Archiv für die Kategorie ‘Ausguck’

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Heute vor…

4. Juli 2008

Update zu Brush Your Teeth for America! und Geopfert:

  • 954 Jahren: Chinesen, Araber und Indianer sichten in der Nähe des Sternbildes Stier eine Supernova, die monatelang hell genug strahlt, um bei Tage wahrgenommen zu werden. Ihre Überreste bilden heute den Krebsnebel;
  • 232 Jahren: Der zweite Kontinentalkongress verabschiedet die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten;
  • 82 Jahren: Der erste NSDAP-Parteitag in Weimar gründet die Hitler-Jugend.

Skimming lightly, wheeling still,
     The swallows fly low
Over the field in clouded days,
     The forest-field of Shiloh–
Over the field where April rain
Solaced the parched ones stretched in pain
Through the pause of night
That followed the Sunday fight
     Around the church of Shiloh–
The church so lone, the log-built one,
That echoed to many a parting groan
     And natural prayer
Of dying foemen mingled there–
Foemen at morn, but friends at eve–
     Fame or country least their care:
(What like a bullet can undeceive!)
     But now they lie low,
While over them the swallows skim,
     And all is hushed at Shiloh.

Herman Melville: Shiloh. A Requiem (April 1862),
in: Battle-Pieces and Aspects of the War, 1866.

The Declaration of Independence, 1816

Bild: John Trumbull: The Declaration of Independence, 1816.


Film: Susan Hayward as Jane Froman in With a Song in My Heart, 1952.

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Kein Wunsch, 125 zu werden: And Anxiety’s Plenty For Me

3. Juli 2008

Update zu Wenn Kafka “Moby-Dick” geschrieben hätte:

Franz Kafka 1888, 5-jährigWenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.

Franz Kafka: Wunsch, Indianer zu werden in: Betrachtung, 1913.

Tagsüber als Sachbearbeiter bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen, die Nacht durch atemlos Tagebücher aus der wundgelebten Seele schreiben, eins nach dem anderen, eins surrealer und luzider als das andere, und sich entsetzt wehren, dass die paar fertig gewordenen und unfertig gebliebenen Sachen veröffentlicht werden, die man ihm gegen seinen letzten Willen aus dem Kaminfegefeuer ringen musste, statt der Skizzen zur Unfallverhütung, die der Menschheit und seinem inneren Vater doch viel besser gedient hätten — geht das gut?

Julie WohryzekFür uns ja, für ihn nicht. Man weiß viel über Franz Kafka, mehr als über die meisten Schreiber, selbst die noch am Leben sind. Nicht aus den Tagebüchern, die ein Leben ausbreiten, das in ihm getobt hat, mehr aus den Briefen. Vor allem an Felice Bauer und Milena Jesenská, seine Verlobten, an die er wahrscheinlich nicht mal richtig dran durfte. Kafkas Leben ist geradezu tageweise rekonstruierbar, Tag für Tag, besser als bei Goethe, auch ohne Eckermann. Was die Wahrheit ist, wie er sich darin gefühlt hat, wusste er selber wohl am schlechtesten.

Er hat gebrannt vor ewiger Schuld — an nichts, der brave Mann –, vor Angst, nicht zu genügen. Die ihn kannten, beschreiben ihn als Mädchentyp, gesellig, unbescholten, unterhaltsam, eloquent, ein Mann zum Heiraten, ein Kumpel zum Pferdestehlen. Und dann wurde es jeden Tag Nacht, in der er um sein Leben schrieb.

Habe ich an einem Abend Gutes geschrieben, brenne ich am nächsten Tag im Bureau und kann nichts fertig bringen.

Dieses Hinundher wird immer ärger. Im Bureau genüge ich äußerlich meinen Pflichten, meinen inneren Pflichten aber nicht, und jede nicht-erfüllte innere Pflicht wird zu einem Unglück, das sich aus mir nicht mehr rührt.

Tagebücher, 1911

Die Geschichten von diesem Nachtgespenst gleißen. Sie blenden wie ein Blick in die Sonne. Sein Process ist eine Luftnummer, sein Amerika ein hanebüchener Hirnfurz, seine runtergeratterten One-Night-Stands wie der Brief an den Vater, In der Strafkolonie und Die Verwandlung eine Abfolge von Fußtritten in die Magengrube:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Gerard Bertrand, Kafka MétamorphoseSo geht das weiter — kompakte Information, es geht nie ums Wie, immer ums Was. Das hat es 2007 immerhin zum zweitschönsten Satz der deutschen Literatur gebracht. Typisch, hätte er gesagt, second winner is first loser.

Man kennt ihn noch, er ist präsent, mehr als zu seinen Lebzeiten, als er allenfalls in der Kneipe auffiel. In der Schule nimmt man ihn gern durch, weil man bei dem nicht viel lesen muss. Von dem ständigen, heißen, vibrierenden Weltschmerz des ewigen Vaterjüngelchens mit den rührenden Segelohren fühlen sich die Emos und perspektivlosen Ritzer in der Neunten sowieso zutiefst verstanden. Alles unfertig, alles schön kurz und vollgepackt, wer tut sich denn die zu Tode durchgestylten Thomas-Mann-Backsteine an. Und schön billig, die dünnen Heftchen, vor allem seit 1994, als nach 70 Jahren sein Copyright frei wurde und jeder Gemüsestand den tollen populären Klassiker fleddern, beklauen und missbrauchen durfte, wie es der Public Domain nicht belieben kann, die Sämtlichen Erzählungen gibt’s heute für den Gegenwert von keiner Halben Bier. Und Kafka hätte sie dafür hergegeben.

Am Ende soll er sogar ein bisschen Glück gefunden haben, weg von dem Versicherungsbau wie aus seinem Schloss, auf dem Land, mit seiner Lieblingsschwester Ottla ehrlich Kartoffeln buddeln, bis ihn in einem Krankenzimmer, das besichtigt werden kann, wohin sich aber die Anreise touristisch etwas ungünstig gestaltet, die Tuberkulose holte.

Man kommt sich ganz zynisch und schofel vor, so einem Glück zu wünschen. Trotzdem danke, Franz, dass du das seit 125 Jahren durchstehst.

George Gershwin and Franz Kafka Try to Write a Musical

Bilder: Der fünfjährige Franz Kafka: gemeinfrei;
Julie Wohryzek: franzkafka.de;
Kafka et la Métamorphose: Gerard Bertrand;
Paris, 1922: George Gershwin and Franz Kafka Try to Write a Musical:
Franz Kafka Cartoons.

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Chumdenschl

17. Juni 2008

Update zu Das Land der Deutschen mit der Seele suchen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
bin i Chumdenschl af gebracht.

Thomas Gsella via Brainblog, 2004

Das ganze Zeug, was mich messbar ausmachen muss, wenn einer, der mich nicht kennt, mal nachgucken geht, ist ja lauter so gelahrtes, zutiefst deutsches, dünne, dicke, immer aber harte Bretter bohrendes. Mittelalterverein, deutsche Romantik, gedämpfter Donaldismus, der melvilleanisch herangediehene Sums um deutsch-amerikanische Freundschaft. Etwa aufkommender Spaß am Leben kann ja gar nicht oft genug sarkastisch gebrochen sein.

Erkennt da jemand einen Faden drin, einen roten? Aus meiner Sicht von innen nach außen betrachtet finde ich, dass es lauter verschiedene Sportarten sind, die im gleichen Stadion spielen (sehr treffend, Kollege Tarantino): Ein Deutschromantiker hätt ich werden sollen, das ist ja alles sowas von 1850 — die nie wirklich zu Ende gegangene deutsche Romantik, die sich explizit aufs Mittelalter bezieht, und das nicht, weil’s da so toll war ohne Fensterscheiben, Damenbinden und Xing, sondern um so weit zurückzuschauen, wie man mit denen, mit denen man zusammenwohnt, gemeinsame Wurzeln hat.

“Wurzeln gießen” hab ich das immer gern genannt, und selbst der Ausdruck ist von Heinz Rudolf Kunze geklaut, und wie deutsch geht’s denn noch.

Ich versteh das gut, wie einer sich um den Schlaf bringen kann, indem er seinem Land nachsinniert. Wir haben hier so ein tolles Land rumstehn — mit dem weiß Gott manches im Argen liegt, aber das macht es einem ja nicht weniger wert. An den paar Sachen, die man liebhat, mag man die Fehler gleich mit, und Deutschland die bleiche Mutter hat einen nun mal hervorgebracht, wofür niemand was kann (”Nicht mal die Römer!“). Wer in Aserbeidschan, Äthiopien oder der Antarktis geboren ist, wohnt sicher gerne dort; ich glaub nicht, dass die Leute aus Jux irgendwohin auswandern. Trotzdem hätte man es schlimmer treffen können denn als Deutscher.

Und dann erhellt, dass auch die Amis, die schon fast sprichwörtlich “stolz” auf ihr Land sein können, die in der Schule des Morgens nicht etwa beten, sondern die Hymne singen und Teile der Verfassung aufsagen und Nationalfeiertag begehn wie unsereins Kirchweih, sich auch nicht ganz im reinen sind. Die wissen ebenfalls, das sie ein tolles Land haben — und dass sie den Hanswurst des Jahrhunderts zum Anführer haben, das wissen sie auch.

USA Erklärt, German Joys, Nothing for Ungood, raskal trippin und ein wachsendes Literaturgenre beschäftigen sich mit nichts anderem. Was die anderen da drüben besser machen: Sie wissen um das tolle Land und den Hanswurst, und dazu noch, dass die sich nicht ausschließen: Bush ist kein mathematisch hinreichender Grund, Amerika nicht zu mögen. Und bei uns haben sie vor gar nicht so vielen Jahrzehnten etliche der besten Teutschen vergrault, sträflich viele, genug jedenfalls, dass die ganze Kultur sich immer noch nicht so recht davon erholt hat.

Brecht zum Beispiel. Was der durch die Welt exiliert ist! Prag, Wien, Zürich, Schweden, Finnland, Amerika. Beim Heimkommen ist er freiwillig ins etwas andere Deutschland, das ein netter Versuch hätte werden können, wenn der Mensch ein so guter wäre, wie er für den Kommunismus vorausgesetzt werden muss — geschrieben hat er den Idealfall einer Nationalhymne.

Die geht mir auch schon eine Ewigkeit nach. Wurde nie so richtig ernst genommen und als offizielle Hymne in Erwägung gezogen. Wahrscheinlich weil sie Kinderhymne heißt.

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Und da hat er doch Recht.

Ich hab meine Heimat — deren Sprache jedenfalls — geradewegs studiert. Meine Wurzeln gegossen mit Schweiß und Tränen, Blut muss es hoffentlich nicht auch noch sein. Und es wird nie aufhören, mich umzutreiben, dass die Leute tendenziell aber wahrnehmbar verblöden, so weit, dass ihnen ihre Heimat eines wohligen Mangels an Geistesregungen wurscht ist.

Die demokratische Errungenschaft der Meinungsfreiheit ist in kosmischen Maßstäben eine sehr junge, auch schon in historischen: Die Französische Revolution war doch praktisch vorgestern. Grade mal 200 Jahre ist das her, dass ich will gar nicht wissen wie viele Leute genau geköpft wurden, dafür dass man heute sagen darf, was ist. Das ist nicht selbstverständlich, weder immer noch überall, sondern ein verficktes Privileg.

Und was machen die Leute damit? Tun so, als wär’s noch nie anders zugegangen, ginge heute noch im größeren Teil der Welt nicht anders zu, und missbrauchen es. Man benutzt Meinungsfreiheit dazu, in Blogs hineinzukommentieren:

lol, ggggg

Dafür haben Bastillen gebrannt. Dafür sind Leute gestorben. Viele. Qualvoll. Freiwillig. Heldenmütig. Selbstlos.

Der 17. Juni war noch zu meinen Lebzeiten mal ein Feiertag, und ich musste mein zeitgeschichtliches Wissen ganz schön zusammenkramen, was da gefeiert wurde. “Ich glaube sogar die Augen begunnen zu tropfen.

Film: Neue Deutsche Wochenschau (West) über den Volksaufstand in der “DDR”, 17. Juni 1953, später “Tag der deutschen Einheit” mit kleinem d.
Heute vor 55 Jahren.

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Hurre hurre, hop hop hop

26. Mai 2008

Update zu Schneller weiter klüger:

Sub conservatione formae specificae salva anima.

Raymond Lully, as used in Eleonora

Donna Ricci the Gothic Supermodel VintageLenor ist ein traditionsreicher Weichspüler, der Hausfrauen ein gutes Gewissen macht und damit abgehandelt sein soll, Lenore eine Ballade von Gottfried August Bürger.

Der Stoff stammt aus einer Volkssage über das Schicksal der Gräfin Eleonore von Schwarzenberg, die nach ihrem Ableben 1741 als Vampirprinzessin gespukt haben soll — also erst nach der Überlieferung durch das balladeske Gedicht An Leonoren von Johann Christian Günther 1720 –, erschienen 1774 im Göttinger Musenalmanach, überarbeitete Endversion 1789, Epoche Sturm und Drang, Grenzfall zwischen Sozial- und Naturballade, Anfang der deutschen Geisterballade, geradezu Inbegriff der Ballade überhaupt — so viel für die Stoffsammler für Gedichtinterpretationen unter uns.

Wer jemals selbst ein Gedicht wirkungsvoll gestalten wollte, merkt: Lenore rockt. Und zwar wegen der achtzeiligen Strophen in schmissigen Vagantenversen, davon die ersten vier in erzählenden Kreuzreimen, die folgenden vier in refrainartigen Paarreimen, das ergibt auch gesprochen einen Effekt wie “don’t bore us, get to the chorus”.

Obwohl Ballade von ballare kommt, was in mehreren romanischen Sprachen tanzen bedeutet, hatte Lenore weder als früher Balladenversuch von Günther noch als nachträgliche volksliedartige Vertonung viel Glück:

Der geneigte Leser wage es, auf Grund dieser Notation und die Bürgersche Dichtung in der Hand, diese musikalischen Spießruten zu laufen. Kommt er mit gesunden Sinnen davon, so mache er seinen Namen bekannt und die Nachwelt wird einen Heiligen mehr zu verehren haben.

sagt Franz Magnus Böhme 1895 in Volkstümliche Lieder der Deutschen. Vertonungen erlitt Lenore viele, berühmt geworden ist sie als Sprechtext in Rezitation und Druck, interpretiert wird sie als antiquierter Schulstoff, überleben wird sie als Kuriosität von großer, leider unfreiwilliger Komik: “Das Lied war zu vergleichen/Dem Unkenruf in Teichen.” (Bürger)

Und die Handlung erst! Achtung, Spoiler: “Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen”, trauert trochäisch-pathetisch ihrem Verlobten Wilhelm nach, der nicht mit den anderen Kriegsheimkehrern aus der Prager Schlacht zu ihr kommt, hadert darob mit dem Schicksal und Gott höchstselbst, in der Folge davon wiederum mit ihrer gottesfürchtigen Mutter, wird dann doch noch spätnachts von Wilhelm zu Pferde abgeholt, zu einer versprochenen Hochzeitsnacht entführt, schmiegt sich in Wiedersehens- sowie Vorfreude an ihren Verlorengeglaubten:

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum’ und Hecken!
Wie flogen links, und rechts, und links
Die Dörfer, Städt’ und Flecken! –
„Graut Liebchen auch? .. Der Mond scheint hell!
Hurrah! die Todten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Todten?“ –
„Ach! Laß sie ruhn, die Todten.“ –

Und als ob man’s nicht geahnt hätte, ist Wilhelm der Tod in Person und hat Lenoren ob ihrer Gotteslästerei geholt.

Wir treffen Lenore, gern auch als Leonore, wieder in Amerika, dem Japan des 19. Jahrhunderts, und hier bei Edgar Allan Poe, der die moderne Literatur aus dem Boden gestampft hat, aber deswegen nicht zwangsläufig auch noch die Erde fruchtbar machen musste. 1842 erschien seine Short Story Eleonora, ebenfalls die Geschichte von einer untoten Wiedergängerin aus Liebe.

Henry Sandham, Lenore, 1886Der Unterschied ist: Eleonora selbst, nicht ihr Geliebter, ist jetzt das Gespenst — was bei Poe oft vorkommt: sehr schöne, sehr junge, leider früh verstorbene Mädchen. Siehe Annabel Lee, Berenice, The Fall of the House of Usher, Ligeia, Morella, The Oval Portrait, Ulalume, selbst die Backstory in The Raven, alle von Poe — reicht das?

Tun Sie sich ruhig mal die überraschend aufschlussreiche Fachliteratur zu Totenromantik und Gothic-Ästhetik von Elisabeth Bronfen an: Die schöne Leiche: Weiblicher Tod als motivische Konstante von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Moderne, 1987; Over Her Dead Body. Death, Femininity and the Aesthetic, 1992, deutsch: Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik, Dissertation LMU München 1993, 1997, Neuauflage 2004.

Nein, es reicht nicht: Ein Jahr nach der Kurzgeschichte schoss Poe das Gedicht Lenore nach. Eddie the Divine! Der Meister gibt sich nicht mal Mühe, seine Quellen zu verschleiern, und recycelt Dramatis personae!

Der Inhalt: Totenwache bei einem sehr schönen, sehr jungen, leider früh verstorbenen Mädchen — gipfelnd in der Empfehlung, nicht über die Toten zu trauern, sondern sich für sie zu freuen, dass sie schon mal vorausgegangen sind und im Paradies aufs Weiterlieben warten. Und das ist untypisch für Poe: Normalerweise enden seine Totengeschichten in Verzweiflung, falls sie dort nicht schon angefangen haben. Schon typischer für Poe: bei Deutschen abzuschreiben; welche Schauermärchen allein von E.T.A. Hoffmann wir bei Poe wiederfinden, kriegen wir später mal.

1845: Ein großes Jahr für die Poesie, denn Poe veröffentlicht The Raven, nach begründeten Meinungen das beste Gedicht überhaupt. Gang der Handlung: Ein Stubengelehrter brütet über seinen Büchern und lässt einen prophetischen Raben in sein Studierzimmer, um seine verstorbene Liebe zu vergessen: the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore (!)/Nameless here for evermore.

Tim Burton, Sleepy Hollow. Heads Will Roll, 1999 Movie PosterTreten wir noch ein paar Jahre zurück, zu einem, der ebenfalls die Short Story erfunden haben könnte, ein paar Jahre vor Poe, aber in seiner neuenglischen Nachbarschaft: Washington Irving. Das 19., das Jahrhundert der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, ohne die wir heute bei Ochsentalglicht mit dem Gänsekiel Sonette illuminieren statt bei den Segnungen der Pizzadienste zu bloggen könnten, war andererseits ein dunkel schimmernder Hintergrund für Schauergeschichten, Gothic Novels, Ruinenromantik, mittelalterlich inspirierte Todesbilder und sonstigen Spuk- und Gruselkram.

Washington Irving kennt und schätzt man heute vor allem für seine Legend of Sleepy Hollow, das war 1820. Darin kommt ausnahmsweise keine Lenore vor, aber genügend Motive aus Bürgers Ballade, vor allem die Liebe über den Tod hinaus und der untote Wiedergänger.

Und Irvings Kopfloser Reiter von Sleepy Hollow stammt aus dem rheinischen Sagenschatz über die Volksmährchen der Deutschen von Musäus, 1782–1786. Phantasievolle Gesellen, die todessehnsüchtigen Romantiker und Viktorianer.

Wenn man diese ganze Abschreiberei vor Einführung des Urheberschutzes nicht als ein Unwesen von entfesselten Plagiatoren betrachtet, sondern als Entstehung eines neuen Bestands an künstlerischen Motiven, wenn nicht einer ganzen Mythologie, sollte man ihnen dankbar sein, dass sie jeder für sich die Themen durchgesponnen haben. Liest man in die erst kürzlich wieder erreichbar gewordenen Radiofeatures von Arno Schmidt glauben hinein — und wer wollte dem misstrauen –, hat Adalbert Stifter bis in den Wortlaut hinein bei James Fenimore Cooper abgeschrieben, und schon sind die Nationalliteraturen wieder quitt. Kinowirksam ist diese Gedankenwelt allemal; allein von Irvings schmaler Geschichte sind sieben Verfilmungen gelistet — erklärtermaßen unvollständig.

Oder will jemand behaupten, Tim Burton hätte seinen heimelig blutspritzenden Film Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen 1999 von Washington Irving gestohlen? Na also — eine legitime Adaption eines mythisch frisch verankerten Stoffes, in der die Quelle als klassisch geehrt wird.

Lenore the Cute Little Dead Girl, Cooties Collecting Issues 9-12 CoverEs geht noch weiter: Aus Bürgers Lenore, Poes Eleonora samt Lenore und Irvings Legende von Sleepy Hollow hat sich Roman Dirge bedient und den Comic Lenore, the Cute Little Dead Girl draus gemacht. Ganz frisch, seit 2007, er entsteht noch, bislang gibt es 26 Flash-Filme. Auch wenn sie sich auf etwas pubertäre Weise morbid gebärden, sind sie richtig gut gemacht, Abendfüllendes ist für 2009 angekündigt. Bürger hätte gestaunt. Freudig.

Der wäre doch der erste gewesen, der seine Ballade verflasht hätte. Überliefert ist, dass er bei seinem Vortrag der Lenore an der Stelle

Und außen, horch! ging’s trap trap trap

gern mit den Knöcheln seines Fingers unauffällig auf das Holz seines Rednerpults klopfte, woraufhin die Damen im Publikum vor Entsetzen über den schaurigen Effekt in Ohnmacht sanken. So ein Publikum wünscht man sich, gerade in Zeiten, wo Poetry Slams längst belächelt werden. Die Mädels faden heute ja nicht mal mehr auf Rockkonzerten out, und wofern doch, sind sie nicht mehr stolz auf ihr Sentiment.

Die Reihe geht also: Gräfin Eleonore von Schwarzenberg — Johann Christian GüntherGottfried August BürgerMusäusWashington IrvingPoe — nochmal Poe — abermals PoeTim BurtonRoman Dirge. Weniger da hinein gehört Beethovens einzige Oper Fidelio, die in den ersten zwei Fassungen mit drei Ouvertüren ab 1805 noch Leonore hieß, aber eine recht diesseitige Handlung fern aller Phantastik verfolgt. Auch die kanadische Musikerin Lenore lebt noch, Mazeltov.

Ist The Raven eigentlich außer in der berüchtigten 1976er Schnarchnummer von Alan Parsons Project je anständig vertont?

Bilder: Donna Ricci the Gothic Supermodel auf Myspace;
Henry Sandham: Lenore, 1886;
Paramount Pictures, 1999;
Cover Browser.

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World of toil and trouble

1. Mai 2008

Update zum Tag der Arbeit zu While some folks row way up to heaven I’m gonna sing the pirate’s gospel:

Uncle Tupelo, No Depression, 1990. Cover1936 arbeitete die Carter Family die Weltwirtschaftskrise in einem Lied namens No Depression in Heaven auf. 2:53 Minuten, die einfach nur nach Hoffnung klingen. Dafür muss Musik gut sein: als Lichtlein in Wenn du meinst es geht nicht mehr. Das knallt in die allfällige Depression, die im Wirtschaftsleben und mit dem feinen Doppelsinn des Wortes deutlich genug innerhalb zahlreicher Einzelpersonen stattfindet. Man möchte ihnen heute noch die Hand dafür schütteln.

1990 nahmen sich Uncle Tupelo aus der Erkenntnis, dass in Amerika erneut Verhältnisse wie 1936 herrschten, des Liedes an. Und Donnerwetter, No Depression (ohne in Heaven) klingt noch viel besser. Energischer, treibender, raubauziger, nicht so tranig dahingezogen, und setzt einer Depression viel trotziger etwas entgegen: zweideutige, aber deutliche Worte, einen Ohrwurm mit dem Zeug zum Volksgut, ja sich selbst.

Nach diesem einen Lied ist die ganze Musikrichtung No Depression benannt, die gern auch alt.country heißt. Die Band weist allerdings den Ehrgeiz von sich, eine Musikrichtung einläuten zu wollen; vielmehr haben sie ihren Beitrag zu traditionellen Spielweisen geleistet: Carter Family, Woodie Guthrie, Willie Nelson und wie sie alle heißen. Man empfinde sich weder als Punk noch Revolution, wolle einfach die Musik weitermachen, die sich als gut herausgestellt hat. Dass 1995 danach eine zweimonatliche Musikzeitschrift entstand (An Introduction to Alternative Country Music. Whatever That Is), die bis 2008 ungewöhnlich lange für derlei Organe durchhielt, war trotzdem okay.

Was daran so zweideutig ist: Soll eine Aussage wie “Ich gehe dahin, wo keine Depression herrscht, verlasse diese Welt voller Müh- und Drangsal, meine Heimat ist im Himmel und da geh ich jetzt hin” von hoffnungsfrohem Aufbruch ins gelobte Land künden — oder ist das schon düstere Koketterie mit der Todessehnsucht, ja die Verherrlichung von Selbstmord? — Aus der Entscheidung halte ich mich wie immer vornehm raus, aber ich höre eine herzvergnügte Melodie auf dem Text herumhüpfen.

Konzertplakat Uncle Tupelo, ca. 1990Ich weiß noch, wie die Version von Uncle Tupelo zum ersten Mal im Radio hörte und eher zufällig auf Kassette erwischte. Das war mal, ihr Jungfröschlein, nicht nur ein beliebter Sport unter Musiknerds, sondern die Methode, sich Lieder anzueignen: sie zufällig am Radio mitzuschneiden. Der Gipfel der Technik war das Überspielkabel (oder ein Ghettoblaster mit Kassettendeck), die Katastrophe ein Moderator, der sein eigenes Dummgesabbel für wichtiger als Musik hielt. Mein Haussender war jedoch das Erlanger Radio Downtown, das seine Lieder gern ausspielte, obwohl es sich die Frequenz mit Radio Z teilen musste. Kein Wunder, dass es 1995 pleite ging. Nicht herauszufinden war jedoch, von wem das Lied war, die leiernde Scotch C90 schwieg sich aus. Dabei musste man dankbar sein, dass sie es überhaupt ein paar Jahre tat. Band, Text und Geschichte erschlossen sich erst in Zeiten des Internets aus einer nicht ganz so vernuschelten Textzeile.

Was man ihr gar nicht zugetraut hätte: Auch Sheryl Crow, die einst von klinischen Depressionen heimgesucht wurde, hat eine Version gemacht, gar nicht schlecht, die der Carter Family näher steht als Uncle Tupelo (und auf keiner ihrer CDs erscheint). Das hört man erstens, und heißt zweitens mit dem ursprünglichen vollen Namen No Depression in Heaven.

Was das nun wieder mit Moby-Dick zu tun hat? Nu, hören Sie einfach mal genau hin. Das erste Kapitel kennen Sie: “whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off” — dann geht man entweder zur See oder schickt eine CD im Kreis herum, die als Lebenshilfe taugt. Außerdem ist das Zeug zutiefst amerikanisch in jenem Sinne, den man nur liebhaben kann.

Das ist eine Bereicherung für das Lagerfeuerrepertoire aller bierseligen Klampfisten (kein Problem, es sind nur die üblichen drei Griffe), und Idgie Threadgoode muss dazu mit einer Bottel Jackie in der Hand in aufgekrempelten Latzjeans — und zwar auf Terz! — krähen:

1. For fear the hearts of men are failing,
For these are latter days we know
The Great Depression now is spreading,
God’s word declared it would be so.

Refrain: I’m going where there’s no depression,
To the lovely land that’s free from care.
I’ll leave this world of toil and trouble,
My home’s in Heaven, I’m going there.

2. In that bright land, there’ll be no hunger,
No orphan children crying for bread,
No weeping widows, toil or struggle,
No shrouds, no coffins, and no death. – Refrain

3. This dark hour of midnight nearing
And tribulation time will come
The storms will hurl in midnight fear
And sweep lost millions to their doom. – Refrain

Und Tribulation heißt Trübsal.

Bilder: Cover Uncle Tupelo: No Depression, 1990, nach Tracing alt.country;
Konzertplakat der viertbesten Country-Band 1994: The Gumbo Pages.


Bonus Track: Carter Family: Can the Circle Be Unbroken (By and By), 1935
mit Bildern aus der Great Depression 1928–1939.

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Signed: Adolf Wolf, Colossal Stinker

20. April 2008

Update zu Vorabendvorstellung:

taz: Können Sie uns einen schönen Islamwitz erzählen?

Harald Schmidt: Nein. Davon lasse ich die Finger. Das ist mir zu heikel.

taz: Auch wenn Sie selbst keine solchen Witze machen - würden Sie wenigstens sagen, dass man solche Witze machen dürfen muss?

Harald Schmidt: Aus dieser Diskussion halte ich mich vollkommen raus, weil ich mir nicht ein Problem auf den Tisch ziehen möchte, das ich zum Glück nicht habe.

taz: Als Rudi Carrell 1987 in seiner “Tagesshow” Chomeini in Dessous grabbeln ließ - Herr Schmidt, war das nicht ein großartiger Gag?

Harald Schmidt: Aber Carrell hat damals einen gefährlichen Ärger bekommen. Und mittlerweile ist das nicht mehr zu steuern. In einer kleinen dänischen Zeitung erscheint die Karikatur und in Indonesien wird die dänische Botschaft gestürmt. Bei Carrell war es noch Ajatollah gegen Carrell. Zwanzig Jahre später leben wir in einer anderen medialen Landschaft.

taz: Sie haben einen gefährlichen Beruf.

Harald Schmidt: Nein. Man muss nur ein bisschen wachsam sein. Sie brauchen die nötige Portion Feigheit. Machen Sie doch lieber Witze über Bush, das ist ungefährlich. Insofern hat die westliche Zivilisation doch einige ganz großartige Errungenschaften hervorgebracht.

taz: Kann man denn sagen, dass es diese Karikaturen geben dürfen muss - auch ohne sie abzudrucken?

Harald Schmidt: Das ist Filigran-Analyse. Die nutzt Ihnen nichts, wenn Sie Leute gegen sich aufgebracht haben, von denen Sie vorher noch gar nicht wussten, dass es die gibt. Sie diskutieren auf Salon-Niveau. Wir reden hier aber von der Möglichkeit: Kawumm neben der Küche. Deswegen sage ich auch: Vorsicht mit glorreichen Selbsteinschätzungen. Wie hätte ich mich im Dritten Reich verhalten? Ich bin nicht gestrickt wie die Geschwister Scholl.

taz: Im besten Fall unauffällig?

Harald Schmidt: Gelinde gesagt. Da kann keiner von sich Zeugnis ablegen, bevor er nicht in die Mündung geguckt hat. Es gibt vielleicht Leute, die sind zum Helden geboren. Ich bin es nicht. Ich habe mich auch noch nie geprügelt. Das System, in dem ich spiele, funktioniert nur, wenn alle die Spielregeln einhalten. Ich bewege mich in einer Demokratie, in der gewisse Grundrechte garantiert sind. Aber wenn Sie sagen, interessiert mich nicht, ich habe ne Knarre, dann funktioniert die ganze Sache nicht mehr.

taz: Da sind wir bei der Frage, die Ihnen wahrscheinlich gestellt wurde, bevor Sie Ihren Zivildienst antreten durften: Wenn nachts ein böser Mann kommt und Ihre Freundin vergewaltigen will, und die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, wäre mit Gewalt …

Harald Schmidt: Die Frage wurde mir nicht gestellt. Sie müssen wissen: Mein Verhandlungsdatum war am 20. April 1978. Und ich komme rein und da sitzen vier Herrschaften und zwei davon haben ein Holzbein aus dem Krieg. Und die erste Frage an mich war: “Wissen Sie, was heute für ein Datum ist?”

taz: Darauf kann man nur falsch antworten.

Harald Schmidt: Wissen Sie, was ich geantwortet habe? “Jawoll, Führers Geburtstag.” Da muss der Rhythmus stimmen. Da können Sie nicht sagen: “Diese Bestie wurde da leider zur Welt gebracht.” Und dieser Begriff hat entspannt. Das war aber nichts anderes als eine historische Information. Wissen Abiturienten heute noch, was der 20. April ist?

Interview: Man braucht die nötige Portion Feigheit,
taz, 8. Februar 2006 (Ausschnitt)

Von Moby-Dick™ erfahren Sie’s jedenfalls nicht. Aber ich ergehe mich in Andeutungen.

Noch im Produktions- und vorvorvorletzten Kriegsjahr 1942 beschloss Disney, seinen Donald-Duck-Film Der Fuehrer’s Face (7:52 Minuten) nie wieder in der vorliegenden Form zu veröffentlichen. 2004 wurde das Versprechen aus dokumentarischen Gründen gebrochen. Wahrscheinlich die Anti-Nazi-Propaganda mit den meisten überlebenden Fans.

Dagegen weigern sich AOL-Time-Warner bis heute, ihren Bugs-Bunny-Film Tokio Jokio, 1943 (6:49 Minuten) zu zeigen. Der Humor darin ist sehr viel zorniger als im immer noch mitreißenden Der Fuehrer’s Face.

Spinach fer Britain, 1943 (6:14 Minuten) ist ideologisch einer der fragwürdigsten, technisch und sogar dramaturgisch einer der besten der ganzen Popeye-Serie.

Überhaupt hängte Amerika in die Anti-Nazi-Propaganda mittels Zeichentrickfilme erstaunlich viel Liebe. Für Blitz Wolf, 1942 (9:51 Minuten) war Tex Avery für den Oscar nominiert und verlor wogegen sonst als Der Fuehrer’s Face.

Am beklemmendsten von allen ist wohl doch der unbekannteste. Walt Disney: Hitler’s Children. Education For Death, 1943 (9:59 Minuten).

Sollte Sie das trösten, haben am 20. April auch Joan Miró, Ryan O’Neal und Blümchen Geburtstag.

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Should we shout? Should we scream?

21. März 2008

Update zu And if the band you’re in starts playing different tunes, I’ll see you on the dark side of the moon:

Tell me true
tell me why
was Jesus crucified?
Is it for this that Daddy died?
Was it for you?
Was it me?
Did I watch too much TV?
Is that a hint of accusation in your eyes?

Karfreitagslied The Post War Dream
in: The Final Cut, 21. März 1983.

Cover The Final Cut, 1983In unserer Serie “Unterschätzte Jubiläen” gedenken wir des 25-jährigen Erscheinungsdatums von The Final Cut von Pink Floyd: 21. März 1983, damals kein Karfreitag, sondern ein Montag.

Nach dem Monument The Wall, das in der laufenden Musikepoche wohl nicht mehr gestürzt wird, war The Final Cut, wie der Name nicht absichtlich sagen sollte, gerade noch eine letzte Gemeinschaftsarbeit der alten Bandbesetzung. Was man auch anders sehen kann, wenn man wie Roger Waters seine Kollegen unter Zwang ins Aufnahmestudio zitieren muss, damit sie ihren Part einspielen. Dann formuliert man auch gerne etwas leichtfertig egozentrisch in die Liner Notes: “by Roger Waters performed by Pink Floyd” und zerstreitet sich darüber erst recht. Roger Waters und David Gilmour sollen sich inzwischen wieder grüßen, die “musikalischen Differenzen” waren aber nie wieder auszuräumen.

In umfassender Vergessenheit ruhen heute die 19 Minuten Extended Play als PR-Film, die vier Musikvideos aus der LP in einen losen Handlungsverlauf stellen. Die offizielle Website zum Album rettet sie.

Text und Ausrichtung sind noch eindeutiger politisch als auf dem Vorgänger The Wall, die Musik klingt ähnlich und zitiert The Wall so weit, dass die Kritik Worte wie “Armutszeugnis” dafür fand. Trotzdem bleiben die besonnenen Melodien in durchsichtiger Instrumentierung auf The Final Cut besser als alles, was unterschiedlich zusammengewürfelte Reste von Pink Floyd danach noch ablieferten, und vornehmlich geeignet, große Mädchen zu beeindrucken. Das war ein Tipp für unbeheizte Osterfeiertage, Jungs.


Teil 1: The Gunner’s Dream;


Teil 2: The Final Cut;


Teil 3: Not Now John;


Teil 4: The Fletcher Memorial Home.

Musik kaufen: Pink Floyd: The Final Cut, 1983.

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Mit Medusa oder ohne

19. März 2008

Elke sucht Perseus und findet Keto:

Elke HegewaldDa also danach gefragt ward, worüber ich im Nachhinein gar richtig happy bin, fallen mir zwei Interpretationen zu Hermans Cellini-Ahab ein:

Die erste kurz und schlicht und augenscheinlich, ohne Hintergedanken, lässt den Perseus gänzlich außen vor und bezieht sich nur auf die Statue (als solche ist Ersterer einfach nur ein fraglos äußerst fein gelungenes Exemplar). Wenn man Einem das Attribut zuschreibt, “wie aus harter Bronze gegossen” zu sein (Jendis, Seite 212), will man ihm wohl auch eine vergleichbare menschliche Härte und Standfestigkeit bescheinigen, körperlich und in seinem Wesen, oder? Als Kerl aus einem Guss ist unser Ahab — wenigstens bedingt — vorstellbar. So weit, ihm auch noch bronzene Korrosionsbeständigkeit im maritimen Gewerke oder das Edle und den wärmenden Glanz, die diesem Metall anhaften, anzudichten, möcht man fast gar nicht gehen – aber es könnt ja sein. Melville selbst hat jedenfalls durchaus Sympathien für seine düstere Schöpfung, find ich.

William Hogarth, Perseus rettet AndromedaDie zweite, die mir anfangs viel zu abenteuerlich vorkam, um sie hier öffentlich zu machen, gefällt mir inzwischen immer besser und scheint mir überhaupt nicht mehr so abwegig — denn watet unser guter Melville nicht tief in Allegorien und wird er nicht zu Recht des symbolistischen Vorreitertums verdächtigt? Diese Deutung wiederum hat vor allem mit Perseus zu tun, mit seiner Rolle in der griechischen Mythologie und dem, was Cellini in seiner Skulptur vom Perseus-Mythos abbildet. Danach hat nämlich Perseus — entweder mit dem Haupt der Medusa oder auch ohne (da sind die Sagenerzähler sich uneins) — das Seeungeheuer Ketos getötet. Das — ihr ahnt es? — in sprachlich augenscheinlicher Weise zum Namensgeber für Mobys Familie der Cetacea wurde.

So weit, so gut. Ha, und das ist doch ein Thema, wie gemacht für die Elke, auf das sie schon lange gewartet hat.

Bild: William Hogarth: Illustration zum Gedicht »Perseus und Andromeda« von Lewis Theobald: Perseus rettet Andromeda, Radierung 1730–1731, British Museum, Department of Prints and Drawings.

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Lies Bücher, nicht T-Shirts!

4. März 2008

(Wenn eines auf der Welt kein Jazz ist,
dann ja wohl Pilze!
)

Update zu Phasen eines Umschlags von Deutsch into English:

Katz und Goldt, Wissen Schweigen VorübergehenEs ist schwer geworden, Max Goldt zu verteidigen. Seit Anfang der 1990er, als dieser sympathisch autoritäre Moralist mit einer ungewohnt blitzsauberen Sprache das deutsche Literaturgeschen von hinten aufrollte und von zuinnerst erleuchtete, sind seine Epigonen so viele geworden, dass er allenfalls noch als präpotenter Querulant auffällt.

2008 wird Max Goldt 50: Für einen Popliteraten zu alt, für einen besserwisserischen Sabbelsack zu jung. Vermuten wir mal, dass man im jungen Jahrtausend für diese Altertümelei in Wort- und Themenwahl immer entweder zu jung oder zu alt ist. Die Codes haben sich überlebt. Vorwürfe von Ex-Fans lauten dahin, dass er den Leuten gegenüber einen reichlich präpotenten Ton anschlägt; selbst wenn man sich seinen Büchern heute mit einem Vorschuss an Wohlwollen nähert, kann man sich noch ziemlich angeranzt vorkommen. Seinen dauererigierten Zeigefinger hat man mal geschätzt. Es funktioniert nicht mehr. Selbst die unverwüstlichsten Fans sind nur noch treu.

Seine Kolumne in der Titanic zählt immer noch zum Besten, was nur irgendwie monatlich erscheinen kann. Im Februar hieß sie Im Visier von Pakistan und Texas, singt ein selten luzides Abschiedslied auf Weblogs, lobt jedoch ausdrücklich die German Joys von Andrew Hammel, die seit langem in den Nordamerikana der Linkrolle nebenan hausen und mit Vergnügen und Gewinn gelesen werden. Max Goldt hat einen Lieblingsblog, schau mal einer an, dabei gar keinen schlechten, und einen, der sich mit den krausen Moby-Dick™-Themen vereinbaren lässt. — Aus Goldts Laudatio:

Andrew Hammel, andrewhammel.comHammel ist Texaner und, soweit ich es verstanden habe, seit einigen Jahren als Jurist an der Uni Düsseldorf tätig, Interessenschwerpunkt: Todesstrafe. Damit hier nichts mißverstanden wird: Er setzt sich gegen die Todesstrafe ein. Verblüffend ist es, daß er trotz Berufstätigkeit und eines regen Reiselebens Muß findet, ein so regelmäßiges und ausführliches öffentliches Diarium zu schreiben, und das auch noch in bestens gebauten Sätzen ohne modische Sprachsalopperien und sogar fast ohne Tippfehler. Offenbar gehört er zu den beneidenswerten Autoren, die druckreif denken können und nicht nach jedem Satz erst einmal zehn Minuten rauchend und zweifelnd in der Wohnung auf und ab gehen müssen. Auf Privates und redundanten Meinungsausfluß über Sport und Popmusik [...] ist er liebenswürdig genug, ganz zu verzichten, statt dessen gibt es allerlei Gewitztes über Politik, Kultur, Wissenschaft und das, was man in der inzwischen stark abgenutzten Kategorie “Alltag” zusammenfaßt, sowie dienliche Rubriken wie “German Word of the Month”.

German Joys ist demnach eine Art USA Erklärt umgekehrt: Im letzteren, 2007 fast grimmepreiswürdigen Falle erklärt ein Amerikaner in Deutschland auf Deutsch den Deutschen Amerika; im Falle Andrew Hammel erklärt ein Amerikaner in Deutschland auf Englisch den Amerikanern Deutschland (und raskal trippin hat auch mal was in der Richtung gemacht…).

Womöglich ist es inzwischen mit Max Goldt selbst so bestellt, wie er das Weblogwesen im Febraur 2008 beschreibt: dass es “so’n bißchen vorbei” sei, dass man dafür aber in angenehmer Weise von Hypes wie einer “Blogosphäre” verschont bleibe. Sein stiller, aber gar nicht überschätzbarer Einfluss ab Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau 1989 ff. bleibt: Von Max Goldt abzuschreiben ist immer noch keine richtige Schande, das macht man nämlich sowieso dauernd.

Bilder: Rumpfkluft bei Katz & Goldt;
Andrew Hammel bei Andrew Hammel.

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Fremde im Zug

18. Februar 2008

Update zu Pissed about having to work in a post office to support himself:

Rolf Tietgens, Patricia Highsmith collection, 1942
Rolf Tietgens: Patricia Highsmith at age 21, 1942

Mit Schreibmaschine auf der Vorderseite:

Pat Highsmith – all photos at age 21 just out of University

Mit Schreibmaschine auf der Rückseite:

Rolf Tietgens, friend from Hamburg, who took pictures on other side, when I was 21. I cannot easily unglue these pictures, so I send the whole page to you.

Rolf Tietgens, ca. 1942Ein Deutscher, der 1942, statt sich im Schlamm der Schützengräben Handgranaten um die Ohren pfeifen zu lassen, Nacktbilder von Literaturstudentinnen macht, Respekt, das lass ich mir eingehen.

Rolf Tietgens war einer der wenigen Männer in Patricia Highsmiths Leben, mit denen sie sich näher einließ, dazu noch unmittelbar nach ihrem Abschluss auf dem Barnard College, das nur Frauen zulässt. Vor allem wenn man nur die offiziellen Verlagsfotos des Diogenes Verlags kennt, die Frau Highsmith in fortgeschrittenem Alter mit hängenden Backen und verhärmtem Blick zeigen, finden wir sie vor Zeiten überraschend schön. Ein tolles Bild von einer tollen Frau. In einer abschreckenden Weise hässlich konnte ich sie auch später nie finden; gerade la Highsmith gehört zu jenen Patentweibern, die ich von Kind auf immer gerne mal kennen gelernt hätte.

Dmitri Kasterine, The Parting Shot. Patricia Highsmith 1986Frau Highsmiths verlagswirksam vom Leben zerfurchtes Gesicht rührt vermutlich von ihrer Zerrissenheit zwischen der Produktion reißerischer Krimis und dem Schaffen anspruchsvoller psychologischer Literatur, die unpraktischerweise meist im selben Roman stattfanden, dazu noch der ungebetenen Kürzung ihrer fertigen Werke seitens Diogenes, die auch seit der Neuausgabe 2002 innerhalb des Verlags erst nach und nach bereinigt werden. Melville-Bezug: Herausgeber ist Melville-Experte Paul Ingendaay; phüh, das war knapp. Und dann noch das ständige Umherziehen, wahrscheinlich auf der Flucht vor den wechselnden lesbischen Liebesbeziehungen, in denen sie nie glücklich wurde.

Bei allem Respekt vor ihrem literarischen Werk sollte uns spätestens das davon abhalten, einen Lebenslauf als Comictexter, Drehbuchschreiber für Hitchcock und so ziemlich einziger Kirimigroßmeister, der noir statt cosy arbeitet, obwohl “er” eine Frau ist, anzustreben.

Das alles, unter anderem ihre lesbische Identität, war 1942 noch nicht zu ahnen. Rolf Tietgens muss ein sehr glücklicher Mann gewesen sein.

Rolf Tietgens, Patricia Highsmith, 1942
Rolf Tietgens: Patricia Highsmith at age 21, 1942

Bilder erscheinen in: Franz Cavigelli, Fritz Senn, Anna von Planta: Patricia Highsmith. Leben und Werk und Andrew Wilson: Beautiful Shadow: A Life of Patricia Highsmith. Vor allem das untere, um das es sichtlich andauernd geht, wird viel schöner, wenn man es groß anzeigen lässt, und liegt hochauflösend vor.

Hausaufgabe: Verfassen Sie 1000 Anschläge über Patricia Highsmith, ohne das Wort “subtil” zu verwenden.

Bilder: Patricia Highsmith Papers aus den 50 laufenden Regalmetern Nachlass im Schweizer Literaturarchiv;
Dmitri Kasterine: The Parting Shot, 1986;
Andrew Wilson.

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Moby Sonnendeck

5. Februar 2008

Update zu sieht ja ulkik aus:

Death and hell are never full
And neither are the eyes of men
Cats can fly from nine stories high
And pigs can see the wind.

Willie Nelson

Name:
1851: Moby Dick
2008: Manned Cloud

Technische Daten:
1851: Bis zu 18 Meter lang, 50 Tonnen, Flukenantrieb, Tintenfische, Fische, Krustentiere, Sauerstoff, Landungen unerwünscht
2008: 210 Meter lang, 82 Meter breit, 52 Meter hoch, Auftriebskörper 520.000 Kubikmeter, 170 km/h, 20 Zimmer, Helium, Landetechnik ungeklärt

Verträglichkeit:
1851: Aggressiv, frisst menschliche Gliedmaßen, versenkt Walfänger, Inbegriff des Bösen
2008: Umweltfreundlicher Antrieb, landschaftsschonend, Restaurant, Bücherei, Fitnessstudio, Bar, Sonnendeck, 15 Angestellte

Status:
1851: Nie gestorben
2008: Noch nicht geboren

Fachliteratur:
1971: Philip José Farmer: The Wind Whales of Ishmael,
Mass Market Paperback
1980: Philip José Farmer: Ismaels fliegende Wale, Moewig

Manned Cloud

Bild: Antje Blinda: Weißer Wal für Luxustouristen
in: Spiegel Online, 4. Februar 2008;
Film: Airshipworld: Massaud — Manned Cloud Hotel.

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Lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt

31. Januar 2008

oder: The White Americans have never really been proud of their own history

Update zu Was man überhaupt noch glauben soll
und Bürgerkriegsware:

Herman Melville und die Deutschen. Belesener Weltbürger, der er war, setzte er eine Momentaufnahme aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe in die dem Wal vorausschwimmenden Extracts:

The papers were brought in, and we saw in the Berlin Gazette that whales had been introduced on the stage there.

Eckermann’s Conversations With Goethe
as quoted in the Extracts for Moby-Dick

Das muss er aus der seinerzeit kursierenden englischen Übersetzung von Margaret Fuller, Boston 1839, haben. Der weite Weg vom Ereignis zu Weimar, Eckermanns Dokumentation, Fullers Übersetzung, Melvilles Kenntnisnahme bis zur Verwendung in Moby-Dick wurde also recht zügig zurückgelegt:

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf dortige Bühne gebracht.

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 31. Januar 1830

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen, dass die Nazis ihren Feiertag gestern hatten. Jenen 31. Januar 1830 verbrachte Goethe mit Eckermann über der Durchsicht seiner Jugendmanuskripte (Götz sieht sehr reinlich aus, Werther ist verloren), und die Berliner Theaterleute spinnen wieder.

Bei belustigtem Zurückblättern gab es schon prekärere Themen im Hause Goethe. 1. September 1829:

Whipped Slave Gordon, 2. April 1863Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel, und während sie uns weismachen wollen, was für humane Maximen solchem Verfahren zugrunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Objekt sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun und welches man hätte wissen sollen. An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe. In Amerika haben sie selbst große Negerkolonien angelegt, die sehr produktiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die nordamerikanischen Bedürfnisse, und indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihrem merkantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen daher, nicht ohne Objekt, gegen den inhumanen Handel. Noch auf dem Wiener Kongreß argumentierte der englische Gesandte sehr lebhaft dagegen; aber der portugiesische war klug genug, in aller Ruhe zu antworten, daß er nicht wisse, daß man zusammengekommen sei, ein allgemeines Weltgericht abzugeben oder die Grundsätze der Moral festzusetzen. Er kannte das englische Objekt recht gut, und so hatte auch er das seinige, wofür er zu reden und welches er zu erlangen wußte.

Holla, der alte Geheyme Rath (80). Parliert geläufig über die Motive der Sklavenbefreiung. Eine menschliche Existenz gesteht er der Handelsware nicht zu, mich erinnert seine Wortwahl an die Beurteilung der Heuernte, in einer Oberpfälzer Bauernbierschwemme vom Dorflehrer mitgeschrieben beim Versuch, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Sehen wir es ihm nach: Auch solche, die der Negerhaltung misstrauten, ich denke da an Herman Melville in Benito Cereno und seinen humoristisch gezeichneten poor old Yorpy aus The happy Failure, nahmen bei allem Wohlwollen für die komische Rasse bestenfalls einen Paternalismus ein, für den sie heute schlicht als glatte Rassisten durchgingen, dabei waren sie in einem Kontext real existierender Sklaverei das Gegenteil davon. Es muss wirklich eine sehr fremdartige Begegnung gewesen sein, als Abendländer auf Stärkerpigmentierte trafen.

Gordon im DienstHerr PJM, der jeden lieben Tag ein Old Picture of the Day ausstellt, hat sehr treffend beobachtet, wie auffallend wenige Bilder von Negersklaven aus der Zeit existieren, als Sklaverei eine lebenserhaltende Industrie darstellte. Wenn überhaupt, zeigen die Bilder entlaufene oder befreite Sklaven, nie aber die zweibeinigen Arbeitstiere im Einsatz. Vielleicht doch ein tiefes Bewusstsein von Unrecht und Schuld bei denen, die sich Sklaven — und dann bestimmt auch Kameras — leisten konnten?

Das dokumentierte Foto zeigt Gordon, nach anderer Quelle Peter, aus Mississippi, der nach seiner Flucht zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs in Baton Rouge, Louisiana vorsprach und erst als Vorzeigeflüchtling, danach als Soldat auf konföderierter Seite Verwendung fand. 1860 waren 47% der Bevölkerung von Louisiana versklavt; 1863 für Gordon immer noch eine Verbesserung seiner Umstände. Nach Louisianas strategischem Wechsel der Kriegsfront durfte Gordon immerhin für seine Interessen eintreten.

Vom misshandelten Arbeitstier zum Kanonenfutter für seine eigene Befreiung. Memo an mich: Bei dem ganzen Wirrwarr aus Unionisten, Konföderierten, Abolitionisten, Southern Unionists und border states steigt heute sowieso kein Schwanz mehr durch; da konnte sich selbst Melvilles Lyrik darüber nur noch ins Lamento retten. Da schaut ein Dialogdrama mindestens so lang wie die Iphigenie raus, Eckermännchen.

Bilder: Scars of a whipped slave, 2. April 1863: Wikimedia Commons;
Gordon in his uniform as a US soldier: Civil War Harper’s Weekly, 4. Juli 1863.

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Vorabendvorstellung

29. Januar 2008

Update zur Seeräuber-Jenny:

Erreichte um 8 Uhr abends Heidleburgh. [...] Bestieg um 2 Uhr mittags den Zug nach Frankfort am Maine. [...] Nahm um halb elf den Zug nach Wiesbaden, stieg aber versehentlich in Mayence aus — um 2 Uhr. Weiter mit dem Schiff nach Cologne. [...] Fuhr durch das Land des Rheinweins. [...] Stand um 5 Uhr auf, frühstückte & ging zum Amsterdamer Bahnhof auf der anderen Flußseite. Durch Duselldorff & Utrecht. [...] Darüber ließe sich wohl etwas Gutes schreiben, im ironischen Stil.

Herman Melville: Reisetagebuch, 21.—23. April 1857,
nach: Ein Leben, 2004, Seite 478ff.

Was den Film Cabaret von anderen Musikfilmen wohltuend abhebt, ist das Setting im, ja, eben: Cabaret, damit die Figuren ihre Lieder auf einer Bühne singen können, wie sich das gehört, und nicht dauernd unversehens in Gesang ausbrechen müssen. So schaurige Schießbudenfiguren ihn bevölkern, hält ihn das geradezu realistisch.

Das eindrucksvollste Lied des Films ist trotzdem das einzige, das nicht auf einer Bühne performt wird, sondern gerade doch in einem Biergarten geschmettert. Frischen Sie mal Ihr Gedächtnis auf, aber machen Sie sich auf alles gefasst: Es tut heute weher als vor dreißig Jahren, als Sie extra lange aufbleiben durften und sich nur über Liza Minnellis Schimpfkaskaden gefreut haben:

Tomorrow Belongs to Me wurde aus der Musical-Vorlage von 1966 für den 1972er Film übernommen und stammt demnach von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Text), dem Team hinter New York, New York.

Die Melodie orientiert sich an der Wacht am Rhein und dem Horst-Wessel-Lied, zwei durchaus schmissigen Gebrauchsliedern der Nationalsozialisten, so dass der Vorwurf an die beiden Schöpfer laut wurde, sie könnten ihre Nazihymne einen Tick zu ernst gemeint haben. Letztendlich ein Kompliment an ihr Lied, aber genauer besehen haltlos, weil sie von der späten Geburt begnadete Juden waren. Dafür, dass die als neonazistisch eingestufte Kapelle Skrewdriver es für sich entdeckte, konnten sie schon nichts mehr.

Nach der lebhaften Legendenbildung Hollywoods soll die Broadway-Kapazität Mark Lambert das Lied schon eingesungen, nachher aber ihren Auftritt verweigert haben, weil sie sich die Haare nicht blondieren lassen wollte. Im Film erscheint deshalb ein angeblich echter deutscher Statist namens Oliver Collignon. Die deutsche Synchronisation ist sowieso auch technisch ein Graus.

Was erwarten wir von Deutschen in amerikanischen Filmen? Dass sie als dümmlich oder gefährlich dargestellt werden, am besten beides. In dieser auf mehreren Ebenen zermürbenden Dramaturgie bedeutet das einen Gewinn. Nehmen wir es dieses eine Mal hin, die Deppen abzugeben: Zeit und Ort der Handlung sind dort angesiedelt, wo ziemlich viele Deutsche drauf und dran waren, ziemlich viel falsch zu machen.

Das Lied ist auf eine gespenstische Weise mitreißend. Als Ohrwurm ist es wahrhaft gemein.

Der Beste ist sowieso die überschminkte Schwuchtel auf dem Rücksitz am Schluss. Das ist Joel Grey als Conferencier, eine Art spukhafter Begleitmephisto durch den Film. Das war einen der acht Oscars und den Tony Award wert.

Morgen vor 75 Jahren war Machtergreifung. Das können Sie feiern, wenn Sie müssen, aber ohne mich.

Tomorrow Belongs to Me, Cabaret, 1972, Joel Grey

Film: ABC; Bild: Xah Lee.

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One Total Inky Blot

24. Januar 2008

Update zu A Note on “Isle of the Cross”
aus der Reihe Verpasste Jubiläen:

In view of the description given, may one be gay upon the Encantadas? Yes: that is, find one the gaiety, and he will be gay. And, indeed, sackcloth and ashes as they are, the isles are not perhaps unmitigated gloom. For while no spectator can deny their claims to a most solemn and superstitious consideration, no more than my firmest resolutions can decline to behold the specter-tortoise when emerging from its shadowy recess; yet even the tortoise, dark and melancholy as it is upon the back, still possesses a bright side; its calipee or breastplate being sometimes of a faint yellowish or golden tinge. Moreover, everyone knows that tortoises as well as turtle are of such a make that if you but put them on their backs you thereby expose their bright sides without the possibility of their recovering themselves, and turning into view the other. But after you have done this, and because you have done this, you should not swear that the tortoise has no dark side. Enjoy the bright, keep it turned up perpetually if you can, but be honest, and don’t deny the black. Neither should he who cannot turn the tortoise from its natural position so as to hide the darker and expose his livelier aspect, like a great October pumpkin in the sun, for that cause declare the creature to be one total inky blot. The tortoise is both black and bright.

The Encantadas, Sketch Second: Two Sides to a Tortoise,
March 1854, opening

Suddenly, Last Summer, Filmplakat 1959Am 7. Januar vor 50 Jahren, das ist: 1958, wurde der Einakter Suddenly, Last Summer von Tennessee Williams uraufgeführt.

Kennen Sie nicht? Ich auch nicht. Noch dazu gehört das Jubiläum dem Stück nicht mal alleine: Am selben Abend gab es noch den Einakter Something Unspoken, was als Doppelpack Garden District hieß.

Wäre da nicht der Handlungsstrang in der 1. Szene:

Mrs. Venable. One long-ago summer—now why am I thinking of this?—my son, Sebastian, said, “Mother, Listen to this. He read me Herman Melville’s description of the Encantadas, the Galapagos Islands. He said that we had to go there. And so we did go there that summer on a chartered boat, a four-masted schooner, as close as possible to the sort of a boat that Melville must have sailed on. We saw the Encantadas, but on the Encantadas we saw something Melville hadn’t written about.

Obwohl das eher zu Anfang des Stücks vorkommt, war es nachweislich eine der letzten Stellen, die Williams einfügte: Durch Mrs. Venables Monolog zeigt Williams seine Hauptfigur Sebastian nebst Mutter auf den Encantadas, vulgo Galápagos-Inseln, wie sie das üppig sprießende und treibende und wimmelnde Stirb und Werde vom Krähennest ihres Schoners aus beobachten, vor allem wie frisch geschlüpfte Meeresschildkröten unter den Angriffen von flesh-eating birds zum ersten Mal ins Meer krabbeln. Abermals Mrs. Venable:

My son was looking for God, I mean for a clear image of Him. He spent that whole blazing equatorial day in the crow’s nest of the schooner watching this thing on the beach … and when he came down the rigging he said “Well, now I’ve seen Him!”, and he meant God.

Nach Pau Gilabert Barberà:
Literature and Mythology in Tennessee Williams’s
Suddenly Last Summer:
Fighting against Venus and Oedipus
,
Universitat de Barcelona

Schon bald nach Bekanntwerden des Stücks und vor allem des nachfolgenden Films hat James R. Hurt Melvilles Sketch Second über Galápagos-Schildkröten in Suddenly Last Summer: Williams and Melville (ein abgelegener Artikel in Modern Drama III vom Februar 1961) unter einem moralisierenden Gesichtspunkt behandelt, obwohl Melville sich darin ausgesprochen sachlich und wertfrei naturbeobachtend äußert. Das erlaubt uns heute, den Vergleich mit Williams’ moralischem Einakter anzustellen:

Wie alles auf der Welt haben Schildkröten eine helle und eine dunkle Seite — richtig und gut so. Der Mensch aber, der in seinem Leben immer nur eine von beiden Seiten betrachtet, bereitet sich stete Enttäuschung oder gar den Untergang. Bei hellen Tieren sind wir auch schnell beim bekannten weißen Wal, den Ahab nicht als unschuldiges Tier oder, philosophischer, als neutrales Wesen ansieht, sondern als Inbegriff des Bösen. Was er damit anrichtet, ist mythisch geworden. Hören wir James Hurt selbst:

Sebastian’s fascination with Melville’s account is consistent, then, with his own fascination with the primeval and with his own vision of the evil face of God. But ironically Sebastian does not see the other theme of The Encantadas: the theme that the universe will be “one total inky blot” for him who sees it thus. And ironically the world which Sebastian sees mirrored in the spectacle of the turtles and the birds will turn and devour him as it devoured the turtles.

Noch eine Parallele Melville—Williams: Die Kritikerin Carol F. Reppert hat sich nicht der zweiten, sondern achten Skizze aus den Encantadas zugewandt: Sketch Eighth: Norfolk Isle and the Chola Widow, die als eine der schönsten und reifsten Arbeiten Melvilles gilt: Von Norfolk Isle, einer einsamen Insel bei Galápagos, wird eine Schiffbrüchige gerettet, die daraufhin ihre Geschichte voller Entsagungen erzählt. Frau Reppert zieht eine nicht ganz stringente Parallele zwischen Melvilles schiffbrüchiger Witwe Hunilla zu Catharine Holly aus Suddenly Last Summer, beobachtet aber schlagend, dass beider Berichte unbesehen geglaubt werden, nur weil sie überzeugend genug erzählt werden.

Die besondere Qualität aller dieser Werke, die sie zu Weltliteratur machen: Man muss sie selbst zu Ende denken. So lassen sie einen nicht in Ruhe.

Bild: Filmplakat Suddenly, Last Summer, 1959: Fair Use;
Film: Columbia Pictures, 1959.

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A thick card was inserted to stiffen them.

19. Januar 2008

Update zu The still unannotated Melville, Oops und Herba Santa:

Ab den 1930er Jahren wurde das Sammeln von Sammelbildchen durch die zum Teil mit viel Text versehenen und sehr günstigen (Preise um 1 Reichsmark) Alben zu einem Massenphänomen, und die Auflagen der Alben gingen in die Millionen, die der Bilder sogar in die Milliarden. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden die Zigarettenbilder vor allem für Propagandazwecke eingesetzt, wie zum Beispiel das Album über den Raubstaat England des Soziologen Ernst Lewalter verdeutlicht.

Cream of Cards, Alice in Wonderland Cigarette Cards, 1930

Bild: Cream of Cards; Text: Wiki.

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LiederJan Mayen und die Wahrheit über den alten Flegel

13. Januar 2008

Elke macht ein Update zu ihrem Und Jan Mayen, der alte Flegel:

Elke HegewaldKennt noch jemand Liederjan?

Ganz am Anfang der Siebziger, als sie noch Irish Folk sangen, nannten sie sich Tramps & Hawkers. Und dass deutsches Volksliedgut oder solches, das eins sein will oder könnt’, auch anders geht als im Musikantenstadl, haben sie in ihrer dreißigjährigen Bühnengeschichte fraglos bewiesen. Sie haben irgendwann sogar angefangen, selber welches zu schreiben. Und dürfen mit Fug und Recht den Titel dienstälteste deutsche Folkgruppe für sich beanspruchen. Obwohl der dritte Mann des Trios zugegebenermaßen in den Jahren mehrmals gewechselt hat. Zum vorerst letzten Mal und zugleich überaus augenfällig, als nach dem Tod eines der beiden verbliebenen Gründerväter (Anselm Noffke) 2003 die erste Lieder-Jana, die in Wirklichkeit Hanne heißt, die Truppe veredelte.

Ihr Markenzeichen sind der gepflegte Satzgesang und die Verwendung exotischer Streich- und Zupfinstrumente, die nicht nur den Mittelalteraffinen und -fininnen unter uns das Herz aufgehen lassen. Oder sind die Zeiten längst vorbei, da die unverbesserlichen Romatiker am Lagerfeuer gern ein Opus dieser Urviecher unter den Volksbarden zur eigenen Klampfe nachträllerten?

Jan Mayen View towards south as seen from the Beerenberg Glacier, picture postcardHa, und deren Angewohnheit, in verstaubten Büchern nach alten, vorzugsweise unbekannten Liedern fürs eigene Repertoire zu kramen, lässt sie nun gar in die Annalen des Moby-Dick-Blogs eingehen. Fiel ihnen doch auch die in norddeutschen Walgründen überaus bewanderte Glückstädterin Wanda Oesau und vor allem deren schmalbrüstiger Jan Mayen, der alte Flegel, in die Hände, hier als — wenn auch weitgehend vages — Fundstück längst verbloggt. Und — tadaaa! — sie haben ihn lebendig besungen, wahrscheinlich als erste und einzige nach den ollen Waljägern anno dunnemals. Auf ihrem antiken Scheibchen Mädchen, Meister, Mönche von 1978 nämlich:

Und Jan Mayen, der alte Flegel

Alle segeln nach dem Norden in das eisigkalte Meer
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Groß und stolz die Flagge wehet in der Luft am Großmasttopp.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Joan Blaeu-Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita estZusammen mit dem “Grönländischen Wachtlied”, einem Einströpher zum Wecken der nächsten Wache, und “Unser Bootsmann”, einem derb-zotigen Spottliedchen auf einen solchen selben ist es dort in der Nummer “Wallieder” zu finden.

Mit diesem Fang erhellt sich uns auch schlagartig und auf überraschende Weise die Identität des alten Flegels. Entgegen naheliegender Vermutungen der Ahnungslos-Unwissenden – und auch wenn die Norwegen-Freunde jetzt aus dem Grinsen über mich überhaupt nicht mehr rauskommen – ist der aktuelle Jan Mayen nämlich kein besoffener Maat von der Art des soeben bespöttelten Bootsmanns. Ein unwirtliches Eiland ist’s, gelegen sehr, sehr nördlich, zwischen Grönland und Spitzbergen, und den alten Walfängern als Wegweiser auf stürmischer See dienend:

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick…

sangen sie in ihrem Shanty, wenn sie, womöglich in den Wanten schindernd, an ihm vorbeisegelten. Hei, doch seinen Namen hat es von einem Walkapitän, wie der finstere Ahab einer war: dem Niederländer Jan Jacobs May van Schellinkhout (genannt Jan May), der sich zwischen 1614 und 1635 gelegentlich auf der Insel herumtrieb.

Ismael und seine Kameraden haben Jan Mayen Island nie gesehen, jedenfalls nicht auf der Jagd nach Moby Dick. Die Pequod segelte auf der andern Seite der Welt entlang, gen Süden. Und endete irgendwo da hinter Australien…

Aber dafür kann der alte Jan Mayen nix.

Bilder: Vidar’s Jan Mayen Page;
Joan Blaeu (Amsterdam 1596—1673):
Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita est;
RGBfoto.
Film: Liederjan: Auswandererlied, WDR Folkfestival, 1978.

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Das Land der Kuhjungen mit der Seele suchen

26. Dezember 2007

Update zu Amiot! und Alle lieben Bartleby
(und Das Land der Deutschen mit der Seele suchen):

Manu Larcenet, Hundejahre. Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud, 2001Sigmund Freud, Kind vom 6. Mai 1856, verlegte nach einer ausgiebigen Praxis der Psychoanalyse an neurotischen alten Wiener Schachteln den Schauplatz seiner Seelenforschung in den Wilden Westen.

Manu Larcenet, Kind vom 6. Mai 1969, macht die unbewussten Tatsachen dramaturgisch schlüssig. Vor allem auch die Nebenerscheinung, dass im Indianergebiet kaum jemand auf Verhaltensmuster seiner Kindheit festzunageln ist, vielmehr allzu bereitwillig Koriander gegen halluzinogene weiße Pilze, rote Kräuter aus den Hügeln und Maismehl eintauscht.

Die Weißen werden Krieg gegen die Inhaber echter Seelen führen. Nicht den mit Gewehren, das tun sie ohnedies, und es wird vorübergehen. Ihre schlimmste Waffe werden die Krötenhäute sein, Geldscheine, die ihnen erlauben, auf einem Boden zu marodieren, den ihre Füße nie kennen werden. Wenn die mit den Seelen eines Tages nichts mehr haben, werden auch sie diese Seelen annehmen, um noch eine Weile zu überleben. Dann haben die anderen gewonnen. “Ist es das, was du willst, Vetter Hund? Eine Siegerseele?” — Spot, der Hund auf der Suche nach seiner Seele, meint mit Seele etwas anderes als der angegraute Doktor seiner selbsterfundenen Disziplin mit Psyche.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur. —

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vom dem Wilberforcemonument in: Kuttel Daddeldu, 1923

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