Archive for the '~ Schifffahrtsmuseum ~' Category

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(All together now:) Heathcliff!!

20. Januar 2008

Update zu Emmaline is sugar and spice and all things nice (available in English) und Brontësaurus:

Haben Sie mal versucht, den Text zu verstehen? Und? Geschafft? Merken können? Und mit diesem Wissen versucht mitzusingen? Mitgehalten? Danach nur noch versucht mitzupfeifen? Wenigstens die Melodie gemerkt? Genervt aufgegeben und fortan mitleidig den überkandidelten Ausdruckstanz bespöttelt? — Willkommen im Club.

Aussichtslos, geliebt, gehasst, verehrt, verachtet, aber niemals mitgesungen (außer von ein paar Profis) seit 30 Jahren: Am 20. Januar 1978 erschien die Single Wuthering Heights von Kate Bush, ab 17. Februar Bestandteil ihres Debüt-Albums The Kick Inside.

Kate Bush 1978 in a boxDieser Text, hinter den man dann doch unbedingt kommen will, weil er offenbar von etwas anderem handelt als Ich-hab-dich-lieb, aus Sicht der seit langem verstorbenen Catherine Earnshaw, wie sie sich an ihren Peiniger wendet und alles in und an ihr zu ihm zurückdrängt; dieser in Schüben voranschlängelnde Rhythmus; diese Melodie, in der man kaum Strophe, Bridge und Refrain vorhersagen kann; dieses Micky-Maus-Falsett einer Besessenen! — Dieses Lied sperrt sich, sticht und spukt auf allen Ebenen. Hat jemals jemand bezweifelt, dass die achtzehnjährige Kate das Lied innerhalb weniger Sommernachtstunden mit Blick zum Dachfenster hinaus auf den Vollmond nicht irgendwie profan “schrieb”, sondern vielmehr: empfing?

Es geschah nach Inspiration durch den Film Wuthering Heights, es war die Verfilmung von 1970, das ist die mit Timothy “James Bond” Dalton, es waren deren letzte zehn Minuten, und es war nach der Erkenntnis, dass Kate Bush den Geburtstag mit Emily Brontë teilt, nur exakt 140 Jahre verschoben, der Schöpferin dieser unglaublichen Buchvorlage.

Eine Verkettung nachgerade diskordischer Zufälligkeiten, und in den Videos und den gut dokumentierten Fernsehauftritten tanzt sie wahrscheinlich satanische Botschaften rückwärts (der Blick! der Blick!), aber ich wüsste nicht, dass dieses Lied schon mal jemanden kalt gelassen hätte.

Damit wurde Kate Bush 19-jährig die erste Frau, die ein selbst komponiertes und aufgeführtes Lied vier Wochen lang auf Platz 1 der englischen und amerikanischen Charts halten konnte — ein Rekord, der sich seither nicht gerade wöchentlich wiederholt. David Gilmour von Pink Floyd entdeckt keine Luschen, die Besetzung von Alan Parsons Project arbeitet nicht mit Versagern zusammen. Maritimes Randwissen: The Saxophone Song, das zweite Lied auf The Kick Inside, wird von Walgesang eingeleitet.

Tori Amos 1992 in a boxSelbst Tori Amos, als Fee eben doch keine allschaffende Göttin, außerdem fünf Jahre jünger, beruft sich auf Kate Bush. Man glaubt es ihr, denn bösartig gesagt, kann sie genauso sphärisch Klavier klimpern und drei Oktaven zu hoch singen. Sogar Toris Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und der Zusammenhang zwischen Patriarchat, Religion und Gewalt verblassen neben Kates frühen Vertiefungen in Geschwisterliebe, Atomkrieg und die Faszination der Zahl Pi. Dafür lebt Tori praktisch tingelnd, während Kate seit 1979 auf keiner Tournee mehr war. Irgendwie war sie trotzdem immer da, vor Tori Amos, vor Björk, ja vor Madonna gar (17 Tage jünger als Kate Bush).

Am 30. Juli 2008 wird Catherine Bush 50, Emily Brontë wird 190. Glückwünsche zum 30. von Wuthering Heights werden Frau Bush via ihre Fansite auf Myspace übermittelt.

Links:

Kaufen, kaufen, kaufen:

Bonus Track:

Single Wuthering Heights, 20. Januar 1978

Bilder: Kate in a box, 1978: El Vagon Alternativo;
Tori Amos in a box für Little Earthquakes, 1992: Pearl Jam;
Single Wuthering Heights, 20. Januar 1978: The Kick Inside Page, Gaffaweb.

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LiederJan Mayen und die Wahrheit über den alten Flegel

13. Januar 2008

Elke macht ein Update zu ihrem Und Jan Mayen, der alte Flegel:

Elke HegewaldKennt noch jemand Liederjan?

Ganz am Anfang der Siebziger, als sie noch Irish Folk sangen, nannten sie sich Tramps & Hawkers. Und dass deutsches Volksliedgut oder solches, das eins sein will oder könnt’, auch anders geht als im Musikantenstadl, haben sie in ihrer dreißigjährigen Bühnengeschichte fraglos bewiesen. Sie haben irgendwann sogar angefangen, selber welches zu schreiben. Und dürfen mit Fug und Recht den Titel dienstälteste deutsche Folkgruppe für sich beanspruchen. Obwohl der dritte Mann des Trios zugegebenermaßen in den Jahren mehrmals gewechselt hat. Zum vorerst letzten Mal und zugleich überaus augenfällig, als nach dem Tod eines der beiden verbliebenen Gründerväter (Anselm Noffke) 2003 die erste Lieder-Jana, die in Wirklichkeit Hanne heißt, die Truppe veredelte.

Ihr Markenzeichen sind der gepflegte Satzgesang und die Verwendung exotischer Streich- und Zupfinstrumente, die nicht nur den Mittelalteraffinen und -fininnen unter uns das Herz aufgehen lassen. Oder sind die Zeiten längst vorbei, da die unverbesserlichen Romatiker am Lagerfeuer gern ein Opus dieser Urviecher unter den Volksbarden zur eigenen Klampfe nachträllerten?

Jan Mayen View towards south as seen from the Beerenberg Glacier, picture postcardHa, und deren Angewohnheit, in verstaubten Büchern nach alten, vorzugsweise unbekannten Liedern fürs eigene Repertoire zu kramen, lässt sie nun gar in die Annalen des Moby-Dick-Blogs eingehen. Fiel ihnen doch auch die in norddeutschen Walgründen überaus bewanderte Glückstädterin Wanda Oesau und vor allem deren schmalbrüstiger Jan Mayen, der alte Flegel, in die Hände, hier als — wenn auch weitgehend vages — Fundstück längst verbloggt. Und — tadaaa! — sie haben ihn lebendig besungen, wahrscheinlich als erste und einzige nach den ollen Waljägern anno dunnemals. Auf ihrem antiken Scheibchen Mädchen, Meister, Mönche von 1978 nämlich:

Und Jan Mayen, der alte Flegel

Alle segeln nach dem Norden in das eisigkalte Meer
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Groß und stolz die Flagge wehet in der Luft am Großmasttopp.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Joan Blaeu-Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita estZusammen mit dem “Grönländischen Wachtlied”, einem Einströpher zum Wecken der nächsten Wache, und “Unser Bootsmann”, einem derb-zotigen Spottliedchen auf einen solchen selben ist es dort in der Nummer “Wallieder” zu finden.

Mit diesem Fang erhellt sich uns auch schlagartig und auf überraschende Weise die Identität des alten Flegels. Entgegen naheliegender Vermutungen der Ahnungslos-Unwissenden – und auch wenn die Norwegen-Freunde jetzt aus dem Grinsen über mich überhaupt nicht mehr rauskommen – ist der aktuelle Jan Mayen nämlich kein besoffener Maat von der Art des soeben bespöttelten Bootsmanns. Ein unwirtliches Eiland ist’s, gelegen sehr, sehr nördlich, zwischen Grönland und Spitzbergen, und den alten Walfängern als Wegweiser auf stürmischer See dienend:

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick…

sangen sie in ihrem Shanty, wenn sie, womöglich in den Wanten schindernd, an ihm vorbeisegelten. Hei, doch seinen Namen hat es von einem Walkapitän, wie der finstere Ahab einer war: dem Niederländer Jan Jacobs May van Schellinkhout (genannt Jan May), der sich zwischen 1614 und 1635 gelegentlich auf der Insel herumtrieb.

Ismael und seine Kameraden haben Jan Mayen Island nie gesehen, jedenfalls nicht auf der Jagd nach Moby Dick. Die Pequod segelte auf der andern Seite der Welt entlang, gen Süden. Und endete irgendwo da hinter Australien…

Aber dafür kann der alte Jan Mayen nix.

Bilder: Vidar’s Jan Mayen Page;
Joan Blaeu (Amsterdam 1596—1673):
Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita est;
RGBfoto.
Film: Liederjan: Auswandererlied, WDR Folkfestival, 1978.

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Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen

29. Dezember 2007

Update zu Prokrastination jetzt! und Warum die Doppelgängerin Moby-Dick voraussichtlich nicht lesen wird:

Liedchen

Die Zeit vergeht.
Das Gras verwelkt.
Die Milch entsteht.
Die Kuhmagd melkt.

Die Milch verdirbt.
Die Wahrheit schweigt.
Die Kuhmagd stirbt.
Ein Geiger geigt.

Joachim Ringelnatz: Liedchen, in: 103 Gedichte, Seite 7, 1933

Constantin Brancusi, Portrait James Joyce 1929Als James Joyce nach sechzehn Jahren Arbeit, wegen schleichender Erblindung mit dem Zimmermannsbleistift, mit dem verzwicktesten Buch der Welt, Finnegans Wake, fertig wurde, hatte er gut Lust, ein sehr einfaches Kinderbuch zu schreiben. Wenn dieser Salat — oder muss man es eine Bouillabaisse nennen? — hier fertig ist, was im Laufe von 2014 oder so passieren müsste, bloggen wir auch was ganz Überschaubares.

Es darf gerne etwas Deutsches sein, das recherchiert sich leichter. Kürzlich ist mir wieder jenes alte Haus-, Hof-, Leib-, Magen- und Seelengedicht von Joachim Ringelnatz ein- und aufgefallen, das mir und Ihnen und unseresgleichen von den ersten jugendlichen Manifestationen des Charakters an lebenslang an die Wand genagelt gehört.

Das Frappierende daran ist, dass man mit jeder Zeile davon ein Leben lang nicht fertig wird. Allein die Stelle mit dem Kunitzburger Eierkuchen, wie sie gesagt und wo sie eingebaut wird, ist der Anstoß zum Radikalen Konstruktivimus.

Ideal zum Bloggen; ich denke daran, jede Zeile als eigene Kategorie zu definieren und den Schreibfluss mindestens so lange durchzuhalten, wie wir für Moby-Dick — Futur II: — gebraucht haben werden. Das hätte Tiefgang und wäre schlicht genug, dass die Menschen es haben wollen. — Vorsicht, die Händebreit Wasser unterm Kiel werden gleich ein letztes Mal für heuer seichter.

Wir lesen uns 2008.

Ansprache eines Fremden
an eine Geschminkte
vor dem Wilberforcemonument

Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin? – Sie meinen, wie ich heiße?

Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Denn ich schenke dir drei Pfund.
Denn ich küsse niemals auf den Mund.
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
Doch du darfst mich um drei weitre
Pfund betrügen.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur. –
Übrigens war ich – (Schenk mir das gelbe
Band!) – in Altona an der Elbe
Schaufensterdekorateur. –

Hast du das Tuten gehört?
Das ist Wilson Line.

Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein!
Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.
Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.

Wie du mißtrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.
Ich weiß: Du wirst lachen.
Ich weiß: daß sie dich auch traurig machen.
Obwohl du sie gar nicht verstehst.

Und auch ich –
Du wirst mir vertrauen, – später, in Hose und Hemd.
Mädchen wie du haben mir immer vertraut.

Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Da wohnt meine Mutter. – Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut!

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. –
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Das ist nun kein richtiger Scherz.
Ich bin auch nicht richtig froh.
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo
Im Muschelkalk.

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument, in: Kuttel-Daddeldu, Seite 61f., 1923

Lied (Hold onto nothing as fast as you can — still: a pretty good year):
Tori Amos: Pretty Good Year, aus: Under the Pink, 1994;
Bild: Constantin Brancusi: Frontispiz aus James Joyce: Tales Told of Shem and Shaun, Paris 1929. Portrait von James Joyce ohne Antlitz.
Das untere ist eins von Gil Elvgren.

Schöne Restfeiertage von Gil Elvgren

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A Note on “Isle of the Cross”

19. November 2007

So forget Isle of the Cross, the “lost” work that Melville wrote after Pierre (1852). Better yet, consider it found and read it in “Norfolk Isle and the Chola Widow“, the eighth sketch of The Encantadas. Melville’s tale of a grief-struck lady named Hunilla has “Island” and “Cross” stamped all over it.

Melvilliana: Dragooned!: Ten Traces of Herman Melville in
“Scenes Beyond the Western Border” (1851-1853)

The following text first appeared in — and is copyrighted by — the most inspiring Melvilliana site by Stephen Scott Norsworthy. With his explicit and friendly permission, we recover this utterly enlightening and entertaining piece of science from the Google cache. Emphases, spellings and (lacking) links appear as given in the primary text.


A Note on “Isle of the Cross”

Neversealand's Mermaid 28 September 2007Following the publication of Pierre in August 1852, Herman Melville worked slavishly on one or more writing projects for the rest of 1852 and the early months of 1853. On 20 April 1853, Melville’s mother Maria alluded to a “new work, now nearly ready for the press” (Letter to Peter Gansevoort; quoted in Parker, V2.154). Other letters from family members and a late biographical note by his wife describe a period of intense activity ending nearly in mental breakdown. Elizabeth Melville never forgot that the whole family “felt anxious about the strain on his health in Spring of 1853” (quoted in Parker, V2.161).

Surviving letters from Melville to Hawthorne in 1852 document Melville’s interest in what has come to be known as the “story of Agatha.” The true tale of a woman deceived and abandoned by her unfaithful sailor-lover came to Melville’s attention in July 1852, while visiting Nantucket. In August 1852, Melville passed the account on to his friend and former neighbor, urging Nathaniel Hawthorne to make a fiction of the dramatic details. Hawthorne demurred, and after a visit to Concord, Melville decided in December 1852 to write the thing himself. The last surviving “Agatha” letter to Hawthorne, written from Boston between 3 and 13 December, identifies Melville’s working title for the project, “Isle of Shoals,” a title suggested by Hawthorne (Correspondence, 242).

Hershel Parker discovered references to “Isle of the Cross” in two 1853 letters from Melville’s cousin Priscilla to his sister Augusta. We do not have Augusta’s letters, but from the replies of Priscilla Melvill it is clear that Augusta informed their cousin of a forthcoming work by Herman called “Isle of the Cross.” On 22 May 1853, Priscilla wondered: “When will the ‘Isle of the Cross’ make its appearance? I am constantly looking in the journals & magazines that come in my way, for notices of it.” In reply, Augusta told Priscilla that Herman had finished “Isle of the Cross” and that Lizzie had given birth to the couple’s third child (first daughter) on 22 May 1853. Priscilla wrote back on 12 June: “the ‘Isle of the Cross’ is almost a twin sister of the little one & I think she should be nam’d for the heroine—if there is such a personage—the advent of the two are singularly near together” (Parker, V2.155).

Neversealand's Bettie Page-ish Mermaid 13 July 2007Parker logically and persuasively connects the working title of the “Agatha” project in December 1852, “Isle of Shoals,” with the new title mentioned in Priscilla’s 1853 letters to Augusta, “Isle of the Cross.” Around the time of the birth of Elizabeth (Bessie) on 22 May 1853, Melville completed work on a tale almost certainly inspired by the account of Agatha Hatch that he first heard about in Nantucket the previous summer.

In the second volume of his masterful biography (and before that, in a 1990 article in American Literature), Parker unhesitatingly equates “Isle of the Cross” with the unnamed “work” that Melville brought to New York in June 1853 and was inexplicably “prevented from printing.” Other distinguished Melville scholars before Parker, notably Harrison Hayford, Merton Sealts, and Walter Bezanson, had likewise suspected that the work Melville tried and failed to publish in 1853 was probably a version of the Agatha story. Parker’s discovery of Priscilla’s references to a completed work entitled “Isle of the Cross” seemed to clinch the argument, which hangs nonetheless on a tempting yet unproved and rarely examined assumption.

The logical flaw behind any unqualified identification of “Isle of the Cross” with the book Melville “was prevented from printing” is the ancient one known as post hoc, ergo propter hoc (‘after this, therefore because of this’). Melville’s New York trip in June chronologically followed his completion of “Isle of the Cross” in May, but it does not follow necessarily that the publication he meant to “superintend” was “Isle of the Cross.”

The month of Melville’s trip to New York is confirmed by newspaper reports of 11 June 1853 (in the Springfield Daily Republican) and 14 June (Boston Daily Evening Transcript): “Herman Melville has gone to New York to superintend the issue of a new work.” The rejection of the work by a New York publisher—a provisional rejection, evidently—is known from Melville’s letter of 24 November 1853 to Harper & Brothers:

In addition to the work which I took to New York last Spring, but which I was prevented from printing at that time; I have now in hand, and pretty well on towards completion, another book—300 pages, say—partly of nautical adventure, and partly—or, rather, chiefly, of Tortoise Hunting Adventure.

(Correspondence 250)

The fact is, Melville does not say the name of the work declined by the Harpers. Nor does he explain why he “was prevented from printing” the unidentified book “at that time.” We can be reasonably certain that it was a book-length work, since Melville refers immediately to “another book” (emphasis mine), and since he would not have made the journey merely to, in the words of the contemporary newspaper reports, “superintend the issue” of a single magazine piece.

Mermaid 1939 via ShorpyBasem L. Ra’ad has called attention to good textual evidence suggesting that Melville’s reworking of the Agatha story, in some version or other, may eventually have been published as the story of Hunilla in the eighth sketch of “The Encantadas.” If “Isle of the Cross” contains Melville’s artistic transformation of the “story of Agatha,” and the Agatha story became the Hunilla story, then “Isle of the Cross” is simply an earlier incarnation of the Hunilla story as we have it in “Norfolk Isle and the Chola Widow.” In the 1960’s, decades before the discovery of Priscilla’s correspondence in which Parker located two “Isle of the Cross” allusions, Reidar Eknar and Charles N. Watson, Jr. independently adduced textual links between the Hunilla and Agatha stories. Then in 1978, Robert Sattelmeyer and James Barbour identified a newspaper sketch about a “Female Robinson Crusoe” as another likely source for Melville’s tale of Hunilla. Sattelmeyer and Barbour found two printings of the sketch in November 1853, but it had been around for years. In March 1847, a Boston magazine that Melville knew, and apparently interested himself in during that very month and year (see Sealts 327 in Melville’s Reading), Littell’s Living Age (27 March 1847: 594-595), reprinted the story of “A Female Crusoe” from the Boston Atlas.

The impressive textual parallels between the Agatha and Hunilla stories, independently noticed by careful readers, along with the undeniable influence of the “Female Crusoe” article on “Norfolk Isle and the Chola Widow,” allow for a reasonable alternative to the over-easy equation of “Isle of the Cross” and the “work” that Melville “was prevented from printing” in June 1853. The alternative embraces all the evidence, textual as well as archival and biographical, and thus allows for the organic, artistic development of a basic premise or idea during the writing process.

The existence of an earlier printing of the “Female Crusoe” sketch in March 1847 means that the version of the Agatha story completed in May 1853 under the title “Isle of the Cross” may already have fused the story of Agatha and that of the female Robinson Crusoe in imaginative and unpredictable ways. Given the numerous and frequently observed parallels between the stories of Agatha and Hunilla, it is very possible that at some point, early or late, Melville dramatically set “Isle of the Cross” on one of the Galápagos islands, the setting of the Hunilla sketch. Hunilla goes to Norfolk Isle in the first place to hunt tortoises. Further possibilities, suggested by the idea of tortoise hunting on lonely, otherworldly islands, might then have prompted Melville either to make a book of his shorter fiction, or make a different book of the one he had. Melville’s November 1853 letter to the Harpers characterizes the “Tortoise Hunting Adventure” as “another book”; in other words, not the one he had unsuccessfully tried to publish in June. Perhaps “Isle of the Cross” did not get published in 1853 because Melville elected to revise and expand it into something like what we find in “The Encantadas,” serially published in Putnam’s Monthly Magazine in 1854. The simplest and most satisfying reading of all the available evidence is that “Isle of the Cross,” “Tortoise Hunting Adventure,” and “The Encantadas” are creative permutations of one and the same work.

Melville’s probable involvement in the writing or “ghostwriting” of Scenes and Adventures in the Army supplies a new candidate for the unnamed work that Melville unsuccessfully tried to publish in June 1853. The army memoir of Philip St. George Cooke comprises two different series, published a decade apart (1842-1843; and 1851-1853) in the Southern Literary Messenger. Although the last installment of the second series, “Scenes Beyond the Western Border” appeared in August 1853, the manuscript of that installment must have been finished by June, or early July at the latest. Everything but the last number was in print by May 1853. The cryptic phrases in Melville’s letter of 24 November 1853, “prevented from printing” and “at that time,” are more obviously applicable to the work that became Scenes and Adventures in the Army than to “Isle of the Cross.”

Frederic Leighton, The Fisherman and the Syren, 1856Possibly, then, Melville went to New York in June 1853 with the modest idea of “superintending” the re-publication of the two Southern Literary Messenger series in one volume. In those days a previously serialized rip-off of somebody else’s narrative might be counted a “new work,” as 1855 advertisements for Israel Potter as “Melville’s New Work” demonstrate. Nevertheless, publishers and their lawyers invariably want to settle questions of authorship and copyright. Such vexed questions as “Whose book is this, anyway?” might have been anticipated as a potential stumbling block, but Melville was not well and financially desperate, by all accounts. Suggestive evidence of a lesson learned the hard way appears in February 1854, when Herman’s brother Allan instructed Augusta (in connection with the planned serialization of “The Encantadas” in Putnam’s Monthly) to “Say to Herman that he ought to reserve to himself the right to publish his magazine matter in book form. It might be desirable & could probably be secured by agreement made at the beginning” (quoted in Parker, V2.211).

Perhaps John R. Thompson, editor of the Southern Literary Messenger, intervened to assert a claim of copyright, or perhaps Cooke himself claimed authorship and thereby “prevented” the Harpers from printing the volume as originally planned. Alternatively, the Harpers may simply have advised Melville in June 1853 not to proceed further without first obtaining written consent from Cooke and the Southern Literary Messenger, or other proofs of legal copyright. At any rate, five months later, Melville plainly believed his unnamed project was only delayed, temporarily (“at that time”), rather than crushed, forever.

In May 1854, Cooke or his silent partner finished a major effort of revision, incorporating changes to both the 1842-1843 and 1851-1853 series (Letter dated 11 February 1856 to John Esten Cooke in the Cooke papers, Duke University Rare Book, Manuscript, and Special Collections Library, Durham, North Carolina). In January 1855, Cooke himself was still trying (vainly) to interest New York publishers, including the Harpers, in the proposed volume, then called “Fragments of a Military Life” (Letter to John Pendleton Kennedy, 14 March 1855; Microfilm of the John Pendleton Kennedy Papers, ed. John B. Boles, Maryland Historical Society, 1972). In time, possibly with the aid of a literary nephew (the prolific Virginia novelist John Esten Cooke, a correspondent of Evert Duyckinck’s before and after the Civil War), the Melvillean memoir of Philip St. George Cooke finally was published by Lindsay & Blakiston as Scenes and Adventures in the Army: Or, Romance of Military Life (Philadelphia, 1857).


Works Cited

Ekner, Reidar. “The Encantadas and Benito Cereno—On Sources and Imagination in Melville.” Moderna Språk 60 (1966): 258-273.

Hayford, Harrison. “The Significance of Melville’s ‘Agatha’ Letters.” ELH, A Journal of English Literary History 13 (December 1946): 299-310.

Melville, Herman. Correspondence. Ed. Lynn Horth. Evanston and Chicago: Northwestern University Press and The Newberry Library, 1993.

Parker, Hershel. Herman Melville’s The Isle of the Cross: A Survey and a Chronology. American Literature 62 (March 1990): 1-16.

__________. Herman Melville: A Biography. Volume 2, 1851-1891. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2002.

Ra’ad, Basem L. “‘The Encantadas’ and ‘The Isle of the Cross’: Melvillean Dubieties, 1853-54.” American Literature 63 (June 1991): 316-323.

Sattelmeyer, Robert, and James Barbour. “The Sources and Genesis of Melville’s ‘Norfolk Isle and the Chola Widow.’” American Literature 50 (November 1978): 398-417.

Sealts, Merton M., Jr. “The Chronology of Melville’s Short Fiction, 1853-1856.” Harvard Library Bulletin 28 (1980): 391-403. Rpt. Pursuing Melville 1940-1980. Madison: University of Wisconsin Press, 1982, pp. 221-31.

__________. Melville’s Reading. Columbia: University of South Carolina Press, 1988.

Watson, Charles N., Jr. “Melville’s Agatha and Hunilla: A Literary Reincarnation.” English Language Notes 6 (December 1968): 114-118.

Lost Lady

Text: Stephen Scott Norsworthy;
Images: Neversealand Today’s Mermaid 28 September 2007 and 13 July 2007;
Florida Mermaid 1939 via Shorpy;
Frederic Leighton: The Fisherman and the Syren, 1856–1858;
Lila DiPasqua.

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Mobylat

5. November 2007

Update zu Moby-Dick als Comic:

Bild: selber gemacht. Die Salbe der Wal: Mobilat.

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Lady Liberty Enlightening the World Since 121 Years

28. Oktober 2007

Update to New York 1660 and The New York Rant:

Frédéric Auguste Bartholdi's Design PatentThe pedestal block supporting the Statue of Liberty has been financed by the people of New York. Only the statue was a gift from France, as a recognition for the friendly relations between France and young America. However, the latter was left alone with the problem where (and whether) to erect the bounty from the large heart of the freedom-loving country overseas. — French.

French again: Liberty is pictured as a beautiful lady. Architect and sculptor Frédéric Auguste Bartholdi had designed her face after his strong-minded, dominant mother, and her body after his girlfriend — down to her Morton’s toe. Her skeleton was built by Gustave Eiffel, as a warm-up for his second Wonder of the World.

The wealthy elite of New York failed to finance a pedestal contruction, the less wealthy salt of the New York earth relied upon the upper class to provide the funds. The construction of the statue was finished in 1884, but no pedestal found.

A Hungarian immigrant named Joseph Pulitzer (right, that one with the Pulitzer Prize) felt the importance of everything the statue symbolized, and started in his time as a journalist for The World a fundraising campaign for a pedestal. From 1883, when he opened up the editorial pages of his newspaper with that call, it took another three years until the poorest people of New York had rounded up the entire amount.

Emma Lazarus, The New Colossus Bronze PlateWe may in fact imagine butchers, steelworkers, and shoeshine boys dedicating their off-Sunday to a walk to the World publishing house to donate a few cents for Lady Liberty. New York star architect Richard Morris Hunt agreed to make the drafts.

Thus the Statue of Liberty has become a genuine monument for the common people, resting on a pedestal which was literally carried together cent by cent.

Moreover, the pedestal block supporting the Statue of Liberty has been a bed for a sonnet by yet another lady, Emma Lazarus, on a bronze plaque: The New Colossus, written in 1883, engraved not before 1903.

Not like the brazen giant of Greek fame,
With conquering limbs astride from land to land;
Here at our sea-washed, sunset gates shall stand
A mighty woman with a torch, whose flame
Is the imprisoned lightning, and her name
Mother of Exiles. From her beacon-hand
Glows world-wide welcome; her mild eyes command
The air-bridged harbor that twin cities frame.

“Keep, ancient lands, your storied pomp!” cries she
With silent lips. “Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tossed to me:
I lift my lamp beside the golden door.”

At the unveiling of Lady Liberty Enlightening the World on 28th of October 1886, only the rich elite of New York had been invited, who had refused to compensate for the statue before, to hear US President Grover Cleveland thank France for their noble gesture.

The firecracks from men-of-war in New York harbour to salute President Cleveland befogged the Statue of Liberty in smoke.

German Herman Melville biographer Daniel Göske states in Ein Leben (A Life) there is no sign that Herman Melville attended the ceremonies, although or because he should have been working nearby in the customs office; it was a Thursday. For two weeks later, presidential elections were scheduled.

Übersetzung (dies ist ein teutsches Weblog): Die Freiheitsstatue wurde am Donnerstag, den 28. Oktober 1886 enthüllt, nachdem Frédéric Auguste Bartholdi nach Franzosenart seiner Freundin die Zehen nachmodelliert und unter Gustave Eiffels Beihilfe auf wahnwitzige Größe hinaufkonstruiert hatte. Diese Perversion schenkte er dem kat’exochenen Amerika als Geste der Freundschaft, um sie als Symbol von etwas, dem kein Volk der Welt widersprechen konnte, dort aufzubauen, wo man sie als erstes sieht, aber die rochen was und wollten keinen Sockel spendieren. Das schafften erst die kleinen Arbeiter, die auf eine Werbekampagne seitens des ungarischen Zeitungsschwengels und späterhinigen Literaturpreisstifters Joseph Pulitzer hin drei Jahre lang ihre letzten Kröten für einen Sockel zusammenopferten, auf dem die überzüchtete Megäre ihre grünspanigen Hammerzehen abwetzen konnte. 1903 bauten sie ihr auch noch ein Sonett hinein. Herman Melville konnte gar nicht hinsehen, auch weil die Salutschüsse für den festredenden Präsidenten Cleveland den New Yorker Hafen einschließlich Bedloe’s Island in Rauch hüllten.

Und jetzt im Ernst: Herman Melville hatte als Zollinspektor 1883 womöglich die Bauteile der Freiheitsstatue noch begutachtet, nach seiner Quittierung gibt es keine Anzeichen mehr, dass er sich noch einmal im Hafen herumgetrieben hätte, und war am Tag der Enthüllung eher mit dem Schreiben seines Testaments beschäftigt. Aber wenn es irgendwo auf der Welt ein Denkmal vom Volk fürs Volk gibt, dann die Freiheitsstatue, und das findet Moby-Dick™ dann wieder richtig gut.

Besuchet auch The True Story of the Statue of Liberty im Neatorama.

Images: Frédéric Aguste Bartholdi’s Design Patent;
Emma Lazarus: The New Colossus Bronze Plate: Public Domain.

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New Bedford bei Kaufbeuren

26. August 2007

Update zu Father Mapple Goes to the Top Again und Ahab voraus:

Schiffe ruhig weiter,
wenn der Mast auch bricht.
Er ist dein Begleiter,
er vergisst dich nicht.

Christoph August Tiedge: Urania

Schiffskanzel Irsee, Alte AnsichtskarteWas Father Mapple in Kapitel 8: Die Kanzel besteigt, ist eine Schiffskanzel und auch in Deutschland vorrätig: in Irsee, ein Stück auf der B16 nördlich Kaufbeuren im Allgäu.

Es sind immer die Landratten, die maritimer Romantik am zugänglichsten sind; man sehe sich allein die Teilnhemer an Moby-Dick 2.0 an. Joachim Ringelnatz, ein oft und gern genannter Lieblingsdichter und erfahrener Seebär mit bestechend schönen, überaus authentischen Seemannsgedichten, stammte aus Sachsen. Die Marineeinheiten der Bundeswehr schätzen den auffallenden Zulauf an Freiwilligen aus Bayern.

Und Ignaz Hillenbrand aus dem schwäbischen Türkheim, ein spärlich belegter Meister des Barock, baute 1724/25 eine sage und schreibe Schiffskanzel in die Klosterkirche der Benediktinerabtei Irsee im Allgäu.

Für die Kirche außen herum arbeitete der Maler und Stukkateur Johann Baptist Zimmermann zunächst mit seinem Bruder, dem Baumeister Dominikus zusammen, dann dann mit dem flämisch-deutschen Baumeister und Dekorateur François de Cuvilliés dem Älteren. Für das Schmuckwerk war der Bildhauer Hillenbrand in enger Zusammenarbeit mit der Kunstschreinerfamilie Bergmüller zuständig.

Der Schwabe war schon 1725 mit dem guten Stück fertig, konnte also schlecht von Moby-Dick inspiriert sein. Selbst 1851 war Father Mapples Originalkanzel noch eine stimmungsvolle freie Erfindung von Herman Melville. Wer heute nach New Bedford, Massachusetts reist, wo er dem New Bedford Whaling National Historical Park nur schwer ausweichen kann, trifft ebenfalls auf so eine Schiffskanzel in Seamen’s Bethel, Father Mapples Kirche, die 1832 fertig war und deshalb schon Melville zur Anschauung dienen konnte.

Die Kanzel in Schiffsform ist da allerdings erst 1961 nachträglich hineingebaut – und dann etwas platt in Bodennähe, nicht wie bei Melville in Ehrfurcht gebietender Höhe zum donnernden Runterpredigen und ganz ohne stilechte Strickleiter. Das war unter dem Eindruck von John Hustons Verfilmung von 1956, als plötzlich Filmfans aus aller Welt anreisten und Father Mapples Kanzel sehen wollten. Schade, dass Huston nur die Außenaufnahmen on location in New Bedford gedreht hatte; Orson Welles in der Rolle des Father Mapple predigte in Studiokulissen.

Schiffskanzel Irsee, irsee.deWas treibt nun einen Handwerker mit künstlerischen Ambitionen aus der bedeutungslosen Seefahrernation Schwaben dazu, seine Auftragskirche mit Schiffen zu möblieren? Gerade deswegen?

Das Schiff steht seit den Alten Ägyptern, vor allem auch in bronzezeitlichen Schiffssetzungen in Stein (zum Beispiel auf Gotland) für die Reise ins Jenseits. Auch die Fahrt der Pequod, symbolbeladen wie sie ist, dürfen wir als Seelenreise auf der Suche nach einer anderen Welt begreifen, und an Endzeitstimmung herrscht in Moby-Dick kein Mangel. Am deutlichsten wird das, als Queequeg sich wegen deutlicher Todesahnungen in Kapitel 110 einen Sarg schreinern lässt (hard facts nach Eugen Drewermann: Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein, Seite 449 f.).

In der mittelelalterlichen Symbolik steht das Schiff für die Kirche schlechthin: Auf dem Ozean der Welten bietet sie Sicherheit und segelt stolz durch die Stürme der Zeit, die Kirche. Und streng hierarchisch organisiert ist sie ja auch. Hören wir dazu Captain Ahab, der das wissen muss und mit geladener Muskete im Anschlag vertritt:

There is one God that is Lord over the earth, and one Captain that is lord over the Pequod. – On deck!

oder in der Jendis-Übersetzung:

Es gibt einen Gott, welcher ist Herr über die Erde, und es gibt einen Kapitän, welcher ist Herr über die Pequod. – An Deck!

Ahab zu Starbuck, Kapitel 109

Das ist doch ein Wort, hol’s der Klabautermann.


Besuchet auch die ehemalige Benediktiner-Klosterkirche in Irsee bei Johannes Michalowsky! Am besten richtig, aber wenn elektronisch, dann dort. Der hat da eine lohnende Bilderschau mit 21 großen, sonnigen Bildern von einem Ausflug von der Kirche von außen bis zum Klosterbiergarten in angenehm unprätenziösem, einsnulligem Webdesign liebevoll selbst hergestellt, die fast die Anreise erspart.

Klosterkirche Irsee, Altarraum

Bild: Irseer Schiffskanzel, Alte Ansichtskarten; Kanzel von rechts unten: Markt Irsee; Altarraum: Johannes Michalowsky.

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Voll der Moby

6. August 2007

Update zu Die Welt spricht Moby:

Lesen in der Badewanne, VintageOnline existieren etwa 50 Volltexte von Moby-Dick im englischen Original, in der deutschen Übersetzung kein einziger, was man sich mit unterschiedlich strengen Copyright-Bestimmungen in USA gegenüber Deutschland erklären mag.

Gefunden werden sie am besten, indem man einen Satz oder einen längeren zusammenhängenden Satzteil aus einer Druckversion googelt – und zwar einen Satz oder Satzteil von solcher Beschaffenheit, dass sich in ihm wahrscheinlich seit 1851 nicht viel in der Orthographie geändert hat, der in der Londoner und in der New Yorker Version von 1851 möglichst gleich klang (und in beiden vorhanden war) – und ohne nennenswerte Zitatqualitäten.

Hat man zwei derart unauffällige Textstücke gegoogelt, machen die Ergebnisse immer noch einen so großen Unterschied aus, dass die Anzahl der Suchergebnisse um +/– 20% changiert. Ein aufstrebender Magister der Anglistik kann gerne mal einen Side-by-Side-Vergleich anstellen, dann kriegt er einen Gastbeitrag. Von der maßgeblichen, philologisch durcherschlossenen Northwestern-Newberry Edition abzuweichen stiftet nur Verwirrung.

Was den vorhandenen 40–55 Online-Volltexten gemein ist: Keiner davon legt Rechenschaft darüber ab, auf welche gedruckte Version er sich bezieht. Nach annähernd einem Jahr Moby-Dick 2.0 lässt sich arbeiten sich mit, verweise ich mit intuitiv reinem Gewissen auf:

Bild: ƒ€ñЀ®èLLÅ; Lizenz: Public Domain.

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Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber

20. Juni 2007

Jendis gegen Rathjen: Ein Fall aus der Übersetzerszene, 1991–2004

Update zu Vom Umgang mit Ungeheuern und Urtexten:

Manches darf eine Melville-Übersetzung sein, nur nicht zaghaft und harmoniebedürftig.

Paul Ingendaay

… als gälte es den Nachweis, daß Melville ein miserabler Schriftsteller war.

Dieter E. Zimmer

Der Vorgang ist Jahre her und zuverlässig abgeschlossen. Die Primär- und die Sekundärmaterialien sind vollständig versammelt. Betrachten wir sie desto klarer aus der Distanz.

Matthias Jendis mit seiner ÜbersetzungMan könnte einen moderneren Vergleich wählen, wenn es einen passenderen gäbe – aber die Moby-Dick-Übersetzung von Matthias Jendis ist die Beatles, die von Friedhelm Rathjen ist die Rolling Stones.

Dass die beiden Übersetzungen, die siebte und achte deutsche insgesamt, in Konkurrenz zueinander herausgegeben wurden, ist kein Insider-Geheimnis; der Streit wurde öffentlich ausgetragen: vornehmlich im Schreibheft 57 vom September 2001.

1991 stand Herman Melvilles 100. Todestag an. Norbert Wehr, der Herausgeber der Literaturzeitschrift Schreibheft, erkannte die Wichtigkeit des Datums, gab 1990 (leider vor der Zeit der Online-Archive) eine Sondernummer zu Melville heraus und plante die Maßstäbe setzende deutsche Werkausgabe, die man schon lange schmerzlich vermisste.

Herausgeber heißt: weder Autor noch Übersetzer noch Verleger. Das sind Funktionen, die ein Herausgeber selbst versehen kann, die er aber normalerweise vergibt. Als Übersetzer beauftragte er Friedhelm Rathjen, der sich als ein Übersetzer vom Mark Twain und Robert Louis Stevenson sowie als Experte für Joyce und Beckett empfahl, als Verlag zeigte sich nach dessen ersten Übersetzungsproben für Moby-Dick Hanser interessiert. Alles wunderbar.

Friedhelm Rathjen, GASL-MitgliedHanser benannte den Initiator Norbert Wehr, den Literaturkritiker Hermann Wallmann und Paul Ingendaay als Herausgeber, Rathjen übersetzte in Rekordzeit bis 1993 den Moby-Dick fertig.

Und dann passierte erst mal gar nichts mehr. Warum, muss man Hanser fragen, vielleicht antwortet ja jemand. Rathjens Manuskript ruhte fünf Jahre beim Verlag, die drei Herausgeber hatten sich schon 1996 Aussichtsreicherem zugewandt.

Unversehens winkte das Jahr 2001, was bedeutet: zehn Jahre nach Wehrs Ausgangsidee und 150 Jahre nach Ersterscheinen von Moby-Dick. Nun erkannte seinerseits der Hanser Verlag die Wichtigkeit des Datums und fand einen neuen Herausgeber für die Melville-Ausgabe: Daniel Göske, Professor für Amerikanistik/Literaturwissenschaft in Kassel. Guter Mann, 1988 über Melville promoviert, Übersetzer für Joseph Conrad, keine Gegenanzeigen. Aber dann las er Rathjens Moby-Dick und befand: Geht nicht, kommt nicht in meine Melville-Ausgabe – und zog Matthias Jendis hinzu. Guter Mann, Seefahrer, Übersetzer für seekriegshistorische Romane, keine Gegenanzeigen. Göske einigte sich mit Rathjen, mit dem dritten Mann Jendis eine Kompromisslinie anhand der schon mal vorliegenden Version zu verfolgen.

Nun arbeitete Jendis allerdings dermaßen gründlich, dass Rathjen sein Manuskript nicht wiedererkannte, nichts mehr damit zu tun haben wollte und seinen Namen davon zurückzog. Rathjen bekam die Rechte an seiner Übersetzung zurück, Jendis firmierte bei Hanser als neuer Übersetzer. Ob aus unüberbrückbaren Differenzen, verlagspolitischer Taktik, Qualitätsbedenken oder Finanzierungsproblemen, plötzlich haben wir 2001 zwei Moby-Dick-Übersetzungen. Den Leser freut’s.

Die Jendis-Übersetzung bei Hanser war am 17. September 2001 pünktlich zum 150. käuflich, zur selben Zeit brachte der alte Herausgeber Norbert Wehr im Schreibheft 57: Die Weiße des Wals Auszüge aus der ursprünglichen Rathjen-Übersetzung nebst kritischen Besprechungen der beiden Versionen, als ob es Zufall wäre.

Das war die Vorlage für die meisten folgenden Besprechungen. Ein Feuilletonist konnte Jendis gut finden oder Rathjen oder sogar beide, es gab Argumente für alles und das Gegenteil davon. Wer in dieser berüchtigten Nummer 57 nicht zu Wort kam: der konkurrierende Übersetzer Jendis.

Nun das deutsche Feuilleton die Übersetzungen nebeneinander vergleichen konnte, stellte sich einmal mehr heraus, wie sperrig Rathjen doch übersetzen konnte. Texttreu, ja – aber um welchen Preis! Dieter E. Zimmer, einer der hellsten Köpfe für Wissenschaftsjournalismus und brillantesten Überseter, die wir haben, bescheinigte Rathjen in der „Zeit“ vom 15. November 2001, „das Befremdende an der Sprache des Moby-Dick in ein ebenso befremdendes, verkorkstes Deutsch zu überführen“. Das Info-Blatt 6 des ADÜ Nord (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer Norddeutschlands e.V.) vom Dezember 2001 beherbergt online Zimmers „Zeit“-Artikel einschließlich der Vergleiche zwischen nicht nur den beiden inkriminierten Übersetzungen: im .pdf ab Seite 4.

Cover Rathjen-ÜbesetzungWie aus Trotz beheimatete Wehr, ein Lapsus in der Zahlenmystik, am 8. Dezember 2004 “seine” Übersetzung in ihrer Gesamtheit doch noch bei Zweitausendeins, dem Verlag für abgelegene Kuriositäten.

In den Anhang ist Rathjens Werkstattbericht „Öffentliche Erinnerungen und Bekenntnisse eines selbstgerechten Übersetzers“ unter der Überschrift „Wie ich Moby-Dick übersetzte“ aufgenommen, der sich wie eine ausführliche Rechtfertigung für seine Arbeitsmethode liest. Eine boshafte Erklärung dafür ist, dass Rathjen in seinem vorgelegten Rekordtempo ein Ergebnis abgeliefert hat, das seinen eigenen Ansprüchen nicht genügte, und diesen „Pfusch“ nun auf eine rationale Ebene hob.

Ist es Zufall, dass er sich mit seiner eigenen Arbeitsmethode ausgerechnet auf die von Daniel Göske beruft, der in der Frühphase des Geschehens 1991 Melvilles Tagebuch der Europareise 1856/57 für Gachnang & Springer mit ähnlichen Ansprüchen übersetzte und Rathjen später auf seiner Übersetzung sitzen ließ? Hat Rathjen seine Übersetzung schnell runtergehackt – heißt er sie doch selbst eine „Übersetzerfron“ – und lieber den Aufwand der nachträglichen Rechtfertigung in Kauf genommen? Dann wäre die ganze Auseinandersetzung aus Arbeitsökonomie und Angstbeißen entstanden.

Moby-Dick Melville/Jendis/GöskeIm jüngeren deutschen Verlagsgeschehen zählt dieses wohl doch nicht ausschließlich sachlich zu begründende, sich immerhin über 13 Jahre hinziehende Hickhack zu den durchaus spektakulären Streitigkeiten. Verlage gelten als Kuschelbranche, was daher kommt, dass sie auch in materialistischen Zeiten Menschen anlocken (und in Führungspositionen vorlassen), die sich als Liebhaber von Büchern und stiller, geistiger Betätigung verstehen. Auch wenn Verlage natürlich wirtschaftliche Gewinne anstreben, denn ein bankrotter Verlag ist ein schlechter Verlag. Erklärte Liebhaber von Geld fahren besser, wenn sie Investmentbanker werden.

Der Übersetzerstreit wollte eigentlich gar keiner sein, meint deshalb Elke Biesel in Vom Umgang mit der „Monstrosität“. Streit um eine Melville-Übersetzung in jenem möglicherweise in kriegerischer Absicht melville-thematischen Schreibheft 57. Das Duell ist aus Sicht des Lesers, der sich weder um Verlagsinterna noch um persönliche Nickeligkeiten unter Übersetzern scheren muss, ein Duett.

Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht der Beitrag von Paul Ingendaay im gleichen Heft: Walgesänge bei Gegenwind. Vom Lesen, Übersetzen und Rezitieren sowie einigen Besonderheiten in Friedhelm Rathjens Moby-Dick. Ingendaay war, wir erinnern uns, einer der drei zuerst vorgesehenen Herausgeber der Rathjen-Version. Auch wenn in seinem Direktvergleich letztendlich Rathjen gewinnt, nimmt er die Lösungen, zu denen Jendis gelangt ist, anständigerweise ernst. In seiner Darstellung wird deutlich, was Rathjen den Ruf als sturster Übersetzer Deutschlands eingetragen hat.

Nicht nur John Hustons Verfilmung ist ein solcher Kompromiß. Auch Friedhelm Rathjens Übersetzung, die hier als Stapel von Kapiteln vor mir liegt, ist es. Denn sie strebt Reinheit, Genauigkeit, Sperrigkeit, Knorrigkeit an – wenn’s sein muß knorriger als das Original –, sie kündigt jede Übereinkunft mit lieblichem Übersetzerdeutsch auf und ist doch nur eine weitere Variation der langen Aneignungsgeschichte dieses Romans. Nicht Schaufenster, sondern Sprachlabor und Wortmuseum, das ist Rathjens Moby-Dick. [...]

Das laute Lesen hat mir Ohren und Augen geöffnet. Plötzlich nämlich wurde die manchmal kauzige Orthographie, zu der Rathjen sich bemüßigt fühlt, gegenstandslos (was sie in Wahrheit ja auch ist). Ich löste mich von der gedruckten Seite und überließ mich dem Klang und dem Rhythmus dieses Deutsch, das Rathjen schreibt. Jetzt zeigten sich Wucht und Klarheit des Textes, nicht trotz, sondern gerade wegen der sprachhistorisierenden Syntax, des älteren Vokabulars und der völligen Unerschrockenheit gegenüber langen Satzperioden. [...]

Und dann doch wieder zusammenfassend:

Zu Recht beklagen Übersetzer und Lektoren, wie leicht es sich Rezensenten mit der Übersetzungskritik machen. Drei Belege, knackig zitiert, und das Urteil ist fertig. Mehr als sechs Zeilen braucht man dafür nicht. Im vorliegenden Fall kann und darf es darum nicht gehen. Jeder muß sich selbst in Rathjens Moby-Dick fallen lassen und sehen, wie und wohin der Wal ihn trägt. Wenn die Gewißheiten darüber, wie Weltliteratur des 19. Jahrhunderts auf deutsch zu klingen habe, erschüttert werden, ist viel gewonnen.

Ingendaays angenehm unprätenziöse Implikation: dass dieses gelehrte Vergleichen von Übersetzungen doch ein höchst elitärer Sport ist. Man weiß von Leuten, die kennen Moby-Dick als Film oder bestenfalls in einer zuschanden gekürzten Kinderausgabe, die taktvoll verschweigt, welche Altübetzung sie da verunglimpft hat – und leben in der gleichen schönen Gewissheit wie ein englischer Philologe, sie kennten ihn.

Der Roman konnte ohnehin über alledem stehen, er erlebte dergleichen nicht zum ersten Mal: Schon die Urausgabe 1851 war in zwei Versionen erschienen, einer britischen und einer US-amerikanischen.

Unabhängig davon, auf welchen Wegen gleich zwei Übersetzungen entstanden sind, deren jede die bis auf weiteres gültige sein will, für das lesende Publikum ist die Doppelung ein Gewinn. Wir haben Jendis als überaus ordentliche, lesefreundliche, moderne Version, und wir haben Rathjen als Schnellreferenz, um im eigenen Mutteridiom festzustellen, welchen Tonfall Melville gemeint hat, beides reife Leistungen mit allen Vor- und Nachteilen. Jendis, um vor interessierten Laien anzugeben, und Rathjen als Gelehrtenspaß, um kleine Mädchen zu erschrecken.

Der Vorteil beim Jendis-Buch: der üppige Anhang mit Nachwort und Stellenkommentar auf dem aktuellen Stand der Forschung; der Vorteil beim Rathjen-Buch: der ebenfalls üppige Anhang mit “Texten aus dem Quellgebiet”, die wichtigsten davon erstmals deutsch und überhaupt mal allgemein zugänglich, und die 1930er Illustrationen von Rockwell Kent, erstmals vollständig in einer deutschen Ausgabe. Handliche Schmöker und Bücher fürs Leben sind sie beide.

Vor diesem Hintergrund etwas genauer skizziert, ist Jendis doch nicht die Beatles, sondern die Beatles mit Charlie Watts am Schlagzeug, und Rathjen doch nicht die Rolling Stones, sondern die Rolling Stones in einer Besetzung mit Captain Beefheart.

Walkampf, ADÜ Nord, Info-Blatt Dezember 2001

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Glory Glory

13. Juni 2007

Update zu Aspects of Abraham:

A Great RushWhen Vicksburg fell, and the moody files marched out,
Silent the victors stood, scorning to raise a shout.

Herman Melville: A Meditation.
Schluss der Battle-Pieces, August 1866.

Es hatte ein Krieg begonnen, der wegen seiner langen Dauer von genau vier Jahren, wegen der Anstrengungen und Opfer auf beiden Seiten, wegen des großen Materialeinsatzes und wegen der technischen Neuerungen als der erste moderne Krieg angesehen wird, der viele Aspekte der beiden “totalen” Kriege des 20. Jahrhunderts vorwegnahm. Auch der amerikanische Bürgerkrieg war ein Zermürbungskrieg; wirtschaftliche, soziale und psychologische Momente sowie die von den Zeitungen gesteuerte öffentliche Meinung spielten eine große Rolle. Zum ersten Mal und mit überwältigender Wirkung wurde die Photographie zur Darstellung der Kriegsgreuel eingesetzt.

Giampiero Carocci:
Kurze Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs.
Der Einbruch der Industrie in das Kriegshandwerk
, 1996.


3:52 Minuten. Musik: Amazing Grace

Der Bürgerkrieg war mit Abstand der verlustreichste Krieg in der Geschichte der USA. Über 550.000 Soldaten starben. Die Zahl der reinen Gefechtstoten lag dabei mit knapp 200.000 nahe an der des Zweiten Weltkriegs, bei einer Gesamtbevölkerung, die mit 31 Millionen ein Fünftel betrug. Allein in den zwölf Stunden der Schlacht von Antietam wurden 23.000 Amerikaner getötet oder verletzt, mehr als Amerikaner, Briten, Kanadier und Deutsche zusammengenommen bei der Landung in der Normandie 1944.

Ein Grund war die neue Form der Kriegsführung. Die technischen Neuerungen, die sich im Krim-Krieg angedeutet hatten, wurden erstmals im großen Stil eingesetzt. Der Civil War wurde damit zum ersten “modernen”, industrialisierten Krieg. Es gab primitive Maschinengewehre, Land- und Seeminen (damals “Torpedos” genannt), gepanzerte Schiffe, U-Boot-Angriffe und Experimente mit Flammenwerfern. Truppen wurden per Eisenbahn transportiert, Befehle über Telegraphen erteilt.

Scot W. Stevenson: Das wirkliche nationale Trauma der USA,
7. Februar 2007.


4:07 Minuten. Musik: Ashokan Farewell

Ohne den Bürgerkrieg 1861–1865 wäre heute noch nicht mal der Irakkrieg möglich. Endlich erstreckte sich ein Krieg nicht mehr auf eine auserlesene Kaste von Militärs mit fachlich eingeschränkten Zielen, sondern bezog die gesamte Zivilbevölkerung ein. Der erste Krieg 2.0.


3:18 Minuten. Musik: Kathleen Mavournee from Gettysburg

Bild: New-York Historical Society via American Memory;
Film 1, 2 und 3: Creative Commons;
Lizenz: Public Domain.

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Bürgerkriegsware

2. Mai 2007

Update zu Was man überhaupt noch glauben soll:

8, Whitehall Street, Atlanta, Georgia, 1864. Eines von Hunderten Fotos, die von George N. Barnard während General William Tecumseh Shermans Atlanta-Feldzug im Herbst 1864 aufgenommen wurden. Am 15. November des Jahres ließ Sherman konföderierte Munitionsgeschäfte beschießen und verließ die Stadt in einer Feuersbrunst.

Auction & Negro Sales

Herman Melvilles Freund Nathaniel Hawthorne war gerade (am 19. Mai) gestorben, er besichtigte die Schlachtfelder von Virginia, litt an neuralgischen Schmerzen und Depressionen und fing einen Gedichtband über den Bürgerkrieg an (beendet: 1866).

Danke an den Weblog 100-jähriger Fotos.

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Melville total versaut

7. April 2007

Update zu und Widerlegung von Sex and the Sea:

The quest for the private Melville has usually led to a dead end, and we are not likely to fare better by speculating about his tastes in bed or bunk.

Andrew Delbanco

Read my lipsWas haben wir es schon an dieser Stelle diskutiert. So sehr man es als offengeistiger Stadtmensch normal finden muss – wer seine „Toleranz“ zu erwähnen für nötig hält, outet sich schon als Faschist. So egal es einem sein könnte, das Thema lässt einen nicht in Ruhe. Es ist pubertär, aber man muss es denken dürfen: War Herman Melville schwul? – Flashing News auf Moby-Dick 2.0.

So viel vorab: Beweise wird es nie geben, auch nicht fürs Gegenteil. Das kann daran liegen, dass eine Affinität zum eigenen Geschlecht bis vor erschreckend wenigen Jahren ein Straftatbestand war, nicht aber eine Gefühlslage, die sich in Worte fassen ließ.

Selbst wenn Melville gewollt hätte: Der geschickteste Schreiber des 19. Jahrhunderts hätte sich nicht zu seiner Liebe zu einem Mannsbild bekennen dürfen, ohne sich als Sodomit anzuklagen. Mehr noch: Die Begrifflichkeit dafür war nicht entwickelt; es ging wortschatztechnisch nicht. Das war keine Schwäche: Mit den üblichen Verdächtigen, Shelley, Stevenson, Whitman und vordem Shakespeare, über deren Wortgewalt wir sehr viel mehr wissen denn über ihre sexuelle Orientierung, war es nicht anders. So unbekümmert saftspritzende homopornografische Äußerungen, wie sie Ralf König und Detlev (sic) Meyer zu Gebote stehen, sind im 20. Jahrhundert nicht erst forciert, sondern erfunden. Laut Ken Schellenberg haben jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem Amerikas schwule Männer Melville dem Vergessen enthoben.

Was Melville und die anderen nämlich konnten: Andeutungen machen, Parallelen ziehen, Gleichnisse herstellen, Männerfreundschaft hochleben lassen. Und diese Dinge sind Melville nachzuweisen. Auch in Moby-Dick. Fangen wir an mit den offensichtlichen Stellen.

Was das englische Wort dick bedeutet, wissen Sie. Die größten, wehrhaftesten und spektakulärsten Wale, mit denen sich ihre Fänger wiederholt herumschlagen mussten, trugen traditionell menschliche Spitznamen. So auch der ab 1810 auftretende Mocha Dick, der als Vorbild für Moby endete. Wie sich „Mocha“ unter Melvilles Händen zu „Moby“ wandelte, weiß man nicht; warum sich der „Dick“ (kurz für: Richard) nicht wandelte, steht zur freien Vermutung. Und: Das wilde, ungebändigte Naturwesen gehört der Gattung der sperm whales (Pottwale) an.

Weiter: Ismaels Beziehung zu (oder sollte man sagen: mit) Queequeg wird explizit mit einer Hochzeitsnacht eingeleitet – You had almost thought I had been his wife. Was die Bezeichnung Busenfreund heute und 1851 bedeuten kann, ist ebenfalls Gegenstand einer nicht abzuschließenden Semantik.

In die Reihe der homosexuellen Anspielungen auch das Gasthaus „Zu den gekreuzten Harpunen“ aus dem 2. Kapitel aufzunehmen, ist natürlich pubertär. Tun wir’s trotzdem.

Noch viel pubertärer wird es nämlich in Kapitel 94 – und zwar in einem Ausmaß, das wir nicht mehr missachten können. Bei Jendis heißt es Ein Händedruck, bei Melville gar nicht viel anders, aber mit viel anzüglicherem Beiklang A Squeeze of the Hand. Vorgeblich handelt es vom gemeinschaftlichen Kneten des Pottwalfettes, ein üblicher Arbeitsgang auf Walfangschiffen. Aber wie! – :

Squeeze! squeeze! squeeze! all the morning long; I squeezed that sperm till I myself almost melted into it; I squeezed that sperm till a strange sort of insanity came over me; and I found myself unwittingly squeezing my co-laborers’ hands in it, mistaking their hands for the gentle globules. Such an abounding, affectionate, friendly, loving feeling did this avocation beget; that at last I was continually squeezing their hands, and looking up into their eyes sentimentally; as much as to say, – Oh! my dear fellow beings, why should we longer cherish any social acerbities, or know the slightest ill-humor or envy! Come; let us squeeze hands all round; nay, let us all squeeze ourselves into each other; let us squeeze ourselves universally into the very milk and sperm of kindness.
Would that I could keep squeezing that sperm for ever!

usf. Man erspare mir die Übersetzung; sie ist leicht zugänglich, auch Minderjährigen. Nicht weniger haben wir hier denn ein homoerotisches Ritual einer gegenseitigen Masturbation, mit kaum erkennbarem Versuch einer verbrämenden Kodierung, und Ismael fühlt sich dabei divinely free from all ill-will, or petulance, or malice, of any sort whatsoever. Wozu so eine Stelle? Zur näheren Charakterisierung Ismaels?

Auch abseits von Moby-Dick finden sich nirgends Beweise – nur haufenweise Hinweise:

In Redburn freundet sich der erfrischend robuste Redburn (14) mit dem androgynen Harry Bolton an, der ihn in London in ein Männerbordell einführt. Ebenfalls in Redburn erscheint ein pubertierender Italiener namens Carlo – in der ganzen vorweggenommenen Schönheit eines Wilhelm von Gloeden.

In White Jacket kommen nur periphere Wortspielereien vor, die man Melville nachsehen konnte, war der Roman ansonsten ja hellsichtig genug, dass er zeitweise Pflichtlektüre im US-amerikanischen Kongress wurde (siehe Bücherliste). Wenn sie darin nicht gerade körperliche Züchtigungen aushalten, vertreiben sich die Seeleute auf dem Kriegsschiff die Zeit mit pricking (auch von Melville typografisch hervorgehoben). Das bedeutet, sich gegenseitig zu tätowieren; die Anspielung ist heute wie damals klar, die Beschäftigung gleichwohl eine höchst körperbetonte, die gern mit schwuler Ästhetik verbunden wird.

In Pierre fühlt sich der schöne und hochbegabte Pierre (19) zu gleich drei Frauen hingezogen, darunter in inzestuöser Weise zu seiner Schwester – aber nur, weil sie ihn an seinen Vater erinnert. Einmal onaniert er zu einem Porträt seines Vaters. Auch sonst sind Melvilles Einsichten aus dem Roman ihrer Zeit weit voraus und bewogen seine Umwelt, ihn als wahnsinnig einzustufen.

Aus diesen und anderen Gründen erschien Billy Budd nicht mehr zu Melvilles Lebzeiten, die schwulen Beteiligten am Melville-Revival aber mussten ihre helle Freude an ihm haben. Die Novelle über den gleichnamigen übernatürlich schönen Seemann wird uns noch gesondert beschäftigen; jedenfalls ist die exzeptionelle Schönheit des Vortoppmanns, der tragisch (also schuldlos) verfolgt wird, das handlungsstiftende Element.

Für die unter uns, die es jetzt immer noch nicht glauben: Melvilles Beziehung zu (oder sollte man abermals sagen: mit) Nathaniel Hawthorne, dem Moby-Dick und eine elysische Buchrezension gewidmet sind, kriegen wir dann ein andermal. Bald, versprochen. Leben mit Herman Melville.

Wilhelm von Gloeden Sampler

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Die schönste Kirche der Welt

25. März 2007

No change today, like yesterday, the same
But dinner soon, then afternoon, then home.
Then hurrying home in the fading light,
The factory girl is going out tonight.

Ralph McTell: Factory Girl, 1969

Narvik, das ist da, wo die Eisenbahn aufhört. Wer hierher kommt, will weiter zum Nordkap. Wenn er nicht gerade helfen will, das Erz aus Kiruna in alle Welt zu verschiffen, aus dem ganzjährig eisfreien Hafen. Unter den Arbeitern, die auf den Schienenkränen herumturnten, fiel mir eine junge Frau in Kittelschürze auf. Ausgehende Spätschicht. Sie wischte sich Schweiß von der Stirn, um sich an den Gedanken des Feierabends zu gewöhnen. Und winkte mir von fern.

Eigentlich will Narvik vom Meer aus angegangen werden. Wir Landratten nähern uns von der Landseite, um auf den Bus umzusteigen, und halten es für ein Abenteuer, wenn kein verbindlicher Fahrplan aushängt, weil die Bushaltestellen nicht zwei Minuten, sondern sechs Stunden auseinander liegen.

Mein halbes Leben ist es her, da betrat ich in Narvik die schönste Kirche der Welt. Muss ja nicht jeder wissen, dass es die schönste ist. Stimmt sowieso nicht. In Wirklichkeit ist es nicht die schönste Kirche, sondern der schönste Aufenthaltsort, der von Menschen für Menschen gebaut wurde.

Was Seemannskirche auf Norwegisch heißt, hab ich über meiner zweiten Lebenshälfte vergessen. Aber ich kann mir bis heute plastisch vorstellen, wie es aussehen muss, wenn man sich vom Fjord dem Ufer nähert. Wenn der erstaunlich mächtige Funkturm auf dem Hausberg den Blick für die Narviker Details frei räumt, ist das erste, was man im Hafen sieht: genau. Die Erzverladeanlagen.

Dahinter, weiß getüncht, so zurückhaltend wie selbstbewusst und selbstverständlich: die Seemannskirche.

Wir schrieben Juni. Da wird’s in Norwegen nicht finster. Das Land, sogar das Meer, die Gegenstände, die Menschen sogar, sie glühen. Mitternachtssonne arbeitet wie der Mond, nur kraftvoller: Sie beleuchtet nicht, sie verzaubert.

Seeleute und gottlose Gesellen wie ich betreten Kirchen nur in der Fremde und wenn kein Gottesdienst stattfindet, den sie stören könnten. Der Augenblick war perfekt.

Versteht mich recht, wenn ich sage: Die Kirche war schmucklos. Damit meine ich nämlich: Es gab keinen Schmuck darin. Die Wände aus einem weißen Stein, aus irgendwelchen tief darin liegenden Fenstern ausgeleuchtet, der Boden aus gefahrenen Schiffsplanken. Über dem Altar, einem schlichten Quader aus dem gleichen Material wie die Mauer, ein Kreuz.

Die befreiende Abwesenheit von Bildern hieß mich selbst schauen, was an dieser Kirche schön sei. Es war ein Entwurf, der noch alle Gestaltung offen ließ. Das Scribble einer Kirche, ein schwarzweißes Layout. Aber nicht im hektischen Gekritzel eines Picasso, sondern in einem ruhig und sicher hingeworfenen Comicstrich. Just the basics; everything that’s essential and nothing that isn’t.

Die Architektur wirkte durch Proportionen, indem sie sich alle Figuren und sogar Farben sparte. Wahrscheinlich konnte man hier den Goldenen Schnitt studieren. Altar, Kreuz, ein paar Reihen Kirchenbänke, fertig. Keine Ahnung, wie viele es waren. Wie viele Paar Rippen hat ein Mensch? So viele, dass es reicht. Keins mehr, keins weniger.

Die Kirche der Weitgereisten. Sie zeigte Respekt vor denen, die sie besuchen sollten: Wer wusste, aus welchen Weltgegenden hier was für Hafenkneipenprügelanten eintorkeln konnten. Die Kirche hieß jeden willkommen und ließ ihm Platz für seine eigenen Vorstellungen. Gebaut für Leute, die einen klaren, weiten Horizont gewohnt sind.

Endlich verstand ich, warum es Christliche Seefahrt heißt. Es mag im Wesen des Norwegers liegen: Als sich die Wikinger das Morden und Brandschatzen abgewöhnt hatten, besannen sie sich auf ihre Weltläufigkeit. Das mit dem Besinnen hat Wurzeln geschlagen, und obwohl das Land gerade mal so breit ist wie ein Fußballfeld, ist es so lang wie der Rest von Europa. Das muss prägen.

Queequeg's nasty dreamz may sink the PequodHinten ein Weihwasserbecken. Daneben ein niedriges Bücherregal. Ich trat näher. Bibeln in allen Übersetzungen der Welt. Alle Schriften und Sprachen, die ich mit Namen kannte, und noch mal doppelt so viele. Neue und alte, schwarze und bunte Einbände, in allen Stadien der Zerlesenheit. Ein Ort der Andacht für wirklich jeden Menschen, mit dem eine Hafenstadt rechnen kann. Ohne klerikale Präpotenz, ohne Vorschrift eines Götzen. Wäre hier ein nackter, von oben bis unten tätowierter Kopfjäger mit einem Sarg im Schlepptau reingepoltert, ich hätte nicht mal eine Braue gehoben.

Es war entwaffnend. Ich setzte mich dankbar für so wenig Firlefanz und so viel Schönheit in eine der Bänke und – jawohl: Ich betete. Wenn jetzt noch jemand Orgel geübt hätte, säße ich heute noch dort.

Es war das Jahr, in dem sich viele Sachen zurechtrückten. Ich beschloss, vielleicht sogar auf derselben Reise, dass ich alkoholische Getränke fortan nicht als Geldausgabe, sondern als Notwendigkeit betrachten wollte, die ich mir ohne Nachrechnen leisten musste; ich beschloss, Mädchen grundsätzlich sympathisch zu finden, wenn sie barfuß gehen; ich beschloss, Adjektive zu vermeiden. Lauter Sachen, die einem angesichts der Narviker Seemannskirche einfallen.

Hinter der Kirche: ein maritim organisiertes Männerwohnheim. Daneben die Hafenkneipe.

Unter den Arbeitern, die sich auf Barhocker gereiht an Aquavitgläsern festhielten, fiel mir eine junge Frau in Kittelschürze auf. Pantinen unter den Hocker geschoben, ihre Zehen spielten mit den Stuhlbeinen.

Sie winkte wieder.

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The People of Poets and Philosophers

21. Februar 2007

Mal angenommen, nur mal so ins Blaue dahinwunschgeträumt, es existierte ein Land auf Erden, das eine umfangreiche Literatur hervorgebracht hätte und das Beste davon für die Ewigkeit zu bewahren trachtete. Ein Land, das seine geistreichsten Männer und unterschiedslos auch Frauen ehrte und deren Gedanken an künftige Generationen weitergäbe, weil es sie für eine Bereicherung hält, für einen nur noch kostbarer werdenden Schatz, der jedem zur Verfügung stehen kann, der sich für ihn interessiert.

Ein Land der Dichter und Denker? Gibt’s nicht?

Aber die Library of America, die gibt’s.

Deutschland, das seit ein paar Jahrhunderten von einem wodurch auch immer gerechtfertigten Ruf als Land der Dichter und Denker zehrt, tut sich dicke mit fetten drei Elite-Universitäten, derweil die Neuntklässler auf dem Sprung in die Arbeitslosigkeit gähnen: “Und wozu brauch ich den Scheiß später?&