Archive for the 'Steuermann Wolf' Category

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Wo deinesgleichen zwischen Leichentüchern schläft

12. Mai 2008

Damn me, but all things are queer, come to think of ‘em.

Enter Ahab; to Him, Stubb. Die Pequod fährt auf Höhe von Quito, Ecuador, Stadt des ewigen Frühlings, kein Meereszugang. Ich-Erzähler Ismael ab, Queequeg vermissen wir sowieso schon seit Kapitel 27 (”Aber Queequeg kennt ihr ja schon”), Auftritt der allwissende Märchenonkel. Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb.

Hol’s der Klabautermann, da hat ein Erzähler zu sich gefunden und seine Erzählweise aufgenommen: Melville kommt uns jetzt mit inneren Monologen, um seine Figuren zu zeichnen. Stubb “knurrt” seinen noch probehalber, aber ich glaub nicht, dass einer wie der fast zwei Seiten lang in sich elaborierte Sätze hineingrummelt, das ist Melville schon unter den Fingern zu einem Stilmittel geraten, das man noch nicht lange zur Hand hatte (für unsere Ghostleser aus Gründen des Englischunterrichts: Und es ist eben kein Stream of Consciousness).

Was zeichnet er uns? Das, was wir aus Internetdiskussionen kennen: zwei Leute, die sich kaum kennen, sehr wahrscheinlich aber nicht mögen, und sich in leutselige Flapsigkeit flüchten, obwohl sie keine verstehen. Beiderseitige Ironieresistenz auf Offiziersebene, nach praktisch überhaupt keiner Vorlaufzeit Zank und Beleidigung. Eine Meisterleistung kommunikativen Verhaltens, wenn dergleichen beabsichtigt wäre.

Stubb fängt an damit. Er hat an seinem oberen Management etwas auszusetzen, kann aber aus Rücksicht auf Zeitbudget und Dienstweg keinen großen Verbesserungsvorschlag einreichen, sondern ist darauf angewiesen, dem Kapitän sein Anliegen auf eine Weise zu sagen, die ihn kooperativ stimmt, nicht verletzt.

“Mit scherzhafter Unterwürfigkeit” versucht er’s. Das kann, wie jedes andere Verhalten auch, richtig oder falsch sein, grundsätzlich schlecht kann ich es nicht finden. Macht er schon richtig, der Stubb. Schade, dass er diese sanguinische Tonart nicht durchhält. Da grinst schnell die Eskalation ums Eck.

Und prompt: “Ach, Stubb, du kanntest deinen Ahab noch nicht!” Mit dem kann man das nämlich nicht machen. Der Mann schläft seit Tagen nur drei Stunden am Tag — vermutlich um ihn vom Mannschaftspöbel zu unterscheiden, der menschlichen Bedürfnissen wie dem Schlaf obliegt, und dafür in die Nähe eines Napoleon zu rücken, von dem dieselbe Legende geht, vier Tagesstunden Schlaf seien für Weiber und deren fünf schon für Schwächlinge.

Für einen letzteren hätte ihn nie jemand gehalten, aber er reagiert auf denkbar unausgeschlafene Weise. Ahabs erste Replik enthält noch versöhnliche Teile: “Doch geh nur, ich hatte nicht daran gedacht” — aber selbstherrliche Führungskraft, die er ist, muss er weiterranzen. Leider kommen dann schon die ersten Schimpfwörter vor. “Kusch dich, du Hund, ab in die Hütte!” könnte man noch als bärbeißigen Abschluss der Diskussion werten und es gut sein lassen, das vorausgehende

Below to thy nightly grave; where such as ye sleep between shrouds, to use ye to the filling one at last.

als etwas fehlgeleitete Brillanz verbuchen. Batz, schon hat er überreagiert. Ahabs Eloquenz dient keinem intellektuellen Kräftemessen, sondern ist die eines donnernden Predigers — und falls doch, hat er nicht mit dem Zweiten Offizier in Stubb gerechnet oder ihn absichtsvoll ignoriert.

And now that I think of it (Stubb), war Ahabs Versuch vielleicht gerade doch, einen geistigen Sparringspartner zu finden. Dass Stubb so humorlos einfriert und einen auf verletzte Ehre macht, treibt Ahab ja erst zu seiner richtigen Kaskade mit Esel und Maultier und Schafskopf rauf und runter. Vielleicht braucht er nur deshalb so wenig Schlaf, weil er geistig unausgelastet ist?

Stubb entlässt er dann als Feind in zwei Seiten passiver Aggression. Der Horizont kann öde sein. Und Ironie ein geladen Schießgewehr.

Bild: Frank Stella: Enter Ahab; to him, Stubb, 1988,
aus: Moby-Dick and Imaginary Places, Galerie Jamileh Weber.

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From hell’s heart I stab at thee

11. März 2008

Wolf hat Kapitel 28: Ahab gelesen:

Jorge Lacera, Random Bits, Captain Ahab, 25. September 2007Ich kann so nicht arbeiten; nicht, indem ich einfach nicht arbeite. Der letzte Artikel in der Art, für die wir uns hier und da versammelt haben, stammt a) von Elke und b) vom 7. November. Ist ja schon gar nicht mehr wahr, kann man ja gar nicht im Kopf ausrechnen, wie lange das her ist. Was wohl Kapitän Ahab zu einer derartigen Saumseligkeit gesagt hätte. Deckschrubben hätte der einen geschickt, und zwar mit der Zahnbürste. Und mit Vernunftargumenten wäre er davon nicht abzuhalten.

Wo sich die von uns gegangene Steffi doch immer so auf Ahab gefreut hat; in ihren letzten Beiträgen hat sie nie versäumt, ihre Enttäuschung darüber zu vermerken, dass der Quasi-Herrgot der Pequod sich immer noch nicht blicken lässt. Jetzt steht er endlich großmächtig wie aus den Planken gewachsen da mit nicht weniger im Sinn, als die Handlung voranzutreiben.

Die Wirklichkeit übertraf jede Befürchtung: Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck.

So Jendis; Rathjen fast noch bildhafter:

Die Wirklichkeit ließ das Fassungsvermögen hinter sich zurück; Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck.

Am eindrucksvollsten an seiner Beschreibung ruft uns Melville Ahabs Gesichtsausdruck vor Augen:

Ahab stood before them with a crucifixion in his face; in all the nameless regal overbearing dignity of some mighty woe.

Eine Kreuzigung trägt er im Gesicht — wie geht’s denn noch leidvoller? Jendis überträgt uns das ganz wörtlich, Rathjen spricht “nur” von Marterspuren. An dieser Stelle Punkt für Jendis, finde ich. Überhaupt hat die Stelle bisher offenbar jedem Moby-Übersetzer zu schaffen gemacht. Ebenfalls im Jendis (Anmerkungen von Daniel Göske, Seite 953) lernen wir:

Nicht nur für den englischen Lektor [der Melvilles Manuskript mit noch mancherlei zickigen Eingriffen verunziert hat] war dieses expressive Bild zu kühn. In der Londoner Ausgabe ist Ahabs Antlitz von “einem anscheinend ewigen Kummer” gezeichnet; frühere deutsche Übersetzungen sprechen (im Gegensatz zu ihren französischen Kollegen [als erster Jean Giono, und folgende]) nur von “heilige[m] Gram” (1944) [also Fritz Güttinger], einem “zermarterte[n] Gesicht” (1946, 1956) [also Thesi Mutzenbacher & Ernst Schnabel und Seiffert & Seiffert] oder “gemarterte[n] Zügen” (1954) [womit wohl Richard Mummendey gemeint ist, dessen 1964er Übersetzung Göske wiederholt falsch zu datieren pflegt. Hat jemand den Mummendey-Moby und kann kurz nachweisen oder widerlegen, ob das der mit den gemarterten Zügen ist?].

Locker drüber hinweg konnte da noch niemand lesen.

Ferner benutzen unsere beiden Lieblingsübersetzungen die Schreibweise “Kapitän Ahab”. Bisher hab ich mir webloghalber “Captain Ahab” angelegen sein lassen, weil man es unwillkürlich englisch ausspricht, oder jedenfalls in der dahingeflapsten Weise, die wir Landratten gern für seemännisch halten. Das schreibt sich dann meistens “Käpt’n Ahab”, was ich für eine bemühte Kinderbuchsitte halte. Aber ihr dürft das gern weiter benutzen, es wäre zu rechtfertigen und ist außerdem genügend etabliert.

Ihr merkt es wohl, ich flüchte mich vor der Größe der Ereignisse in stubengelahrte Kniefieseleien. In rituellen Anfängen oder Abschieden war ich noch nie gut. Seit November hab ich durchaus den einen oder anderen Anlauf genommen, um einen Beitrag wie diesen zu liefern. Mit dem bisschen Ergebnis mögen meine Leser mit mir glücklich sein oder nicht, aber es ist schon auch kein Wunder. Fangen Sie mal an, über Ahab zu recherchieren. Zugeschwemmt werden Sie da von Google, zugeschwemmt. Hauptsächlich mit Musikern unterschiedlicher Richtungen, die sich auf ihn berufen, dann mit Gregory Peck in seiner gleichnamigen Rolle 1956, erst dann mit dem Büchernerdkram, wie wir ihn brauchen. Man wird das bis Kapitel 135 noch oft tun müssen, und dafür wünsche ich mir dann spitzere Themenstellungen. Als ob ich sie nicht selbst aussuchen könnte — aber auf was hübsches Brillantes über Ahab-itis freu ich mich schon.

Genug, das handlungstragende Personal ist beisammen, in Kapitel 29 winkt dann ein Wechsel der Erzählperspektive. Der Leser, den sich jeder Schreiber für jedes Buch neu schaffen muss, ist damit wohl vollendet: Uns mein ich. Wir sind auf See und können nicht mehr zurück. Mir gefällt, wie sogar Ahab fast gelächelt hätte:

Nevertheless, ere long, the warm, warbling persuasiveness of the pleasant, holiday weather we came to, seemed gradually to charm him from his mood. For, as when the red-cheeked, dancing girls, April and May, trip home to the wintry, misanthropic woods; even the barest, ruggedest, most thunder-cloven old oak will at least send forth some few green sprouts, to welcome such gladhearted visitants; so Ahab did, in the end, a little respond to the playful allurings of that girlish air.

Und wieder bleibt unklar, welches Bein dem Manne eigentlich fehlt. Ich übergebe an Elke, Stephan und jeden, der was zu sagen hat.

Ahab the captain/looks a lot like Abe Lincoln/but walks with a limp

Bilder: Jorge Lacera: Random Bits, 25. September 2007;
MadHaiku: MoBy DiCk In HaIkU v2, Chapter Five.

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But I am an island – I’m fucking Ibiza!

30. Oktober 2007

Wolf hat das zweite Kapitel: Ritter und Knappen, das 27., gelesen:

Stubb bei Cetus the WhaleUm zu verstehen, was einen ambitionierten Schreiber dazu treibt, zwei Kapitel hintereinander mit der gleichen Überschrift zu versehen, muss man wohl im 19. Jahrhundert Wale gejagt haben, aber es wird damit zu tun haben, dass es keine echte thematische Trennung ist und Starbuck nur so viel Platz einnehmen wollte, dass ein ganzes Kapitel 26 voll wurde und Melville für die restlichen Hauptfiguren in Kapitel 27, ebenfalls Knights and Squires, nochmal Luft holen musste. Seeleute. Immer besorgt um ihren langen Atem.

So viel Systematik hat er bis jetzt, wir haben Seite 200 überschritten, auch noch nie vorgelegt. Die getreuen Bildnisse von Starbuck (26) und der anderen Steuermänner einschließlich ihrer “Knappen” ergeben ein sauberes Powerpoint-Chart. Ein kurzes, einfaches, überschaubares mit gerade mal sechs Namen, aber genau so soll Powerpoint ja aussehen.

Das Wichtigste in Kürze für diejenigen unserer tausend Fans, die nicht parallel zu uns die Primärliteratur mitlesen:

Erster Steuermann (First Mate): Starbuck;
Zweiter Steuermann (Second Mate): Stubb;
Dritter Steuermann (Third Mate): Flask.
Harpunier und Assistent des Ersten Steuermannes: Queequeg;
2. ~ : Tashtego;
3. ~ : Daggoo.

An dieser angenehm übersichtlichen Versammlung fällt auf, dass die Chefs, die “Ritter”, weiße, körperlich unversehrte, heterosexuelle (?!) Nordamerikaner christlichen Glaubens sind, allesamt Insulaner aus den Walfängergegenden Neuenglands, ihre untergebenen Harpuniere dagegen die exotischsten Heiden, die sie und Melville nur irgendwie auftreiben konnten.

Eine bis heute bekannte und bemängelte Konstellation:

As for the residue of the Pequod’s company, be it said, that at the present day not one in two of the many thousand men before the mast employed in the American whale fishery, are Americans born, though pretty nearly all the officers are. Herein it is the same with the American whale fishery as with the American army and military and merchant navies, and the engineering forces employed in the construction of the American Canals and Railroads. The same, I say, because in all these cases the native American liberally provides the brains, the rest of the world as generously supplying the muscles.

Chapter 27, Knights and Squires, gegen Ende

Eine Beobachtung allerdings, die wir Melvilles eigener Erfahrung vor dem Mast real existierender Walfänger zuschreiben dürfen: Ob die Knights und die Squires dem christlichen Abendland oder den heidnischsten Weltecken entstammen, es sind immer wieder Inseln, denn

How it is, there is no telling, but Islanders seem to make the best whalemen. [L.c.]

Für den Rest von Melvilles Gesamtwerk lese ich die Konzeption und Definition des Isolato heraus, jenes Menschenschlags, der sich etwas schief ins Leben gebaut durch die späteren Zeitschriftenerzählungen kauzt. Eine alte Disposition der schreibenden Zunft, wenn es mit ihr nicht so recht vorangehen will. Aus solchen zwangsweisen Junggesellen und Monobegabungen besteht offenbar die gesamte Mannschaft der Pequod — eben auch all die tapferen, ehrbaren Christen und Heiden, die es nicht zu einer namentlichen Erwähnung bringen. In Cock-a-doodle-doo! von 1853 und The Piazza von 1856 sind solche Gestalten die Ich-Erzähler, und dem Lebenswandel nach ist auch Bartleby von 1853 einer: Wie sehr kann man denn noch auf seinem eigenen Kontinent leben, als indem man bis zum eigenen Untergang die meisten Regungen verweigert?

Bill SienkiewiczIn so einem Lebenslauf, auf sturmgebeutelten Walfängern oder in philiströsen Schreibstuben, trifft man ja mit der Zeit die absonderlichsten Leute. Selbst ich, der ich eher die letztere Version lebe, erkenne in den drei Steuermännern der Pequod Abbilder von Leuten, die ich schon mal getroffen hab.

Mit Stubb zum Beispiel war ich beim Bund, Grundausbildung als Fernmelder in Daun. Ganz ähnlich wie Stubb hat der sich in der Frühe als erstes keine Pfeife, aber eine Marlboro angeschürt, um sich dann um die brennende Fluppe im Mund herum zu rasieren — nass. Und so einen übereifrigen Giftzwerg wie Flask hatte jeder schon mal als Chef. In meinem sozialen Portfolio fehlen allerdings so eindrucksvolle Indianer wie Tashtego oder der baumhafte Neger Daggoo.

Bilder: Stubb bei Cetus the Whale, Tashtego: Rockwell Kent bei Lakeside Press Edition, Daggo et al.: Bill Sienkiewicz; Lizenz: Creative Commons.

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Starbuck und der demokratische Gott

8. August 2007

Endlich trifft man mal einen vernünftigen Menschen: Kapitel 26 gehört dem Obermaat Starbuck, und es ist eins von den großen.

Armistead Maupins Starbuck-BecherSolche Vize-Chefs – Starbuck kommt in der Hierarchie der Pequod gleich hinter Captain Ahab – kennt man entweder als verbiesterte ewige Zweite (”Second winner is first loser”) oder eben als eine Art Missing Link zwischen Chefetage und Sachbearbeitung; im allegorischen Falle der Pequod: zwischen Gott (oder welch hohe Macht Ahab immer repräsentiert) und der Menschheit (lies: Mannschaft), jedenfalls zwischen Oben und Unten.

Glück für Ismael, dass er mit Starbuck an die letztere Sorte geraten ist. Melville ist über der Abfassung von Kapitel 21 wohl endlich klar geworden, dass er Ismael nicht die ganze Zeit vorausahnend durch die Weltgeschichte (Manhattan, New Bedford, Nantucket) gurken lassen kann, sondern dass der Roman irgendwann einen anständigen Konflikt braucht. Und da sich der miese kleine Dienstgrad Ismael mit seiner lausigen dreihundertstel Lay bei Gefahr des Kielholens nicht gut selbst mit Ahab anlegen konnte, scheint in Going Aboard erstmals Starbuck auf, der als einziger auf der Pequod als Ahabs Gegenspieler auftreten kann.

Sein Charakter prädestiniert ihn dazu: Starbuck ist ja sowas von das Gegenteil zu Ahabs Fanatismus. Er denkt, bevor er redet, am allerliebsten lässt er Taten sprechen, und zwar besonnene. Die Vernunft selbst, ein kühler Kopf, ein ganzer Mann. So wird man zum Namenspatron einer Kaffee-Franchisekette.

Was das Kapitel so groß macht? – Für eine schlüssige Begründung möchte ich mich da auf die anstehenden Ausführungen der Kollegin Elke verlassen, die solche Sachen immer recht anschaulich und engagiert darzustellen pflegt. In meiner eigenen Bewunderung für Leute, die mit unangestrengter Fachkenntnis ihren Job tun, und schönen Formulierungen schau ich lieber nach, wie Recht Paul Ingendaay mit seiner Apologie der Rathjen-Übersetzung hatte:

Wer einmal mit Donnerstimme oder jedenfalls so donnernd wie möglich den letzten Absatz des 26. Kapitels („Ritter und Knappen“) bei Rathjen gelesen hat, dürfte jede andere Version für ziemlich zahm halten. Inzwischen ist es für mich keine Frage mehr, daß der Rathjen-Text über weite Strecken „funktioniert“, wenn auch unter beträchtlichen Opfern: Viele Sachen sähe ich gern redigiert.

Paul Ingendaay: Walgesänge bei Gegenwind.
Vom Lesen, Übersetzen und Rezitieren sowie einigen Besonderheiten in Friedhelm Rathjens Moby-Dick

Starbuck Becher, von Verbrauchern bearbeitetKlingt ja vielversprechend. Im Direktvergleich also der letzte Absatz von Kapitel 26, Ritter und Knappen, in der Übersetzung von Rathjen:

Wenn ich also hienach gemeinsten Matrosen und Abtrünnigen und Verstoßenen hohe Eigenschaften, wiewohl dunkle, zuschreibe; tragische Tugenden um sie herumwebe; wenn sogar der Beklagenswerteste, von ungefähr der zutiefst Erniedrigste, unter ihnen allen sich zuzeiten zu den erhabenen Höhen erhebet; wenn ich jenes Arbeiters Arm mit ätherischem Licht anrühre; wenn ich einen Regenbogen über seinen unglückseligen Sonnenuntergang breiten werde; dann tritt dabei gegen alle sterblichen Kritiker für mich ein, du gerechter Geist der Gleichheit, welcher du einen großen königlichen Mantel des Menschlichen über alle von meiner Art gebreitet hast! Tritt dabei für mich ein, du großer demokratischer Gott! der du dem schwarzen Sträfling Bunyan die bleiche poetische Perle nicht verwehret hast; Du, der Du in zwiefach getriebene Blätter feinsten Goldes den stumpen und almosenen Arm des alten Cervantes kleidetest; Du, der Du Andrew Jackson aus dem Staube auflasest; der Du ihn auf ein Schlachtroß warfst; der Du ihn höher hinaufschleudertest als einen Thron! Du, der Du bei all Deinem mächtigen, irdischen Schreiten Deine ausgesuchtesten Streiter immer aus den königlichen Kammern des niederen Volkes erwähltest; tritt darin für mich ein, O Gott!

und Jendis:

Wenn ich mich also hernach nicht scheue, auch gemeinen Seeleuten und Abtrünnigen und Verstoßenen edle, wenn auch dunkle Eigenschaften zuzuschreiben; wenn ich tragische Züge um sie webe; wenn sogar der Erbärmlichste, ja gar der Allergeringste von ihnen sich bisweilen zu den höchsten Höhen aufschwingt; wenn ich den Arm dieses Arbeiters in ein ätherisches Licht tauche; wenn ich einen Regenbogen über die sinkende Sonne seines Untergangs spanne; dann stehe Du mir bei gegen all die sterblichen Kritikaster, Du gerechter Geist der Gleichheit, der Du den ungeteilten Königsmantel des Menschentums über mein ganzes Geschlecht gebreitet hast! Ach, steh mir bei, Du großer demokratischer Gott! Der Du dem schwärzlichen Sträfling Bunyan die hellweiße Perle der Poesie nicht wolltest wehren; der Du den Armstumpf des alten, in Armut gefallenen Cervantes bekränzt hast mit zweifach ausgetriebenen Blättern feinsten Goldes; der Du Andrew Jackson aus dem Staube holtest, ihn auf ein Schlachtroß warfst und höher noch als auf den Thron ihn donnernd hoch emporhobst! Der Du bei Deinen Siegeszügen hier auf Erden die Besten deiner Kämpen stets aus dem königlich gemeinen Volke hast erwählt – steh Du mir bei, o Gott!

Die Kapitelüberschrift Knights and Squires haben beide mit Ritter und Knappen übersetzt, den Originaltext tipp ich jetzt nicht auch noch ab, weil Sie den leicht selber finden.

Starbuck hätte ebenso gehandelt.

Leo Genn als Starbuck, 1956

Text Ritter und Knappen: Zweitausendeins resp. Hanser; Text Paul Ingendaay: Schreibheft 57, September 2001; Bilder: gay news blog, 19. August 2005; Liberal Serving, 15. Januar 2007; Moulin Productions Inc., 1956; Lizenz: Creative Commons.

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Gewiss kann es kein Olivenöl sein

28. Mai 2007

Der Wolf schreibt Herman Melville hinterher, was Herman Melville in Kapitel 25: Postskriptum seinem eigenen Kapitel 24: Der Anwalt hinterherschreibt:

Sehr geehrter Herr Melville, lieber Herman,

Sailorette www.fy.nodas hast du wieder sauber hingekriegt. Habt ihr euch zu deiner Zeit in New York und auf dem Land in Arrowhead auch schon Anwaltswitze erzählt? Habt ihr euer abgenabeltes Mutterland, die königstreuen Briten, beim Maisschnaps mit ihrer Königin aufgezogen?

Der Kalauer mit dem Staatlichen Salzfass und dem Pfefferstreuer musste natürlich sein, sonst hätte es dich vermutlich zerrissen, und es auch keiner was davon gehabt. Und Könige mit Rizinusöl salben, kichergnicker. Logisch, Walrat muss es sein. Da ist er ja, der aufrechte Demokrat, der ruppige Walfänger, das Salz nicht einfach der Erde, nein gar des Meeres.

Das Gefühl kennt ja niemand besser als ich: Lieber einen guten Freund verlieren als einen Lacher auslassen. Was mich allerdings bei dir interessiert hätte:

Als sie dir qua einem roten Federstrich das ganze Kapitel 25: Postskriptum aus der Londoner Erstausgabe rauslektoriert haben, hat sich da die Kapitelzählung bis zum Schluss um 1 weniger verschoben?

Komm, so zwanghafte Typen wie uns lässt sowas doch nie ruhig schlafen. Hast du damit erreicht, was du wolltest? Ja?

Na, dann is’ gut.

Stets einer deiner sieben zweitgrößten Fans der dreizehn Weltmeere,
der Wolf

Toothpaste for Dinner

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Der Wolf hat gelesen: Kapitel 24: Der Anwalt

27. Mai 2007

Who would have looked for philosophy in whales, or for poetry in blubber.

John Bull, Kritik zu Moby-Dick, 25. Oktober 1851

J. Ross Browne, Barzy and the Madagascar ChiefWie war der Ausdruck Walgesang mal gemeint? Eine Lanze brechen klingt immer auch kriegerisch, dieses Kapitel 24: Der Anwalt hat aber so gar nichts von Angriff, ist höchstens eine leidenschaftliche Verteidigung des ehrbaren Gewerbes der Walfänger. Eine Leidenschaft, die sich in einer nicht weniger denn hochlyrischen Prosa äußert. Ein Walfanggesang.

Zeitgemäß ist was anderes: Gerade die Vorwegnahme aller Einwände in Form einer Liste, die systematisch widerlegt wird, riecht nach vorauseilender Verteidigung – nach jener Art von Entschuldigung, mit der man sich anklagt. Seit wann genau ist das eigentlich verpönt?

Auch die Gründe, aus denen der Walfänger ein so überragend ehrenvolles Gewerbe versehen soll, sind zweierlei: Die unschönere Hälfte verbindet Walfang mit dem Soldatenhandwerk, was man in dieser Tonart noch nicht wieder allen demokratisch gesinnten Leserschaften so vorsingen kann; die hard facts hören sich, auf ihren Inhalt heruntergekocht, wiederum ganz sinnvoll an: Walfänger

  • erforschen
  • kontaktieren und
  • demokratisieren

Länder, die bislang nur entlegene, unwirtliche Weltecken waren, was in Melvilles Sinne ja dann auch ein lobenswerter Ehrgeiz ist. Networking unter verschärften Bedingungen und ganz ohne Internet – einem wie mir muss dieser Vergleich kommen. Suspekt werden solche Umtriebe erst mit dem modernem Wissen, dass Menschen profitgierige Egoisten sind und Missionare auch nur Menschen, und dienstreisende Tierjäger erst recht.

Auf 1851 umgerechnet finde ich Melvilles Argumentation allerdings sauber zusammengedacht und pointiert vermittelt. Wir reden ja nicht von Infotainment.

Vergleichen wir die Zahlen, die Melville zur Ehre des Walfängers an sich anführt, mit denen, die sein 2001er Kommentator Göske aus Melvilleschen Zeiten aufgetrieben hat, so erhellt: Melville hat sogar noch untertrieben. Fälschen von Statistiken unter dem Vorwand “Ist doch alles nur Poesie” kann man ihm nicht vorwerfen.

2007, in Zeiten ruchlos beschönigter Selbstdarstellungen und des laxen Umgangs mit Zahlenmaterial aus weit niedrigeren Beweggründen denn der Ehrenrettung des eigenen Berufsstandes, fragt man sich, grundsätzlich misstrauisch bis zum Zynismus geworden: Wie kommt’s?

Ich nehme stark an, Melville lag persönlich einiges daran, als (gewesener) Walfänger gesellschaftlich anerkannt dazustehen. Seine Bestseller-Erfolge (Typee, Omoo, später ein politisch bedeutsames Aufflackern mit White Jacket) hatten nachgelassen, er stand noch im nationalen Bewusstsein als der gutuassehende Seebär, der wundersamerweise schreiben konnte; sein thematischer Vorgänger Richard Dana, der mit Two Years Before the Mast, hatte im Gegensatz zu ihm ein Studium vorzuweisen – in nahezu allen biografischen Überblicken zitiert wird Melvilles trotzig arbeiterstolzer Kapitelschluss “Ein Walfänger war mein Yale College und mein Harvard” – da winkte an einem nebligen Horizont wohl ein Ruf als verkanntes Genie. Melville als Der Anwalt ist sein eigener.

Die Sorge war nicht akut, aber begründet. Die Quellen, aus denen Melville geschöpft hat, sprudeln offenbar heute so verborgen wie 1851. Sehen aber online sehr schön aus und werden von akademisch gebildeten Freunden der christlichen Seefahrt liebevoll gepflegt. Ich gebe sie dem interessierten Stöbern anheim:

J. Ross Browne, A Scramble for Salt Junk

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Kapitel 23: Land in Lee oder Kennt ihr nun Bulkington?

16. Mai 2007

Zeit für einen Fachartikel. Der letzte stammt vom Neunten.

Einige Kapitel zuvor war von einem gewissen Bulkington die Rede gewesen, einem hochgewachsenen Seemann, der eben erst abgemustert hatte, als ich ihm in einem Gasthaus New Bedfords begegnete.

Olde Chequers InnSo weit Melville, anfangs Chapter 23: The Lee Shore, in der Zunge von Jendis.

In der Übersetzung der beiden Seifferts heißt das Kapitel ungefähr geradeso inhaltsfremd: Der sichere Port. – Weiter mit Jendis: “Einige Kapitel zuvor” heißt: in Kapitel 3, hier auf Seite 53; das Gasthaus New Bedfords heißt Spouter-Inn oder Zum Walfänger und unterstand Peter Coffin (allerdings weder dem aus Berlin noch dem Bischof von Ottawa); “gerade erst” heißt nach einer Seefahrt von vier Jahren.

Daran sollten wir uns erinnern, Kapitel 3 hatten wir schon. Ist da einem von uns die Figur Bulkington aufgefallen? Falls ja, war sie uns keine Erwähnung wert.

Dabei hat mein eigenes Exemplar sogar einen Bleistiftvermerk auf Seite 53: “Bulkington s. Kap. 23 S. 188″, offenbar aus der Absicht heraus, bei Gelegenheit darauf zurückzukommen, man weiß es nicht, das war vor acht Monaten, und das kann ich jetzt wieder meinem Frisör erzählen. Besonders wichtig erschien Bulkington jedenfalls keinem von uns.

Wo der Bulkington bei seinem ersten Auftauchen doch so schön plastisch beschrieben wird. Kapitel 3 war ein ziemlich langes, 20 Seiten bei uns, dicht vollgepackt mit Fakten und Atmosphäre, da ist uns der erste detailliert beschriebene Seebär nicht mal aufgefallen, als Melville ihn aus dem Kneipengetümmel hochgehoben und vor die Nase gehalten hat:

Dieser Mann erweckte sofort meine Neugier, und da die Meeresgötter bestimmt hatten, daß er bald schon mein Bordkamerad werden sollte (wenn auch nur als stiller Teilhaber, was diese Erzählung betrifft), will ich es hier unternehmen, eine kurze Beschreibung von ihm zu geben. [Auffallend groß, muskulös, gebräunt, stilles Wasser, Südstaatler; bei seinen bisherigen Bordkameraden "überaus beliebt".] Als das ausgelassene Treiben seiner Genossen den Höhepunkt erreicht hatte, schlüpfte dieser Mann unbeobachtet hinaus, und ich bekam ihn nicht mehr zu Gesichte, bis er mein Kamerad auf See ward.

Jendis-Übersetzung, Seite 53.

Wie genau braucht man ein foreshadowing noch? Memo an mich: Genauer lesen, Mister Leben-mit-Herman-Melville.

In diesem erkärten six-inch chapter, was auf Deutsch Westentaschenkapitel heißt, soll Bulkington wohl exemplarisch für die gesamte Mannschaft stehen: Manche Leute kommen besser auf See zurecht als an Land, und gerade der Schrank von einem Kerl aus den Alleghanies in Virginia, also mutmaßlich ein versprengter Deutschstämmiger, hat’s zuletzt nicht unter vier Jahren zur See gemacht. Die meisten anderen Mitglieder der Besatzer sind Insulaner aus der ganzen Welt; der Vorgesetzte von allen, Captain Ahab, stammt zum Beispiel aus Nantucket und hat einen größeren Teil seines 58 Jahre währenden Lebens zu Wasser denn zu Lande verbracht; die Schiffseigner, ebenfalls Nantucketer, sind beim Auslaufen kaum von Bord zu bewegen.

Hochlyrisch die Sprache des ganzen Kapitels, ein wahres Hohelied auf die tiefe Wahrheit und Mystik, die im Meer steckt.

Kennt ihr nun Bulkington?

Glaub schon. Bulkington und seinesgleichen. Kapitel 24, das Hohelied auf den Walfang, kann kommen.

Zuzüglich zum Primärtext sollte das die Online-Coverage zu Bulkington ergeben, protz.

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Kapitel 22: Fröhliche Weihnachten

14. März 2007

So weit also hätte ich mit dem Leseprojekt bis Weihnachten sein wollen. Kurz vor Ostern erhellt: Doch, hätte schon gepasst.

Endlich wieder eins von den wirklich staatstragenden Kapiteln. Wird auch Zeit: Der Primärtext hat in unserer Ausgabe 866 Seiten, und auf Seite 187, das ist bei 22 % der Gesamtlänge, laufen sie endlich mal aus, die Stubenhocker von Seebären. Schöner Seefahrerroman.

Nachdem in aller gebotenen Besonnenheit und allegorischen Breite klar gemacht wurde, wie das Buch ausgehen wird, muss eigentlich nur noch das Unausweichliche durchdekliniert werden. Die Spannung im Sinne von suspense hat Melville damit drangegeben, aber was für Konsumbärchen sind wir wohl, zu glauben, dass ihm daran lag.

Nix da. Es ist schon passend so: Die Spannung in Moby-Dick liegt im Unterwegssein, nicht im Ankommen. So dramatisch es ausgehen wird: Mittlerweile ist das Ziel klar, für den Weg dorthin bleiben noch 78 % Restlänge. Und gerade dazu passt die ganze Vorläufigkeit, das unlektorierte Dahingaukeln, das nicht mal eine anständige Komposition ist.

Ich verstehe auch, dass man das mögen muss, um es zu mögen. So viel Vertrauensvorschuss braucht das Buch. Meine Verlags- und Buchhandelsausbildung sagt mir: blankes Kassengift, sowas. Hätte heute keine Chance auf dem Markt. Und hatte es genau genommen auch 1851 nicht – aus anderen, nämlich weltanschaulichen Gründen, die sich aber genau auf diese formalen Mängel hinausredeten, weil das leicht ist. Das Erschaffen des eigenen Lesers ist damit beendet; wer bis hier gelesen hat, hält bis zum FINIS durch.

Es stimmt ja sogar: Formale Mängel gibt’s genug. Die Tante Charity ist, wie man eingangs Kapitel 22 hört, außer Bildads Schwester plötzlich auch noch Stubbs Schwägerin. In dieser Art Rätsel – “Brothers and sisters have I none” – war ich nie gut: Wer ist demnach mit wem verheiratet?

Die Kapitelüberschrift Merry Christmas scheint in einem Anfall von Bedeutungsschwangerschaft gewählt: Natürlich kann die Pequod nicht irgendwann ausfahren, sondern wenn schon, dann an einem sehr hohen christlichen Feiertag vor, genau: Jahresende. “Es war ein kurzer und kalter Weihnachtstag” (Seite 184) und fertig. Ansonsten äußert sich Weihnachten im Hafen nicht weiter. Nicht mal Tante Charity, die doch sonst alles mögliche anschleppt, hat Plätzchen mitgebracht oder was immer der Presbyterianer am Heiligen Abend zu sich nimmt (Apple Pie, wetten?).

Soll ich weitermachen? Ich erspare es uns, ich komme mir schofel dabei vor. Das Unterwegssein macht nämlich durchaus schon Spaß: Etliche Lieblingsstellen hab ich in diesem Kapitel:

  • Natürlich das Bild vom fromme Lieder singenden Bildad, der nicht nur Pelegs Ablegemanöver, sondern auch noch die losen Lieder über die Mädchen aus der Booble Alley zu übertönen versucht, die er eigentlich untersagt hat.
  • Soso: Ein Anker wird also nicht nur gelichtet, sondern wenn er sichtbar über Wasser ist, bis unter den Bug gekattet. Das geschieht am Gangspill, und zwar vermittelst der Handspaken.
  • Obacht heißt auf Nautisch: Wahrschau. Muss ich mir merken.
  • Nochmal soso: Peleg weiß ganz gut, dass es auf Südseeinseln gerne unzüchtig zugeht. Wenn man über den (ohnehin weit gefassten) Tellerrand des Moby-Dick hinausgeguckt hat, erinnert einen das ans seinerzeit berüchtigte 18. Kapitel von Typee. Peleg weiß wohl so gut wie sein Schöpfer Melville, wovor er da warnt.

Wer noch formale Mängel findet, darf sie behalten. Da passt nämlich jeder einzelne ganz gut.

Toothpaste for Dinner

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Kapitel 21: Es geht an Bord

15. Februar 2007

Hanin EliasUnd da ist ja auch wieder mein anderer special friend, der Elias. Ich hab mir ja auch schon ein Schild “Ich schäme mich” umgehängt, dass ich Melville nicht zugetraut hab, seinen zauseligen Propheten ohne Taschenspielerei noch einmal erstehen zu lassen. Das Loose End mit seinem linken Arm, der möglicherweise, hihi, ab-handen gekommen ist, bleibt erhalten.

Woher weiß Ismael eigentlich, dass die Reise drei Jahre dauern und die Route zum Indischen Ozean und Pazifik führen soll? Setzt man beides bei einer Walfängerei so voraus oder war das jetzt loose-end-nickelig von mir? Hätte Melville den Elias vielleicht doch noch gern mit auf die Pequod verfrachtet, ohne den dramaturgischen Dreh hinzukriegen?

Jedenfalls gewinnt Elias durch seine bloße Wiederkehr an Bedeutung, jetzt mal rein quantitativ und welche Bedeutung außer dem dauernden foreshadowing der finalen Katastrophe auch immer. Ich glaub, wir haben’s geschluckt.

Queequeg musste zwischendurch mal wieder was Wildes, Exotisches anstellen und benutzt Personen minderen gesellschaftlichen Ranges als Sitzmöbel gleich den alteuropäischen, aber sprichwörtlich gottlosen Hunnen, die Seebären trotten paarweise an Bord wie auf die Arche Noah, als die letzten ihrer Art, die eine überlebte, nicht mehr lange überlebende Welt hinter sich lassen – es ist alles höchst beziehungsreich bis gespensterhaft.

Dafür winkt aus dem Off die nächste Lieblingsfigur: Starbuck. Mal abgesehen von seiner Patenschaft für fragwürdige Kaffeesiedereien: Den werden wir mögen.

Going aboard

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Kapitel 20: Reger Betrieb

14. Februar 2007

Wer hat da noch während der frühen Zurüstungen in den präliminarischen Kapiteln danach gekräht, dass es doch endlich an Bord gehen möge, meine geschätzten Mitleser? Jetzt, auf Höhe von 14,8–15,6% der Kapitel, wo Ismael und Queequeg endlich Planken betreten, um sie erst nach drei Jahren wieder zu verlassen, und die Weltpresse in Gestalt von Cetacea auf uns aufmerksam geworden ist, sind noch ungefähr 1,5 Mitleserinnen übrig, die sich ebenfalls nicht gerade vertraglich zu irgendwas verpflichtet haben. Nach dem 135. Kapitel war Ismael auch allein…

Aunt Charity AndersonDie Beobachterrolle, die Ismael wie von selbst einnimt und bis zum Ende wohl nicht mehr aufgibt, wird ihm im 20. Kapitel All Astir ja sogar von offizieller Seite zugestanden: Nicht einmal das Schiff, das er im Verlauf der folgenden Jahre wieder leerzufuttern gedenkt, muss er selbst mit Proviant und Arbeitsmaterial beladen helfen; lang leben die Schauermänner und Takelgäste.

Eine neue Lieblingsfigur hab ich: Bildads Schwester, eine der doch unerwartet vielen Frauen im Buch, die sich offenbar ungefragt in die Ladearbeiten einmischt. Muss man sie nicht lieb haben, die kleinen alten Damen, die sich die fürsorgliche Oma raushängen lassen, und gälte es die Rente? Solche aufdringlichen Mütterlichkeiten auf zwei Beinen kenn ich sehr gut, ich musste mich eine frühe Kindheit lang gegen sie wehren, und es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich sie schätzen lernte. Wenn man erst seine seelischen Grenzen so klar definiert hat, um sich zu sagen: Ach Gott, die Guten können halt auch nicht aus ihrer Haut, und sie sich bei Bedarf wieder vom Leib halten kann, in welchem Falle die lieben Omas tatsächlich richtig ranzig werden können, geht’s.

Das funktioniert mit sehr freundlichen, sehr eindeutigen Botschaften: kurze Sätze! Klare Anweisungen! Immer mit genau einer Begründung! Gar keine Begründung wird als unhöflich und damit als Freischein, ja Verpflichtung zum Weitermachen aufgefasst, zwei und mehr Gründe können sich schon widersprechen, und damit macht man sich angreifbar. Sich den vierten Teller Grießbrei, den fünften selbergebrannten Zwetschgengeist oder eben ungerufene Krüge mit Eingelegtem, Wolldecken, Federkiele und Trankellen zu verbitten, ist eine harte Übung, der nur die psychisch Kerngesündesten gewachsen sind.

Das war ein Tipp: Bildads Schwester und Ihre Oma wünschen Anerkennung, genau wie Sie und ich auch. Auch wenn Oma nicht offiziell bei den Quäkern eingeschrieben ist – diese Art Mildtätigkeit ist weit verbreitet in Kreisen, die sich nur als irgendwie christlich verstehen. Tante Charity meint es gut. Nun ist “gut gemeint” das Gegenteil von “gut”, aber auch wenn Ihre eigene Oma Charity damit nichts als Scheiße baut, soll man sie deswegen nicht für böse halten.

Ismael steht mittendrin, lässt die Schiffseigner und ihre Beauftragten machen und wird sich, gerade bei seinem Mutterbild, hüten, Tante Charity in den Weg zu rennen. Wird ihm die Aussicht auf drei Jahre ohne Festlandkontakt vielleicht doch langsam unheimlich? – Es wäre nicht unmenschlicher als die Regungen von Quäkertante Charity, zu deren Schiffseigneranteilen auch die zweibeinige Ladung gehört.

Die Crew

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Kapitel 19: That’s a human prophet all right

27. Januar 2007

“Mein Name ist Elias!” Angeschossen stolpert er rückwärts, schleudert Clint Eastwood kryptische Worte, allen voran seinen Namen, ins Gesicht, hält sein blutendes Bein fest, strauchelt, kippt hintüber in den Straßenstaub. “Elias!” fletscht er die Zähne und verröchelt vor dem Saloon.

Dennis Hopper MugshotNein, das ist nicht Melville, das ist Hängt ihn höher.

Auch wenn sie von Dennis Hopper gespielt werden, vielleicht auch gerade deswegen, haben Propheten in Amerika offenbar keinen großartigen Stand. Bei Melville wird er sogar von Ismael, den man bisher als recht aufgeschlossen und menschenfreundlich kannte, beschimpft. Gut, das kommt daher, dass man einen free born American nicht von der Seite anquatscht, da kann man ihn anscheinend schnell bei der Ehre packen. Trotzdem hat er mich fast erschreckt.

Interessant wäre, wie Ismael reagiert hätte, wenn er nicht seinen großen starken Busenfreund Queequeg an seiner Seite wüsste – dessen bekannt spektakuläre Erscheinung keinen der Erwähnung werten Eindruck auf Elias macht. Auch so ranzig? Oder wäre dann der abgerissene Prophet der Kauz geworden, bei dem es selbstverständlich auf die inneren Werte ankommt, nach denen man nur erst gebührend forschen muss? Mein innerer Dramaturg tippt auf letzteres.

Seinen linken Arm, den Elias da beschwört, halte ich für ein typisches Loose End seitens Melville.

Look ye; when Captain Ahab is all right, then this left arm of mine will be all right; not before.

Hei, wie das übersetzt wird! Jendis sagt dazu getreulich:

Hört mal, wenn mein linker Arm hier in Ordnung ist, dann wird auch Kapitän Ahab in Ordnung sein, vorher nicht.

Interessant wird’s bei Alice und Hans Seiffert:

Seht her: Kapitän Ahab wird so bald ganz gesund sein, wie mein linker Arm mein rechter wird. Eher nicht.

– wie sie alles geben, all right als Ortsangabe rechts zu übersetzen, damit sie dem Elias beide Arme lassen können. Ist das geschickt und gar nicht so blöd oder schon ein Eingriff? Sagen wir: ein Eingriff, aber gar nicht so blöd. Daniel Göske will es in den Anmerkungen (Seite 949) fast schon verbissen als beabsichtigt sehen:

Ob auch sein “linker Arm” (S. 168) von Moby Dick versehrt wurde und ob Kapitän Ahab schon vor seiner Begegnung mit dem weißen Wal Altar und Kelch (die “silberne Kalebasse”) einer Kirche in der peruanischen Hafenstadt Santa entweiht hat (S. 169), bleibt ebenfalls offen.

Glaub ich nicht. Man kann diese Deutschlehrerfrömmigkeit auch übertreiben. Luzider an derselben Anmerkung finde ich vielmehr die Stelle kurz davor, dass Elias auch in der Bibel (1. Buch der Könige, Kapitel 17 bis 21) Ahabs direkter Gegenspieler ist, auch wenn er dort weit deutlicher wird als Melvilles eher harmloser Wirrkopf: Der Prophet Elias ist es nämlich, der dem König Ahab so plastisch-drastisch droht, die Hunde werden im Weinberg sein Blut auflecken, mjamm.

Zum Charme von Moby-Dick gehört ja, dass Melville alles ziemlich unkomponiert runtergeschrubbt hat, atemlos, live, authentisch, und außer dem Londoner Zensor nicht mehr viele Lektoren draufgeschaut haben. Ein Loose End dieses minderen Ausmaßes finde ich daher verzeihlich; es ist doch sowieso klar, dass Elias seine Rolle im Roman mit diesem Auftritt erledigt hat (sollte er nach Art nur der allergrößten Propheten wiederkehren, war’s ein fortgeschrittener Kunstgriff, und solche Taschenspielertricks überlassen wir lieber Paul Auster): die nächste Stufe der Düsternis in den Vorahnungen, den Untergang der Pequod betreffend, zu erklimmen. Irgendwie mag ich ihn, und der Ismael soll sich mal nicht so haben, nur weil er zufällig seinen Indianer dabei hat.

Und wo wir gerade so schön bei Dennis Hopper und düsteren Stellen sind, zum Schluss eine in jeder Hinsicht eingehende Interpretation zu Blue Velvet, in der wir staunen dürfen, was all right noch alles heißt.

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Kapitel 18: Dem Wolf sein Zeichen

14. Januar 2007

Das wahre Lexikon der Gegenwart bei UllsteinBis hier und noch viel weiter zeichnet sich ab, dass Namen bei Melville mehr Funktionen haben als die Leute zum Deckschrubben zu rufen. Namen charakterisieren – besonders schön war ja der Peter Coffin – und stiften Identität.

Schwierig wird’s bei Queequeg, dessen Sprache allein er und sein ebenso überschaubares wie fernes Volk verstehen. Denn was, haben wir bei Umberto Eco gelernt, sind Namen? – Zeichen sind sie. – Und was sind Zeichen? – Allgemein verständlich.

Es ist ein Mythos geworden: Adam macht sich die Erde untertan, indem er den Tieren ihre Namen verleiht, Liebende melden Besitzanspruch aneinander an, indem sie einander exklusive Kosenamen verpassen, die Juden, das Volk der Schrift, versuchten seit je, Einfluss auf die Wirklichkeit zu nehmen, indem sie eine richtig beschaffene Kette von Lauten aussprachen, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.

Wo Ismael mit seinem Namen unterschrieben hat, kann Queequeg also genauso verbindlich sein Zeichen setzen. Speziell seins ist besonders eng mit seiner Person verknüpft, indem er es auf den Arm tätowiert trägt.

Wer damit allerdings nicht so recht umgehen kann, sind Good Cop Peleg und Bad Cop Bildad, die ihn nach seiner kurzen Arbeitsprobe gar nicht eilig genug in Dienst nehmen können: Für den “Quakquak” hätte sich Captain Peleg noch fast entschuldigt, der nicht ganz so lächerliche “Quohog“, das laut Kapitel 14 (hier: quahog) eine für Nantucketer bedeutende Muschel bezeichnet, landet offiziell in der Musterrolle.

Religionskritik fällt leicht, bigotte Frömmler sind ein wohlfeiler Gegenstand aufgeklärter Spötter, das komische Element an quäkerischem Gebaren offenkundig. Das aber finde ich ganz durchtrieben von Melville: wie sie den herangeschleppten Queequeg anfangs mit “Sohn der Finsternis” anreden, ihm erst mal den Katechismus abnehmen und anschließend aufdrängen, ihn wegen offensichtlicher wirtschaftlicher Opportunität dann doch einstellen, und zwar jetzt vielleicht bitteschön doch lieber ohne ihn seiner Wildheit zu entkleiden – aber ihn qua Namensverdrehung doch eines Stücks seiner Identität berauben.

Selbst der Setzer der Erstausgabe nimmt ihm posthum aus technischen Gründen noch das Unendlichkeitszeichen weg, was ja wohl kaum noch symbolträchtiger geht, diesmal sogar ins richtige Leben überlappend. Und keiner hat’s gemerkt.

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Ramadan. Wolf hat das 17. Kapitel gelesen

5. Januar 2007

Ramadan, das ist, wenn meine türkischen Nachbarn ausrasten. Haben den ganzen Tag so einen beseligten Blick, einen handfesten Widerstand gegen flüssige und feste Nahrung, die Frauen hennarote Handflächen, aber in der Nacht Halligalli und kein Gedanke an Widerstand. Das geht einen ganzen Monat lang so.

Mein zuständiger Gemüsehändler hat mir mal “Und fröhliche Weihnachten auch!” gewünscht.

“Wie – Weihnachten? Sind Sie nicht Moslem?”

“Dochdoch schon!” grinste er extrabeseligt.

“Was hamse denn dann mit Weihnachten an der Mütze?”

“Hähä – ich feiere alles!”

Wohl dem, der einen Ramadan hat. Und was hat das Christentum? Eine Fastenzeit. Und zwar eine, die keineswegs irgendwelche Ausschweifungen nach Sonnenuntergang vorsieht, ja sogar mehrere.

Und Ismaels religiöse Auffassung vom Anfang hab ich mir beim ersten Moby-Lesen vor zwanzig Jahren voll Bewunderung und Klar-warum-nicht-gleich-So spontan zu eigen gemacht: “Ich hege den größten Respekt gegen jedermanns religiöse Pflichten, wie absonderlich sie auch sein mögen, und brächte es nicht einmal übers Herz, eine Ameisengemeinde geringzuschätzen, die einen Fliegenpilz anbetet.”

Militante Toleranz. Sollte man so vielen auf der Welt unter die Nase reiben, die glauben, sie hätten die Religion erfunden. Da kann ich intolerant sein…

“Je ne suis pas d’accord avec ce que vous dites, mais je me battrai jusqu’au bout pour que vous puissiez le dire.” Es lebe mein Gemüsehändler, der Voltaire eifrig beigepflichtet hätte.

Lieblingssatz aus dem Kapitel: “Zum einen war er es nämlich offenbar leid, sich etwas über diese wichtige Frage zu Gemüte zu führen, wenn sie nicht von seinem eigenen Standpunkt aus betrachtet wurde.”

Queequeg, der in der üblichen Rollenverteilung Gegenstand der Toleranz sein sollte, lässt in den letzten Dingen selber nicht übertrieben gern mit sich reden. Aber es bleibt eine menschliche Regung und wird nicht gleich ein Clash of Cultures.

Knackiger kann man das nicht sagen.

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Kapitel 16: Das Schiff trägt keine Seewölfe

12. Dezember 2006

Speaking words of wisdomEin großes Kapitel, alles was recht ist. Eigentlich mindestens drei. So gesehen kein Wunder, dass man wochenlang so misstrausisch außenrum schleicht… Gelesen hat man’s ja bald, es liest sich sogar ausgesprochen süffig – aber was Kluges drüber zu sagen ist nochmal ein ganz anderes Unterfangen: Man stinkt ja so leicht dagegen ab. Ist es Zufall, dass einer der beiden verdienstreichen Volltexte in Weblog-Form ausgerechnet mit dem 16. Kapitel abgebrochen wurde? (Weiterhin online steht Moby Dick By Herman Melville.)

Gegen Melville abstinken kann keine Schande sein, also was soll die Schüchternheit. Machen wir’s mal extra realschülermäßig.

Was erfahren wir? – Erstens die Pequod. Ein Totenschiff ist sie sichtlich. Was uns dazu einfallen darf: B. Traven, Das Totenschiff, 1959 verfilmt mit Horst Buchholz, Mario Adorf und Elke Sommer, über das Traven vielleicht ohne Anklang an die Pequod schreiben konnte, aber nicht ohne an sie zu denken – und dann bitte wieder etwas gezügeltere Bahnen.

Zweitens: Die Schiffseigner Captain Peleg und Bildad veranstalten mit Ismael ein Good-Cop-Bad-Cop-Spiel, damit er dankbar ist, überhaupt den 300. Teil vom Gesamtumsatz zu bekommen, was ja über 100% mehr als der zuerst veranschlagte 777. Teil ist (woher eigentlich die schiefe Zahl? Eine Reminiszenz an die Number of the Beast aus der Bibel?) – und dann bitte wieder mehr Text und weniger unbegründete Textaufgaben.

Drittens: Captain Ahab ist ein sehr kluger, weitgereister, respektabler Mann, noch bevor er überhaupt auftritt – und ein glücklicher noch dazu, weil er trotz einer schweren Körperbehinderung in einem Beruf, der aus Körpereinsatz ja geradezu besteht, bei seinen Vorgesetzten derart gut angeschrieben ist. Am spannendsten fand ich im Jendis/Göske (Seite 946 f.), dass Ahabs biblischer Namensvater nach heutigem Maßstab kein rein verworfener Teufelsbraten, sondern ein ausgesprochen fähiger Staatsmann gewesen sein muss. Oder sieht man an beiden Umständen doch nur, wie sehr in den letzten paar tausend Jahren die Ansprüche an Führungskräfte gesunken sind?

Und dann: Ahab als Miltonscher Satan. Das ist eine dermaßen verlockende Parallele, dass man sich gar nicht einzulesen traut… Kommt noch, kommt noch…

Je länger man das ganze Kapitel vor sich herschiebt, desto mehr wächst mit dem Zugzwang der Respekt.

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Kapitel 15: Chowder für alle

12. November 2006

Wie gut, dass ich von Anfang an meine teure Ausgabe mit Bleistift vollgemarkert hab, wo im Moby-Dick überall Frauen auftreten: Da tu ich mich am Schluss leichter, wenn ich alle Fundstellen im Überblick auflisten will – wofür immer das gut sein wird. Es gibt viele, die an Frauen ein natürliches Interesse hegen. Einstweilen untersagt mir meine Erziehung, aus dem Zusammentreffen von dominanten Frauen und sehr viel Fisch ausgerechnet in Gesellschaft von Frauen eine allzu sinnhafte Verbindung herzustellen. (Kommt ein Blinder ins Fischgeschäft: „Na, Mädels?“)

Und zu Weihnachten schenk ich mir endlich den Freudschen Drewermann

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Kapitel 14: Nantucket

4. November 2006

Jetzt hagelt’s aber Legenden.

Out of NantucketEs scheint, der Nantucketer an sich ist eine Art Ostfriese – nach allem, was man über amerikanischen Lokalrassismus weiß, die Fortsetzung des New Jerseyaners (heißen die so…?) mit maritimen Mitteln. Wer aus Franken (wahlweise Österreich, Saarland, Neufünfland) kommt, musste sich sowas oft genug anhören. Jede ethnische Formation hat ja ihr Opfervolk, über das sie Witze erzählt; das stiftet Identität und verbindet und schützt gegen die Angst vor den komischen Leuten hinterm Berg.

Nantucket kommt unter Melvilles Fingern noch ganz gut weg: Die hämische Charakterisierung ist Zitat, Ismael stiftet nur die Bewunderung für ein verschrobenes Völkchen dazu, das seit seiner Gründung durch vom Schicksal gebeutelte und nur zufällig herbeigeruderte Indianer seine eigene Suppe kocht. Ein abseitiges Inselvolk, das sich von einem vom Adler geraubten und gefressenen Indianerkind herleitet – das kann er nachvollziehen, der Lost Boy Ismael.

Und jetzt mischt er sich unter die anderen Lost Boys. Er kennt sie noch nicht persönlich, aber hier müssen sie sein, und ihnen gehört nicht die Welt, aber zwei Drittel davon schon, und zwar die nassen.

Langsam wird mir auch klar, warum Ismael sich so bereitwillig zur Freundschaft mit Queequeg entschlossen hat (wir erinnern uns: Es war ja ein bewusster Vorsatz: “Ich will’s mit einem Heidenfreund versuchen”, Busenfreund-Kapitel 10, Seite 105, und die ganze Zeremonie der Vermählung): Da hat ein Lost Boy den anderen erkannt und zum Freund genommen, und wenn schon, dann gleich den offensichtlichsten von allen – einen, der mit seiner knallenden schallenden Besonderheit womöglich noch schwerer in der Welt zurechtkommt als Ismael: Queequeg, diese Gladiole unter Primeln. Bei jedem anderen als Ismael hätte einem so eine 180°-Wendung verdächtig vorkommen müssen, vorschnell oder wie eine vorübergehende Laune, so von der todesängstlichen Reserviertheit hin zu nicht weniger als der Freundschaft fürs Leben innerhalb einer Nacht. Aber Queequeg Löwenherz, der Königssohn, macht mit seiner selbstverständlich unangestrengten Tapferkeit tatsächlich all das richtig, worüber Ismael alleine vermutlich nur trübe philosphieren könnte. Dochdoch, es haben sich schon die zwei Richtigen gefunden.

Die Freundschaft ist ja nun, wie Freundschaften so sind, gegenseitig. Was hat eigentlich Queequeg angetrieben, sich seinerseits mit Ismael zu vermählen? Ethnologisches Interesse? Praktische Erwägungen? Hat er instinktiv geraten, dass Ismael schon kein verkehrter Mensch sein wird? Weil er da war? – “Wilde sind freilich seltsame Wesen.” Seite 104.

Und weil grade noch Platz ist, ein Opferethnienwitz zum Weitererzählen: Billigstes Urlaubsland der Welt? – Die Schweiz: Da kann man mit Franken zahlen, hahaha…

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Kapitel 13: Schubkarren im Dezember

3. November 2006

Toothpaste for DinnerWas am publikumswirksamsten Umberto Eco in der Nachschrift zum Namen der Rose “sich seinen Leser schaffen” nannte, ist Melville wahrscheinlich so absichtslos wie probat unterlaufen. Es musste einfach so viel gesagt werden, bevor das losgeht, worauf wir hedonistischen Lesefrüchtchen warten: eine ordentliche Action auf See. Die unter uns keine philosphischen Exkurse vertragen, sollten inzwischen rausgeekelt sein.

All die Aufbruchsstimmung hat was von Frühling, was mich darauf bringt: In welcher Jahreszeit handeln wir eigentlich?

Seit dem ersten Absatz in Kapitel 1 – “immer wenn in meiner Seele nasser, niesliger November herrscht” – war ich auf dem Trip: Logisch, November. Genaueres Hinterherforschen im ersten Absatz von Kapitel 2 bringt die Gewissheit: “Es war an einem Samstagabend im Dezember“. Öha.

Besonders adventlich wird’s nicht mehr werden. Selbst Vater Mapple hat über ein Thema gepredigt, das New Bedford wohl ganzjährig beschäftigt; wenn schon der 4. Advent akut wäre, sollte sogar der Exharpunier Lukas 2 aufschlagen.

Dafür imponiert mir umso mehr das Wochenende in Echtzeit, auf das man via Kirchgang den philosophsichen Überbau – oder ist es in diesem Fall ein Unterbau? – für die folgenden Verhängnisse projizieren konnte.

Dezember also, tippen wir mal auf den Montagmorgen nach dem 2. Advent, die eisbedeckten Bäume glitzern in der kalten, klaren Luft, und so wie unsere beiden Kumpels die Nüstern nach der frischen Seeluft blähen und sich schon mal von der ersten Gischt umschäumen lassen – ist das anders vorzustellen als frühlingshaft? Dann springt der Tropeninsulaner auch noch bedenkenlos und unbeschadet in die Eisbrühe, die ich auf Google Earth dauernd mit dem Golf von Labrador verwechselt hab… O ja, dieser Dezember ist der Anfang von etwas.

Wird das noch ein Schnelldurchlauf durch einen Jahreszyklus?

Leckerli zum Direktvergleichen: “Von jener Stund an klebte ich an Queequeg wie eine Entenmuschel am Schiffsrumpf” heißt im Original: “From that hour I clove to Queequeg like a barnacle”. Nichts von Schiffsrümpfen. – “Des is doch der Auster so wurscht.” (Shel Silverstein, übs. Harry Rowohlt)

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Biographisches: Queequeg lebt (Kapitel 11 & 12)

23. Oktober 2006

Sehen wir’s mal dramaturgisch. Mir fällt auf, wie viel man unbewusst voraussetzt, was bisher noch gar nicht in der Geschichte drinstand. Oder hat jemand dran gezweifelt, dass Queequeg sich Ismael anschließen wird?

Tod eines HauptdarstellersBestimmt nicht - es wird aber erst auf Seite 114 beschlossen (”Ich fragte ihn nach seinen jetzigen Plänen” pp.), und dann fällt weiter auf, von wie langer Hand das begründet ist. Da braucht es annähernd 60 Seiten Exposition eines Charakters, Aufkeimen und Erblühen einer wunderbaren Freundschaft und schließlich die Lebensgeschichte samt status quo des jungen Wilden unter den Christen. Himmel, was hat der Puppenspieler Melville mit seiner Figur bloß noch alles vorgehabt?

Ursprünglich, weiß man, wollte Melville Queequeg (und Pip, den wir später kriegen) noch während der Walfangreise einem nassen Tod überantworten (Jendis/Göske, S. 881). Das Konzept hat er erst in einer späteren Schreibphase umgeschmissen zugunsten der Lösung, am Schluss die gesamte Mannschaft auf einmal zu versenken.

Hätte mir vielleicht sogar gefallen: Es hat einen großen Impact, wenn in einer Geschichte auch mal ein Sympathieträger gewaltsam aus der Handlung fällt.

Die andern dürfen doch auchBei Großmeistern des dramaturgischen Effekts wie Stephen King sterben ja auch immer ein paar von den netten Leuten. Bei Tarantino ist nicht mal der Kameramann seines Lebens sicher. Und der stilbildende Mord unter Dusche in “Psycho” lebt zu einer Hälfte genau davon, dass Hitchcock die Hauptrolle nach einer Dreiviertelstunde doch lieber an den Schurken übergibt.

Eine schon fast postmoderne Idee, die Melville da hatte: einen Charakter aufbauen, nur damit er einem ordentlich Leid tut. Hätten wir das miterleben dürfen, wenn Moby-Dick je einen anständigen Lektor gesehen hätte?

“Vielleicht aber wären gerade das mitreißend Ungestüme, die unbändige Phantasie und Sprachgewalt des jungen Melville in einem Maß zurechtgestutzt worden, das uns heute reuen müßte”, sagt Göske im Jendis (S. 875).

Ja, eben: Vielleicht. Das heißt aber auch: Selbst ohne schon bis zum Ende weitergelesen zu haben, dürfen wir darauf vertrauen, dass der nach allen Regeln des Handwerks eingeführte Queequeg uns jetzt als einer der Hauptcharaktere erhalten bleibt.

Die Mannschaft in einem Aufwasch zu dranzugeben, hat natürlich etwas Altmodischeres, oder respektvoller: etwas Archetypischeres, weil viel Apokalytischeres. Damit hat Melville sich wohl entschieden, Moby-Dick näher an die Bibel zu rücken - oder soll man vermuten: eine Gegenbibel zu entwerfen?

Naja, ist ja auch schön…

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Kapitel 10: My Buddy is Over the Other Ufer

16. Oktober 2006

Sind sie nicht goldig? Doktor Freud mag vor lauter Jagdtrieb nach so einer blühenden latenten Homophilie Augen so groß wie seine Brille bekommen, meine Frau mit bebender Stimme herumdüstern, dass sie’s ja schon immer geahnt hat, meine letzten Kumpels vor mir zurückschrecken (”Lass bloß die Pfoten auf deiner eigenen Seite!”) - aber haben wir uns nicht alle immer so eine Männerfreundschaft gewünscht?

Natürlich nicht, darf man ja nicht sagen, ist ja schwul. Und warum war das mit zehn Jahren so erhebend, als Winnetou & Old Shatterhand ihre Blutsbrüderschaft geschlossen haben - wie endgültig kann man sich noch mit einem Menschen vereinigen?, warum verbeißt man sich eigentlich heute noch die Tränchen, wenn in Winnetou III die Stelle kommt, wo Shatterhands bessere Hälfte in die ewigen Jagdgründe eingeht (doch nicht, weil Winnetou sich mit seinem letzten Schnaufer noch schnell zum Christentum - siehe Moby-Dick, Kapitel 9 - bekennt)?

Warum ist ausgerechnet in dem Erdteil mit den echtesten härtesten Kerlen der Welt das Händchenhalten unter Mannsbildern sozial erlaubt? Ausgerechnet im verklemmten, homophoben Orient, den derselbe Karl May fast so liebevoll feiert wie den verklemmten, homophoben Wilden Westen, wo der Schnurrbart noch als Insignium von Manneskraft gilt, nicht von Homosexualität?

Warum gebärden sich gerade die Schwulen in meiner Hood als die Krone der Männlichkeit (und da rede ich nicht von kreischenden, gackernden Fummeltrinen, die seit der Vorpubertät die Ellenbogen nicht mehr geradeaus strecken können)?

Ganz einfach: weil sie in allen Lebensbereichen ohne Frauen auskommen: How männlich can you get?

Mit zehn, im verlorenen Paradies des Karl-May-Alters, war es normal, anerkannt und wünschenswert, mit seinem besten Kumpel das Bett zu teilen. Das verbindet und schweißt zusammen gegen den Erbfeind, die Mädchen. Psychologisch ist das natürlich eine sexuelle Angelegenheit, aber eben “nur” im Verständnis sinnlichen Erlebens und nicht in jener genitalen Ausprägung, mit der die wenigsten umgehen können, die sich für gereifte Erwachsene halten.

Das Gekicher, mit dem man sich zwei Jahre später in derbe Schwanz- und Muschiwitze rettete und über dem man nichts mehr davon wissen wollte, dass man je mit anderen Jungs unter einer Bettdecke lag, nennen wir pubertär - und aus war’s mit der Unschuld. Dieses Paradies ist nicht wiederzugewinnen; man kann den Apfel der Erkenntnis Doktor Freud nicht vor die Stiefel speien.

Was man über genuin schwule Lebensbelange weiß, bezieht man ja größtenteils aus den Comics von Ralf König, die bei allem Klamauk ordentlich recherchiert und höchst glaubwürdig gestrickt sind; sie stammen aus erster Hand und denunzieren deshalb niemanden. Nach dem antiken Griechenland, Troja, dem Shakespearischen England und immer wieder der deutschen Gegenwart erwarte ich alsbald eine Bearbeitung des Moby-Dick-Stoffes.

War Herman Melville schwul? Bei vier Kindern aus einer (letztendlich doch) ungeschiedenen Ehe jedenfalls ungeoutet und unausgelebt. Offenbar kann er aber den Wunsch nachvollziehen, sich mit seinesgleichen zusammenzutun - was übrigens auch in seinem sonstigen Werk immer wieder aufblitzt.

Niemand glaubt, dass praktizierende Schwule frei von Beziehungsproblemen wären; niemand wünscht sich mit einer dermaßen ungeheuerlichen sexuellen Orientierung behaftet, dass er sie über kurz oder lang outen muss. Es liegt dennoch nahe, dass Mannsbilder untereinander besser verstehen, wie sie ticken, und ihr Problem deshalb leichter ausräumen können. Was man bei Ralf König lernt: Schwule Lebensweise ist auch kein Ponyhof, aber wenigstens kann man einschätzen, mit wem man es zu tun hat. Worauf man an manchen Tagen geradezu neidisch werden könnte.

Ismael & Queequeg leben anscheinend noch in ihrem Jungensparadies. Die können Freundschaft schließen, im Bett die Nacht durchquasseln, es unschuldig finden - und am Ende nicht als sodomitische Schwuletten dastehen, sondern weiterhin als Walfänger. How männlich can you get.

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Die Predigt: Wolf hat das 9. Kapitel gelesen

10. Oktober 2006

Father Mapple, Ann Nathan Gallery ChicagoEndlich geht’s mal ausführlich um ein sehr großes Wasser. An dieser Stelle ging es beim Originallesen los, dass man öfter das Wörterbuch als das Buch braucht. Bulwarks: Schanzkleid. Hach, all diese berückend schönen Wörter, die man normalerweise nicht mal auf Deutsch kennt.

Außer dem handfesten Anlass, dass ein Wal vorkommt, wird es noch einen anderen Grund haben, dass Vater Mapple übers Buch Jona predigt. Von Sünde und Schuld geht seine Rede, und zwar in reichlich beklemmender Lebensnähe. Man könnte glatt auf den Gedanken verfallen, das Thema lässt Vater Mapple persönlich nicht ganz kalt: Von welcher Schuld wird dieser Mann gebeutelt?

Das muss nicht mal von einem früheren Verbrechen herkommen. Ich war mal katholisch, wurde jedenfalls so erzogen, und weiß: Mit Schuld belädt man sich fatal schnell. Das ist geradezu das Hauptanliegen einer katholischen Erziehung: den Menschen klein und im Bewusstsein seiner immerwährenden Schuld zu halten. Es gab Zeiten, da hätt ich mich auch am liebsten sofort nach Tharsis oder sonstwo gemacht - wegen nichts - und nur mit einem T-Shirt mit der Aufschrift: “Ich bin schuld”. O ja, das gibt’s; ich versteh Jona.

Bei Vater Mapple hat das offenbar auch funktioniert, bei Melville erst recht, und jetzt geben sie es beide mit donnernder Eloquenz weiter. Der erstere einer Kirche voller Gemeinde, der letztere der literarisch empfänglichen Welt, noch 115 Jahre nach seinem Tod and still counting. Mich jedenfalls schaudert noch bei der plastischen Schilderung, wie sich Jona in seine Kajüte verdrückt, um sich seinen Panikattacken zu widmen.

Außer zum ganzen Moby-Dick ist Eugen Drewermann ja auch zu Jona ein ganzes Buch eingefallen. Welche Übervater- und Mutterschoßparallelen werden einen da wieder anspringen? Was Vater Mapple draus macht: “Weh dem, der zu gefallen trachtet statt zu erschrecken!” (”to appal”, nicht “to be shocked” oder dergleichen - also die Tätigkeit, nicht der Affekt), “Weh dem, der seinen guten Namen höher hält als das Gute! Weh dem, der in dieser Welt nicht nach Ehrlosigkeit strebt!”

Laut Vater Mapples dringenden Empfehlungen auf Seite 101 soll ich also meinen guten Namen in den Dreck ziehen, Leute erschrecken und dabei das Gute hochhalten, auf dass ich wahrhaftig bleibe? - Na Wahnsinn. Pommes dazu?

Von den seelischen Schäden mal abgesehen, die von derlei kirchlichen Lehren wenn nicht als Ursache, so doch mit aktiver Unterstützung ausgehen, hätte mir so ein Gottesdienst in meiner kirchlich begleiteten Zeit schon gut gefallen: Was Vater Mapple da zelebriert, besteht rein aus Predigt.

Predigt war immer mein Lieblingsteil in der Kirche. Z.E.N.: Zuschauen, Entspannen, Nachdenken; so lange kann man sich weder durch falsche Responsorien noch allzu obszönes Hostienkauen blamieren. Wie weit man seinen Lehren folgen will, kann man beim nachkirchlichen Frühschoppen immer noch entscheiden.

Bei Mapple findet keine Orgel, keine Eucharistie statt, die Audience Participation beschränkt sich auf Mitsingen eines Chorals am Anfang, und selbst da scheint es, als ob die Gemeinde nicht so richtig dazu verpflichtet gewesen wäre. Der Pfarrer macht alles, der hat das gelernt und wird dafür bezahlt. Ein reiner Wortgottesdienst.

Welche Kirche feiert so? Die Reformed Dutch, nach der Melville erzogen wurde? Oder die Episkopalen von Pittsfield, denen er mit seiner Frau angehörte? Die Presbyterianer, zu denen Ismael sich bekennt? Die Unitarier aus Melvilles väterlicher Seite? Und wer von denen verbreitet diese autoaggressiven Ansichten? - Die Lehren und die Liturgien werden irgendwo einsehbar ausliegen. Wenn man schon Kirche haben muss, dann bitte mit so einem einnehmenden Prediger.

Bramstengenfreude (Melville/Mapple/Jendis) für alle!

Nach der Predigt

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Kirche & Kanzel: Wolf hat das 7. & 8. Kapitel gelesen

5. Oktober 2006

Wie war das? Calvinistische Reformed Dutch Church in America?

Was immer diese protestantischen Splittergruppen im einzelnen von ihrem Mainstream unterscheidet - ich hab noch nie bei einer verstanden, was sie überhaupt vom Katholizismus abheben soll. Es geht doch allen darum, jenem Jesus von Nazareth zu folgen, der seit 2000 Jahren and still counting Diskussionsstoff hergibt. Das ist ja dann auch okay so.

Ismael, unbeteiligter Beobachter, der er die ganze Zeit zu sein versucht, will doch gleichzeitig ein guter Mensch sein (und vermutlich gleich seinem Schöpfer ein guter Angehöriger der Calvinistischen Reformed Dutch Church in America) und gibt mit großer Selbstverständlichkeit den guten Christen. Überhaupt glaub ich, dass der gesamte Moby genau davon handelt: wie in der Welt ein gottesfürchtiges Leben zu führen sei.

Etwas ratlos macht mich die schon fast bildliche Wiedergabe der Marmortafeln in der Kirche. Wer ein Tausend-Seiten-Opus vorhat, ist ja nicht auf künstliche Seitenschinderei angewiesen. Die Gedenktexte müssen also von einer ziemlichen Wichtigkeit sein, die ich mir nicht erklären kann. “Kaltfröstelnde Inschriften”… Dafür hätte Fließtext gereicht, aber es musste ja 1:1 das Layout sein, im Trauerrand… (Den Rand bringt meine Originalausgabe übrigens nicht, dafür mehr Gedöns mit Schriftarten. Und auch keine genaueren Anmerkungen. - Ob wir mal eine Exkursion nach New Bedford machen und nachschauen, ob die Tafeln - “I do not pretend to quote” - wirklich da sind?)

Man wird sich wohl damit zufriedengeben müssen, dass die Inschriften den Kirchgängern so unmittelbar aufs Gemüt drücken, weil sie von ihrem Schmerz künden. Was man über Melville zusammenforscht, war er ja selber bis hin zur Depression von religiösen Zweifeln zerrissen. So einer kann gut nachvollziehen, wenn anderen irgendwas weh tut.

James UssherHat jemand die Zeitrechnungen nach der Septuaginta vs. Annales Veteris et Novi Testamenti von Bischof James Ussher mitgerechnet - oder aus der Anmerkung Seite 939 f. auch nur verstanden, wer genau wessen Datierungen korrigiert hat? Eine davon kann ja den Jahreszahlen nach nicht besonders lange “traditionell” geblieben sein. Erklär mir mal einer die Anmerkung…

Bevor ich wieder mehr Fragen als Antworten aufbringe, übergeb ich mal an den Herrn Pfarrer von Schrot und Korn. Endlich mal ein Kerl, dem man trauen kann. Vielleicht das, was aus Ahab hätte werden können, wenn er nicht diese lästige Psychose mit sich rumschleppte. Ein solcher möcht ich werden, wie Vater Mapple gewesen ist, sollte ich je groß werden.

Einer, der zu seiner Herkunft steht, indem er sich mit ihren Insignien umgibt (wie die Kanzel-an-sich mit den paar bezwingend knappen Sätzen als führender Teil geradewegs der ganzen Welt hingestellt wird, das find ich ja schon brillant), dazu einer, der durch seine persönliche Autorität wirkt, nicht nur, weil er zufällig der Pfarrer ist, einer, der zu sagen weiß, wie’s geht. Der mit mehr Antworten als Fragen.

Kenophen

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Frühstück & Straße: Wolf hat das 5. & 6. Kapitel gelesen

29. September 2006

So sind sie, die Menschenfresser: Wenn sie schon ihre Frühstücksgenossen unangeknabbert lassen, muss es wenigstens was Blutiges geben, das möglichst noch zappelt.

Früshstück in der FremdeIm übrigen muss er ja einen schönen Eindruck von den so überaus Zivilisierten kriegen, zu welchen zu gehören er so guten Willens ist, und die ihm so ein eloquentes Beispiel abgeben. Beim Frühstück Maulaffen feilhalten, das muss man nicht lernen, das kann man von selber.

Was offenbar gerade ein Hobby von mir wird: Spuren von Frauen bei Melville nachzuweisen. So fruchtlos ist das auf einmal gar nicht. Auch auf der Straße der Walfanghafenstadt findet sie der Ismael an allen Ecken und Enden - “und die Frauen von Bedford, sie blühen wie ihre eigenen roten Rosen. Rosen aber blühen nur im Sommer, wohingegen das liebliche Rosarot ihrer Wangen das ganze Jahr über währt, so wie der Sonnenschein im siebenten Himmel. Anderswo Blüten zu finden, die diesen gleichen, wird euch nicht gelingen, außer in Salem, wo der Atem der jungen Mädchen, wie man mir sagt, derart nach Moschus duftet, dass ihre Matrosenliebsten sie Meilen vor der Küste erschnuppern” - es ist doch einfach herzig, wie der Mann noch eine Nase voll vom Duft der Mädchen mitnimmt (nach Moschus! Ismael, Sie erlesenes Ferkel!), bevor er sich aufs Meer begibt, das bestenfalls von allerhand kratzigen Mannsbildern befahren wird, die vor lauter Alarmbereitschaft nie zum Waschen kommen.

Und die Stelle merk ich mir als Gegenmittel, falls mir demnächst einer mit latenter Homosexualität auf der Pequod kommt - womit ich fest rechne.

Das unausweichliche Stück Bildungshuberei, das ich mir gar nicht erst zu verkneifen versuche: Der Mr. Mungo Park von Seite 75 kommt nicht nur ausführlich im erwähnten Anmerkungsteil vor, sondern vor allem als Hauptfigur von “Wassermusik“, was der erste Roman von T.C. Boyle und unser nächstes Sammelleseprojekt wert ist - weil der Gute und der Böse mit jedem Kapitel mehr die Plätze tauschen.

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Die Steppdecke: Wolf hat das 4. Kapitel gelesen oder Mutter, lass mich dein Söhnchen sein

24. September 2006

Doktor Freud, übernehmen Sie!

Da glaubt man seit Kindheitstagen, im Moby-Dick kämen bis auf eine flüchtig vorbeihuschende Hafenkneipenwirtin keine Frauen vor – und dann liefert uns Ismael ein detailliertes frühkindliches Erlebnis mit seiner Mutter, das man in seiner entwaffnenden Beiläufigkeit, so in den Gang der Handlung hineingegossen, gar nicht überschätzen kann. Wie selektiv musste man lesen, um das selbst noch beim zweiten Durchgang auf Englisch zu übersehen?

Natürlich ist es die katexochene böse Stiefmutter, und der Kollege Freud wird mir zustimmen, wenn ich annehme, dass Ismael, wie immer er richtig heißen mag, wegen dieser ach so herzensguten Frau seine Identität des Verstoßenen angenommen hat.

Gut spricht er von ihr – mir kommen ja die Tränen, wie er seine Kindheitswunden mit allem nötigen Sarkasmus beiseitewitzelt: „Sie war die beste und gewissenhafteste Stiefmutter von allen, und ich musste zurück auf mein Zimmer“ – hör da nur ich die passive Aggressivität eines Kishon raus?

Aus solchen Erlebnissen haben andere komplette Bücher gestrickt, weil sie anders nicht damit fertig wurden, da muss man nicht mal gleich Kafka bemühen. Es hat viel Hypnotisches, in welchen Zustand der junge Ismael gerät, wahrscheinlich ein ungebändigter Wildfang, der seine Tage mit Bäumeklettern und Maikäferfangen verbracht haben wird, wenn er bei helllichtem Tag ins Bett – nun ja: gefesselt wird. Glatt zu delirieren fängt er an.

Was für manchen perspektivlosen Depressivling die einzige Möglichkeit ist, den Tag zu überstehen – dämmernd im Bette zu liegen –, war für Klein-Ismael die schlimmste aller Strafen. So zieht man sich perspektivlose Depressivlinge. Ein Wunder, dass er später im Leben noch den Antrieb für so einschneidende Unternehmungen wie Walfang aufbringt.