Blues:

Johannes Waechter ist einen großen Teil der Süddeutschen Zeitung wert. Der Mann führt dort in einem schnauzigen, unterkühlten Tonfall den bestrecherchierten Musikblog diesseits des Hudson, ohne Verherrlichung und ohne Ressentiment; jedenfalls erwischt erimmer die richtige Musik, über die man auch einige Vertiefung erfahren will. Falls jemand einen besseren kennt, her damit, ich glaube ihm seit Monaten jedes Wort.

Waechter hat gemerkt, dass “unser” Friedhelm Rathjen 130 Stunden Bootleg-Material der Beatles durchgehört hat und uns in einem Buch darüber erzählt: Von GET BACK zu LET IT BE: Der Anfang vom Ende der Beatles. Was er nicht sagt: Rathjen findet — wie meistens — vorerst nicht im normalen Sortimentsbuchhandel statt, sondern bei Rogner & Bernhardt und somit nur bei Zweitausendeins.

Was er doch sagt:

Cover Friedhelm Rathjen, Von Get Back zu Let it Be, 2010Am 2. Januar 1969 traf man sich im Filmstudio in Twickenham, und von Anfang an filmte das Team des Regisseurs Michael Lindsay-Hogg alles, was sich ereignete. Ende Januar hatte Lindsay-Hogg 130 Stunden Material aufgenommen, Bild und Ton. Die Tonspur seines Films gelangte kurze Zeit später in die Hände von Bootleggern, und in den kommenden Jahrzehnten erschien eine riesige Anzahl von Raubpressungen mit Outtakes von den Sessions und Versionen der zahlreichen Rock’n'Roll-Klassiker, die die Beatles zum Warmwerden gespielt hatten. Das Bootleg-Label Purple Chick trieb das Ganze im Jahr 2004 auf die Spitze und brachte auf 83 CDs eine Komplettedition der Sessions heraus.

Friedhelm Rathjen hat sich nun die Mühe gemacht, dieses Material anzuhören und eine genaue Chronologie der Sessions zu erstellen. In seinem Buch erfahren wir, was die Beatles an jedem einzelnen Tag der Sessions spielten, was sie redeten, wie sie sich stritten und herumalberten. Das ist in gleichem Maße faszinierend wie ernüchternd.

Ernüchternd deshalb, weil Rathjen keinen Zweifel daran lässt, dass die berühmteste Band der Welt damals kurz davor stand, das Musikmachen zu verlernen: Wenn die Beatles zu den Instrumenten griffen, kam in der Regel lahmes, uninspiriertes Zeug heraus; außerdem litten sie an einem Mangel an neuen Songs, vor allem weil John Lennon, damals heroinsüchtig, nichts Brauchbares zu den Sessions beitrug. [...]

Rathjens Buch kulminiert im berühmten Rooftop-Konzert vom 30. Januar 1969. Nach dem Ende der Sessions gingen die Probleme der Beatles aber erst richtig los. Der Nachteil von Rathjens Ansatz, eine begrenzte Periode im Schaffen der Beatles wie unter dem Mikroskop zu betrachten, liegt natürlich darin, dass er keine großen Zusammenhänge schildern kann; die Charaktere der Gruppenmitglieder, ihre tief sitzenden Rivalitäten und geschäftlichen Differenzen, werden in seinem Buch nur angerissen. All das, was man in Rathjens Buch vermisst, steht jedoch in Peter Doggetts You Never Give Me Your Money: The Battle For The Soul Of The Beatles, das meines Erachtens in Kürze zu einem Standardwerk werden wird.

Johannes Waechter: Das schmerzhafte Ende der Beatles, 12. Februar 2010.

Written by Wolf

15. February 2010 at 12:01 am

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Go to Sea No More (than seven times)

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Update for Lowlands Low:

When Ham and Shem and Japhet, they walked the capstan round,
Upon the strangest vessel that was ever outward bound,
The music of their voices from wave to welkin rang,
As they sang the first sea chantey that seamen ever sang.

From Chanteys and Ballads, by Harry Kemp.

There are 7 relevantly differing books known by Stan Hugill:

~~~|~~~~~~~|~~~

Please note:

(Then) no more I’ll go to sea
Across the Western Ocean,
A-hauling and a-pulling
I never will again.

(Then) no more I’ll go to sea
Across the Western Ocean,
For evermore I’ll stay on shore
And go to sea no more.

Stan Hugill: The Anglesey, the very last song to sing along in: Shanties from the Seven Seas, 1961.

Hulton Clint calls for collaboration and chantey singing training!

Get some audio recording gadget, see the lyrics above and on the video page, join and support him — before February 11, 2010!

~~~|~~~~~~~|~~~

Image: Stan Hugill: Shanties from the Seven Seas, 1961, reprint 2004, featuring a snowstorm globe and Maggi Fondor, 900 Gramm, self-made.

Written by Wolf

1. February 2010 at 12:01 am

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Bounty Day, Wal in Lee, Fayaway

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Elke erzählt wahre Geschichten aus der Südsee:

Sailors are the only class of men who now-a-days
see anything like stirring adventure; and many things
which to fire-side people appear strange and romantic,
to them seem as common-place as a jacket out at elbows.

Herman Melville: Typee, Preface.

Elke HegewaldJedes Jahr am 23. Januar brennt die Bounty. Lichterloh, vor der Küste von Pitcairn.

Wie damals, vor 220 Jahren, als die neun vielleicht berühmtesten Meuterer ever auf der Flucht vor dem Strang der britischen Admiralität mit ihrem gekidnappten Dreimaster an diesem winzigen i-Punkt in der unendlichen Südsee gestrandet sind. An dem Tag, an dem sie unwiderruflich Insulaner wurden. An dem einer aus ihrer Mitte sie in den Stand von Isolatos erhob, als er das Fluchtfahrzeug ansteckte, um ihre Spur aus der Welt – und in sie – zu tilgen.

Am 23. Januar brennt die Bounty. Die Pitcairnier, deren kleine Gemeinde nicht einmal ein halbes Hundert Köpfe zählt, werden wie all die Jahre zuvor ein Vehikel dieses Namens hinaus aufs Meer schleppen und in die Flammen schauen, bis sie verlöschen und das Geheimnis des einstigen Verstecks ihrer geächteten Vorväter wieder ins Dunkel der Nacht taucht. Wenigstens das sind die Nachfahren Fletcher Christian alias Clark Gable alias Marlon Brando alias Mel Gibson, seinen Männern und deren polynesischen Frauen, die ihre Urmütter wurden, schuldig. Und John Adams, dem letzten der Meuterer und geläuterten frommen Guru († 1829), der sie in den Schoß der Kirche zurückführte. 23. Januar ist Feiertag auf Pitcairn. Bounty Day.

Was für unsereinen und den Rest der Welt nur ein zerlesener Dreiteiler von Nordhoff und Hall und ein paar kultige Monumentalfilme in Starbesetzung sind, ist für die Siedler des kleinen Eilands in der Südsee ihre Historie, eine Geschichte von Leben und Tod. Es hat nicht geklappt, wie man weiß, mit dem glücklichen Isolatodasein der Bountymannschaft, jedenfalls nicht gleich. In Tubuai, dem ursprünglich Auserkorenen, gab es Unfrieden und Dahingemetzelte statt Wahlheimat. Und auf dem bei ihrer Ankunft unbewohnten Pitcairn im Crash von europäischen mit polynesischen Werten und Mentalitäten, Inselkoller und Frauenmangel bald nichts als Suff, Mord und Totschlag. Ein Eldorado und Versuchsgehege für Tiefenpsychologen. – Dazu Robert Merles “Die Insel” lesen!

Die gerade noch rechtzeitige Alphabetisierung des letzten Bountyman Adams mit Hilfe der Schiffsbibel (die heute ehrenvoll im Inselmuseum aufbewahrt wird) vor der gegenseitigen Ausrottung bescherte der gebeutelten Nachkommenschar endlich doch noch alkoholische Abstinenz, Gottesfurcht und Menschenliebe. Und ihrem frommen Obervater seine Begnadigung, Verewigung im Namen der einzigen Inselsiedlung (Adamstown) sowie ein romantisch verwittertes Grab mit Seeblick im Kreise seiner Frauen hoch über der Bountybay, dem dermaleinstigen Landeplatz.

Und jeden 23. Janaur brennt die Bounty. Wegen alledem.

***

Die Gegend da mit den spärlich in die Weiten der See gestreuten Inselperlen hat es sowieso in sich, was Strandungen, menschliche Dramen und berühmte Geschichten angeht. Die in Januartagen schicksalhaft kumulierten. Denn der selige John Adams lebte noch, als fast genau 30 Jahre später, im Dezember 1820, zwanzig Männer in drei mit Segeln aufgerüsteten Walbooten durch Sturm und Wasser nebenan die Nachbarinsel Henderson erreichten. – Das waren die Schiffbrüchigen des Nantucketer Walfängers Essex, den Wochen vorher ein Pottwalbulle versenkt hatte, der das literarische Vorbild für Herman Melvilles Moby Dick werden sollte. Nebenan heißt in diesem Fall: nur 400 Meilen entfernt. Ein Klacks, in Südsee- und Schiffbruchdimensionen gedacht. Die lebten damals auch alle noch, die Whalemen der Essex. Und sie ahnten nicht, wie nah sie ihrer Rettung waren, als sie – bis auf drei – wieder ablegten. Ahnten nicht, wie gern und liebevoll der alte Inselvater von Pitcairn samt seiner Großfamilie sie wieder aufgepäppelt hätte.

So fuhren sie mit vollen Segeln nicht nach Westen, sondern gen Osten Richtung Festland – ‘die Küste hinauf’, wie sie es im Walfängerjargon lakonisch nannten. Nur, dass zwischen ihnen und dieser Küste tausende Seemeilen lagen. Es folgte eine Tragödie, an deren Ende sie kannibalisch ihre toten Kameraden aufaßen und die nur fünf Männer überlebten. Ironie des Schicksals: ihren verhängnisvollen Kurs bestimmte die Angst vor menschenfressenden Polynesiern auf den ihnen unbekannten Inseln. Zum einen. Zum anderen waren es ihre Nantucketer Sturschädel.

Nantucketer misstrauten grundsätzlich allem, was über ihren persönlichen Erfahrungshorizont hinausging.

schrieb Nathaniel Philbrick in seinem preisgekrönten Dokumentarroman ‘Im Herzen der See’.

Ihr im wahrsten Sinne des Wortes weit reichender Erfolg im Walfang gründete weder auf radikalen technischen Fortschritten noch auf möglichem Mut zum Risiko, sondern auf einem tief verwurzelten Hang zum Althergebrachten… Jede Neuigkeit, die sie nicht aus dem Mund eines anderen Nantucketers erfuhren, war ihnen suspekt.

Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See. Karl Blessing Verlag München, 2000, 1. Auflage, Seite 135.

Und Melville selbst kritzelte an seine eigene Ausgabe des Owen-Chase-Berichts:

All the sufferings of these miserable men of the Essex might, in all human probabiltity, have been avoided had they, immediately after leaving the wreck, steered straight for Tahiti, from wich they were not very distant at the time, & to wich, there was fair Trade wind. But they dreaded cannibals, & strange to tell knew not that… it was entirely safe… to touch at Tahiti. But they chose to stem a head wind, & make a passage of several Thousand miles… in order to gain a civilized harbor…

In: The Loss of the Ship Essex, Sunk by a Whale. Penguin Books. NY 2000, p. 78/79.

Was alles uns wieder mal lehrt: Wissen kann Leben retten. Und es hätte schon geholfen, wenn der Essex-Captain Pollard oder sein Erster Maat Owen Chase 1819 vor dem Auslaufen ihres Schiffes ordentlich Zeitung gelesen hätten, statt nur volle Walölfässer im Kopf zu haben. Das nahegelegene Lokalblatt New Bedford Mercury zum Beispiel, in dem ein Captain Townsend sich im April brühwarm über die Nahrungsumstellung der Typees auf dem marquesischen Nuku Hiwa von Menschenfleisch auf gastfreundlichere Kost ausgelassen hatte (siehe Philbrick, a.a.O., Seite 133/134).

***

Womit wir auch noch die dritte Örtlichkeit dieser wasserreichen Gegend ausgemacht haben, in der das Leben Verbüchertes über kultige Realisolatos schrieb. Die Heimat von Fayaway, dem Inselmädchen des “Typee”-Helden. – In dem bekanntermaßen der eine oder andere Liter lebendigen Herzblutes unseres Moby-Vaters aus eigenen Abenteurer- und Walfängertagen pulst. Wie immer sie hieß, er hat sie selbst gekannt, vielleicht sogar geliebt, seine Fayaway, die Inselblume von Nuku Hiva.

––– Und irgendwo hier am Spreestrand, vielleicht im Pankower Café Garbáty, feierte dieser Tage Einer seinen 73. Geburtstag, dem wir – neben ungezählten anderen – eine der schönsten und lehrreichsten Illustrierungen von Melvilles ‘Typee’ und Fayaways Welt verdanken. Für die erhielt er 1979 den Grand Prix der Biennale Bratislava: Klaus Ensikat. Der soll sich inzwischen zur Ruhe gesetzt haben. Vielleicht irgendwo hier in Berlin am Flussufer mit Zugang zum Meer, wo er gerade ein Moleskine vollkritzelt. Denn wir hoffen ja immer noch, dass der seine Drohung nicht ernst meint…

Bilder: Exercise Bounty Bay; HMS Bounty; Kirche von Adamstown, Pitcairn; Flickr; Elke.

Written by Wolf

23. January 2010 at 12:03 pm

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That one euphonious compound

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Update zu Walskelette gucken und Kanadische Walkunde aus Plastikstühlen:

Tristin Lowe hat eine lebensgroße und naturgetreue Skulptur von Mocha Dick aus Filz gebaut und im Fabric Workshop and Museum in Philadelphia, “creating and exhibiting new work in new materials and new media in collaboration with emerging and established international artists”, untergebracht.

The workshop’s current show is worth the trip if only to spend some time walking around Tristin Lowe’s “Mocha Dick,” a life-size re-creation, in pale industrial felt, of the notorious 19th-century sperm whale of that name that inspired Melville’s great white menace.

New York Times: Art and Philadelphia,
in: Randy Kenny: Art to Make You Laugh (and Cry), 27. August 2009.

Jeremiah N. Reynolds, von dem uns das meiste über Mocha Dick überliefert ist — was man heute am besten in der Rathjen-Übersetzung von Moby-Dick vorfindet — beschreibt im Mai 1839 die lebendige Vorlage für Lowes Modell:

Viewed from a distance, the practised eye of the sailor only could decide, that the moving mass, which constituted this enormous animal, was not a white cloud sailing along the horizon. On the spermaceti whale, barnacles are rarely discovered; but upon the head of this lusus naturae, they had clustered, until it became absolutely rugged with the shells. In short, regard him as you would, he was a most extraordinary fish; or, in the vernacular of Nantucket, “a genuine old sog”, of the first water.

Jeremiah N. Reynolds: Mocha Dick: Or The White Whale of the Pacific:
A Leaf from a Manuscript Journal
, 1839.

Gerade die erwähnten barnacles, die Mocha Dicks Leib bedecken, hat Lowe deutlich in Filz hervorgehoben. Und Roberta Fallon & Libby Rosof vom Artblog finden in Tristin Lowe: Big Mocha Dick at the FWM:

Terraced scars are carved into the felt, and zig-zag in stitches across the body. Beautiful barnacles are appliqued, flowering across the old survivor’s skin in colonies. In Melville and in Lowe, it is man’s nemesis, man’s alter-ego, and the engine of man’s greatest folly.

Die schlagendste Überlegung ebendort ist jedoch eine ganz nebenbei hingeworfene Theorie, wie “Mocha” unter Melvilles Händen zu “Moby Dick” wurde:

By July 1846 even the Knickerbocker Magazine had forgotten its earlier version [of Reynold's article], reminding its readers of ‘the sketch of “Mocha Dick, of the Pacific”, published in the Knickerbocker many years ago…’. That account may well have led Melville to look up the earlier issue, in the very month he rediscovered his lost buddy of the Acushnet and fellow deserter on the Marquesas, Richard Tobias Greene, and began ‘The Story of Toby’ [the sequel to Typee]. May not ‘Toby Dick’ then have elided with
‘Mocha Dick’ to form that one euphonious compound, ‘Moby Dick’?”

Das ist Spekulation — aber das Logischste und Handfesteste, was derzeit darüber zu finden ist.

Bilder: Wal total: Steve Legato for New York Times, 27. August 2009;
Wal-Detail: Roberta Fallon & Libby Rosof im Artblog: Tristin Lowe: Big Mocha Dick at the FWM, 7. Mai 2009.

Written by Wolf

4. January 2010 at 6:02 am

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No one to please or disappoint but myself

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Update zu Kapitel 44 oder 78774-mal E:

Page 0402009 sind wir mit der Hauptaufgabe in Moby-Dick™: die Kapitel durchzuhecheln, knapp zwei Kapitel vorangekommen. Es gibt Dinge, die ein DSL-Anschluss nicht beschleunigen kann.

Cohu hat’s im MetaFilter gefunden: Verheerend optimistisch äußert sich im Vergleich zu uns Matt Kish, der sich vorgenommen hat, nicht alle Kapitel, sondern alle Buchseiten seines Moby-Dick auszugestalten. Das Projekt heißt One Drawing for Every Page of Moby-Dick:

About this Moby-Dick project: [...] Impulsively, I grabbed the first paperback edition of Moby-Dick I could find, which turned out to be the Signet Classic edition from 1992 with 552 pages. Looking back, maybe I should have thought things through a bit more since I’ve seen quite a few editions with around 400 pages, which would have saved me an awful lot of time. But that’s the way things turned out and that’s the edition I am sticking with even though it will take me at least a year and half of constant and daily work to complete. Probably more. I seem to be able to average about 20 to 25 pieces per month. Sometimes more, sometimes less.

Über ein Jahr will der Gute brauchen? Über solche Dimensionen der Zeitplanung lächelt unsereins ja nur milde, aber macht nichts, er ist ja noch jung (Jahrgang 1969). Außerdem hat er weder eine Künstlerausbildung noch eine Ausstellung — einfach nur angefangen.

Seine veranschlagten 20 bis 25 Kunstwerke pro Monat hält er bis jetzt ganz tapfer durch und dokumentiert sie, wie sich das gehört, in seinem gleichnamigen Weblog. Wenn alles gut geht (“And I have a full time job too. And a wife. And a life”), ist er im März 2011 mit Seite 552 fertig.

Kish arbeitet nicht, wie es nahe liegt, auf den Seiten eines einzelnen Buches, sondern auf papierenen Überresten, die er pauschal und darum knapp an der Wirklichkeit vorbeigeschrammt found paper nennt, aus einem Antiquariat, in dem er als Schüler gejobbt hat — abgelegte Landkarten, Diagramme, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Reparaturführer — aus dem unverkäuflichen Bodensatz von Bücherkisten, die vor über zwanzig Jahren schon zum zweiten Mal weggeschmissen wurden. So entsteht nicht ein Unikat, das im Lauf täglicher Maltraktion immer bunter, zerfledderter und — vielleicht — wertvoller wird, sondern viele, stark unterschiedliche Blätter, die aus ihrem Material erwachsen. Diese Kunst hat auch etwas Naturwüchsiges.

Die seitenweise Einteilung bedeutet auch, dass Kish sich pro Kapitel mehrmals inspirieren lassen muss. Jedes Blatt heißt nach einer Textstelle, die einen Satz oder länger dauert. So viel Impact gibt Moby-Dick also allemal her.

Das passiert nach dem Vorbild von Zak Smith, den man als wenig jugendfreien Multitechniker kennt:

So I illustrated Gravity’s Rainbow — nobody asked me to, but I did it anyway.

Leben mit Herman Melville und Thomas Pynchon, täglich gestaltend und mit einer Verbissenheit, die nicht nach Sinn und Entlohnung fragt. Das ist ein Geist, der mir doch sehr imponiert.

Weitermachen — das sag ich vor allem auch zu uns selber. Guten Rutsch.

Danke an Matt, Zak — und Cohu!

Page 086

Bilder: Matt Kish:

Page 040: “Yet what depths of the soul does Jonah’s deep sea-line sound!” [From Chapter IX: The Sermon.]

8.5″ by 11″
acrylic paint, collage and marker on found paper
September 15, 2009;

Page 086: “Cap’ain, you see him small drop tar on water dere? You see him? well, spose him one whale eye, well, den!” and taking sharp aim at it, he darted the iron right over old Bildad’s broad brim, clean across the ship’s decks, and struck the glistening tar spot out of sight. [From Chapter XVIII: His Mark.]

10.5″ by 8.25″
ink and marker on found paper
November 27, 2009.

Written by Wolf

30. December 2009 at 4:23 am

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Moby-Dick und das Radio: Zu wüten gegen ein stummes Ding

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Mehr als ein Dutzend Hörstücke, die auf Melvilles Roman beruhen, wurden auch vom deutschsprachigen Radio produziert: von Ernst Schnabels dreiteiliger Fassung aus dem Jahr 1948 bis zum destillierten Klassiker im Fünf-Minuten-Format aus den 1990ern.”

weiß Julian Doepp; wir arbeiten daran, alle davon für die Bücherliste nebenan zu verifizieren.

Die neueste deutsche Hörspielfassung stammt von Dr. Klaus Buhlert (Bearbeitung, Komposition und Regie) und basiert auf der Übersetzung vopn Matthias Jendis. Das wirklich Neue an ihr ist, dass er nicht die Stellen herausholt, in denen viel Sturmgebraus und “Da bläst er!”-Schreie vorkommen, sondern die Möglichkeiten der Übersetzung nutzt, um die stilistischen Kapriolen, die Vielschichtigkeit und die viktorianische Gesellschaftskritik, deren Aktualität sich begründen lässt, ins Radio holt. Der Bayerische Rundfunk bringt auf Bayern 2 zwischen 27. Dezember 2009 und 5 Januar 2010 alle zehn Teile à 53 Minuten. Das mitzuverfolgen ist ein Stück Leben mit Melville; falls weder das Christkind noch die Stadtrbücherei das Hörbuch hergeben (vor der 2009er Komprimierung sollte man eher vorsichtig sein), haben Sie doch jetzt sicher auch Urlaub.

Der Bayerische Rundfunk über seine Produktion:

Bayern 2 bietet Live-Stream an, ist also überall empfangbar.

Danke an unseren Leser Mario Sacco für die Aufmerksamkeit!

Cover Herman Melville, Moby-Dick, Abenteuerhörspiel Der Hörverlag 2002

Bild: Amazon.de, Der Hörverlag München.

Written by Wolf

26. December 2009 at 12:23 pm

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Fünfzig Inseln, auf denen wir nie waren und niemals sein werden:

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Update zu Hood’s Isle and the Hermit Oberlus:

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln, 2009.

Judith Schalansky, Atlas der abgelegenen Inseln

Nur weil sie da geboren ist, wo andere kuschelstudieren: in Greifswald. Süß, das Mädel, noch keine dreißig, blitzgescheit, wird es noch weit bringen im Leben. Erste Abenteuer in der Typographie; urdeutsch, in Fraktur, wie das so ist, wenn man nicht raus darf, mit der großen Freiheit ab 1989 war mit neun Jahren noch nicht zu rechnen und als sie da war, nicht abzusehen, wohin damit. Erste Männergeschichten in unverblümtem Trotz: Blau steht dir nicht. Der Untertitel ihres Meisterwurfs atmet deshalb unfehlbar alle Wehmut der Ozeane, nach denen er geordnet ist: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde.

Gerade noch am Vertriebsdrachen vorbeigeschmuggelt, die Formulierung, würde man sich vorstellen, wenn nicht die Vorstellung sämtlicher Angestellten bei mare als Stand-ins für den frühen Wolf Larsen vordringlicher wäre. Die erste Auflage null Komma nix vergriffen, denn Sehnsucht ist menschlich. Träume sind der Fluch derer, die sich an sie erinnern, da hol der Klabautermann die 34 Euro für 144 Seiten: Wenn dieses Papier keine Erotik ist, was dann?

Man hat ja auch nie mit einer Sirene geschlafen, sondern nur mit sehr viel Glück mit einer Fischbrötchenfalterin am Rüganer Strand mit rötlichem Pferdeschwanz geflirtet, und wird niemals den Leuchtturmwärter von Tristan da Cunha auf sein Sofa laden, sondern mit sehr viel Glück einen freien Grafikkollegen, der als Junge gern Segelschiffchen gezeichnet hat. Verachten wir keinen von ihnen, denn sie sind es, die das Stück für Weihnachten verfügbar halten. Querstreifen stehen uns nicht.

Danke an Frau Scratch.

Written by Wolf

4. November 2009 at 1:58 am

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Lang ist die Eisenbahnfahrt, kurz ein Leben

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Update zu Denn das Herz ist durstiger als Kehle:

Es ist nicht wichtig, was wer wem verleidet.
Es ist kleindumm, wenn jemand bös beneidet.

Es ist beneidenswert, was jemand heimlich leidet.

Wir alle leben so gern im Bequemen.
Was du je grübeltest und schriest und sangst — —

Es scheint mir gut, wenn du beim Abschiednehmen
Statt um dich selbst um einige Freunde bangst.

Letzte Abfahrt aus München, Gedichte dreier Jahre, 1932.

Joachim Ringelnatz hat inzwischen lange genug mit mir zu schaffen, dass die Leute, die mich gefragt haben, wie lange Joachim Ringelnatz denn schon mit mir zu schaffen hat, gestorben sind und volljährige Kinder hätten, wenn sie im Kindsbett gestorben wären (ein krauser Vergleich, der schon seinen Sinn hat, glauben Sie mir).

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass mir immer noch neue Lieblingsgedichte von ihm auffallen könnten; Schiff 1931 ist mir weitgehend entgangen. Doch ganz praktisch, wenn die Seitenaufteilung der wechselnden Gesamtausgaben gelegentlich umgeschichtet wird: Die Hälfte des noch letztes Jahr empfohlenen Doppelpacks gibt’s heute als Taschenbuch.

Schiff 1931

Wir haben keinen günstigen Wind.
Indem wir die Richtung verlieren,
Wissen wir doch, wo wir sind.
Aber wir frieren.

Und die darüber erhaben sind,
Die sollten nicht allzuviel lachen.
Denn sie werden nicht lachen, wenn sie blind
Eines Morgens erwachen.

Das Schiff, auf dem ich heute bin,
Treibt jetzt in die uferlose,
In die offene See. — Fragt ihr: „Wohin?“
Ich bin nur ein Matrose.

Gedichte dreier Jahre, 1932. Seinem bewährten Hamburger Freunde Muckelmann (Carl M.H. Wilkens)

Dieses schulterzuckende “Ich bin bin nur ein Matrose” findet man oft — vielleicht sogar in sich selber. Bedauern kann erleichtern. Den Besten mag nicht alles vollends wurschtegal sein, helfen können sie trotzdem nicht, und dann halt hey.

Menschen, denen ich das geschenkt hab, kennen mich heute schon gar nicht mehr, der Inhalt ist immer noch der gleiche wie in den antiken Henssel-Backsteinen. Schön, wenn man im Leben doch ein paar Konstanten behält.

Noch einer zum Mitrechnen: Letztes Jahr um diese Zeit ist Ringelnatz 125 geworden, an ein großes Bohei darum erinnere ich mich nicht; deshalb wird er am 17. November seinen 75. Todestag feiern. Oder wir. Oder ach, Sie wissen schon. Alles Gute, Ringel.

Cover Joachim Ringelnatz, Sämtliche Gedichte, Diogenes

Weil man dem Buchhandel ja alles selber wegfeiern muss:

Gewinnspiel

noch bis Sonntag!

Bild: Na, wo wird’s schon her sein.

Written by Wolf

7. August 2009 at 12:01 am

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Most vexatious delays

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Update zu Elizabeth Shaw Melville unterbindet den ersten Manuskriptentwurf (1850)
und Chez Pierre:

Water, water, every where,
Nor any drop to drink.

Samuel Taylor Coleridge, The Rime of the Ancient Mariner, 1797

In ihrem Artikel “Herman Melville, Wife Beating, and the Written Page” (1994) [in American Literature, LXVI, 1 (1994) p. 123--150] warf dann Elizabeth Renker eine Frage auf, die nach der Dynamik der Publizistik nicht zum Verschwinden gebracht werden kann: Hat Melville, besoffen, seine Frau geprügelt und die Treppe hinuntergeworfen oder nicht? Bewiesen ist nichts, aber immer bleibt etwas hängen. Da seine Frau ihn 1868 verlassen wollte, muß es jedoch ziemlich schlimm gewesen sein.

Hans-Joachim Lang: Nachwort zu Pierre,
in: Herman Melville: Pierre, hg. Daniel Göske, Hanser 2002, Seite 660

Heute vor 133 Jahren, am 3. Juni 1876, erschien Clarel, das Produkt aus Melvilles Weltflucht bei G. P. Putnam & Company in New York. Elizabeth zu Catherine Lansing: “Congratulate us, for the book was published yesterday after a series of the most vexatious delays.” Das wird uns noch beschäftigen.

Written by Wolf

3. June 2009 at 4:55 pm

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Medienschau

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Update zu Überall ist Entenhausen:

Die gute Nachricht:

Ich bin jetzt Kim Shattucks Freund, hähä. Dabei ist die verheiratet. High-school-Abschluss 1981, selbstständig seit 1991, macht neuerdings verstärkt auf Fotografin (“I’m a musician and photographer. Sometimes I’m a photographer and a musician”), gibt als Lieblingsmusiken Thelonious Monk, Dean Martin und Charlie Parker an.

Die andere gute Nachricht:

Harry Rowohlt hat noch einmal seine alten Leitzordner durchgekramt. Neu ab 1. März und vorbestellbar: Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil.

Kim Shattuck HeilDie beschepperte Nachricht:

Gleichwohl fragt sich, wem mit dieser Entzauberung der Comic-Parallelwelt gedient ist. Gelüftete Geheimnisse sind nichts mehr, an dem sich des Lesers Vorstellungskraft entzünden könnte. Vielmehr birgt das Zeigen von Straßennetzen, Panoramen und Geländereliefs die Gefahr, Fantasie abstumpfen zu lassen. Insofern scheint das Begehren, selbst das Reich der Fiktion noch zu kartografieren, seinerseits vermessen.

Kim Shattuck tingelt gerade mit ihren Mitte-Ende 40 mit ihren Muffs durch Spanien, Harry Rowohlts Rentnerhobby wird fraglos wieder das vergnüglichste seit der Erfindung von Sex und selbsteingelegten Gurken, dafür soll der Doktor Hendrik Werner vielleicht mal ein bissel Klavier spielen lernen, wie wär’s?

Noch bis 1. März: Februargewinnspiel!

Bild: Nick Sjobeck: Kim Shattuck sucht ihr Heil in Deutschland.

Das Gute-Laune-Lied featuring Kim kurz nach ihrem High-school-Abschluss mit Mitte 30:

Lied: The Muffs: Outer Space on Drew Carey’s Mr.Vegas’ All-Night Party HBO special, 28. Juni 1997. Für dieses Alter ist das eine gute Aufnahme, die man sehr laut stellen kann.

Written by Wolf

21. February 2009 at 3:12 pm

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All that we see or seem

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Update zu Moby-Dick goes after Arthur Gordon Pym:

Es gibt Gedenktage, die sind zu groß, um an ihnen herumzubegründen: Entweder weiß man sie zu würdigen oder eben nicht.

Edgar Allan Poe ist 200.

Edgar Allan Poe Daguerrotype 1848

Virtuelle Geburtstagsfeier bei James Russell Lowell und Cynthia.

Daguerrotypie: W.S. Hartshorn, Providence, Rhode Island: Edgar Allan Poe, 9. November 1848,
in the Library of Congress, Digital ID cph.3a52078.

Lied: Der Rabe, von einem ungenannten Klampfobarden eingesungen in der einzig wahren Übersetzung von Arno Schmidt.

Written by Wolf

19. January 2009 at 12:01 am

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The steel-shafted harpoon held tight in his hands

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Update zu Like as the waves make towards the pebbled shore:

David Coffin's LimberjackDer Enkel von Arthur Rubinstein passt nicht nur musikalisch in einen Weblog über Wale und Unterhaltungsmedien: Coffin heißen die Leute vorzugsweise auf der Walfanginsel Nantucket, David überall.

David Coffin spielt haufenweise Instrumente, die meistens Flöte heißen, aber auch schon mal bombard, cornamuse, ghemshorn, racket, rauschpfieffe oder shawm, und singt in einem operntauglichen Bassbariton traditionelle und — es gibt welche! — heutige Seemannslieder und Alte Musik, worin er nicht nachgibt, bevor das ganze Publikum mitsingt. Als besonderes Melvilleanum bringt er uns The Wreck of the Whaleship Essex in passenden Liedern nahe.

Hier weiß einer besser als die nächstbeste Wirtshauscombo, was er für Gassenhauer aufführt und warum sie wann auf welchem Wege welche geworden sind, weil er das studiert hat. Maritime Lieder sollten wenigstens potentiell Tiefgang haben.

Wenn Sie es trotzdem gleich mir nicht lieben, zum Gelingen einer Veranstaltung gezwungen zu werden, obwohl Sie korrekt Ihr Eintrittsgeld entrichtet haben, kaufen Sie lieber seine Flight of Time, Nantucket Sleighride und die neueste Safe in the Harbour. Die Hörbeispiele aus der letzteren klingen nämlich ganz okay — wobei die Begriffe Tiefgang und der vom Mangel an Liebe besonders dann einen feinen Doppelsinn gewinnen, wenn die Lieder von Schiffbrüchen handeln und davon, wie ein Mädchen auf Seemänner wartet.

Lieber old-fashioned mit Kistchen und Liner-Notes kaufen statt kostenpflichtig saugen, weil Coffin viel Hirnschmalz in die Reihenfolge der Lieder pro CD hängt, und wie schnell hat man seine audiovisuellen Medien auf Shuffle gestellt. Anspieltipp: Blow Ye Winds.

Limberjack: David Coffin.
Aufmerksamkeit: Elke.

Written by Wolf

8. January 2009 at 12:01 am

Mauerfallschockfrosten

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Update zu Capturing Lafontainitis:

Schauschau, nach dem aufmerksamen mars bei Cohu am 3. Dezember ist noch jemand anderem aufgefallen, was Reinhard Mohr am 21. September 2008 so über Moby-Dick und sonstige Erzeugnisse der Populärkultur dahergeredet hat. Das muss schon Mitte November gewesen sein, weil es in der Dezember-Titanic stand. Wir sagen ja nicht, dass wir die Schnellsten sind, sondern nur die Besten.

Mal wieder zu Ihnen, Reinhard Mohr!

Sie sind im Kino gewesen, haben den »Baader Meinhof Komplex« geguckt und wie bestellt eine fabulöse Textidee gehabt: »Der-Oskar-Lafontaine-Komplex«: »Es ist ganz großes Theater, das den Deutschen nun schon seit Monaten geboten wird. Wie gebannt verfolgt die Republik die spannendste Inszenierung seit langem – den Oskar-Lafontaine-Komplex. Untertitel: Ein Mann sieht rot. Keine Bühne ist groß genug für ihn.« Ein Mann sieht rot? Oskar Lafontaine, der deutsche Michael Douglas der Selbstjustiz? »Wo immer er auftritt, redet er sich binnen Minuten in Rage wie einst Robin Hood, der Rächer der Enterbten.« Robin Hood ein Redner? An welche Verfilmung denken Sie da, an »Helden in Strumpfhosen«? »Das Virus ergreift selbst bislang politisch eher unauffällige Berufsgruppen.« Das Virus? Sind wir jetzt plötzlich in »Outbreak«, dem Film, dem vom deutschen Verleih der Untertitel »Lautlose Killer« verpaßt wurde? Und wie geht das mit dem in Rage geredeten Robin Hood zusammen?

»Aufwärmen, umrühren, fertig: Oskar Lafontaine und die vermeintlich neue, schicke Linke sind genau wie Nescafé. Sie wollen Ideen von gestern aufkochen, um Politik für morgen zu machen – und leiden doch nur daran, den Schock des Mauerfalls nie verwunden zu haben.« Seit wann aber nun ist Nescafé wiederaufgekochter Kaffee? Ist er nicht eher mauerfallschockgefrostet? »Aber so ist er, der Kapitalismus. Am Ende wird er auch noch den Oskar-Lafontaine-Komplex schlucken wie der weiße Wal den Käpt’n Ahab.«

Bon: Virus, Robin Hood, Moby Dick, aufgewärmt und umgerührt – vielleicht gehen Sie, Mohr, alter Schmock, demnächst lieber in weniger aufregende Filme; wie wär’s z.B. mit »Burn After Reading«?

In diesem Sinne:

Titanic [Briefe an die Leser, Dezember 2008]

kqedquest, Moby Dick whale meat, 1. März 2007

Bild: kqedquest: “Moby Dick” whale meat, 1. März 2007.

Written by Wolf

7. January 2009 at 12:41 am

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Leben mit Hermann Mellwill

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Update zu sieht ja ulkik aus:

Form ist Inhalt, Inhalt ist Form.

Aristoteles, glaub ich.

Wölfin: Schau mal, beim Don Alphonso schreibt der riesenzwerg über Moby Dick. Warst du das?

Und wären da u.a. nicht die Beschreibungen der gebotenen Verhaltensweisen auf einer Bergtour, man könnte auch hier dem Autor schnell unterstellen, er glaube auf hoher See auf der Jagd nach Mobby Dick zu sein , obwohl er selbst doch nur zuhause in seiner Badewanne sitzt und wie verrückt auf das arme Quietscheentschen einsticht…… :-)

Wolf: Seh ich aus wie ein Riesenzwerg? Außerdem schreib ich Mobby Dick nicht mit Doppel-b.

Wölfin: Du bist doch der letzte arrogante Schnösel bist doch du. Statt dass du froh bist, wie Moby Dick im Bewusstsein der Blogger verankert ist, hängst du dich an Kommafehlern auf.

Wolf: Was für Kommafehlern?

Wölfin: Du weißt schon, wie ich’s meine. Wichtig sind doch die Inhalte!

Wolf: Hab ich was anderes gesagt?

Wölfin: Dann leb doch danach!

Culture Shock by D.S. Ullery. Years before he went to sea, young Ahab diligently pursued the great white hamster.

Bild: D.S. Ullery: Culture Shock, 1981.

Noch bis 11. Januar: Dezembergewinnspiel!

Written by Wolf

3. January 2009 at 1:26 am

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Die neuen alten Mobys

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Jürgen beschenkt sich selbst und uns:

Seit kurzem sind vier neue Mitglieder in der Moby-Dick-Familie hier im Hause. Drei, zu denen in oben genannter Bücherliste bis dato noch genauere Informationen fehlen. Eines, das noch nicht in der Liste steht (und eigentlich auch keinen Platz darin verdient hat…)
Die Informationen will ich jetzt nachreichen.

H. Trausil

H. Trausil

Erstens: Sonderausgabe für die Stuttgarter Hausbücherei, Copyright Verlag Deutsche Volksbücher, Stuttgart (erstmals 1958), übersetzt und bearbeitet von Hans Trausil. 474 Seiten plus Inhaltsverzeichnis. Das erste Kapitel heisst “Des Meeres Ferne tut sich auf” und beginnt: “Nennt mich Ismael.”

Prolog fehlt komplett, aus Cetology wird “Rangordnung der Wale und Waljäger”.
Die Vergleichsstelle aus Kapitel 28 klingt so:
“Keine Spur von körperlichem Leiden oder überstandener Krankheit war an ihm wahrzunehmen. Er wirkte wie einer, der dem Scheiterhaufen entrissen wurde, als die Flammen schon sengend an ihm emporgeleckt hatten, ohne seinen Körper zu verzehren, ohne seiner ehernen Altersrüstigkeit etwas anzuhaben. Seine hohe, breitschultrige Gestalt sah aus wie in Bronze gegossen, Cellinis Perseus gleichend, geprägt in unvergänglichem Guß. Unter dem grauen Haar hervor verlief eine fahle Narbe seitlich über sein sonnenverbranntes Gesicht bis unter den Hemdkragen, wie von dem Hieb einer schlanken Gerte. Sie glich der senkrechten Naht am hochragenden Stamm eines Baumes, den der Blitz von oben bis unten, eine Rille grabend, durchzuckt, ohne einen einzigen Zweig zu knicken. So stand Ahab, gezeichnet, aber in voller Kraft.”
Garnicht mal so schlecht…

G. Lorenz

G. Lorenz

Zweitens: im Eduard Kaiser Verlag erschienen, übersetzt und bearbeitet von Gerhard Lorenz, ohne Jahr und ohne ISBN (was auf eine Veröffentlichung vor 1972 schliessen lässt – vom Gefühl her würde ich aber sagen: deutlich früher, Ende 50er, Anfang 60er?) [Edit: Fast drei Jahre später, am 6. Oktober 2011 kommentiert uns Tobi zu diesem Eintrag: "Ihre Ausgabe aus dem Eduard Kaiser Verlag kann ich auf Grund einer Widmung in meinem Exemplar auf das Jahr 1961 datieren", s.u. Danke, Tobi!]. 392 Seiten inkl. 2 Seiten Nachwort von Herrn Lorenz. Das erste Kapitel heißt “Zum Beginn” und beginnt: “Nennt mich Ismael.”
Den gesamten Prolog lässt Herr Lorenz weg, das Kapitel 32: Cetology gibt es immerhin, es heisst hier “Walkunde”.

Im Ahab-Kapitel (28) liest es sich wie folgt:
“Keine Spur einer noch bestehenden oder einer überstandenen Krankheit war an ihm zu erkennen. Er sah vielmehr wie einer aus, den man im letzten Augenblick dem Scheiterhaufen entrissen hatte, an dem die Flammen schon emporgezüngelt waren, ohne jedoch seine Glieder im Geringsten zu zerstören oder ihrer Altersrüstigkeit Schaden zu tun. Seine hohe und breite Gestalt schien aus kompakter Bronze gegossen zu sein, für die Dauer geformt, gleich Cellinis Perseus. Unter seinem grauen Haar hervor lief über die linke Gesichtshälfte und den sonnengegerbten Nacken eine weißliche Narbe. Ihr weiterer Verlauf war durch den Kragen verdeckt; sie glich einem Peitschenhieb oder der senkrechten Spur, wie sie der Blitz manchmal am Stamme eines Baumes hinterlässt, ohne an diesem auch nur einen Ast zu knicken; sie verliert sich im Boden, aber der Stamm ist, wenn auch noch lebendig, doch gezeichnet.”
Herr Lorenz ist der einzige, der die Narbe auf die linke Seite legt (im Original heisst es: “…and continuing right down one side of his tawny scorched face and neck…”). Und ich habe den Eindruck, dass er die Übersetzung von Hans Trausil kannte…

K. Bahnmüller
K. Bahnmüller

Drittens: im Ensslin & Laiblin Verlag erschienen, übersetzt und bearbeitet von Karl Bahnmüller, 1950 erschienen (lt. DNB), ohne ISBN, als Jugendausgabe bezeichnet. 392 Seiten inkl. Anhang und Inhaltsverzeichnis. Das erste Kapitel wird hier als “Vorrede” bezeichnet und heisst: “Ihr könnt mich Ismael nennen”. Der erste Satz beginnt dann mit “Vor ein paar Jahren…”

Auch hier: Prolog fehlt, Cetology findet sich auch hier (!) als Kapitel 19: Walkunde. Mit Fussnote: siehe Walkunde nach dem heutigen Stand der Wissenschaft S.381 – dort findet sich der Anhang, durchaus informativ, aus der Zeitschrift “Fette und Seifen”, Berlin, Heft 1 – 1938.
Aus dem Ahab-Kapitel:

“Er sah nicht aus, als habe er eine Krankheit hinter sich, auch nicht, als ob er von einer genesen wäre. Weit eher glich er einem Mann, dem die Flammen schon die Haut versengt hatten, bevor er vom Marterpfahl geschnitten und aus dem Feuer gezerrt worden war. Wie aus Bronze schien er gegossen und für immer geformt. Er war hoch gewachsen, breit. Eine bläulichweiße Narbe lief ihm unter dem grauen Haar hervor, ein dünner Strich, der sich über Gesicht und Hals hinzog und unter den Kleidern verschwand. Er war gezeichnet wie eine Eiche, in die der Blitz eingeschlagen hatte.”
Für eine ausgewiesene Jugendausgabe nicht schlecht… Und auch ziemlich erfolgreich: im Katalog der DNB lässt sich die Übersetzung bis 1994 nachweisen175. – 177. Tsd.

H. Hecke
H. Hecke

Und schliesslich Viertens: (diese Ausgabe ist meine erste gewesen, lange vergessen und durch Zufall wieder entdeckt) im Verlag Tosa erschienen, Neubearbeitung von Hans Hecke, Sonderausgabe, deshalb wohl ohne Jahr und ohne ISBN. 272 Seiten inkl. Inhaltsverzeichnis. Das erste Kapitel heisst “Das weite Meer ruft” und beginnt: “Ich heiße Ismael.”

Prolog: Fehlanzeige. Cetology: Fehlanzeige.
Das Ahab-Kapitel:
“Man konnte ihm keine Spur eines körperlichen Leidens oder einer überstandenen Krankheit ansehen. Seine hohe, breitschultrige Gestalt wirkte wie aus Bronze gegossen. Unter dem grauen Haar hervor verlief eine fahle Narbe seitlich über sein sonnenverbranntes Gesicht bis unter den Hemdkragen, wie von dem Hieb einer schlanken Gerte. So stand Ahab gezeichnet, aber in voller Kraft vor uns.”
Wahrhaftig mächtig gekürzt und stark bearbeitet. Keine empfehlenswerte Ausgabe. Ist ja glücklicherweise auch nicht mehr erhältlich…

Und hier, zum Vergleich, die Stelle aus Kapitel 28 in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen:

“Es schien da kein Zeichen gewöhnlicher körperlicher Krankheit an ihm zu sein, noch solche der Erholung von einer solchen. Er sah aus wie ein Mann, den man vom Scheiterhaufen abgeschnitten, als das Feuer blitzschnell all seine Glieder versehrt hatte, ohne sie zu verzehren oder ihnen ein Jota von ihrer verdichteten gealterten Robustheit zu nehmen. Seine ganze hohe, breite Gestalt schien aus solider Bronze gemacht und in eine unwandelbare Form gebracht wie Cellinis gegossener Perseus. Sich einen Weg bahnend von unterhalb seiner grauen Haare, sich geradewegs fortsetzend die eine Seite seines lohbraun versengten Gesichtes und Halses hinab, bis es in seiner Kleidung verschwand, sah man ein schlankes, gertenartiges Mal von fahler Weißlichkeit. Es glich einer senkrechten Naht, wie sie bisweilen dem aufrechten, hochragenden Stamm eines einsamen Baumes einbeschrieben wird, wenn der Blitz von hochdroben zerfetzend daran niederjagt und, ohne einen einzigen Zweig abzureißen, die Borke von der Spitze bis in den Boden abschält und ausfurcht, ehe er in die Erde springt, den Baum immer noch bei grünem Leben, aber gezeichnet zurücklassend.”

Written by Wolf

21. December 2008 at 12:01 am

Posted in Moses Jürgen

Happy Christmas your arse, I pray God it’s our last (and the bells were ringing out for Christmas day)

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Update zu Das heldische Leiden an der Welt:

I went out playing the afternoon around the block got lost, so busy telling all the other kids a fairy tale of New York. That my real father was a tycoon and my mother a princess…

James Patrick Donleavy: A Fairytale of New York, 1973

‘Round yon virgin mother and Child,
Holy infant so tender and mild,
Sleep in heavenly peace,
Sleep in heavenly peace.

Wann immer jemand außerhalb der Weihnachtszeit — was immer noch zwischen erstem Advent und Mariä Lichtmess bedeutet — ein Weihnachtslied singt, stirbt ein Mitglied seiner Familie, wie man von Herbert Rosendorfer weiß.

Nachdem mein pausenloser Versuch gescheitert ist, meine Familie auszurotten, indem mich seit 1987 ganzjährig A Fairytale of New York aus der If I Should Fall From Grace With God begleitet, stehe ich selbst unter Lebensgefahr: An dem Lied entwaffnet mich immer noch und immer wieder die Manier, Weihnachten anhand wüster Beschimpfungen als Wechselgesang zu feiern, das erinnert mich an meine Kindheit — und The Ghosts of Oxford Street ist ein weitgehend verschollener Film. Wer kann so leben?

Das Lied heißt nach dem gleichnamigen Roman von James Patrick Donleavy von 1973, der wiederum nach dessen eigenem Theaterstück von 1961 heißt. Die Melodie ist von Marcia Farquhar inspiriert und musste ein paar Jahre auf kleiner Flamme köcheln, bis Shane MacGowan aus ihr machen konnte, was sie ist. So durchschaubar, so gut.

Der Film jedoch stammt erst von 1991, das ist praktisch vorgestern. Der Regisseur Malcolm McLaren hatte die Finger in den Soundtracks zum zweiten Kill Bill und der Coppolaschen Marie Antoinette, was verdienstreich scheint, aber nicht für den obermegaschimpansentittenspitzengeilen Ruhm reicht. Aber schaut doch den Soundtrack zur Oxford Street mal an!

Belegt sind genau zwei Ausschnitte: einer mit dem o.a. Fairytale of New York — wie es sich gehört, vom einzig wahren und echten, schon zahnlos geborenen Shane MacGowan von den Pogues –, einer mit Stille Nacht — von Sinéad O’Connor.

Das ist als Besetzung für eine britische Fernsehproduktion über windige 56 Minuten Hammers genug. Die Handlung bezieht sich, wie der Titel nahelegt, auf Charles Dickens, entsprechend ist der Film als viktorianischer Kostümschinken aufgemacht: ein Musical aus zweitverwendetem Musikmaterial über den 200. Geburtstag einer Londoner Einkaufsstraße. Es existiert weder auf Video noch DVD, nur den Soundtrack gibt’s — mit dem Regisseur, den Pogues in Variationen, Charles Brown und, irgendwas ist ja immer, Tom Jones.

Dabei hätten wir in dem Film die einmalige Gelegenheit, Kirsty MacColl, MacGowans Duettpartnerin, in ihrer einzigen anständigen Filmrolle zu erleben. Sie war noch in drei Folgen French and Saunders, ansonsten Musikerin. Sie verfügte über eine ganz unwahrscheinliche Nashville-Röhre und eine Bühnenangst, die sie auch als anerkannte Singer-Songwriterin nie so richtig überwand.

Heute vor acht Jahren, am 18. Dezember 2000, riss sie ihren Sohn beim Baden in gefährlichem Gewässer vor Cozumel bei Mexiko aus der Fahrbahn eines Motorboots und rettete ihm unter Einsatz ihres eigenen das Leben. An den Verletzungen, die sie sich dabei zuzog, starb sie mit ihren zarten 41. Als Mutter soll sie wirklich hingebungsvoll gewesen sein.

Der steuernde Matrose zahlte den Schnäppchenpreis von 1034 Pesos für fahrlässige Tötung.

Das Verfahren schwebt.

Am südlichen Eingang zum Londoner Soho Square steht eine Parkbank zu ihren Ehren, wegen An empty bench in Soho Square/If you’d have come you’d have found me there. Hätten sie mal lieber eine DVD von Oxford Street gemacht.

Shane MacGowan behilft sich bei seinen verbleibenden Live-Aufführungen mit Katie Melua.

Weihnachtslieder außerhalb Weihnachten und Badeurlaub außerhalb der Sommerferien, das geht nicht gut.

Das Musikmaterial:

Written by Wolf

18. December 2008 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

Die Verschollenen zur See singen ein Lied zum Weihnachtstag.

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Update zu !מזל טוֹב:

Anfang Januar war klar, was die Platte des Jahres wird. Da erschien die Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon von Get Well Soon. Allein das Veröffentlichungsdatum war schon ein Wahn — und dann noch das Repertoire aus luxusdepressiven Hymnen, als die Zielgruppe Weihnachtslieder über hatte. Dabei sollte Konstantin Gropper, Kopf und Kehlkopf der Kapelle, es besser wissen, der hat nämlich ein Examen von der Popakademie Baden-Württemberg und versteht sich bestimmt trefflich auf die Kontrapunktik des Elektrobasses, Historie der südamerikanischen fünfsaitigen Holzschlaginstrumente unter besonderer Berücksichtigung der [hier irgendwas weblogtypisch Oberskurriles einsetzen] und das Dirigieren eines Hausfrauenchors. Was erringt man dort eigentlich für einen Abschluss? Dipl. zupf. blas. et hau.? Nur in Product Release Timing hat er gefehlt, das spätbarocke Wunderkind. Für die Flops von Wim Wenders lässt man sich nicht ungestraft protegieren, wenn man als Hauptinstrument Symphonieorchester gelernt hat. Was reden wir: Das Ding funktioniert auch außerhalb von Weihnachten, macht mit seinem ganzen Weltschmerz aus Kissenseide und Sofabrokat grinseglücklich und ist gar nicht die Platte des Jahres, sondern der 2008er Alltime-Klassiker. Denken Sie in zwanzig Jahren an meine Worte.

Das Pathos von Liedern mit bedeutungsschwerem Walgesang und unheilschwangerem Echolot als Melodieträger war ab Ludwig Hirsch 1991 bis Smoke City 1997 ausgereizt, darum ist Listen! Those Lost at Sea Sing a Song on Christmas Day auf der Normalversion ihres bisher leider einzigen Longplays gar nicht drauf, nur auf der weihnachtlichen EP-Erweiterung Songs Against The Glaciation. Außerdem, das verlautbare ich jetzt einfach so unbefugt, ist es genau das Video, für das Youtube kürzlich auf Breitwandformat umgestellt hat. Keine halben Sachen jetzt: Lautsprecher auf und Vollbild bitte:

Ihre Beschäftigung fürs Restnikolauswochenende: Widersprechen Sie mir! Finden Sie Get Well Soon doof und eine dekadente Streberklasse voll oscar-wilde-geschniegelter Zierbengel (“Hallo? Hilfe, Alder, das is doch sowas von deutsch!”), verteilen Sie Ihre eigenen Privatgrammys und ersparen Sie sich glühweinbasierte Rauschzustände. Vielleicht nehm ich dann auch Herrn Melville die entwürdigende Betty-Page-Mütze wieder ab.

Weiterhören:

[Edit:] Eine Erwähnung findet das propagierte Lied auch in der Indiepedia: nämlich unter Songtitel, die inklusive Leerzeichen länger als 50 Zeichen sind, was auf eine Aktion im Spreeblick zurückgeht. Genau da sollte man Lieder von Get Well Soon auch zuerst suchen, heiße Anwärter auf viele Buchstaben mit allenfalls metaphysischem Bezug zum Restlied sind die alle. [/Edit]

Written by Wolf

6. December 2008 at 12:01 am

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Campinos Tante

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Update zu Absurd and Nonprofit:

Ich habe mich in meinem ganzen Denken den Toten Hosen immer sehr verwandt gefühlt.

Else Stratmann-Heidenreich, August 2006.

Elke Heidenreich 1972Internetvolk hat eine Aufmerksamkeitsspanne von annähernd 28 Minuten? Wenn sich das durchsetzt, hat Ranickel vielleicht nicht ganz umsonst über das rumgemosert, worüber unsereins schon das Augenrollen zu anstrengend findet. Ist ja sein Rentnerhobby, dreinreden will ihm schon gleich gar niemand, seinen Fernsehpreis hat er ja dann doch noch mitgenommen, und die Heidenreichsche wird auch nicht gleich auf Hartz 4 kommen.

Else Stratmann selig wird wieder moderieren gelassen — etwas dérangée sieht sie dabei aus — und der Drei-Goschen-Opa Campino kann lesen. Das alles mag man begrüßen oder nicht, aber eine Titelmusik von Element of Crime ist ja schon mal ein ordentlicher Anfang. Also: Gucken.

War nicht mal die Rede davon, dass bei der Guten unser aller Lieblingsbuch von Christian Brückner vorgelesen wird? Kennt jemand Aufzeichnungen davon? Das wär mal ein Fernsehereignis seit der Erstausstrahlung von Pippi Langstrumpf.

Bild: Elke Heidenreich 1972: Freunde de Hauses der Toten Hosen, August 2006.

Film: Die Toten Hosen: 3 Akkorde für ein Halleluja auf Video, 1989, featuring Elke Heidenreich.

Written by Wolf

3. December 2008 at 1:54 pm

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Glühende Mannschaften durch Aufbau Moby!

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Elke liest parallel:

Elke HegewaldEin freudiges Ereignis wird im höchsten Krähennest aller segelnden Fangflotten gefeiert. Der neue Jungwal aus dem Hause Aufbau, voller Babywalspeck und reichlich sieben Seiten Wirzberger wurde mit offenen Armen adoptiert. Er kuschelte sich sogleich, Wärme suchend, an den gewichtigen dicken Rathjen-Moby. Und plappert allerliebst Seiffertsch, beginnend mit einem entschlossen orakelnden “Nennt mich Ismael”. Aus uns vertrauten Kapitelüberschriften friemelt er schöpferisch, doch durchaus akzeptabel andere: denn warum soll die “Reisetasche” vom Jendis und vom Rathjen nicht auch ein “Reisesack” sein können – sind wir doch unter Seeleuten. Wieviel Chowder und Labskaus gemeinsam haben, weiß ich zwar nicht, aber als was küstennah Nahrhaftes sagt der Letztere dem Nicht-Neuengländer vielleicht mehr als das unvergleichliche Labsal der Mrs. Hosea Hussey. So geht es munter fort. Wenn das nicht ein braves Übersetzerherz, für welche Sprachen es auch immer – und immer mehr – brennen mag, höher schlagen lässt. O der Vorfreude! Und demnächst rücken wir dann auch dem Professore Wirzberger zu Leibe, mit geschärfter Harpune und zappelnden Tippselfingern.

Thar she blows!

Bücherregal Übersetzungen et al.

Bild: Elke.

Written by Wolf

23. November 2008 at 12:01 am

Posted in Smutjin Elke

Alles wird besser, nichts wird gut

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Update zu Tjolahopp tjolahej tjolahoppsan sa:

I see red!

Joseph McCarthy, unsourced.

Letztes Jahr um diese Zeit war wenigstens noch der Hundertste von Astrid Lindgren. Heuer der vom McCarthy-Sepp. Ach kommt, feiern wir lieber nochmal die Astrid (wie klingt der Name eigentlich auf Schwäbisch?).

Written by Wolf

14. November 2008 at 7:57 pm

Posted in Moses Wolf

Dann wacht man am nächsten Morgen mit diesem Stück im Bett auf und fragt sich, wie es so weit kommen konnte.

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Update zu Ahab — Held oder Schurke?
und Die einen sagen so, die andern so:

Stay in school and use your brain. Be a doctor, be a lawyer, carry a leather briefcase. Forget about sports as a profession. Sports make ya grunt and smell. See, be a thinker, not a stinker.

Apollo Creed zu Rocky Balboa, 1976.

Interview der Du 8/08 mit Sylvester Stallone: “‘Rocky’ ist gar kein Boxerfilm, sondern eine Liebesgeschichte”, 24. September 2008:

Cover Du, Helden und Antihelden, 8 2008Damals gab es einige der grössten Autoren — Charles Dickens, Henry Wadsworth Longfellow, Herman Melville mit “Moby Dick” und “Billy Budd”, Joseph Conrad, Rudyard Kipling, John Dos Passos, Sinclair Lewis. Es gibt so viele aus dieser Zeit, und ihre Geschichten funktionieren immer noch. Unglaubliche Stoffe. Wer kann heute noch so schreiben? Ich denke, wir werden von Generation zu Generation weniger belesen und visueller.

Soundtrack: Der andere “Rocky” von 1976: Frank Farian bei Ilja Richter.

Bild: Du 8/2008: Helden und Antihelden.

Written by Wolf

17. October 2008 at 4:20 am

Posted in Moses Wolf

Happy ending the study of doomed monomania

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Update zu Disney’s Inferno:

Stellen wir uns vor: All die hämischen Parodieversuche seitens überzeugter Kulturverächter, die uns hier die Bude mit Suchanfragen wie buch präsentation mobbi dick und dörflein singt devil in disguise einrennen, wären überholt und diskreditierten sich damit selbst. Hähähä, würden wir sagen, geht Mundharmonika spielen oder lernt wenigstens anständig Rollbrett fahren, da steht ihr doch drauf, würden wir sagen, ihr könnt euch weiter über Spielsachen unterhalten, die mit einem kleinen i anfangen.

Da hat unser Lieblingsopa (damals 32) Herman Melville schon selber dran gedacht, dass sein Walbuch ein Happy End haben sollte, da brauchte der keine Marketingleitung von Disney dazu. Am 15. Februar 2006 hat der Olive Reader aufgetan:

Poster Moby Dick the MusicalImagine, at the end of Herman Melville’s Moby-Dick, that Captain Ahab and the crew of the Pequod kill the white whale instead of the other way around. That Ishmael is not alone in his escape. Steven Olsen-Smith, an associate professor of English at Boise State University, has reconstructed textual evidence that strongly suggests that Melville, whose 1851 novel stands as one of the great achievements of American literature and an enduring study of doomed monomania, entertained just such a scenario.

Die Originalquellen dazu sind teils schon verschwunden — der Olive Reader will es von den Arts & Letters Daily wissen, die nichts darüber hergeben —, teils noch nicht wieder hergestellt: Der erwähnte Steven Olsen-Smith baut zur Zeit die Melville’s Marginalia Online und rettet Melville als Dichter.

Wie lange dergleichen braucht, wissen wir am besten. Bis Olsen-Smith fertig ist mit seiner textual evidence, haben wir zwei tolle neue Bookmarks von ihm in der Linkrolle und können ein bissel Mundharmonika üben.

Bild: Moby Dick the Musical Poster;
Aufmerksamkeit: Jürgen. Danke!

Written by Wolf

14. October 2008 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

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