Archive for the 'Steuer' Category

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Enter Stubb; To himself, Stubb: Du sollst nicht denken

16. Mai 2008

Elke hat Kapitel 29: Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb gelesen:

Elke HegewaldIch konnte mich ja eines Schmunzelns nicht erwehren beim Lesen der Szene mit den zwei kläffenden, zänkischen Kerls. Für mich hatte sie durchaus was Kurioses.

Zu Ahabs Ehrenrettung muss zunächst mal angemerkt werden, dass er ja mitnichten ohne Rücksicht auf Verluste und Mannschaftsschlaf allnächtlich mit seinem Knüppelfuß übers Deck poltert. Er achtet im Gegenteil sehr wohl auf die verdiente Ruhe seiner Crew. Sogar

some considering touch of humanity was in him; for at times like these, he usually abstained from patrolling the quarter-deck; because to his wearied mates, seeking repose within six inches of his ivory heel, such would have been the reverberating crack and din of that bony step, that their dreams would have been on the crunching teeth of sharks.

Verjendist siehe Seite 217.

Aber ahnen wir doch längst, was ihn umtreibt und dass es manchmal mit ihm durchgeht. Der Typ kreist doch um sich selbst – na, und diesen ominösen Wal. Und dann kommt dieser Trottel Stubb angebolzt und beschwert sich, dass er mal nicht schlafen kann.

So gesehen und in Anbetracht von dessen “scherzhafter Unterwürfigkeit” beginnt von Ahabs Seite das Geplänkel ja noch geradezu leutselig und beschwichtigend – ein Zug, den man in ihm, mit Verlaub, gar nicht vermutet hätte, oder? Nur im Nachsatz muss er dann doch noch den Boss raushängen lassen und ihn einen Hund heißen – oder hatte es gar auch der Versuch eines Scherzes werden sollen? (Melville wäre das zuzutrauen, aber das ist nun wieder der Nachteil vom Lesen, man hört ja den Tonfall nicht so recht…). Sollte es denn so gewesen sein, ging das jedenfalls kräftig daneben, um nicht zu sagen, nach hinten los. Denn so kann man selbst einem Stubb nicht kommen, schließlich hat ein ehrbarer Waljäger auch seinen Stolz.

Stubb Moby Dick! The Musical, PresentingWas das Erstaunliche daran ist: Es kommt einem beinahe so vor, als wären beider Rollen vertauscht, freilich nur für einen kleinen Moment. Denn der finstere Ahab scheint zuerst ungewohnt menschlich und milde und wird erst unversehens wieder dämonisch und aufbrausend, als ihm Widerworte entgegen wehen. So weit kommt das noch, dass der Untergebene, dieser kleine Knappe sich gegen ihn auflehnt – wer ist denn hier der Kapitän!

Stubb hingegen, dessen heiteres und gemütliches Wesen uns Kapitel 27 bekanntlich in einigermaßen epischer Breite erhellte, das ist doch der, den so schnell nix aus der Ruhe bringt – “so cheerily trudging off with the burden of life in a world full of grave pedlars, all bowed to the ground with their packs” (Kapitel 27, bei Jendis Seite 205). Der mit dieser sympathischen Fischkopp-Mentalität des küstengeborenen Inselmenschen, wie sie in derartigen Landstrichen offenbar weltweit zu Hause ist. Und der versteht den etwas verunglückt geratenen Humor seines Obersten plötzlich miss und muckt auf. Statt einfach den ollen Walbeinernen zu nehmen wie er ist und ihm dieses eine Mal nachzusehen, dass er seinen Moralischen hat und infolge seiner Behinderung in naturgemäßem Stakkato über ihren Köpfen herumtrampelt. Und den gebieterisch rauen Ton eines Käptns auf seinem Schiffe, der halt nicht mit Engelszungen daherkommt, sollten solche harten Kerls nicht gewohnt sein…? Hm, wenn diese skurrile Konstellation ihren Zündstoff, an dem sie explodiert, nicht selber ausgebrütet hat, dann weiß ich auch nicht.

Und hinterher brabbelt er ratlos wirres Zeug in sich hinein und versteht die Welt nicht mehr oder was ihn eigentlich geritten hat, sich mit dem da anzulegen. Diesem Murmelmonolog wohnt wirklich nichts weniger inne als der durchgeistigte und psychologelnde Bewusstseinsstrom späterer Autoren, da hat der Wolf schon Recht – und Melville sowieso. Denn nennen wir es doch beim Namen: Unser guter Stubb ist ein einfaches Gemüt, das eben auch mal langsamer denkt, als es spricht, und sich nicht gern den Kopf zerbricht. Nicht umsonst besinnt sich so einer zu guter Letzt gegen das Chaos in seinem Hirn auf sein höchstpersönliches elftes Gebot: Du sollst nicht denken! Und sein zwölftes: Du sollst schlafen – wenn du kannst. Schau an, nicht supergescheit aber lebenstüchtig, der Mann. Rettung durch Verdrängen – kennt doch jeder. Oder etwa nicht?

P.S. Ach ja, eine freundliche Begegnung hatte ich auch noch, beim Kramen nach der passenden Illustration. Wollt ihr hörn? Es gibt tatsächlich eine Insel, die Stubbs Island heißt. Ein winziges Stück Land im Meer an der Nordspitze des riesigen kanadischen Vancouver Island, beide voller Natur pur, ersteres besonders hübsch bei Sonnenuntergang. Und wenn ich mir einerseits auch schwer vorstellen kann, dass dieses Inselchen ausgerechnet nach Ahabs Zweitem benannt ist, spricht doch andererseits etwas Gewichtiges beinahe dafür: Es bietet nämlich eine Touristenattraktion an, wie sie einschlägiger kaum sein kann – Stubbs Island Whale Watching! So viel Zufall kanns doch gar nicht geben, oder?

Bilder: Moby Dick! The Musical; Norman Bolwell: Stubb’s Whaleboat.

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Pfeife schmauchen und Kaffee trinken

14. Mai 2008

Conceive him now in a man-of-war; with his letters of mart, well armed, victualed, and appointed, and see how he acquits himself.

Thomas Fuller: The Good Sea-Captain,
in: The Holy State, and the Profane State, 1648.

Jürgen hat Kapitel 29: Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb gelesen:

Jürgen Jessebird SchmitteIn Kapitel 27 findet sich über Stubb der schöne Satz: “Long usage had, for this Stubb, converted the jaws of death into an easy chair.”

“Long usage” — Gewohnheit. Das scheint mir der markanteste Zug an Stubb bisher. Solange alles seinen geregelten Gang geht, solange ist er zufrieden. (Zu seinen Gewohnheiten gehört ganz sicher auch das Pfeifenschmauchen!) Da schreckt ihn nichts. Der Gang zum Kapitän, um sich zu beschweren — das ist schon was anderes. Denn das sollte man nicht vergessen: Ein Schiff ist keine Demokratie und Ahab ist auf der Pequod nicht nur “oberes Management”. Er ist Herr über Leben und Tod an Bord, sein Wort ist Gesetz. “Herr über Leben und Tod” vielleicht nicht so im Wortsinn, wie das auf einem Schiff der Kriegsmarine gelten würde, aber Ahabs Befehle entscheiden über das Leben der Männer an Bord. Das gehört zum Kapitän-Sein. Eiserne Disziplin ist nötig, damit das Walfangunternehmen gelingen kann.

Und dann geht Stubb zu Ahab, um sich über die Störung der Nachtruhe zu beklagen. Das erfordert Mut. Vielleicht fast ein bisschen mehr, als Stubb gegeben ist? Versucht er’s darum mit “scherzhafter Unterwürfigkeit”? Weil er ahnt, dass er sich auf unsicherem Grund bewegt?

Immerhin bringt er den Mut auf, zu widersprechen, als Ahab ihn einen Hund nennt. Doch der folgende Ausbruch seines Kapitäns ist zuviel: Rückzug. Sicher nicht aus Feigheit ob der Drohungen Ahabs, einem Gleichgestellten dürfte Stubb eine passende (vielleicht handfeste) Antwort gegeben haben, schließlich wird er sich seinen Platz als Nummer Drei an Bord verdient haben — und nicht dadurch, dass er jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist. Aber dem Kapitän hat er zu gehorchen und er tut es.

Aber kann er sich das einfach so eingestehen? Dass er da an einen geraten ist, dem er nicht gewachsen ist? Nein, kann er nicht. Darum der folgende Monolog, in dem Stubb sich einzureden versucht, dass

  1. Ahab ja doch ein komischer Kauz ist (”Anyway there’s something’s on his mind”) — und der Vorfall darum nicht so ernst zu nehmen,
  2. die Welt ohnehin ein merkwürdiger Ort ist (”but all things are queer, come to think of ‘em”) — und der Vorfall darum nicht so ernst zu nehmen,
  3. er alles vielleicht doch nur geträumt hat? (”I must have been dreaming”) — und der Vorfall darum nicht so ernst zu nehmen ist.

Und morgen sieht dann alles wieder anders aus und geht seinen gewohnten Gang. Womit Stubb die Sache als erledigt betrachten dürfte.

Stubbs Coffee

Bild: North Side Review: Stubbs Coffee in: Chicagoist, 15. Dezember 2006.

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Wo deinesgleichen zwischen Leichentüchern schläft

12. Mai 2008

Damn me, but all things are queer, come to think of ‘em.

Enter Ahab; to Him, Stubb. Die Pequod fährt auf Höhe von Quito, Ecuador, Stadt des ewigen Frühlings, kein Meereszugang. Ich-Erzähler Ismael ab, Queequeg vermissen wir sowieso schon seit Kapitel 27 (”Aber Queequeg kennt ihr ja schon”), Auftritt der allwissende Märchenonkel. Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb.

Hol’s der Klabautermann, da hat ein Erzähler zu sich gefunden und seine Erzählweise aufgenommen: Melville kommt uns jetzt mit inneren Monologen, um seine Figuren zu zeichnen. Stubb “knurrt” seinen noch probehalber, aber ich glaub nicht, dass einer wie der fast zwei Seiten lang in sich elaborierte Sätze hineingrummelt, das ist Melville schon unter den Fingern zu einem Stilmittel geraten, das man noch nicht lange zur Hand hatte (für unsere Ghostleser aus Gründen des Englischunterrichts: Und es ist eben kein Stream of Consciousness).

Was zeichnet er uns? Das, was wir aus Internetdiskussionen kennen: zwei Leute, die sich kaum kennen, sehr wahrscheinlich aber nicht mögen, und sich in leutselige Flapsigkeit flüchten, obwohl sie keine verstehen. Beiderseitige Ironieresistenz auf Offiziersebene, nach praktisch überhaupt keiner Vorlaufzeit Zank und Beleidigung. Eine Meisterleistung kommunikativen Verhaltens, wenn dergleichen beabsichtigt wäre.

Stubb fängt an damit. Er hat an seinem oberen Management etwas auszusetzen, kann aber aus Rücksicht auf Zeitbudget und Dienstweg keinen großen Verbesserungsvorschlag einreichen, sondern ist darauf angewiesen, dem Kapitän sein Anliegen auf eine Weise zu sagen, die ihn kooperativ stimmt, nicht verletzt.

“Mit scherzhafter Unterwürfigkeit” versucht er’s. Das kann, wie jedes andere Verhalten auch, richtig oder falsch sein, grundsätzlich schlecht kann ich es nicht finden. Macht er schon richtig, der Stubb. Schade, dass er diese sanguinische Tonart nicht durchhält. Da grinst schnell die Eskalation ums Eck.

Und prompt: “Ach, Stubb, du kanntest deinen Ahab noch nicht!” Mit dem kann man das nämlich nicht machen. Der Mann schläft seit Tagen nur drei Stunden am Tag — vermutlich um ihn vom Mannschaftspöbel zu unterscheiden, der menschlichen Bedürfnissen wie dem Schlaf obliegt, und dafür in die Nähe eines Napoleon zu rücken, von dem dieselbe Legende geht, vier Tagesstunden Schlaf seien für Weiber und deren fünf schon für Schwächlinge.

Für einen letzteren hätte ihn nie jemand gehalten, aber er reagiert auf denkbar unausgeschlafene Weise. Ahabs erste Replik enthält noch versöhnliche Teile: “Doch geh nur, ich hatte nicht daran gedacht” — aber selbstherrliche Führungskraft, die er ist, muss er weiterranzen. Leider kommen dann schon die ersten Schimpfwörter vor. “Kusch dich, du Hund, ab in die Hütte!” könnte man noch als bärbeißigen Abschluss der Diskussion werten und es gut sein lassen, das vorausgehende

Below to thy nightly grave; where such as ye sleep between shrouds, to use ye to the filling one at last.

als etwas fehlgeleitete Brillanz verbuchen. Batz, schon hat er überreagiert. Ahabs Eloquenz dient keinem intellektuellen Kräftemessen, sondern ist die eines donnernden Predigers — und falls doch, hat er nicht mit dem Zweiten Offizier in Stubb gerechnet oder ihn absichtsvoll ignoriert.

And now that I think of it (Stubb), war Ahabs Versuch vielleicht gerade doch, einen geistigen Sparringspartner zu finden. Dass Stubb so humorlos einfriert und einen auf verletzte Ehre macht, treibt Ahab ja erst zu seiner richtigen Kaskade mit Esel und Maultier und Schafskopf rauf und runter. Vielleicht braucht er nur deshalb so wenig Schlaf, weil er geistig unausgelastet ist?

Stubb entlässt er dann als Feind in zwei Seiten passiver Aggression. Der Horizont kann öde sein. Und Ironie ein geladen Schießgewehr.

Bild: Frank Stella: Enter Ahab; to him, Stubb, 1988,
aus: Moby-Dick and Imaginary Places, Galerie Jamileh Weber.

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Stigma diabolicum

18. März 2008

Elke hat Kapitel 28: Ahab gelesen und Ahabs Mal gesehen:

Elke HegewaldKapitän Ahab betritt die Bühne. Da steht er also auf seinem Achterdeck rum, der Langersehnte. Das war aber auch schon das Dramatischste, was dieses 28. Kapitel zu verkünden hat, oder? Ansonsten: ein bisschen ahnungsvolles Bauchgrimmen sowie besorgte Spekulationen über Scheffes Befehlsgebaren bei Ismael, der sich wohl auf seine schwindende Erzählerrolle im weiteren Handlungsverlauf vorbereitet, zunehmend eitel Sonnenschein und eine milde Brise auf Deck. Die sogar den finsteren bislang Unsichtbaren zunehmend ans Tageslicht lockt und beinahe hätte lächeln lassen…

Also wirklich. Auf die Gefahr hin, mit grünen Tomaten und Chowder-Bowls beworfen zu werden, frag ich mal ketzerisch: Hat der geneigte Leser (abgesehen von den eingeweihten, die eh Bescheid wussten und nur so tun als ob) von diesem Auftritt nicht was Spektakuläreres, Unheilschwangereres erwartet — und verdient? Wie hat er diesem Moment entgegengefiebert und wie viele Kapitel mit weit mehr Input über den Herrn der Pequod schon hinter sich gebracht und noch zu erwarten. Sogar von dessen Walbein — sei’s nun das rechte oder das linke — weiß er längst. Wen wundert es da noch, wenn die Moby-Projekt-Arbeiter sich “vor der Größe der Ereignisse in stubengelahrte Kniefieseleien” flüchten, wie der Wolf so schön zu formulabern pflegte? Und sich bei ihrer literierenden Waljagd vorübergehend bis an die Grenzen der Trägheit selber retardieren. Andererseits: Wer musste auch seine Erwartungen an des Leibhaftigen Erscheinen so auf die Spitze treiben?

Genug davon und ProvoZeter-Modus aus. Zumal uns doch immer eingebläut wird, positiv zu denken, nä. Und so gesehen ist diese gefühlte Ereignislosigkeit des bemotzten Kapitels nicht des guten Melvilles Schuld, sondern sein Verdienst. Und er uns, explizit was das nämliche Retardieren angeht, ein großer Lehrmeister, hihi.

Öhm… schreiten wir also mal zu einer gerafften Bestandsaufnahme der vorliegenden Nummer 28.

“Die Wirklichkeit übertraf jede Befürchtung. Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck” macht sich in jedem Falle gut als filmische Drehbuchanweisung und ist eine echte Herausforderung für jeden Regisseur, oder? Womit wir dann allerdings — nicht wahr, Stephan? — schon wieder bei Gregory Peck oder Patrick Stewart und Konsorten wären.

Der Umgang des obersten Herrn der Pequod mit seinen Steuerleuten wird uns sicher noch anders als durch geschlossene Türen offenbar; auf die bunte und für ihr Handwerk überaus kompetente Vielvölkercrew scheinen sowohl Ismael als auch Melville selbst felsenfest zu bauen.

Ruthe, Verzeih mir, 8. August 2007Wäre da noch die Sache mit dem unheimlichen und leichenfahlen (Ganzkörper-?)Mal. Diese Kreuzigung, die — wie bereits festgestellt — nicht nur Generationen von Lektoren und Übersetzern zur Verzweiflung gebracht hat, sondern mich gleich wieder in diverse Spinnereien und diffus Aufgelesenes entführt, warum der Herman ihm eine solche anhängen mag. Deutereien und Spekulationen um diese auf dem Schiff wohl als Tabu gehändelte Zeichnung gibt es im Kapitel selbst ja reichlich — vom Zeitpunkt und der Art ihres Erlangens über ihr Ausmaß bis hin zu damit erworbenen übernatürlichen Fähigkeiten. Und zu allem Überfluss spuken in mir auch noch abergläubische Überlieferungen um unheimliche Körpermale (vornehmlich an Hexen und sonstigen vom Teufel Besessenen zu finden), die Satan höchstselbst verleihen soll und die sogar Eingang in die Rechtsliteratur gefunden haben. Warum auch nicht — hat denn nicht die überlieferte Gottlosigkeit seines historisch-biblischen Namensgebers und sein In-die-böse-Ecke-Rücken nicht auch unser entwurzelter Finsterling ererbt…?

Der Gezeichnete: Ruthe, 8. August 2007.

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Ahab — Held oder Schurke?

17. März 2008

Jürgen hat Kapitel 28: Ahab gelesen und unterscheidet Gut und Böse:

Jürgen Jessebird SchmitteWie bekannt ist, wird Ahabs Besessenheit für den Weißen Wal ihm, seinem Schiff und seiner Besatzung zum Verhängnis werden. Aber nur, weil er seine Männer opfert, um ein Ziel zu erreichen, macht ihn das schon zum Schurken? Ahabs Auftritt in diesem Kapitel ist nicht dazu angetan, diesen Eindruck zu erwecken. Statt dessen umweht ihn eine Aura von Entschlossenheit, von unbändiger Willenskraft:

There was an infinity of firmest fortitude, a determinate, unsurrenderable wilfulness, in the fixed and fearless, forward dedication of that glance.

Auch wenn Ishmael von “grim aspect” spricht, so ist es doch wohl eher Ehrfurcht als etwas anderes, das er empfindet. Zeigt sich sehr schön auch in der Formulierung “regal overbearing dignity”.

Wäre Ahab nicht “nur” Walfänger, sondern Soldat, dann wäre er aus dem Holz, aus dem man Helden schnitzt. Zitat aus Billy Budd:

Personal prudence even when dictated by quite other than selfish considerations surely is no special virtue in a military man; while an excessive love of glory, impassioning a less burning impulse, the honest sense of duty, is the first.

John Wayne, ca. 1939Persönliche Vorsicht ist also keine Tugend, Pflichterfüllung (auch aus dem Motiv der Ruhmsucht) aber schon. Ahab wird seine Pflicht erfüllen, eine Pflicht, die er sich selbst auferlegt hat. Mit der er nicht immer glücklich ist, die ihm schwer zu schaffen machen wird. Aber: “A man’s gotta do what a man’s gotta do.” (John Wayne in Hondo, 1953)

Das ist Heldenholz, wenn man so will. Nicht alle Welt sieht die Jagd auf einen Wal als hehres Ziel an, doch das ist Ahab gleich — auch das ist, denke ich, ein Aspekt des Helden. Er geht seinen eigenen Weg.

Also, nicht Schurke, sondern Held. Verblendet vielleicht, aber das hat Heldentum ja noch nie geschadet.

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Cellinis Ahab

15. März 2008

Stephan hat Kapitel 28: Ahab gelesen:

Stephan De MariaIn der Tat, es wird! ich hab den Anschluss gefunden, hab gelesen und auf die schönstmögliche Weise überfüllte ICE mit Fußbodenplatz überstanden. Dieser Ahab. “I was struck with the singular posture he maintained.”

Es war das erste größere Stück, das ich zusammenhängend gelesen habe und ich bin größtenteils schlichtweg amüsiert. Melville hat so viel Ironie und auch handfesten Humor, dass es eine Freude ist. Gleichzeitig ist seine Beschreibung der Charaktere, der Szenen so dicht. Es ist mir sehr schnell gelungen das Bild Gregory Pecks zu vergessen. Ahab hat nun sein ganz eigenes in mir entstandenes Antlitz. Und das ist gut so. “Reality outran apprehension.”

Benventuo Cellini, Perseus, FlorenzThere seemed no sign of common bodily illness about him, nor of the recovery from any. He looked like a man cut away from the stake, when the fire has overrunningly wasted all the limbs without consuming them, or taking away one particle from their compacted aged robustness. His whole high, broad form, seemed made of solid bronze, and shaped in an unalterable mould, like Cellini’s cast Perseus.

Cellinis Perseus: Ich habe mir den angeschaut, und ich muss gestehen, dass ich nicht so recht nachvollziehen kann, was Herman mit dem Vergleich meinte. Vielleicht die Entschlossenheit zu töten? Perseus hält das abgeschlagene Medusenhaupt in seiner linken Hand, den Arm ausgestreckt, während der rechte Arm das Schwert haltend in einer hängenden Ruhepose dargestellt ist. Sein Blick ist gesenkt, die Anstrengung, der Stress lassen wohl gerade ein wenig nach, aber er schreitet entschlossen voran.

Irgendeine Erklärung für mich? Zumal Perseus jung ist, voller Kraft und Leben.

Bild: Benvenuto Cellini: Perseus in Wikimedia Commons.

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From hell’s heart I stab at thee

11. März 2008

Wolf hat Kapitel 28: Ahab gelesen:

Jorge Lacera, Random Bits, Captain Ahab, 25. September 2007Ich kann so nicht arbeiten; nicht, indem ich einfach nicht arbeite. Der letzte Artikel in der Art, für die wir uns hier und da versammelt haben, stammt a) von Elke und b) vom 7. November. Ist ja schon gar nicht mehr wahr, kann man ja gar nicht im Kopf ausrechnen, wie lange das her ist. Was wohl Kapitän Ahab zu einer derartigen Saumseligkeit gesagt hätte. Deckschrubben hätte der einen geschickt, und zwar mit der Zahnbürste. Und mit Vernunftargumenten wäre er davon nicht abzuhalten.

Wo sich die von uns gegangene Steffi doch immer so auf Ahab gefreut hat; in ihren letzten Beiträgen hat sie nie versäumt, ihre Enttäuschung darüber zu vermerken, dass der Quasi-Herrgot der Pequod sich immer noch nicht blicken lässt. Jetzt steht er endlich großmächtig wie aus den Planken gewachsen da mit nicht weniger im Sinn, als die Handlung voranzutreiben.

Die Wirklichkeit übertraf jede Befürchtung: Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck.

So Jendis; Rathjen fast noch bildhafter:

Die Wirklichkeit ließ das Fassungsvermögen hinter sich zurück; Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck.

Am eindrucksvollsten an seiner Beschreibung ruft uns Melville Ahabs Gesichtsausdruck vor Augen:

Ahab stood before them with a crucifixion in his face; in all the nameless regal overbearing dignity of some mighty woe.

Eine Kreuzigung trägt er im Gesicht — wie geht’s denn noch leidvoller? Jendis überträgt uns das ganz wörtlich, Rathjen spricht “nur” von Marterspuren. An dieser Stelle Punkt für Jendis, finde ich. Überhaupt hat die Stelle bisher offenbar jedem Moby-Übersetzer zu schaffen gemacht. Ebenfalls im Jendis (Anmerkungen von Daniel Göske, Seite 953) lernen wir:

Nicht nur für den englischen Lektor [der Melvilles Manuskript mit noch mancherlei zickigen Eingriffen verunziert hat] war dieses expressive Bild zu kühn. In der Londoner Ausgabe ist Ahabs Antlitz von “einem anscheinend ewigen Kummer” gezeichnet; frühere deutsche Übersetzungen sprechen (im Gegensatz zu ihren französischen Kollegen [als erster Jean Giono, und folgende]) nur von “heilige[m] Gram” (1944) [also Fritz Güttinger], einem “zermarterte[n] Gesicht” (1946, 1956) [also Thesi Mutzenbacher & Ernst Schnabel und Seiffert & Seiffert] oder “gemarterte[n] Zügen” (1954) [womit wohl Richard Mummendey gemeint ist, dessen 1964er Übersetzung Göske wiederholt falsch zu datieren pflegt. Hat jemand den Mummendey-Moby und kann kurz nachweisen oder widerlegen, ob das der mit den gemarterten Zügen ist?].

Locker drüber hinweg konnte da noch niemand lesen.

Ferner benutzen unsere beiden Lieblingsübersetzungen die Schreibweise “Kapitän Ahab”. Bisher hab ich mir webloghalber “Captain Ahab” angelegen sein lassen, weil man es unwillkürlich englisch ausspricht, oder jedenfalls in der dahingeflapsten Weise, die wir Landratten gern für seemännisch halten. Das schreibt sich dann meistens “Käpt’n Ahab”, was ich für eine bemühte Kinderbuchsitte halte. Aber ihr dürft das gern weiter benutzen, es wäre zu rechtfertigen und ist außerdem genügend etabliert.

Ihr merkt es wohl, ich flüchte mich vor der Größe der Ereignisse in stubengelahrte Kniefieseleien. In rituellen Anfängen oder Abschieden war ich noch nie gut. Seit November hab ich durchaus den einen oder anderen Anlauf genommen, um einen Beitrag wie diesen zu liefern. Mit dem bisschen Ergebnis mögen meine Leser mit mir glücklich sein oder nicht, aber es ist schon auch kein Wunder. Fangen Sie mal an, über Ahab zu recherchieren. Zugeschwemmt werden Sie da von Google, zugeschwemmt. Hauptsächlich mit Musikern unterschiedlicher Richtungen, die sich auf ihn berufen, dann mit Gregory Peck in seiner gleichnamigen Rolle 1956, erst dann mit dem Büchernerdkram, wie wir ihn brauchen. Man wird das bis Kapitel 135 noch oft tun müssen, und dafür wünsche ich mir dann spitzere Themenstellungen. Als ob ich sie nicht selbst aussuchen könnte — aber auf was hübsches Brillantes über Ahab-itis freu ich mich schon.

Genug, das handlungstragende Personal ist beisammen, in Kapitel 29 winkt dann ein Wechsel der Erzählperspektive. Der Leser, den sich jeder Schreiber für jedes Buch neu schaffen muss, ist damit wohl vollendet: Uns mein ich. Wir sind auf See und können nicht mehr zurück. Mir gefällt, wie sogar Ahab fast gelächelt hätte:

Nevertheless, ere long, the warm, warbling persuasiveness of the pleasant, holiday weather we came to, seemed gradually to charm him from his mood. For, as when the red-cheeked, dancing girls, April and May, trip home to the wintry, misanthropic woods; even the barest, ruggedest, most thunder-cloven old oak will at least send forth some few green sprouts, to welcome such gladhearted visitants; so Ahab did, in the end, a little respond to the playful allurings of that girlish air.

Und wieder bleibt unklar, welches Bein dem Manne eigentlich fehlt. Ich übergebe an Elke, Stephan und jeden, der was zu sagen hat.

Ahab the captain/looks a lot like Abe Lincoln/but walks with a limp

Bilder: Jorge Lacera: Random Bits, 25. September 2007;
MadHaiku: MoBy DiCk In HaIkU v2, Chapter Five.

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Gay religions full of pomp and gold

7. November 2007

Elke hat Kapitel 27: Ritter und Knappen gelesen:

Wandering o’er the earth,
Through God’s high sufferance for the trial of man,
By falsities and lies the greatest part
Of mankind they corrupted to forsake
God their Creator, and th’ invisible
Glory of him that made them to transform
Oft to the image of a brute, adorned
With gay religions full of pomp and gold,
And devils to adore for deities.

John Milton: Paradise Lost, Book I

Stubb by Moby Dick The MusicalNatürlich bin auch ich sogleich über der Melvilleschen Untiefe ins Schlingern geraten, warum nun die Ritter und Knappen noch ein zweites Mal als Kapitelung herhalten müssen. Spinn ich halt auch ein bisschen so für mich hin — schließlich hat der Wolf damit angefangen. Eigentlich ist ja das Atemholen ganz einleuchtend, wo wir doch aus dem Mastkorb Kapitel 28 und damit den so ewig retardierten Auftritt des leibhaftigen Ahab erspähen können (der Leibhaftige ist auch ganz schön zweideutig, oder?).

Mir hingegen gefällt ja die angesprochene und plötzlich über uns hereingebrochene Systematik des Herrn Melville noch besser. Starbuck hat schon deshalb dies eigene Kapitel verdient, da er als Erster Steuermann wie kein anderer zugleich Ritter und Knappe ist, um mal in der Metaphorik des Autors zu bleiben: Ersteres in Bezug auf seine Bootsbesatzung gesehen und in seiner Position als Vertreter und Hüter der Crew — und der Vernunft; andererseits ist er des schiffsallmächtigen Ahab “Knappe”, Untergebener… Befehlsempfänger und Übermittler von solchen des Kapitäns nach unten. Diese Kombination ist es doch, die ihn (wie von uns schon ausgemacht) neben allem anderen auf der wilden Jagd zum einzigen halbwegs ernsthaften Widerpart von Ahab werden lässt. Mal abgesehen jetzt von Moby Dick selber, aber die Kreatur zählt hier nicht.

Deswegen verkommt uns Nummer 27 noch lange nicht zur bloßen Liste der Weisungsbefugnisse, nicht bei einem Herman Melville. Von der insulanischen Walfängerelite der Pequod erfahren wir hier grob schon fast alles, was man als Minimum von Leuten wissen muss und mag, mit denen man immerhin — nach der wolfschen Lesetempo-Prophezeiung — noch bis 2012 auf einem Schiff segeln wird. Inklusive Vor- und Herkommen, Spitznamen sowie — beim einen mehr, beim anderen weniger einnehmenden — ungesunden Marotten. Von denen mir Stubbs Pfeifchenpafferei nicht grad die unsympathischste ist. So viel weiß so manche Bloggerverschwisterung nicht voneinander. Zu den Isolato-Typen als Zeitgenossen könnte ich aus meinem multikulturellen Umgang glatt auch noch einen imposanten Daggoo, mit etwas Nachdenken sogar ein würdiges Stammesmitglied amerikanischer Ureinwohner beisteuern.

Jean-Baptiste du Val-de-Grâce, baron de ClootsDie Pequod ist eine Welt im Kleinen mit einem exemplarisch bunten Menschengemisch (irgendwo waren wir darauf auch schon mal gekommen):

Eine Abordnung des Anacharsis Clootz von allen Inseln der Meere und allen Ecken der Erde, die den alten Ahab auf der Pequod begleiteten, um die Beschwerden der ganzen Welt vor die Schranken jenes Gerichtes zu bringen, von dem nur wenige jemals zurückkehren.

Jendis, Seite 209

Jener Anacharsis, von Hause aus ein preußischer Baron namens Jean Baptiste du Val de Grace Cloots, hatte Melville so schwer beeindruckt, dass er ihn nicht nur hier für das Bild der Schiffsmannschaft bemühte. Auch später im Billy Budd ließ er sich nochmal anerkennend über den Kerl aus, der während der Französischen Revolution nach Paris zog und dort im Juni 1790 sich und einen buntgewürfelten Haufen Fremder “der ersten französischen Nationalversammlung als Abgeordnete des Menschengeschlechts” präsentierte. Er wurde sogar gewählt — doch zurück kehrte er nicht; 1794 endete er unter der Guillotine (siehe Göske/Jendis, Seite 953). Hmjah, ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Die offenbar Melvillescher Walfängererfahrung entsprungene Verteilung von Geist und Muskelkraft in diesem babylonischen Gewimmel bringt einen noch ein wenig ins Grübeln — ob unserm Autor da wohl schlicht die nackten Tatsachen und der Zeitgeist die Feder geführt haben oder auch ein Stückchen seiner geliebten Ironie. Man steckt ja nicht drin…

Fedallah by Cetus the WhaleWas der Schreiber auf seiner eigenen Insel allerdings genauso gut zu wissen scheint wie die ganzen My-island-is-my-castle-Typen auf dem Schiff, „…die den allen Menschen gemeinen Kontinent nicht anerkennen, sondern jeder für sich als Isolato auf ihrem eigenen Kontinent leben” (Jendis, Seite 209) ist: was zählt, wenn alle in einem Boot sitzen. “Doch nun, da sie Konföderierte eines Kiels waren — was für eine verschworene Schar stellten diese Isolatos da vor!” So als Eigenbrötler ist schwer überleben in derlei gefährlichem Handwerk. Und manchmal hilft nicht mal das Verschworensein.

So, aber mehr sag ich nicht — ’s wäre ja fies, jetzt schon zu verraten, wie’s ausgeht, nä.

Moby Dick greift an

Bilder: Stubb by Moby Dick! The Musical, 2005; Jean-Baptiste du Val-de-Grâce, baron de Cloots by Wikimedia Commons; Fedallah by Cetus the Whale; Moby Dick greift an: selber gemacht. Lizenzen im Zweifelsfall: Creative Commons.

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But I am an island – I’m fucking Ibiza!

30. Oktober 2007

Wolf hat das zweite Kapitel: Ritter und Knappen, das 27., gelesen:

Stubb bei Cetus the WhaleUm zu verstehen, was einen ambitionierten Schreiber dazu treibt, zwei Kapitel hintereinander mit der gleichen Überschrift zu versehen, muss man wohl im 19. Jahrhundert Wale gejagt haben, aber es wird damit zu tun haben, dass es keine echte thematische Trennung ist und Starbuck nur so viel Platz einnehmen wollte, dass ein ganzes Kapitel 26 voll wurde und Melville für die restlichen Hauptfiguren in Kapitel 27, ebenfalls Knights and Squires, nochmal Luft holen musste. Seeleute. Immer besorgt um ihren langen Atem.

So viel Systematik hat er bis jetzt, wir haben Seite 200 überschritten, auch noch nie vorgelegt. Die getreuen Bildnisse von Starbuck (26) und der anderen Steuermänner einschließlich ihrer “Knappen” ergeben ein sauberes Powerpoint-Chart. Ein kurzes, einfaches, überschaubares mit gerade mal sechs Namen, aber genau so soll Powerpoint ja aussehen.

Das Wichtigste in Kürze für diejenigen unserer tausend Fans, die nicht parallel zu uns die Primärliteratur mitlesen:

Erster Steuermann (First Mate): Starbuck;
Zweiter Steuermann (Second Mate): Stubb;
Dritter Steuermann (Third Mate): Flask.
Harpunier und Assistent des Ersten Steuermannes: Queequeg;
2. ~ : Tashtego;
3. ~ : Daggoo.

An dieser angenehm übersichtlichen Versammlung fällt auf, dass die Chefs, die “Ritter”, weiße, körperlich unversehrte, heterosexuelle (?!) Nordamerikaner christlichen Glaubens sind, allesamt Insulaner aus den Walfängergegenden Neuenglands, ihre untergebenen Harpuniere dagegen die exotischsten Heiden, die sie und Melville nur irgendwie auftreiben konnten.

Eine bis heute bekannte und bemängelte Konstellation:

As for the residue of the Pequod’s company, be it said, that at the present day not one in two of the many thousand men before the mast employed in the American whale fishery, are Americans born, though pretty nearly all the officers are. Herein it is the same with the American whale fishery as with the American army and military and merchant navies, and the engineering forces employed in the construction of the American Canals and Railroads. The same, I say, because in all these cases the native American liberally provides the brains, the rest of the world as generously supplying the muscles.

Chapter 27, Knights and Squires, gegen Ende

Eine Beobachtung allerdings, die wir Melvilles eigener Erfahrung vor dem Mast real existierender Walfänger zuschreiben dürfen: Ob die Knights und die Squires dem christlichen Abendland oder den heidnischsten Weltecken entstammen, es sind immer wieder Inseln, denn

How it is, there is no telling, but Islanders seem to make the best whalemen. [L.c.]

Für den Rest von Melvilles Gesamtwerk lese ich die Konzeption und Definition des Isolato heraus, jenes Menschenschlags, der sich etwas schief ins Leben gebaut durch die späteren Zeitschriftenerzählungen kauzt. Eine alte Disposition der schreibenden Zunft, wenn es mit ihr nicht so recht vorangehen will. Aus solchen zwangsweisen Junggesellen und Monobegabungen besteht offenbar die gesamte Mannschaft der Pequod — eben auch all die tapferen, ehrbaren Christen und Heiden, die es nicht zu einer namentlichen Erwähnung bringen. In Cock-a-doodle-doo! von 1853 und The Piazza von 1856 sind solche Gestalten die Ich-Erzähler, und dem Lebenswandel nach ist auch Bartleby von 1853 einer: Wie sehr kann man denn noch auf seinem eigenen Kontinent leben, als indem man bis zum eigenen Untergang die meisten Regungen verweigert?

Bill SienkiewiczIn so einem Lebenslauf, auf sturmgebeutelten Walfängern oder in philiströsen Schreibstuben, trifft man ja mit der Zeit die absonderlichsten Leute. Selbst ich, der ich eher die letztere Version lebe, erkenne in den drei Steuermännern der Pequod Abbilder von Leuten, die ich schon mal getroffen hab.

Mit Stubb zum Beispiel war ich beim Bund, Grundausbildung als Fernmelder in Daun. Ganz ähnlich wie Stubb hat der sich in der Frühe als erstes keine Pfeife, aber eine Marlboro angeschürt, um sich dann um die brennende Fluppe im Mund herum zu rasieren — nass. Und so einen übereifrigen Giftzwerg wie Flask hatte jeder schon mal als Chef. In meinem sozialen Portfolio fehlen allerdings so eindrucksvolle Indianer wie Tashtego oder der baumhafte Neger Daggoo.

Bilder: Stubb bei Cetus the Whale, Tashtego: Rockwell Kent bei Lakeside Press Edition, Daggo et al.: Bill Sienkiewicz; Lizenz: Creative Commons.

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Nochmal Starbucks für alle: aufgewärmt Kapitel 26

20. September 2007

Elke rafft sich vom Krankenbett auf to talk like a pirate
über Ritter und Knappen:

Elke HegewaldEr ist der Traum aller Schwiegermütter jeder verdammten Walfängerdynastie zwischen Nantucket und Cape Cod, dieser Starbuck, zweiter Mann auf der Pequod. So und nicht anders muss einer sein und aussehen, der es mit dem Wal aufnimmt. Wie das vom Habitus her rüberkommt, dazu verweise ich mal auf die Spekulationen der Jungs.

Dabei ist er nicht der Draufgängertyp wie der schaumgewordene Bulkington oder gar einer, der das Reden erfunden hat, sondern “ein gelassener, unerschütterlicher Mann, dessen Leben zum überwiegenden Teil eine beredte Pantomime aus Gebärden und Taten war, nicht ein handzahmes Kapitel aus Worten.” (Jendis, Seite 200)

Bible Code DigestEr ist einer, der dorthin gehört, ein Fighting Quaker und Ur-Nantucketer, auch wenn er mit Frau und Kind inzwischen auf dem (damals noch) Festland in Cape Cod lebt – wenn er denn mal zu Hause ist. Was übrigens John Huston in seinem Moby-Dick-Klassiker schamlos ignoriert hat, denn der lässt ihn beim Auslaufen des Schiffes aus dem Hafen von Nantucket seiner Familie zuwinken. Aber dies nur am Rande.

Erfahren in seinem Handwerk, “ungewöhnlich gewissenhaft für einen Seemann und mit einer tiefen Ehrfurcht vor der Natur versehen” (ebenda), weiß so einer genau, was er tut.

Kurz gesagt, er ist der Kerl, dem sich die Mannschaft ohne Zaudern anvertraut, wenn sie mit ihm in das schwankende Walboot springt. In dem er keinen duldet, “der keine Angst vor dem Wal hat”. Das klingt für meine Begriffe so widersinnig und unvernünftig nicht – seine Anleihen beim Aberglauben der Seeleute sind für ihn eine Art Lebensversicherung, geboren aus dem Wissen um die Gefahren des Jobs.

Jens RuschUnd den Wal tötet er nur, weil er schlicht und ergreifend davon leben muss. Schon allein dieser Beweggrund, der Ahabs fanatischem Hass auf den Einen und seiner blutrünstigen Verfolgungssucht ferner ist als nur irgendwas, macht ihn unausweichlich zu dessen Gegenpart. Und wer sollte es auch sonst sein? Allerdings macht Herr Melville des geneigten Lesers Hoffnung auf den Sieg des Guten, nachdem er ihn den Kontrahenten nun ausmachen ließ, auch gleich wieder fast zunichte. Begibt er sich doch in die Tiefen der Starbuckschen Seelenstärke und findet daselbst, warum sie im rechten Moment nicht ausreichen wird:

So tapfer er auch sein mochte, war seine Tapferkeit doch von der Art, wie man sie vor allem an jenen furchtlosen Männern sieht, die zwar im Kampf mit Wasser, Wind und Wal felsenfest zu stehen pflegen und vor dem wirren, gewöhnlichen Grauen der Welt keinen Zoll weichen, aber jenen schrecklicheren, weil inneren Schrecken nicht zu widerstehen vermögen, welche bisweilen von der gefurchten Stirne eines mächtigen, vor Wut rasenden Mannes drohen.

Moby-Dick, Jendis-Übersetzung, Seite 201 f.

Die Seele eines Ahab ist ihm fremd und unheimlich. Das Phänomen hatte Melville schon früher nicht losgelassen, war ihm auch von Shakespeares Helden haften geblieben. So ist in seiner Ausgabe von “Antonius und Kleopatra” die Stelle mit der Warnung des Wahrsagers angemarkert:

Dein Geist, der dich beschützt, dein Dämon, ist
Hochherzig, mutig, edel, unerreichbar,
Dem Cäsar fern: doch nah ihm wird dein Engel
Zur Furcht, wie überwältigt. Darum bleibe
Raum zwischen dir und ihm.

Jens RuschUnd in seinem King-Lear-Exemplar findet sich zur Rede des Verräters Edmund die hingekritzelte Notiz: “Das infernalische Wesen besitzt oft eine Seelenstärke, die der Unschuld versagt ist.” (Siehe Göske-Nachwort, Seite 951) Ich glaub, so langsam weiß man, was er meint. Es riecht geradezu nach der unausweichlichen Katastrophe…

Auf jeden Fall ist es für mich Zeugnis der ruhelosen Sinn- (und Gott-?) -suche unseres Weltenbummlers Ismael alias Melville höchstselbst, der weder seine große Sympathie für den Mann aus dem Volke noch seine Vision der Volksherrschaft als höchstem Ausdruck der “demokratischen Würde” verleugnet. Er geht sogar so weit, diese mit dem “großen und allmächtigen Gott” gleichzusetzen und den gleich zum demokratischen Gott zu machen – schon deshalb eine Vision, falls ihr mich als Atheistin fragt. Zumindest solange Gott und Religion – dochdoch, immer noch – als Werkzeug und Rechtfertigung politischer Macht und ihrer Kreuzzüge dienen. Dem Londoner Lektor ging dies zu weit – so radikal will man ja, noch dazu als Untertan einer Monarchin von Gottes Gnaden, Demokratie nich haben, nä.

Gustave Doré, Don Quixote & Sancho PansaBliebe noch die Frage nach den “Rittern und Knappen”, einer nicht gerade als selbstverständlich erwarteten Kapitelüberschrift, wenn man grad mitten auf einem Walfänger herumsegelt, oder was meint ihr? Also mir fielen dabei seltsamerweise sogleich der Ritter von der traurigen Gestalt und sein treuer Knappe Sancho Pansa ein. Oder ist es doch gar nicht so seltsam? Denn schau an, auch beim Herrn Nachwörtler fand sich dieser Bezug, zwar in einer für meine Begriffe etwas verquasten Herleitung des Melvilleschen “Geistes der Gleichheit” (siehe Göske, Seite 951), aber immerhin. Und als alter Melvilleaner weiß man schließlich auch um des Autors tiefe Verehrung für den ollen Cervantes: In seiner Erzählung “The Piazza” nennt er ihn gar “den weisesten Weisen auf Erden” – im Original: “Don Quixote [nicht, wie von Göske dahinimpliziert, Cervantes], that sagest sage that ever lived“. Was ich eigentlich sagen wollte: Das Bild der wackeren Knappen, die der Wirklichkeit leben und immer die sind, die das Übelste zu mildern und zu verhüten trachten, und ihrer Ritter, die welchem Wahne auch immer verfallen sind – passt es nicht auch hier – irgendwie?

Bilder: Bible Code Digest, 2x Jens Rusch, Gustave Doré via Así hablaba Josef K; Lizenz: Creative Commons.

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Das Wesen des Mannes auf seine Essenz verdichtet

10. August 2007

Christian hat Kapitel 26: Ritter und Knappen gelesen:

Christian WestheideSchöne Beschreibung des Starbuck-Charakters über seine physischen Merkmale, irgendwo zwischen reanimierter Mumie und drahtigem Körper (ich stelle ihn mir Iggy-Pop-artig vor, diesen Starbuck-Leib, kein Gramm Fett, durch alle Extreme der Existenz gestählt und doch vor allem verfolgt von den inneren, eigenen Dämonen). „… das Wesen des Mannes auf seine Essenz verdichtet“ – so beschreibt Melville ihn zunächst. Dann aber wird er uns als überlegter, rationaler Mann näher gebracht, lediglich mit einem Aberglauben ausgestattet, „welcher in manchen Gemütern eher der klugen Einsicht entspringt, als dem Unwissen.“

Glauben ist also Unwissen und wahrer Glauben (wie er uns im folgenden dann auch geschildert wird) Wissen? Dazu fällt mir nur, ganz Atheist, folgender Satz ein: „Glaube ist nicht verifizierbares Wissen.“ Er trifft für mich ziemlich genau die Gewissheit, mit der Gläubige von ihrem Gott oder „jenem höheren Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll in der witzigen Geschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“) sprechen.

Kara Starbuck ThraceNun – von Gott spricht Melville sehr viel, wenn auch die genaue Bedeutung, wenn er z.B. vom „großen demokratischen Gott“ sich wohl eher der Walt Whitmans bezieht, und seinen Gedichten wie z.B. in „Für Dich o Demokratie“ oder in „Von Paumanok kommend“, immer wieder. Das Volk und Starbuck als ein Mann aus dem Volke und die Demokratie als ihre höchste Form, sie werden in diesem Kapitel besungen. Eine Demokratie allerdings, die gerade auf einem Schiff nicht herrscht, sondern besonders unter Ahab, aber eigentlich immer zur See, eher einer streng hierarchischen Diktatur ähnelt. Der Kapitän als Alleinherrscher und absoluter Gehorsam, alles andere ist Meuterei.

Aus Cape Cod kommt der gute Starbuck, damals wohl ein kleines Fischernest, heute ein Retreat für Bostoner und New Yorker, mit Strandvillen, SUVs, Segelbötchen rosa Pulli um die Schultern gelegt – na eben white & rich America mit einer Prise Kennedy-Liberalismus. Einen Mann wie Starbuck kann man sich dort nur schwer vorstellen, keine Iggy-Pop-Körper – eher fette in kurzen Shorts seh ich da. Sei’s drum, die Zeiten ändern sich eben.

Kara Starbuck ThraceStarbuck auch ein typischer Rationalist, wenn er beschrieben wird als mutiger Mann, der aber „Wale für seinen Lebensunterhalt“ umbringen will, nicht umgekehrt. Kein Fanatiker wie Ahab, kein Getriebener, sondern einer, der Geld verdienen muss für sich und seine Familie und beim Walfang landete.

Dann hebt Melville an zu einem Gesang auf die Tapferkeit der einfachen Leute, auch eine ganz und gar whitmansche und fast uramerikanische Art. Das ganze gewürzt mit einem fast sozialistisch-internationalistisch klingenden Ton, wenn er schreibt: „Menschen mögen im Verbund von Aktiengesellschaften und Nationen abscheulich wirken; …“ Wenn er von der „unbefleckten Mannhaftigkeit“, dem Glanz und der Würde der Arbeiter („der seine Hacke schwingt oder Nägel einschlägt“) schreibt, um schließlich bei der „demokratischen Würde“ zu landen, die ohne Unterlass von Gott auf alle abstrahlt. America the Chosen Nation (heute immer noch ein Gründungsmythos, aber auch Antrieb für solche Dummköpfe wie George W.B. und einige Präsidenten vor ihm, andere Länder zu „befreien“). Das Neue Jerusalem, erwählt, die Welt mit Demokratie zu beglücken und Ebenbild einer gottgewollten Ordnung. „Volksherrschaft,… unsere göttliche Gleichheit“ – davon träumt Ismael (Melville), und sie sieht er in Männern wie Starbuck verkörpert.

Starbuck in Cape CodDer letzte Absatz des Kapitels eine Art Gebet an den Gott der Demokratie, der auch der Gott der Welt ist. Beeindruckend, wie eine Staatsform, für die so viele heute nur noch Spott und Verachtung übrig haben (ich meine nicht Al Qaida, sondern in unserem Land das ganze Gerede von „mangelnder Führung“ und die Frustration über die Langsamkeit demokratischer Entscheidungsprozesse. Und bei manchem, nicht nur rechtem Gesindel, die Sehnsucht nach dem starken Mann oder der starken Frau, die endlich aufräumt mit der „Quasselbude“ in Berlin und all den Kompromissen und dem undurchschaubaren Europa etc. Wie schön ist es da, solch einem idealistischem, beseelten Mann zuzuhören, der in der Demokratie die höchste Form menschlicher Organisation erkennt – trotz der vielen schlechten Menschen, die er auch in Kapitel 26 nicht unerwähnt lässt. Ob er allerdings mit Demokratie auch das meinte, was wir in Amerika immer wieder erschüttert betrachten müssen in Kriegszeiten, das wage ich zu bezweifeln. Starbuck jedenfalls ist der Prototyp des fleißigen, entbehrungsfähigen Demokraten und Denkers, der aber Mensch ist, weil er auch Aberglauben und Zweifel in sich trägt. Schon in dieser kurzen Charakterskizze in Kapitel 26 wird ja klar, wie sehr er zum Antagonisten für Ahab werden muss…

Edward Hopper, Cape Cod Morning

Bilder: Katee Sackhoff: Battlestar Wiki; Starbuck bei Starbucks in Cape Cod: Buckland Blues Costumes; Edward Hopper: Le Blog de Posuto, 1950; Lizenz: Fair Use, Creative Commons.

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Starbuck und der demokratische Gott

8. August 2007

Endlich trifft man mal einen vernünftigen Menschen: Kapitel 26 gehört dem Obermaat Starbuck, und es ist eins von den großen.

Armistead Maupins Starbuck-BecherSolche Vize-Chefs – Starbuck kommt in der Hierarchie der Pequod gleich hinter Captain Ahab – kennt man entweder als verbiesterte ewige Zweite (”Second winner is first loser”) oder eben als eine Art Missing Link zwischen Chefetage und Sachbearbeitung; im allegorischen Falle der Pequod: zwischen Gott (oder welch hohe Macht Ahab immer repräsentiert) und der Menschheit (lies: Mannschaft), jedenfalls zwischen Oben und Unten.

Glück für Ismael, dass er mit Starbuck an die letztere Sorte geraten ist. Melville ist über der Abfassung von Kapitel 21 wohl endlich klar geworden, dass er Ismael nicht die ganze Zeit vorausahnend durch die Weltgeschichte (Manhattan, New Bedford, Nantucket) gurken lassen kann, sondern dass der Roman irgendwann einen anständigen Konflikt braucht. Und da sich der miese kleine Dienstgrad Ismael mit seiner lausigen dreihundertstel Lay bei Gefahr des Kielholens nicht gut selbst mit Ahab anlegen konnte, scheint in Going Aboard erstmals Starbuck auf, der als einziger auf der Pequod als Ahabs Gegenspieler auftreten kann.

Sein Charakter prädestiniert ihn dazu: Starbuck ist ja sowas von das Gegenteil zu Ahabs Fanatismus. Er denkt, bevor er redet, am allerliebsten lässt er Taten sprechen, und zwar besonnene. Die Vernunft selbst, ein kühler Kopf, ein ganzer Mann. So wird man zum Namenspatron einer Kaffee-Franchisekette.

Was das Kapitel so groß macht? – Für eine schlüssige Begründung möchte ich mich da auf die anstehenden Ausführungen der Kollegin Elke verlassen, die solche Sachen immer recht anschaulich und engagiert darzustellen pflegt. In meiner eigenen Bewunderung für Leute, die mit unangestrengter Fachkenntnis ihren Job tun, und schönen Formulierungen schau ich lieber nach, wie Recht Paul Ingendaay mit seiner Apologie der Rathjen-Übersetzung hatte:

Wer einmal mit Donnerstimme oder jedenfalls so donnernd wie möglich den letzten Absatz des 26. Kapitels („Ritter und Knappen“) bei Rathjen gelesen hat, dürfte jede andere Version für ziemlich zahm halten. Inzwischen ist es für mich keine Frage mehr, daß der Rathjen-Text über weite Strecken „funktioniert“, wenn auch unter beträchtlichen Opfern: Viele Sachen sähe ich gern redigiert.

Paul Ingendaay: Walgesänge bei Gegenwind.
Vom Lesen, Übersetzen und Rezitieren sowie einigen Besonderheiten in Friedhelm Rathjens Moby-Dick

Starbuck Becher, von Verbrauchern bearbeitetKlingt ja vielversprechend. Im Direktvergleich also der letzte Absatz von Kapitel 26, Ritter und Knappen, in der Übersetzung von Rathjen:

Wenn ich also hienach gemeinsten Matrosen und Abtrünnigen und Verstoßenen hohe Eigenschaften, wiewohl dunkle, zuschreibe; tragische Tugenden um sie herumwebe; wenn sogar der Beklagenswerteste, von ungefähr der zutiefst Erniedrigste, unter ihnen allen sich zuzeiten zu den erhabenen Höhen erhebet; wenn ich jenes Arbeiters Arm mit ätherischem Licht anrühre; wenn ich einen Regenbogen über seinen unglückseligen Sonnenuntergang breiten werde; dann tritt dabei gegen alle sterblichen Kritiker für mich ein, du gerechter Geist der Gleichheit, welcher du einen großen königlichen Mantel des Menschlichen über alle von meiner Art gebreitet hast! Tritt dabei für mich ein, du großer demokratischer Gott! der du dem schwarzen Sträfling Bunyan die bleiche poetische Perle nicht verwehret hast; Du, der Du in zwiefach getriebene Blätter feinsten Goldes den stumpen und almosenen Arm des alten Cervantes kleidetest; Du, der Du Andrew Jackson aus dem Staube auflasest; der Du ihn auf ein Schlachtroß warfst; der Du ihn höher hinaufschleudertest als einen Thron! Du, der Du bei all Deinem mächtigen, irdischen Schreiten Deine ausgesuchtesten Streiter immer aus den königlichen Kammern des niederen Volkes erwähltest; tritt darin für mich ein, O Gott!

und Jendis:

Wenn ich mich also hernach nicht scheue, auch gemeinen Seeleuten und Abtrünnigen und Verstoßenen edle, wenn auch dunkle Eigenschaften zuzuschreiben; wenn ich tragische Züge um sie webe; wenn sogar der Erbärmlichste, ja gar der Allergeringste von ihnen sich bisweilen zu den höchsten Höhen aufschwingt; wenn ich den Arm dieses Arbeiters in ein ätherisches Licht tauche; wenn ich einen Regenbogen über die sinkende Sonne seines Untergangs spanne; dann stehe Du mir bei gegen all die sterblichen Kritikaster, Du gerechter Geist der Gleichheit, der Du den ungeteilten Königsmantel des Menschentums über mein ganzes Geschlecht gebreitet hast! Ach, steh mir bei, Du großer demokratischer Gott! Der Du dem schwärzlichen Sträfling Bunyan die hellweiße Perle der Poesie nicht wolltest wehren; der Du den Armstumpf des alten, in Armut gefallenen Cervantes bekränzt hast mit zweifach ausgetriebenen Blättern feinsten Goldes; der Du Andrew Jackson aus dem Staube holtest, ihn auf ein Schlachtroß warfst und höher noch als auf den Thron ihn donnernd hoch emporhobst! Der Du bei Deinen Siegeszügen hier auf Erden die Besten deiner Kämpen stets aus dem königlich gemeinen Volke hast erwählt – steh Du mir bei, o Gott!

Die Kapitelüberschrift Knights and Squires haben beide mit Ritter und Knappen übersetzt, den Originaltext tipp ich jetzt nicht auch noch ab, weil Sie den leicht selber finden.

Starbuck hätte ebenso gehandelt.

Leo Genn als Starbuck, 1956

Text Ritter und Knappen: Zweitausendeins resp. Hanser; Text Paul Ingendaay: Schreibheft 57, September 2001; Bilder: gay news blog, 19. August 2005; Liberal Serving, 15. Januar 2007; Moulin Productions Inc., 1956; Lizenz: Creative Commons.

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Schon wieder Land in Lee

20. Juli 2007

Der blinde Passagier Christian erscheint nach vier bis neun Monaten wieder auf Deck, gibt eine nahezu Bulkingtonische Figur ab und macht ein Update zu Dass alles tiefe, ernste Denken nur der Seele unverzagtes Mühen ist:

Christian WestheideNach einem halben Jahr Abwesenheit, unfreiwillig (kein Internet) und freiwillig (anderes Lesematerial, dies und das) melde ich mich zurück. Das Kapitel 23, Land in Lee, scheint mir für meine noch wankenden Schritte auf Deck gut geeignet. So heißt es dort z.B.:

Ich blickte mit sympathetischer [!] Ehrfurcht und Scheu auf den Mann, der sich mitten im Winter, gerade von einer vierjährigen (für mich -monatigen) Reise voller Gefahren [naja] zurückgekehrt, so rastlos auf einem weiteren sturmumtosten Schiff [ihr, der Blog, das Internet, die Artikelbäume...] einschiffen konnte. Das feste Land schien ihm die Füße zu versengen.

Über den Hafen als Freund und Feind heißt es:

Mit aller Kraft kämpfend, mit vollem Zeug, steht es [das Schiff] vom Lande weg und kämpft so wider ebenjene Winde, die heim es in den Hafen treiben wollen, und suchte erneut die landlose leere, aufgepeitschte See, stürzt sich in Gefahr, sein einz’ger Freund sein schlimmester Feind [der Hafen].

Ganz so pathetisch, aufregend und existenziell sind sie dann doch nicht (eigentlich gar nicht) gewesen, meine letzten Monate unter Deck. Aber über das insgesamt eher gemächliche Tempo freue ich mich und insofern passt es, dass Captain wolf mit der Verbloggung (tolles wort) nicht in Gänze hinterherkommt (muss er ja auch nicht) und über die Produktivät staunt (das sagt der Richtige).

Warum auch Hektik? Wir hinterlassen im Meer (des Internets) keine Spuren, nur das Meer hinterlässt Spuren auf uns (bei jedem anderen: Zeitmangel, Ringe unter den Augen, bisserl Geld in der Tasche (vielleicht), vielviel was man lesen, sehen, hören könnte…).

Und Stephan hat noch Kapitel zu lesen und seinem Sohn sehr viele Fragen zu beantworten (empfohlen sei ihm ein Buch für Väter, die gewappnet sein wollen auf Fragen wie “Warum ist der Himmel blau und wie kommt das von dem?”, das Buch von Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem, das auf eben solch einer Frage seines Kindes basiert) und Stefanie ist unter der Deck verschütt gegangen – das passiert jedem mal. Sommer ist ja auch, weshalb ich die sturmgepeitschten Sprachbilder und Seemetaphern besonders schön finde im Moment. Also Kameraden, ick bemüh mir mehr Angaschement auf Deck zu zeijen, lesen tu ick und tippen will ick ooch.

So long, der blinde Passagier im Berliner Stadtmeer, Chr

Shirley Temple, Stowaway Briefmarken

Bild: Shirley Temple als Blinder Passagier auf Entertainerstamps, 1936;
Lizenz: Creative Commons.

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Moby-Dick undercover: Der Weiße Wal ist kein Weißwal

13. Juli 2007

Daddy Stephan hat Fahrt aufgenommen…:

Yes, the world’s a ship on its passage out, and not a voyage complete.

Chapter 8: The Pulpit

Stephan De MariaAls ich gestern nach Hause kam, hat mich mein Sohn nach einem knappen Hallo sofort gefragt:

“Papa, stimmt das, dass ein Weißwal stärker ist als ein Blauwal?”

Ich war ein wenig überrumpelt und dachte daher sofort an Moby Dick:

“Na klar ist der stärker! Wer nimmt’s denn schon mit dem auf!”

Einen Gedanken später entsann ich mich, dass ein Weißwal ein Beluga ist. Diese überirdisch harmlosen, sanftmütigen, Marshmallow-artigen Tierchen gegen einen Blauwal? Welch ein Massaker, wenn man das mit den Augen eines Fünfjährigen betrachtet.

“Nee”, antwortete ich, “Wale kämpfen eigentlich nicht gegeneinander, also nicht verschiedene Arten gegeneinander, sie haben doch genug Platz im Meer, um sich aus dem Weg zu gehen.”

Mein Sohn, das gute Kind, hat sein Interesse am Meer von seinen Eltern geerbt. Und ich bin sooo glücklich darüber!

Mit Kapitel acht endete mein gestriger Abend, mit bleiernen Augenlidern und sehnsüchtigen Gedanken an das, was da kommen mag. An die fordernd-schneidenden Winde, an das babylonische Sprachengewirr an den Docks von New Bedford. Welche Beziehung pflegen denn diese Seemänner, Walfänger zum Meer und zu ihrer Beute? Gibt es diese religöse Demut vieler uramerikanischer Völker gegenüber der Natur, die sie am Leben erhält? Ist es eine Unterwerfung des Ichs unter die Knute des Schicksals? Schiere Abenteuerlust einiger Greenhorns? Sportlicher Ehrgeiz? Ich werde es erleben.

Beluga Group Logo

… und Elke weist ihn ein:

Elke HegewaldHach, wie salomonisch schlichten doch Eltern die Kämpfe in Kinderseelen. Sowas kann der Liebe zum Meer eigentlich nur zuträglich sein. In mir wohnt sie auch – mehr als man sie in einer Landrättin wie mir vermuten sollte…

Stephan, der Einwand zum Weiß- oder Belugawal ist vollkommen berechtigt. Ich bin auch schon mehrmals über diese Bezeichnung gestolpert. Hui, und der Marshmallow-Vergleich ist ja goldig, vor allem passt er so schön, wenn man das Bild dieser Tiere vor Augen hat.

Unser Weißer Wal (mit großem W, wenns nach mir ginge) ist ja bekanntlich ein riesiger Pottwal, nur seeehr entfernt verwandt und keineswegs zu verwechseln mit jenen verschmitzt dreischauenden Marshmallow-Tierchen (die – hehe! – aber immer noch die beachtliche Länge von 3 bis 6 Metern erreichen und an die eintausend Kilogramm auf die Waage bringen können). Beluga (von bela, belyj) bedeutet übrigens auch weiß – auf Russisch.

Die Frage, warum Moby Dick dennoch der Weiße Wal heißt (obwohl Pottwale sonst eher bräunlich dunkel sind), führt uns zunächst unausweichlich wieder zu – Mocha Dick. Der soll ja, wie man hört, eine große weiße Narbe auf seiner gewaltigen angriffslustigen Stirn gehabt haben, das Zeichen bestandener Kämpfe mit nicht weniger angriffslustigen Waljägern. Tja, und auch die spinnen gern Seemannsgarn, um sich ins rechte Licht zu rücken. So wurde mit jedem Bericht über eine Begegnung mit diesem Ungetüm des Meeres die weiße Narbe größer – und der Wal immer weißer, und “irgendwann war der ganze Wal weiß geredet und gerüchtet”. Und trug so zur weiteren Legendenbildung und Manifestierung seines Mythos bei.

Na, und unserm guten Melville kam ja der Weiße Riese erst recht zupasse. Was konnte er besser gebrauchen als diesen symbolistischen Anstrich (ui, wat’n Wortspiel) für seinen Moby Dick. Der uns bestimmt auf hoher See, dort, wo selbiger uns und Ahab die weiße Stirn bieten wird, wohl noch tiefer zu beschäftigen hat.

Zwecks Entfachen der ungestümen Leidenschaft, die diesbezüglich irgendwo tief in uns wohnen sollte, und zum einstweiligen vorkostenden Beknabbern der Weiße des Wals werfe ich einfach mal ein – Ismael ins Maul gelegtes – Melvillesches philosophisch-welträtselndes Fragenbündel unter euch:

Ist es so, dass das Weiß durch seine Unbestimmtheit die herzlose Leere und unermessliche Weite des Weltalls andeutet und uns so den Gedanken an Vernichtung wie einen Dolch in den Rücken stößt, wenn wir in die weißen Tiefen der Milchstraße blicken? Oder ist es so, dass das Weiß seinem Wesen nach nicht so sehr eine Farbe ist als vielmehr die sichtbare Abwesenheit von Farbe und zugleich die Summe aller Farben? Ist das der Grund, weshalb eine weite Schneelandschaft dem Auge eine so öde Leere bietet, die doch voller Bedeutung ist – eine farblose Allfarbe der Gottlosigkeit, vor der wir zurückschrecken? [...] Für all dies war der Albinowal das Symbol. Wundert euch nun noch die feurige Jagd?

Kapitel 42: Das Weiß des Wals, Jendis-Moby Seite 322

Uff! Schön, dass wir wir schonmal drüber gesprochen haben. Das Kapitel hat zweiundzwanzig und a bisserl Seiten – und die gehn von Anfang bis Ende so.

Hey, Stephan, und was die Beziehung zumindest der Walfänger zum Meere und ihrer Beute angeht: Das findest du heraus, einiges häppchenweise schon in den nächsten Kapiteln, die du ansteuerst. – Man will ja schließlich nicht alles schon vorher verraten. Verflixt, dass ich mich immer nicht bremsen kann!

Die Urvölkler in dem nordamerikanischen Staatengebilde könnten, was das angeht, allerdings nochmal einer genaueren Beschnüffelung wert sein. Ja doch, ich bin ja schon still! Und wenn ich hier zu ausgiebig klugscheiße – sorry! –, dann pfeift mich ruhig zurück, okay?

Unschuldig pfeifend übers Deck schlendernd –
die Kajüten-Klabauterin

Merke: Blauwal ungleich Beluga gleich Weißwal ungleich Weißer Wal ungleich Marshmallow.

Freundlicher Beluga

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In medias res: Komödiantisch

11. Juli 2007

Stephan hat bis Kapitel 10: A Bosom Friend nachgelesen, fühlt sich aber direktemang wie Ismael und macht ein Update zu Elkes Busenfreunde vs. Blutsbrüder:

Crew,

Ernest Henry Shackletonnoch habe ich die Pequod nicht bestiegen, noch weiß ich nicht einmal, dass ich auf diesem Schiff anheuern werde. Gestern bin ich erst auf einen furchterregenden gottlosen Kannibalen gestoßen – in meinem Bett!

Ein sehr amüsante Szene, geradezu komödiantisch und selbstironisch, wie Ismael schließlich die Nacht in New Bedford verbringt und besser denn je schläft.

Die langen Sätze und Verweise auf die Bibel sind zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig, die Sprache ist allerdings sehr angenehm. Es tut mir gut, einem Wortschatz zu begegenen, der so frei ist von Zeitgeist (zumindest von unserem).

Hätte mich nicht die Müdigkeit dahingerafft, so wäre ich noch weiter vorgedrungen. Aber die Lust ist geweckt, ich blicke mit Vorfreude auf heute Abend.

Kleiner Exkurs: Die Geschichte der U.S. Ex. Ex. Essex beschäftigt mich. Zum einen der Angriff des Pottwals. Gibt es weitere belegte Angriffe eines Wals auf große Schiffe? Zum anderen das Überleben der Teilcrew. Es erinnert mich an die Endurance von Ernest Shackleton. Ich habe das Buch gelesen, den Dokufilm dazu gesehen. Und ich schaffe es nicht zu verstehen, wie sie überleben konnten.

Wäre es nicht eindeutig genug belegt, mir käme es wie albernes Seemannsgarn vor.

Endurance trapped in pack ice

Bilder: Gaspar-Félix Tournachon, National Library of Australia, Frank Hurley, Februar 1915; Lizenz: Wikimedia Commons, Public Domain.

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Stephan kommt an Bord

5. Juli 2007

There is one knows not what sweet mystery about this sea, whose gently awful stirrings seem to speak of some hidden soul beneath.

Chapter 111, The Pacific

Hafen in Cape Cod

Es wird dieser Tage ein Jahr, dass Moby-Dick 2.0 ausgelaufen ist, diesen whale of a tale zu erschließen. Was waren es für Zeiten: Xing, wo wir uns zusammengeheuert haben, hieß noch OpenBC, und anfangs waren vier Leute im Boot, bis zu 50% davon sind unterwegs verloren gegangen. Wie gelegen kommt es da, dass sich praktisch aus dem Nebel ein neuer Freund des Wortes und des Gewässers dazugesellt. Stephan heißt er, Stephan De Maria. Er hat das Wort:

Stephan De MariaIch stell mich auch mal kurz vor. Ich bin 35 Jahre alt, verheiratet, hab zwei Söhne im Alter von 1 und 5 Jahren, bin seit kurzem geprüfter PR-Berater, arbeite seit zweieinhalb Jahren freiberuflich als Journalist und PR-Schreiber, zuvor war ich Redakteur im IT-Bereich und Volontär bei einer regionalen Tageszeitung. Aber eigentlich bin ich klassischer Archäologe (M.A.), Althistoriker und Romanist (italienische Literaturwissenschaft). Ich lese bevorzugt Klassiker, selten Zeitgenössisches, noch seltener deutsche zeitgenössische Literatur mit Ausnahme von Genazino. Für gute Vorschläge bin ich jedoch immer zu haben.

Ich habe vor einer Weile mit Zolas Romanzyklus Les Rougon-Macquart begonnen, der 20 Titel umfasst. Aber da ich die Naturalisten (und Moralisten) wie Zola nicht so hintereinander weglesen kann, schaffe ich maximal einen Titel im Jahr. Dazwischen muss etwas völlig anderes her – da kommt mir Moby-Dick gerade recht.

Mit Moby Dick verbindet mich natürlich Gregory Peck. Den Film hab ich das erste Mal in recht jungen Jahren gesehen und er hat mich geängstigt, verunsichert, beunruhigt. Das mag der Grund sein, weshalb ich das Buch noch nicht angefangen habe. Wobei mich schon damals weniger der Wal als vielmehr Ahab beunruhigt hat.

Nantucket habe ich noch nicht besucht, aber wir waren während der Hochzeitsreise einige Tage auf Cape Cod, wo wir eine Whale Watching Tour unternommen haben. Das war meine dritte Tour nach Vancouver Island, wo ich Orcas in großer Zahl und in Nasenhöhe erlebt habe, und Tadoussac, Québec. Wale üben eine sehr starke Anziehung auf mich aus. Sie gesehen und gehört zu haben, hat mich tief bewegt und berührt. Ihre Eleganz ist atemberaubend, Buckelwale, die miteinander spielen, wirken völlig entrückt.

Schon lang hat mich beschäftigt, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Menschen im Laufe der Geschichte ist bezüglich der Wale. Am Ende jedoch lief es immer darauf hinaus, dass sie Monster sind, die sich prächtig ausbeuten lassen.

Björk die WaldfeeSelbstverständlich boykottiere ich Walfangländer wie Japan, Norwegen, Island. Und für deren Argumentation bin ich nicht zugänglich. Während junger Studentenjahre habe ich eine Unterschriftenaktion gestartet gegen die norwegische Robbenschlacht- und Walfangpolitik. Rund 900 Unterschriften habe ich bei der Botschaft eingereicht und in Kopie an den Fischereiverband geschickt. Eine knapp zweistündige telefonische Auseinandersetzung mit einem Vertreter des Verbands folgte. Und sie war nicht von Freundlichkeit und Verständnis geprägt.

Zum Meer selbst habe ich auch eine sehr enge Bindung. Ich habe noch nie Urlaub gemacht, ohne am Meer gewesen zu sein. Mein Vater stammt aus einer süditalienischen Hafenstadt, sein Vater war Hafenarbeiter, meine Großmutter stammt aus einer Fischerfamilie. Ich tauche, fahre Kanu und suche stets den Kontakt zum Wasser.

Gestern Abend habe ich Melville zum ersten Mal ernsthaft in die Hand genommen und die Seiten Etymologie gelesen. Mehr erst mal nicht. Es war dann doch spät.

Ihr seid mein erster Literaturzirkel und ich werde versuchen, euren Ansprüchen gerecht zu werden. Ich will gern von euren Gedanken und Abschweifungen lernen. Denn Literaturwissenschaft an der Uni, das ist nicht wirklich das, was ich mir erwartet hatte.

Eine politisch aktive Vollreisewasserratte und ein philologisch studierter Berufsschreiber. Ich glaub, wir werden versuchen, mit dir mitzuhalten. Schön, dass du da bist.

Bilder: Hyannis Travel Inn, Stephan De Maria, Björk by Rosemarie Trockel auf As playmates do Quase em Português; Lizenz: Creative Commons.

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So wahr mich der Erzbischof von Canterbury salbe

3. Juli 2007

Elke hat Kapitel 25: Postskriptum gelesen:

Elke HegewaldLaut Kamelopedia ist der Walrat „eine helle, wachsähnliche Zusammenrottung von alten und vergreisten Europawalen, auf denen ganz schlaue Sachen gesagt werden.“ (Merke: Kamelopedia, ugs.: Kami, ist für das wissbegierige Kamel das, was für den wissbegierigen Wikinger… äh Quatsch, internetaffinen Menschen an sich die Wikipedia, ugs.: Wiki.)

Doch selbst, wenn wir die in der letzteren enthaltene und uns Zweibeinern (noch) vertrautere Walrat-Definition zugrunde legen, glaube ich doch: Hier irrt der ehrenwerte Herr Melville. Und wir wollen es ihm zugute halten; andernfalls müssten wir nämlich von einer – als advokatischer Kunstgriff getarnten – clownesken Provokation gegen die Briten und ihr viktoria(ni)sches gekröntes (und gesalbtes!) Haupt ausgehen. Denn die krönungswilligen Häupter lassen an dieselbigen gewiss kein wachsartiges Zeug unklarer Bestimmung aus dem Kopf des Sperm Whale, sondern höchstens Wasser und – duftenden Balsam, wie er in seiner Konsistenz schon durch das zweite Buch Mose 30,22–33 geheiligt wurde. Oder sich wengstens dafür ausgeben kann.

Hach, da sprüht doch unserem rauschebärtigen Moby-Vater der blanke Schalk aus den Augen – dafür liebe ich ihn:

Es ist wohlbekannt, dass bei der Krönung von Königen und Königinnen, selbst in modernen Zeiten, eine bestimmte seltsame Prozedur vonstatten geht, um sie auf ihre Ämter vorzubereiten und gleichsam zu würzen. Es gibt da ein sogenanntes Staatliches Salzfass, und womöglich gibt es auch einen Staatlichen Pfefferstreuer… Eines allerdings weiß ich sicher, dass nämlich der Kopf des Königs bei seiner Krönung feierlich eingeölt wird, gerad wie ein Kopf Salat. Kann es jedoch sein, dass sie ihn deshalb salben, weil sein Innestes laufen soll wie ein Uhrwerk – dass sie ihn schmieren, gerad so wie man Maschinen schmiert?

Moby-Dick, Kapitel 25: Postskriptum.
Übersetzung: Matthias Jendis, Seite 197

Und vermutlich war ihm der hinterhergeschriebene Spaß sogar die todsichere Streichung des Postskriptelchens in der Londoner Ausgabe wert. Das muss er gewusst haben, dass die Königstreuen da sehr empfindsam sind und in ihrem Salzstreuer statt Meersalz dann sogar Riechsalz gebraucht hätten.

Immerhin ist die salbungsvolle Krönungszeremonie etwas so Heiliges und Intimes für sie, dass dieser Teil der Zeremonie gute hundert Jahre später, bei der noch allgegenwärtigen Elisabeth II., nicht mal im Fernsehen übertragen wurde. Wobei vor allem bemerkenswert ist, dass sie ihre Könige überhaupt bis heute noch ölen.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist gewiss Olivenöl – mit noch was drin, was aromatisch Müffelndem. Somit könnte das hier auch gut als ein Update zum seewölfischen Offenen Brief an Herrn Melville durchgehen. Aber ich will ja nicht streiten…

40 Minuten Krönung, Film von 1953:

Elizabeth II. 1953

Bild: Royal Insight, 1953.

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