Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Kajüte’ Category

Die einen sagen so, die andern so

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Update zu Like as the waves make towards the pebbled shore
und Hallo Shakespeare, adiós Cervantes:

Die deutsche Schulbildung verschweigt, dass Shakespeare vor der immer noch üblichsten Schlegel-Tieck-Ausgabe (August Wilhelm Schlegel, Wolf von Baudissin, Ludwig Tieck und Dorothea Tieck, 3. und endgültige Auflage 1843f.) eine Übersetzung durch Christoph Martin Wieland erfuhr. Warum das so ist? Wahrscheinlich, weil Wieland selten und meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlegt wird.

Al Pacino as Shylock in The Merchant of Venice, 1596/2004Goethe war in erster Linie Goethefan, Shakespeare ließ er gelten. Angeblich konnte er Englisch, aber ohne Wielands Einsatz wäre selbst Goethe nicht auf Shakespeare gestoßen. 22 Dramen (keine Versepen und Sonette), die heute noch als Shakespeares wichtigste angesehen werden, gab Wieland 1763 bis 1766 in eigener Übersetzung in Zürich heraus und verursachte damit den ersten deutschen Shakespeare-Hype.

Wenn man heute mit Shakespeare malträtiert wird, dann meistens in der Schlegel-Tieck-Fassung. Bei den neueren Versuchen, am bekanntesten der von Erich Fried, der bis zu seinem Ableben immerhin 27 Stücke geschafft hat, zählt eher die Unternehmung als solche — wobei ich die neue Gesamtausgabe von Frank Günther im Cadolzburger ars vivendi nicht weniger denn bahnbrechend finde.

Schade um Wieland: 2002 hat, hihi, Zweitausendeins alle 22 Wieland-Fassungen einbändig neuaufgelegt, und siehe: Das alte Zeug liest sich um Klassen verständlicher als Schlegel & Kollegen. Ich weiß nicht, mit welcher Protektion letztere sich derart durchgesetzt haben, jedenfalls ist auch schon egal, ob man die liest oder gleich das Original, man versteht genau so wenig. Wieland ist mehr als der gelehrte Besserwissersport, nur um angeberisch daherzunäseln: “Die deutsche Schulbildung verschweigt, dass Shakespeare vor der immer noch üblichsten Schlegel-Tieck-Ausgabe (August Wilhelm Schlegel, Wolf von Baudissin, Ludwig Tieck und Dorothea Tieck, 3. und endgültige Auflage 1843f.) eine Übersetzung durch Christoph Martin Wieland erfuhr.”

Mal reinlesen? — Der Kauffmann von Venedig, Schylok spricht:

Some men there are love not a gaping pig;
Some, that are mad if they behold a cat;
And others, when the bagpipe sings i’ the nose,
Cannot contain their urine: for affection,
Mistress of passion, sways it to the mood
Of what it likes or loathes.

William Shakespeare: The Merchant of Venice, 1596.
Shylock, Act IV, Scene 1.

Es giebt Leute, die einen Abscheu vor einem gähnenden Schwein haben, andre die von Sinnen kommen, wenn sie eine Kaze sehen, andre die aus einer besondern Affection ihren Urin nicht halten können, wenn ihnen ein Dudelsak in die Nase schnarrt. Die Meister über unsre Leidenschaften können durch die Stärke der musicalischen Sympathie oder Antipathie aus uns machen was ihnen beliebt.

Übersetzung von Christoph Martin Wieland:
Der Kauffmann von Venedig, Zürich 1762 bis 1766,
Neuausgabe von Hans und Johanna Radspieler 1993.

Zum Vergleich August Wilhelm Schlegel:

Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel
Ausstehen können; manche werden toll,
Wenn sie ‘ne Katze sehn; noch andre können,
Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,
Vor Anreiz den Urin nicht bei sich halten;
Der Leidenschaften Meister lenken sie
Nach Lust und Abneigung.

Und das um den Preis, die Versform eingehalten zu haben, zu Deutsch: das Zeug untereinander zu schreiben? Da macht mir allemal mehr Spaß, von Wieland dazu zu erfahren:

Dieser Umstand scheint aus J. Cäsar Scaligers Exoticis Exercitationibus wider Cardani Buch de Subtilitate genommen zu seyn; einem Werke, woraus unser Autor seine meisten physicalischen Kenntnisse genommen hat, indem es damals in grossem Ansehn stund, und auch in der That vortrefflich, obgleich längst vergessen ist. In der 344. Exercit. Sect. 6 sind die Worte: Narrabo nunc tibi jocosam Sympathiam Reguli Vasconis, Equitis: Is dum viveret audito phormingis sono urinam illico facere cogebatur - - Um die Sache lächerlicher zu machen, übersezte Shakespear phorminx duch Sakpfeiffe. Wobey ich noch bemerken will, daß, so wie Scaliger das Wort Sympathiam braucht, welches er anderswo durch communem affectionem duabus rebus erklärt, unser Autor durch das Wort Affection übersezt:
     cannot contain their Urine for Affection.

Interessant nicht nur der Vergleich, wie durch die Zeichensetzung in Wielands Vorlage und der, welche der Open Source Shakespeare (besuchen Sie bloß nie wieder eine andere Online-Fassung, ich hab heut meinen Dogmatischen) benutzen, die Bedeutung verschoben wird — sondern auch die neuzeitliche Anmerkung der Herrschaften Radspieler:

Fußnote: Julius Cäsar Scaliger: Exotericarum Exercitationum liber quintus decimus de Subtilitate, ad H. Cardanum. Paris 1557. — Narrabo nunc…: Ih erzähle dir jetzt eine spaßige Neigung des Ritters Regulus Vasco: Er stand zeit seines Lebens unter dem Zwang, augenblicklich Wasser lassen zu müssen, sobald er den Klang einer Phorminx (eine Leier mit 4 Saiten) hörte. — communem…: gemeinsame (wechselseitige) Zuneigung zwischen zwei Dingen. — Affection: Zuneigung, Gewogenheit. — Die Fußnote stammt von Warburton. — Die peinliche Wirkung des Dudelsacks hat Wieland so amüsiert, daß er auch in seinen Werken auf sie zurückkommt: in dem gleichzeitig mit der Shakespeare-Übersetzung entstandenen Roman Der Sieg der Natur über Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva (Ulm 1764), im 3. Buch gegen Ende des 10. Kapitels, und in der Vorrede zum 1. Band der Sammlung Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geister-Mährchen (Winterthur 1786).

Um auch diese Spur weiterzuverfolgen: Don Sylvio, Zehendes Capitel:

Genug, daß diese Sympathie sich eben so würklich in der Natur befindet, als die Schwere, die Anziehung, die Elasticität, oder die magnetische Kräfte, und daß man es, alles wohl überlegt, der schönen Donna Felicia eben so wenig übel nehmen kan, daß sie, von der magischen Gewalt dieses Geheimnißvollen Zugs bezwungen, sich nicht erwehren konnte, für unsern Helden etwas zu empfinden, das sie noch nie empfunden hatte, als man es einem gewissen Regulo Vasconi übel auslegen konnte, daß er, nach Scaligers Bericht, das Wasser nicht zurück halten konnte, so bald er eine Sack-Pfeiffe hörte.

Dschinnistan steht sowohl bei Gutenberg als auch in der Bücherquelle jeweils ohne Vorrede online. Ihre Hausaufgabe ist deshalb, den Wortlaut von Wielands zweiter Wiederverwertung dieser überaus nutzhaltigen Information beizubringen.

Denn das ist doch das Wissen, mit dem man mal beim Jauch protzen kann.

PS in eigener Sache:
Hier herrscht immer noch Sommergewinnspiel!

Bild: Al Pacino als Shylock in The Merchant of Venice, 1596/2004
via Sarah Harris: School falls down league tables after pupils boycott ‘anti-Semitic’ Shakespeare (”Pupils refused to take a Shakespeare test because they were offended by his play The Merchant of Venice which has been branded anti-semitic”), in: Mail Online, 29. Februar 2008.

Written by Wolf

Juli 16th, 2008 um 2:48 Uhr vormittags

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Teilansicht Wolfshöhle, Blick von der Pritsche aus

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Update zu There’ll be two winters in the year:

Guckwand. Blick vom Bett aus, quadratisch

  • Zuoberst: Billy Budd: Moby, 4. Juni 2008 — das Original.
  • Mittelobere Reihe links: Achim Greser: Cartoon Auf der Frankfurter Dippemess 1967: “Wir unterbrechen unser Rock’n'Roll-Potpourri für eine dringende Suchdurchsage: Herr Theodor W. Adorno möchte bitte zum Auto der Familie Habermas kommen, die wollen heim.” — Großkopiertes Blatt aus einem alten Raben-Kalender, von dem ich immer noch täglich das alberne Kichern krieg.
  • Rechts daneben: Rockwell Kent: Whaleship at Sea.
  • Rechts daneben: Patrick Branwell Brontë: Emily Brontë, ca. 1833. Wegen ihrem naturwüchsigen Monolithen Wuthering Heights.
  • Darunter: F.K. Waechter: Grabspruch des Magisters Martinus von Bieberach zu Heilbronn, gest. 1498:

    Ich leb und waiß nit, wie lang,
    Ich stirb und waiß nit, wann,
    Ich far und waiß nit, wahin,
    Mich wundert, daß ich frölich bin

    Wie ergreifend kann ein Witzbildchen denn noch sein. Ich kann nur schwebend freihändig versichern, dass live vor Ort tatsächlich was auf dem Bild drauf ist; der Wechselrahmen wurde 1993 ererbt und hat noch spiegelndes Glas. Die erste Hängung des Ensembles.

  • Rechts daneben: Amor im Nacken, eine österreichische Zeitungsseite aus den 1890ern, versehentlich erebayt, aber ganz idyllisch. — Rechts unten in den Rahmen geklemmt: ein Lesezeichen von einem amerikanischen Bücherversand, Gratisdreingabe zu einer Bestellung 2007: Mädchen, Bücherregal ausmistend.
  • Untere Reihe links: Francisco de Goya y Lucientes: Die nackte und die bekleidete Maja, um 1803, Kippkarte.
  • Rechts daneben: Reg(e)lindis, eine der Stifterfiguren aus dem Naumburger Dom, um 1170. War vor allem in der Ausführung der Mimik ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus: die einzige Statue des Mittelalters, die wirklich ansteckend lächelt.
  • Doppelakt: einmal sitzend an eine Stadtmauer gelehnt, einmal in Schuhen und sonst nichts durch eine Nebenstraße flanierend. War mal in der Zeit aus der Besprechung zu einem Fotoband, bevor es Amazon-Wunschlisten gab.

BillyBudd, Moby, 4. Juni 2008

Bilder: selber gemacht, 12. Juni 2008;
Billy Budd: Moby, 4. Juni 2008.
Soundtrack: Noah and the Whale und The Singing Adams.

Written by Wolf

Juni 13th, 2008 um 3:42 Uhr vormittags

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“Und hier Hervey Bay, wo man hinkommt, um die Wale anzugucken…”

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Die begehbare Weltkarte war im Sommer 2005 Teil einer temporären Freiluftausstellung am Ufer der Themse zwischen Tower Bridge und City Hall. Anlass war eine Buchvorstellung mit Landschaftsfotografie aus der Luft — wahrscheinlich Yann Arthus-Bertrand: Earth from Above.

Die Besucher wurden ermutigt, auf der ausgelegten Weltkarte spazieren zu gehen. Die eigentlich interessante Beobachtung an ihrem Verhalten war, wie sowohl Londoner Ansässige als auch die Touristen zielstrebig dahin wanderten, woher sie stammten.

Das große brünette Mädchen mit den meergrünen Augen war schon viel zu lange nur mit dem Finger auf der Landkarte zu Hause, wie wir’s auf dem Bilde schaun. Am anderen Ende der Welt erklärt sie ihrem Freund, den sie von ihrer Weltreise als Souvenir nach Hause bringen will, ihre Herkunft aus Hervey Bay, Queensland. Das liegt an der australischen Ostküste und wenn er dort ist, muss er die Vorkommen an Buckelwalen bewundern und Anfang August nimmt sie ihn zum Walfestival mit. Ist das nicht süß?

Ein Kunst-Werk zwischen Gemälde, Skulptur, Installation und Happening. Sowas find ich ja immer stark.

And this is Harvey Bay, where you go to see the whales... cityofsound, 11. September 2005

Und was macht er?

Girl points out to boyfriend where she’s from — Queensland, in this case. Boy merely grunts in acknowledgment, despite nice use of painted toe as pointer.

Bild: And this is Harvey Bay, where you go to see the whales… by cityofsound, 11. September 2005.

Written by Wolf

Mai 29th, 2008 um 12:01 Uhr vormittags

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Perissodactyla

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Update zu I’m fucking Ibiza:

Verpasste Gedenktage: Am 27. April war Welt-Tapir-Tag (wieder mal danke an Cohu für Aufmerksamkeit)!

Als Ersatzgewinnspiel, weil letzthin niemand gewonnen hat, werfe ich deshalb die Frage in die mehrhundertfache Runde meiner Leser: Welche Insel ist das, als deren Freundin und Unterstützerin sich die freundliche junge Dame auf dem Bild da unten darstellt? Denn so wie mir sticht Ihnen natürlich ebenfalls als erstes die historische Landkarte ins Auge, die sie an ihre stilvolle Wohnzimmerwand genagelt hat. Nantucket, so viel darf ich verraten, ist es jedenfalls nicht, sieht nur ein bisschen so aus.

Wer weiß, was es doch ist, und es mir glaubhaft klar machen kann, gewinnt ein schickes Okapiposter.

Suicide Girls

Edit: Cohu hat mit der ihr eigenen Kompetenz und Geschwindigkeit herausgefunden, dass die vielleicht doch etwas ranzig dreinschauende junge Dame vor (und vielleicht auch auf) Bermuda steht. Das Okapiposter kann auf Youtube abgeholt werden. Glückwunsch!

Bild: Suicide Girls, eine der wenigen relevanten Erotikseiten in dieser weltumspannenden Jugendorganisation, die wir Internet nennen.
Lied: Funny van Dannen: Okapiposter, aus: Authentic Trip, 2005, live in der Münchner Registratur, 15. September 2005.

Written by Wolf

April 29th, 2008 um 4:16 Uhr vormittags

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Oops.

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Written by Wolf

Januar 4th, 2008 um 12:24 Uhr vormittags

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Verschwinde aus meinem Leben, Baby

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Update zu Ich habe euch immer gesagt, dass wir die Menschen fröhlich machen müssen:

Musik: Funny van Dannen oder SoKo.

Ich hab Keira Knightley abgesägt.
Mit mir geht manches nicht, und das wusste sie.
Eigentlich wollte ich nicht, dass sie sich so erschreckt.
Die Beziehung war tot, und sie nur noch geprägt
von Botox und Bulimie.

Es reicht eben nicht, das hat sie vergessen,
sich zu unterwerfen: Es kam nicht von innen.
Wie ihre Zehen lackiert sind, konnte ich in der Bunte nachlesen.
Unser Küchentisch taugte nicht mal mehr zum Essen
für Berufsbulimikerinnen.

(Wanderklampfensolo!!)

Jetzt säuft sie wieder und ich soll schuld sein, auch wenn sie
lallte: “Mach dir mal du keinen Kopp.”
Ich hatte schon wieder Dates mit MacKenzie.
“Mit den Hüftknochen”, sagte ich noch, “lass ich dich nicht ins Fernseh.” —
“Lass mich”, würgte sie. — Hey, so ist der Job.

(Fade out.)

Keira Knightley in Jane Austen, Pride and Prejudice

Bild: Keira Knightley als Elizabeth Bennet in Jane Austen: Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil), 2005, erste Einstellung.

Written by Wolf

Dezember 19th, 2007 um 4:32 Uhr vormittags

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new bedford girl

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Update for Seine erhabene Wildheit wurde gezähmt, seine Freiheit beschnitten, seine Wucht gemildert, Wenn e.e. cummings Moby-Dick geschrieben hätte, Geviertstriche, and Frühstück & Straße:

In New Bedford, fathers, they say, give whales for dowers to their daughters, and portion off their nieces with a few porpoises a-piece. You must go to New Bedford to see a brilliant wedding; for, they say, they have reservoirs of oil in every house, and every night recklessly burn their lengths in spermaceti candles. [...] And the women of New Bedford, they bloom like their own red roses. But roses only bloom in summer; whereas the fine carnation of their cheeks is perennial as sunlight in the seventh heavens. Elsewhere match that bloom of theirs, ye cannot, save in Salem, where they tell me the young girls breathe such musk, their sailor sweethearts smell them miles off shore, as though they were drawing nigh the odorous Moluccas instead of the Puritanic sands.

Chapter 6: The Street

ish
my
eel

when i
tub in
my bath

i think
of thee
and thy

de
man
ding dong

to need
not more
to monsterbait

thar
me
blows

Fenderella making facesuntil i
quee
queg

for a
whale
full of

sperm
etc
eti

and home in
my haven you
come

Images: Unknown beauty; animation: ƒ€ñЀ®èLLÅ.

Written by Wolf

November 30th, 2007 um 12:01 Uhr vormittags

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Besser als Sex

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Update zu My Private Weltverschwörung:

Wie die Leser von Moby-Dick 2.0, die mit Literatur gern eine erotische Komponente verbinden, bemerkt haben, fehlt in der Linkrolle unversehens folgender Absatz:

Keine Angst, das war schon Absicht. Jetzt im Nachhinein kann ich ja verraten, was doch keiner bemerkt hat: dass hinter jedem Wort ein anderer Link lag, der kurze Satz also einen Rundflug über sämtliche relevanten Websites erotischen Inhalts in der Gegenwart darstellte.

Als Tribut an die eingangs beschriebenen Leser hab ich die themenverwandten Sexy Librarians stehen gelassen. Der Rest stand hier aus dem alten Glauben heraus, dass zur Literatur auch Leidenschaft gehöre. Nicht mit einem Hirn und einer Schreibhand bescheide sich der Schreiber, nein, Schwanz und Eier benutze er! Jawohl, auch die Schreiberinnen. Was die eben an analoger Stelle haben.

Nympho Librarian Book CoverUnd dann doch wieder: Wozu braucht eine Webpräsenz, welche die Nummer 2 schon im Namen führt, Leidenschaft? Sichtbar als Reminiszenz an das umfassendere Konstrukt des “Web 2.0“, aber trotzdem als Beschreibung ihres nachfolgenden Charakters, der Sekundärtugend, der Afterkunst?

Um einem Wal und seinem Schöpfer hinterherzupaddeln, so die weitere Überlegung, braucht es keine offensiv voranstrebenden Werkzeuge wie den Phallus, sondern allenfalls Sitzfleisch. Ein Unternehmen wie Moby-Dick 2.0 zerteilt keine Wellen mit dem Organ der Fruchtbarkeit, sondern soll zuschauen, dass es sich im Kielwasser eines Stärkeren halbwegs aufrecht hält. — Aufrecht. Nicht die verächtlichste der Tugenden.

Überhaupt: 2.0, wie zeitgemäß ist das? Darf eine Online-Unternehmung, die ein Print-Erzeugnis von 1851 ausweidet, sich auch noch mit den abgelebten Insignien einer siechen Internet-Epoche umgeben? Von der eine Handvoll die Arbeitslosigkeit romantisch verklärende Romantiker glaubten, mit Geschehnissen auf einem Computerbildschrim sei Geld zu verdienen? Hurra, ich blogge jeden Tag, wie viele Leute gestern mein Blog aufgerufen haben, lol, ggggg, knuddel, zurückknuddel, HDGDL, resp. ihr wollt wissen, was ein Blog ist, ihr räudigen Medienhuren, ihr ranzigen, schrundigen, aus allen Poren eiternden Kommerzschreiberlinge? Damit ihr euch danach wieder in eurer New-Economy-Wichse suhlen könnt, weil ihr wieder mal schnell den nächsten überfinanzierten Hype abgegriffen habt? Aber ich werde euch widerliche wanzige Schreibnutten ausrotten, mit Stumpf und Stiel ausradieren, ich habe meine Torpedos schon abgefeuert, und gleich kommt es mir schon wieder, äh, ich meine, ich habe noch einiges auf Lager, bis ich euch pestilente Arschkrampen… — und wem darf ich jetzt meine Bankverbindung dafür mailen?

Ja. Soll sie doch, die Online-Unternehmung. Aber dann nicht auch noch auf Websites verweisen, die eine Vitalität feiern, die idealerweise in ein Leben offline gehört. Deshalb: Keine die Eingeweide befeuernden Seiten in der Linkrolle mehr.

Sie merken, dass die Entscheidung, die fraglichen Links zu entfernen, nicht leicht fiel. Vor allem Sex in Art vermisst man ein bisschen.

Um so dringender möchte ich unsere minderjährigen Leser bitten, die Hinterlassenschaft der Links erst bei Eintritt der eigenen Volljährigkeit zu nutzen. Wenn Sie also nach den Gesetzen des Landes, denen Sie unterliegen, minderjährig sind (in den meisten Ländern ist das bis zum 18. Geburtstag): Weg die Mausepfötchen! Mit so Zeug müsst ihr euch noch beizeiten genug auseinandersetzen. Ja, Kinder? Verprecht ihr mir das?

Film: The White Stripes: I Just Don’t Know What To Do With Myself aus: Elephant, 2003, featuring Kate Moss in der Initialzündung zu ihrer zweiten Karriere, quasi dem Anfang von Kate Moss 2.0.

Bild: Nympho Librarian bei Jessamyn via Library Mistress;
Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

Oktober 1st, 2007 um 12:02 Uhr vormittags

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Geviertstriche

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Update zu Geopfert
mit Bildern von Carly Jane:

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007

Denn mich fesselt holde Bosheit,
Wie mich Güte stets vertrieben;
Willst du sicher meiner los sein,
Mußt du dich in mich verlieben.

Heinrich Heine, 1844

Das Brünnlein rinnt und rauscht
Wohl unterm Hollerstrauch,
Wo wir gesessen
Wie manchen Glockenschlag,
Da Herz bei Herzen lag,
Das hast du vergessen.

Adé zur guten Nacht, 1848

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007Jenen goldgelben Sommerabend
ich wusste gar
nicht wie Shopping
geht war endlich
mutig genug die
Schellingstraße rauf und
runter zu strolchen
probierte ich in
einem Schuhgeschäft das
mich immer schon
immer so hochmütig
betrachtet hatte endlich
das Paar Manolos
um es endlich
in die Augen
aus dem Sinn
zu bekommen mein
Herz nahm mich
schon beim Eintreten
mit im Galopp
erst recht als
ich am Verkäufer
vorbei zielstrebig auf
das Regal zuging
mir die Red
High Heels griff
als täte ich
jeden Tag nichts
anderes den Sessel
ansteuerte und mir
die Ballerinas abstreifte.
Keine Ahnung ob
sie mir in
den Laden gefolgt
in der Ecke
gestanden oder aus
dem Boden gewachsen
war ihre Stimme
richtete sich eindeutig
an mich der
Verkäufer war zu
einer Hilfskraft hinter
dem Tresen degradiert:

„Peeptoes! Manche Leute
haben einfach den
Schuss nicht gehört!“

Was ich zuerst
von ihr sah
waren ihre eigenen
Zehen in Riemchensandalen
ich schaute an
ihr hoch die
Beine am selben
Morgen rasiert und
fragte: „Haben Sie
vielleicht einen besseren
Vorschlag?“ Sie hatte.
Sie angelte schon
in dem Regal
hinter sich und
zeigte mir den
Inbegriff von Schuhen.
Ich will sie
nicht beschreiben stellen
Sie sich einen
Feenhauch aus Gold
mit fast keiner
Sohle und einer
Idee von Strass
vor das Ganze
zehn Zoll hoch
genau im richtigen
Abstiegswinkel ach Sie
wissen was gemeint
ist. Selbst der
Verkäufer schaute respektvoll.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007„Sie zahlt mit
Eurocard.“ Sie hatte
Recht. „Woher wissen
Sie das?“ – „Sieht man
doch. Was du
brauchst ist eine
Visa und das
mit dem Siezen
muss auch aufhören.
Komm wir gehen
feiern.“ Verstehen Sie
sie hat mich
einfach aus dem
Laden mitgenommen und
mich bezahlen lassen.
Wenn ein Kerl
das gewagt hätte
den hätte ich…

„Was hätten Sie
ihn denn?“ fragte
ich hilfreich nach.

Ach Gott nichts
hätte ich wahrscheinlich
sondern wäre ihm
genauso erlegen aber
ich hatte nie
diese lesbischen Neigungen
und sie war
eine Schönheit so
stolz und selbstverständlich
ich gehörte ihr
von Anfang an
das muss man
auch gesehen haben
wie wir durch
die Straße liefen
sie hängte sich
meinen Arm in
ihren die Leute
guckten nicht mal
komisch die Sonne
schien. „So jetzt
will ich mir
auch was leisten“
sagte sie und
blieb vor dem
Bücherkarren eines Antiquariats
stehen. Kennerhaft blätterte
sie in vergilbten
holzhaltigen Klassikern in
Fraktur und ein
paar englischen Taschenformaten
keins davon über
fünf Euro stellte
ich fest als
ich meine Tasche
mit meinen neuen
Manolos unter dem
Arm aus dem
Weg geräumt hatte.
Bei den Engländern
irgendwie noch mehr
bei den Amerikanern
hörte ich ihren Atem
stocken sie schnappte
sich ein Paperback
um es nicht
wieder herzugeben. „Das
ist meins“ flüsterte
sie in einem
Ton den sie
vor zehn Minuten
auf mich angewandt
haben musste es
war ein abgelegener
Sampler von Herman
Melville sie verschwand
kurz im Laden
fragte nicht ob
ich Interesse an
dem Karl Simrock
hätte ein gut
erhaltenes Stück mit
dem Amelungenlied Büchereistempel
und Verlagslogo noch
mit Eichenlaub. Ihre
Trophäen an der
Hand links Melville
rechts mich führte
sie uns feiern.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007To ———

Ah, wherefore, lonely, to and fro
Flittest like the shades that go
Pale wandering by the weedy stream?
We, like these, are but a dream:
Then dreams, and less, our passions be;
Yea, fear and sorrow, and despair
Be but phantoms. But what plea
Avails here? phantoms having power
To make the heart quake and the spirit cower.

Kennst du das?

„Melville“ sagte ich
„eins von seinen
Zwischengedichten noch in
Arrowhead geschrieben aber
nach seiner großen
Literatenzeit.“ – „Sehr gut“
sagte sie anerkennend
„ich wusste dass
ich heute ein
Händchen habe. Genau
gesagt heißt es
To ——— das hat
er später nicht
in die Weeds-
and-Wildings
-Sammlung
aufgenommen.” – „Keine
rose or two?“
Die sieben Semester
Anglistik waren ja
nicht für die
Katz. „Natürlich nicht.
Kommt ja keine
Rose drin vor.
Wird 1860 eingeordnet
aber wenn du
mich fragst ist
es von später.
Hat er nie
irgendwo gesammelt gefunden
haben sie es
in der Lebkuchendose
mit seinem Nachlass
also quasi ein
gereimter Billy Budd
ohne schwule Matrosen.
Zeit war noch
bis Mitte der
80er aber da
wollte er es
fast selber nicht
mehr kennen. „Schade“
sagte ich „es
ist wirklich schön.“

Sie seufzte: „Ja.“

„Wie heißt das
sagtest du?“ – „To ———
mit Geviertstrichen hinten
dran.” - „Pah so
heißen doch mindestens
drei
von
Poe
auch jedenfalls wenn
man die ganzen
geheimnistuerischen Initialen und
Marie Louise Shew
nicht mitzählt sogar
mit den Geviertstrichen.“

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007„Red nicht“ murmelte
sie ungeduldig „es
ist eins der
schönsten überhaupt und
komm mir jetzt
nicht damit dass
die vierte Zeile
der alte dream
within a dream

ist natürlich ist
das der Poe“
der Tag war
zu schade um
sich zu streiten.

Wir flanierten sie
guckte immer den
Mädchen hinterher und
versicherte sich nachher
dass ich noch
bei ihr war.
Im Hofgarten fielen
wir wie von
selbst unter ein
Gebüsch da merkte
ich erst dass
ich die Manolos
aus dem Laden
anbehalten hatte und
in der Tüte
meine ausgelatschten Ballerinas
spazieren trug. „Zieh
sie aus“ las
sie meine Gedanken
„und stell sie
hier rauf nicht
dass einer von
den Proleten da
draußen doch merkt
worauf du da
rumläufst die Flachlatschen
kannst du stehen
lassen“ und zog
sich selbst die
Riemchen aus. „Unglaublich
was du für
hübsche Zehen hast“
sagte ich und
erschrak vor diesem
Klang vor diesem
Inhalt vor mir
selbst ich dachte
nicht dass ich
das mal zu
einem Menschen sagen
würde Füße waren
mir immer egal
bei Männern bei
Frauen auch der
Rest aber sie
war wie Sie
vielleicht gemerkt haben
anders. Und es
stimmte auch sie
hatte die schönsten
Zehen der Welt
eng zusammenstehend sehr
gepflegt auffallend sehnig
die Schildchen natürlich
lackiert aber ich
könnte nicht mal
sagen in welcher
Farbe. Dann lagen
wir barfuß unter
dem Busch ich
kann auch nicht
mehr festmachen wann
sie angefangen hatte
mich zu küssen.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007„Wenigstens trägst du
nichts drunter“ hörte
ich sie irgendwann
als sie mich
dahin fasste worauf
ich wie im
Reflex auch bei
ihr nachfühlte „Und
die Haut die
du hast“ – „Ach
was das ist
heute sogar nur
B-Qualität“ die Stimme
eines kleinen Jungen
stach von außen
zu uns „Mama!
Das sind ja
zwei Damen!“ – „Nein
versetzte jemand „Damen
sind das nicht“
wir lachten uns
kurz kaputt und
streichelten und küssten
einmal plauderte uns
ein Kerl in
die Laube „Ladies
ich sag das
nur aber da
drüben liegt ein
Spanner unter dem
anderen Busch nix
für ungut“ und
es war mir
sowas von egal
es war genau
wie ich diesen
gleißenden Nachmittag verbringen
wollte das durfte
jeder sehen der
zuschauen wollte nicht
wir mussten uns
schämen sondern jeder
der sich mit
etwas anderem abgab.
„Sag ihm Knipsen
kostet extra“ hauchte
sie zwischen zwei
Küssen und trank
mich weiter aus
mit den Lippen
und diesen unglaublichen
Fingern und ich
wusste als ich
ihre Finger überall
fühlte wie ihre
Zehen aussahen dass
mich das überhaupt
interessierte. Eigentlich bin
ich bei solchen
Sachen ganz still
fast schon introvertiert
aber jetzt in
der Öffentlichkeit dazu
mit einer Frau
weiß ich nicht
wie laut ich
nach ich weiß
nicht wie lange
auf einmal schrie
den größten Schrecken
bekam ich selbst
das dauerte wahrscheinlich
ein paar Momente
zu lange dann
fing ich an
zu weinen vor
Glück und einer
Welle aus Zärtlichkeit
die ich heute
noch nicht aushalte.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007„What plea avails
here?“ fragte sie
als sie mit
mir fertig war.
„Will ich gar
nicht wissen und
du musst jetzt
auch nicht noch
den Rest erklären“
sagte ich zu
ihr da hatte
ich mich schon
verliebt. Wir setzten
uns auf unter
unserem Gebüsch und
grinsten in die
Runde in der
Klarheit dass die
Hälfte von den
unschuldigen Blicken uns
seit einer Stunde
zuschaute das war
wie Aufwachen. „Jetzt
Frühstück“ grinste sie
„Zu faul“ grinste
ich darum blieben
wir einfach sitzen
und schauten diesmal
allen anderen zu
rempelten uns mit
den Schultern fochten
mit den Zehen
bissen einander in
die Ohren kugelten
uns unter dem
Busch und verglichen
unseren Mädchengeschmack von
dem ich gar
nicht wusste dass
es einen gab.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007Wir fachsimpelten. „Wie
wär’s mit der?“
„Vergiss es. Viel
zu ungebildet. Aber
die am Brunnen
wär eine Sünde
wert.“ – „Du spinnst.
Mit dem Hintern?“
„Ja aber schau
mal wie die
sich bücken kann.“
„Okay die Fesseln
machen einiges wett.“
„Nehmen wir sie
doch einfach mit
dazu also ich
hätt schon Lust.“
„Du.“ – „Was.“ – „Ich
bin froh dass
du mich ausgesucht
hast.“ – „Was besseres
kam nicht nach.“

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007Den Abend besoffen
wir uns viehisch
wie wir aufgewacht
sind glauben Sie
mir sowieso nicht.

Die Beziehung dauerte
das ganze Jahr
von mir aus
gesehen ich hielt
sie die ganze
Zeit geheim ich
habe nie über
mich gebracht zu
sagen dass ich
neuerdings lesbisch bin
war ich auch
nicht ich wunderte
mich nur plötzlich
wie fantasielos ich
die ganze Zeit
war dass ich
mir penetrationsfreien Sex
nicht mal vorstellen
konnte dabei wusste
man nie wenn
sie ging ob
sie zurückkam darum
behielten wir unsere
eigenen Wohnungen manchmal
wäre mir am
liebsten gewesen wir
hätten ein Hotelzimmer
benutzt. Einmal haben
wir es sogar
getan. Es war
der beste Sex
den ich je
hatte. Bisher. Noch
etwas das ich
mir bis zu
ihr nie zugetraut
hätte dass ich
auf gemäßigten SM
so abfahren konnte
es ist nicht
wilder Sadismus kein
gegenseitiges Wehtun und
schon gar kein
Verprügeln man muss
nur darauf kommen
wie viel man
zu verschenken hat
am meisten und
am schönsten ist
sich selbst ganz
man braucht auch
keinen Koffer voll
Geräte es reicht
ein guter Gürtel.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007„Wollen Sie noch?“
fragte ich um
die Situation zu
entkrampfen als sie
merkte was sie
da redete. Ja.
Es ist gleich
zu Ende. Wir
sahen uns eine
Woche nicht früher
konnte ich Monate
ohne Sex auskommen
vor ihr waren
es zwei Jahre
und nach dieser
Woche hätte ich
ihr fast schon
am Flughafen den
Rock vom Leib
gerissen dabei kam
sie gar nicht
dort an das
ist der Nachteil
an diesen Autos
man kann niemanden
mehr vom Bahnhof
abholen. Ich stellte
mich wie eine
Nutte an die
Ausfahrt an der
sie rauskommen musste
und es schien
sie freute sich
sogar. Es war
unser Einjähriges sie
hatte keinen Nerv
für Jahrestage das
erwartete auch niemand
von ihr es
passte nicht zu
ihrer Persönlichkeit da
war sie wie
eine Katze aber
ich hatte dran
gedacht und ich
wollte sie ausführen
wie das Jahr
zuvor zu dem
Schuhladen zu dem
Antiquariat in den
Hofgarten es bedeutete
mir was verstehen
Sie? Ja sicher
ich bestellte ihr
noch was Hartes
to kill the
pain und verstand.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007Sie holte Luft.
An dem Schuhladen
verzog sie keine
Miene sie studierte
die Auslage kannte
sich mit allem
aus hätte sich
mit dem Verkäufer
in einem Fachgespräch
über die Kollektionen
fast angelegt und
nahm mich als
sie beschlossen hatte
heute nichts zu
kaufen an der
Hand und zog
mich Richtung Antiquariat
aber ohne es
zu erkennen ohne
Augenzwinkern es war
meins nicht ihres
und schon gar
nicht unseres. Der
Insider funktionierte nicht
mehr. Können Sie
sich vorstellen wie
mir zumute war?
Ich dachte nicht
mit Waffen arbeiten
zu müssen und
fuhr jetzt doch
die stärkste auf
schluckte die ersten
Tränen und bei
sowas muss man
sich ja immer
gleich zwanghaft zum
Affen machen darum
legte ich los:

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007To ———

Ah, wherefore, lonely, to and fro
Flittest like the shades that go
Pale wandering by the weedy stream?
We, like these, are but a dream:
Then dreams, and less, our miseries be;
Yea, fear and sorrow, pain, despair
Are but phantoms. But what plea
Avails here? phantoms having power
To make the heart quake and the spirit cower.

„Das kennst du?“
Ich knickte ein.
Es war Melvilles
verbesserte Fassung vielleicht
die er wirklich
in den 80ern
verwendet hatte die
in der Schmerz
vorkommt. Das wissen
nur John Bryant
Hershel Parker und
Harrison Hayford persönlich
und ihre zweieinhalb
Hiwis und dann
noch wir beide
und sie hatte
es vergessen jetzt
wartete ich schon
darauf dass sie
anfing mit ich
hab jemanden kennen
gelernt es hat
nichts mit dir
zu tun wir
waren uns in
letzter Zeit vielleicht
zu nah merkst
du denn nicht
die Leichtigkeit ist
weg wir haben
uns genommen weil
wir miteinander konnten
und was hab
ich jetzt am
Backen ein eifersüchtiges
Elend und was
soll ich sagen
natürlich passierte es.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007Ein Ding wie
unseres war ein
derart seltenes Geschenk
dass es einem
jederzeit wieder eingesammelt
werden kann. Die
Schuld liegt im
Begehren deshalb besteht
die Folter im
Zeigen der Instrumente.
Ich werde nie
wieder jemanden finden
der Binde- von
Gedankenstrichen unterscheiden kann
und überhaupt weiß
was ein Geviertstrich
ist ich hör
schon selber wie
lächerlich das klingt
es ist aber
alles was mir
geblieben ist ich
bin ihr zu
nahe gekommen so
nahe dass die
Leichtigkeit aus der
wir bestanden stiften
ging das werde
ich nie wieder.

Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007Am Schluss der
kein Ende war
fing ich hilflos
mit ihr zu
diskutieren an warum
Melville die passions
durch die miseries
ersetzt hat obwohl
dann das Versmaß
nicht mehr stimmt
was glauben Sie
was sie zu
mir gesagt hat?

Ich schichtete Türme
aus unseren Whiskygläsern ———

Mein Gott ist
doch nur ein
Gedicht.


Bilder: Allegorya als My Inner Primitive von Carly Jane, 23. Mai 2007; Lizenz: G. Klaut.

Special thanks for leitmotifs to Neil Gaiman: Death. The Time of Your Life, November 1997.


Allegorya’s Inner Primitive, Carly Jane 2007

Written by Wolf

August 17th, 2007 um 11:11 Uhr nachmittags

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Rettet die Moleskine

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Update zu Die weiße Walin lebt:

Ahoi Polloi, Rettet die Wale, 8. August 2007

Bild, Text, Konzept, Idee, Script, Lektorat, Grafik, Idee, Konzept, Recherche, Kreation, Programmierung, Webmaster, Ringmaster, Illustration, Layout, Design, Typografie, Marketing, Vertrieb, Human Resources, Seitenpflege, Markenpflege, Kundenpflege, Art Buying, Art Direction, Creative Direction, Kontakt, Public Relations, Übersetzung, Content Management, Moderation, Trost & Rat, Bühnenbild, Beleuchtung, Kulissenschieben, 1. + 2. Geige, Streicherensemble, Holz- + Blechbläser, Blechtrommel, Maultrommel, Klavier, Lead- + Rhythmusgitarre, Leading Vocals, Bass, Schlagzeug, Mundharmonika, Kamera, Soundtrack, Gaffer, Best Boy, Key Grip, Regie, Produktion, Casting, Catering, Peitsche, Zuckerbrot, Koch- und Backrezepte, Inbrunst, Hingabe, Zärtlichkeit, Freizeit, Blut, Schweiß, Tränen und Copyright: Ahoi Polloi, 8. August 2007; Lizenz: G. Klaut.

Written by Wolf

August 12th, 2007 um 12:01 Uhr vormittags

Seine erhabene Wildheit wurde gezähmt, seine Freiheit beschnitten, seine Wucht gemildert

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Update zu Der Rathjen und vor allem zu
Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber:

Lieber Freund, ich habe so eine Ahnung – ich werde schließlich verschlissen sein und zugrunde gehen wie eine alte Muskatnuß-Reibe, die durch ständigen Gebrauch in Stücke geht. Was kommt eigentlich dabei heraus, wenn man an einer so kurzlebigen Sache wie einem modernen Buch so intensiv arbeitet? Und wenn ich in diesem Jahrhundert die Evangelien schriebe, ich würde doch im Rinnstein sterben.

Herman Melville an Nathaniel Hawthorne, 1851

Wohin mit
all dem

Wollen dem
Universum ist

das wurscht
Man wird

so nie
gelebt haben

aber hey
ist auch noch nie dran gestorben.

Raven Isis auf Suicide Girls

Bild: Raven Isis auf Suicide Girls, 2005 (Link ab 18!);
Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

Juli 16th, 2007 um 3:34 Uhr vormittags

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Herman der Youtuber

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Update zu Bücherliste 3:00:

Vor Melville: Literary Work wäre ja noch Herman Melville ohne Zusatz gekommen, aber bis jetzt haben Sie’s ja gar nicht gemerkt, stimmt’s?

Das war wohl das, was Youtube ohne Copyright-Zicken länger stehen lässt.

Sexy Librarian, Natural Contours

Bild: Natural Contours.

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Juli 15th, 2007 um 11:40 Uhr nachmittags

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Feenfunde

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Update zu Another Half-A-Whale: Eine Biografie von Hillary Clinton:

Feenfunde, Spuren von Magie, Alltagspoesie sind überall. Natürlich kann ich mich hinter den Kassen bei Penny aufstellen und die Leute um ihre erledigten Einkaufszettel anschnorren – wenn einem Hausverbot nur ein minimaler Zauber innewohnte. Etwas Grundanderes ist, wenn ich fast heimlich den zerknitterten Einkaufszettel einer ukrainischen Oma, die vor mir den Einkaufswagen benutzt hat, in der Jackentasche versenke. Es muss eine Fundsache sein. Dann ist alles möglich: Kein prekär beschäftigter Jungpapa mit Tagesfreizeit schnauzt mich zeitarm an, kein Marktleiter schiebt mich diskret zum Ausgang, und ob die Oma nicht doch eine Fee war, dafür gibt es keine Beweise.

Anfang der 1980er Jahre hat Francis E. Plumeau im Heuschober von Gansevoort Mansion in Gansevoort, New York das Hauptmaterial für Hershel Parkers Melville-Biografie gefunden.

Polaroid: vermutlich Süddeutsche Zeitung, ca. 2004.

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Juli 14th, 2007 um 12:01 Uhr vormittags

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Warum liegt hier überhaupt Stroh rum?

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Yahoo Answers

Kristine Rolofson, A Wife for Owen Chase

Das Bild: Kristine Rolofson: A Wife for Owen Chase. Montana Matchmakers, Temptation 842, 2001.

Das Buch: Owen Chase: The Loss of the Ship Essex, Sunk by a Whale. Penguin Classics 2000. Die Prework zur Prework von Nathaniel Philbrick: In the Heart of the Sea: die ungefilterten Berichte Überlebender, Erinnerungen und Apokryphen vom Schiffsunglück am 20. November 1820. Herman Melville bekam eine frühe Version der volkstümlichen Broschüre auf seiner eigenen Walreise 1840 von einem der fünf Überlebenden der Essex geschenkt und las sie in den südpazifischen Jagdgründen seines nachmaligen Moby-Dick. Eine Lektüre von weittragendem Eindruck.

Das Buch auf Deutsch: Owen Chase: Der Untergang der Essex. Europäische Verlagsanstalt, 2000. Bei Piper, 2002 komischerweise teurer.

Die berechtigte Frage aus der Überschrift: ein unbekannter Meister der Dialogführung.

Written by Wolf

Juni 23rd, 2007 um 4:57 Uhr nachmittags

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Irgendwas mit Büchern

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Update zu Das bleibt und Kaufen und Flachlegen:

Quiet, please!Wer seine Jugend lieber besorgniserregend still mit dem Lesen (!) von Büchern (!!) verschwendet (!!!) als mit dem Frisieren von Mofas, einträglichem Drogenhandel und geradezu zwangsläufig daraus resultierenden Flachlegen von Weibern genutzt hat, konnte irgendwann nicht mehr hören, dass er doch endlich mal an die Luft sollte. Bis mehrere Jahrzehnte nach Eintritt der eigenen Volljährigkeit war ja noch nicht mal Lehrereltern zu vermitteln, dass man mit Gedichteschreiben einfach die besseren Mädels kriegt. Eltern gar mit richtigen Berufen grummelten auf die lauernde Frage, was aus dem verdrucksten Rotzlöffel denn noch mal werden sollte, ausweichend: “Och, irgendwas mit Büchern.”

Wie immer hätten es die kulturlosen Besatzer schon 1946 vorgemacht: Wenn man es nur richtig verkauft, muss selbst die Arbeit des Bibliothekars keine Beihilfe zum Rumhängen sein, sondern ein kriegsentscheidendes Lebenswerk für wahre Helden.

Film: US Government Vocational Guide Films: Your Life Work: The Librarian. Iowa State College 1946.

Mythicnorms by Kit Allen

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Juni 8th, 2007 um 2:40 Uhr nachmittags

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Das unterdrückte und verschollene 18. Kapitel aus Typee: Fayaway erwacht zur Frau

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Update zu Charles Warren Stoddard und Merry Springtime:

Stolze InsulanerinIhre Füße hätten unter den Damen der New Yorker Gesellschaft als wenig ansehnlich gegolten. Ihre Sohlen, die niemals Schuhe kannten, waren von der Widerstandsfähigkeit des Schildkrötenpanzers und nahmen keine Spuren der Erde an, auf der sie wandelten. Ihre Zehen bildeten mit der Sohle fast eine Fläche. Ihre beiden Fesseln wurden von zwei kleinen, leuchtend roten Blütenkränzen geziert.

Die Füße der New Yorker Schönheiten hatten mir nie solche Aufmerksamkeit abverlangt, die ihrigen aber begrüßten mich mit einem so lebhaften Ausdruck, wie ihn die Gesellschaftsdamen oft nicht einmal im Gesichte trugen. Sobald ich die Dschungellichtung betrat, hob sie ihre Schenkel wie zum Friedensgruße an, dass ihre Fußsohlen mit den Zehenbeeren darüber aus der olivfarbenen Haut aufblitzten wie ein erfreuter Blick. Wo ihre Schenkel zusammenliefen, erblühte – die Rose der Südsee.

Als wir einander beiwohnten, schluchzte sie leise. Sie weinte vor Freude. Etwas weiteres, das ich von der New Yorkerin nicht gekannt hatte.

„Seefahrer?“

„Meine Fayaway.“

„Kommt jetzt: kleine Seefahrer.“

„Nein, meine Fayaway. Wir leben im neunzehnten Jahrhundert. Der Zusammenhang von Sexualität mit der Entstehung von Kindern ist durch nichts bewiesen. Und du bist noch nicht mal katholisch.“

„Keine Seefahrer in Fayaway?“ Sie zog eine enttäuschte Schnute.

„Nur ein Seefahrer in Fayaway.“

„Kleine Stück Seefahrer.“ Sie barg kichernd ihr Angesicht.

„Na warte. Wenn du mal nach New York kommst, kannst du dich vor denen gar nicht retten.“

„Ich nix. Du bleiben. Bleiben Nukuheva, wohnen mit Fayaway.“

Da die Richtung, welche die Unterredung einschlug, mir nicht zusagte, fasste ich Fayaway bei der Hand, wirbelte sie über ihrem Kopf herum und passte das Mädchen in meine Vorderseite ein. Sie schnurrte zustimmend, langte hinter sich, bekam meine Hand zu fassen und bedeckte entschieden ihre Brust damit. Indem ihr großer Zeh meinen Knöchel kraulte, wartete ich darauf, dass ihr Atem gleichmäßig wurde.

„Seefahrer.“

Barefoot Sandal„Meine Fayaway.“

„In Nu-York. Schöne Frau in Nu-York? In Nu-York ich hübsches Mädchen?“

„Das schönste, meine Fayaway. Schade, dass du Schuhe tragen musst.“

„Schuu-e?“

„Kleider an den Füßen.“

„Sollst nicht“, sagte sie und ruckelte noch einmal meine Hand auf ihrer Brust zurecht.

„Soll ich was nicht, meine Fayaway?“

„Sollst nicht Fayaway reduzieren auf ihr Fuße.“

Über Gedanken, was Fayaway für Wörter kannte und was für welche nicht, und vor allem ob es wirklich schlau wäre, sie aus ihrem Tal zu verpflanzen, schliefen wir ein.

+++ Tickertickerticker +++ Demnächst in diesem Weblog +++ Flashing News +++ Das Update zu Melville total versaut: +++ WAR HERMAN MELVILLE SCHWUL? +++ Tickertickerticker +++

Marquesas Couple

Written by Wolf

Mai 12th, 2007 um 12:01 Uhr vormittags

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Kritzeln gegen Krebs

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Cock-A-DoodleZuerst hab ich mir’s schlimmer vorgestellt, mit welchen verwegenen Suchanfragen ein Weblog gefunden wird, der das englische Wort für Penis im Namen führt. Die Toilettenwände des Internets erfahren sogar einen ganz neuen Sinn, wenn das einhändige Surfen gegen Prostata- und Hodenkrebs hilft.

Cock-A-Doodle-Doo: 1853er Story von Herman Melville; Cock-a-Doodle: Zipfelziehen gegen Männerleiden. Ob das Internet, wie wir ihm verfallen und misstrauen, doch unterschätzt ist?

Written by Wolf

April 23rd, 2007 um 3:46 Uhr vormittags

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Wenn e.e. cummings Moby-Dick geschrieben hätte

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ar
ou
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es
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ci
al
ly
my

(mo
by)
di
ck


, Nabokov, Lolita, 50th Anniversary EditionE.E. (Edward Estlin) Cummings, der sich die gängige Kleinschreibung seines Namens eigentlich verbeten hat, sollte einem als verstockter Liebhaber sehr junger Mädchen (”you shall above all things be glad and young“) und wegen gewisser Aspeke seiner Weltsicht suspekt sein – wegen anderer wiederum das Gegenteil–, wenn er nicht etliche Gedichte geschaffen hätte, für die man ihm einfach nur die Hand schütteln möchte. In Deutschland außerhalb der Amerikanistik praktisch unbekannt, in Amerika Allgemeingut.

Written by Wolf

April 14th, 2007 um 1:21 Uhr vormittags

Melville total versaut

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Update zu und Widerlegung von Sex and the Sea:

The quest for the private Melville has usually led to a dead end, and we are not likely to fare better by speculating about his tastes in bed or bunk.

Andrew Delbanco

Read my lipsWas haben wir es schon an dieser Stelle diskutiert. So sehr man es als offengeistiger Stadtmensch normal finden muss – wer seine „Toleranz“ zu erwähnen für nötig hält, outet sich schon als Faschist. So egal es einem sein könnte, das Thema lässt einen nicht in Ruhe. Es ist pubertär, aber man muss es denken dürfen: War Herman Melville schwul? – Flashing News auf Moby-Dick 2.0.

So viel vorab: Beweise wird es nie geben, auch nicht fürs Gegenteil. Das kann daran liegen, dass eine Affinität zum eigenen Geschlecht bis vor erschreckend wenigen Jahren ein Straftatbestand war, nicht aber eine Gefühlslage, die sich in Worte fassen ließ.

Selbst wenn Melville gewollt hätte: Der geschickteste Schreiber des 19. Jahrhunderts hätte sich nicht zu seiner Liebe zu einem Mannsbild bekennen dürfen, ohne sich als Sodomit anzuklagen. Mehr noch: Die Begrifflichkeit dafür war nicht entwickelt; es ging wortschatztechnisch nicht. Das war keine Schwäche: Mit den üblichen Verdächtigen, Shelley, Stevenson, Whitman und vordem Shakespeare, über deren Wortgewalt wir sehr viel mehr wissen denn über ihre sexuelle Orientierung, war es nicht anders. So unbekümmert saftspritzende homopornografische Äußerungen, wie sie Ralf König und Detlev (sic) Meyer zu Gebote stehen, sind im 20. Jahrhundert nicht erst forciert, sondern erfunden. Laut Ken Schellenberg haben jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem Amerikas schwule Männer Melville dem Vergessen enthoben.

Was Melville und die anderen nämlich konnten: Andeutungen machen, Parallelen ziehen, Gleichnisse herstellen, Männerfreundschaft hochleben lassen. Und diese Dinge sind Melville nachzuweisen. Auch in Moby-Dick. Fangen wir an mit den offensichtlichen Stellen.

Was das englische Wort dick bedeutet, wissen Sie. Die größten, wehrhaftesten und spektakulärsten Wale, mit denen sich ihre Fänger wiederholt herumschlagen mussten, trugen traditionell menschliche Spitznamen. So auch der ab 1810 auftretende Mocha Dick, der als Vorbild für Moby endete. Wie sich „Mocha“ unter Melvilles Händen zu „Moby“ wandelte, weiß man nicht; warum sich der „Dick“ (kurz für: Richard) nicht wandelte, steht zur freien Vermutung. Und: Das wilde, ungebändigte Naturwesen gehört der Gattung der sperm whales (Pottwale) an.

Weiter: Ismaels Beziehung zu (oder sollte man sagen: mit) Queequeg wird explizit mit einer Hochzeitsnacht eingeleitet – You had almost thought I had been his wife. Was die Bezeichnung Busenfreund heute und 1851 bedeuten kann, ist ebenfalls Gegenstand einer nicht abzuschließenden Semantik.

In die Reihe der homosexuellen Anspielungen auch das Gasthaus „Zu den gekreuzten Harpunen“ aus dem 2. Kapitel aufzunehmen, ist natürlich pubertär. Tun wir’s trotzdem.

Noch viel pubertärer wird es nämlich in Kapitel 94 – und zwar in einem Ausmaß, das wir nicht mehr missachten können. Bei Jendis heißt es Ein Händedruck, bei Melville gar nicht viel anders, aber mit viel anzüglicherem Beiklang A Squeeze of the Hand. Vorgeblich handelt es vom gemeinschaftlichen Kneten des Pottwalfettes, ein üblicher Arbeitsgang auf Walfangschiffen. Aber wie! – :

Squeeze! squeeze! squeeze! all the morning long; I squeezed that sperm till I myself almost melted into it; I squeezed that sperm till a strange sort of insanity came over me; and I found myself unwittingly squeezing my co-laborers’ hands in it, mistaking their hands for the gentle globules. Such an abounding, affectionate, friendly, loving feeling did this avocation beget; that at last I was continually squeezing their hands, and looking up into their eyes sentimentally; as much as to say, – Oh! my dear fellow beings, why should we longer cherish any social acerbities, or know the slightest ill-humor or envy! Come; let us squeeze hands all round; nay, let us all squeeze ourselves into each other; let us squeeze ourselves universally into the very milk and sperm of kindness.
Would that I could keep squeezing that sperm for ever!

usf. Man erspare mir die Übersetzung; sie ist leicht zugänglich, auch Minderjährigen. Nicht weniger haben wir hier denn ein homoerotisches Ritual einer gegenseitigen Masturbation, mit kaum erkennbarem Versuch einer verbrämenden Kodierung, und Ismael fühlt sich dabei divinely free from all ill-will, or petulance, or malice, of any sort whatsoever. Wozu so eine Stelle? Zur näheren Charakterisierung Ismaels?

Auch abseits von Moby-Dick finden sich nirgends Beweise – nur haufenweise Hinweise:

In Redburn freundet sich der erfrischend robuste Redburn (14) mit dem androgynen Harry Bolton an, der ihn in London in ein Männerbordell einführt. Ebenfalls in Redburn erscheint ein pubertierender Italiener namens Carlo – in der ganzen vorweggenommenen Schönheit eines Wilhelm von Gloeden.

In White Jacket kommen nur periphere Wortspielereien vor, die man Melville nachsehen konnte, war der Roman ansonsten ja hellsichtig genug, dass er zeitweise Pflichtlektüre im US-amerikanischen Kongress wurde (siehe Bücherliste). Wenn sie darin nicht gerade körperliche Züchtigungen aushalten, vertreiben sich die Seeleute auf dem Kriegsschiff die Zeit mit pricking (auch von Melville typografisch hervorgehoben). Das bedeutet, sich gegenseitig zu tätowieren; die Anspielung ist heute wie damals klar, die Beschäftigung gleichwohl eine höchst körperbetonte, die gern mit schwuler Ästhetik verbunden wird.

In Pierre fühlt sich der schöne und hochbegabte Pierre (19) zu gleich drei Frauen hingezogen, darunter in inzestuöser Weise zu seiner Schwester – aber nur, weil sie ihn an seinen Vater erinnert. Einmal onaniert er zu einem Porträt seines Vaters. Auch sonst sind Melvilles Einsichten aus dem Roman ihrer Zeit weit voraus und bewogen seine Umwelt, ihn als wahnsinnig einzustufen.

Aus diesen und anderen Gründen erschien Billy Budd nicht mehr zu Melvilles Lebzeiten, die schwulen Beteiligten am Melville-Revival aber mussten ihre helle Freude an ihm haben. Die Novelle über den gleichnamigen übernatürlich schönen Seemann wird uns noch gesondert beschäftigen; jedenfalls ist die exzeptionelle Schönheit des Vortoppmanns, der tragisch (also schuldlos) verfolgt wird, das handlungsstiftende Element.

Für die unter uns, die es jetzt immer noch nicht glauben: Melvilles Beziehung zu (oder sollte man abermals sagen: mit) Nathaniel Hawthorne, dem Moby-Dick und eine elysische Buchrezension gewidmet sind, kriegen wir dann ein andermal. Bald, versprochen. Leben mit Herman Melville.

Wilhelm von Gloeden Sampler

Written by Wolf

April 7th, 2007 um 12:09 Uhr vormittags

Das bleibt

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Update zu How Things Go:

I love being in a skirt and boots. It goes back to the librarian-principal look. I like the idea of carrying books around in a skirt.

Tori Amos

Pubertäre BibliothekenphantasieKennst du
den Moment wenn
du deine Mutter
nicht mehr mit
Mama
ansprechen kannst
noch wie gestern

Es reicht nicht mehr

Was dir bleibt
sind die Bücher
deiner Kindheit
wenn die was taugen
lesen sie sich
alle sieben Jahre
neu

Kennst du
den Moment wenn
du in deinem Elternhaus
aufwachst und
zum ersten Mal
das Befremden hast:
Das ist nicht dein Bett

Dann musst du weiter

Was dir bleibt
was du in deinem
rausgewachsenen Hirn
herumträgst also
pass auf dass es nicht
nach Ruß stinkt und
ranziger Pubertät

Das sind
Wachstumsschübe
Was dir immer bleibt
sind Momente in denen
du dir vorkommst wie
Ismael
im ersten Kapitel

Frau Amos erzählt in der Bücherei

Written by Wolf

April 3rd, 2007 um 1:30 Uhr nachmittags

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Die schönste Kirche der Welt

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No change today, like yesterday, the same
But dinner soon, then afternoon, then home.
Then hurrying home in the fading light,
The factory girl is going out tonight.

Ralph McTell: Factory Girl, 1969

Narvik, das ist da, wo die Eisenbahn aufhört. Wer hierher kommt, will weiter zum Nordkap. Wenn er nicht gerade helfen will, das Erz aus Kiruna in alle Welt zu verschiffen, aus dem ganzjährig eisfreien Hafen. Unter den Arbeitern, die auf den Schienenkränen herumturnten, fiel mir eine junge Frau in Kittelschürze auf. Ausgehende Spätschicht. Sie wischte sich Schweiß von der Stirn, um sich an den Gedanken des Feierabends zu gewöhnen. Und winkte mir von fern.

Eigentlich will Narvik vom Meer aus angegangen werden. Wir Landratten nähern uns von der Landseite, um auf den Bus umzusteigen, und halten es für ein Abenteuer, wenn kein verbindlicher Fahrplan aushängt, weil die Bushaltestellen nicht zwei Minuten, sondern sechs Stunden auseinander liegen.

Mein halbes Leben ist es her, da betrat ich in Narvik die schönste Kirche der Welt. Muss ja nicht jeder wissen, dass es die schönste ist. Stimmt sowieso nicht. In Wirklichkeit ist es nicht die schönste Kirche, sondern der schönste Aufenthaltsort, der von Menschen für Menschen gebaut wurde.

Was Seemannskirche auf Norwegisch heißt, hab ich über meiner zweiten Lebenshälfte vergessen. Aber ich kann mir bis heute plastisch vorstellen, wie es aussehen muss, wenn man sich vom Fjord dem Ufer nähert. Wenn der erstaunlich mächtige Funkturm auf dem Hausberg den Blick für die Narviker Details frei räumt, ist das erste, was man im Hafen sieht: genau. Die Erzverladeanlagen.

Dahinter, weiß getüncht, so zurückhaltend wie selbstbewusst und selbstverständlich: die Seemannskirche.

Wir schrieben Juni. Da wird’s in Norwegen nicht finster. Das Land, sogar das Meer, die Gegenstände, die Menschen sogar, sie glühen. Mitternachtssonne arbeitet wie der Mond, nur kraftvoller: Sie beleuchtet nicht, sie verzaubert.

Seeleute und gottlose Gesellen wie ich betreten Kirchen nur in der Fremde und wenn kein Gottesdienst stattfindet, den sie stören könnten. Der Augenblick war perfekt.

Versteht mich recht, wenn ich sage: Die Kirche war schmucklos. Damit meine ich nämlich: Es gab keinen Schmuck darin. Die Wände aus einem weißen Stein, aus irgendwelchen tief darin liegenden Fenstern ausgeleuchtet, der Boden aus gefahrenen Schiffsplanken. Über dem Altar, einem schlichten Quader aus dem gleichen Material wie die Mauer, ein Kreuz.

Die befreiende Abwesenheit von Bildern hieß mich selbst schauen, was an dieser Kirche schön sei. Es war ein Entwurf, der noch alle Gestaltung offen ließ. Das Scribble einer Kirche, ein schwarzweißes Layout. Aber nicht im hektischen Gekritzel eines Picasso, sondern in einem ruhig und sicher hingeworfenen Comicstrich. Just the basics; everything that’s essential and nothing that isn’t.

Die Architektur wirkte durch Proportionen, indem sie sich alle Figuren und sogar Farben sparte. Wahrscheinlich konnte man hier den Goldenen Schnitt studieren. Altar, Kreuz, ein paar Reihen Kirchenbänke, fertig. Keine Ahnung, wie viele es waren. Wie viele Paar Rippen hat ein Mensch? So viele, dass es reicht. Keins mehr, keins weniger.

Die Kirche der Weitgereisten. Sie zeigte Respekt vor denen, die sie besuchen sollten: Wer wusste, aus welchen Weltgegenden hier was für Hafenkneipenprügelanten eintorkeln konnten. Die Kirche hieß jeden willkommen und ließ ihm Platz für seine eigenen Vorstellungen. Gebaut für Leute, die einen klaren, weiten Horizont gewohnt sind.

Endlich verstand ich, warum es Christliche Seefahrt heißt. Es mag im Wesen des Norwegers liegen: Als sich die Wikinger das Morden und Brandschatzen abgewöhnt hatten, besannen sie sich auf ihre Weltläufigkeit. Das mit dem Besinnen hat Wurzeln geschlagen, und obwohl das Land gerade mal so breit ist wie ein Fußballfeld, ist es so lang wie der Rest von Europa. Das muss prägen.

Queequeg's nasty dreamz may sink the PequodHinten ein Weihwasserbecken. Daneben ein niedriges Bücherregal. Ich trat näher. Bibeln in allen Übersetzungen der Welt. Alle Schriften und Sprachen, die ich mit Namen kannte, und noch mal doppelt so viele. Neue und alte, schwarze und bunte Einbände, in allen Stadien der Zerlesenheit. Ein Ort der Andacht für wirklich jeden Menschen, mit dem eine Hafenstadt rechnen kann. Ohne klerikale Präpotenz, ohne Vorschrift eines Götzen. Wäre hier ein nackter, von oben bis unten tätowierter Kopfjäger mit einem Sarg im Schlepptau reingepoltert, ich hätte nicht mal eine Braue gehoben.

Es war entwaffnend. Ich setzte mich dankbar für so wenig Firlefanz und so viel Schönheit in eine der Bänke und – jawohl: Ich betete. Wenn jetzt noch jemand Orgel geübt hätte, säße ich heute noch dort.

Es war das Jahr, in dem sich viele Sachen zurechtrückten. Ich beschloss, vielleicht sogar auf derselben Reise, dass ich alkoholische Getränke fortan nicht als Geldausgabe, sondern als Notwendigkeit betrachten wollte, die ich mir ohne Nachrechnen leisten musste; ich beschloss, Mädchen grundsätzlich sympathisch zu finden, wenn sie barfuß gehen; ich beschloss, Adjektive zu vermeiden. Lauter Sachen, die einem angesichts der Narviker Seemannskirche einfallen.

Hinter der Kirche: ein maritim organisiertes Männerwohnheim. Daneben die Hafenkneipe.

Unter den Arbeitern, die sich auf Barhocker gereiht an Aquavitgläsern festhielten, fiel mir eine junge Frau in Kittelschürze auf. Pantinen unter den Hocker geschoben, ihre Zehen spielten mit den Stuhlbeinen.

Sie winkte wieder.

Written by Wolf

März 25th, 2007 um 11:42 Uhr nachmittags

Captain’s Blues

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Meine eigene Hütte sollte
immer aussehen wie
war natürlich nicht zu machen
Captain Ahabs Kajüte.

Bislang hat’s gereicht für
einen Kompass der
die Windrose aus Fliesen im
fensterlosen Bad ausrichten half.

Eine sagte dazu: Na wenn’s dir sonst danke geht
die nächste: was ich für einem Patriarchenscheiß
die dritte: was ich für einem Lausbubenscheiß
obläge und ob’s mir noch danke geht.

Ich hab immer langsam gelebt.
Wenn nichts dazwischenkommt
werd ich noch richtig
steinalt.

The Smell

Written by Wolf

Dezember 27th, 2006 um 2:21 Uhr nachmittags

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Das Schwirren eines Vogels auf Blütenblättern, der Aufprall einer Nippesfigur auf dem Fußboden

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Erstens: Jodie Foster.

Panic RoomJodie Foster ist eine einschüchternd kluge Frau. Männer pflegen ja von solchen Fabelwesen impotent zu werden, wofür sie sich dann eine Beziehung lang rechtfertigen müssen. Nur Jodie Foster macht das mit Absicht.

In Panic Room (2002) tat sie so, als ob sie gedemütigt werde. Dabei rächte sie sich nur für die Demütigungen, die sie seinerzeit in ihren Lolitafilmen erleben musste. Oder soll das Zufall sein, dass sie eine Filmtochter vorschieben durfte, so alt wie Jodie Foster in Taxi Driver? Dann lesen Sie das dicke Buch der kalifornischen Mythologie nochmal.

Aufs Blut gereizte Bärenmama mit Bärentochter in Bärenhöhle (muss ich wirklich beweisen, dass wir hier in eine Gebärmutter eindringen?) bewirft geldgierige, schwanzgesteuerte Eindringlinge mit Eisenträgern; verspielte, noch nicht ganz herangereifte Bärentochter tapst nach alter Lolitasitte barfuß Bärenmama hinterher, die anscheinend seit ihrer eigenen Lolitazeit nur ihre Schuhe noch nicht wiedergefunden hat, und muss für leinwandfüllende Großaufnahmen ihre geschundenen Rosenfüßchen in die Kamera halten, ja wird geradezu über die verkrampfte Mimik ihrer Zehen als das verletzlichste aller Päderastenopfer charakterisiert – mit solchen topoi hat das Hollywood des jungen Jahrtausends doch nicht für die Katz den Panic Room möbliert. Sonst sind sie ja auch eher auf fadenscheinig sublimierte Übermütter mit Bombenbrüsten fixiert.

Da sei Jodie Foster vor. Als sie vor Jahrzehnten in ihrer Rolle als Mädchen am Ende der Straße allein in eine Art Panic Room eingesperrt war, wurde sie schon mal von nicht ganz so entschlossenen Unholden behelligt. Barfuß wie ein Bärenjunges, um den Anschein der Selbstbestimmtheit (und ihren zweiten Oscar) ringend, aber letztendlich schutzlos wie in Humbert Humberts Motelzimmer. Und was las sie dort? Emily Dickinson.

Zweitens: Emily Dickinson.

Emily Dickinson, auch nicht älter als 17Emily Dickinson war eine einschüchternd kluge Frau. Das hat nur niemand gemerkt, weil sie praktisch ihr Leben lang ihren Panic Room, nein falsch: ihr Kinderzimmer nicht verließ. Was sie dort statt dessen trieb, weiß Heinz Schlaffer in der Süddeutschen Zeitung vom 18. November 2006:

Selten verließ sie den Wohnort, bald immer seltener Haus und Garten ihres Vaters, am Ende kaum noch ihr Zimmer. Enthusiastisch liebte sie ihre Verwandten und Freundinnen, blieb dabei aber unzugänglich. Später sprach sie mit ihnen nur durch die halb geöffnete Tür aus dem Zimmer, das die anderen nicht betreten durften. Hier lebte sie mit ihren Gedichten für sich. [...]

Es trifft sich gut, dass in diesem Herbst gleichzeitig eine Ausgabe ihrer Gedichte und eine Auswahl ihrer Briefe erschienen sind. So wird sichtbar, dass sich ihre Gedichte wie Briefe, ihre Briefe wie Gedichte lesen. Auch die Briefe verzichten auf Nachrichten über Umstände, Fakten und auf eine zusammenhängende Darstellung von Situation und Ereignis. Beide, Gedicht und Brief, wirken wie überstürzte Mitteilungen zufälliger Notizen, wobei einige wie von selbst zu Reim und Rhythmus finden und dann Gedicht heißen.

Eine also, der kein anderes Ausdrucksmittel zu Gebote stand als die lyrische Gestaltung. Eine so durchschaubare wie begreifliche Form des Selbstschutzes. Dass sie sich auch noch als Barfuß-Dichterin empfand, betont in diesem Fall wohl ihre Verletzlichkeit. Sowas lesen dann die bedrohten Mädchenexistenzen in ihren Jungfrauenzimmern.

Drittens: Herman Melville.

Herman Melville war ein einschüchternd kluger Mann. Was aber niemanden jemals groß interessierte, am wenigsten seine Frau. – In Heinz Schlaffers o.a. luzider Besprechung kommt auch kurz Melville vor:

Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht eine autonome amerikanische Literatur, sogleich aber von höchstem Rang: in den Essays Emersons, den Romanen Hawthornes und Melvilles, in der Lyrik Walt Whitmans und Emily Dickinsons. Doch selbst diese Gedichte, so fern sie auch allem praktischen Nutzen zu stehen scheinen, sind dem Geist der Pioniere, die einen Kontinent erobern, verwandt: Sie erkennen keine Konventionen der lyrischen Sprache an; sie wollen nur sagen, was wirklich und wahr ist. Deshalb sind sie rücksichtslos neu. Aus der adamitischen Situation der amerikanischen Kultur, die noch einmal am Anfang der Schöpfung zu stehen glaubt, geht ein eigenständiger Beitrag zur Literatur der Moderne hervor. Die amerikanische Lyrik verabschiedet, wie die europäische seit Rimbaud, die Vorstellung von schönen Versen, um die archaischen Elemente der Poesie wieder freizulegen.

Lolita gibt BärenpfötchenSo führt ein direkter Weg von Melvilles Ishmael und den Lost Boys auf der Pequod über Emily Dicksinsons autistische Lyrik und Nabokovs Lolita, die mit Humbert Humbert die USA bereiste, bis zu den populärpostfeministischen Jodie-Foster-Schinken.

Alle eine Revolution, alle eine Revolte.

Gibt es überhaupt künstlerisches Schaffen, das keine Kindheitsneurosen aufarbeiten will?

Written by Wolf

November 21st, 2006 um 12:50 Uhr nachmittags

Kaufen und Flachlegen