Archive for the 'Steuerfrau Elke' Category

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Enter Stubb; To himself, Stubb: Du sollst nicht denken

16. Mai 2008

Elke hat Kapitel 29: Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb gelesen:

Elke HegewaldIch konnte mich ja eines Schmunzelns nicht erwehren beim Lesen der Szene mit den zwei kläffenden, zänkischen Kerls. Für mich hatte sie durchaus was Kurioses.

Zu Ahabs Ehrenrettung muss zunächst mal angemerkt werden, dass er ja mitnichten ohne Rücksicht auf Verluste und Mannschaftsschlaf allnächtlich mit seinem Knüppelfuß übers Deck poltert. Er achtet im Gegenteil sehr wohl auf die verdiente Ruhe seiner Crew. Sogar

some considering touch of humanity was in him; for at times like these, he usually abstained from patrolling the quarter-deck; because to his wearied mates, seeking repose within six inches of his ivory heel, such would have been the reverberating crack and din of that bony step, that their dreams would have been on the crunching teeth of sharks.

Verjendist siehe Seite 217.

Aber ahnen wir doch längst, was ihn umtreibt und dass es manchmal mit ihm durchgeht. Der Typ kreist doch um sich selbst – na, und diesen ominösen Wal. Und dann kommt dieser Trottel Stubb angebolzt und beschwert sich, dass er mal nicht schlafen kann.

So gesehen und in Anbetracht von dessen “scherzhafter Unterwürfigkeit” beginnt von Ahabs Seite das Geplänkel ja noch geradezu leutselig und beschwichtigend – ein Zug, den man in ihm, mit Verlaub, gar nicht vermutet hätte, oder? Nur im Nachsatz muss er dann doch noch den Boss raushängen lassen und ihn einen Hund heißen – oder hatte es gar auch der Versuch eines Scherzes werden sollen? (Melville wäre das zuzutrauen, aber das ist nun wieder der Nachteil vom Lesen, man hört ja den Tonfall nicht so recht…). Sollte es denn so gewesen sein, ging das jedenfalls kräftig daneben, um nicht zu sagen, nach hinten los. Denn so kann man selbst einem Stubb nicht kommen, schließlich hat ein ehrbarer Waljäger auch seinen Stolz.

Stubb Moby Dick! The Musical, PresentingWas das Erstaunliche daran ist: Es kommt einem beinahe so vor, als wären beider Rollen vertauscht, freilich nur für einen kleinen Moment. Denn der finstere Ahab scheint zuerst ungewohnt menschlich und milde und wird erst unversehens wieder dämonisch und aufbrausend, als ihm Widerworte entgegen wehen. So weit kommt das noch, dass der Untergebene, dieser kleine Knappe sich gegen ihn auflehnt – wer ist denn hier der Kapitän!

Stubb hingegen, dessen heiteres und gemütliches Wesen uns Kapitel 27 bekanntlich in einigermaßen epischer Breite erhellte, das ist doch der, den so schnell nix aus der Ruhe bringt – “so cheerily trudging off with the burden of life in a world full of grave pedlars, all bowed to the ground with their packs” (Kapitel 27, bei Jendis Seite 205). Der mit dieser sympathischen Fischkopp-Mentalität des küstengeborenen Inselmenschen, wie sie in derartigen Landstrichen offenbar weltweit zu Hause ist. Und der versteht den etwas verunglückt geratenen Humor seines Obersten plötzlich miss und muckt auf. Statt einfach den ollen Walbeinernen zu nehmen wie er ist und ihm dieses eine Mal nachzusehen, dass er seinen Moralischen hat und infolge seiner Behinderung in naturgemäßem Stakkato über ihren Köpfen herumtrampelt. Und den gebieterisch rauen Ton eines Käptns auf seinem Schiffe, der halt nicht mit Engelszungen daherkommt, sollten solche harten Kerls nicht gewohnt sein…? Hm, wenn diese skurrile Konstellation ihren Zündstoff, an dem sie explodiert, nicht selber ausgebrütet hat, dann weiß ich auch nicht.

Und hinterher brabbelt er ratlos wirres Zeug in sich hinein und versteht die Welt nicht mehr oder was ihn eigentlich geritten hat, sich mit dem da anzulegen. Diesem Murmelmonolog wohnt wirklich nichts weniger inne als der durchgeistigte und psychologelnde Bewusstseinsstrom späterer Autoren, da hat der Wolf schon Recht – und Melville sowieso. Denn nennen wir es doch beim Namen: Unser guter Stubb ist ein einfaches Gemüt, das eben auch mal langsamer denkt, als es spricht, und sich nicht gern den Kopf zerbricht. Nicht umsonst besinnt sich so einer zu guter Letzt gegen das Chaos in seinem Hirn auf sein höchstpersönliches elftes Gebot: Du sollst nicht denken! Und sein zwölftes: Du sollst schlafen – wenn du kannst. Schau an, nicht supergescheit aber lebenstüchtig, der Mann. Rettung durch Verdrängen – kennt doch jeder. Oder etwa nicht?

P.S. Ach ja, eine freundliche Begegnung hatte ich auch noch, beim Kramen nach der passenden Illustration. Wollt ihr hörn? Es gibt tatsächlich eine Insel, die Stubbs Island heißt. Ein winziges Stück Land im Meer an der Nordspitze des riesigen kanadischen Vancouver Island, beide voller Natur pur, ersteres besonders hübsch bei Sonnenuntergang. Und wenn ich mir einerseits auch schwer vorstellen kann, dass dieses Inselchen ausgerechnet nach Ahabs Zweitem benannt ist, spricht doch andererseits etwas Gewichtiges beinahe dafür: Es bietet nämlich eine Touristenattraktion an, wie sie einschlägiger kaum sein kann – Stubbs Island Whale Watching! So viel Zufall kanns doch gar nicht geben, oder?

Bilder: Moby Dick! The Musical; Norman Bolwell: Stubb’s Whaleboat.

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Stigma diabolicum

18. März 2008

Elke hat Kapitel 28: Ahab gelesen und Ahabs Mal gesehen:

Elke HegewaldKapitän Ahab betritt die Bühne. Da steht er also auf seinem Achterdeck rum, der Langersehnte. Das war aber auch schon das Dramatischste, was dieses 28. Kapitel zu verkünden hat, oder? Ansonsten: ein bisschen ahnungsvolles Bauchgrimmen sowie besorgte Spekulationen über Scheffes Befehlsgebaren bei Ismael, der sich wohl auf seine schwindende Erzählerrolle im weiteren Handlungsverlauf vorbereitet, zunehmend eitel Sonnenschein und eine milde Brise auf Deck. Die sogar den finsteren bislang Unsichtbaren zunehmend ans Tageslicht lockt und beinahe hätte lächeln lassen…

Also wirklich. Auf die Gefahr hin, mit grünen Tomaten und Chowder-Bowls beworfen zu werden, frag ich mal ketzerisch: Hat der geneigte Leser (abgesehen von den eingeweihten, die eh Bescheid wussten und nur so tun als ob) von diesem Auftritt nicht was Spektakuläreres, Unheilschwangereres erwartet — und verdient? Wie hat er diesem Moment entgegengefiebert und wie viele Kapitel mit weit mehr Input über den Herrn der Pequod schon hinter sich gebracht und noch zu erwarten. Sogar von dessen Walbein — sei’s nun das rechte oder das linke — weiß er längst. Wen wundert es da noch, wenn die Moby-Projekt-Arbeiter sich “vor der Größe der Ereignisse in stubengelahrte Kniefieseleien” flüchten, wie der Wolf so schön zu formulabern pflegte? Und sich bei ihrer literierenden Waljagd vorübergehend bis an die Grenzen der Trägheit selber retardieren. Andererseits: Wer musste auch seine Erwartungen an des Leibhaftigen Erscheinen so auf die Spitze treiben?

Genug davon und ProvoZeter-Modus aus. Zumal uns doch immer eingebläut wird, positiv zu denken, nä. Und so gesehen ist diese gefühlte Ereignislosigkeit des bemotzten Kapitels nicht des guten Melvilles Schuld, sondern sein Verdienst. Und er uns, explizit was das nämliche Retardieren angeht, ein großer Lehrmeister, hihi.

Öhm… schreiten wir also mal zu einer gerafften Bestandsaufnahme der vorliegenden Nummer 28.

“Die Wirklichkeit übertraf jede Befürchtung. Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck” macht sich in jedem Falle gut als filmische Drehbuchanweisung und ist eine echte Herausforderung für jeden Regisseur, oder? Womit wir dann allerdings — nicht wahr, Stephan? — schon wieder bei Gregory Peck oder Patrick Stewart und Konsorten wären.

Der Umgang des obersten Herrn der Pequod mit seinen Steuerleuten wird uns sicher noch anders als durch geschlossene Türen offenbar; auf die bunte und für ihr Handwerk überaus kompetente Vielvölkercrew scheinen sowohl Ismael als auch Melville selbst felsenfest zu bauen.

Ruthe, Verzeih mir, 8. August 2007Wäre da noch die Sache mit dem unheimlichen und leichenfahlen (Ganzkörper-?)Mal. Diese Kreuzigung, die — wie bereits festgestellt — nicht nur Generationen von Lektoren und Übersetzern zur Verzweiflung gebracht hat, sondern mich gleich wieder in diverse Spinnereien und diffus Aufgelesenes entführt, warum der Herman ihm eine solche anhängen mag. Deutereien und Spekulationen um diese auf dem Schiff wohl als Tabu gehändelte Zeichnung gibt es im Kapitel selbst ja reichlich — vom Zeitpunkt und der Art ihres Erlangens über ihr Ausmaß bis hin zu damit erworbenen übernatürlichen Fähigkeiten. Und zu allem Überfluss spuken in mir auch noch abergläubische Überlieferungen um unheimliche Körpermale (vornehmlich an Hexen und sonstigen vom Teufel Besessenen zu finden), die Satan höchstselbst verleihen soll und die sogar Eingang in die Rechtsliteratur gefunden haben. Warum auch nicht — hat denn nicht die überlieferte Gottlosigkeit seines historisch-biblischen Namensgebers und sein In-die-böse-Ecke-Rücken nicht auch unser entwurzelter Finsterling ererbt…?

Der Gezeichnete: Ruthe, 8. August 2007.

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Gay religions full of pomp and gold

7. November 2007

Elke hat Kapitel 27: Ritter und Knappen gelesen:

Wandering o’er the earth,
Through God’s high sufferance for the trial of man,
By falsities and lies the greatest part
Of mankind they corrupted to forsake
God their Creator, and th’ invisible
Glory of him that made them to transform
Oft to the image of a brute, adorned
With gay religions full of pomp and gold,
And devils to adore for deities.

John Milton: Paradise Lost, Book I

Stubb by Moby Dick The MusicalNatürlich bin auch ich sogleich über der Melvilleschen Untiefe ins Schlingern geraten, warum nun die Ritter und Knappen noch ein zweites Mal als Kapitelung herhalten müssen. Spinn ich halt auch ein bisschen so für mich hin — schließlich hat der Wolf damit angefangen. Eigentlich ist ja das Atemholen ganz einleuchtend, wo wir doch aus dem Mastkorb Kapitel 28 und damit den so ewig retardierten Auftritt des leibhaftigen Ahab erspähen können (der Leibhaftige ist auch ganz schön zweideutig, oder?).

Mir hingegen gefällt ja die angesprochene und plötzlich über uns hereingebrochene Systematik des Herrn Melville noch besser. Starbuck hat schon deshalb dies eigene Kapitel verdient, da er als Erster Steuermann wie kein anderer zugleich Ritter und Knappe ist, um mal in der Metaphorik des Autors zu bleiben: Ersteres in Bezug auf seine Bootsbesatzung gesehen und in seiner Position als Vertreter und Hüter der Crew — und der Vernunft; andererseits ist er des schiffsallmächtigen Ahab “Knappe”, Untergebener… Befehlsempfänger und Übermittler von solchen des Kapitäns nach unten. Diese Kombination ist es doch, die ihn (wie von uns schon ausgemacht) neben allem anderen auf der wilden Jagd zum einzigen halbwegs ernsthaften Widerpart von Ahab werden lässt. Mal abgesehen jetzt von Moby Dick selber, aber die Kreatur zählt hier nicht.

Deswegen verkommt uns Nummer 27 noch lange nicht zur bloßen Liste der Weisungsbefugnisse, nicht bei einem Herman Melville. Von der insulanischen Walfängerelite der Pequod erfahren wir hier grob schon fast alles, was man als Minimum von Leuten wissen muss und mag, mit denen man immerhin — nach der wolfschen Lesetempo-Prophezeiung — noch bis 2012 auf einem Schiff segeln wird. Inklusive Vor- und Herkommen, Spitznamen sowie — beim einen mehr, beim anderen weniger einnehmenden — ungesunden Marotten. Von denen mir Stubbs Pfeifchenpafferei nicht grad die unsympathischste ist. So viel weiß so manche Bloggerverschwisterung nicht voneinander. Zu den Isolato-Typen als Zeitgenossen könnte ich aus meinem multikulturellen Umgang glatt auch noch einen imposanten Daggoo, mit etwas Nachdenken sogar ein würdiges Stammesmitglied amerikanischer Ureinwohner beisteuern.

Jean-Baptiste du Val-de-Grâce, baron de ClootsDie Pequod ist eine Welt im Kleinen mit einem exemplarisch bunten Menschengemisch (irgendwo waren wir darauf auch schon mal gekommen):

Eine Abordnung des Anacharsis Clootz von allen Inseln der Meere und allen Ecken der Erde, die den alten Ahab auf der Pequod begleiteten, um die Beschwerden der ganzen Welt vor die Schranken jenes Gerichtes zu bringen, von dem nur wenige jemals zurückkehren.

Jendis, Seite 209

Jener Anacharsis, von Hause aus ein preußischer Baron namens Jean Baptiste du Val de Grace Cloots, hatte Melville so schwer beeindruckt, dass er ihn nicht nur hier für das Bild der Schiffsmannschaft bemühte. Auch später im Billy Budd ließ er sich nochmal anerkennend über den Kerl aus, der während der Französischen Revolution nach Paris zog und dort im Juni 1790 sich und einen buntgewürfelten Haufen Fremder “der ersten französischen Nationalversammlung als Abgeordnete des Menschengeschlechts” präsentierte. Er wurde sogar gewählt — doch zurück kehrte er nicht; 1794 endete er unter der Guillotine (siehe Göske/Jendis, Seite 953). Hmjah, ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Die offenbar Melvillescher Walfängererfahrung entsprungene Verteilung von Geist und Muskelkraft in diesem babylonischen Gewimmel bringt einen noch ein wenig ins Grübeln — ob unserm Autor da wohl schlicht die nackten Tatsachen und der Zeitgeist die Feder geführt haben oder auch ein Stückchen seiner geliebten Ironie. Man steckt ja nicht drin…

Fedallah by Cetus the WhaleWas der Schreiber auf seiner eigenen Insel allerdings genauso gut zu wissen scheint wie die ganzen My-island-is-my-castle-Typen auf dem Schiff, „…die den allen Menschen gemeinen Kontinent nicht anerkennen, sondern jeder für sich als Isolato auf ihrem eigenen Kontinent leben” (Jendis, Seite 209) ist: was zählt, wenn alle in einem Boot sitzen. “Doch nun, da sie Konföderierte eines Kiels waren — was für eine verschworene Schar stellten diese Isolatos da vor!” So als Eigenbrötler ist schwer überleben in derlei gefährlichem Handwerk. Und manchmal hilft nicht mal das Verschworensein.

So, aber mehr sag ich nicht — ’s wäre ja fies, jetzt schon zu verraten, wie’s ausgeht, nä.

Moby Dick greift an

Bilder: Stubb by Moby Dick! The Musical, 2005; Jean-Baptiste du Val-de-Grâce, baron de Cloots by Wikimedia Commons; Fedallah by Cetus the Whale; Moby Dick greift an: selber gemacht. Lizenzen im Zweifelsfall: Creative Commons.

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Nochmal Starbucks für alle: aufgewärmt Kapitel 26

20. September 2007

Elke rafft sich vom Krankenbett auf to talk like a pirate
über Ritter und Knappen:

Elke HegewaldEr ist der Traum aller Schwiegermütter jeder verdammten Walfängerdynastie zwischen Nantucket und Cape Cod, dieser Starbuck, zweiter Mann auf der Pequod. So und nicht anders muss einer sein und aussehen, der es mit dem Wal aufnimmt. Wie das vom Habitus her rüberkommt, dazu verweise ich mal auf die Spekulationen der Jungs.

Dabei ist er nicht der Draufgängertyp wie der schaumgewordene Bulkington oder gar einer, der das Reden erfunden hat, sondern “ein gelassener, unerschütterlicher Mann, dessen Leben zum überwiegenden Teil eine beredte Pantomime aus Gebärden und Taten war, nicht ein handzahmes Kapitel aus Worten.” (Jendis, Seite 200)

Bible Code DigestEr ist einer, der dorthin gehört, ein Fighting Quaker und Ur-Nantucketer, auch wenn er mit Frau und Kind inzwischen auf dem (damals noch) Festland in Cape Cod lebt – wenn er denn mal zu Hause ist. Was übrigens John Huston in seinem Moby-Dick-Klassiker schamlos ignoriert hat, denn der lässt ihn beim Auslaufen des Schiffes aus dem Hafen von Nantucket seiner Familie zuwinken. Aber dies nur am Rande.

Erfahren in seinem Handwerk, “ungewöhnlich gewissenhaft für einen Seemann und mit einer tiefen Ehrfurcht vor der Natur versehen” (ebenda), weiß so einer genau, was er tut.

Kurz gesagt, er ist der Kerl, dem sich die Mannschaft ohne Zaudern anvertraut, wenn sie mit ihm in das schwankende Walboot springt. In dem er keinen duldet, “der keine Angst vor dem Wal hat”. Das klingt für meine Begriffe so widersinnig und unvernünftig nicht – seine Anleihen beim Aberglauben der Seeleute sind für ihn eine Art Lebensversicherung, geboren aus dem Wissen um die Gefahren des Jobs.

Jens RuschUnd den Wal tötet er nur, weil er schlicht und ergreifend davon leben muss. Schon allein dieser Beweggrund, der Ahabs fanatischem Hass auf den Einen und seiner blutrünstigen Verfolgungssucht ferner ist als nur irgendwas, macht ihn unausweichlich zu dessen Gegenpart. Und wer sollte es auch sonst sein? Allerdings macht Herr Melville des geneigten Lesers Hoffnung auf den Sieg des Guten, nachdem er ihn den Kontrahenten nun ausmachen ließ, auch gleich wieder fast zunichte. Begibt er sich doch in die Tiefen der Starbuckschen Seelenstärke und findet daselbst, warum sie im rechten Moment nicht ausreichen wird:

So tapfer er auch sein mochte, war seine Tapferkeit doch von der Art, wie man sie vor allem an jenen furchtlosen Männern sieht, die zwar im Kampf mit Wasser, Wind und Wal felsenfest zu stehen pflegen und vor dem wirren, gewöhnlichen Grauen der Welt keinen Zoll weichen, aber jenen schrecklicheren, weil inneren Schrecken nicht zu widerstehen vermögen, welche bisweilen von der gefurchten Stirne eines mächtigen, vor Wut rasenden Mannes drohen.

Moby-Dick, Jendis-Übersetzung, Seite 201 f.

Die Seele eines Ahab ist ihm fremd und unheimlich. Das Phänomen hatte Melville schon früher nicht losgelassen, war ihm auch von Shakespeares Helden haften geblieben. So ist in seiner Ausgabe von “Antonius und Kleopatra” die Stelle mit der Warnung des Wahrsagers angemarkert:

Dein Geist, der dich beschützt, dein Dämon, ist
Hochherzig, mutig, edel, unerreichbar,
Dem Cäsar fern: doch nah ihm wird dein Engel
Zur Furcht, wie überwältigt. Darum bleibe
Raum zwischen dir und ihm.

Jens RuschUnd in seinem King-Lear-Exemplar findet sich zur Rede des Verräters Edmund die hingekritzelte Notiz: “Das infernalische Wesen besitzt oft eine Seelenstärke, die der Unschuld versagt ist.” (Siehe Göske-Nachwort, Seite 951) Ich glaub, so langsam weiß man, was er meint. Es riecht geradezu nach der unausweichlichen Katastrophe…

Auf jeden Fall ist es für mich Zeugnis der ruhelosen Sinn- (und Gott-?) -suche unseres Weltenbummlers Ismael alias Melville höchstselbst, der weder seine große Sympathie für den Mann aus dem Volke noch seine Vision der Volksherrschaft als höchstem Ausdruck der “demokratischen Würde” verleugnet. Er geht sogar so weit, diese mit dem “großen und allmächtigen Gott” gleichzusetzen und den gleich zum demokratischen Gott zu machen – schon deshalb eine Vision, falls ihr mich als Atheistin fragt. Zumindest solange Gott und Religion – dochdoch, immer noch – als Werkzeug und Rechtfertigung politischer Macht und ihrer Kreuzzüge dienen. Dem Londoner Lektor ging dies zu weit – so radikal will man ja, noch dazu als Untertan einer Monarchin von Gottes Gnaden, Demokratie nich haben, nä.

Gustave Doré, Don Quixote & Sancho PansaBliebe noch die Frage nach den “Rittern und Knappen”, einer nicht gerade als selbstverständlich erwarteten Kapitelüberschrift, wenn man grad mitten auf einem Walfänger herumsegelt, oder was meint ihr? Also mir fielen dabei seltsamerweise sogleich der Ritter von der traurigen Gestalt und sein treuer Knappe Sancho Pansa ein. Oder ist es doch gar nicht so seltsam? Denn schau an, auch beim Herrn Nachwörtler fand sich dieser Bezug, zwar in einer für meine Begriffe etwas verquasten Herleitung des Melvilleschen “Geistes der Gleichheit” (siehe Göske, Seite 951), aber immerhin. Und als alter Melvilleaner weiß man schließlich auch um des Autors tiefe Verehrung für den ollen Cervantes: In seiner Erzählung “The Piazza” nennt er ihn gar “den weisesten Weisen auf Erden” – im Original: “Don Quixote [nicht, wie von Göske dahinimpliziert, Cervantes], that sagest sage that ever lived“. Was ich eigentlich sagen wollte: Das Bild der wackeren Knappen, die der Wirklichkeit leben und immer die sind, die das Übelste zu mildern und zu verhüten trachten, und ihrer Ritter, die welchem Wahne auch immer verfallen sind – passt es nicht auch hier – irgendwie?

Bilder: Bible Code Digest, 2x Jens Rusch, Gustave Doré via Así hablaba Josef K; Lizenz: Creative Commons.

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So wahr mich der Erzbischof von Canterbury salbe

3. Juli 2007

Elke hat Kapitel 25: Postskriptum gelesen:

Elke HegewaldLaut Kamelopedia ist der Walrat „eine helle, wachsähnliche Zusammenrottung von alten und vergreisten Europawalen, auf denen ganz schlaue Sachen gesagt werden.“ (Merke: Kamelopedia, ugs.: Kami, ist für das wissbegierige Kamel das, was für den wissbegierigen Wikinger… äh Quatsch, internetaffinen Menschen an sich die Wikipedia, ugs.: Wiki.)

Doch selbst, wenn wir die in der letzteren enthaltene und uns Zweibeinern (noch) vertrautere Walrat-Definition zugrunde legen, glaube ich doch: Hier irrt der ehrenwerte Herr Melville. Und wir wollen es ihm zugute halten; andernfalls müssten wir nämlich von einer – als advokatischer Kunstgriff getarnten – clownesken Provokation gegen die Briten und ihr viktoria(ni)sches gekröntes (und gesalbtes!) Haupt ausgehen. Denn die krönungswilligen Häupter lassen an dieselbigen gewiss kein wachsartiges Zeug unklarer Bestimmung aus dem Kopf des Sperm Whale, sondern höchstens Wasser und – duftenden Balsam, wie er in seiner Konsistenz schon durch das zweite Buch Mose 30,22–33 geheiligt wurde. Oder sich wengstens dafür ausgeben kann.

Hach, da sprüht doch unserem rauschebärtigen Moby-Vater der blanke Schalk aus den Augen – dafür liebe ich ihn:

Es ist wohlbekannt, dass bei der Krönung von Königen und Königinnen, selbst in modernen Zeiten, eine bestimmte seltsame Prozedur vonstatten geht, um sie auf ihre Ämter vorzubereiten und gleichsam zu würzen. Es gibt da ein sogenanntes Staatliches Salzfass, und womöglich gibt es auch einen Staatlichen Pfefferstreuer… Eines allerdings weiß ich sicher, dass nämlich der Kopf des Königs bei seiner Krönung feierlich eingeölt wird, gerad wie ein Kopf Salat. Kann es jedoch sein, dass sie ihn deshalb salben, weil sein Innestes laufen soll wie ein Uhrwerk – dass sie ihn schmieren, gerad so wie man Maschinen schmiert?

Moby-Dick, Kapitel 25: Postskriptum.
Übersetzung: Matthias Jendis, Seite 197

Und vermutlich war ihm der hinterhergeschriebene Spaß sogar die todsichere Streichung des Postskriptelchens in der Londoner Ausgabe wert. Das muss er gewusst haben, dass die Königstreuen da sehr empfindsam sind und in ihrem Salzstreuer statt Meersalz dann sogar Riechsalz gebraucht hätten.

Immerhin ist die salbungsvolle Krönungszeremonie etwas so Heiliges und Intimes für sie, dass dieser Teil der Zeremonie gute hundert Jahre später, bei der noch allgegenwärtigen Elisabeth II., nicht mal im Fernsehen übertragen wurde. Wobei vor allem bemerkenswert ist, dass sie ihre Könige überhaupt bis heute noch ölen.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist gewiss Olivenöl – mit noch was drin, was aromatisch Müffelndem. Somit könnte das hier auch gut als ein Update zum seewölfischen Offenen Brief an Herrn Melville durchgehen. Aber ich will ja nicht streiten…

40 Minuten Krönung, Film von 1953:

Elizabeth II. 1953

Bild: Royal Insight, 1953.

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Die Anwaltin Barbara Walesch

4. Juni 2007

Elke hat Kapitel 24: Der Anwalt gelesen:

Elke HegewaldDer kritische und wache Leser scheint sich mit seinem Kommentar zu diesem Plädoyer auf den Walfänger geradewegs und mit vollen Segeln in ein Dilemma zu manövrieren. Wo wir doch im hochaktuellen Kontext seit zwei Tagen den grandiosen Sieg der Anwälte und Retter des Wals im Ohr haben. Von dem wir – bei den Reaktionen der Gegenseite – hoffen und glauben wollen, dass es wirklich einer ist.

Doch wir setzen ja voraus, dass eine/r, die/der den Spuren von Moby-Dick und Melville bis hierher zu folgen bereit war, über die nötige Kenntnis und Qualifikation verfügt, die Ismael vom Autor in den Mund gelegte Brandrede einzusortieren – in den Rahmen ihrer Zeit, die Hoch-Zeit des Walfangs, und in des Schreibers Hintergedanken. Wobei, wie ich finde, zweierlei gesagt werden muss: Erstens, dass der Stern des klassischen Waljägerhandwerks 1851 bereits zu sinken begann – nicht Moby-Dick zuliebe, der neue Götze hieß Erdöl.

Und zweitens, dass bei aller Leidenschaft und philosophischen Poesie (oder poetischen Philosophie?) des Dichters in seinem Hohelied auf das Hohetier und seine Jäger der Stachel nicht zu überlesen ist, der den Nichtakademiker Melville angesichts der augenscheinlichen gelahrten Geringschätzung drückt. Weswegen seine Anwaltschaft neben ihrer Fundiertheit auch ein gutes Stück Provokation atmet – und sich geradezu nach einem Plädoyer in eigener Sache anfühlt.

Übersetzt (des vereinfachten Verständnisses halber) in eine der heutzutage unter Couch-Potatoes allseits beliebten Fernseh-Gerichtsshows hörte sich diese durchaus offensive Verteidigung unseres engagierten Advokaten gegen den fiktiven Ankläger womöglich in etwa so an:


Kuo Toa, LeviathanAnwalt: Was werfen Sie meinem bisher nicht vorbestraften Mandanten eigentlich vor, Herr Kollege?

Der (einstweilen ahnungslose) Ankläger: Öh… Sie müssen doch zugeben, dass er ein blutrünstiges und schmutziges Schlächterhandwerk ausübt und…

Anwalt: Aber erlauben Sie, Herr Kollege, dass der Walfang ein Schlächterhandwerk ist und dabei wie bei jedem Metzger auch Blut fließt, das leugnet er doch gar nicht. Gegen die Anschuldigung des Schmutzigen dagegen verwahren wir uns entschieden, davon können Sie sich gerne bei einem Lokaltermin auf einem Pottwalfänger überzeugen. Und wenn mir die Frage gestattet ist: wie viele Heerführer haben Sie für ihre Schlächterei der blutigsten Sorte hier schon verurteilt, statt sie in den höchsten Tönen zu preisen und mit Ehren zu überhäufen? Und welcher von denen würde es auch nur wagen, der Schwanzflosse eines wütenden Wals zu nahe zu kommen? Geben Sie’s zu, Sie wären selber zu feige…

Ankläger: Aber Sie können doch nicht leugnen, dass…

Anwalt: Was kann ich nicht leugnen? Dass alle Welt sich um das Walrat reißt, das ein Walfänger nach gut getanem Job nach Hause bringt? Dass alle Kerzen und Lampen auf diesem Globus nur dank des braven Walmanns leuchten und Sie ohne ihn im Dustern säßen? Was glauben Sie, warum die Holländer ihre Fangflotten von Admirälen befehligen ließen? Und warum der französische Ludwig XVI. unter unseren Waljägern in Nantucket Abwerbung getrieben hat? Warum das große Britannien seinen Walfängern schon vor hundert Jahren fürstliche Handgelder auf die Kralle gezahlt hat? Und überhaupt, schaunse mal lieber in die Statistiken des amerikanischen Walfangs, statt dauernd nur in ihre Paragraphen und statt hier die Nase zu rümpfen über meinen Mandanten.

Sie kennen doch sicher die Namen James Cook und VancouverKrusenstern…?

Ankläger: Aber gewiss doch, das sind berühmte Forscher und Weltrei…

Anwalt: Wissense was, die guten Walfänger haben die entlegensten Ecken auf der Weltkugel schon durchstöbert und erforscht, da war an die hochverehrten Herren noch gar nicht zu denken. Ihre namenlosen Kapitäne haben zu Dutzenden denen den Boden bereitet, damit sie von den Wilden dort nicht ohne Federlesen gleich mit Haut und Haar gefressen wurden. Wofür ein Vancouver mit seinen Berichten Ruhm und Ehre einheimste, das war “nur das lebenslange täglich Brot unserer Helden von Nantucket.” (Seite 193) Sie haben Befreiung und Demokratie an vielen Orten Vorschub geleistet, australische Auswanderer mit ihrem trockenem Schiffszwieback vorm Verhungern gerettet, für Händler und Missionare vorgearbeitet und was nicht noch alles. Und jetzt sagen Sie mir bittschön offen ins Gesicht, was sie noch gegen meinen Mandanten hier haben.

Ankläger: Das können Sie alles nicht beweisen. Keine namhaften Zeugen, keine Zeugnisse über den Wal. Unglaubwürdig die Leute, aus ungeordeten Verhältnissen und windige Abenteurer.

Anwalt: Sag ich’s nicht, Sie sind ein Paragraphendrescher und ignoranter Fachidiot. Wären es nicht Perlen, vor die Säue geworfen, würde ich Ihnen Hiobs Bericht über den Leviathan, Alfred den Großen oder Edmund Burke hier vorführen? Oder Benjamin Franklins Großmutter persönlich in den Zeugenstand rufen, die mit gutem Recht Ahnherrin einer ganzen Dynastie von Nantucketer Harpunieren heißen darf?

Ankläger: Ähm… das ändert aber doch nichts daran, dass der Walfang nicht als nicht gerade seriöser und eher niederer Job gesehen werden muss, wo ist da die Würde, die Anerkennung?

Anwalt: Erzählen Sie mir was von Würde! Ihre Vorurteile in allen Ehren, Herr Kollege, aber da hätte ich doch mal was Erfreuliches für Sie: das alte englische Satzungsrecht nämlich, das den Wal zum “königlichen Fische” erklärt. Und darf ich fragen, ob die seriöse Zunft der Juristen vielleicht auf ein berufseigenes Sternbild verweisen kann wie die Walmänner auf Cetus am südlichen Himmel? Noch Fragen? Ich beantrage Freispruch!


Wer wollte bestreiten, dass da einer (also im Original jetzt wieder) weiß, wovon er redet? Seine Quellen hat er jedenfalls gut zu nutzen gewusst. Das machte dem gewesenen Selber-Walfänger keiner der hochnäsigen Buchstabengelehrten und echten Yale- und Havard-Absolventen seiner Zeit nach. Und sonst wahrscheinlich auch keiner. Und einer hats schon damals erkannt, seines Zeichens Kritiker des John Bull:

Wer hätte je nach Philosophie in Walen oder Poesie im Walspeck gesucht? Es gibt wenig Bücher, die sich ausdrücklich der Metaphysik widmen oder ihre Abstammung von den Musen beanspruchen und so viel wahre Philosophie und echte Poesie enthalten wie diese Geschichte von der Walfahrt der Pequod.

Nach Göske/Jendis, Seite 949

Die Zerstörung des Leviathan

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Dass alles tiefe, ernste Denken nur der Seele unverzagtes Mühen ist

21. Mai 2007

Elke hat Kapitel 23 gelesen trällert ehrfürchtig vor sich hin:

Elke HegewaldBulkington und kein Ende, so scheint es. Nicht dass er nun gerade mir im dritten Kapitel sonderlich aufgefallen wäre. Doch erstaunlicherweise habe ich auch eine ihn betreffende Bleistiftnotiz am Rand – ganz woanders.

Im Göske-Nachwort nämlich. Aber haben eigentlich schon alle positiv auf die das dreiundzwanzigste Kapitel dominierende Frage geantwortet?:

Kennt ihr nun Bulkington?

Sollte einer das verneinen müssen, wird er in der weiteren Handlung auch keine Gelegenheit mehr haben, ihn näher kennenzulernen. Denn er wird nie wieder vorkommen. – Warum?

Das Los des armen Bulkington, der doch als Bild von einem Seemann, edler Charakter und bei allen bisherigen Bordkameraden als “überaus beliebt” beschrieben wird (Seite 53) ist es, zu den Melvilleschen Ungereimtheiten des Buches zu gehören. (Wir haben an anderer Stelle schon über solche fabuliert.) Auf Deutsch: er wird als Romanfigur überflüssig, fällt den zahlreichen Änderungen und neuen Ideen während des Schreibens zum Opfer.

Bei Göske/Jendis (und genau da steht mein Kritzelvermerk) heißt es dazu:

Manche Motive [...] werden aufgerufen, probeweise erkundet, abgewandelt anverwandelt und wieder verworfen. Dies gilt auch für die Figurengestaltung. Im dritten Kapitel zum Beispiel trifft der noch unerfahrene Ismael im Wirtshaus einen hünenhaften, bei den Seeleuten überaus beliebten Virginier namens Bulkington, der, wie er sagt, “bald schon mein Bordkamerad werden sollte (wenn auch nur sozusagen als stiller Teilhaber, was diese Erzählung betrifft)”. Der eingeklammerte Zusatz ist sicher späteren Datums, denn Bulkington steht zwar in Kapitel 23 urplötzlich am Ruder der Pequod, wird aber danach nie mehr gesehen.

Seite 891/892

Christian Roosen, Der SeebärDie Mutmaßung des Nachwortschreibers: Der gute Bulkington ist als Nebenfigur und Begleiter Ismaels entbehrlich geworden, da Melville ihm inzwischen seinen Blutsbruder Queequeg erfunden hat. Damit erhält die “grabsteinlose Gruft”, die er ihm in diesem Kapitel zimmert, neben dem tiefen Sinn der ihm verliehenen Symbolik eine ganz eigene Bedeutung. Er “hat die Figur des edlen (weißen) Seemanns [...] nicht sang- und klanglos aus dem Manuskript entfernt. Nein, Bulkington kommt zu höheren Ehren. In diesem hymnischen “Westentaschenkapitel” setzt Ismael ihm ein Denkmal, [...] stilisiert ihn zur Verkörperung furchtloser Wahrheitssuche, zum trotzigen “Halbgott” jener See, die die symbolische Gegenwelt des “trügerischen” sklavischen Lebens an Land bildet. Zugleich bleibt uns der heroische, allseits beliebte Bulkington als Alternative zu Ahabs menschenverachtender Ich- und Rachsucht in Erinnerung – eine Alternative freilich, die in jener Gesellschaft an Bord der Pequod keinen Platz hat.” (Seite 892)

Wow, da hat er die allegorische Verwobenheit unseres verlorenen Helden ja gleich kompakt mit ausgeleuchtet, der Herr Nachwörtler. Nur den Ahab haben sie mir fast ein bisschen arg festgezurrt: Kennt ihr nun (etwa) Ahab? – Ach, und mir hätte höchstens noch der unbändige Freiheitsdrang gefehlt, den das Bild des Meeres in einem solchen Vergleich immer verströmt. Besonders in der großen und atemberaubenden Melvilleschen Poesie des ganzen Kapitels, die mich hinsinken lässt – darf ich?:

Harry Haerendel, Alter SeebärKennt ihr nun Bulkington? Flüchtige Blicke meint ihr zu erhaschen auf diese den Sterblichen unerträgliche Wahrheit, dass alles tiefe, ernste Denken nur der Seele unverzagtes Mühen ist, ihr Meer sich weit und unabhängig zu bewahren, derweil des Himmels und der Erden ungestümste Winde sich verschwören, um sie am trügerischen Sklavenufer auf den Strand zu werfen?

Jedoch: So wie nur fern von jedem Land die höchste Wahrheit wohnt, die uferlos und unbegrenzt wie Gott, so ist es besser auch, in jener heulenden Unendlichkeit zu sterben, als bar des Ruhms an Leegestaden zu zerschellen, und wär dies auch die sichre Rettung! denn wer, o wer wohl, würde wie ein Wurm kratzfüßig krumm ans Ufer kriechen wollen! Schrecken des Schrecklichen! Ist all die Not und Pein denn ganz umsonst? Fass dir ein Herz, o Bulkington, fass dir ein Herz! Bewahr dir deinen Trotz, du Halbgott! Hinauf aus dem Geschäum, wo du im Meer versunken, schwingt deine gottgewordene Gestalt sich geradewegs empor!

Seite 189

Hach, man möchte es in Versform schreiben – und murmelt es wie ein Poem vor sich hin. Was für ein wunderbares Stück Sprache verdanken wir somit einem der unbekümmerten loose Ends im Moby-Dick!

Und nirgendwo würde es besser hinpassen, dieses Kapitel, als vor das stolze, ehrfürchtige und angriffslustige Plädoyer des Anwalts der Walfänger, oder?

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Fröhliche Weihnachten: Elke hat Kapitel 22 gelesen

22. März 2007

Windlass Elke meint:

Anker auf – hievt!

Elke HegewaldNa, wenn das kein Weihnachtsgeschenk für die Mannschaft ist! Dass es nun endlich auf See geht nach diesem ausgedehnten und geduldigen Vorgeplänkel und wo schon keiner einen Gedanken an das Fest zu verschwenden scheint.

Und wenn anlässlich des Ablegens und steigender Spannung denn mal ein Zwischenfazit angebracht ist: Die Lesecrew in ihrer Sofaecke hat sich auf dem Weg bis hierher doch zu ganz passablen Walfängern gemausert, sich auf eigene und sonderbare Weise selbst als Leser erschaffen, oder? Die gehen mit diebischem Vergnügen auf den großen weißen Wal am Horizont, die lässt kein noch so heftiger Sturm mehr seekrank werden, der die Pequod durch die Wellen peitscht! Hat je schon wer solch ein Abenteuer aus der tiefsinnigen Geschichte von Vater Melville gemacht?

Zurück zu Whalemans Weihnacht. Was so ein richtiger Seebär ist, der tanzt auf Deck nicht um den Christbaum, sondern – um das Gangspill.

Und wenn er das nicht mit dem nötigen Eifer tut, fängt er sich schon mal einen Tritt ins Hinterteil vom wild herumkommandierenden Käptn Peleg. Während der eigentlich zuständige Ahab weiterhin hartnäckig durch Abwesenheit glänzt und damit ausdauernd an seinem melvillegewollten unheimlichen Mythos zimmert. Dabei weiß eh jedermann längst, mit welcher Rolle er in dem gebotenen Schauspiel besetzt ist, mag unser guter Ismael im inneren Kampfe gegen seine Vorahnungen sich auch noch so stichhaltige Entschuldigungen für dieses Schattendasein zurechtdrechseln. Dessen Ende ist jedenfalls in Sicht.

Der Wolf ist ja schon auf diversen unlektorierten Seltsamkeiten rumgeritten, von denen die Tante Charity – bei geordneten Familienverhältnissen – entweder mit dem frömmelnden Bildad eine weitere gemeinsame Schwester hat, Stubbs Ehefrau nämlich, oder selbst einen Stubbschen Bruder geehelicht haben dürfte. Da werf ich halt auch noch eine kleine Ungereimtheit in die Runde: Woher weiß Ismael eigentlich, welche Befehle “seit dreißig Jahren” zum Ritual des Seeklarmachens auf der Pequod gehören? Da werkelt doch Ismelville wieder leibhaftig mit auf Deck.

Und das Bild dieses kalten Weihnachtstages auf See, das er malt, verrät den alten Waljäger, der noch immer an der Seefahrt und dem Meere hängt, obwohl er inzwischen im trauten Arrowhead sein Nest gebaut hat. Hätte er sonst solche Worte gefunden? – :

… und als der kurze Tag des Nordens mit der Nacht verschmolz, standen wir schon beinahe auf der hohen See des winterlichen Weltmeeres, dessen gefrierende Gischt uns in Eis hüllte wie in einen glänzenden Harnisch. Die langen Zahnreihen auf der Reling leuchteten weiß im Mondeslicht; riesige, krumme Eiszapfen hingen wie die weißen, elfenbeinernen Stoßzähne eines gewaltigen Elephanten vom Bug herab.

Der hagere Bildad hatte die erste Wache unter sich. Während die alte Bark ohne Unterlaß tief in die grünen Wogen tauchte und sich mit frostiger Gischt bedeckte, während die Winde heulten und die Takelage sang, ertönte unbeirrbar sein Lied…” (S. 184)

Paul Gauguin, Près de la mer, 1892Na, das ist doch mein Stichwort. Endlich kann man aufhören, über die Songs the Whalemen sang nur zu spekulieren und palavern. Selbst den frommen Singsang des Lotsen Bildad, mit dem er die Männer an den Handspaken im Takt hält, kann man ja inzwischen als Capstan-(Gangspill-) oder Windlass-(Bratspill-) -Shanty klassifizieren – der als besondere Art des Homeward-Bound-Songs beim letzten Ankerlichten für die Heimfahrt zelebriert wurde.

Wobei ich schon gerne den grölenden Volltext des Kehrreims der Matrosen gelesen hätte, natürlich nur, um zu wissen, wie sich der Refrain um die Mädchen aus der Booble Alley zu Watts’ Chorälen gesellt.

Das beinahe tränenreiche Scheiden der beiden Schiffseigner, bei dem es sogar den derben Peleg fast hinreißt, wird zu aller Glück durch die zu Lachtränen reizende Abschiedsansprache des bigotten Bildad gerettet. Die gibt uns nicht nur weiteren Aufschluss über den Zwiespalt zwischen Quäker- und Walfängersein:

“Geht mir an den Tagen des Herrn nicht zu sehr auf den Wal aus, Männer, aber lasst auch keine günstige Gelegenheit verstreichen, denn das hieße, des Herrn gute Gaben zu verschmähen.” (S. 186)

Nein, er warnt auch gleich noch vor Unzucht auf den fernen Inseln, mahnt, nicht mit der teuren Butter zu aasen und hält überhaupt jedermann zur Sparsamkeit an allen Ecken und Enden an – einfach köstlich, der Gute.

Auch wenn das Herze nun allen schwer genug ist ob des blinden Schicksals, das der Mannschaft harrt: Endlich Schiff ahoi! Oder: Ab dafür! – um’s mit der Pelegschen Feinfühligkeit zu sagen.

“Ihr da, die Großrah backgebrasst!”

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Hier spricht Elke Wallace

23. Februar 2007

Elke orakelt übers Kapitel 21: Es geht an Bord:

Elke HegewaldIch stelle mir gerade die Szene vor: diesen frostigen Morgen, an dem man im Stockdunkeln aus dem warmen Bett krabbeln muss, um sich im Nebel zum zugigen Hafen aufzumachen. Zu diesem seltsamen Schiff dieses noch viel seltsameren Kapitäns, das heut in sein lebensgefährliches Abenteuer segeln wird. Man spürt geradezu das Frösteln, das einem als ausgewachsene Gänsehaut den Nacken hochkriecht – ungemütlicher und unheimlicher geht’s nimmer.

Oder doch? Da verschwinden nicht nur die Schatten der Seeleute – vermutlich die künftigen Bordkamerden – vor unseren zwei Freunden wieder im Dunst. Nein, aaaaaah… plötzlich wird man an der Schulter gepackt und – dieser Unglücksprophet steht wie aus dem Nichts plötzlich wieder vor einem. Da hätte nicht nur unser Ismael ihm ein “Pfoten weg!” entgegengezischt. Solides Grusel-Feeling, fast wie in einem ollen Edgar-Wallace-Schinken mit der dicken Nebelsuppe am Themse-Ufer.

Hm, und auch diesmal wird man diese Klette von Elias nicht los. Wird auch diesmal nicht schlauer aus seinen halbirre gemurmelten Andeutungen und Warnungen bis hin zum Hohen Gericht – was immer er damit meint.

Und wären wir nicht schon eine ganze Weile in der Melvilleschen Bibelverwobenheit und -symbolik des Moby-Dick gefangen – bei Ahab und Ismael und wie sie alle heißen – man würde in ihm ja eher eine orakelnde Pythia denn einen Propheten sehen wollen. Von ersterer weiß man ja, wie mehrdeutig und missverständlich ihre Weissagungen waren. Davon konnte nicht nur der sprichwörtliche Krösus nach seinem Fiasko gegen die Perser ein Lied singen.

Da hätte es für unsere zwei Freunde, nachdem sie den aufdringlichen Seher endlich abgeschüttelt haben, doch auf dem Schiff ruhig ein bisschen heimeliger werden können. Pustekuchen! Kein Ende der gespenstischen Stimmung:

Als wir endlich das Deck der Pequod betraten, fanden wir alles in tiefster Stille vor; nicht eine Menschenseele war zu sehen. Das Schott zur Kajüte war von innen verschlossen; die Luks waren alle verschalkt und mit Tauwerkrollen beschwert.”
(S. 177/178)

Na toll! Und uuurgemütlich! Hier soll man sich nun für zweidrei Jährchen zu Hause fühlen?

Da muss es vielleicht auch keinen wundern, dass Queequeg ein seltsamer Übermut packt und er in die wilden Sitzgewohnheiten seines Südseekönigreiches zurückfällt. Irgendwie muss man sich doch gegen diese beklemmende Umgebung wehren, selbst wenn’s auf Kosten des armen Takelgastes und seines friedlichen Schlummers geht.

Na, langsam kommt ja nun doch Leben in die Bude. Der Wolf hat uns ja schon den braven Starbuck ans Herz gelegt und unsere Neugier geweckt. Ha, und sogar der – immer noch unsichtbare – Ahab soll sich ja inzwischen wenigstens schon mal in seiner Kapitänskajüte verschanzt haben.

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Reger Betrieb: Elke hat das 20. Kapitel gelesen

19. Februar 2007

Galionsfigurine Elke glaubt an gar nix mehr:

Dieses heftige Gewusel und Geschleppe an Bord macht einen ganz aufgeregt und nervös. Ist das jetzt Reisefieber? Und dann steht man auch noch das ganze Kapitel lang irgendwie im Weg rum, wo überall wer was herankarrt, verstaut und in die richtigen Luken dirigiert.

Und wieso zum Teufel muss eigentlich Ismael, dieser nichtsnutzige Hilfsmatrose, der gerade mal für den dreihundertsten Teil in der Musterrolle steht, da nicht mit zupacken? So ein Walfänger ist doch sowas wie ein kleines Wirtschaftsunternehmen mit allem Drum und Dran, für zweidrei Jährchen auf dem weiten Meer auf sich allein gestellt. Eine eigene kleine Welt, von ein paar knauserigen und profitgeilen Quäkern finanziert – kann sich so ein Laden solch müßige (Zu-)Schauermänner überhaupt leisten? Oder darf der Kerl sich ein bisschen im Licht seines privilegierten Superharpuniers Queequeg sonnen?

Ordentliche Verpflegung scheint ja wenigstens schon mal vorgesehen zu sein, wo sogar Rindfleisch in den Laderaum wandert. Eine Selbstverständlichkeit war nämlich das Bei-Kräften-und-bei-Laune-Halten der wilden Waljäger durchaus nicht überall. Erfährt man jedenfalls aus einschlägigen Berichten eines bekannten und allseits beliebten Küstenvolkes über das Leben auf hoher See:

Trotz großer Mengen Proviant brachte der Küchenzettel auf einem Walfänger nicht viel Abwechslung und fast unverändert bekamen die Waler Woche für Woche:

  • Sonntag Graue Erbsen mit Pökelfleisch
  • Montag Gelbe Erbsen mit Stockfisch
  • Dienstag Graue Erbsen mit Fleisch
  • Mittwoch Gelbe Erbsen mit Stockfisch
  • Donnerstag Gelbe Erbsen mit Stockfisch
  • Freitag Graue Erbsen mit Fleisch
  • Samstag Gelbe Erbsen mit Stockfisch

Nur selten gab es weiße Bohnen oder Sauerkraut.

Wenn vielleicht solcherart Abwechslung aus der Kombüse droht – ins Neuenglische übersetzt, vermutlich eine chowderhafte – ist doch die Initiative und rührende Emsigkeit von Omma Charity mit ihrem sauer Eingelegten gar nicht hoch genug zu schätzen. Bejahen wir sie also ohne Wenn und Aber – zumal die aufdringliche Fürsorge auf zwei Beinen an Land zurückbleibt.

Stutzen ließ mich allerdings Ismaels Reaktion auf das Erscheinen der alten Dame auf dem Schiff. Die zunächst ein weiteres Mal unsere Ausgangsthese von der Abwesenheit des weiblichen Geschlechts in der mannsbildokkupierten Handlung widerlegt. Ismael findet ihr Auftauchen erschreckend. Und ich frage mich, ob vielleicht noch mehr als sein frühkindlicher Stiefmutterkomplex dahinterstecken mag. Er ist ob des unheimlichen, weil hartnäckig unsichtbaren, Ahab eh schon von Zweifeln und Ahnungen hin- und hergerissen. Und dann das! Wo doch jeder Seemann weiß, dass – im Gegensatz zu KatzenFrauen an Bord Unglück bringen!

Da kann er noch so cool tun (Bloooß nicht pfeifen! – das lockt den Sturmwind heran) und sich im Verdrängen üben. “Wenn aber ein Mann den Verdacht hegt, daß etwas nicht stimmt” (S. 175), fällt dann nicht der ganze Aberglaube der christlichen Seefahrt auf fruchtbaren Boden? Oder dichte ich dem guten Melville schon wieder was Abseitiges in seine Charaktere rein?

Voyage Route of the Pequod, Literary Map

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Cabidoulin is too seldom

1. Februar 2007

Elke hat noch ein Monster gefunden:

But where there’s a monster there’s a miracle.
Ogden Nash: Dragons Are Too Seldom

Elke HegewaldHach, beim Hinterhersurfen hinter all den ganzen Propheten wurde ich doch an einen anderen von denen erinnert, der es auch heftig mit der Orakelei und düsterem Menetekeln hat. Den alten Cabidoulin hat die Mannschaft sogar auf ihrem Kahn die ganze Zeit am Hals. Und es ist – man höre und staune – ein Walfängerschiff. Und auch hier ist der Anlass für das anschließende Chaos ein Monster auf See. Diese Geschichte ist, glaube ich, nicht allzu bekannt, was einen bei dem umfänglichen Gesamtwerk des Autors vielleicht nicht sonderlich wundern muss.

Naaa, wer hat’s erfunden? Nö, diesmal nicht die Schweizer. Ein Franzose war’s, den der Wolf in weiser Voraussicht und aus gutem Grund schon längst im Schatzkästlein der Literaturliste verewigt hat: Tadaa! – Unser aller Jules Verne!

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19. Kapitel: Prophetens Los: Verkannt und unerhört

31. Januar 2007

Elke hält auch in Kapitel 19 zu Ismael:

Elke HegewaldDa kann man schon misstrauisch werden, wenn auf einmal so ein abgerissener Kerl, wie sie zuhauf in jeder Hafenszene rumlungern, etwas von einem will.

Sogar in der Hochstimmung darüber, gerade einen ordentlichen Job in trockene Tücher gebracht zu haben. Den lässt sich doch ein Ismael nicht von so einem Irren und Wichtigtuer vermiesen. Am Ende ist’s gar ein Gauner, der ihm und seinem Queequeg ans Leder will, so gruselig wie er ausschaut.

Und was will der überhaupt mit seinen wirren Reden und Anspielungen und orakelnden Mahnungen? Am besten gibt man ihm gleich mal ordentlich Bescheid, dass ihre Seelen ihn ein feuchtes Walblasen angehen, und die vom Käpt’n Ahab auch. Der Alte versucht doch glatt, ihnen den zu einem gottlosen Monster zu machen. Nun ja, irgendwie unheimlich ist er Ismael aber doch mit seinen rätselhaften Offenbarungen, die kein Mensch versteht. Und da haben wir es doch wieder, das laute Pfeifen im dunklen Wald – oder wie soll man das Loswettern gegen den armen Kerl sonst deuten, der ihnen nichts Böses, sondern eher das Gegenteil will. Und es zumindest schafft, dass in unserem guten Ismael wieder mal “alle möglichen dumpfen Ahnungen und unausgegorenen Befürchtungen aufsteigen, die allesamt mit der Pequod zu tun hatten und mit Kapitän Ahab und mit dem Bein, das er eingebüßt hatte, und mit seinem Anfall bei Kap Hoorn und mit der silbernen Kalebasse [...] und mit hundert anderen Dingen, die mir schemenhaft blieben.” (S. 171)

Schemenhaft sind sie allerdings, die Warnungen dieses selbsternannten Propheten, und vage wie nur irgendwas. Ob das etwas damit zu tun hat, dass er selber noch an den Folgen verhängnisvoller Walfahrerei laboriert?

Der Wolf hat es sehr wohlwollend formuliert, ich hingegen fragte mich zum ersten Mal seit Beginn unserer Jagd auf Moby-Dick, ob man in diesem Kapitel wohl ausnahmsweise mal ein Schwächeln unseres großen Meisters Melville entdecken darf – scheint mir das alles doch ein bisschen diffus und halbherzig nicht auf den Punkt, sondern allenfalls aufs Komma gebracht. Oder ist es gerade das, was den Charme und die authentische Atemlosigkeit eines Melville ausmacht, die der Wolf besingt?

Ist es vielleicht gar noch mehr?: eine Wertschätzung und Auszeichnung für den geneigten Leser, der ihm ebenbürtig und ein mündiger Leser sein soll? Der schon ganz alleine herausfinden wird, was es mit diesem Propheten und seinem sehr wohlgewählten Namen – Elias – auf sich hat? Das sähe dem Erfinder des amerikanischen Symbolismus ähnlich. Dann fühlte ich mich aber ganz besonders geehrt, wo ich doch eine bin, der die solide Bibelfestigkeit nicht an der Wiege gesungen wurde. Deshalb krame ich ja mit Feuereifer und Wissbegier den biblischen Pendants hinterher, denen er beinahe jeden seiner Helden ein Stückchen nachgebaut hat. Und finde das todspannend. Dass der biblische Elias des dortigen Königs Ahab direkter Widerpart ist, wissen wir ja schon vom Wolf und den Herren Jendis und Göske.

Und er gilt als der zweitwichtigste unter den Propheten nach Moses höchstselbst. Und wenn man denn aus seiner Begegnung mit unseren beiden Walfängern noch eine weitere Parallele zu biblischen Vorkommnissen und Vorhersagen finden mag, dann in der alttestamentlichen Prophezeiung, dass er wiederkehren werde, um als letzter Prophet vor dem Ende zur Umkehr zu rufen:

Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf daß ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.” (Maleachi 3,23)

Der heruntergekommene Alte am Hafen ist unserer beider Abenteurer letzte Chance, bevor sie endgültig und ohne Umkehr mit dem Dämon Ahab in ihr Unglück segeln. Und wie es verkannte Propheten häufig erleben, geht denen seine Warnung trotz eines leicht mulmigen Gefühls am Arsch vorbei… öhm, wird selbige nicht erhört, wollt ich sagen. Passt scho. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf…

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Kapitel 18: Elkes Zeichen

15. Januar 2007

Elke setzt im 18. Kapitel ihr Zeichen:

Elke HegewaldEin guter Name ist mehr wert als Reichtum“, wie wir vom geistigen Vater des Ritters von der traurigen Gestalt wissen.

Nun ist zum Glück unser guter Queequeg alles andere als ein solcher. Er ist sogar das ganze Gegenteil, steht mit beiden Beinen fest auf den Decksplanken und weiß, worauf es im Bewerbungsgespräch um einen ordentlichen Job ankommt. Das demonstriert er denn auch gleich eindrucksvoll mit seinem zielsicheren Harpunenwurf. Und zwar so überzeugend, dass für die zwei Quäker, die ihn anheuern, im Nu alle Glaubensfragen zweitrangig werden. Naja, zumindest für einen von ihnen. Der geschäftstüchtige Peleg checkt blitzgeschwind, was er da für einen Star-Walfänger einkauft. Das Szenario ist komisch, ja, aber nichts weniger als komödiantisch. Das ist die Kunst eines Herrn Melville, des virtuosen Puppenspielers, dessen Figuren sehr glaubhaft an den Fäden zappeln. Denn wer wollte sagen, dass die beiden Schiffseigner ihren biblischen Namen nicht alle Ehre machen?

Genau, wir waren ja bei Namen und Zeichen. Queequeg geht es da zunächst mal nicht anders als unsereinem und diversen unserer eigenen Zeitgenossen: wer, wenn er nicht gerade einen gängigen Allerweltsnamen sein eigen nennt, hat nicht schon die mal amüsante, mal ärgerliche Situation erlebt, dass sein Gegenüber sich etwas schwer tat mit Aussprache und Schreibweise? So mag man unser Schiffseignerpärchen nicht a priori der vorsätzlichen Verballhornung des exotischen Lautgebildes, dem man nicht mal einen Sinn erlauschen kann, verdächtigen.

Mount QueequegDa ist Quakquak gar nicht mal so abwegig als erster Versuch – klingt es doch vertraut. Und meine weitgehend fruchtlosen Surftouren im worldwide Net lassen mich zumindest vermuten, dass „Quohog“ so etwas wie eine landschaftlich gebräuchliche Wortverwendung (Wortschöpfung?) ist, somit für Nantucketer etwas Bekanntes. Meine kühne, allerdings nicht verbürgte Vermutung: es handelt sich um eine Muschelart oder was Ähnliches, nach der unter anderem ein Ort auf Martha’s Vineyard und andere Sachen benannt sind. Übrigens gibt es in antarktischen Gefilden einen Berg, der Queequeg heißt. Vermutung Nummer zwei: hier wurde Melvilles sympathischem Helden, dem Südseekönigssohn, ein Denkmal gesetzt.

Den ficht das Herumdoktorn an seiner Identität überhaupt nicht an, trägt er doch seinen Namen unauslöschbar als Zeichen auf seiner Haut. Dieses sein Zeichen setzt er mit sicherer Hand unter den Vertrag. Und interessanterweise – wo man doch an Bord, wie’s zunächst scheint, so pingelig in Religionsfragen ist – erinnert es an ein Kreuz.

Wichtig neben diesen Querelchen erscheint mir dennoch die Besonderheit von Queequegs Namen, wo wir ja wissen, dass Melville seine Figuren im Moby-Dick nicht von ungefähr recht hintergründig – und vorzugsweise nach biblischen Vorbildern – „tauft“. Und ich lande mit meinen spinnerten Gedanken wieder bei meiner Orakelei aus dem 12. Kapitel: der eigenen Symbolik der Queequeg-Figur nämlich, die vielleicht ein heimliches Ideal Melvilles sein mag. Das neu und anders und besser ist als all das, was Ismael in Zwiespalt bringt mit der Religion und der Welt…

Und prompt springt dieser seinem blutsbrüderlichen Freund mit einer geradezu revolutionären Predigt auf Gottes Menschenkinder bei, die sogar einem Vergleich mit dem einzigartigen Vater Mapple standhält. Und das will schon etwas heißen bei den störrischen Nantucketern. Müßig zu erwähnen, dass seine Art von Gottesfürchtigkeit den Puritanern, für die die Londoner Ausgabe gedruckt wurde, wieder mal nicht zuzumuten war.

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Elke befindet: Wo Ramadan draufsteht, ist auch Ramadan drin

8. Januar 2007

Elke hat mit 39° Fieber das 17. Kapitel gelesen:

Elke HegewaldWas Queequegs Fasten- und Gebetsritual angeht, sucht diese Bezeichnung wohl das, was er da tut, mit bekannten, wenn auch nicht zu bekannten christlichen, religiösen Handlungen zu vergleichen. Betet er doch seinen heidnischen Götzen, den hölzernen Jojo an, und das mit Ernst und gläubiger Konsequenz. Und wo wir ja – bei allem Melvilleschen vagen Orakeln im 12. Kapitel – ziemlich sicher sind, dass er auf einer Südseeinsel das Licht der Welt erblickt hat, dürfte er dort kaum etwas vom Islam gehört haben.

Ismael ist ob seines Respekts vor dem Glauben des Freundes wie vor jedem anderen weiterhin auch meiner Sympathie und Zustimmung sicher. Er hat “gegen keines Menschen Religion etwas einzuwenden, gleich welcher Art sie sei, solange dieser Mensch keinen anderen umbringt oder beleidigt, weil dieser andere nicht ebenfalls daran glaubt” (S. 158), und damit so manchem seiner wie auch unserer Zeitgenossen einiges voraus. Drein mischt sich wieder der Hader, der ihn mit seinem eigenen Glauben und der Welt umtreibt: “…und der Himmel erbarme sich unser aller, Presbyterianern wie Heiden gleichermaßen, denn in gewissem Sinne haben wir alle einen schrecklichen Sprung im Schädel und bedürfen dringlich der Heilung.” – Auch eine ziemlich moderne Erkenntnis, wie ich finde…

Herzlich gelacht habe ich, als dann zum Ende des in sich gehenden Kapitels Ismaels Toleranz angesichts Queequegs körperlicher Torturen doch an ihre Grenzen stieß: “Dabei bemühte ich mich fortwährend, Queequeg zu zeigen, dass all diese Fastenzeiten, die Ramadans und das andauernde Hocken auf den Hacken in kalten, freudlosen Kammern schierer Blödsinn waren, schlecht für die Gesundheit, nutzlos für die Seele, kurz gesagt: den selbstverständlichen Gesetzen der Hygiene und des gesunden Menschenverstandes zuwiderlaufend… Mit einem Wort, Queequeg,… [d]ie Hölle ist eine Vorstellung, die sich ursprünglich einem unverdauten Apfelknödel verdankt und seither durch die erblichen, von Ramadanfesten genährten Gallenbeschwerden fortgeschrieben wurde” (S. 158 f.) Dass der zuletzt zitierte Satz in der Londoner Erstausgabe wieder mal weggelassen wurde, hätte ich nicht mal nachzuschlagen brauchen.

Was wir außerdem gelernt haben: was man unter Walfängern eine Plumpuddingfahrt nennt sowie ein gängiges Rezept für die Zubereitung eines Menschenfresserfestmahls.

Na, dann können wir ja jetzt an Bord gehen.

Plum Pudding Island, Namibia

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Kapitel 16: Sailor, can you hear the Pequod’s sea wings?

19. Dezember 2006

Elke hat alles mögliche gelesen und weiß:

Elke HegewaldOh ja, dieses sechzehnte Kapitel verdient die Ehrfurcht, die es gebietet. Es hat was zum Dran-Herumzausen und verbindet sich mit einer diffusen Erwartung, die zunehmend in einem selber rumort und sich schwer artikulieren lässt…

Ich für meinen Teil wurde beim Anblick dieses “Kannibale[n] unter den Schiffen, der sich mit den erjagten Gebeinen seiner Feinde schmückt” (S. 133), von einer wahren Sturmflut an Bildern heimgesucht, die aus meinem Kopf, meinem Bauch oder von sonstwoher kamen. Eine ganze Schiffsflotte segelte da tollkühn am Horizont entlang. Travens “Totenschiff” nur eines davon – in illustrer, gruselig-unheilvoller Gesellschaft. Der Schatten eines mit wilden Trophäen geschmückten Wikingerschiffes (das des wüsten Thorkill-Hake?) spukte mir ebenso durch den Sinn wie Charon, der Fährmann des Totenreichs der alten Griechen oder Wilhelm Hauffs Geschichte von dem Gespensterschiff.

Westwärts WikingGanz vorne auch der verfluchte Fliegende Holländer, der bis zum jüngsten Tag in Sturm und Flaute über die Meere jagt, wie nicht nur Heines Herr von Schnabelowopski bereits wusste. Sind sie nicht alle – jedes auf seine Weise – vom Hauch des Todes, von einer düsteren Unausweichlichkeit des Schicksals und/oder dem Fluch und der (Ohn)macht ihrer Kapitäne umweht, die ihre Besatzungen in selbiges mitreißen?

Nicht zu vergessen Davy Jones, die Mutation des Flying Dutchman, dessen Legende neben anderen der Erfinder der amerikanischen Kurzgeschichte Washington Irving Leben einhauchte. In seinen Adventures of the Black Fisherman nämlich.

Besagter Davy Jones treibt übrigens auch in Fluch der Karibik 2 mit seinem sinnigerweise eben Flying Dutchman benannten Schiff sein Unwesen. Sollte es noch der Erwähnung bedürfen, dass er ein Holzbein trägt und für viele Seeleute ein Symbol für den Teufel des Meeres ist, um meine ausufernden Gedanken um die Pequod und Käpt’n Ahab zu entschuldigen und den Bogen zurück zu schlagen? Na gut, für den, dem das nicht genügt, hier noch eine gängige Deutung des Nachnamens von Davy Jones: er könnte auf den Propheten Jona hinweisen, dessen Geschichte in und um den Wal für Seeleute Unglück bedeutet, woran wir uns dunkel aus Vater Mapples Predigt erinnern.

Mhja, der geheimnisvolle und unsichtbare Käptn Ahab – aus mehr oder weniger unklar angedeuteten Gründen abwesend. Obwohl: Für den Leser ist er das eigentlich gar nicht. Seine gewichtige Präsenz wird ja von Peleg und Ismael geradezu herbeigeredet. Und – schau an! – dieser Kapitän Peleg, schlitzohrig und geschäftstüchtig, hält doch tatsächlich mit Wärme ein Plädoyer ganz eigener Art auf Ahab. Dabei dringt ihm eine verschrobene Sympathie und Verehrung aus allen Knopflöchern, für diesen unheimlichen Sonderling, unter dem er einst Steuermann war. Er nennt ihn aus Überzeugung einen guten Menschen, gottlos und gottgleich in einem, voller Schwermut und Wildheit, mit Weib und Kind, und trifft damit weise wohl ziemlich genau den Grat zwischen seiner Menschlichkeit und der Tragik seines krankhaft-fanatischen Stolzes. “Denn alle tragischen Männer gewinnen ihre Größe durch etwas Krankhaftes in ihnen”, sagt Melville (S. 140). Und manchmal fürchtet man, er könnte Recht haben…

Selbst Peleg gewinnt während seiner Ansprache an Ismael an Menschlichkeit; er sucht ihm und sich das unheildrohende Orakel um Ahab und seinen Namen auszureden. Und in seinem fast rührenden Eifer wird eben jener Ahab zu diesem wohlbekannten, sehr menschlichen Wesen, dem zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust.

Fliegende GespensterSchade, nun kommen mir hier wohl die beiden Quäker mit den biblischen Namen, jeder für sich seine eigene Legende, etwas zu kurz. Dabei hätten sie ein würdiges Plätzchen hier durchaus nochmals verdient, nicht nur wegen der hintergründigen Bibelsymbolik, der versteckten Gleichnisse darin und dem Anspielungen aus der Bergpredigt vor sich hin murmelnden Bildad.

Man möchte gern noch ein bisschen in der wechselvollen und nicht widerspruchsfreien Geschichte der Society of Friends, der “Fighting Quakers”, wie Melville sie zweideutig nannte, kramen. Nun ja…

Doch zumindest scheint es mir angebracht, auf das auch von Jendis/Göske (S. 945) erwähnte Gedicht The Quaker Graveyard of Nantucket des zweifach pulitzerpreisbekränzten Robert Lowell zu verweisen, mit dem dieser Melvilles Darstellung der Quaker sailors, Ahabs Pequod und Moby-Dick ein Denkmal setzte:

… They died
When time was open-eyed,
Wooden and childish; only bones abide
There, in the nowhere, where their boats were tossed
Sky-high, where mariners had fabled news
Of IS, the whited monster. What it cost
Them is their secret. In the sperm-whale’s slick
I see the Quakers drown and hear their cry:
“If God himself had not been on our side,
If God himself had not been on our side,
When the Atlantic rose against us, why,
Then it had swallowed us up quick.

Der flatternde Herzogenauracher

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Kapitel 15, Chowder: Elke kennt sich aus mit manschigem Fischsuppenbrei

13. November 2006

Elke hungert:

Elke HegewaldHolla, na das nenne ich doch mal eine üppige Mahlzeit. Nahrhaft – und vor allem sehr abwechslungsreich – scheint es in der Küche von Mrs. Hussey zuzugehen. Nichts gegen die Spezialität im “Trankessel”, aber bei so viel Meeresgetier in einer bis zwei Schüsseln fürchtet man ja, dass einem Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen.

Ich weiß ja nicht, wie es euch ging, aber ich bin mit den landestypischen Gerichten Neuenglands nicht so vertraut und musste, um ehrlich zu sein, erst nachschlagen, was da Leckeres im Topfe der Frau Wirtin köchelt.

Schauder-ChowderDas Ergebnis war durchaus überraschend, denn es scheint, als sei dieses Chowder-Zeugs nicht nur was zum ordentlich Sattwerden, sondern Gegenstand eines wahren Kultes: Es füllt mit unterschiedlichsten Grundzutaten ganze Kochbücher, von denen wir aus unserem Primärmaterial lediglich die Muscheln und den Kabeljau kennen, nicht aber das Huhn, diverse Feldfrüchte und andere vegetarische Ingredienzien oder was da sonst noch so reinwandert. Chowder-Tage, Chowder-Festivals und Chowder-Kochwettbewerbe werden landesweit veranstaltet, und Restaurants und Imbissbuden heißen Chowder-House, Chowder-Bar oder – sehr hübsch – Chowder-Bowl.

Was für ein Siegeszug dieses manschigen Suppenbreis! Mhja… ich glaube, ich lass heute das Frühstück ausfallen.

Was sonst noch erwähnenswert ist: die abenteuerliche Navigation unserer zwei Walfänger zur wärmstens empfohlenen Unterkunft und Ismaels dunkle (Todes-)Ahnungen beim Anblick des an einen Galgen erinnernden Wahrzeichens der Herberge. Die ihm wohl mehr zu schaffen machen, als er merken lassen mag. Oder ist nur mir aufgefallen, wie krampfhaft und betont er den Spaßvogel mimt? – sogar sein Intimus ist vor seinen Foppereien nicht sicher. Das kennt man doch selber – laut pfeifend durch den dunklen Wald laufen! Nun, soll er erstmal eine Nacht darüber schlafen und was Ordentliches essen – was gabs doch gleich nochmal zum Frühstück?

Hussey ohne Mrs.Ach ja, und dann ist da noch Mrs. Hussey, die wirklich resolute Chefin des gastlichen Hauses, in der wir ja nun offenbar das angekündigte einzige handelnde Weibsbild der ganzen Geschichte kennenlernen durften, oder? Und ihre wortkarge, doch stimmgewaltige Autorität muss es schon in sich haben – wer hätte wohl sonst Queequeg von seiner geliebten Harpune trennen können?

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Kapitel 14: Elke’s Whalesong into Nantucket

7. November 2006

Elke ist praktisch schon da:

Yeah, Nantucket, wir kommen!

Elke HegewaldHerrje, und wäre ich nicht an der Seite unserer zwei Helden an Bord der “Moss” (also dieses zielsicheren Fährschiffchens jetzt) gegangen, ehrlich, ich hätte dieses wundersame Eiland, die wahre Heimat der Waljäger und Seefahrer, ganz woanders vermutet, mehr in Richtung des unwirtlichen Neufundland… irgendwie.

Denn denkt man sich nicht alles, was mit Walfängerei zu tun hat, ganz von selber in nördlichere Breiten? Ha, Moby-Dick als Bildungsbuch! Aber das hätten wir ja spätestens bei der noch etliche Kapitel voraus liegenden Melvilleschen Cetologie eh gemerkt. Jedenfalls weiß man jetzt endlich auch als Nicht-Nantucketer, dass selbiger nur ein paar läppische hundert Seemeilen östlich von New York und sogar um einige Breitengrädelchen näher zum Äquator hin als der Ostfriese, der Neufünfländer und ja, auch der Franke zu Hause ist. Der freundliche Hinweis, in die Karte zu schauen, war gar nicht so schlecht.

Da schwanken wir noch auf den Planken vor der Küste dieses “Ellenbogens aus Sand”, und schon purzeln uns die Legenden nur so vor die Füße. Und zuerst erinnern sie uns tatsächlich an Anekdoten über ein uns wohlbekanntes heimatliches Küstenvölkchen. Bis man merkt, dass Herr Melville doch recht liebevoll mit diesem Menschenschlag umgeht – er wird gewusst haben, warum…

Nantucket von untenÜberhaupt scheint die Gegend recht mythenträchtig zu sein, nicht zuletzt auf geheimnisvolle und besondere Weise verwoben mit “der mächtigsten Masse Leben, welche die Sintflut überlebt hat… einem wahren Ungeheuer, gewaltig wie ein Berg!” (S. 124) Irgendwo (wüsste ich doch nur noch wo) habe ich die Legende der fast zufälligen Erfindung des Pottwalfangs auf Nantucketisch gelesen, die ja mehr sowas wie der verzweifelte Befreiungsschlag eines von diesen Riesenviechern umzingelten Fischfängers gewesen sein soll. Auch die verhängnisvolle Fahrt der Essex auf den Wal, vielleicht das reale Vorbild unserer Geschichte, deren schiffbrüchige Reste der Mannschaft nur als Menschenfresser überleben konnten, nahm hier ihren ihren Anfang.

Und, nicht zu vergessen: schließlich liegt die “Pequod” des Captain Ahab, beide inzwischen ihr eigener Mythos und bereit zur Jagd auf Moby-Dick, im Hafen von Nantucket.

Martha's WeingartenHach, und beim Erkunden der empfohlenen Landkarte entdeckte ich, dass sogar Martha’s Vineyard, des Eilands nordwestliche Nachbarinsel, die Form eines verwesenden Wals ohne Kopf hat. Bisher wusste man ja nur, dass Haustiere ihren Herrchen mit den Jahren immer ähnlicher werden sollen (oder umgekehrt?) – aber ganze Landschaften?

Auf jeden Fall scheinen wir uns mit Melville (und mittlerweile auch Scharen von lästigen Touristen) über die Faszination dieses Fleckchens Erde einig zu sein. Also: Alle Mann von Booord!

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Kapitel 13: Elke kennt sich aus mit Schubkarren

6. November 2006

Elke redet noch von was anderem als dem Wetter:

Elke HegewaldOh ja, es wird Zeit für unsere zwei Busenfreunde, sich zur Überfahrt nach Nantucket einzuschiffen. Und Melville geleitet sie sicher dorthin. Ging er doch als einundzwanzigjähriger Abenteurer selbst im New Bedforder Hafen an Bord der Acushnet, um achtzehn Monate später von seiner ersten und einzigen Walfangreise zurückzukehren – zum gestandenen Manne gereift und lebend, denn Mocha Dick ist er wohl nicht begegnet…

An diesem ruhigen… hm, nach des Wolfes Zeitforschung und Herrn Adam Riese müsste – nach zwei gemeinsamen Nächten des frischvermählten Freundespaares – grad das zweite Adventswochenende vorbei sein… an diesem ruhigen Montagvormittag also schieben sie, einander brav abwechselnd, ihren Schubkarren mit diversem Gepäck zum Einchecken an den Kai. Das Wetter ist akzeptabel, wenn man von ein paar Windböen, die es ja in diesem Kapitel wegen der Dramaturgie und gemäßigten Dramatik noch brauchen wird, einmal absieht.

Seamen's BethelEin paar Straßen weiter, in Seamen’s Bethel, dem Gottesort der Walfänger, wird Vater Mapple nun auch sie in seine Gebete einschließen, denn es wird langsam ernst mit dem Abenteuer Mann gegen Wal.

Der Schubkarren, in seinen verschiedenen Erscheinungsformen (und vielleicht sogar Nicht-Erscheinungs-Formen) sicher sowohl für Mundartforscher als auch für die Jünger der einschlägigen urbanen und ruralen Historie ein lohnendes Objekt, gibt nicht nur dem 13. Kapitel seinen Namen, sondern darf gleich noch für einen (zumindest für mich in meiner beruflichen Prägung) deliziösen Exkurs herhalten. Über Missverständnisse kultureller Art nämlich. Und schau an: Unser guter Queequeg erweist sich durchaus nicht als drolliger Wilder, der ulkige Bräuche praktiziert, sondern offenbart eine Weisheit, gepaart mit offensichtlichem Humor und gesunder Selbstironie, wie sie die ach so zivilisierten Weißen, die durchs Bild stolpern, heftigst vermissen lassen. Also, in heutiger, globalisierender Lesart würde ich ja dem Jungen mit der Harpune ohne Zögern interkulturelle Kompetenz bescheinigen. “Na, was du jetz denken? Unsere Leute nicht lachen müssen?”

Zudem weiß er sich bei einem Angriff auf seine Würde durchaus seiner Haut zu wehren und sich handfest Respekt zu verschaffen. Und seine mit gelassener Ruhe vollbrachte Rettungstat enthüllt eine Selbstlosigkeit und Menschlichkeit, die mich in meinem schon woanders geäußerten heimlichen Verdacht nur noch bestärkt, dass Melville mit ihm so eine Art weißen Raben als Ideal der (christlichen?) Nächstenliebe in die Geschichte schnitzen wollte. Für den die “Welt [...] eine Gesellschaft auf Gegenseitigkeit mit unbeschränkter Haftung [ist], und zwar in allen Breiten”, in der “[w]ir Menschenfresser [...] diesen Christenmenschen beistehen [müssen]“. (S. 122) Hmm…

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Elke 11: Schlafrock; Elke 12: Biographisches

30. Oktober 2006

Elke had a dream:

Ahoi Mannschaft,

Elke Hegewaldsteigen da nicht, gleich schillernden Luftblasen, vertraute Bilder vom Meeresgrund der Erinnerung herauf? – An die schlaflos durchschwatzten Nächte kindlicher und halbwüchsiger Pyjamapartys oder an das Bei-der-besten-Freundin-Übernachten? Was gibt es Innigeres und Verklärteres als diese Momente, da man, Schulter an Schulter in wärmende Decken gehüllt und gegen die Welt da draußen verschworen, einander seine Geheimnisse anvertraute und über das Leben fabulierte.

Und das Unterbewusstsein taucht nach diesen versunkenen Perlen, während man, schon wieder schamlos und gespannt lauschend, Queequegs Geschichte hört und endlich sein Geheimnis erfährt: ein Königssohn ist er also, ein rebellischer dazu, geboren auf einer paradiesischen Insel – auf der Suche nach dem Guten und Wahren.

Und als er aufbrach, ausbrach, hat er wohl nicht geahnt, dass “sein unbändiges Verlangen, die Länder der Christenheit kennenzulernen” und “das Licht der Aufklärung zu seinen ungebildeten Landsleuten zu tragen”, ihm dereinst die ganze Welt in Frage stellen würde. Hat er sich etwa deshalb von seiner Menschenfresserinsel auf dieses fremde Schiff gestürzt, nur um zu erfahren, “dass selbst Christenmenschen so jämmerlich wie böse sein konnten, und dies unendlich viel mehr, als alle Heiden seines Vaters zusammengenommen”?! (S. 113)

Da wundert es denn auch keinen noch groß, dass ausgerechnet den der Ismael finden muss, genau so ein Aussteiger. Auch er ein Suc