Archive for the 'Reeperbahn' Category

h1

Huhu, Don Alphonso!

25. April 2008

Update zu Besser als Sex:

Das wäre doch was für unsereinen, gell? Der originale Laptop, in den Herman Melville seine frühen Sottisen gegen die Literaturverächter des viktorianischen Zeitalters (verschollen) gehämmert hat, und um den sich im Pfarrhaus zu Haworth die Brontë-Schwestern gebalgt haben (Charlotte war die Große, darum war Jane Eyre ein paar Wochen früher fertig als Emilys Wuthering Heights und Annes Agnes Grey).

Der Manufaktor heißt Richard Nagy, die Marotte heißt Steampunk, und der Laptop muss wie eine Spieluhr aufgezogen werden und hat wie eine Geige F-Löcher als Lautsprecher. Jedes Stück ein Unikat.

Mein Geburtstag ist bekannt?

Datamancer's Steampunk Victorian Laptop, Open

Bild: Datamancer’s Steampunk Victorian Laptop, Prestidigital Datamancery & Paraphernalic Technofetishism — now with 20% more superfluous pleonasm!


Film: Wall Street Journal Online.

Mit nostalgischen Empfehlungen an den ganz und gar nicht stillen Don.

h1

Diskussion: Ahab — Held oder Schurke?

7. April 2008

Stephan zweifelt an Jürgens Moralphilosophie. Bier und Popcorn raus, es gibt ein Update:

> Aber nur, weil er seine Männer opfert, um ein Ziel zu erreichen, macht ihn das schon zum Schurken? (Jürgen, 17. März 2008)

Stephan De MariaNun, lieber Jürgen, ich finde, dass das absolut ausreichend ist. Also mal meine Moralvorstellungen des 21. Jahrunderts gesetzt. Zurück in die USA des 19. Jahrhunderts zeichnet Melville meines Erachtens nach einige Situationen (ok, ich beleg das irgendwann mal nach), in denen er das Vorgehen Ahabs eben nicht als Heldentum, sondern als Egotrip darstellt. Ich habe das Gefühl, dass er das auch in den folgenden Kapiteln tun und vielleicht sogar eher ausbauen wird, oder? Wohingegen Starbuck als künftiger Antagonist bislang zumindest ohne Fehl und Tadel (allerdings auch ohne Tiefe) aufgezeigt wird.

Ich habe also den Eindruck, dass Melville schon eine deutliche moralische Wertung Richtung Moderne lanciert. Und ja: Wer bereit ist, seine Männer und nicht nur sich zu opfern, der ist ein Schurke.

Korrigiert mich!

> Persönliche Vorsicht ist also keine Tugend, Pflichterfüllung (auch aus dem Motiv der Ruhmsucht) aber schon. Ahab wird seine Pflicht erfüllen, eine Pflicht, die er sich selbst auferlegt hat. (Jürgen, 17. März 2008)

Genau das ist meiner Meinung nach die damals geltende Vorstellung, gegen die Melville angeht. Irrtum? Oder ignoriert’s, da ich doch völlig beleglos palavere.

He Mundschenk! Die Kanne ist leer!!

Wolf sieht’s so sachlich wie irgend möglich:

Der WolfNicht der einfachste aller Einwände… Moralisches Verhalten unterteilt man ja in die Pflichterfüllung bei Kant und eine Art “Entscheidend ist, was hinten rauskommt” bei Kohl. Der Unterschied ist: Die Kantische Lösung richtet sich nach den Vorgaben, die Kohlsche lässt dieselben schon mal außer Acht, wenn damit ein “guter” Zweck zu erreichen ist.

Was tut Ahab? Verfolgt einen Zweck, ganz klar. Das schöne “A man’s gotta do what a man’s gotta do” liegt mir persönlich recht nahe und sieht auch Ahab recht ähnlich. Dass er damit ein Schiff voller Untergebener in den Abgrund reißen muss, denen eben kein weißer Wal etwas getan hat, rückt den einsamen Helden Ahab allerdings in ein schiefes Licht. Das war nicht sein Auftrag, er benutzt nicht mal sein eigenes Schiff (Eigentümer sind Peleg und Bildad), und die Mannschaft wünscht aus Gründen ihres Fortlebens viele Wale zu erlegen, nicht um jeden Preis einen einzigen, bestimmten, angeblich bösen. Sollte Ahab ein Held sein, dann wirklich ein verdammt einsamer.

Alternative Möglichkeit: Ahab ein Schurke? Seine Unbeirrbarkeit hat was Faszinierendes, aber ich fürchte, es lässt sich schwer widerlegen… — oder? lässt es sich?

> He Mundschenk! Die Kanne ist leer!!

Recht so — erst das Saufen, dann die Moral .ò)
Papa Courage

Jürgen hat’s noch genauer da, aber trotzdem Zweifel:

Even now I lose time, Good-bye, good-bye. God bless ye, man, and may I forgive myself, but I must go.

Chapter 128: The Pequod Meets The Rachel

Jürgen Jessebird SchmitteFür mich war Ahab immer der Held der Geschichte, ein Mann, der nach einem furchtbaren Erlebnis (Moby frisst sein Bein) versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Ahab ist ein handfester Bursche, einer, der es gewohnt ist, Befehle zu geben und Gehorsam zu erhalten. Die Niederlage gegen Moby Dick zehrt an seinem Selbstwertgefühl. Das muss er irgendwie versuchen, in den Griff zu bekommen. Also jagt er seinen Widersacher. Aber in Wirklichkeit jagt er ihn ja nicht als Selbstzweck, auch nicht, weil er böse ist. Er jagt ihn, um ein Ziel zu haben. Ahab ist ein Krüppel. Damit kann er sich entweder abfinden, oder er kann etwas tun um sich besser zu fühlen. Was läge für einen Walfänger näher, als den Wal zu jagen, der ihn zum Krüppel gemacht hat?

Aber glücklich ist Ahab damit nicht. Es gibt einige Stellen, meine ich mich zu erinnern, in denen das durchschimmert. Er ist ein Getriebener, einer, der nur ein einziges Ziel hat: Moby-Dick zu töten. Das ist alles, was ihm im Leben geblieben ist, weil er sich nicht damit abfinden kann, kein vollständiger Kerl mehr zu sein.

Er muss Moby Dick jagen. Oder sich der Realität stellen. (Ha — das wäre dann, nach heutigen Begriffen, echter Heldenmut.) Aber: Er tut, was er tun muss — aus welchen Gründen auch immer. Davor habe ich Hochachtung.

Und: Den Tod seiner Männer in den Walbooten nimmt er natürlich in Kauf, das gehörte aber zum Walfang. Damit, dass Moby Dick auch die Pequod versenken würde, konnte niemand rechnen. Tatsächlich heuert er doch sogar eine eigene Mannschaft für sein Boot an — damit keiner der Mannschaft der Pequod mit ihm in den Tod geht?

All das sind im Moment nur unbelegte Ansichten. Ich werde da noch ein bisschen forschen und mal sehen, ob meine Ansicht einer Überprüfung standhält. Ich gestehe, dass ich Ahab noch nie so sehr bewusst betrachtet hatte. Meine Meinung über ihn basiert eher auf einem Gefühl als auf belegbaren Textstellen. Vielleicht hab ich mich da ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt, aber seht ihr Ahab wirklich als einen “Bösen”?

Nachtrag: wir werden ja den “Moby-Dick” jetzt nochmal sehr, sehr gründlich lesen (im Lauf der nächsten paar Jahre), dabei mache ich mir dann meine Notizen, und ganz am Ende wird es eine gründliche Analyse geben. Vielleicht bin ich — übereifrig — ein bisschen zu schnell an die Sache rangegangen. Vielleicht ist ein Einstieg bei Kapitel 28 nicht ganz das Wahre!?

Wolf gibt sich etwas ratlos:

Der WolfDaraus lachen mich vor allem zwei Stellen an: Wer ist eigentlich der “Held”in Moby-Dick — Erzähler Ismael, Kapitän Ahab oder Namensgeber Moby Dick? Definitionssache: je nachdem, mach ich mir’s da mal ganz leicht… Wahrscheinlich, weil ich keiner der möglichen Definitonen mehr trau — und noch erleichtert bin, dass “Held” hier im literarischen Sinn der Gegensatz zu “Nebenfigur” ist und nicht zu “Schurke” oder “Weichei”…

Zweite Stelle:

> seht ihr Ahab wirklich als einen “Bösen”?

Wenn du so direkt fragst: Gefühlsmäßig nicht, nein, dazu ist er mit zuviel Anerkennung gezeichnet. Und zwar stichhaltig genug, dass er als Held zumindest in Frage kommt. — Herrschaften, bin ich wieder verkopft…

Und abermals mach ich mir’s leicht und rede mich auf mein laxes Moralverständnis raus, das schon bei so scheinbar einfachen A- oder B-Fragen Kantische Feinziselierungen herbeizerren muss. Situationsentscheidungen, zu denen man hinterher stehen kann, müssen reichen.

So viel wurde bisher in Xing diskutiert. Meinungen? Auch hier sind die Kommentare geöffnet.

Lied: Johnny Cash: Delia’s Gone, aus: American Recordings, 1994, in dem er Kate Moss gleich zweimal erschießen durfte. A man’s gotta do pp.

h1

Geoffrey Chaucer Hath a Blog

2. April 2008

… and oon movye, too.

Update for I’m fucking Ibiza:

A COMPLEYNTE ON THE DETH OF SIR WILLIAM THATCHER,
SUMTYME YCLEPED ULRICH VON LIECHTENSTEIN

Yif al the woe and teeres and hevinesse
And eek the sorwe, compleynte and wamentynge
That man hath heard in thes yeeres of distresse
Togedir were y-put, too light a thynge
It sholde be for this yonge knightes mournynge.
Withouten hym this world can no wey plese,
Fulfild it is of shadwe and disese.

In sorwe and teeres and eek in hevinesse
Stand Roland, Wat, and Kate, his compaigyne,
(And eek mynself, the forger of noblesse):
Sir Deeth wyth falshede and wyth sorcerye
Hath slayn thys knight who never feered to dye,
Of honor nat of lyf took Ulrich kepe.
A see of teeres nys nat ynogh to wepe.

Proud Deth, yower trophie is our hevinesse,
Your heraud may ful loude yel and crie,
For thou hast slayn the flour of hardinesse:
Sir Ulrich knewe the herte of chivalrie
And evir daunce he coud to melodye;
A silent yere he spent oones in a toun
In Itaylye to understonde a roun.

This feble world fulfild of hevinesse
Offreth us nat but wo, o welaway!
No thyng it hath may us give restfulnesse
For yisterday was noblere and moore gay
Than thys clipt peni that we hold today.
On Ulrich spende yower XII last silver teeres
Syn now departid aren hys golden yeeres.

He chaungid hys sterres, ros out of lowlinesse,
Bicam the man that fyrst did make me thinke
Our dedes nat our birth bring gentilesse –
And when ich was depe in the dice and drinke
He bought my pants ayein, it is no nay
May hevenes blisse repay that charité!
For blessed on erthe are al who had the chaunce
To walk the gardyn of his turbulaunce.

Lament for Sir William,
on 22nd of February in the Yeere Domini MMVIII.

Brian Helgeland and Paul Bettany on set of A Knight's Tale, 2001

Ye weblog: Geoffrey Chaucer Hath a Blog;
ye werkes: The Riverside Chaucer, thyrde editione MCMLXXXVIII;
ye movye to buye: A Knight’s Tale, Columbia Pictures MMI;
ye Chaucer blog t-shirtes and Sir John Mandeville’s shirtes and liverie to buye.


Image: Director Brian Helgeland and Chaucer (die coole Sau) Paul Bettany
on set for A Knight’s Tale, Columbia Pictures 2001.

h1

Wenn schon

27. März 2008

Update zur Eingangsseite:

And this, perhaps, in a greater or less degree, is pretty much the case with all things else; for you know nothing till you know all; which is the reason we never know anything.

Herman Melville: Redburn: His First Voyage: Being the Sailor-boy Confessions and Reminiscences of the Son-of-a-Gentleman, in the Merchant Service, Chapter XXVI: A Sailor A Jack Of All Trades, 1849.

Und das ist vielleicht mehr oder weniger mit fast allem genauso, denn man kann nichts, wenn man nicht alles kann; das wiederum ist der Grund dafür, daß wir nie etwas können.

Herman Melville: Redburn. Seine erste Reise. Bekenntnisse und Erinnerungen eines jungen Mannes aus guter Familie als Schiffsjunge in der Handelsmarine, Kapitel 26: Ein Seemann, in allen Sätteln gerecht; Übersetzung: Richard Mummendey, 1967.


Lord, when shall we be done growing? As long as we have anything more to do, we have done nothing.

Herman Melville: Brief an Nathaniel Hawthorne, 17. November 1851.

Herrgott, wann sind wir endlich ausgewachsen? Solang wir noch irgend etwas zu tun vor uns haben, haben wir noch nichts getan.

Übersetzung: Daniel Göske, in: Herman Melville. Ein Leben, 2004.


Lied: Extrabreit feat. Hildegard Knef: Für mich soll’s rote Rosen regnen, 1968/1992.

h1

Würde ist dem Konjunktiv sein scharlachrotes Wachkoma

22. Januar 2008

Update zu Schneller weiter klüger:

Hester and Pearl Prynne, The Scarlet Letter, 1850Was treibt Übersetzer eigentlich dazu, grundsätzlich die Wendung haben würde zu benutzen? Was genau spricht gegen das Wort hätte?

Tippen wir gleich anfangs des zweiten Kapitels The Market-Place in The Scarlet Letter von Nathaniel Hawthorne auf die Stelle:

Amongst any other population, or at a later period in the history of New England, the grim rigidity that petrified the bearded physiognomies of these good people would have augured some awful business in hand. It could have betokened nothing short of the anticipated execution of some noted culprit, on whom the sentence of a legal tribunal had but confirmed the verdict of public sentiment.

Das heißt in der Übersetzung Der scharlachrote Buchstabe von Franz Blei, die nach Lebenslauf und Diktion um 1930 entstanden sein muss:

Bei jedem andern Volke oder zu jedern spätern Periode der Geschichte von Neuengland würde die düstere Starrheit, welche die bärtigen Physiognomien dieser guten Leute versteinerte, verkündet haben, daß irgend etwas Entsetzliches bevorstehe: hätte nichts Geringeres als die erwartete Hinrichtung eines bekannten Verbrechers bezeichnen können, bei dem der Spruch eines Tribunals nur den der öffentlichen Meinung bestätigt hätte.

Na bitte, er kennt das Wort hätte ja. Die selige Erika Fuchs hat ein Arbeitsleben drangesetzt, in die Donald-Duck-Comics den richtigen Konjunktiv einzuführen, deren es mindestens zweie gibt, und ein Franz Blei glaubt, would stünde fester gemeißelt als zwei Hawthorne-Sätze, die man ja ruhig zu einem einzigen zusammenknüllen kann. — Später an gleicher Stelle:

When such personages could constitute a part of the spectacle, without risking the majesty or reverence of rank and office, it was safely to be inferred that the infliction of a legal sentence would have an earnest and effectual meaning.

heißt bei Franz Blei:

Wenn solche Personen einen Teil des Schauspiels bilden konnten, ohne die Majestät oder Ehrwürdigkeit ihres Ranges und Amtes auf das Spiel zu setzen, so war mit Sicherheit zu schließen, daß die Vollstreckung eines Richterspruches eine eindringliche, wirksame Bedeutung haben würde.

Was liegt vor gegen haben sollte, damit das Futur zur Geltung kommt? Mit Franz Blei reden wir hier nicht über einen dilettierenden Nobody, der sich ein paar Kröten dazuverdient, weil’s mit den Dachstubengedichten nicht so läuft, sondern einen ungemein produktiven Fachmann und literarischen Guru, der immerhin eine Art Jünger an seinen Stammtisch zu scharen verstand. Sprachzicken wie mir, die lieber anderer Leuten Zahnbürste als Sprachschatz in den Mund nehmen, wurden schon ansonsten möglicherweise ganz zurechnungsfähige Bücher verleidet, weil auf der ersten Seite gleich ein haben würde vorkommt. Das sind die Sachen, die einen in den Originalfassungsfaschismus treiben.

Es gibt eine tolle Studienausgabe von The Scarlet Letter, außerdem ist das Ding inzwischen dreizehnmal verfilmt.

Scarlet Letter, Accountant

Bilder: Hester Prynne, Carol Hartley.

h1

Lesen und schreiben mit Mellvil (sic)

16. Januar 2008

Update zu Hatte Herman Melville Kinder?:

Die beste Kinderseite im Universum lehrt unter vielem anderem:
Gutes Deutsch. Theorie und Praxis.

Zwei Fragen hätt ich noch:

  1. Muss ich wirklich alle Kinderseiten des Universums durchvergleichen, ob außer dem launig gemeinten Schreibfehler im Site-Namen noch ein Sachfehler in der Subline steckt?
  2. Warum gibt’s das nicht für solche, die sich für erwachsen halten, nur weil sie ihren achtzehnten Geburtstag erkennen können?

Tut euch das ruhig mal an, Kinners.

Bild: Mellvil;
Lied: Freakwater: Lullaby, aus: Feels Like the Third Time, 1994.

h1

Chance und Albtraum zugleich

14. Januar 2008

Update zu Ein Wal von einer Biografie:

Sehr umtriebig im Moment, der Friedhelm Rathjen. Es scheint, Nachbar Jessebird hat Herrn Rathjen letzte Woche erwischt, als letzterer gerade dem Erscheinen seines Artikels in der Zeit entgegenfieberte. Wenn ich in solche Situationen geriete, wäre ich auch gut gelaunt (ein hypothetisch dahingeflapster Bezug, der niemandes Leistung schmälern soll!).

Andrew Delbanco by Eric Himmel, 13 October 2003Rathjen macht uns in der gerade noch aktuellen Zeit auf die 2003er Melville-Biografie von Alexander Pechmann aufmerksam, wobei er die monumentale zweibändige Standardbiographie von Hershel Parker empfiehlt — und vor allem auf Melville. His World and Work von Andrew Delbanco, das laut Amazon schon am 15. September 2007, laut Rathjen “nun”, für Begriffe des Buchhandels also eher im Januar 2008, auf Deutsch als (”irreführend”) Biographie über Melville erschienen ist.

Rathjens Vergleich der beiden Fachbücher ist aufschlussreich und kompetent, er differenziert und reicht tief, man ist hinterher schlauer und fühlt sich nicht als Opfer liebloser PR, einfach toll. Allein wundert mich, warum er nirgends auf Ein Leben von Daniel Göske und Werner Schmitz eingeht, das von 2004 stammt und deshalb auch nicht gerade hoffnungslos veraltet ist. Liegt’s an den Übersetzerquerelen zwischen Rathjen und den konkurrierenden Herausgebern Jendis und Göske, die sich bis 2004 hinzogen? Mit dem Hanser Verlag scheint Rathjen dann ja immerhin ausgesöhnt; der Delbanco ist nämlich auch von Hanser und sogar von Werner Schmitz übersetzt.

Egal. Man kommt sowieso nicht mit Lesen hinterher.

CartoonStock, Moby Dick Gifts

Bilder: Andrew Delbanco by Eric Himmel, Columbia News, 13. Oktober 2003;
Moby Dick Gifts.

h1

8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails

12. Januar 2008

Schon wieder ein Update zu Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber und schon mal ein Vorgriff auf Kapitel 78: Brunnen und Eimer:

Blogger werden unterteilt in selbstüberzeugte Schreihälse und Asperger-Opfer. Und eine Residualkategorie, die Forschungsergebnisse hervorbringt. Jessebird vom Planet 9 hat an Friedhelm Rathjen geschrieben.

Warum? Es gab da eine Unstimmigkeit in seiner Moby-Dick-Übersetzung:

Bei den Recherchen zum letzten Artikel “Die Größe des Wals” fiel mir etwas auf: im Original (sowohl online als auch in meiner Penguin-Ausgabe) wird von “the eightieth or ninetieth bucket” geschrieben. Mummendey und Jendis übersetzen das (wie mir scheint logisch) mit “achtzigste oder neunzigste Pütz” (bzw. “Eimer” bei Mummendey) - nur Herr Rathjen schreibt “achte oder neunte Pütz”! Wie kommt’s? Weiß Rathjen etwas, was andere nicht wissen? Hat er eine andere Ausgabe als Grundlage für seine Übersetzung? Ich finde die Übersetzung von Rathjen so außerordentlich gut, daß ich mir nicht denken kann, es sei einfach nur ein Fehler. Obwohl - möglich wäre auch das. Irgendwelche Ideen?

Natürlich keine Ideen, die helfen. Jessebird hat sich ein Herz gefasst:

Da in der Frage der Moby-Dick-Übersetzung irgendwie keine befriedigende Lösung zu finden war, und da ich in solchen Fällen dazu neige, an der Quelle selbst nachzuforschen, habe ich genau das getan: Herrn Rathjen eine mail geschrieben. Gestern abend. Und heute morgen eine Antwort erhalten! Damit steigt Herr Rathjen gleich noch ein bisschen mehr in meiner Achtung…

Das schreibt er zur Sache:

Lieber Herr …,

Friedhelm Rathjen, GASL-Mitglieddieser komische Rathjen macht manchmal Sachen, die andere nicht machen, aber er weiß eigentlich selten etwas, was andere nicht wissen, schon gar nicht als “Moby-Dick”-Übersetzer. Ich fürchte, es ist in der Tat “einfach nur ein Fehler”; die einfachste Erklärung ist in der Regel bekanntlich auch die wahrscheinlichste.

Ich hab meine Northwestern-Ausgabe des Wals so weit unten in einem Bücherstapel eingebuddelt, daß ich im Moment schwer rankomme, nehme aber kaum an, daß da etwas anderes steht als “the eightieth or ninetieth bucket”, sonst würde ja auch bei Jendis etwas anderes stehen. Die Northwestern-Ausgabe ist bekanntlich Textgrundlage meiner Übersetzung; als ich die erstellte, arbeitete ich allerdings noch mit der Ausgabe der “Penguin Classics” (aus dem höchst profanen Grund, daß der Hanser-Verlag zwar zugesagt hatte, mir die Northwestern-Ausgabe schleunigst zu schicken, aber auch für die Umsetzung dieser vergleichsweise simplen Zusage Jahre brauchte und damit länger, als ich brauchte, um den Text zu übersetzen) und mußte anschließend dann nachträglich die Textvarianten einbauen; theoretisch könnte es also sein, daß in besagter “Penguin-Classics”-Ausgabe fälschlich “the eighth or ninth bucket” steht und ich die Variante bei der nachträglichen Prüfung nicht als solche bemerkt habe; praktisch ist es aber nicht so, die “Penguin Classics” haben korrekt “the eightieth or ninetieth bucket”, der Fehler ist also meiner.

Bleibt noch die (nur für mich selbst relevante) Frage, wann und wo der Fehler sich eingeschlichen hat. Ich hab die komplette Übersetzung seinerzeit von Hand erstellt und mußte dann anschließend die Fronarbeit des Abtippens erledigen, in mindestens einem Fall hat dabei ein kleiner Fehler den Weg in meinen Text gefunden, ganz einfach, weil ich meine gelegentlich sehr schludrige Handschrift falsch entziffert hab. Ich hab gerade in meinem Ur-Manuskript (das ich aus Gründen der Finanzebbe immer schon mal zum Verkauf anbieten wollte, nur gut, daß ich es nicht tat) nachgeschaut; wie Sie dem zur Veranschaulichung an diese Mail angehängten Schnappschuß entnehmen können, steht der Fehler tatsächlich schon darin, ist also kein anschließender Lese- oder Tippfehler. Folglich echter Ur-Rathjen, aber keineswegs beabsichtigt. Dies sind die Dinge, die immer wieder vorkommen, von denen man aber hofft, daß sie von einem aufmerksamen Lektorat bemerkt und ausgebessert werden; Jendis hat’s in der der Tat bemerkt und ausgebessert (aber leider auch allzu viel anderes, was er meines Erachtens nicht hätte “ausbessern” sollen); Norbert Wehr und seine Korrektorin haben’s leider nicht bemerkt. Um so besser, daß Sie drüber gestolpert sind; ich werde mir den Pützpatzer notieren, vielleicht ergibt sich Gelegenheit, in einer Nachauflage Nachbesserung zu betreiben. (Der oben erwähnte Tippfehler wurde in der zweiten Auflage der Zweitausendeins-Normalausgabe schon getilgt, ich verrate Ihnen aber nicht ohne Not, um welche Textstelle es geht!)

Ihr
Friedhelm Rathjen

Damit wäre das also geklärt. Und Herr Rathjen muß allein schon deshalb als genial gelten, weil er aus einem solchen handschriftlichen Manuskript irgendetwas lesbares produzieren konnte… :)

Ich war noch nie so gespannt auf eine Folgeauflage.

Friedhelm Rathjen, die Ur-Übersetzung, Handschrift

Bilder: Friedhelm Rathjen, GASL, privat.

h1

Fast geschenkt: The Tales of the Wolf

22. Dezember 2007

The Tales of Beedle the Bard waren ein Geschenk an Hermi(o)ne? Von wegen. The Tales of Beedle the Bard wurden gerade wo sonst als bei Sotheby’s von wem sonst als Amazon ersteigert.

Emma Watson as Hermione Jean Weasley, née GrangerFür lasche 2,75 Millionen Euro. Sieht auf den üppigen Bildern des stolzen Käufers gar nicht schlecht aus.

Was Sie jetzt noch haben können:

  • Das abgelegene Apokryphon Weihnachten für Wellensittiche von William Kotzwinkle, als Knaur-Taschenbuch in der Übersetzung von, jawollja, Harry Rowohlt, ab 2,39 Euro (nicht Millionen);
  • das btb-Taschenbuch Mardi, Herman Melvilles seemannsphilosphische Fingerübung zum Moby-Dick in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt, rarer als das Hardcover, ab 25 Euro;
  • das Goldmann-Taschenbuch Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul für 999 Euro.

Und wo doch jetzt an Weihnachten so viele Gutscheine verschenkt werden, mach ich’s wie Joanne K. Rowling und schreibe Ihnen exklusiv von Hand ein ganzes großformatiges blanko Moleskine mit Märchen, Gedichten, Schwänken, Travestien, Parodien, Bildern aller Größen und Stimmungslagen voll — 240 Seiten. Als Unikat, alles frisch für Sie selbst erfunden, mit blauschwarzer Kalligraphietinte aus der extrafeinen Goldfeder niedergeschrieben und mit Strichzeichnungen illustriert, einschließlich der Garantie, dass der gesamte Inhalt weder veröffentlicht ist noch wiederverwendet wird. Sie schließen einen Lieferantenvertrag mit mir in meiner Eigenschaft als Firma Gute Worte ab und können sicher sein, dass ich ungleich Frau Rowling nicht erst mal sechs Stück von Ihrem Unikat an meine Kumpels verschenke. Alles seriös, nichts Schwarzes. Mach ich einfach. Schlagen Sie zu, bevor ich mir’s anders überlege, und mehr als drei solche Aufträge werde ich nicht annehmen. Das kostet Sie 10.000 Euro, so viel wie ein gern genommener Geschenkgutschein für einen Diamantring — das entspricht einem Seitenpreis von gerade mal 41,67 Euro oder 0,36 % (!) eines vergleichbaren Rowling —, und ist versandkostenfrei! Wenn Sie bis 6. Januar 2008 bestellen, liefere ich pünktlich zum 23. März 2008, dann haben Sie was Feines zu Ostern.

Na?

Bilder: Emma Watson als Hermione Jean Weasley, geborene Granger: Public Domain (jaja, ich hab’s selber nicht geglaubt…);
Titelseite Joanne K. Rowling: The Tales of Beedle the Bard: The Guardian.

h1

Prokrastination jetzt!

6. Dezember 2007

Fachartikel ist in Arbeit. Ahoi derweil.

Sari the German Pin-up Girl

Bild: Sari, das deutsche Aufhängemädchen.

h1

Kartenzimmer Kommandobrücke Kompassraum

6. November 2007

Wolf am Laptop

Man beachte die zeitlos chique Brille von 1995, mein einhändiges Zehnfingersystem und im Hintergrund den Stadtplan von Manhattan, wegen der Battery. Nicht im Bild: die Muse unterm Schreibtisch sowie der rattenscharfe Sound von Pulp, Radiohead und Hans Albers. Den ungesunden Teint beachte man nicht; bei dem Frontalblitz sehen Sie auch so aus.

Die Platten (brauchen Sie auch):

Bild: selber gemacht.

h1

Björx

22. Oktober 2007

Update to Stephan kommt an Bord (no offense intended, Stephan):

What is more cruel: Japan still hunting for whales, or Björk acting Japanese and whalesinging?

Björk and her partner Matthew Barney did a movie together in 2005 — Drawing Restraint 9 —, although Björk had promised neither to ever do a movie again nor to ever “work” with her partner Matthew Barney. Now see what you get when people do not keep their promises: “Tja“…

Discussion is open (all languages permitted, as long as I understand them).

Okayokay, I have always cherished Rosemarie Trockel’s photograph of Björk acting as a faerie… licenced by Creative Commons, by the way.

Rosemarie Trockel, Björk

h1

Emmaline is sugar and spice and all things nice. The Mother-Tongue Remix

22. September 2007

Less an update but more of a translation to Emmaline is sugar and spice and all things nice, according to her wish:

Emmaline Austere's Banner

Jane Austen is not, as one might consider so prematurely, some kind of fourth Brontë sister (fair enough, they were 5 plus 1 brother; however the writing – and publishing – siblings are confined to Charlotte, Emily [Jane], and Anne). In fact, Ms. Austen died one year after the first Brontëss’ birth.

So la Austen was not a Victorian plague either. At the worst, she antedated it, which is inherently what you might call a piece of merit. You can like or dislike the world she created, eventually it is a self-contained one, not less mythological and quotable than your Ancient-Classical Greek world of gods and heroes or The Lord of the Rings, the mother of all Fantasy. The matters that she used to satirize in her early works were known to Herman Melville, as an antipole to his own approach to writing. This could only take him to warn of reading his Moby-Dick in case you appreciated suchlike literature:

Don’t you buy it – don’t you read it, when it does come out, because it is by no means the sort of book for you.

Regarded like that, it is a bereavement to all involved that Herman Melville was not given to meet Jane Austen, who did her job better though including the full deal of the incriminated laced-handkerchief elements.

Emmaline Austere goes Sarah PhotogirlInvestigations on suspecting Emmaline Austere being the seventh Brontë sibling are not yet entirely closed. Obviously, she stood in her booming, blooming mid-twenties by 1888, and thus could be a late achievement by Reverend Patrick Brontë, Haworth country parson. Austere’s publishing mode proves by far less privileged than her elder sisters’, who still haunt the internet – in compensation on her still spankingly conserved website, she keeps records of her kinfolk passed and passing away, with great talent and a British-foggy-dull-grim sense of humour, as if she was Sarah Photogirl in person.

Angelica Evangeline Bartholomew’s Book of Ugly (her first children’s book, virtually David Copperfield from a 13-year-old girl’s point of view, who menaces London East End at gunpoint through the medium of her camera), Angelica Evangeline Bartholomew and the Diary of Dreadful Deeds, Angelica Evangeline Bartholomew and Grandma’s Treasure Map, Ferdinands Family, and Roadkill, all of her making, will be soon available on the international book market, and if this ever happens, be sure to read all the freaking flashing news on Moby-Dick 2.0.

Should Ms. Austere, like Ms. Austen, not be connected to the Brontës, it is due to reasons different from Herman Melville’s. In return, she looks better than all of them. To insist on even more circumstantial details would be presumptuous.

Emmaline Austere

Captures: Sarah Photogirl; licence: Creative Commons.

h1

Technotexten

21. September 2007

Update zu 5–7–5:

Das Wort das blutet
braucht lang genug: Keine Zeit
für Adjektive.

Jim Jarmusch, Mystery Train

Bild: Youki Kudoh und Masatoshi Nagase in Jim Jarmusch: Mystery Train, 1989 via Release Token; Lizenz: Creative Commons.

h1

Was werden 1906

29. August 2007

Update zu Irgendwas mit Büchern:

Robert Walser: Geschwister Tanner,
Erstes Kapitel [Anfang]

Robert Walser, *1878, Ende 1890er JahreEines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen, sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn auf, zu sprechen. “Ich will Buchhändler werden“, sagte der jugendliche Anfänger, “ich habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin, einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Waage des Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen seien Sie zum voraus versichert.”

Robert Walser Autograph

Bilder: Wikipedia, Robert Walsers Biel – Ein literarisches Weg- und Wandernetz, 2006; gemeinfrei.

h1

Rockwell Kent Bach

14. August 2007

Update zu Vom Umgang mit Ungeheuern und Urtexten:

Was wir über die Moby-Dick-Illustrationen seitens Rockwell Kent wissen:

Moby-Dick, 3 Bände, Lakeside Press 1930Der Mann wurde am 21. Juni 1882 in Tarrytown Heights im Staat New York geboren und starb am 13. März 1971 in Plattsburgh, ebenfalls New York State. Dazwischen wurde er Autor, Maler und Grafiker.

Laut der deutschen Rathjen-Übersetzung bereitete Kent sich auf den Job, Moby-Dick zu illustrieren, vier Jahre lang vor – durch Museumsbesuche, einschlägige Studien, Gespräche mit Walforschern und die Fahrt auf einem Walfänger.

Das ist ein Arbeitsethos, der sichtbar dem Detailreichtum und der Ausdruckskraft dieser denkbar schlichten Technik zugute kam, und an dem sich heutige Illustratoren und deren Geldgeber gerne wieder orientieren dürfen.

Die fertigen Zeichnungen erschienen 1930 in einer auf 1000 Stück limitierten Ausgabe bei Lakeside Press, in drei Bänden wie die allererste, die Londoner, der beiden Erstausgaben 1851. Das war sechs Jahre nach Melvilles Wiederentdeckung als Schriftsteller mythologischen Ausmaßes, ja ein wesentlicher Teil seines Revivals ab 1924, und sichtlich ein Versuch, dieses Monument von Buch auf seine archaische Qualität zurückzuführen. Die Ausgabe an sich ist klassisch geworden, der Versuch also gelungen.

Seitdem wurden sie in ungezählten Ausgaben nachgedruckt und werden wie kein anderes Look & Feel mit dem Text von Melville identifiziert. Erstmals vollständig in einer deutschen Ausgabe erschienen sie erst Oktober 2004 im Rathjen, die englische Ausgabe der Wahl mit sämtlichen Rockwells ist die bei Modern Classics.

Kents Bildideen lassen immer ahnen, welche Wucht in Moby-Dick selbst steckt, und reihen sich so in die Schar der Kommentare, Bearbeitungen und Kompilationen ein, die die Unerschöpflichkeit von Melvilles Roman bezeugen. Nicht die Kanonisierung durch die Universitäten, sondern die von Kent illustrierte Ausgabe machte Moby-Dick in Amerika zu einer allgegenwärtigen Kulturikone.

Paul Ingendaay nach Friedhelm Rathjens Bildnachweis.

Was wir über Johann Sebastian Bach wissen:

Er liebte die Altstimmen nicht, Bachs Bibelvertonungen sind sowieso meistens Männergeschichten – eine der loseren Verbinden zwischen der Bibel und Moby-Dick. Bei Bach gibt’s, wenn schon Frauen, dann Sopräne. Am besten ist er instrumental und passt kurioserweise ganz gut zu Rockwell Kent (8:22 Minuten, Vollbildmodus einschalten lohnt sich).

Captain Ahab, Chapter XXX

Bilder: Lakeside-Press-Ausgabe via Larry Voyer; Captain Ahab mit der Pfeife aus Kapitel 30: Die Pfeife: Rockwell Kent Gallery, Plattsburgh State Art Museum;
Lizenz: Creative Commons.

h1

Voll der Moby

6. August 2007

Update zu Die Welt spricht Moby:

Lesen in der Badewanne, VintageOnline existieren etwa 50 Volltexte von Moby-Dick im englischen Original, in der deutschen Übersetzung kein einziger, was man sich mit unterschiedlich strengen Copyright-Bestimmungen in USA gegenüber Deutschland erklären mag.

Gefunden werden sie am besten, indem man einen Satz oder einen längeren zusammenhängenden Satzteil aus einer Druckversion googelt – und zwar einen Satz oder Satzteil von solcher Beschaffenheit, dass sich in ihm wahrscheinlich seit 1851 nicht viel in der Orthographie geändert hat, der in der Londoner und in der New Yorker Version von 1851 möglichst gleich klang (und in beiden vorhanden war) – und ohne nennenswerte Zitatqualitäten.

Hat man zwei derart unauffällige Textstücke gegoogelt, machen die Ergebnisse immer noch einen so großen Unterschied aus, dass die Anzahl der Suchergebnisse um +/– 20% changiert. Ein aufstrebender Magister der Anglistik kann gerne mal einen Side-by-Side-Vergleich anstellen, dann kriegt er einen Gastbeitrag. Von der maßgeblichen, philologisch durcherschlossenen Northwestern-Newberry Edition abzuweichen stiftet nur Verwirrung.

Was den vorhandenen 40–55 Online-Volltexten gemein ist: Keiner davon legt Rechenschaft darüber ab, auf welche gedruckte Version er sich bezieht. Nach annähernd einem Jahr Moby-Dick 2.0 lässt sich arbeiten sich mit, verweise ich mit intuitiv reinem Gewissen auf:

Bild: ƒ€ñЀ®èLLÅ; Lizenz: Public Domain.

h1

Emmaline is sugar and spice and all things nice

10. Juli 2007

Emmaline Austere's Banner

Jane Austen ist nicht, wie man so leicht glauben möchte, eine Art vierte Brontë-Schwester (na gut, es waren 5 plus 1 Bruder; die schreibenden – und veröffentlichenden – lassen sich aber auf Charlotte, Emily [Jane] und Anne einschränken), sondern ist schon wieder gestorben, als die älteste Brontin geboren wurde.

Die Austen war also keine viktorianische Pest, sondern hat sie schlimmstenfalls vorweggenommen, und das ist ja schon wieder eine Leistung. Die Welt, die sie da geschaffen hat, kann man mögen oder nicht, aber es ist eine in sich geschlossene, die mindestens so mythologisch und zitierfähig geworden ist wie die altgriechische Götter- und Heldenwelt oder Der Herr der Ringe, die Mutter aller Fantasy. Was sie ihrem Jugendwerk parodierte, hat Herman Melville als Gegenpol zu seinem eigenen Schreibansatz gekannt, und konnte daher nur warnen, bloß nicht seinen Moby-Dick zu lesen, wenn einem dergleichen gefiele:

Don’t you buy it – don’t you read it, when it does come out, because it is by no means the sort of book for you.

So gesehen ist es ein Verlust für alle Beteiligten, dass er Jane Austen nicht mehr erleben durfte, die es unter Verwendung der inkriminierten Seidentüchlein-Elemente besser konnte.

Emmaline Austere goes Sarah PhotogirlNicht ganz erforscht ist dagegen, ob Emmaline Austere nicht doch das siebente Brontë-Geschwister war. Offensichtlich stand sie anno 1888 in ihren blühenden Zwanzigern und könnte somit eine späte Hervorbringung des Haworther Landpfarrers sein. Ihr Veröffentlichungsmodus stellt sich weit weniger privilegiert dar als der ihrer großen Schwestern, die ja ihrerseits immer noch online umherspuken, dafür dokumentiert sie auf ihrer prächtig erhaltenen Website mit großem Talent und britisch dunkelgrau nebelverhangenem Galgenhumor den Hinschied ihrer Verwandtschaft, als wäre sie Sarah Photogirl persönlich.

Angelica Evangeline Bartholomew’s Book of Ugly (ihr erstes Kinderbuch, quasi David Copperfield auf eine Dreizehnjährige gemünzt, die vermittelst ihrer Kamera das Londoner East End bedroht), Angelica Evangeline Bartholomew and the Diary of Dreadful Deeds, Angelica Evangeline Bartholomew and Grandma’s Treasure Map, Ferdinands Family und Roadkill aus ihrer Feder sind demnächst im internationalen Buchhandel erhältlich, und wenn das passiert, verlassen Sie sich drauf, dass Moby-Dick 2.0 darüber berichten wird.

Sollte Frau Austere ebenfalls nichts mit den Brontës zu tun haben, dann aus anderen Gründen als Herman Melville. Dafür sieht sie besser aus. Noch Genaueres erfahren zu wollen, wäre vermessen.

Emmaline Austere

Bilder: Sarah Photogirl; Lizenz: Creative Commons.

h1

Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber

20. Juni 2007

Jendis gegen Rathjen: Ein Fall aus der Übersetzerszene, 1991–2004

Update zu Vom Umgang mit Ungeheuern und Urtexten:

Manches darf eine Melville-Übersetzung sein, nur nicht zaghaft und harmoniebedürftig.

Paul Ingendaay

… als gälte es den Nachweis, daß Melville ein miserabler Schriftsteller war.

Dieter E. Zimmer

Der Vorgang ist Jahre her und zuverlässig abgeschlossen. Die Primär- und die Sekundärmaterialien sind vollständig versammelt. Betrachten wir sie desto klarer aus der Distanz.

Matthias Jendis mit seiner ÜbersetzungMan könnte einen moderneren Vergleich wählen, wenn es einen passenderen gäbe – aber die Moby-Dick-Übersetzung von Matthias Jendis ist die Beatles, die von Friedhelm Rathjen ist die Rolling Stones.

Dass die beiden Übersetzungen, die siebte und achte deutsche insgesamt, in Konkurrenz zueinander herausgegeben wurden, ist kein Insider-Geheimnis; der Streit wurde öffentlich ausgetragen: vornehmlich im Schreibheft 57 vom September 2001.

1991 stand Herman Melvilles 100. Todestag an. Norbert Wehr, der Herausgeber der Literaturzeitschrift Schreibheft, erkannte die Wichtigkeit des Datums, gab 1990 (leider vor der Zeit der Online-Archive) eine Sondernummer zu Melville heraus und plante die Maßstäbe setzende deutsche Werkausgabe, die man schon lange schmerzlich vermisste.

Herausgeber heißt: weder Autor noch Übersetzer noch Verleger. Das sind Funktionen, die ein Herausgeber selbst versehen kann, die er aber normalerweise vergibt. Als Übersetzer beauftragte er Friedhelm Rathjen, der sich als ein Übersetzer vom Mark Twain und Robert Louis Stevenson sowie als Experte für Joyce und Beckett empfahl, als Verlag zeigte sich nach dessen ersten Übersetzungsproben für Moby-Dick Hanser interessiert. Alles wunderbar.

Friedhelm Rathjen, GASL-MitgliedHanser benannte den Initiator Norbert Wehr, den Literaturkritiker Hermann Wallmann und Paul Ingendaay als Herausgeber, Rathjen übersetzte in Rekordzeit bis 1993 den Moby-Dick fertig.

Und dann passierte erst mal gar nichts mehr. Warum, muss man Hanser fragen, vielleicht antwortet ja jemand. Rathjens Manuskript ruhte fünf Jahre beim Verlag, die drei Herausgeber hatten sich schon 1996 Aussichtsreicherem zugewandt.

Unversehens winkte das Jahr 2001, was bedeutet: zehn Jahre nach Wehrs Ausgangsidee und 150 Jahre nach Ersterscheinen von Moby-Dick. Nun erkannte seinerseits der Hanser Verlag die Wichtigkeit des Datums und fand einen neuen Herausgeber für die Melville-Ausgabe: Daniel Göske, Professor für Amerikanistik/Literaturwissenschaft in Kassel. Guter Mann, 1988 über Melville promoviert, Übersetzer für Joseph Conrad, keine Gegenanzeigen. Aber dann las er Rathjens Moby-Dick und befand: Geht nicht, kommt nicht in meine Melville-Ausgabe – und zog Matthias Jendis hinzu. Guter Mann, Seefahrer, Übersetzer für seekriegshistorische Romane, keine Gegenanzeigen. Göske einigte sich mit Rathjen, mit dem dritten Mann Jendis eine Kompromisslinie anhand der schon mal vorliegenden Version zu verfolgen.

Nun arbeitete Jendis allerdings dermaßen gründlich, dass Rathjen sein Manuskript nicht wiedererkannte, nichts mehr damit zu tun haben wollte und seinen Namen davon zurückzog. Rathjen bekam die Rechte an seiner Übersetzung zurück, Jendis firmierte bei Hanser als neuer Übersetzer. Ob aus unüberbrückbaren Differenzen, verlagspolitischer Taktik, Qualitätsbedenken oder Finanzierungsproblemen, plötzlich haben wir 2001 zwei Moby-Dick-Übersetzungen. Den Leser freut’s.

Die Jendis-Übersetzung bei Hanser war am 17. September 2001 pünktlich zum 150. käuflich, zur selben Zeit brachte der alte Herausgeber Norbert Wehr im Schreibheft 57: Die Weiße des Wals Auszüge aus der ursprünglichen Rathjen-Übersetzung nebst kritischen Besprechungen der beiden Versionen, als ob es Zufall wäre.

Das war die Vorlage für die meisten folgenden Besprechungen. Ein Feuilletonist konnte Jendis gut finden oder Rathjen oder sogar beide, es gab Argumente für alles und das Gegenteil davon. Wer in dieser berüchtigten Nummer 57 nicht zu Wort kam: der konkurrierende Übersetzer Jendis.

Nun das deutsche Feuilleton die Übersetzungen nebeneinander vergleichen konnte, stellte sich einmal mehr heraus, wie sperrig Rathjen doch übersetzen konnte. Texttreu, ja – aber um welchen Preis! Dieter E. Zimmer, einer der hellsten Köpfe für Wissenschaftsjournalismus und brillantesten Überseter, die wir haben, bescheinigte Rathjen in der „Zeit“ vom 15. November 2001, „das Befremdende an der Sprache des Moby-Dick in ein ebenso befremdendes, verkorkstes Deutsch zu überführen“. Das Info-Blatt 6 des ADÜ Nord (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer Norddeutschlands e.V.) vom Dezember 2001 beherbergt online Zimmers „Zeit“-Artikel einschließlich der Vergleiche zwischen nicht nur den beiden inkriminierten Übersetzungen: im .pdf ab Seite 4.

Cover Rathjen-ÜbesetzungWie aus Trotz beheimatete Wehr, ein Lapsus in der Zahlenmystik, am 8. Dezember 2004 “seine” Übersetzung in ihrer Gesamtheit doch noch bei Zweitausendeins, dem Verlag für abgelegene Kuriositäten.

In den Anhang ist Rathjens Werkstattbericht „Öffentliche Erinnerungen und Bekenntnisse eines selbstgerechten Übersetzers“ unter der Überschrift „Wie ich Moby-Dick übersetzte“ aufgenommen, der sich wie eine ausführliche Rechtfertigung für seine Arbeitsmethode liest. Eine boshafte Erklärung dafür ist, dass Rathjen in seinem vorgelegten Rekordtempo ein Ergebnis abgeliefert hat, das seinen eigenen Ansprüchen nicht genügte, und diesen „Pfusch“ nun auf eine rationale Ebene hob.

Ist es Zufall, dass er sich mit seiner eigenen Arbeitsmethode ausgerechnet auf die von Daniel Göske beruft, der in der Frühphase des Geschehens 1991 Melvilles Tagebuch der Europareise 1856/57 für Gachnang & Springer mit ähnlichen Ansprüchen übersetzte und Rathjen später auf seiner Übersetzung sitzen ließ? Hat Rathjen seine Übersetzung schnell runtergehackt – heißt er sie doch selbst eine „Übersetzerfron“ – und lieber den Aufwand der nachträglichen Rechtfertigung in Kauf genommen? Dann wäre die ganze Auseinandersetzung aus Arbeitsökonomie und Angstbeißen entstanden.

Moby-Dick Melville/Jendis/GöskeIm jüngeren deutschen Verlagsgeschehen zählt dieses wohl doch nicht ausschließlich sachlich zu begründende, sich immerhin über 13 Jahre hinziehende Hickhack zu den durchaus spektakulären Streitigkeiten. Verlage gelten als Kuschelbranche, was daher kommt, dass sie auch in materialistischen Zeiten Menschen anlocken (und in Führungspositionen vorlassen), die sich als Liebhaber von Büchern und stiller, geistiger Betätigung verstehen. Auch wenn Verlage natürlich wirtschaftliche Gewinne anstreben, denn ein bankrotter Verlag ist ein schlechter Verlag. Erklärte Liebhaber von Geld fahren besser, wenn sie Investmentbanker werden.

Der Übersetzerstreit wollte eigentlich gar keiner sein, meint deshalb Elke Biesel in Vom Umgang mit der „Monstrosität“. Streit um eine Melville-Übersetzung in jenem möglicherweise in kriegerischer Absicht melville-thematischen Schreibheft 57. Das Duell ist aus Sicht des Lesers, der sich weder um Verlagsinterna noch um persönliche Nickeligkeiten unter Übersetzern scheren muss, ein Duett.

Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht der Beitrag von Paul Ingendaay im gleichen Heft: Walgesänge bei Gegenwind. Vom Lesen, Übersetzen und Rezitieren sowie einigen Besonderheiten in Friedhelm Rathjens Moby-Dick. Ingendaay war, wir erinnern uns, einer der drei zuerst vorgesehenen Herausgeber der Rathjen-Version. Auch wenn in seinem Direktvergleich letztendlich Rathjen gewinnt, nimmt er die Lösungen, zu denen Jendis gelangt ist, anständigerweise ernst. In seiner Darstellung wird deutlich, was Rathjen den Ruf als sturster Übersetzer Deutschlands eingetragen hat.

Nicht nur John Hustons Verfilmung ist ein solcher Kompromiß. Auch Friedhelm Rathjens Übersetzung, die hier als Stapel von Kapiteln vor mir liegt, ist es. Denn sie strebt Reinheit, Genauigkeit, Sperrigkeit, Knorrigkeit an – wenn’s sein muß knorriger als das Original –, sie kündigt jede Übereinkunft mit lieblichem Übersetzerdeutsch auf und ist doch nur eine weitere Variation der langen Aneignungsgeschichte dieses Romans. Nicht Schaufenster, sondern Sprachlabor und Wortmuseum, das ist Rathjens Moby-Dick. [...]

Das laute Lesen hat mir Ohren und Augen geöffnet. Plötzlich nämlich wurde die manchmal kauzige Orthographie, zu der Rathjen sich bemüßigt fühlt, gegenstandslos (was sie in Wahrheit ja auch ist). Ich löste mich von der gedruckten Seite und überließ mich dem Klang und dem Rhythmus dieses Deutsch, das Rathjen schreibt. Jetzt zeigten sich Wucht und Klarheit des Textes, nicht trotz, sondern gerade wegen der sprachhistorisierenden Syntax, des älteren Vokabulars und der völligen Unerschrockenheit gegenüber langen Satzperioden. [...]

Und dann doch wieder zusammenfassend:

Zu Recht beklagen Übersetzer und Lektoren, wie leicht es sich Rezensenten mit der Übersetzungskritik machen. Drei Belege, knackig zitiert, und das Urteil ist fertig. Mehr als sechs Zeilen braucht man dafür nicht. Im vorliegenden Fall kann und darf es darum nicht gehen. Jeder muß sich selbst in Rathjens Moby-Dick fallen lassen und sehen, wie und wohin der Wal ihn trägt. Wenn die Gewißheiten darüber, wie Weltliteratur des 19. Jahrhunderts auf deutsch zu klingen habe, erschüttert werden, ist viel gewonnen.

Ingendaays angenehm unprätenziöse Implikation: dass dieses gelehrte Vergleichen von Übersetzungen doch ein höchst elitärer Sport ist. Man weiß von Leuten, die kennen Moby-Dick als Film oder bestenfalls in einer zuschanden gekürzten Kinderausgabe, die taktvoll verschweigt, welche Altübetzung sie da verunglimpft hat – und leben in der gleichen schönen Gewissheit wie ein englischer Philologe, sie kennten ihn.

Der Roman konnte ohnehin über alledem stehen, er erlebte dergleichen nicht zum ersten Mal: Schon die Urausgabe 1851 war in zwei Versionen erschienen, einer britischen und einer US-amerikanischen.

Unabhängig davon, auf welchen Wegen gleich zwei Übersetzungen entstanden sind, deren jede die bis auf weiteres gültige sein will, für das lesende Publikum ist die Doppelung ein Gewinn. Wir haben Jendis als überaus ordentliche, lesefreundliche, moderne Version, und wir haben Rathjen als Schnellreferenz, um im eigenen Mutteridiom festzustellen, welchen Tonfall Melville gemeint hat, beides reife Leistungen mit allen Vor- und Nachteilen. Jendis, um vor interessierten Laien anzugeben, und Rathjen als Gelehrtenspaß, um kleine Mädchen zu erschrecken.

Der Vorteil beim Jendis-Buch: der üppige Anhang mit Nachwort und Stellenkommentar auf dem aktuellen Stand der Forschung; der Vorteil beim Rathjen-Buch: der ebenfalls üppige Anhang mit “Texten aus dem Quellgebiet”, die wichtigsten davon erstmals deutsch und überhaupt mal allgemein zugänglich, und die 1930er Illustrationen von Rockwell Kent, erstmals vollständig in einer deutschen Ausgabe. Handliche Schmöker und Bücher fürs Leben sind sie beide.

Vor diesem Hintergrund etwas genauer skizziert, ist Jendis doch nicht die Beatles, sondern die Beatles mit Charlie Watts am Schlagzeug, und Rathjen doch nicht die Rolling Stones, sondern die Rolling Stones in einer Besetzung mit Captain Beefheart.

Walkampf, ADÜ Nord, Info-Blatt Dezember 2001

h1

(… und hört schon auf, mich dauernd Ismael zu nennen)

26. Mai 2007

Update zu Nennt mich nochmal Ismael:

My name is Arthur Gordon Pym.

Eddie the Divine Poe: Arthur Gordon Pym, 1838

Let me call myself, for the present, William Wilson.

Derselbe: William Wilson, 1839

Call me Ishmael.

Herman Melville: Moby-Dick, 1851

Mit dem ersten Satz wird der Stein ins Rollen gebracht. Der erste Satz ist Versprechen, Duftmarke, Rätsel, Schlaglicht – kurz: der Brühwürfel, mit dem die ganze folgende Suppe gekocht wird.

Thomas Brussig zum Wettbewerb Der schönste erste Satz, 2007

Wisconsin Library 1956Der erste Satz ist wichtig. In der Liebe wie auch in der Literatur. Ein guter erster Satz entscheidet oftmals schon darüber, ob wir uns in einen Menschen oder in ein Buch verlieben, ob wir berührt werden und uns voller Neugier auf das Versprechen einer guten Geschichte einlassen.

Die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen zu ihrem Wettbewerb Der schönste erste Satz

Mir ist ja vor Jahrzehnten mal aufgefallen, dass der alte “Call me Ishmael” gleich zwei Vorläufer bei Poe hat: “Let me call myself, for the present, William Wilson” und “My name is Arthur Gordon Pym”. Das scheint vor lauter Schlichtheit doch eine wahre Eintrittskarte zum Club der Klassiker zu sein…

Der Wolf diskutiert bei Nicole Rensmann

Wie froh bin ich, dass ich weg bin!

Der junge Goethe: Die Leiden des jungen Werther(s)

Ich bin dann mal weg.

Hans-Peter Kerkeling: Ich bin dann mal weg

Ich heiße Lisa. Ich bin ein Mädchen. Das hört man auch am Namen.

Astrid Lindgren: Wir Kinder aus Bullerbü, 1954

Das schönste erste Banner

h1

Niemand gehört dermaßen hierher wie du

16. April 2007

Just another Leitfaden für junge Schriftsteller:

Miranda July in MyspaceJunge Autoren werden nicht entdeckt (ich hab das mal versucht). Entweder bleiben sie bis zur Vergreisung auf einer Sachbearbeiterstelle in der Wettbewerbsphase stecken, oder sie veröffentlichen bei Books on Demand, gründen mit sehr viel Mut und Fachwissen einen eigenen Verlag, oder sie sind der leibhaftige Stuckrad-Barre und haben’s einfach nicht nötig, was schon mal eine angenehmere Vergreisungsmöglichkeit als die erste sein muss.

Oder wie der frühe Stuckrad-Barre und der frühe Melville werden sie zum literarischen Sexsymbol ausgerufen. Das passiert allerdings, wie diese beiden Präzedenzfälle lehren, nach zwei erfolgreichen Romanen, ist also keine verlässliche Lösung.

Neu im Web 2.0: Mit den Mitteln von Web ca. 0.1 seine eigene Autoren-Werbeseite bauen, flashfrei und sogar ohne vollwertige Abwischtafel.

Willkommen to the Literaturbetrieb, Miranda July: No one belongs here more than you.

h1

Dick-Vergleich

20. März 2007

Call me Jonah.
Kurt Vonnegut: Cat’s Cradle, 1963.

Man vergisst leicht, dass vor Call me Ishmael schon einiges kommt. Die Etymology (Wortkunde) und die Extracts (Auszüge) nämlich. Die Keele University Staffordshire liegt in England und war sich trotzdem nicht zu schade, ein Institut für American Studies einzurichten. Besser noch: sowohl Melvilles Etymology als auch seine Extracts fortzuführen: mehr als Moby-Dick, jünger als Moby-Dick, origineller als Moby-Dick. Das läuft sichtlich auf den traditionellen Flukenvergleich zwischen England und Amerika hinaus, wirkt aber segensreich auf die Sammelfreunde literarischer Footage.

Mitmachen dürfen Sie auch.

h1