Archive for the ‘Reeperbahn’ Category
München am Meer IX: Schaafswolle to Moby Dick!
Update zu Carta Marina:
A tramping of sea boots was heard in the entry; the door was flung open, and in rolled a wild set of mariners enough. Enveloped in their shaggy watch coats, and with their heads muffled in woollen comforters, all bedarned and ragged, and their beards stiff with icicles, they seemed an eruption of bears from Labrador.
Chapter 3.
Elijah! thought I, and we walked away, both commenting, after each other’s fashion, upon this ragged old sailor; and agreed that he was nothing but a humbug, trying to be a bugbear.
Chapter 19.
“Aye, Queequeg, the harpoons lie all twisted and wrenched in him; aye, Daggoo, his spout is a big one, like a whole shock of wheat, and white as a pile of our Nantucket wool after the great annual sheep- shearing.”
Chapter 36.
Herman Melville hat nach seinem Vorgänger White Jacket nur nachlässig festgelegt, was auf der Pequod die things to wear seien. Da muss erst eine Münchnerin kommen und für Sommer 2010 alles klar machen. Sie benutzt statt der Schreib- eine Nähmaschine und ist so gut wie Melville Herrin über ihren Stoff.
Das Jäckchen Fedallah finde ich recht kleidsam; was aber an einer gewissen Sympathie für das Model liegen kann. In solchen Schuhen kriegen Sie auch keine bessere Haltung hin.
Death to Moby Dick!
In Anlehnung an Herman Melville´s Roman „Moby Dick oder der Wal“ handelt „Death to Moby Dick!“ von den zwischenmenschlichen Beziehungen an Bord der „Pequod“.
Die drei Charaktere Ismael, Captain Ahab und der Harpunier Queequeg färben während der langwierigen Jagd nach dem weißen Wal unvermeidlich aufeinander ab und hinterlassen Spuren im Dasein der jeweils anderen.
Ismael´s fiktives, von Erinnerungen geprägtes Leben als einziger Überlebender, war der inspirierende Ausgangspunkt für diese Kollektion.
Die Serie, die wie oft bei Rückblenden in einer Nicht-farbigkeit gehalten ist, kombiniert typische Attribute der einzelnen Persönlichkeiten in ihrer Stofflichkeit und Stilistik. So trifft zum Beispiel ein düsterer Kapitänsmantel auf einen seidenen Pünktchenschal, ein weißes, sauberes Hemd auf eine mystisch angehauchte Weste mit langen schwarzen Fransen.
Den Titel verdankt die Kollektion dem Schlachtruf, der die Mannschaft an Bord anstachelte und der, nach deren Tod wie ein zynisches Echo nachhallt.
„Alles, was edel ist, trägt einen Anflug von Schwermut“
H. Melville
Moby Dick
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Bild, Text & Videos: Miriam Schaaf: Death to Moby Dick!, 2009 für Sommer 2010; Tobias Knipf. “SCHAAF ist ein neues Modelabel aus München, das sich momentan noch im Aufbau befindet, aber hohe Ziele verfolgt.” München, Astallerstraße 11, Eingang Guldeinstraße.
Power, Honor, Ambition, Future
Update for Walgesänge mit Begleitung:
There is homework to be done, all over November! — Says who? — Says Captain Ahab, in their weblog entry Your chance to be heard in a Captain Ahab song!:
Your chance to be heard in a Captain Ahab song!
Ok, here’s the deal. You record yourself singing along with the supplied file, and you will be heard on the new Captain Ahab record, The End of Irony.
Download AhabChantForFans.mp3 & record yourself singing along!
The lyrics are, “Power, Honor, Ambition, Future” repeated over and over again. Please submit a dry, isolated track of yourself (and/or your friends) performing this chant to this email address: fanchant [at] captain-ahab.com by November 30, 2009. You can submit any format you wish, but we prefer to receive 48khz, 24bit aiff or wav files. It’s preferable to send a link to a file than to attach a file directly to an email – but both are acceptable.
See Captain Ahab’s Myspace site for music and video examples, because “There is one God that is Lord over the earth, and one Captain that is lord over the Pequod.—On deck!” (Chapter 109).
I consider this one fine campaign by one utter supportable band to create some expectably fine music, using what online networking can offer, and I specifically encourage you to send your singalong soundfiles to Captain Ahab.
When you are done, please let us know here on Moby-Dick™, too: Internet is about curiosity and knowledge (and cats).
Images: Jim Merson on this is not a cat and some other cuddly sailor from cats we meet on tour;
Sarah Sitkin.
München am Meer VII: Freitagsfisch (Das Achterdeck)
Kaufmännisch vernünftiges Update zu Von Lindau bis zum Fehmarnsund
und Frisches Basilikum:
[Bild groß] Es ging auf das Ende des Tages zu. Plötzlich kam er an der Reling zum Stehen, und indem er sein Knochenbein dort in das Bohrloch steckte und mit einer Hand nach einer Want griff, befahl er Starbuck, jedermann achteraus zu schicken.
[...]
“Was macht ihr, wenn ihr einen Wal seht, Männer?”
“Ihn aussingen!” lautete die unwillkürliche Erwiderung aus einem Dutzend Kehlen im Chor.
“Gut!” rief Ahab mit wildem Beifall in seiner Stimme; die herzhafte Munterkeit bemerkend, in welche sie durch seine unerwartete Frage auf so magnetische Weise hineingeworfen worden waren.
“Und was macht ihr als nächstes, Männer?”
“Wegfieren, und hinterher!”
“Und was für ‘ne Melodie ist’s, zu der ihr pullt, Männer?”
“Wal ist tot oder kaputt das Boot!”
[...]
[Bild groß] “All ihr Toppsgasten habt mich schon zuvor Befehle über einen weißen Wal geben hören. Schaut her! Seht ihr diese spanische Goldunze?” — eine große große glänzende Münze in die Sonne haltend — “das ist ein Sechzehndollarstück, Männer. Seht ihr es? Mr. Starbuck, langt mir mal die Kleidkeule da her.”
Während der Maat den Hammer holte, rieb Ahab, ohne etwas zu sagen, das Goldstück langsam an seine Rockschößen, als wolle er dessen Glanz vermehren, und summte unterdes ohne Worte vor sich hin, dabei solch merkwürdig gedämpfte und unartikulierte Töne hervorbringend, daß es wie das mechanische Summen der Räder seiner Lebenskraft in seinem Innern schien.
Sowie er die Kleidkeule von Starbuck erhalten, trat er auf den Großmast zu mit dem emporgehaltenen Hammer in der einen Hand, wobei er mit der anderen das Goldstück herzeigte und mit hoch erhobener Stimme ausrief: “Wer von euch auch immer mir einen weißhäuptigen Wal sichtet mit runzliger Stirn und schiefem Kiefer; wer von euch auch immer mir jenen weußhäuptigen Wal sichtet mit drei Löchern, steuerbords in seine Schwanzflosse gestochen — paßt auf, wer von euch auch immer mir jenen selbigen weißen Wal sichtet, der soll diese Goldunze kriegen, Jungs!”
“Hurra! hurra!” riefen die Matrosen, als sie mit geschwenkten Ölhüten das Annageln des Goldstücks an den Mast bejubelten.
“Ist ein weißer Wal, sag ich”, nahm Ahab den Faden wieder auf, als er die Kleidkeule hinwarf; “ein weißer Wal. Sperrt die Augen nach ihm auf, Männer; haltet Ausschau nach weißem Wasser; wenn ihr nur eine Blase seht, singt aus.”
[...]
[Bild groß] “Gott segne euch”, schien er halb zu schluchzen und halb zu schreien. “Gott segne euch, Männer. Steward! geh das große Maß Grog holen. Aber was ziehest du für ein langes Gesicht, Mr. Starbuck; wollest du den weißen Wal nicht jagen? keinen Mumm für Moby Dick?”
“Ich hab Mumm genug für seinen schiefen Rachen, und für den Rachen des Todes auch, Kapitän Ahab, wenn es sich bei dem Gewerbe, das wir betreiben, nun mal so ergibt; aber ich kam, um Walen hinterherzujagen, nicht der Rachsucht meines Kommandanten. Wieviel Faß wird dir deine Rache eintragen, selbst wenn du sie kriegst, Kapitän Ahab? sie wird dir auf unserem Nantucketer Markt nicht viel Bares bringen.”
“Nantucketer Markt! Buhu! Doch komm näher, Starbuck; bei dir muß man die Wurzeln was weniges weiter unten ansetzen. Wenn Geld der Maßstab sein soll, Mann, und die Buchhalter ihr großes Kontor, den Globus, ausberechnet haben, indem sie’s mit Guineen umgürten, eine für jeden dritten Teils eines Zolls; dann laß dir sagen, daß meine Rache hier hohe Zinsen bringen wird!”
“Er schlägt sich an die Brust”, flüsterte Stubb, “wozu soll das gut sein? mir scheint, die klingt gewaltig, aber hohl.”
“Rache an einem tumben Tier!” rief Starbuck, “das dich einfach aus blindstem Trieb geschlagen hat! Wahnsinn! Wütend zu sein auf ein tumbes Ding, Kapitän Ahab, ist doch wohl gotteslästerlich.”
[Bild groß] “Hör noch mal her, — die Wurzeln was weniges weiter unten. Alle sichtbaren Dinge, Mann, sind nichts als Pappmasken. Aber bei jedem Ereignis — beim lebendigen Handeln, der unerschrocknen Tat —, da streckt irgendein unbekanntes, aber doch vernunftbegabtes Etwas die Formen seiner Züge hinter der vernunftlosen Maske hervor. Wenn man schlagen will, so schlage durch die Maske! Wie kann der Gefangene je nach außen kommen, wenn er die Mauer nicht durchbrich? Für mich, da ist der weiße Wal nun diese Mauer, dicht an mich herangeschoben. Bisweilen denk ich, es ist nichts dahinter. Doch da ist genug. Er müht mich; er belastet mich; ich seh in ihm entfesselte Kraft, mit einer unergründlichen Arglist, die sie noch verstärkt. Dieses unergründliche Etwas ist’s hauptsächlich, was ich hasse; und sei der weiße Wal das Agens oder sei der weiße Wal der Meister, ich werd diesen Haß an ihm auslassen. Sprich mir nicht von Gotteslästerung, Mann; ich würd die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt. Denn könnt die Sonne dieses tun, dann könnt ich jenes tun; denn hierin steckt auf eine Art stets ein gerechtes Spiel, Eifersucht regiert sämtlich’ Geschöpfe.”
[...]
“Gott behüte mich! — behüt uns alle!” murmelte Starbuck, leise.
Bilder: moby dick, Zenettistraße 11, 80337 München: Seit 1976 Fischlieferant der gehobenen Münchner Gastronomie und Hotellerie: Edelfische, Krustentiere und Muscheln aus fast allen Weltmeeren, Import direkt aus den Ursprungsländern, Spezialitätenforschung nach Auftrag.
Abholmarkt am Münchner Schlachthof hinter dem Wirtshaus im Schlachthof, Mitnahmemarkt über 1200 m², Lieferservice im Großraum München ab Warenwert von 150 Euro frei Haus. Parkplätze vor der Tür, Bus 152, Haltestelle Zenettistraße.
Text: Kapitel XXXVI: Das Achterdeck (Auszüge), Übersetzung Friedhelm Rathjen.
Clips: REAL Whaling 1 and 2: Enactment of a 19th century style whale hunt AND the trying-out of whale blubber. It mixes shots of the film’s cast edited in with footage of actual whaling that was done by whalers of Madeira (Portuguese islands), collected from 1956 John Huston Moby Dick film and provided by the incredible Hulton Clint.
Märchenstunde morgen (heute nicht)
Update zu Zu schusslig für die Metadaten, aber am Copyright-Symposium La Paloma pfeifen
und Absurd and Nonprofit:
Einer der größten Buchhändler Deutschlands verbreitet ungescholten: “Zwei Sachen konnte ich mir nicht vorstellen, Bücher und Süßwaren”. So konnte es geschehen, dass einer der nationalen Buchhandelsriesen Thalia eigentlich kein Buchladen, sondern zutreffender gesehen Teil der Parfümeriekette Douglas ist — zusammen mit bol.de und buecher.de.
Vermutlich ist es sogar politisch so gewollt, dass sich nicht mal mehr der interessierte Bürger merken kann, ob gerade vorgestern ProSieben die Deutsche Bahn aufgekauft oder Nestlé mit General Motors fusioniert hat oder umgekehrt, mir doch wurscht; für eine gesunde Paranoia reicht es zu wissen, dass praktisch alle Verlage und Buchhandlungen unter den Dächern von Bertelsmann, somit Random House, oder Holtzbrinck zusammenlaufen — falls die nicht inzwischen alle miteinander Gerhard Schröder oder einem Dubaier Scheich gehören, das müsste mir dann genauso wurscht sein und Ihnen bestimmt auch. Spätestens seit selbst Oberchecker Harry Rowohlt uns vorgerechnet hat, wie er einst als Springer-Gegner eingeschlafen und als Springer-Autor aufgewacht ist, ignoriere ich zu meinem Seelenheil alle Elefantenhochzeiten, das belastet nur mein Kleinsparer-CPU.
Eine der guten Seiten der grassierenden Buchmesse zu Frankfurt: Ein paar Tage muss in den Zeitungen was über Bücher stehen. Da hat Birk Meinhardt für die Süddeutsche Zeitung vom 14. Oktober 2009 den vorbildhaften Artikel An der Kette recherchiert und ausgesprochen mutig geschrieben, und wieder gibt’s keinen Journalistenpreis dafür, weil er online nur im unheilbehafeten jetzt.de stand und seither im Süddeutsche-Archiv zwei Euro kostet. Mich freut auch die darunter entstandene Diskussion, für die sich offensichtlich eigens neue User registriert haben, um Stichhaltiges beizusteuern. Solange man die Pro- und Contraseiten so ungefiltert nebeneinander stehen sieht, muss man beiden ihre Berechtigung zugestehen. Ich wäre selber gern auf der Seite inhabergeführter Kuschelläden. Aber.
Die wirklich überraschende und erfreuliche Information aus den Kommentaren: Manche der kleinen Kuschelanten machen mit ausgewähltem Sortiment und sinnvollem Marketing einen besseren Schnitt als der konkurrierende Thalia am Ort. Müsste “man” nicht trotzdem den Hugendubel am Marienplatz böse finden, ein paar Kilometer weiter: die Mayersche und eben Thalia? Und wenn der Büchermoloch dicht macht — eröffnen dann die ganzen zur Wahrnehmung alternativer Karrierechancen unbefristet freigestellten Mitarbeiter hehre Stätten der Hochliteratur, singen das Gaudeamus und florieren und erneuern das Volk der Dichter und Denker? Und selbst wenn — wollte “man” das? Und hat man nicht gerade in den Abteilungen der Rolltreppenbuchhandlungen schon begeisterte und begeisternd engagierte bis sympathisch krautsköpfige Buchhändlertypen angetroffen, in den ums Überleben rudernden Schreibwarenklitschen, die mal ein Buchladen werden wollten, hingegen desillusionierte Misanthropen, der Herrgott sei ihrer Rente gnädig?
Das, was ich anstatt eines Herrgotts habe, bewahre mich davor, Handyverträge bei Kaffeesiedereien abzuschließen — aber welche Bank kann bitte mit Geld umgehen? Muss sich dann mein Buchhändler noch darum scheren, ob in seinem Merchandise überhaupt irgendwas drinsteht? Beschaffen soll er sie, und zwar spätestens über Nacht, und das funktioniert im deutschen System der Barsortimenter sehr ordentlich, last time I tried.
Das ist ein langer Artikel, hoffentlich können heute die Leser wenigstens lesen. — Noch einer? Auch die Seite der Armut findet derzeit in den Feuilletons ihre Poesie. Kirsten Küppers und Dirk Knipphals für die taz vom 10. Oktober 2009: Schuften fürs Zauberbuch.
Nämlich für die erste vollständige deutsche Übersetzung von Walt Whitmans Leaves of Grass, Grasblätter (für 39,90 lächerlich billig).
Man vergegenwärtigt sich so selten, welcher wünschbare Grundbestand an Büchern eigentlich noch oder schon greifbar ist — und von allein wäre mir in Jahren nicht aufgefallen, dass eine Übersetzung von Herman Melvilles New Yorker Nachbarn und Jahrgangsvetter Walt Whitman schlichtweg fehlt. Bis Anfang September. Und wie steinig der Weg dorthin war, hat sehr wohl mit dem ersten Artikel von oben zu tun. Es ist ein ergreifendes, bestürzend wahres Märchen über einen, von dem ergebnisorientierte Schnelldreher-Dealer unmittelbar leben. Dabei handelt er noch über Hanser, einen der aufrechten Inhaberverlage auf der guten Seite. Sie werden weinen beim Lesen, und wenn nicht, schenk ich dem ersten, der sich das einzugestehen traut, ein Buch der Lieder von Heine.
Wehrlose fordern: Weg mit Hartz IV, Verantwortliche tun wie geheißen; Bildungshungrige rufen nach Büchern, Geldhungrige liefern wie bestellt; am Ende kläffen sich alle gegenseitig in berechtigtem Zorn an, weil als einzig auszumachender Verantwortlicher nur “der Zeitgeist” bleibt.
Aber ich bin zynisch, oder was?
Schnelldreher: Tuani, 31. Juli 2009;
Wasser bis zum Hals: meadon: Reading in the Waves, 10. Januar 2008.
Er bläst wieder (und wieder)
Update zu John Huston hat doch Recht:
Das hat 2006 jemand versäumt: zum 50. Jahrestag der Moby-Dick-Verfilmung von John Huston — das ist die mit Gregory Peck, die Sie als Kind so beeindruckt hat — wenigstens so weit zu restaurieren, dass auf der DVD das ganze Breitwandbild zu sehen ist und nicht immer nur der Ausschnit in der Mitte. Und jetzt das:
Drehstart für TV-Event “Moby Dick”
“Moby Dick”, die Fernsehverfilmung des Klassikers mit Gregory Peck, wird bei RTL zu sehen sein. Wie die Tele München Gruppe nun mitteilte, realisiert sie die Neuverfilmung des gleichnamigen Literaturwerkes gemeinsam mit dem Kölner Privatsender, dem ORF und dem US-amerikanischen Produktionsunternehmen RHI sowie weiteren Co-Partnern. Die Hauptrolle übernimmt Oscar-Preisträger William Hurt (“8 Blickwinkel”, “A History of Violence”), der den einbeinigen, vom Wahn getriebenen Kapitän Ahab verkörpert. An seiner Seite spielt Ethan Hawke (oscarnominiert für “Before Sunset” und “Training Day”) den 1. Offizier Starbuck, der es als einziges Besatzungsmitglied wagt, sich Kapitän Ahab entgegenzustellen. Die Dreharbeiten unter der Regie von Mike Barker (“Der Seewolf”), die, laut Mitteilung, mit einem Gesamtbudget von 18,4 Millionen Euro als bisher aufwendigste Produktion in der 40-jährigen Geschichte der Tele München Gruppe gelten, werden ab Mitte September in Lunenburg, Kanada, und auf Malta stattfinden. Geplant seien “spektakuläre Szenen auf hoher See und State of the Art CGI-Animationen”. Den Zuschlag für die Ausstrahlung des Event-Zweiteilers erhielt der Fernsehsender RTL, die Fertigstellung ist für Herbst 2010 geplant.
teleschau/der Mediendienst via Nordsee-Zeitung.
München am Meer (danke, Lara!): Mit einem Aufwand wie noch nie mal wieder die Actionstellen rausziehen und William Hurt einen 3D-animierten Wal beschimpfen lassen, um Aufmerksamkeit zu schaffen für die großen Brüder. Das griechisch-tragische Aufbegehren der Sohnfigur ist mit Ethan Hawke besetzt, dem Hübschling für Abiturientinnen, Mädchen müsste man leider ganz schön reinschreiben, aber ist eigentlich irgendwo die Rede von dem langweiligen Ismael? Man wünscht der Unternehmung ja nur das allerbeste Gelingen, sonst klage. Hoffentlich werden sie rechtzeitig bis Herbst 2010 fertig, denn vermutlich zum 160. Jahrestag der Buchvorlage 2011 lässt sich Hollywood seinerseits nicht lumpen:
Bekmambetov to direct ‘Moby Dick’
Universal Pictures has made a splashy preemptive buy of “Moby Dick,” a reimagining of the Herman Melville whale tale that Timur Bekmambetov (“Wanted”) will direct.
Studio paid high six figures to Adam Cooper and Bill Collage to pen the screenplay.
The writers revere Melville’s original text, but their graphic novel-style version will change the structure. Gone is the first-person narration by the young seaman Ishmael, who observes how Ahab’s obsession with killing the great white whale overwhelms his good judgment as captain.
This change will allow them to depict the whale’s decimation of other ships prior to its encounter with Ahab’s Pequod, and Ahab will be depicted more as a charismatic leader than a brooding obsessive.
“Our vision isn’t your grandfather’s ‘Moby Dick,’ ” Cooper said. “This is an opportunity to take a timeless classic and capitalize on the advances in visual effects to tell what at its core is an action-adventure revenge story.”
Scott Stuber is producing with Jim Lemley and Cormac and Marianne Wibberley.
Both Stuber and Bekmambetov have deals at Universal. Bekmambetov will look to apply the visual flourish he displayed on the U summer hit “Wanted.”
“We wanted to take a graphic novel sensibility to a classic narrative,” said Collage. They brought it to the Wibberlys, the “National Treasure” scribes who are branching into producing and will team with Stuber. The project then caught the fancy of Bekmambetov and Lemley, who teamed with the helmer on “Wanted.”
Bekmambetov is developing a sequel to the Angelina Jolie starrer and is also mobilizing and producing a slate of modestly budgeted Russian-language films for Universal’s offshore distribution operations.
Cooper and Collage received credit on the comedy “Accepted” and more recently did rewrite work on the untitled Trump Heist movie, the Tom Bezucha-directed “The People’s House” and the McG-helmed “Nightcrawlers.”
WMA made the deal and repped the scribes, Bekmambetov and the Wibberleys.
Michael Fleming: Bekmambetov to direct ‘Moby Dick’.
Universal steers reimagining of Melville classic,
Variety, 22. September 2008.
Also mal schluss mit dem kulturzickigen Gemaule — Melville kriegt auf einmal richtig Konjunktur; nicht nur in Gestalt von ein paar gelehrten Übersetzungsspielereien, sondern für spaßhungrige Leistungsträger. Dating couples in Spendierlaune und wild entschlossen, Lust zu empfinden. Bigtime, on the big screen. Mit PR-Aufwand, aber mal richtig. Weil Melvilleana modern sind und nicht modernd, und the writers reveren sogar Melville’s original text mit graphic novel-style. Ist doch schön.
Insiderwissen: Der Bootsbau für die amerikanische Version stammt von den Jungs bei Norseboat, also unter Beteiligung von David von Never Sea Land. Der Mann findet mit Liebe und Sachverstand regelmäßig die tollsten Mermaids aus dem Kunstschaffen aller Stile und Epochen, der kann sicher auch die richtigen Traditional Boat Replicas von Walfängern samt Beibooten.
Ein deutscher Zweiteiler aus neuen Macs und ein russisch gesteuerter Blockbuster mit schönen Schiffchen. Mehr Vorankündigung gucken:
- Alex Billington: What The? Timur Bekmambetov Directing Moby Dick!, 22. September 2008;
- The ARTISTdirect Staff: Moby Dick Remake in the Works. The Great White Whale returns, 1. Oktober 2008.
Und wann gibt’s jetzt den 1956er Film als diskutable DVD, miau?
Vorerst keine Filmbilder: Norseboat.
Die Eltern ums Aufbleiben anbetteln und dann vorm Fernseher einschlafen (zu schusslig für die Metadaten, aber am Copyright-Symposium La Paloma pfeifen)
Update zu Making Books und Irgendwas mit Büchern:
Sigmund Freud und Katherine Jones haben 1939 ein Sachbuch veröffentlicht, in dem die Funktionsweise der Internet-Software Mosaic Navigator erläutert wird. “Madame Bovary” ist nicht von Gustave Flaubert, sondern von Henry James. Nicht Jean Paul schrieb den “Titan”, sondern Hermann Hesse. Daniel Defoes “Robinson Crusoe” gehört in die Abteilung “Hobby und Handwerk” und Stephen Kings “Christine” erschien bereits 1899, genauso wie Robert Sheltons Biographie des Rockpoeten Bob Dylan — groteske Beispiele aus Googles Buchsuche. Während Debatten darüber geführt werden, welche Bücher der Internetkonzern zu welchen Konditionen einscannen und im Internet anzeigen darf, wird eine andere Frage vernachlässigt: Die nach der Qualität der Mega-Datenbank.
[...]
Dass viele Werke in völlig falsche oder unsinnige Kategorien eingeordnet werden, liegt Nunberg zufolge daran, dass Google die Kategorisierung der Verlage übernommen hat. Diese dient aber bloß dazu, dass die Bücher vom Handel in die richtigen Regale einsortiert werden. Wo kein Verlag eine Einordnung liefert, versucht Google sie aus den Metadaten zu gewinnen — mit oft haarsträubenden Ergebnissen. Eine Ausgabe von Herman Melvilles “Moby Dick” beispielsweise firmiert unter der Rubrik Computer. Google, so fasst es der amerikanische Sprachwissenschaftler zusammen, habe “einige der größten Wissenssammlungen erhalten und sie zurückgegeben in Form eines Buchladens in einem Vorstadt-Einkaufszentrum”.
Helmut Martin-Jung: Ahnungsloses Gefummel, in: Süddeutsche Zeitung, 9. September 2009.
Originalaufsatz: Geoffrey Nunberg: Google’s Book Search: A Disaster for Scholars in: The Chronicle of Higher Education, 31. August 2009:
An edition of Moby Dick is labeled Computers; The Cat Lover’s Book of Fascinating Facts falls under Technology & Engineering. And a catalog of copyright entries from the Library of Congress is listed under Drama (for a moment I wondered if maybe that one was just Google’s little joke).
Schussel Books: Gil Elvgren: Rare Edition/Hold Everything, 1962.
Das Ende des Pützpatzers
Update zu 8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails.
Jürgen sagt:
Was mich daran erinnert, dass die Rathjen-Übersetzung im Juli ja im Taschenbuch kommt – und dann als kostenloses Lese-Exemplar auch ins Haus Wolf geliefert werden soll. Jedenfalls hat mir das die Dame vom Fischer-Verlag zugesagt… (Und ich hab’ ihr im Gegenzug eine Besprechung auf Moby-Dick™ zugesagt…)
Und Wolf darauf:
Ich krieg ein Leseexemplar? Hui, wow, wie find ich denn das… Fortgeschritten klasse find ich das ja. Besprechung zugesagt heißt, dass du sie schreibst? .ò)
Dieser Tage erfuhr auch ich durch eine ebenso überraschende wie überraschend gewichtige Post, mit welchem Wort ich ausnahmsweise Post meine, dass Jürgen schon am 28. Februar an Frau Ursula Kracht vom Fischer Verlag gemailt hat:
Hallo Frau Kracht,
mein Name ist Jürgen [Jessebird], ich arbeite in der Buchhandlung [Dings] in [Bums]. Mit großer Freude habe ich gesehen, dass Fischer im Sommer in seiner wunderschönen Klassiker-Reihe endlich auch den “Moby-Dick” bringt, noch dazu in der besten aller Übersetzungen: der von Friedhelm Rathjen. Ich habe Herrn [Buchhandelsvertreter] hoffentlich lange genug bearbeitet, so dass er wenigstens ein oder zwei Exemplare vorbestellt hat…?
Und dazu habe ich folgende Idee: Ich schreibe mit an einem Web-Projekt namens “Moby-Dick™” (unter ismaels.wordpress.com). Da lesen ein paar seltsame Gestalten den “Moby-Dick” und schreiben darüber. Wenn Sie eine bestimmt originelle Online-Besprechung der Fischer-Ausgabe haben möchten, dann senden Sie doch unserem Webmaster, Wolf Gräbel, eine Lese-Exemplar!
[Lieferadresse für wohlwollende Zuwendungen]
Der würde sich bestimmt freuen und seiner Freude auch Luft machen! Und dann könnte ich auch herausfinden, ob der “Pützpatzer”, der in der Ausgabe von Zweitausendeins drinsteckt, in dieser Ausgabe “behoben” ist… (Details unter http://planet9.wordpress.com/2008/01/10/moby-dick-ubersetzung-die-losung)
Schöne Grüße aus [Bums]!
[Unterschrift und Adresse für noch mehr wohlwollende Zuwendungen]
“Da lesen ein paar seltsame Gestalten den ‘Moby-Dick’ und schreiben darüber.” Herrschaften, was hab ich schon daran herumformuliert, wer hier eigentlich was tut, und so einfach wär’s gewesen. Die großen Wahrheiten sind ja immer die ganz einfachen (E=mc²). Also sagen wir es so schlicht wie möglich:
Das Leseexemplar ist da. Danke, Frau Kracht (verwandt?); danke, Jürgen!
Und das Spannendste: Der erwähnte Pützpatzer (cit. Rathjen/Jessebird, 2008) ist tatsächlich behoben. Es heißt jetzt in Kapitel 78: Zisterne und Pützen:
Ob’s nun so war, daß Tashtego, jener wilde Indianer, so unachtsam und leichtsinnig gewesen, für einen Augenblick seinen einhändigen Halt an den großen vertäuten Taljen, die den Kopf hielten, fahrenzulassen; oder ob der Platz, wo er stand, so trügerisch und schlickig; oder ob der Leibhaftige persönlich es gewollt, daß es so ausfalle, ohne seine besonderen Gründe dafür anzugeben; wie’s genau geschah, das läßt sich nicht mehr sagen; doch ganz urplötzlich, als die achtzigste oder neunzigste Pütz schlürfend hochkam — mein Gott! der arme Tashtego — der stürzte wie der entsprechend gegenläufige Zwillingseimer bei einem richtigen Brunnen kopfüber in dieses große Heidelburgher Faß hinunter und entschwand mit einem fürchterlichen öligen Gurgeln spurlos allen Blicken!
So steht
Whether it was that Tashtego, that wild Indian, was so heedless and reckless as to let go for a moment his one-handed hold on the great cabled tackles suspending the head; or whether the place where he stood was so treacherous and oozy; or whether the Evil One himself would have it to fall out so, without stating his particular reasons; how it was exactly, there is no telling now; but, on a sudden, as the eightieth or ninetieth bucket came suckingly up—my God! poor Tashtego—like the twin reciprocating bucket in a veritable well, dropped head-foremost down into this great Tun of Heidelburgh, and with a horrible oily gurgling, went clean out of sight!
korrekt übersetzt in der neuen Ausgabe von Moby-Dick bei Fischer Klassik in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen, Juli 2009, auf Seite 508. In den Hardcovers bei Zweitausendeins und mare stand noch auf Seite 484: “die achte oder neunte Pütz”. Das ist ein Übersetzungsfehler in einem minder schweren Fall (das “Heidelburgher Faß” hingegen ist keiner, vielmehr ein angemessen übertragener Melvillismus), der Herrn Rathjen nur unterlaufen konnte, weil er seine Übersetzungen unerschrocken gleich zweimal schreibt: das erste Mal von Hand; und da in einer reichlich doktoralen Handschrift. Jürgen hat’s gemerkt, Rathjen hat’s eingeräumt, ein Lektor bei Fischer hat’s verbessert. Sag noch einer, Weblogs hätten keine Macht.
Das Fischer-Taschenbuch enthält naturgemäß den gleichen Text wie das mare-Hardcover, das uns als Rathjen-Referenz maßgeblich bleiben soll. Denn das Taschenbuch enthält nicht: die bei mare zugehörige vollständige Einlesung von Christian Brückner, was auch denkbar unverschämt zu verlangen wäre — vor allem aber enthält es nicht die Illustrationen von Rockwell Kent. Bei fortschreitendem Lesen gewinnt die Übersetzung von Rathjen immer mehr gegenüber der von Matthias Jendis, die “nur” eine tiefgreifende Bearbeitung der Rathjenschen ist. Das bedeutet vor allem: Hardcover und Taschenbuch sind nicht seitengleich, was das Zitieren nicht gerade vereinfacht.
Die Verdienste der mare-Ausgabe sind ja ebendiese Brückner-Einlesung, nach der man unfehlbar noch lange diese verwegene, sensibel kratzige, blitzsauber dosierte Seebärenstimme mithören wird, und ebendiese Rockwell-Illustrationen, bei denen man ganz überrascht ist zu erfahren, dass sie darin erstmals in einer deutschen Moby-Dick-Ausgabe versammelt sind. Das Fischer-Taschenbuch behält bei: viele — nicht alle — begleitenden historischen Primärtexte aus dem Anhang von mare. Im einzelnen:
- Owen Chase: Bericht vom Schiffbruch des Walfängers Essex;
- Herman Melville: Notizen zum Bericht von Owen Chase;
- Jeremiah Reynolds: Mocha Dick; oder der Weiße Wal des Pazifiks;
- Herman Melville: Skizzen einer Walreise.
Immerhin: Der Mocha Dick von Jeremiah Reynolds gilt immer noch als wunder was für eine Rarität, dabei steht er seit Jahren leicht greifbar ungekürzt übersetzt bei Hugendubel rum, dank Herrn Rathjen und Kollaborateuren — allen voran Norbert Wehr; jetzt sogar als Taschenbuch, es gibt also keine Ausrede mehr. Das alles und noch mehr wurde 2001 von Rathjen für die Originalausgabe bei Zweitausendeins übersetzt. Ferner den gerade für Fachkollegen rasend interessanten Übersetzerbericht vom selben — dann noch Melvilles tabellarischen Lebenslauf, unterschiedlich von dem in der Auswahlausgabe bei Hanser und nicht in den Hardcover-Vorgängern — sowie, ebenfalls nicht in denselben und wie in den Fischer-Klassik-Ausgaben üblich, den Artikel zu Moby-Dick aus Kindlers Literaturlexikon, 3., völlig neu bearbeitete Auflage 2009 — übrigens von Klaus Ensslen und Daniel Göske, dem Herausgeber der Jendisschen Konkurrenzübersetzung bei Hanser.
Faustregel für Buchhändler-Azubis: Hanser-Hardcovers werden btb-Taschenbücher, mare-Hardcovers werden Fischer-Taschenbücher. So auch bei den beiden konkurrierenden Moby-Dick. Der Vorteil an Hanser-btb-Lizenzen: Sie bleiben seitengleich. Das bleiben die mare-Fischer-Migrationen normalerweise auch, nur hier hat’s weder für die Rockwell-Illus noch den Rest des Anhangs gereicht. Schade, das ist ein Verlust. Gerade der Rathjen taugt jedoch, so ohne die teilweise diskutierwürdigen Verbesserungen von Jendis, als Schnellvergleich, was bei Melville wirklich steht. Und dazu ist das Taschenbuch wirklich gut: als Arbeitsgerät. Auch wenn ich weiterhin so frei sein werde, mein feudales mare-Hardcover mit Bleistiftgeschmier zu verunzieren, kommt es bei dem Fischer nicht so drauf an. Rathjen und Jendis bleiben weiter Kopf an Kopf mit eher graduellen als kategorialen Qualitätsunterschieden, als K.o.-Argument zugunsten Rathjen bleibt bestimmt wieder übrig: Er kostet 12,50 Euro statt 13.
Ich finde selber nicht, dass man Kultur von 50 Cent abhängig machen sollte. Wovon sonst, weiß ich allerdings auch nicht.
Die Rathjen-Übersetzung als:
- Originalausgabe bei Zweitausendeins;
- erweiterte Lizenzausgabe bei mare;
- Taschenbuch bei Fischer Klassik;
- bei Fischer Klassik.
War das jetzt die von Jürgen versprochene “originelle Online-Besprechung”? Da schenkt man in Dreier-Teamwork einer seltsamen Gestalt einen nagelneuen 928-Seiten-Oschi, an dem fast noch die Druckerschwärze verwischt, und er schreibt darüber mäkelige Fremdvergleiche. Allerdings wette ich meinen nahezu melvilleanischen Seemansrauscheflauschebart, dass das gute Stück noch häufige Erwähnung finden wird. Nein, echt, ungelogen, uneingeschränkt, unbenommen: Ist schon ein tolles Buch. Kaufen.
Lustige Bilder: La Petite Twinkie: Concentrate, 20. April 2008, und Tick-tock, 12. März 2009;
Indigo Vapour: Cosy Sarah, 11. Februar 2007, mit dem Zeug zum Lieblingsbild.
Ernsthaftes Bild (größer als bei Amazon wird’s nicht): Fischer Klassik, Juli 2009.
Save my soul but bring your toys
Schon wieder ein Update zu Country Mermaid
(und nebenbei zu And it will be the last thing I do):
(Muss leider sein, außerdem wird’s nach unten zu spannender.)
Die Geschichte fängt an, wie seit den aristotelischen Poetiken des Barocks keine Geschichten mehr anfangen sollten: Ich lag im Bett und wachte mit einer Textschleife im Ohr auf. Wahrscheinlich schwebte ich sogar im dramaturgisch hilfreichen Ausnahmezustand eines Urlaubs, in dem man sich auf den Haupthandlungsstrang beschränken kann.
In groben Zügen hörte sich der Text schon so an, wie der aufmerksame, treue Moby-Dick™-Leser ihn kennt. Zur Erinnerung:
R.: Cowgirl is yearning
Mermaid is burning
Cowgirl is dreaming
Mermaid is screaming.1. Cowgirl went the stormy sea to look
Mermaid showed her how the country shook
Cowgirl tried a big ship out without her shoes
Mermaid can’t take boots on but she even got the blues. — R.2. Cowgirl called the winds and gave no damn two cities drowned
Mermaid watched her heart break, as the third one died she frowned
Cowgirl rode the whale and watered the electric bull
Mermaid can’t take step by step to unbreak the rule. — R.3. Cowgirl pushed three buttons and the sirens all went on
Mermaid pulled the sailors down their boats now three are gone
Cowgirl shot the sirens out but only hit the boys
Mermaid Mermaid save my soul but bring your toys. — R.
Der Trick daran ist: Ich will nicht entscheiden müssen, ob es darin um ein oder zwei Mädchen geht. Von mir aus sehen Sie’s als zwei Seelen, ach, in einer Brust oder zwei widerstrebende Mächte, denen die Jungs auf dem Meer ausgesetzt sind. Und hey, das Meer symbolisiert so ziemlich alles, oder was haben wir bei Melville gelernt?
Auf jeden Fall sind es ein oder zwei sehr reizvolle Mädchen — Cowgirls, Seejungfrauen, Sirenen und wie solche Grenzgängerinnen zwischen den Elementen alle heißen blicken auf eine enorme Fanbasis herab. Schon wenn man sie im banalen Leben antrifft, erkennt man ihre mythische Dimension; mich wundert niemand, der von ihnen gebeutelt wird. Für diese Country Mermaid(s) stelle ich mir jemanden zwischen Idgie Threadgoode und Amelia Earhart (nicht identisch mit Elli Pirelli) vor, womöglich, ich wette was, auch noch mit roten Haaren. Solche sind hinreißend und machen einen fertig. Der Text ist demnach in seinem Surrealismus höchst lebensnah.
Ein mythischer Text mit dem Zeug zum Volkslied also. Erst mal in den Weblog damit, dann kann man’s vorzeigen. In den Monaten, seit ich das Ding geschrieben hab, gab es Anwandlungen, da wollte ich nicht mal der Urheber davon sein. Dergleichen wächst auf den Bäumen, wabert in der Luft, lauert als Nährstoff im Essen (meistens in Bier) und manifestiert sich nur durch jemanden. Volkslieder haben keinen Urheber, außer juristisch vielleicht. Das macht es zum Folk Song, was ein bisschen anders definiert ist als das deutsche Konzept vom Volkslied, aber nahe dran.
Und sobald die ersten vergleichenden Exegeten ankommen, um vorzurechnen, dass Ladyhawke genau die selben Reimwörter für den Refrain auf Paris is Burning verwendet hat, will ich mich noch nicht mal auf Kryptomnesie hinausreden — sondern darauf hingewiesen haben, dass es um andere Themen und vor allem eine grundlegend andere Musik geht. Im Marketing sagt man: Das kannibalisiert sich nicht. Als ich oben, anfangs der Geschichte, mit der Textschleife im Ohr aufwachte, mag das Radio gelaufen sein, vielleicht hat sogar der Zündfunk Ladyhawke gespielt. Vor erstaunlich wenigen Jahrhunderten lebten mehrere literarische Genres davon, dass sich, o Wunder, Herz auf Schmerz reimt, da ist Yearning auf Burning noch lange nicht ausgereizt.
Näher besehen ist der Vierklang aus Yearning/Burning/Dreaming/Screaming sogar überraschend tragfähig: zwei defensive und zwei aktive Wörter, je eins aus jedem Reimpaar — die in dieser Reihenfolge geradezu alleinstehend eine Geschichte konstituieren. Das funktioniert in der Reihenfolge 1–3–2–4 ebenso logisch wie in 1–2–3–4, liegt sauber geflochten wie ein Zopf vor uns und trägt offenbar die Wahrheit selbst in sich. Wünschen wir Ladyhawke, dass wenigstens sie da selbst drauf gekommen ist.
Das ist der Refrain. Die drei Strophen fackeln eine atmosphärisch stimmige Geschichte ab, die dem Cowgirl nautische und der Mermaid erdverbundene Merkmale zuweist — so ist das gedacht. Das Mädchen, das zwei ist, richtet aus Neugier, aus Mangel an Vorsicht und Sorgfalt, vielleicht auch aus blankem Mutwillen, ihre Jungs zugrunde. Ihr Schiff kentert, zwei Städte versinken, so sind die nämlich. Drunter mach ich’s nicht.
Alles in diesem Lied ist 2, wenn nicht gar 2×2, wobei die Paarungen eher entzweit denn gebildet werden — alles voller Melvilleanischer Ambiguitäten, Dialektik und — typisch Mermaid: Widerspruch. Den What about Carson bin ich deshalb dankbar, dass sie auf diesen anthrazitfarbenen Text eine übermütig gut gelaunte Melodie gebastelt haben — so konterkarierend macht sie das Gebilde plastischer als mit redundantem Runterziehen. Text und Musik bilden das einzige Paar des Liedes, und das kabbelt mitsammen. Und es ist das, von dem man am meisten hat, so als Zuhörer. Toller Job, die Herrschaften Carson.
Auf Textverbesserungen werde ich aufmerksam und freundlich hören. Co-songwriting, anyone?
Die Illustration Remix hat Paperboatcaptain nach einem E-Maildialog aus dem Untertitel Melvilleanean Country Mermaid Heartbeat Remix gebaut. Mir entfällt, wie das im Oktober bis November 2008 zeitlich ineinandergreift, und was Paperboatcaptains Inspiration dabei war. Meiner Erinnerung nach hat sie zugängliche Momente und kann von interessierten Leuten sicher in einer Wortwahl, die ihr zusagt, danach gefragt werden.
Überhaupt der Untertitel: Die englische Wortbildung und Syntax gehen hier ineinander über und bilden je nach der Lesart, in der man Adjektive von Substantiven unterscheidet, eine andere Semantik (got it…?): Ist es ein Country Mermaid Heartbeat Remix, der Melvilleanean aussieht? ein Mermaid Heartbeat Remix aus einem Melvilleanean Country? oder doch der Heartbeat Remix einer Melvilleanean Country Mermaid? Englischlehrer, you tell me.
Ein zufriedenstellender Text, der bildgebend Verfahrende zu sehr ordentlichen Collagen inspiriert — zu schade, um ihn tonlos in einem Weblog vergammeln zu lassen. Für die Vertonung wünschte ich mir jemanden, der mindestens Country kann, Seemannslieder wären vermessen gewesen: Für sowas waren immer nur Shantychöre zuständig, die nach Heidi Kabel klingen, was sich erst im jüngeren Independent-Geschehen gebessert hat. Es fällt tatsächlich auf: Seit wir paar durchgeknallten Kulturnerds Moby-Dick™ betreiben, versteht sich plötzlich noch jemand anders als Freddy Quinn auf Seemannsromantik. Was dabei Ursache und Wirkung ist, will ich gar nicht so genau wissen.
Was machen eigentlich Carson Sage and the Black Riders? Von denen war ich im ausgehenden 20. Jahrhundert mal sehr angetan — für ein zahlendes Mitglied bei Radio Z und bekennenden Hörer des Erlangener Radio Downtown, es ruhe in Frieden, waren die mal schwer zu überhören. Die verstanden sich als erste Folkpunkband Deutschlands, und in die Sängerin Edda war damals über Nacht halb Franken verliebt, als sie auf den Regionalcharts mit ihrer Gebirgsbachstimme Garten Mother’s Lullabye trällerte. Ein Seemannslied hatten die auch, schon 1993: eine energische Version von Sally Brown. Letzte CD leider schon von 1995, aber klasse war die, für mich war die nie alt oder gar weg. Herrschaften, die wären’s.
Und siehe, als ob man drauf gewartet hätte, covern die sich seit 2007 selber als What about Carson. In leicht gewechselter Besetzung, aber die Verliebestimme — who the heck is Lucinda Williams? — und das charmante Gerotze sind immer noch da.
Edda, in jeder, auch öffentlichkeitsbetreuender Hinsicht, die Stimme der Kapelle, konnte sich mit dem Text anfreunden, und was soll man sagen: Country Mermaid hatte am 2. Mai 2009 in der Bamberger Blues Bar (kenn ich nicht, klingt aber ganz lustig) Uraufführung. Den ganzen Terz mit der Übermittlung von Vorabversionen aus den Bandproben — die Ärmsten arbeiten ja noch mit MiniDisc, was weder der Mixer noch der Roadie aus meiner Nachbarschaft nachvollziehen können — soll man erheiternd und belehrend auffassen. Ein Probenmitschnitt mit dem Handy klang wie durch zwei Türen aus der Besenkammer, dafür stehe ich heute in stolzem Besitz einer tollen, kaum je gebrauchten MiniDisc. Das Wichtige ist: Es hat Ohrwurmqualität und der Band gefällt’s.
Die Uraufführung hab ich verpasst, die zweiten Aufführungen werden aber erfahrungsgemäß sowieso immer die besseren — und die Sänger sind textfest geworden und verteilen die Silben geläufiger auf die Melodie, gell, Edda? Also eine Woche später auf zum Brauereifest des Schanzenbräu — abermals verwirrender Weise nicht auf dem Gelände der Brauerei zu Gostenhof, sondern auf dem der Nürnberger AEG, Halle 50. Das Bier soll laut Edda das beste Nürnbergs sein, was sich meiner lückenhaften Kenntnis des Expat entzieht, weil es das Zeug zu meiner Nürnberger Zeit noch nicht gab — was man aber allein daran erkennt, dass der Saitenhengst Linus neuerdings über dem Bräu wohnt: basisdemokratisches Indiebier für basisdemokratische Indiebands.
Wie’s war? — Schwer zu finden. Man konnte sich an ein paar anderen Versprengten orientieren, die aussahen, als ob sie dringend auf ein Brauereifest strebten, einer von ihnen kannte die Handynummer des Bruders vom Veranstalter und konnte uns fernlotsen lassen. Außerdem: der Parkplatz voller Oldsmobile, von denen die mitgeführte Wölfin begeisterter war als von der lauten Musik, die keiner versteht, Ford Thunderbirds, Pontiac Sunbirds, tiefergelegte Chevrolet Pickups und in welche Überbleibsel der Sechziger man sein Geld noch so reinhängen kann. Schwer, über die entspannten Beine der dazwischen lagernden Punks einen Weg zu finden, irgendwo dröhnte Musik. Das Lied erkannte ich: die letzte Strophe Country Mermaid. Pünktlich zum Schlussakkord (G7, glaub ich) stand ich vor der Bühne.
Edda schwitzte vor Hitze, Begeisterung und Schanzenbräu Rot und rief: “Ist vielleicht der Wolf da?”
Himmel, die meint mich. Ich winkte. Die Band winkte zurück. “Welcome, Mr. Melville!” rief Edda noch, dann spielten sie Red is the Rose mit einem hinreißend zweistimmig a cappella zusammengeschnulzten Intro und den alten Lyrics-Killer Heather on the Moor und noch eins und eins, das ich gar nicht kannte.
Und dann mussten sie räumen, hinterher wollten Smokestack Lightning rauf, schließlich waren die auf dem Event-Flyer am größten gedruckt. Jemand erbarmte sich und verlangte nach “Zugabe!”
Meine Stunde — in der sich endlich mal der Archos AV400 von 2004 bezahlt machte. Außer Backups behalten kann der nämlich auch Tonaufnahmen. Klingt fast so gut wie das bandeigene Handy (vielleicht sogar wie eine MiniDisc) mit dem Vorteil, dass man die Sounddateien, die drin sind, auch wieder rauskriegt. Und meinen Enkeln kann ich jetzt erzählen: Die Leute haben dazu getanzt.
Hinterher musste es schnell gehen, Pouty und Linus fingen eilig mit dem Abbauen an, kaum dass Edda den Sprung ins Publikum zu mir runter tun konnte. So hab ich sie aufgekratzt und euphorisch vom Spielen gekriegt — und ein hinreißend herzlich freundliches (und verschwitztes) großes Mädchen erlebt. Das Gegenteil von einer Zicke. Die Gebirgsbachstimme wohnt in einem Pfundshaus.
Gleich darauf deckte sich Getümmel darüber. Die Bandjungs riefen Edda zu sich, nach hinten raus die Schießbude verräumen, schnellschnell, wir kriegen alle nix geschenkt. “Ich komm gleich wieder!” versprach Edda noch, was die Wölfin dazu benutzte, mich am Hemdzipfel zu ziehen, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es hier heiß, voll und stickig sei. Wer da widersprechen wollte. Die ebenfalls mitgeführte Welpin der Wölfin spendierte Holundersaft, Thunderbirds mussten bewundert werden, und dann war’s schon wieder so spät und ein langer Tag und wir auch nicht mehr die Jüngsten.
Nächstes Mal wird sich wohl ein genaueres Kennenlernen mit allen drei Carsons einrichten lassen, es sind noch nicht alle Lieder der Welt geschrieben, am Ende sogar ein zusätzliches Seidel Schanzenbräu oder was immer vor Ort zum Ausschank kommt. Dass sie einen Country-Rap bestellt haben, kann ich ohne Preisgabe von Geheimnissen verraten; mehr als dass es der erste seiner Art wird, weswegen mir diesmal der Verdacht des Plagiarismus noch ferner liegen wird, weiß ich nämlich selber nicht.
Von Elke, unserem Mann in Berlin, weiß man, dass manche Städte für aufstrebende Bands Studios samt Equipment verleihen und ihnen sogar einen Tonmeister nebendran setzen. Das könnte Nürnberg ruhig mal für seine alten Recken Carson leisten. Bedienen können die ein Studio schon selber, schließlich reden wir hier nicht von Beschäftigungstherapie für zehnjährige Hiphopper, sondern einer Neustarthilfe für gestandene Zirkusgäule. Da hat Nürnberg bedeutend mehr davon, stimmt’s, Nürnberg?
Was genau hält einen eigentlich davon ab, eine neue CD zu bauen? Nach 15 Jahren mal wieder eine neue Platte von einer Kapelle zu kaufen, die man mal gemocht hat, finde ich nicht übertrieben — mir fallen aus dem Stand mindestens drei sehr viel beklagenswertere Comebacks ein.
Nochmal Elke: Die Gute hat Beziehungen zum Berliner Tschechow-Theater. Über’s Jahr winkt daselbst eine Weblog-Lesung mit Moby-Dick™, beschallt von What about Carson. Schreibt schon mal ein paar Lieblingsartikel, die ihr da vortragen wollt, Jungs — das geht an Jürgen und Stephan, oder muss ich wieder alles allein machen?
Soundtrack ist, was Wunder, der Mitschnitt vom 9. Mai der Country Mermaid. Auf Feinheiten in der Abmischung kann ich bei dieser Aufnahmetechnik keine Rücksicht nehmen — mal abgesehen davon, dass ich im Arrangement eine Fiddle oder wenigstens Steel Guitar vermisse. Betrachten Sie’s als Preview. Von zwei Leuten wurde innerhalb der ersten Woche eine Studioversion bestellt, es muss also ohnehin weitergehen. Bilder vom Event auf Flickr.
Abschließend lässt mir Miss Wet T-Shirt Nürnberg Edda “Mann o Mann, wie seh ich denn da aus” Ruß keine Wahl als fürchterlich anzugeben mit ihrer, jawohl, Stimme:
Wolf du bist ein echter Hammer!! Ich find das Youtübchen klasse und der Sound is gar nicht so schlecht. Schöner Live-Eindruck mit echten, riesigen Schweißflecken!
Was nach der dritten Strophe aus Cowgirl und Mermaid wird, heißt Realität außerhalb des Mediums. Neugierig wär ich schon gewesen: Was eine Geschichte ist, die hört ja nach ihrem Ende nicht auf zu funktionieren. In zehn Jahren vielleicht. Gut gemacht — und jetzt weitermachen.
What about Carson sind:
- Edda Ruß (Gesang, Heimorgel);
- Dietrich Pfund (Gitarre, Schlagzeug)
- Andreas Linus Steinert (Gitarre, Mandoline, Banjo, Akkordeon, Gesang)
und spielen am Donnerstag, den 21. Mai 2009 in der Nürnberger Desi nachmittags und draußen, jedenfalls irgendwann zwischen 15 und 4 Uhr, auf dem Radio-Z-Sommerfest!
Ihr seid so gut.
Fast hätt ich vergessen zu vermelden: Das Osterwichteln hat ein Ende. Alle von euch — die überhaupt teilgenommen haben — haben sich einen Kopf, einige Mühe und ein bisschen Geldausgabe gemacht, Spaß gemacht haben alle Einsendungen. Alle Konterwichtel hab ich inzwischen auf den Weg gebracht und hoffe euch damit gerecht zu werden. Danke an alle!
Auch schon vorbei: Das Free Verse Project der Academy of American Poets: Man sollte ein englischsprachiges Gedicht in einer vergänglichen Form darstellen und photographieren. Das hab ich selbstverständlich allein deswegen nicht verlautet, weil ich einen Ansturm von Einsendungen meiner Leser befürchte und mit meiner eigenen gar keine Chance mehr hätte.
Mein eigener Beitrag war: Herman Melville: To ——— (The Weedy Stream). Und Sie machen sich ja überhaupt keinen Begriff, was so eine hundertjährige Vintage-Schreibmaschine wiegt, wenn man sie an die Isar schleppt. Und wie man bei so einer Unternehmung mit den Leuten ins Gespräch kommt! Besser als Gassigehen mit einem Border Collie. Das war ein Tipp für Singles.
Das Gedicht ist eins aus dem Nachlass von Melville, posthum in jener legendären Lebkuchendose gefunden, in der unter anderem Billy Budd lag. Es wird um 1860 eingeordnet, klingt mir aber nach bedeutend später, vor allem bei diesem wörtlichen Anklang an Poe.
Herman Melville: To ———
Ah, wherefore, lonely, to and fro
Flittest like the shades that go
Pale wandering by the weedy stream?
We, like these, are but a dream:
Then dreams, and less, our passions be;
Yea, fear and sorrow, and despair
Be but phantoms. But what plea
Avails here? phantoms having power
To make the heart quake and the spirit cower.
Wenn ich gewinne, das sag ich dann.
Der neue Blitzableitermann
Update zu Übersetzung The Lightning-Rod Man: Der Blitzableitermann!
und Medienschau: Bücherfrühling!:
Liebe Schülerinnen, Schüler, Life-long Learners und Blitzableiterfans,
alles wird gut. Die seltene bis kaum je vorhanden gewesene Übersetzung The Lightning-Rod Man von Herman Melville, die bis vor wenigen Wochen einzige von Richard Mummendey 1964, ist überholt. Es gibt seit 4. März eine Neuübersetzung von Michael Walter und Daniel Göske. 34,90 Euro, die jeden Cent wert sind, vor allem, wenn Sie schauen, was sie noch alles dazu kriegen. Mit dem Taschenbuch rechne ich etwa Herbst 2010 bei btb und verlaute das dann auch. Und ab jetzt will ich hier keine Schnäppchenjägerkommentare mehr sehen, nur noch fachkundige, inspirierende und feinziselierte Anregungen besonnener Menschen, und davon jede Menge.
Bitte!
Danke, ich hab euch alle lieb.
Nochmal zum Mitsingen: Herman Melvilles Große Erzählungen bei Hanser anschauen, anlesen, anschaffen.
Bild: Elisabeth Hackmann: Sari, the German Pin-up Girl and Retro Model: Zufriedene Sudentinnen in stillvergnügter Lerngruppe, WS 2008/2009.
We could have, we should have, we didn’t
Update zu And it will be the last thing I do:
The Great Park in Person von Stephen Burch spielt mit Unterstützung von Liz Green am 19. April 2009 ab 20 Uhr im Münchner Südstadt. Auch zwei solche, die ohne weiteres meine Lieder vertonen dürften.
Anspieltipp The Great Park: We Could Have We Should Have We Didn’t;
Liz Green: Sit Down You’re Rocking the Boat.
Sie kommen doch auch, am Sonntag? Ich bin der lange Ungekämmte mit der Brille in Flip-Flops, weil das Südstadt bei mir um die Ecke liegt. Im Kneipenfenster hängt nur das Plakat für Liz Green, aber es kommen beide. Wer mir einen Ausdruck dieses Artikels vorzeigt, kriegt einen Absinth spendiert.
Bild (click big): The Argus (Brighton newspaper),
feature on Woodland Recordings, 13. Dezember 2008.
[Edit Freitag, den 17. April 2009:] Jetzt kann ich doch nicht am Sonntag, ich singe dann wie immer in Abwesenheit selber, und niemand muss mein sparsam blickendes Gesicht fürchten. Sparen Sie sich also den Ausdruck und kaufen Sie trotzdem dem Südstadt einen Absinth ab. Eine lohnende Ausgabe. Aber nur einen, am Montag ist die Nacht rum.[/Edit]
Raubein, Großmaul, Hasardeur, Hallodri — der tollste Hecht aller Zeiten
Update zu Herz des Positivismus:
Wer etwas wie diesen Roman schreibt, sollte dann auch die Hauptrolle spielen müssen.
Daniel J. Gall: Hochseeabenteuer gesetzter mittelalter Herren oder todgeweihte Piraten, 2. Juli 2007.
1979 war der Roman fertig, durfte aber nicht zu Lebzeiten der beiden Autoren veröffentlicht werden. Heißa, was das für ein Bestseller geworden wäre.
Marlon Brando und Donald Cammell schätzten sich ein Leben lang gegenseitig, ihre Freundschaft pflegten sie anhand hochfliegender Filmprojekte. Ihr Werden, Vergehen, Durchspielen, Beatmen, Verkaufen und Begraben wechselten wie Liz Taylors Ehemänner, ein Film kam dabei nie zustande. Immerhin den Roman Fan Tan, für den man wenigstens keine Schauspieler zusammencasten, Funds raisen und Produzenten beknien musste, sondern den man in regelmäßigen Südseeurlauben in der Palmenhütte zusammenschreibseln konnte, hat Brandos Witwe China Kong 2005 von David Thomson vollenden lassen und freigegeben. Die deutsche Fassung erschien 2007 als Madame Lai wo sonst als beim marebuchverlag und jetzt im April 2009 ebenda als Taschenbuch.
Eine grandiose Räuberpistole ist es geworden. Über Marlon Brandos Genie als Darstellungsarbeiter wurde im Lauf eines halben Jahrhunderts das Nötige gesagt, Donald Cammell hat 1968 mit Performance Tarantino vorweggenommen: nichtlineare Erzählweise, Schnitte wie in Musikvideos, Cut-ups, überdeutliches Gevögel als Kunst und Drogenverherrlichung nicht zu knapp — man kann es gut oder schlecht finden, wegweisend auf alle Fälle.
So ein Regisseur versteht sich natürlich besonders gut mit einem Schauspieler, der sich ab einem gewissen Ruhmespegel (der Mann hinterließ 20 Millionen Dollar und eine Inselkette in der Südsee) raushängen lässt, dass er’s eigentlich nicht mehr nötig hat, und sich seine Rollen, wenn überhaupt, danach aussucht, ob die Schauspielerin, mit der er seine Sexszenen hat, hübsch genug ist. Ihre Romanschreibeurlaube betrachteten die Kumpels als Familienangelegenheit.
Diesen Geist atmet auch Fan Tan. In den Worten des marebuchverlags liest sich das:
Madame Lai ist die ungefilterte Essenz von Marlon Brandos Träumen, Fantasien und Obsessionen — das Vermächtnis eines entfesselten Genies, in dem in einem Sturm aus Sex und Verbrechen zwei Giganten aufeinanderprallen.
Die beste einsehbare Besprechung von Ray Young puts it like this:
There’s been some talk in the press about how the novel’s main character, Anatole ‘Annie’ Doultry, is the kind Brando would have loved to play on screen. But this thin sketch of a man floats over a hackneyed plot, one that was to have been fleshed out (with co-author Donald Cammell, the film director) for a movie that never went beyond the planning stages. Brando and Cammell’s combined notes—napkin doodlings? inebriated rants? audio tapes encrusted with lunch?—were culled together by film critic David Thomson, whose stamina and endurance should not go unnoticed. Filling less than three hundred pages, Fan Tan is a numbing chore to read, and Thomson’s task would’ve pushed a lesser man to the brink.
Not that the work is entirely without purpose or narrative structure. Strikingly odd imagery comes alive during all-too-brief passages, such as one concerning an hallucinatory drug experience, and another with a tortured man’s consumption of his own toe. But they’re outweighed by so much rambling nonsense, tiresome blather about prison cockroach races and the rather bland profile of the soldier of fortune making shaky deals with a Dragon Lady.
Nor is it easy to picture Brando as ‘Annie,’ a character more suited to the Robert Mitchum of, say, Josef von Sternberg’s Macao wandering onto the set of Sam Fuller’s China Gate, tussling with Angie (‘Lucky Legs’) Dickinson in yellow face. Flat and underdeveloped in its irony and cynicism, the prose has a dash of old school jingoism and the tourist’s eye for Asian culture. As if to underline its own shortsightedness, the novel barely notices its one readily available metaphor, the structure of the Chinese casino game of Fan Tan in relation to ‘Annie’ in his everyday house of cards.
Da mag er Recht haben. Es kann aber auch um die Story hinter der Story gehen — dass die zwei Filmfreaks sich in einem Roman ausgetobt haben, den sie schon immer mal lesen und verfilmen wollten, bevölkert mit schönen Frauen asitischen Gepräges und ausgepichten Piratenhallodris, die sie sogar sein wollten. Ego-Literatur, wie man sie gerade im jungen Jahrtausend von Pubertierenden jeglichen Alters kennt und praktischerweise nach den ersten drei Beispielen nicht mehr bis zu Ende lesen muss. Einem gewissen brainsplatter fiel 2007 zum Hardcover auf:
Kleinigkeiten, die auffallen und unstimmig sind: ist es wirklich wahrscheinlich, daß ein Waffenschmuggler in Südostasien 1927 über den erst 1922 in englisch erschienen Tractatus Logico-Philosophicus räsoniert? Glauben die Chinesen tatsächlich an Wiedergeburt oder sind das nicht doch eher die Inder? Was ist mit “Schlehdorn” gemeint? Schlehe, Schwarzdorn oder keins von beiden?
Zum fast geflügelten Wort im Buch wird der Satz: “…, aber das ist eine andere Geschichte” mit dem Brando – ja, was eigentlich? Ich weiß es nicht. Bekommt Doultry nach langem hungern Essen gebracht, klingt das bei den Autoren so: “Im Mahlwerk seines Mundes erwachten die Speicheldrüsen unter dem köstlichen Anflug leichter Stiche.”
Stimmt ja alles. Trotzdem bleibt es dabei, dass das Setting mit der raubauzigen Schießbude von Personal und dem hanebüchenen Seemannsgarn von Plot einfach Spaß machen.
Randbeobachtung zum Kleine-Mädchen-Beeindrucken: Die deutsche Ausgabe ist möbliert mit einem Vorwort von Truman Capote, das Taschenbuch auch mit einem von der o.a. Witwe. Wenn wir unterstellen, dass er das zeitnah zur Fertigstellung des Romans 1979 geschrieben hat — zur Erstveröffentlichung 2005 waren alle Beteiligten schon tot –, war das drei Jahre, nachdem er im Alter von 52 als bester Nachwuchsdarsteller einen Golden Globe gewonnen hatte; Brando dagegen polierte sein Vermächtnis ein letztes Mal in Apocalypse Now auf. Warum so schnell, das Vorwort, und wozu ins Leere, werde ich mal weiter beobachten.
Es hat viel von Joseph Conrad: die Südsee voller europäischer Käuze, die am anderen Ende der Welt ihr Leben verändern, mit einem Anspruch ins Allgemeingültige — geschrieben von einem (respektive zweien), deren Baustelle eigentlich woanders lag: die von Conrad im polnischen Übersetzungsgewerbe (die britische Seefahrt war ja schon biografisches Fremdgehen), die von Brando und Cammell in Hollywooder Szenediskotheken. So hätte Conrad geschrieben, wenn er bei Sinnen gewesen wäre. Der eine lebt’s, der andere nicht, wieder andere wenigstens als Räuberpistole.
Unterstützet Moby-Dick™ und erwerbt Fan Tan und Madame Lai!
Trailer: Performance, 1970.
All About Funtown
Update for Sympathy for the Record Industry:
The videos for the one and only The Beards CD have been completed:
Funtown, Sympathy Records 2002. Buy it in Germany and elsewhere.
The new videos are # 8, 9, 11:
And the whole CD including the 11 videos can be one of your prizes in the Spring Contest.
A ship, gentlemen
Update zu Alles Übersetzungsfrage:
Der Literarische Katzenkalender 2009 — every home should have one — erklärt mir die ganze Woche vom 16. bis 22. März lang:
Denn Sie können eine Katze genausowenig wie ein kleines Mädchen zu etwas zwingen, was sie nicht will; und Sie können beide nicht dazu zwingen, Sie zu lieben.
Paul Gallico
In B. Traven. Biographie eines Rätsels von Karl S. Guthke, die schon allein deswegen monumental ausgefallen ist, weil über den Mann praktisch nullinger bekannt war, als ich seine Gesamtausgebe gekauft (und gelesen!) hab, steht complete and unabridged die Urfassung vom Totenschiff. Anfang von Fragment II, um 1924:
A ship, gentlemen, may go mad as well as a man does. — What d’ye say? Just wait a minute, sir. Can you build up a ship from dead wood? No, sir, you cannot. You might make your ship as well from papier-maché. If you send it out on the high sea, in the end, it will be just the same. — Made from iron nowadays, you say? Well, as for the iron, every learned man will tell you that iron is as lively as wood.
Nicht mal mehr die Pequot, also die richtigen jetzt, sind ausgestorben. Sind seit 1983 als Indianerstamm und eben nicht als kärgliche Sippe anerkannt und betreiben seit 1992 das profitabelste Spielkasino in Indianerhand überhaupt. Wollen wir’s ihnen gönnen.
Außerdem muss ich wohl mal wieder einen Wikipedia-Artikel gründen: Der Eskimo oder Inuit Trade Jargon ist ein belegbares Pidgin zwischen Walfischern und Eskimos, eine Art Lachoudisch (was wiederum eine Art Schillingsfürster Jenisch ist, aber egal) auf Wirtschaftscetologisch. (Im Gegensatz zu den Pequot) ausgestorben, als Nantucket groß wurde und den Walfang globalisierte, nach anderer Quelle erst ab 1870 bis kurz ins 20. Jahrhundert hinein. Viel mehr müsste schon gar nicht mehr drinstehen, das Verzwickteste an Wiki ist ja immer nur die Einordnung in die Kategorien.
Was uns das alles sagt? Keine Ahnung, ich dokumentier das nur. Hier ist Weblog, nicht das Kontor der Walfängerwerft.
Dass man auch dauernd alles selber machen muss: Am Märzgewinnspiel beteiligen sich nicht mal mehr die, die es angeht. Und doch, das ist das Schöne daran, wurln und wulchern die Wellen weiter über dem größten Teil der Erdoberfläche, der spätestens seit Melville, aber eher noch seit Cooper, unter so vielen anderen Sachen als Vergleich für Bewusstseinszustände herhalten kann, und die Schiffe darauf sehen auch so ganz gut aus, und der philosphische Gehalt der Inseln von Mardi war wahrscheinlich sowieso nicht auf einer A4 zu fassen. Wenn mich wer sucht, ich bin Sankt Patrick feiern.
Medienschau: Bücherfrühling!
Update zu Alles Clarel:
Ab 4. März hält Hanser den letzten Band seiner Melville-Ausgabe feil; es gibt die vier größeren Erzählungen Bartleby, der Notariatsschreiber, Benito Cereno, Die Encantadas oder die verwünschten Inseln und Billy Budd, Matrose in neuen Übersetzungen von Michael Walter und Daniel Göske und ausführlichem Kommentar vom letzteren. Beim Verlag kann man schon mal reinlesen.
Kein Grund zu zweifeln, dass es wieder ein Band wird, der die nächsten paar Jahrzehnte maßgeblich bleibt; von den 34,90 Euro für die 576 Seiten wird jeder Cent gerechtfertigt sein. Mir macht nur die Verlagsdarstellung Sorgen, die schon fast aufatmet: “schließt die letzte Lücke in seinem unvergleichlichen Werk”. Moment mal, auch wenn nur eine Werkauswahl angekündigt und die Biografie sehr groß war, heißt das jetzt, dass Hanser die ganze Lyrik und Essayistik kampflos den Österreichern überlässt? Mardi ist sei längerem an die Nordlichter vergeben, und Typee, Omoo, Redburn, White-Jacket und den Confidence-Man gibt’s dann gar nicht, oder wie?
Dass Hanser seine Melvilleana so grundlegend möbliert, freut mich so objektiv wie eigennützig, aber so wird das nix mit dem Melville-Boom, über den sich der Beteiligte Alexander Pechmann 2005 so gefreut hat.
Wo ich schon beim Rumzicken bin: Müssen die Islas Encantadas, zu deutsch: Galápagos-Inseln, wirklich verwünschte statt verwunschene Inseln heißen?
Erzählen Sie mir, wie’s ist, ich warte wieder aufs Taschenbuch vom Ramsch.
Alles Übersetzungsfrage
Wieder mal ein Update zu Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber und 8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails und zur Bücherliste sowieso:
Notes to ourselves:
- Kommt in den Ausgaben bei Reclam und Aufbau, die beide die Seiffert-Übersetzung benutzen, in Kapitel 33 die Stelle mit dem Zaren auch nicht vor?
- Ist die Übersetzung von Gerhard Lorenz die gleiche wie die von Hertha Lorenz?
- Ist eine davon von 1977?
- Wer hat dann den Übersetzernamen verbaselt?
- Weiß jemand etwas über die Übersetzung von Karl Bahnmüller, der 1950 eine vollständige Übersetzung für eine Jugendausgabe durchziehen musste, nur damit sie heute niemand mehr kennt?
- Weiß jemand etwas über die Übersetzung von Hans Trausil, 1958?
- Außerdem hat Sven Lorenz (nein, das ist keiner der gleichnamigen Übersetzer von oben) doch Recht mit den Einleitungsfragen zu seiner Hauptseminararbeit Der adäquate Weiße Wal oder Wie übersetzt man Moby-Dick? (Note 2):
- Was macht also „Moby-Dick“ zu einem Problemfall?
- Wieso und woran sind diese Übersetzer gescheitert?
- Denn in der einen oder anderen Form müssen sie alle gescheitert sein – wieso sonst sollten es die Verlage immer wieder für nötig halten, neue Übersetzungen in Auftrag zu geben?
- Wie kann es sein, dass ein Verlag sich weigert, eine Neuübersetzung, für die er viel Geld bezahlt hat, zu veröffentlichen?
- Und wie kann es sein, dass ein Übersetzer, der viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt hat, seine Übersetzung lieber ganz zurückzieht, als diese von einem anderen Übersetzer überarbeiten zu lassen?
- Was Leichteres: Die Aufbau-Ausgabe hat ein Nachwort von Karl-Heinz Wirzberger. Was steht da drin, ist es auch ein DDR-affin sozialistisches, von wann, und wenn nicht wir, warum nicht?
Herrschaften, man weiß so wenig. Ich bleib dran, und wenn jemand was rausfindet, soll er sich nicht in Schweigen hüllen.
(Nach Durchsicht meiner Formulierungen möchte ich abermals betont haben, dass meine flapsige Ausdrucksweise praktisch nie bedeutet, dass ich’s in der Sache nicht ernst meine. Danke.)
Bild: Steffi (Name geändert) und Ildikó von Kürthy wissen es auch nicht; Hugendubel am Marienplatz, 4. Oktober 2008;
Soundtrack: The Muffs: Rock & Roll Girl, aus: Hamburger, 1999.
!מזל טוֹב
Update zu Kartenzimmer Kommandobrücke Kompassraum:
But here unlearning, how to me
Opes the expanse of time’s vast sea!
Yes, I am young, but Asia old.
The books, the books not all have told.Herman Melville: Clarel, Part One: Jerusalem, Canto 1: The Hostel, line 80–83
Das letzte Bild vom Sehwolf bei der Arbeit ist jetzt ein Jahr her, da wollte ich mal zeigen, dass Kurs gehalten wird. Die Brille ist noch die gleiche (Gaultier, 1995 ca. 400 €), nur der Stadtplan von Manhattan wegen Verlagerung der Forschungsschwerpunkte abgehängt, der Laptop frisch.
Ferner trage ich ausnahmsweise nicht das schwarze Kapuzenshirt, sondern… äh… das andere schwarze Kapuzenshirt. (Der Unterschied ist: Eins trägt das Logo der erloschenen 3-DD Digital Media AG, vulgo discreet monsters. Ausführung im Bild: Klamottenramschaktion Glockenbachviertel München, ca. 9,90 €; Ausführung discreet monsters: Weihnachts-Incentive 2000.) Und das T-Shirt Popkultur. Allein das Wort schon! von Rumpfkluft (22,90 €). Und schwarze 501er (überteuert — aber hey…). Und rattenscharfe neongrüne Golas mit orangen Seitenstreifen (stark reduziert). Photoshop-Enhancement trage ich nicht (Speckschwarte, im Gesamtpreis enthalten).
Wieder nicht im Bild: der ruppige struppige garstige borstige Sound von Get Well Soon: If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting. Das ist eine junge, aufstrebende Nerdrock-Band von nicht ohne weiteres sich erschließender schwäbischer Provenienz, die von Wim Wenders unterstützt wird. Ihre bislang einzige CD Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon können Sie also getrost kaufen. Sie sollten.
Ebenfalls nicht im Bild: meine hebräischen Studien, weil ich übers Jahr מ (das ist: 40) geworden und darob endlich berechtigt bin, die Kabbala zu studieren.
Lied: Get Well Soon: Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon, 2008. Das ist ein überaus nachhaltiger und tragfähiger Ohrwurm, den Sie mitsingen wollen werden. Der verängstigte Kinderchor in der Mitte quäkt: “Shoot baby shoot, baby, pull the trigger! Fire a bullet, an arrow or a poisoned dart, baby! Shoot baby shoot, free us from the pressure with a rifle or a gun! We can’t live forever!” Wenn Sie das auswendig können und sich weiterhangeln, möchte ich ausdrücklich vor dem Video zu Tick Tack! Goes My Automatic Heart warnen: Vegetarier, Herzkranke, Schwangere und kleine Mädchen sollen lieber weiter die Kabbalaschänderin “Madonna” in Unterhosen angucken.
Das größte quergetakelte Segelschiff der Welt
Gastautorin Billy Budd, Bootsbauerin und Piratessa, weiß:
“Preußen” — erstes 5-Mast-Vollschiff (1902)
Länge über alles: 133,19 m
Segelfläche: 5560 m² (46 Segel)
Höhe Großmast: 68 m
In einer stürmischen Nacht im Oktober 1910 kollidiert die “Preußen” im englischen Kanal mit einem Dampfer. Alle Schleppversuche schlagen fehl; das Vollschiff strandet vor Dover — das Abwracken wird der See überlassen, nachdem auch ein Abbergen mit 12 Schleppern fehl schlägt. Die 48-köpfige Mannschaft bleibt unversehrt.
Bild: Billy Budd: Preußen, Tinte und Aquarellfarben, Oktober 2008,
und Jan Maat verklookfiedelt wat över Bremerhaven, vun de Schipps un wat da tohört.
I’ve Been Waiting For You
Neu nebenan in der Bücherliste: Lena Andersson: Die letzten Tage von Duck City; schwedisches Original: Duck City bei Natur och Kultur, Stockholm 2006 (Vorstellung im schwedischen Fernsehen).
Laut Verlagsprogramm Herbst 2008 des Verlags Blumenbar, Seite 12, ist das seit 1. September 2008 erschienen, halleluja. Und dann sowas: Auf der Verlagssite kommt es nicht vor, nur auf einer stillgelegten Unterseite durch den Hintereingang, Amazon meldet es auf unbestimmte Zeit nicht lieferbar (und ins VLB kommen Sie und ich nicht rein).
Was uns das hier interessiert? Der Verlagstext, den man an praktisch allen Stellen zu dem Buch wiederfindet, sagt in unterschiedlicher Ausführlichkeit je nach vorgegebener Anschlagzahl:
Duck City ist das Symbol für Wohlstand und Freiheit. Doch die meisten Bewohner sind viel zu dick – ganz im Sinne von Dagobert, dem größten Nahrungsmittelproduzenten des Landes. Der Präsident ruft den Krieg gegen das Fett aus, genannt Operation Ahab II – die Jagd auf den großen weißen Wal. Bald gibt es nur noch zwei Bevölkerungsgruppen: Magersüchtige – und Fresssüchtige, die sich in illegalen Restaurants versammeln. Der Untergang von Duck City scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Nur ein Literaturkritiker bewahrt als Einziger einen kühlen Kopf. Aber was soll der schon ausrichten?
Donald und Daisy oder das Ende einer Supermacht: Duck City ist die moderne Version von Entenhausen. Die Colaplörre fließt in Strömen, selbst Schokolode wird frittiert, in fernen Wüsten herrscht Krieg. Donald liebt Daisy – die mit Dagobert fremdgeht, dem Herrscher über die Lebensmittelindustrie. Weil das Volk längst zu fett ist, startet der Präsident eine Kampagne mit Folgen …
Lena Andersson, geboren 1970, studierte in Stockholm Englisch, Politikwissenschaften und Deutsch, war zunächst als Sportjournalistin tätig und arbeitet heute als freie Schriftstellerin. Die letzten Tage von Duck City ist ihr dritter Roman.
Moby-Dick-Parallelen und Donaldismus. Und die Übersetzerin heißt Flora Fink — ein Name wie von Erika Fuchs für eine ornithoide Entenhausener Kulturvorsitzende mit Fönwelle und Zwicker erfunden — studiert aber bei mir um die Ecke Skandinavistik. Nordische Philologie — wollte ich auch mal.
So gesehen muss ich das schöne Stück gleich dreimal kaufen. Keine Ahnung, warum man mich nicht lässt. Ich überlege noch, ob sie mich noch als Lektor einstellen, wenn ich persönlich an der Blumenbar vorspreche, um als erstes eine implizite Beschwerde zu erheben, oder ob sie das bitte als aktives Interesse werten dürfen.
Soundtrack: Die andere Lena Andersson, die 1970 mit 15 als Sängerin entdeckt wurde, mit ABBA touren ging und ihnen SOS (1975) und ihr kommerziell erfolgreichstes Fernando (1976) schrieb: Jag har väntat på dej, nur als Single 1975.
Bilder: Verlagsfoto Lena Andersson und Cover Die letzten Tage von Duck City bei Blumenbar, München 2008.
Two Years Before the Mast
Update zu Quohog – his mark:
An ancient Hawaiian war-club or spear-paddle, in its full multiplicity and elaboration of carving, is as great a trophy of human perseverance as a Latin lexicon. [...] To produce a mighty book, you must choose a mighty theme. No great and enduring volume can ever be written on the flea, though many there be who have tried it.
Morgen wird Moby-Dick™ zwei Jahre alt. Die Unternehmung hat Kapitel 32 von 135 noch nicht ganz fertig. Das heißt, bei gleich bleibendem Forschungstempo machen wir noch bis Februar 2015. Und wenn’s in der Zwischenzeit WordPress, Hanser, den marebuchverlag, Wikipedia, das angloamerikanische Spirituosenwesen und den Augustiner-Bräu zerlegt.
Beschwerden und Huldigungen bitte in die Kommentare, Zuwendungen auf mein Konto, die Verbindung weiß ich auswendig. Waidmannsheil oder wie das heißt.
Bild: Liza Phoenix;
Überschrift: Richard Henry Dana, Jr., 1834/1840.
Film: Jules Verne: Deux Ans de Vacances, 1974.
Fundsachen der Woche
Im Buchladen:
Es gibt (mindestens) zwei vollständige Einlesungen von Billy Budd auf Deutsch: Eine neue in der Übersetzung von Richard Moering mit Christian Brückner, den man als Stammsynchronsprecher für Robert De Niro, Harvey Keitel und sonstige ruppige Hollywoodknochen kennt und für seine Einlesung von Moby-Dick, beim marebuchverlag der Rathjen-Übersetzung beiliegend, mag — und eine ältere in der Übersetzung von Richard Mummendey mit Hans Paetsch. Die ist zwar genau wie die neue erst 2007 erschienen, von dem Märchenonkel der Nation mit der Stimme, die von Natur aus immer nach Opa klang, wie er in einen Blecheimer hustet, weiß man aber, dass er 2002 gestorben ist, die Aufnahme also bis vor kurzem in einem Archiv des NDR rumgefahren sein muss. Das kann man als Leichenfledderei und schamloses Recycling ansehen, man kann sich aber auch einfach so über den gehobenen Schatz freuen. Produktseite bei GEO mit Hörprobe!
Im Internet:
Power Moby-Dick, the Online Annotation: Interaktiv kommentiert, sogar mit Quellenangaben. Text mit Seitenzahlen nach der ersten amerikanischen Ausgabe von 1851, Anmerkungen von Margaret Guroff 2008, meist nach Wikipedia. Sehr gut benutzbare, wissenschaftlich glaubwürdige Referenz.
Das steht ab sofort auch in der Volltextesammlung Voll der Moby in diesen heil’gen Hallen.
Ach ja: Einen Flickr-Pool People Reading gibt’s auch. Er steckt randvoller putziger, liebevoll gemachter Bilder mit, Sie ahnen es, lesenden Leuten. Manche davon dezent voyeuristisch, aber nicht so wild, dass man sie in Deutschland nicht angucken dürfte. Das Wochenende ist gerettet.
Bild: @rgs: Reading near the canal im Pool People Reading, 8. August 2008. Sieht aus wie die Hafenmauer aus der letzthin verwendeten Feenmusik von Tom Waits: Watch Her Disappear aus Alice, 2002, stimmt’s?
Friendly Encounter: Disney’s Inferno
Disney’s Inferno and Other Classic Tales:
Herewith, for the perusal of Hollywood agents, are our suggested Disney versions of other great novels. For what is an adult but an older child with a larger shoe size and a grotesque cholesterol level?
Moby Dick by Herman Melville
Crusty seafarer Captain Ahab (the voice of Dom Deluise) and his lovely mermaid friend Fishtail (speaking voice of Brett Butler, singing voice of Alanis Morrissette) take Ahab’s young nephew Ishmael (Matthew Broderick) on a delightful romp at sea in search of the legendary great white whale Moby Dick (voice of Robin Williams). Though songs of the whale’s evil temper and destructiveness are sung by many of the friendly natives on the islands visited by the jolly crew, Moby turns out to be a lonely, but lovable, giant. Ishmael learns an important lesson: Things aren’t always as they appear!
Text: From Hunger and Michael Alan Loeb.
Making Books
Update for Irgendwas mit Büchern and
Die Zukunft war noch nie, was sie mal werden sollte:
Film (9:54 minutes): Encyclopedia Britannica Films in collaboration
with Luther H. Evans, Ph.D., The Library of the Congress, 1947, via Ziptrivia.
Bonus track: Your Life Work: The Librarian, 1946!:
Film (10:13 minutes): US Government Vocational Guide Films:
Your Life Work: The Librarian. Iowa State College 1946.
A Whale Off Port Bow!
Update for Moby Dick ist ein Gummitier:
Since Bêda is a lousy football player, there is something he ought to do well. Alessandro Bêda, 30 years old, creative, knows that God’s only multipurpose creation is the duck, which can, walk, swim and fly. He also knows that the duck does none of those things well. Against Nature, Bêda insists in doing lots of different things, and get really p**d off when he can’t. Never ask him about shrimp farming, it’s a trauma. Hope you like some of the things he does, Mrs. Nogueira, his mother, enjoys them very much.
This Whale Vase is so simple, so elegant, so perfectly executed. It comes in two pieces you strategically place on any surface, as if the whale is breaking tide. Designer Alessandro Beda is currently looking for a way to mass produce and we couldn’t be more happier with the idea!
Images and words: A Whale Off Port Bow! by Alessandro Bêda, June 9, 2008.
Der nullte Streich
Verlangt nach Hr Küsters Angabe
fl 50, stellt dafür d. Holzzeichnung
her — versichert, daß es noch nicht ge-
druckt ist.Kuchenteighülle, 1863
Ach, was muss man oft von bösen PR-Agenturen lesen. Ist das Zufall? Ausgerechnet kein halbes Jahr nach seinem hundertsten Hinscheiden? Genau nach 145 Jahren?
Müssen wir nur noch irgendwo verschwörungstheoretisch hineinwursten, dass es im Seidelschen Verlagsarchiv in Sulzbach-Rosenberg geschlummert hat, wo sie sonst allenfalls die Ur-Blechtrommel, eine Wittenberger Lutherbibel und haufenweise sehr alte Taschenkalender haben; die Nachbarschaft zum Literaturarchiv gibt thematisch nichts her.
Der 1863er Ur-Max und Moritz langweilt letztendlich auch: Nur zehn, mit Umschlag elf handtellergroße Bilder in Stenobleistift, alles ohne Comic-Erikative wie im 1865er Extended Remix, und dann nicht mal ein Ende mit Splatter. Ratschepüh. — Na gut, wie viele Kalendergeschichten hatten wir mit 33 veröffentlicht (und mit 32 keinen Moby, ich weiß ich weiß)?
Deutsch-Hausaufgabe für heute: Süddeutsche Zeitung vom Wochenende (14./15. Juni 2008) aus dem Altpapier zotteln, Feuilleton (zweites Heft) Seite 12 und 13 einscannen und lieber gleich als zu spät sorgfältig backuppen.
Bild: Wilhelm Busch: Der Kuchenteig, 1863, Bild 10.
Verlagsarchiv J. E. von Seidel/dpa, 2008.
Huhu, Don Alphonso!
Update zu Besser als Sex:
Das wäre doch was für unsereinen, gell? Der originale Laptop, in den Herman Melville seine frühen Sottisen gegen die Literaturverächter des viktorianischen Zeitalters (verschollen) gehämmert hat, und um den sich im Pfarrhaus zu Haworth die Brontë-Schwestern gebalgt haben (Charlotte war die Große, darum war Jane Eyre ein paar Wochen früher fertig als Emilys Wuthering Heights und Annes Agnes Grey).
Der Manufaktor heißt Richard Nagy, die Marotte heißt Steampunk, und der Laptop muss wie eine Spieluhr aufgezogen werden und hat wie eine Geige F-Löcher als Lautsprecher. Jedes Stück ein Unikat.
Mein Geburtstag ist bekannt?
Bild: Datamancer’s Steampunk Victorian Laptop, Prestidigital Datamancery & Paraphernalic Technofetishism — now with 20% more superfluous pleonasm!
Film: Wall Street Journal Online.
Mit nostalgischen Empfehlungen an den ganz und gar nicht stillen Don.
Diskussion: Ahab — Held oder Schurke?
Stephan zweifelt an Jürgens Moralphilosophie. Bier und Popcorn raus, es gibt ein Update:
> Aber nur, weil er seine Männer opfert, um ein Ziel zu erreichen, macht ihn das schon zum Schurken? (Jürgen, 17. März 2008)
Nun, lieber Jürgen, ich finde, dass das absolut ausreichend ist. Also mal meine Moralvorstellungen des 21. Jahrunderts gesetzt. Zurück in die USA des 19. Jahrhunderts zeichnet Melville meines Erachtens nach einige Situationen (ok, ich beleg das irgendwann mal nach), in denen er das Vorgehen Ahabs eben nicht als Heldentum, sondern als Egotrip darstellt. Ich habe das Gefühl, dass er das auch in den folgenden Kapiteln tun und vielleicht sogar eher ausbauen wird, oder? Wohingegen Starbuck als künftiger Antagonist bislang zumindest ohne Fehl und Tadel (allerdings auch ohne Tiefe) aufgezeigt wird.
Ich habe also den Eindruck, dass Melville schon eine deutliche moralische Wertung Richtung Moderne lanciert. Und ja: Wer bereit ist, seine Männer und nicht nur sich zu opfern, der ist ein Schurke.
Korrigiert mich!
> Persönliche Vorsicht ist also keine Tugend, Pflichterfüllung (auch aus dem Motiv der Ruhmsucht) aber schon. Ahab wird seine Pflicht erfüllen, eine Pflicht, die er sich selbst auferlegt hat. (Jürgen, 17. März 2008)
Genau das ist meiner Meinung nach die damals geltende Vorstellung, gegen die Melville angeht. Irrtum? Oder ignoriert’s, da ich doch völlig beleglos palavere.
He Mundschenk! Die Kanne ist leer!!
Wolf sieht’s so sachlich wie irgend möglich:
Nicht der einfachste aller Einwände… Moralisches Verhalten unterteilt man ja in die Pflichterfüllung bei Kant und eine Art “Entscheidend ist, was hinten rauskommt” bei Kohl. Der Unterschied ist: Die Kantische Lösung richtet sich nach den Vorgaben, die Kohlsche lässt dieselben schon mal außer Acht, wenn damit ein “guter” Zweck zu erreichen ist.
Was tut Ahab? Verfolgt einen Zweck, ganz klar. Das schöne “A man’s gotta do what a man’s gotta do” liegt mir persönlich recht nahe und sieht auch Ahab recht ähnlich. Dass er damit ein Schiff voller Untergebener in den Abgrund reißen muss, denen eben kein weißer Wal etwas getan hat, rückt den einsamen Helden Ahab allerdings in ein schiefes Licht. Das war nicht sein Auftrag, er benutzt nicht mal sein eigenes Schiff (Eigentümer sind Peleg und Bildad), und die Mannschaft wünscht aus Gründen ihres Fortlebens viele Wale zu erlegen, nicht um jeden Preis einen einzigen, bestimmten, angeblich bösen. Sollte Ahab ein Held sein, dann wirklich ein verdammt einsamer.
Alternative Möglichkeit: Ahab ein Schurke? Seine Unbeirrbarkeit hat was Faszinierendes, aber ich fürchte, es lässt sich schwer widerlegen… — oder? lässt es sich?
> He Mundschenk! Die Kanne ist leer!!
Recht so — erst das Saufen, dann die Moral .ò)
Papa Courage
Jürgen hat’s noch genauer da, aber trotzdem Zweifel:
Even now I lose time, Good-bye, good-bye. God bless ye, man, and may I forgive myself, but I must go.
Für mich war Ahab immer der Held der Geschichte, ein Mann, der nach einem furchtbaren Erlebnis (Moby frisst sein Bein) versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Ahab ist ein handfester Bursche, einer, der es gewohnt ist, Befehle zu geben und Gehorsam zu erhalten. Die Niederlage gegen Moby Dick zehrt an seinem Selbstwertgefühl. Das muss er irgendwie versuchen, in den Griff zu bekommen. Also jagt er seinen Widersacher. Aber in Wirklichkeit jagt er ihn ja nicht als Selbstzweck, auch nicht, weil er böse ist. Er jagt ihn, um ein Ziel zu haben. Ahab ist ein Krüppel. Damit kann er sich entweder abfinden, oder er kann etwas tun um sich besser zu fühlen. Was läge für einen Walfänger näher, als den Wal zu jagen, der ihn zum Krüppel gemacht hat?
Aber glücklich ist Ahab damit nicht. Es gibt einige Stellen, meine ich mich zu erinnern, in denen das durchschimmert. Er ist ein Getriebener, einer, der nur ein einziges Ziel hat: Moby-Dick zu töten. Das ist alles, was ihm im Leben geblieben ist, weil er sich nicht damit abfinden kann, kein vollständiger Kerl mehr zu sein.
Er muss Moby Dick jagen. Oder sich der Realität stellen. (Ha — das wäre dann, nach heutigen Begriffen, echter Heldenmut.) Aber: Er tut, was er tun muss — aus welchen Gründen auch immer. Davor habe ich Hochachtung.
Und: Den Tod seiner Männer in den Walbooten nimmt er natürlich in Kauf, das gehörte aber zum Walfang. Damit, dass Moby Dick auch die Pequod versenken würde, konnte niemand rechnen. Tatsächlich heuert er doch sogar eine eigene Mannschaft für sein Boot an — damit keiner der Mannschaft der Pequod mit ihm in den Tod geht?
All das sind im Moment nur unbelegte Ansichten. Ich werde da noch ein bisschen forschen und mal sehen, ob meine Ansicht einer Überprüfung standhält. Ich gestehe, dass ich Ahab noch nie so sehr bewusst betrachtet hatte. Meine Meinung über ihn basiert eher auf einem Gefühl als auf belegbaren Textstellen. Vielleicht hab ich mich da ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt, aber seht ihr Ahab wirklich als einen “Bösen”?
Nachtrag: wir werden ja den “Moby-Dick” jetzt nochmal sehr, sehr gründlich lesen (im Lauf der nächsten paar Jahre), dabei mache ich mir dann meine Notizen, und ganz am Ende wird es eine gründliche Analyse geben. Vielleicht bin ich — übereifrig — ein bisschen zu schnell an die Sache rangegangen. Vielleicht ist ein Einstieg bei Kapitel 28 nicht ganz das Wahre!?
Wolf gibt sich etwas ratlos:
Daraus lachen mich vor allem zwei Stellen an: Wer ist eigentlich der “Held”in Moby-Dick — Erzähler Ismael, Kapitän Ahab oder Namensgeber Moby Dick? Definitionssache: je nachdem, mach ich mir’s da mal ganz leicht… Wahrscheinlich, weil ich keiner der möglichen Definitonen mehr trau — und noch erleichtert bin, dass “Held” hier im literarischen Sinn der Gegensatz zu “Nebenfigur” ist und nicht zu “Schurke” oder “Weichei”…
Zweite Stelle:
> seht ihr Ahab wirklich als einen “Bösen”?
Wenn du so direkt fragst: Gefühlsmäßig nicht, nein, dazu ist er mit zuviel Anerkennung gezeichnet. Und zwar stichhaltig genug, dass er als Held zumindest in Frage kommt. — Herrschaften, bin ich wieder verkopft…
Und abermals mach ich mir’s leicht und rede mich auf mein laxes Moralverständnis raus, das schon bei so scheinbar einfachen A- oder B-Fragen Kantische Feinziselierungen herbeizerren muss. Situationsentscheidungen, zu denen man hinterher stehen kann, müssen reichen.
So viel wurde bisher in Xing diskutiert. Meinungen? Auch hier sind die Kommentare geöffnet.
Lied: Johnny Cash: Delia’s Gone, aus: American Recordings, 1994, in dem er Kate Moss gleich zweimal erschießen durfte. A man’s gotta do pp.
Geoffrey Chaucer Hath a Blog
… and oon movye, too.
Update for I’m fucking Ibiza:
A COMPLEYNTE ON THE DETH OF SIR WILLIAM THATCHER,
SUMTYME YCLEPED ULRICH VON LIECHTENSTEINYif al the woe and teeres and hevinesse
And eek the sorwe, compleynte and wamentynge
That man hath heard in thes yeeres of distresse
Togedir were y-put, too light a thynge
It sholde be for this yonge knightes mournynge.
Withouten hym this world can no wey plese,
Fulfild it is of shadwe and disese.In sorwe and teeres and eek in hevinesse
Stand Roland, Wat, and Kate, his compaigyne,
(And eek mynself, the forger of noblesse):
Sir Deeth wyth falshede and wyth sorcerye
Hath slayn thys knight who never feered to dye,
Of honor nat of lyf took Ulrich kepe.
A see of teeres nys nat ynogh to wepe.Proud Deth, yower trophie is our hevinesse,
Your heraud may ful loude yel and crie,
For thou hast slayn the flour of hardinesse:
Sir Ulrich knewe the herte of chivalrie
And evir daunce he coud to melodye;
A silent yere he spent oones in a toun
In Itaylye to understonde a roun.This feble world fulfild of hevinesse
Offreth us nat but wo, o welaway!
No thyng it hath may us give restfulnesse
For yisterday was noblere and moore gay
Than thys clipt peni that we hold today.
On Ulrich spende yower XII last silver teeres
Syn now departid aren hys golden yeeres.He chaungid hys sterres, ros out of lowlinesse,
Bicam the man that fyrst did make me thinke
Our dedes nat our birth bring gentilesse –
And when ich was depe in the dice and drinke
He bought my pants ayein, it is no nay
May hevenes blisse repay that charité!
For blessed on erthe are al who had the chaunce
To walk the gardyn of his turbulaunce.Lament for Sir William,
on 22nd of February in the Yeere Domini MMVIII.
Ye weblog: Geoffrey Chaucer Hath a Blog;
ye werkes: The Riverside Chaucer, thyrde editione MCMLXXXVIII;
ye movye to buye: A Knight’s Tale, Columbia Pictures MMI;
ye Chaucer blog t-shirtes and Sir John Mandeville’s shirtes and liverie to buye.
Image: Director Brian Helgeland and Chaucer (die coole Sau) Paul Bettany
on set for A Knight’s Tale, Columbia Pictures 2001.
Wenn schon
Update zur Eingangsseite:
And this, perhaps, in a greater or less degree, is pretty much the case with all things else; for you know nothing till you know all; which is the reason we never know anything.
Herman Melville: Redburn: His First Voyage: Being the Sailor-boy Confessions and Reminiscences of the Son-of-a-Gentleman, in the Merchant Service, Chapter XXVI: A Sailor A Jack Of All Trades, 1849.
Und das ist vielleicht mehr oder weniger mit fast allem genauso, denn man kann nichts, wenn man nicht alles kann; das wiederum ist der Grund dafür, daß wir nie etwas können.
Herman Melville: Redburn. Seine erste Reise. Bekenntnisse und Erinnerungen eines jungen Mannes aus guter Familie als Schiffsjunge in der Handelsmarine, Kapitel 26: Ein Seemann, in allen Sätteln gerecht; Übersetzung: Richard Mummendey, 1967.
Lord, when shall we be done growing? As long as we have anything more to do, we have done nothing.
Herman Melville: Brief an Nathaniel Hawthorne, 17. November 1851.
Herrgott, wann sind wir endlich ausgewachsen? Solang wir noch irgend etwas zu tun vor uns haben, haben wir noch nichts getan.
Übersetzung: Daniel Göske, in: Herman Melville. Ein Leben, 2004.
Lied: Extrabreit feat. Hildegard Knef: Für mich soll’s rote Rosen regnen, 1968/1992.
Würde ist dem Konjunktiv sein scharlachrotes Wachkoma
Update zu Schneller weiter klüger:
Was treibt Übersetzer eigentlich dazu, grundsätzlich die Wendung haben würde zu benutzen? Was genau spricht gegen das Wort hätte?
Tippen wir gleich anfangs des zweiten Kapitels The Market-Place in The Scarlet Letter von Nathaniel Hawthorne auf die Stelle:
Amongst any other population, or at a later period in the history of New England, the grim rigidity that petrified the bearded physiognomies of these good people would have augured some awful business in hand. It could have betokened nothing short of the anticipated execution of some noted culprit, on whom the sentence of a legal tribunal had but confirmed the verdict of public sentiment.
Das heißt in der Übersetzung Der scharlachrote Buchstabe von Franz Blei, die nach Lebenslauf und Diktion um 1930 entstanden sein muss:
Bei jedem andern Volke oder zu jedern spätern Periode der Geschichte von Neuengland würde die düstere Starrheit, welche die bärtigen Physiognomien dieser guten Leute versteinerte, verkündet haben, daß irgend etwas Entsetzliches bevorstehe: hätte nichts Geringeres als die erwartete Hinrichtung eines bekannten Verbrechers bezeichnen können, bei dem der Spruch eines Tribunals nur den der öffentlichen Meinung bestätigt hätte.
Na bitte, er kennt das Wort hätte ja. Die selige Erika Fuchs hat ein Arbeitsleben drangesetzt, in die Donald-Duck-Comics den richtigen Konjunktiv einzuführen, deren es mindestens zweie gibt, und ein Franz Blei glaubt, would stünde fester gemeißelt als zwei Hawthorne-Sätze, die man ja ruhig zu einem einzigen zusammenknüllen kann. — Später an gleicher Stelle:
When such personages could constitute a part of the spectacle, without risking the majesty or reverence of rank and office, it was safely to be inferred that the infliction of a legal sentence would have an earnest and effectual meaning.
heißt bei Franz Blei:
Wenn solche Personen einen Teil des Schauspiels bilden konnten, ohne die Majestät oder Ehrwürdigkeit ihres Ranges und Amtes auf das Spiel zu setzen, so war mit Sicherheit zu schließen, daß die Vollstreckung eines Richterspruches eine eindringliche, wirksame Bedeutung haben würde.
Was liegt vor gegen haben sollte, damit das Futur zur Geltung kommt? Mit Franz Blei reden wir hier nicht über einen dilettierenden Nobody, der sich ein paar Kröten dazuverdient, weil’s mit den Dachstubengedichten nicht so läuft, sondern einen ungemein produktiven Fachmann und literarischen Guru, der immerhin eine Art Jünger an seinen Stammtisch zu scharen verstand. Sprachzicken wie mir, die lieber anderer Leuten Zahnbürste als Sprachschatz in den Mund nehmen, wurden schon ansonsten möglicherweise ganz zurechnungsfähige Bücher verleidet, weil auf der ersten Seite gleich ein haben würde vorkommt. Das sind die Sachen, die einen in den Originalfassungsfaschismus treiben.
Es gibt eine tolle Studienausgabe von The Scarlet Letter, außerdem ist das Ding inzwischen dreizehnmal verfilmt.
Bilder: Hester Prynne, Carol Hartley.
Lesen und schreiben mit Mellvil (sic)
Update zu Hatte Herman Melville Kinder?:
Die beste Kinderseite im Universum lehrt unter vielem anderem:
Gutes Deutsch. Theorie und Praxis.
Zwei Fragen hätt ich noch:
- Muss ich wirklich alle Kinderseiten des Universums durchvergleichen, ob außer dem launig gemeinten Schreibfehler im Site-Namen noch ein Sachfehler in der Subline steckt?
- Warum gibt’s das nicht für solche, die sich für erwachsen halten, nur weil sie ihren achtzehnten Geburtstag erkennen können?
Tut euch das ruhig mal an, Kinners.
Bild: Mellvil;
Lied: Freakwater: Lullaby, aus: Feels Like the Third Time, 1994.
Chance und Albtraum zugleich
Update zu Ein Wal von einer Biografie:
Sehr umtriebig im Moment, der Friedhelm Rathjen. Es scheint, Nachbar Jessebird hat Herrn Rathjen letzte Woche erwischt, als letzterer gerade dem Erscheinen seines Artikels in der Zeit entgegenfieberte. Wenn ich in solche Situationen geriete, wäre ich auch gut gelaunt (ein hypothetisch dahingeflapster Bezug, der niemandes Leistung schmälern soll!).
Rathjen macht uns in der gerade noch aktuellen Zeit auf die 2003er Melville-Biografie von Alexander Pechmann aufmerksam, wobei er die monumentale zweibändige Standardbiographie von Hershel Parker empfiehlt — und vor allem auf Melville. His World and Work von Andrew Delbanco, das laut Amazon schon am 15. September 2007, laut Rathjen “nun”, für Begriffe des Buchhandels also eher im Januar 2008, auf Deutsch als (“irreführend”) Biographie über Melville erschienen ist.
Rathjens Vergleich der beiden Fachbücher ist aufschlussreich und kompetent, er differenziert und reicht tief, man ist hinterher schlauer und fühlt sich nicht als Opfer liebloser PR, einfach toll. Allein wundert mich, warum er nirgends auf Ein Leben von Daniel Göske und Werner Schmitz eingeht, das von 2004 stammt und deshalb auch nicht gerade hoffnungslos veraltet ist. Liegt’s an den Übersetzerquerelen zwischen Rathjen und den konkurrierenden Herausgebern Jendis und Göske, die sich bis 2004 hinzogen? Mit dem Hanser Verlag scheint Rathjen dann ja immerhin ausgesöhnt; der Delbanco ist nämlich auch von Hanser und sogar von Werner Schmitz übersetzt.
Egal. Man kommt sowieso nicht mit Lesen hinterher.
Bilder: Andrew Delbanco by Eric Himmel, Columbia News, 13. Oktober 2003;
Moby Dick Gifts.
8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails
Schon wieder ein Update zu Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber und schon mal ein Vorgriff auf Kapitel 78: Brunnen und Eimer:
Blogger werden unterteilt in selbstüberzeugte Schreihälse und Asperger-Opfer. Und eine Residualkategorie, die Forschungsergebnisse hervorbringt. Jessebird vom Planet 9 hat an Friedhelm Rathjen geschrieben.
Warum? Es gab da eine Unstimmigkeit in seiner Moby-Dick-Übersetzung:
Bei den Recherchen zum letzten Artikel “Die Größe des Wals” fiel mir etwas auf: im Original (sowohl online als auch in meiner Penguin-Ausgabe) wird von “the eightieth or ninetieth bucket” geschrieben. Mummendey und Jendis übersetzen das (wie mir scheint logisch) mit “achtzigste oder neunzigste Pütz” (bzw. “Eimer” bei Mummendey) – nur Herr Rathjen schreibt “achte oder neunte Pütz”! Wie kommt’s? Weiß Rathjen etwas, was andere nicht wissen? Hat er eine andere Ausgabe als Grundlage für seine Übersetzung? Ich finde die Übersetzung von Rathjen so außerordentlich gut, daß ich mir nicht denken kann, es sei einfach nur ein Fehler. Obwohl – möglich wäre auch das. Irgendwelche Ideen?
Natürlich keine Ideen, die helfen. Jessebird hat sich ein Herz gefasst:
Da in der Frage der Moby-Dick-Übersetzung irgendwie keine befriedigende Lösung zu finden war, und da ich in solchen Fällen dazu neige, an der Quelle selbst nachzuforschen, habe ich genau das getan: Herrn Rathjen eine mail geschrieben. Gestern abend. Und heute morgen eine Antwort erhalten! Damit steigt Herr Rathjen gleich noch ein bisschen mehr in meiner Achtung…
Das schreibt er zur Sache:
Lieber Herr …,
dieser komische Rathjen macht manchmal Sachen, die andere nicht machen, aber er weiß eigentlich selten etwas, was andere nicht wissen, schon gar nicht als “Moby-Dick”-Übersetzer. Ich fürchte, es ist in der Tat “einfach nur ein Fehler”; die einfachste Erklärung ist in der Regel bekanntlich auch die wahrscheinlichste.
Ich hab meine Northwestern-Ausgabe des Wals so weit unten in einem Bücherstapel eingebuddelt, daß ich im Moment schwer rankomme, nehme aber kaum an, daß da etwas anderes steht als “the eightieth or ninetieth bucket”, sonst würde ja auch bei Jendis etwas anderes stehen. Die Northwestern-Ausgabe ist bekanntlich Textgrundlage meiner Übersetzung; als ich die erstellte, arbeitete ich allerdings noch mit der Ausgabe der “Penguin Classics” (aus dem höchst profanen Grund, daß der Hanser-Verlag zwar zugesagt hatte, mir die Northwestern-Ausgabe schleunigst zu schicken, aber auch für die Umsetzung dieser vergleichsweise simplen Zusage Jahre brauchte und damit länger, als ich brauchte, um den Text zu übersetzen) und mußte anschließend dann nachträglich die Textvarianten einbauen; theoretisch könnte es also sein, daß in besagter “Penguin-Classics”-Ausgabe fälschlich “the eighth or ninth bucket” steht und ich die Variante bei der nachträglichen Prüfung nicht als solche bemerkt habe; praktisch ist es aber nicht so, die “Penguin Classics” haben korrekt “the eightieth or ninetieth bucket”, der Fehler ist also meiner.
Bleibt noch die (nur für mich selbst relevante) Frage, wann und wo der Fehler sich eingeschlichen hat. Ich hab die komplette Übersetzung seinerzeit von Hand erstellt und mußte dann anschließend die Fronarbeit des Abtippens erledigen, in mindestens einem Fall hat dabei ein kleiner Fehler den Weg in meinen Text gefunden, ganz einfach, weil ich meine gelegentlich sehr schludrige Handschrift falsch entziffert hab. Ich hab gerade in meinem Ur-Manuskript (das ich aus Gründen der Finanzebbe immer schon mal zum Verkauf anbieten wollte, nur gut, daß ich es nicht tat) nachgeschaut; wie Sie dem zur Veranschaulichung an diese Mail angehängten Schnappschuß entnehmen können, steht der Fehler tatsächlich schon darin, ist also kein anschließender Lese- oder Tippfehler. Folglich echter Ur-Rathjen, aber keineswegs beabsichtigt. Dies sind die Dinge, die immer wieder vorkommen, von denen man aber hofft, daß sie von einem aufmerksamen Lektorat bemerkt und ausgebessert werden; Jendis hat’s in der der Tat bemerkt und ausgebessert (aber leider auch allzu viel anderes, was er meines Erachtens nicht hätte “ausbessern” sollen); Norbert Wehr und seine Korrektorin haben’s leider nicht bemerkt. Um so besser, daß Sie drüber gestolpert sind; ich werde mir den Pützpatzer notieren, vielleicht ergibt sich Gelegenheit, in einer Nachauflage Nachbesserung zu betreiben. (Der oben erwähnte Tippfehler wurde in der zweiten Auflage der Zweitausendeins-Normalausgabe schon getilgt, ich verrate Ihnen aber nicht ohne Not, um welche Textstelle es geht!)
Ihr
Friedhelm RathjenDamit wäre das also geklärt. Und Herr Rathjen muß allein schon deshalb als genial gelten, weil er aus einem solchen handschriftlichen Manuskript irgendetwas lesbares produzieren konnte… :)
Ich war noch nie so gespannt auf eine Folgeauflage.
Fast geschenkt: The Tales of the Wolf
The Tales of Beedle the Bard waren ein Geschenk an Hermi(o)ne? Von wegen. The Tales of Beedle the Bard wurden gerade wo sonst als bei Sotheby’s von wem sonst als Amazon ersteigert.
Für lasche 2,75 Millionen Euro. Sieht auf den üppigen Bildern des stolzen Käufers gar nicht schlecht aus.
Was Sie jetzt noch haben können:
- Das abgelegene Apokryphon Weihnachten für Wellensittiche von William Kotzwinkle, als Knaur-Taschenbuch in der Übersetzung von, jawollja, Harry Rowohlt, ab 2,39 Euro (nicht Millionen);
- das btb-Taschenbuch Mardi, Herman Melvilles seemannsphilosphische Fingerübung zum Moby-Dick in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt, rarer als das Hardcover, ab 25 Euro;
- das Goldmann-Taschenbuch Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul für 999 Euro.
Und wo doch jetzt an Weihnachten so viele Gutscheine verschenkt werden, mach ich’s wie Joanne K. Rowling und schreibe Ihnen exklusiv von Hand ein ganzes großformatiges blanko Moleskine mit Märchen, Gedichten, Schwänken, Travestien, Parodien, Bildern aller Größen und Stimmungslagen voll — 240 Seiten. Als Unikat, alles frisch für Sie selbst erfunden, mit blauschwarzer Kalligraphietinte aus der extrafeinen Goldfeder niedergeschrieben und mit Strichzeichnungen illustriert, einschließlich der Garantie, dass der gesamte Inhalt weder veröffentlicht ist noch wiederverwendet wird. Sie schließen einen Lieferantenvertrag mit mir in meiner Eigenschaft als Firma Gute Worte ab und können sicher sein, dass ich ungleich Frau Rowling nicht erst mal sechs Stück von Ihrem Unikat an meine Kumpels verschenke. Alles seriös, nichts Schwarzes. Mach ich einfach. Schlagen Sie zu, bevor ich mir’s anders überlege, und mehr als drei solche Aufträge werde ich nicht annehmen. Das kostet Sie 10.000 Euro, so viel wie ein gern genommener Geschenkgutschein für einen Diamantring — das entspricht einem Seitenpreis von gerade mal 41,67 Euro oder 0,36 % (!) eines vergleichbaren Rowling —, und ist versandkostenfrei! Wenn Sie bis 6. Januar 2008 bestellen, liefere ich pünktlich zum 23. März 2008, dann haben Sie was Feines zu Ostern.
Na?
Bilder: Emma Watson als Hermione Jean Weasley, geborene Granger: Public Domain (jaja, ich hab’s selber nicht geglaubt…);
Titelseite Joanne K. Rowling: The Tales of Beedle the Bard: The Guardian.
Prokrastination jetzt!
Kartenzimmer Kommandobrücke Kompassraum
Man beachte die zeitlos chique Brille von 1995, mein einhändiges Zehnfingersystem und im Hintergrund den Stadtplan von Manhattan, wegen der Battery. Nicht im Bild: die Muse unterm Schreibtisch sowie der rattenscharfe Sound von Pulp, Radiohead und Hans Albers. Den ungesunden Teint beachte man nicht; bei dem Frontalblitz sehen Sie auch so aus.
Die Platten (brauchen Sie auch):
- Hans Albers: La Paloma, 3 CDs mit 42 Liedern, 2004
- Pulp: Different Class, 1992
- Radiohead: Pablo Honey, 1993
Bild: selber gemacht.
Björx
Update to Stephan kommt an Bord (no offense intended, Stephan):
What is more cruel: Japan still hunting for whales, or Björk acting Japanese and whalesinging?
Björk and her partner Matthew Barney did a movie together in 2005 — Drawing Restraint 9 —, although Björk had promised neither to ever do a movie again nor to ever “work” with her partner Matthew Barney. Now see what you get when people do not keep their promises: “Tja“…
Discussion is open (all languages permitted, as long as I understand them).
Okayokay, I have always cherished Rosemarie Trockel’s photograph of Björk acting as a faerie… licenced by Creative Commons, by the way.
Emmaline is sugar and spice and all things nice. The Mother-Tongue Remix
Less an update but more of a translation to Emmaline is sugar and spice and all things nice, according to her wish:
Jane Austen is not, as one might consider so prematurely, some kind of fourth Brontë sister (fair enough, they were 5 plus 1 brother; however the writing – and publishing – siblings are confined to Charlotte, Emily [Jane], and Anne). In fact, Ms. Austen died one year after the first Brontëss’ birth.
So la Austen was not a Victorian plague either. At the worst, she antedated it, which is inherently what you might call a piece of merit. You can like or dislike the world she created, eventually it is a self-contained one, not less mythological and quotable than your Ancient-Classical Greek world of gods and heroes or The Lord of the Rings, the mother of all Fantasy. The matters that she used to satirize in her early works were known to Herman Melville, as an antipole to his own approach to writing. This could only take him to warn of reading his Moby-Dick in case you appreciated suchlike literature:
Regarded like that, it is a bereavement to all involved that Herman Melville was not given to meet Jane Austen, who did her job better though including the full deal of the incriminated laced-handkerchief elements.
Investigations on suspecting Emmaline Austere being the seventh Brontë sibling are not yet entirely closed. Obviously, she stood in her booming, blooming mid-twenties by 1888, and thus could be a late achievement by Reverend Patrick Brontë, Haworth country parson. Austere’s publishing mode proves by far less privileged than her elder sisters’, who still haunt the internet – in compensation on her still spankingly conserved website, she keeps records of her kinfolk passed and passing away, with great talent and a British-foggy-dull-grim sense of humour, as if she was Sarah Photogirl in person.
Angelica Evangeline Bartholomew’s Book of Ugly (her first children’s book, virtually David Copperfield from a 13-year-old girl’s point of view, who menaces London East End at gunpoint through the medium of her camera), Angelica Evangeline Bartholomew and the Diary of Dreadful Deeds, Angelica Evangeline Bartholomew and Grandma’s Treasure Map, Ferdinands Family, and Roadkill, all of her making, will be soon available on the international book market, and if this ever happens, be sure to read all the freaking flashing news on Moby-Dick 2.0.
Should Ms. Austere, like Ms. Austen, not be connected to the Brontës, it is due to reasons different from Herman Melville’s. In return, she looks better than all of them. To insist on even more circumstantial details would be presumptuous.
Captures: Sarah Photogirl; licence: Creative Commons.
Technotexten
Update zu 5–7–5:
Das Wort das blutet
braucht lang genug: Keine Zeit
für Adjektive.
Bild: Youki Kudoh und Masatoshi Nagase in Jim Jarmusch: Mystery Train, 1989 via Release Token; Lizenz: Creative Commons.
Was werden 1906
Update zu Irgendwas mit Büchern:
Robert Walser: Geschwister Tanner,
Erstes Kapitel [Anfang]
Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen, sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn auf, zu sprechen. “Ich will Buchhändler werden“, sagte der jugendliche Anfänger, “ich habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin, einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Waage des Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen seien Sie zum voraus versichert.”
Bilder: Wikipedia, Robert Walsers Biel – Ein literarisches Weg- und Wandernetz, 2006; gemeinfrei.
Rockwell Kent Bach
Update zu Vom Umgang mit Ungeheuern und Urtexten:
Was wir über die Moby-Dick-Illustrationen seitens Rockwell Kent wissen:
Der Mann wurde am 21. Juni 1882 in Tarrytown Heights im Staat New York geboren und starb am 13. März 1971 in Plattsburgh, ebenfalls New York State. Dazwischen wurde er Autor, Maler und Grafiker.
Laut der deutschen Rathjen-Übersetzung bereitete Kent sich auf den Job, Moby-Dick zu illustrieren, vier Jahre lang vor – durch Museumsbesuche, einschlägige Studien, Gespräche mit Walforschern und die Fahrt auf einem Walfänger.
Das ist ein Arbeitsethos, der sichtbar dem Detailreichtum und der Ausdruckskraft dieser denkbar schlichten Technik zugute kam, und an dem sich heutige Illustratoren und deren Geldgeber gerne wieder orientieren dürfen.
Die fertigen Zeichnungen erschienen 1930 in einer auf 1000 Stück limitierten Ausgabe bei Lakeside Press, in drei Bänden wie die allererste, die Londoner, der beiden Erstausgaben 1851. Das war sechs Jahre nach Melvilles Wiederentdeckung als Schriftsteller mythologischen Ausmaßes, ja ein wesentlicher Teil seines Revivals ab 1924, und sichtlich ein Versuch, dieses Monument von Buch auf seine archaische Qualität zurückzuführen. Die Ausgabe an sich ist klassisch geworden, der Versuch also gelungen.
Seitdem wurden sie in ungezählten Ausgaben nachgedruckt und werden wie kein anderes Look & Feel mit dem Text von Melville identifiziert. Erstmals vollständig in einer deutschen Ausgabe erschienen sie erst Oktober 2004 im Rathjen, die englische Ausgabe der Wahl mit sämtlichen Rockwells ist die bei Modern Classics.
Kents Bildideen lassen immer ahnen, welche Wucht in Moby-Dick selbst steckt, und reihen sich so in die Schar der Kommentare, Bearbeitungen und Kompilationen ein, die die Unerschöpflichkeit von Melvilles Roman bezeugen. Nicht die Kanonisierung durch die Universitäten, sondern die von Kent illustrierte Ausgabe machte Moby-Dick in Amerika zu einer allgegenwärtigen Kulturikone.
Paul Ingendaay nach Friedhelm Rathjens Bildnachweis.
Was wir über Johann Sebastian Bach wissen:
Er liebte die Altstimmen nicht, Bachs Bibelvertonungen sind sowieso meistens Männergeschichten – eine der loseren Verbinden zwischen der Bibel und Moby-Dick. Bei Bach gibt’s, wenn schon Frauen, dann Sopräne. Am besten ist er instrumental und passt kurioserweise ganz gut zu Rockwell Kent (8:22 Minuten, Vollbildmodus einschalten lohnt sich).
Bilder: Lakeside-Press-Ausgabe via Larry Voyer; Captain Ahab mit der Pfeife aus Kapitel 30: Die Pfeife: Rockwell Kent Gallery, Plattsburgh State Art Museum;
Lizenz: Creative Commons.
Voll der Moby
Update zu Die Welt spricht Moby:
Online existieren etwa 50 Volltexte von Moby-Dick im englischen Original, in der deutschen Übersetzung kein einziger, was man sich mit unterschiedlich strengen Copyright-Bestimmungen in USA gegenüber Deutschland erklären mag.
Gefunden werden sie am besten, indem man einen Satz oder einen längeren zusammenhängenden Satzteil aus einer Druckversion googelt — und zwar einen Satz oder Satzteil von solcher Beschaffenheit, dass sich in ihm wahrscheinlich seit 1851 nicht viel in der Orthographie geändert hat, der in der Londoner und in der New Yorker Version von 1851 möglichst gleich klang (und in beiden vorhanden war) — und ohne nennenswerte Zitatqualitäten.
Hat man zwei derart unauffällige Textstücke gegoogelt, machen die Ergebnisse immer noch einen so großen Unterschied aus, dass die Anzahl der Suchergebnisse um +/– 20% changiert. Ein aufstrebender Magister der Anglistik kann gerne mal einen Side-by-Side-Vergleich anstellen, dann kriegt er einen Gastbeitrag. Von der maßgeblichen, philologisch durcherschlossenen Northwestern-Newberry Edition abzuweichen stiftet nur Verwirrung.
Was den vorhandenen 40 bis 55 Online-Volltexten gemein ist: Keiner bis auf einen legt Rechenschaft darüber ab, auf welche gedruckte Version er sich bezieht. Nach annähernd einem Jahr Moby-Dick™ lässt sich arbeiten mit, verweise ich mit intuitiv reinem Gewissen auf:
- American Literature: Die Version, die am meisten verlinkt wird. Brauchbar, aber von etwas sperrigem Design.
- Bibliotheca Augustana: Die Online-Fassung der Wahl auf einem deutschen Server (FH Augsburg) und die einzige, die ihre Quelle auffindbar angibt, und dann ist es sogar die richtige. Bringt unter der Melville-Auswahl als Rarität Auszüge aus Clarel.
- Faksimile-Scan der Harper-Erstausgabe von 1851, bereitgestellt von der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser Referenzbibliothek: Die vollständige “zweite Erstausgabe” von Harper & Brothers in New York, mit allen Stockflecken und der Verlagswerbung am Ende.
- Gutenberg-Projekt: Der Klassiker.
- Keele University Staffordshire, Großbritannien: Mit erweiterten Extracts und Links, verweist für die Kapitel weiter auf die Version in Princeton. Universitär unterhaltsam, britischer Gelehrtenspaß, aber zuverlässig.
- LibriVox: vollständiges Hörbuch, eingelesen von Stuart Wills, Public Domain.
- Moby-Dick Online: Verlinkt, ähnlich Power Moby-Dick. Außerdem Melvilles andere Werke in guter Auswahl, mit viel Sekundärmaterial. Ausführlich, gut benutzbar und auf moderne Weise medienkonform.
- Nantucket’s Tried-Out Moby-Dick: Gekürzt, dafür kommentiert, pädagogisch gemeintes Projekt für Einsteiger.
- Power Moby-Dick, the Online Annotation: Interaktiv kommentiert, sogar mit Quellenangaben. Text mit Seitenzahlen nach der ersten amerikanischen Ausgabe von 1851, Anmerkungen von Margaret Guroff 2008, meist nach Wikipedia. Sehr gut benutzbare, wissenschaftlich glaubwürdige Referenz.
- Project Gutenberg Edition in HTML aus der Ploughboy Anthology: Einer von den mehrfach zugänglichen Volltexten Texten auf 1 Page – aber hier lesbar gestaltet, was sehr praktisch zum Suchen ist.
- ReadPrint: Vollständig, angenehmes Design, leserlich, mit durchsichtiger Navigation.
- University of Virginia Library: Vollständig, ähnlich ReadPrint.
- Wikisource: Vollständig und fast sprichwörtlich zuverlässig.
- Russische Volltexte von Melville-Werken, leider mit fiesen Werbe-Popups.
Zwei mir bekannte Versuche zu Volltexten in Weblog-Form wurden eher wegen Überforderung als wegen Copyright-Issues abgebrochen. Da ist noch was zu holen.
Bild: ƒ€ñЀ®èLLÅ; Lizenz: Public Domain.
Emmaline is sugar and spice and all things nice
Jane Austen ist nicht, wie man so leicht glauben möchte, eine Art vierte Brontë-Schwester (na gut, es waren 5 plus 1 Bruder; die schreibenden – und veröffentlichenden – lassen sich aber auf Charlotte, Emily [Jane] und Anne einschränken), sondern ist schon wieder gestorben, als die älteste Brontin geboren wurde.
Die Austen war also keine viktorianische Pest, sondern hat sie schlimmstenfalls vorweggenommen, und das ist ja schon wieder eine Leistung. Die Welt, die sie da geschaffen hat, kann man mögen oder nicht, aber es ist eine in sich geschlossene, die mindestens so mythologisch und zitierfähig geworden ist wie die altgriechische Götter- und Heldenwelt oder Der Herr der Ringe, die Mutter aller Fantasy. Was sie ihrem Jugendwerk parodierte, hat Herman Melville als Gegenpol zu seinem eigenen Schreibansatz gekannt, und konnte daher nur warnen, bloß nicht seinen Moby-Dick zu lesen, wenn einem dergleichen gefiele:
So gesehen ist es ein Verlust für alle Beteiligten, dass er Jane Austen nicht mehr erleben durfte, die es unter Verwendung der inkriminierten Seidentüchlein-Elemente besser konnte.
Nicht ganz erforscht ist dagegen, ob Emmaline Austere nicht doch das siebente Brontë-Geschwister war. Offensichtlich stand sie anno 1888 in ihren blühenden Zwanzigern und könnte somit eine späte Hervorbringung des Haworther Landpfarrers sein. Ihr Veröffentlichungsmodus stellt sich weit weniger privilegiert dar als der ihrer großen Schwestern, die ja ihrerseits immer noch online umherspuken, dafür dokumentiert sie auf ihrer prächtig erhaltenen Website mit großem Talent und britisch dunkelgrau nebelverhangenem Galgenhumor den Hinschied ihrer Verwandtschaft, als wäre sie Sarah Photogirl persönlich.
Angelica Evangeline Bartholomew’s Book of Ugly (ihr erstes Kinderbuch, quasi David Copperfield auf eine Dreizehnjährige gemünzt, die vermittelst ihrer Kamera das Londoner East End bedroht), Angelica Evangeline Bartholomew and the Diary of Dreadful Deeds, Angelica Evangeline Bartholomew and Grandma’s Treasure Map, Ferdinands Family und Roadkill aus ihrer Feder sind demnächst im internationalen Buchhandel erhältlich, und wenn das passiert, verlassen Sie sich drauf, dass Moby-Dick 2.0 darüber berichten wird.
Sollte Frau Austere ebenfalls nichts mit den Brontës zu tun haben, dann aus anderen Gründen als Herman Melville. Dafür sieht sie besser aus. Noch Genaueres erfahren zu wollen, wäre vermessen.
Bilder: Sarah Photogirl; Lizenz: Creative Commons.
Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber
Jendis gegen Rathjen: Ein Fall aus der Übersetzerszene, 1991–2004
Update zu Vom Umgang mit Ungeheuern und Urtexten:
Manches darf eine Melville-Übersetzung sein, nur nicht zaghaft und harmoniebedürftig.
… als gälte es den Nachweis, daß Melville ein miserabler Schriftsteller war.
Der Vorgang ist Jahre her und zuverlässig abgeschlossen. Die Primär- und die Sekundärmaterialien sind vollständig versammelt. Betrachten wir sie desto klarer aus der Distanz.
Man könnte einen moderneren Vergleich wählen, wenn es einen passenderen gäbe – aber die Moby-Dick-Übersetzung von Matthias Jendis ist die Beatles, die von Friedhelm Rathjen ist die Rolling Stones.
Dass die beiden Übersetzungen, die siebte und achte deutsche insgesamt, in Konkurrenz zueinander herausgegeben wurden, ist kein Insider-Geheimnis; der Streit wurde öffentlich ausgetragen: vornehmlich im Schreibheft 57 vom September 2001.
1991 stand Herman Melvilles 100. Todestag an. Norbert Wehr, der Herausgeber der Literaturzeitschrift Schreibheft, erkannte die Wichtigkeit des Datums, gab 1990 (leider vor der Zeit der Online-Archive) eine Sondernummer zu Melville heraus und plante die Maßstäbe setzende deutsche Werkausgabe, die man schon lange schmerzlich vermisste.
Herausgeber heißt: weder Autor noch Übersetzer noch Verleger. Das sind Funktionen, die ein Herausgeber selbst versehen kann, die er aber normalerweise vergibt. Als Übersetzer beauftragte er Friedhelm Rathjen, der sich als ein Übersetzer vom Mark Twain und Robert Louis Stevenson sowie als Experte für Joyce und Beckett empfahl, als Verlag zeigte sich nach dessen ersten Übersetzungsproben für Moby-Dick Hanser interessiert. Alles wunderbar.
Hanser benannte den Initiator Norbert Wehr, den Literaturkritiker Hermann Wallmann und Paul Ingendaay als Herausgeber, Rathjen übersetzte in Rekordzeit bis 1993 den Moby-Dick fertig.
Und dann passierte erst mal gar nichts mehr. Warum, muss man Hanser fragen, vielleicht antwortet ja jemand. Rathjens Manuskript ruhte fünf Jahre beim Verlag, die drei Herausgeber hatten sich schon 1996 Aussichtsreicherem zugewandt.
Unversehens winkte das Jahr 2001, was bedeutet: zehn Jahre nach Wehrs Ausgangsidee und 150 Jahre nach Ersterscheinen von Moby-Dick. Nun erkannte seinerseits der Hanser Verlag die Wichtigkeit des Datums und fand einen neuen Herausgeber für die Melville-Ausgabe: Daniel Göske, Professor für Amerikanistik/Literaturwissenschaft in Kassel. Guter Mann, 1988 über Melville promoviert, Übersetzer für Joseph Conrad, keine Gegenanzeigen. Aber dann las er Rathjens Moby-Dick und befand: Geht nicht, kommt nicht in meine Melville-Ausgabe – und zog Matthias Jendis hinzu. Guter Mann, Seefahrer, Übersetzer für seekriegshistorische Romane, keine Gegenanzeigen. Göske einigte sich mit Rathjen, mit dem dritten Mann Jendis eine Kompromisslinie anhand der schon mal vorliegenden Version zu verfolgen.
Nun arbeitete Jendis allerdings dermaßen gründlich, dass Rathjen sein Manuskript nicht wiedererkannte, nichts mehr damit zu tun haben wollte und seinen Namen davon zurückzog. Rathjen bekam die Rechte an seiner Übersetzung zurück, Jendis firmierte bei Hanser als neuer Übersetzer. Ob aus unüberbrückbaren Differenzen, verlagspolitischer Taktik, Qualitätsbedenken oder Finanzierungsproblemen, plötzlich haben wir 2001 zwei Moby-Dick-Übersetzungen. Den Leser freut’s.
Die Jendis-Übersetzung bei Hanser war am 17. September 2001 pünktlich zum 150. käuflich, zur selben Zeit brachte der alte Herausgeber Norbert Wehr im Schreibheft 57: Die Weiße des Wals Auszüge aus der ursprünglichen Rathjen-Übersetzung nebst kritischen Besprechungen der beiden Versionen, als ob es Zufall wäre.
Das war die Vorlage für die meisten folgenden Besprechungen. Ein Feuilletonist konnte Jendis gut finden oder Rathjen oder sogar beide, es gab Argumente für alles und das Gegenteil davon. Wer in dieser berüchtigten Nummer 57 nicht zu Wort kam: der konkurrierende Übersetzer Jendis.
Nun das deutsche Feuilleton die Übersetzungen nebeneinander vergleichen konnte, stellte sich einmal mehr heraus, wie sperrig Rathjen doch übersetzen konnte. Texttreu, ja – aber um welchen Preis! Dieter E. Zimmer, einer der hellsten Köpfe für Wissenschaftsjournalismus und brillantesten Überseter, die wir haben, bescheinigte Rathjen in der „Zeit“ vom 15. November 2001, „das Befremdende an der Sprache des Moby-Dick in ein ebenso befremdendes, verkorkstes Deutsch zu überführen“. Das Info-Blatt 6 des ADÜ Nord (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer Norddeutschlands e.V.) vom Dezember 2001 beherbergt online Zimmers „Zeit“-Artikel einschließlich der Vergleiche zwischen nicht nur den beiden inkriminierten Übersetzungen: im .pdf ab Seite 4.
Wie aus Trotz beheimatete Wehr, ein Lapsus in der Zahlenmystik, am 8. Dezember 2004 “seine” Übersetzung in ihrer Gesamtheit doch noch bei Zweitausendeins, dem Verlag für abgelegene Kuriositäten.
In den Anhang ist Rathjens Werkstattbericht „Öffentliche Erinnerungen und Bekenntnisse eines selbstgerechten Übersetzers“ unter der Überschrift „Wie ich Moby-Dick übersetzte“ aufgenommen, der sich wie eine ausführliche Rechtfertigung für seine Arbeitsmethode liest. Eine boshafte Erklärung dafür ist, dass Rathjen in seinem vorgelegten Rekordtempo ein Ergebnis abgeliefert hat, das seinen eigenen Ansprüchen nicht genügte, und diesen „Pfusch“ nun auf eine rationale Ebene hob.
Ist es Zufall, dass er sich mit seiner eigenen Arbeitsmethode ausgerechnet auf die von Daniel Göske beruft, der in der Frühphase des Geschehens 1991 Melvilles Tagebuch der Europareise 1856/57 für Gachnang & Springer mit ähnlichen Ansprüchen übersetzte und Rathjen später auf seiner Übersetzung sitzen ließ? Hat Rathjen seine Übersetzung schnell runtergehackt – heißt er sie doch selbst eine „Übersetzerfron“ – und lieber den Aufwand der nachträglichen Rechtfertigung in Kauf genommen? Dann wäre die ganze Auseinandersetzung aus Arbeitsökonomie und Angstbeißen entstanden.
Im jüngeren deutschen Verlagsgeschehen zählt dieses wohl doch nicht ausschließlich sachlich zu begründende, sich immerhin über 13 Jahre hinziehende Hickhack zu den durchaus spektakulären Streitigkeiten. Verlage gelten als Kuschelbranche, was daher kommt, dass sie auch in materialistischen Zeiten Menschen anlocken (und in Führungspositionen vorlassen), die sich als Liebhaber von Büchern und stiller, geistiger Betätigung verstehen. Auch wenn Verlage natürlich wirtschaftliche Gewinne anstreben, denn ein bankrotter Verlag ist ein schlechter Verlag. Erklärte Liebhaber von Geld fahren besser, wenn sie Investmentbanker werden.
Der Übersetzerstreit wollte eigentlich gar keiner sein, meint deshalb Elke Biesel in Vom Umgang mit der „Monstrosität“. Streit um eine Melville-Übersetzung in jenem möglicherweise in kriegerischer Absicht melville-thematischen Schreibheft 57. Das Duell ist aus Sicht des Lesers, der sich weder um Verlagsinterna noch um persönliche Nickeligkeiten unter Übersetzern scheren muss, ein Duett.
Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht der Beitrag von Paul Ingendaay im gleichen Heft: Walgesänge bei Gegenwind. Vom Lesen, Übersetzen und Rezitieren sowie einigen Besonderheiten in Friedhelm Rathjens Moby-Dick. Ingendaay war, wir erinnern uns, einer der drei zuerst vorgesehenen Herausgeber der Rathjen-Version. Auch wenn in seinem Direktvergleich letztendlich Rathjen gewinnt, nimmt er die Lösungen, zu denen Jendis gelangt ist, anständigerweise ernst. In seiner Darstellung wird deutlich, was Rathjen den Ruf als sturster Übersetzer Deutschlands eingetragen hat.
Nicht nur John Hustons Verfilmung ist ein solcher Kompromiß. Auch Friedhelm Rathjens Übersetzung, die hier als Stapel von Kapiteln vor mir liegt, ist es. Denn sie strebt Reinheit, Genauigkeit, Sperrigkeit, Knorrigkeit an – wenn’s sein muß knorriger als das Original –, sie kündigt jede Übereinkunft mit lieblichem Übersetzerdeutsch auf und ist doch nur eine weitere Variation der langen Aneignungsgeschichte dieses Romans. Nicht Schaufenster, sondern Sprachlabor und Wortmuseum, das ist Rathjens Moby-Dick. [...]
Das laute Lesen hat mir Ohren und Augen geöffnet. Plötzlich nämlich wurde die manchmal kauzige Orthographie, zu der Rathjen sich bemüßigt fühlt, gegenstandslos (was sie in Wahrheit ja auch ist). Ich löste mich von der gedruckten Seite und überließ mich dem Klang und dem Rhythmus dieses Deutsch, das Rathjen schreibt. Jetzt zeigten sich Wucht und Klarheit des Textes, nicht trotz, sondern gerade wegen der sprachhistorisierenden Syntax, des älteren Vokabulars und der völligen Unerschrockenheit gegenüber langen Satzperioden. [...]
Und dann doch wieder zusammenfassend:
Zu Recht beklagen Übersetzer und Lektoren, wie leicht es sich Rezensenten mit der Übersetzungskritik machen. Drei Belege, knackig zitiert, und das Urteil ist fertig. Mehr als sechs Zeilen braucht man dafür nicht. Im vorliegenden Fall kann und darf es darum nicht gehen. Jeder muß sich selbst in Rathjens Moby-Dick fallen lassen und sehen, wie und wohin der Wal ihn trägt. Wenn die Gewißheiten darüber, wie Weltliteratur des 19. Jahrhunderts auf deutsch zu klingen habe, erschüttert werden, ist viel gewonnen.
Ingendaays angenehm unprätenziöse Implikation: dass dieses gelehrte Vergleichen von Übersetzungen doch ein höchst elitärer Sport ist. Man weiß von Leuten, die kennen Moby-Dick als Film oder bestenfalls in einer zuschanden gekürzten Kinderausgabe, die taktvoll verschweigt, welche Altübetzung sie da verunglimpft hat – und leben in der gleichen schönen Gewissheit wie ein englischer Philologe, sie kennten ihn.
Der Roman konnte ohnehin über alledem stehen, er erlebte dergleichen nicht zum ersten Mal: Schon die Urausgabe 1851 war in zwei Versionen erschienen, einer britischen und einer US-amerikanischen.
Unabhängig davon, auf welchen Wegen gleich zwei Übersetzungen entstanden sind, deren jede die bis auf weiteres gültige sein will, für das lesende Publikum ist die Doppelung ein Gewinn. Wir haben Jendis als überaus ordentliche, lesefreundliche, moderne Version, und wir haben Rathjen als Schnellreferenz, um im eigenen Mutteridiom festzustellen, welchen Tonfall Melville gemeint hat, beides reife Leistungen mit allen Vor- und Nachteilen. Jendis, um vor interessierten Laien anzugeben, und Rathjen als Gelehrtenspaß, um kleine Mädchen zu erschrecken.
Der Vorteil beim Jendis-Buch: der üppige Anhang mit Nachwort und Stellenkommentar auf dem aktuellen Stand der Forschung; der Vorteil beim Rathjen-Buch: der ebenfalls üppige Anhang mit “Texten aus dem Quellgebiet”, die wichtigsten davon erstmals deutsch und überhaupt mal allgemein zugänglich, und die 1930er Illustrationen von Rockwell Kent, erstmals vollständig in einer deutschen Ausgabe. Handliche Schmöker und Bücher fürs Leben sind sie beide.
Vor diesem Hintergrund etwas genauer skizziert, ist Jendis doch nicht die Beatles, sondern die Beatles mit Charlie Watts am Schlagzeug, und Rathjen doch nicht die Rolling Stones, sondern die Rolling Stones in einer Besetzung mit Captain Beefheart.
(… und hört schon auf, mich dauernd Ismael zu nennen)
Update zu Nennt mich nochmal Ismael:
My name is Arthur Gordon Pym.
Eddie the Divine Poe: Arthur Gordon Pym, 1838
Let me call myself, for the present, William Wilson.
Derselbe: William Wilson, 1839
Herman Melville: Moby-Dick, 1851
Mit dem ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht. Der erste Satz ist Versprechen, Duftmarke, Rätsel, Schlaglicht – kurz: der Brühwürfel, mit dem die ganze folgende Suppe gekocht wird.
Thomas Brussig zum Wettbewerb Der schönste erste Satz, 2007
Der erste Satz ist wichtig. In der Liebe wie auch in der Literatur. Ein guter erster Satz entscheidet oftmals schon darüber, ob wir uns in einen Menschen oder in ein Buch verlieben, ob wir berührt werden und uns voller Neugier auf das Versprechen einer guten Geschichte einlassen.
Die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen zu ihrem Wettbewerb Der schönste erste Satz
Mir ist ja vor Jahrzehnten mal aufgefallen, dass der alte “Call me Ishmael” gleich zwei Vorläufer bei Poe hat: “Let me call myself, for the present, William Wilson” und “My name is Arthur Gordon Pym”. Das scheint vor lauter Schlichtheit doch eine wahre Eintrittskarte zum Club der Klassiker zu sein…
Der Wolf diskutiert bei Nicole Rensmann
Wie froh bin ich, dass ich weg bin!
Der junge Goethe: Die Leiden des jungen Werther(s)
Ich bin dann mal weg.
Hans-Peter Kerkeling: Ich bin dann mal weg
Ich heiße Lisa. Ich bin ein Mädchen. Das hört man auch am Namen.
Astrid Lindgren: Wir Kinder aus Bullerbü, 1954
Niemand gehört dermaßen hierher wie du
Just another Leitfaden für junge Schriftsteller:
Junge Autoren werden nicht entdeckt (ich hab das mal versucht). Entweder bleiben sie bis zur Vergreisung auf einer Sachbearbeiterstelle in der Wettbewerbsphase stecken, oder sie veröffentlichen bei Books on Demand, gründen mit sehr viel Mut und Fachwissen einen eigenen Verlag, oder sie sind der leibhaftige Stuckrad-Barre und haben’s einfach nicht nötig, was schon mal eine angenehmere Vergreisungsmöglichkeit als die erste sein muss.
Oder wie der frühe Stuckrad-Barre und der frühe Melville werden sie zum literarischen Sexsymbol ausgerufen. Das passiert allerdings, wie diese beiden Präzedenzfälle lehren, nach zwei erfolgreichen Romanen, ist also keine verlässliche Lösung.
Neu im Web 2.0: Mit den Mitteln von Web ca. 0.1 seine eigene Autoren-Werbeseite bauen, flashfrei und sogar ohne vollwertige Abwischtafel.
Willkommen to the Literaturbetrieb, Miranda July: No one belongs here more than you.
Dick-Vergleich
Call me Jonah.
Kurt Vonnegut: Cat’s Cradle, 1963.
Man vergisst leicht, dass vor Call me Ishmael schon einiges kommt. Die Etymology (Wortkunde) und die Extracts (Auszüge) nämlich. Die Keele University Staffordshire liegt in England und war sich trotzdem nicht zu schade, ein Institut für American Studies einzurichten. Besser noch: sowohl Melvilles Etymology als auch seine Extracts fortzuführen: mehr als Moby-Dick, jünger als Moby-Dick, origineller als Moby-Dick. Das läuft sichtlich auf den traditionellen Flukenvergleich zwischen England und Amerika hinaus, wirkt aber segensreich auf die Sammelfreunde literarischer Footage.
Mitmachen dürfen Sie auch.
The Day USA Erklärt Linked Me…
… I had 173 Zugriffe. Seitdem geht’s wieder beruhigend der Normalität entgegen. Das Leben und die Liebe sind ein Auf und Ab.
So viel Selbstreferenzialität musste sein. Dafür erspar ich Ihnen auch die witzigsten Suchbegriffe, mit denen mein Blog gefunden wurde. Bittebitte, nix zu danken.
PS: Alle drei Preisrätsel laufen noch. Ich waaarteee.
Jahresendmeeressäugetiereschwanzflossenfigur
Leben mit Melville: Die engelförmige Kerze von Muttern sieht aus wie ein in den Tisch gerammter Wal, wenn ihr der Kopf abgefackelt ist (der Kerze, nicht der Mutter). Wenn man dann noch zwei eierförmige Kerzen davorstellt und alles in Flammen steckt, hat man eine freudianische Schulhofalberei. Whatever happened to the Heilige Nacht. Jetzt weiß ich endlich, warum Moby-Dick Moby-Dick heißt.
A Musical of a Whale
Hat da wer gesagt, Moby-Dick sei wie der Faust? Der im Leseprojekt gerade endlich von ferne winkende Captain Ahab gar der Satan aus Paradise Lost, und Mädels kommen da auch keine vor?
Ach Kinder, nicht so verklemmt. Ahab ist Frank’n'Furter, Ismael die fabelhafte Amelie, Starbuck noch zu was anderem gut als Kaffeekochen. Und auf einen Claim wie A Whale of a Tale wären wir doch alle gern gekommen.
Das können Sie buchen.
Kaufen und Flachlegen
Alle Germanisten (und die meisten von ihren Kumpels, den Anglisten) waren mal mit einer Krankenschwester und mit einer Buchhändlerin zusammen, man kann sie auf die Nummer buchen.
Weil man ja ab einem gewissen Alter froh ist, wenn man keine Krankenschwestern trifft, dringt man gerne und oft in die Zielgruppe der Buchhändlerinnen ein, um ihnen Vergriffenes abzukaufen, damit das Verkaufsgespräch länger dauert.
Neu in der Warteschleife: der Sammelband aus der Library of America, klein, kompakt und knuffig (1478 Seiten!), und vor allem mit all jenen Raritäten drin, die zuletzt anno 1985 veröffentlicht und noch nie übersetzt wurden, vulgo Uncollected Prose:
Articles and Reviews: Etchings of a Whaling Cruise
Authentic Anecdotes of “Old Zack”
Mr Parkman’s Tour
Cooper’s New Novel
A Thought on Book-Binding
Hawthorne and His Mosses
Fragments from a Writing Desk
Das wird ein inhaltlicher Boost für die Bücherliste da rechts, und wer noch nie ein abgeschriebenes Exemplar aus der Stadtbücherei von Deep River, Iowa ausgebuddelt hat, kann ja gar nicht wissen, was für eine trostlose Ersatzbefriedigung das Flachlegen von Krankenschwestern ist.
Nennt uns Ismael
Jetzt neu in der Blogroll: die Google-Group Ishmailites, die von der Melville Society ausgeht. Alles voller Akademiker, gar nicht uninteressant.
Wenn man dann noch den Leviathan dazuabonniert, nimmt das mit der Recherche ganz schöne Formen an…
Loomings cont.
Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
Aber das ist ja gar nicht von Ringelnatz. Das schon:
Hafenkneipe
In der Kneipe “Zum Südwester”
sitzt der Bruder mit der Schwester
Hand in Hand.
Zwar der Bruder ist kein Bruder,
doch die Schwester ist ein Luder
und das braune Mädchen stammt aus Feuerland.In der Kneipe “Zum Südwester”
ballt sich manchmal eine Hand,
knallt ein Möbel an die Wand.Doch in jener selben Schenke
schäumt um einfache Getränke
schwer erkämpftes Seemannsglück.
Die Matrosen kommen, gehen.
Alles lebt vom Wiedersehen.
Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.Durch die Fensterscheibe aber träumt ein Schatten
derer, die dort einmal
oder keinmal
abenteuerliche Freude hatten.


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