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Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma Thurman)
Wolf hat Kapitel 32: Cetologie gelesen:
Ab hier ist Pottwal. Form follows function nicht — sie geht ihr voraus, um sie zu stiften, deswegen haben wir es auch nicht mit Gebrauchsdesign zu tun, sondern mit Kunst. Und was für welcher: Lies das deiner siebenjährigen Tochter als Gutenachtgeschichte vor, und sie schwimmt den Rest der Nacht in Tränen, und zwar nicht aus Angst vor dem Moby, sondern vor dem Melville.
Übertrieben? Von mir aus. Bei meinem Moby-Dick-Erstversuch als nicht Sieben-, aber so um Vierzehnjähriger muss mich diese Cetologie ziemlich mitgenommen haben. Natürlich hab ich heimlich gelesen, nachts, nachdem der elterliche Fernseher verstummt war, und dann sowas. Eine lang und breit angekündigte Systematik der Meeresungetüme — auf wissenschaftliche Art — die Viecher gab’s also wirklich! Mit abseitigen Fremdwörtern belegt, mit abstrusen Attributen ausgestattet (ein Wal mit einem Horn auf der Nase, mit dem er vielleicht ich weiß nicht was angreift und aufspießt, vielleicht auch “nur” den Meeresgrund nach Nahrung umpflügt oder Polareis aufbricht!), in eine Ordnung unterteilt wie der Bestand einer Bibliothek, von der man nur noch nichts geahnt hatte! Ein geradezu abgeschlossenes Werk zur Meeresbiologie mitten in einen Roman geflickt, ohne Handlung, aber spannender als der traurige Rest der gesamten (mir) bis dahin bekannten Weltliteratur, ein Rätselwerk, ein Unding — ja, darf der das?
Man liest nie wieder so verständig und so durstig wie mit vierzehn, dass ich am nächsten Tag in die Schule musste, focht mich wenig an. Meine Lehrer konnten mir in der folgenden Woche wohl nicht viel Neues beibringen. Ich hatte vorerst genug gelernt, nämlich dass man, um sich einprägsam zu äußern, aus vorgegebenen Rahmen ausbüchsen muss. Ohne es schon so formulieren zu können, wusste ich um die Kunst, die Regeln bricht und Erwartungen enttäuscht. Das war nahe an der Revolution.
Die Vorbildreihe geht: So ziemlich alle Schreiber orientieren sich an Poe, der hat das meiste Moderne an der Literatur erfunden, eingeführt, ausgebaut, definiert. Poe, man staune, orientierte sich an E.T.A. Hoffmann, doch, wirklich, es gab englische Übersetzungen, und sie waren in Amerika zugänglich. Hoffmann wiederum hielt viel von Jean Paul, auch so ein ungebärdiger Treibauf von Stilist. Und der hatte sich dauerhaft in Laurence Sterne verguckt, vor allem in eins der ungebärdigsten Bücher überhaupt, den Tristram Shandy. Damit führt die Reihe zurück in die Anglistik, das Faszinierende an ihr ist ja schon, dass sie überhaupt zwei Glieder lang in der Germanistik war. Poe, Hoffmann, Jean Paul, Sterne. Allesamt Hausheilige von mir, allesamt kein obligatorischer Schulstoff, sondern auf dem Zweig der Literaturgeschichte, der ins Vergessen wippt und kippt.
Jean Paul, ziemlich weit oben in der Vorbildreihe für einen, den Reich-Ranicki heute ausdrücklich aus dem deutschen Literaturkanon ausnimmt, hat es nicht zu einem so langlebigen — sagen wir ruhig dieses eine Mal: Kultbuch wie Moby-Dick gebracht. Nicht vergessen wie Melville hat er seine Karriere durch Ableben beendet, sondern als Bestsellerproduzent, nur leicht belächelt für seine schmalzigen Stellen. Gut, seine Backsteine neigen zum Melodram, aber nicht in der Hauptsache. Mich erinnern sie sogar an Moby-Dick in ihrer fröhlich vorsätzlichen Missachtung aller Romantheorien, und da natürlich vor allem an diese Zumutung von retardierendem Moment in Kapitel 32. Alles voller freier Assoziationen aus einer angelesenen und zusammengelebten, aber enzyklopädischen Bildung, das einzige, was keine Sau interessiert, ist die Grenze zwischen Gaudium und Wissenschaft. Dann noch Jean Pauls gesucht schrullige Romanunterteilungen in “Sektoren, “Hundsposttage” oder “Jobelperioden“, daneben Melvilles Begründung der Cetologie anhand bücherförmiger Wale, die sich zum Wal qualifizieren, indem sie blasen und einen querstehenden Schwanz haben, nicht aber in Flussmündungen wohnen — überhaupt die Parallelen von allem und jedem zu staubschichtiger Stubengelahrtheit unter lauter alten Büchern, angefangen von Jean Pauls Erstling Schulmeisterlein Wutz neben Melvilles Moby-Dick-Prolog mit dem “blassen Hilfsschulmeister” und dem BUCH II (Oktavo), Kapitel III (Narwal, das heißt: Nasenwal), der mit seinem Horn wahrscheinlich Flugschriften falzt — da fällt doch nicht nur mir was auf?
Der Walbulle im Karpfenteich der Romanliteratur, sagt Daniel Göske zu Anfang seines Nachworts, und welche Stelle sollte ein Buch wohl wirksamer dazu qualifizieren als diese seemännische Cetologie, Jean Paul kriegen wir bestimmt später noch mal.
Wer erzählt uns das alles? Ismael natürlich, den Großmacht Herman Melville vor sich herschiebt. Jürgen hat dazu zielsicher den aufschlussreichsten Satz aus dem Kapitel gefischt: “I have swam through libraries and sailed through oceans” — was übrigens beim Ehepaar Seiffert 1956 heißt: “Doch ich habe in der Weisheit der Bibliotheken gebadet und bin auf Ozeanen gesegelt, ich habe Wale unter meinen Menschenhänden gespürt”. Gar keine so schlechte Lösung. Hier ist Ismael in besonderem Maße Melvilles alter ego: noch mehr als ein Schreiber, der schon mal auf einem Schiff war, der Seemann, der sich mit Büchern auskennt. Und er schreibt es offensichtlich rückblickend: “Ich habe mit diesen Händen Wale berührt”, sagt er, dabei fährt Ismael erklärtermaßen zum ersten Mal auf Wale aus, wie er im Vorstellungsgespräch bei der Anheuer angibt. Also kein Regiefehler, sondern nur logisch.
Was erzählt er noch? Die Versuchung ist enorm, an dieser Stelle eine Liste zu eröffnen, die Melville, Jean Paul, Linné und die Penny Cyclopedia auf einmal imitiert, persifliert, paraphrasiert und ausnutzt; leider sind wir hier ein Weblog für ökonomisch denkende Schüler im Englisch-Leistungskurs (hausaufgabe.de kostet, glaub ich), die einem das hinterher wieder nicht lesen. Also noch als Schnellsegeltörn über einen der tiefsten Gräben im Ozean Moby-Dick ein paar Auffälligkeiten, die nicht gleich in der nächstbesten Online-Lernhilfe stehen:
Wale sind bei Melville noch Fische, wozu er sich auf den biblischen Jonas beruft, auch wenn er diese Einteilung schon als “altmodisch” erkennt. Ismaels gehaltvollster Beitrag zu einer weiter zu errichtenden Cetologie, ein Wal sei a spouting fish with a horizontal tail, ist so wahr wie fiktionale Literatur eben ist: Er stimmt, auch wenn er von den Realitäten außerhalb des Werks abweicht — es heißt ja auch in der Fachliteratur wie in der Bellestristik whale fishery, ätsch. Friss es oder lies William Scoresby und versuche wenigstens darin Melville zu gleichen.
Übersetzungshaken in der weiteren Systematik: A walrus spouts much like a whale, but the walrus is not a fish, because he is amphibious heißt bei Jendis: “Ein Walroß bläst ungefähr wie ein Wal, aber das Walroß ist kein Fisch, weil es amphibisch lebt.” Es lebt, das Walroß, es tut also etwas, statt etwas zu sein. Mag sein, dass ich diesen Unterschied überbewerte, aber Rathjen meint, näher an Melville: “weil es amphibisch ist”. Auch wenn Jendis soweit löblicherweise ein Vollverb vor einem Hilfsverb bevorzugt, schreit gerade bei diesem kleinen feinen alltagsphilosphischen Unterschied ein leiser Schmerz in mir auf: A Walross’s gotta do what a Walross’s gotta do, aber erst sein Sein bestimmt sein Bewusstsein.
Übersetzungshaken in der abgrenzenden Systematik: Das “nosy” Volk der Schweins- und Saufische ist bei Jendis verächtlich, weil es “aufdringlich” ist, bei Rathjen “großnasig”, Leo kennt “neugierig” und “naseweis”. Schön, dass Herrn Jendis beim Überarbeiten von Rathjens Vorarbeit die übertragene Bedeutung aufgefallen ist; andererseits: Wie aufdringlich sind Wale? [Und sind cloistered old authors eher "weltabgewandte Schreiber" (Jendis) oder "Klosterautoren" (Rathjen)?]
Übersetzungsschönheit: Lebensspendender Saft heißt im Original quickening humor. Wenn man das mal als Kalauer verwenden kann, soll mich bitte jemand diskret schubsen.
Noch eine Schönheit: Jendis’ “alte Frakturschwarte” und Rathjens “alte Fraktur” umschreiben sich im Original: “Black Letter tells me [...]“. Ist das nicht einfach wunderschön? Binnentextueller Bezug: Ismael erwähnt hier seit Kapitel 2 zum ersten Mal den old writer–of whose works I possess the only copy extant wieder. Hinter die angedeutete Ferkelei, die Ismael hier im Abschnitt über den ach so bücheraffinen Narwal um Richard Hakluyt und Queen Bess strickt, kommen die ökonomisch denkenden Schüler schon selber, verwenden können sie die sowieso nicht.
Ebenfalls der Narwal ist es, der mit seiner Finne an eine Sonnenuhr erinnert. Natürlich nicht an eine statische, die ein für allemal ausgerichtet die Uhrzeit kund tut, sondern wie Wale so sind, mobil, agil, vital. Eben wie die Sonnenuhr des Ahas, die Göske in seiner Anmerkung als “erratisch” einstuft. Hier hab ich den Einwand, dass diese biblische Erscheinung nicht beliebig auftauchte, sondern auf göttliche Einwirkung aus wichtigem Anlass. Gerade weil Göske noch dazuerklärt, dass Melville die betreffende Stelle — Jesaja 38,8 — in seiner Bibel markiert hat, scheint mir das wichtig. Also: Narwal schwimmt nicht tirili um und um, sondern laviert nach göttlichem Geheiß.
Melville selbst scheint sich anfangs nicht recht einig, was er da überhaupt anzettelt. Seine lange Vorrede zu seiner Systematik steckt voller Rechtfertigungen, dem Seemann ist selbst nicht ganz geheuer, wie er sich da in eine noch nicht mal anerkannte Wissenschaft vorwagt. Erst am Schluss von Buch I, Kapitel III über den Finnwal fasst er sich ein Herz und findet seine Begründung, warum man Wale nach Buchformaten ordnen soll:
What then remains? nothing but to take hold of the whales bodily, in their entire liberal volume, and boldly sort them that way. And this is the Bibliographical system here adopted; and it is the only one that can possibly succeed, for it alone is practicable. To proceed.
Das war ihm ein Bedürfnis. Ab sofort läuft’s auch hörbar unbekümmerter aus der Feder mit den folgenden Erkenntnissen.
Man versteht ihn durchaus: Im Nachhinein fällt die Vorstellung schwer, dass eine bestehende Wissenschaft, die seitdem zumindest teilweise in die Allgemeinbildung eingegangen ist, irgendwann schlicht nicht existiert haben soll. Irgendwo müssen die Grundlagen dazu ja dermaleinst hergekommen sein. Im Anfang war man auf Beobachtung angewiesen, auf das unermüdliche Sammeln dessen, was vorhanden ist. Diese ganze Empirie, die in den grandiosen Positivismus des wissenschaftslastigen 19. Jahrhunderts mündete, ist überhaupt nicht überschätzbar und hat mich immer ehrfurchtsstarr an Newtons (und anderer) “Schultern von Riesen” erinnert. Da ist der seemännische Stolz berechtigt, den Ismael-Melville in Kapitel 24 nur halb ironisch vor uns ausbreitet: Wer hat denn unter Einsatz von Leben, Existenz und gutem Ruf all die Wale zuerst gesichtet, die man zu Hause den biologischen Kapazitäten in der geheizten Stube vorlegen musste — in welcher Form außer von Seemannsgarn auch immer, wenn man sie nicht einmal mit der Handykamera dokumentieren konnte — wenn nicht gottesfürchtige, unterbezahlte, salzwassertropfende Walfänger? Und dann geht’s los mit Klassifizieren…
Überhaupt: Wie übersetzt man das? Melvilles Text ist auf Englisch entstanden, schon all die Walnamen in diesem einzigen Kapitel lauten bei Jendis und Rathjen recht unterschiedlich: Huzza Porpoise ist “Heißajuchhe-Tümmler” ist “Hurra-Tümmler” ist gemeiner Tümmler ist wahrscheinlich Großer Tümmler — dabei sind das noch die zwei Übersetzungen, die miteinander in Bezug stehen. Worauf man dann erst bei einem Vergleich aller bisherigen Übersetzungen stieße, kann man sich ungefähr vorstellen. In welchem Wörterbuch schlägt man das nach, und woher weiß man, unter welchem Buchstaben? P wie Pottwal oder K wie Kaschelot? Und wenn man sich entschieden hat, hatte dann der Lexikograf die gleiche Tierart vor Augen? Welche Delfinunterart ist schon ein Flusswal, ab welchem Gelbstich ist ein Blauton schon ein Grün? Und wenn einer das anders sieht, ist er dann dümmer als der andere?
Mein Moby-Arbeitsexemplar spickt und starrt in diesem Kapitel vor Bleistiftanmerkungen wie bisher in keinem anderen; fertig wird man damit noch lange nicht, den Rest schenk ich meinen Nachrednern. God keep me from ever completing anything.
Alle noch wach? Dann möchte ich jetzt zur Belohnung mit denjenigen meiner Leser, die bis hier durchgehalten haben, meinen Ohrwurm der Woche teilen: Girl, You’ll Be a Woman Soon, eins von Neil Diamond aus Just for You 1967, 1994 von Urge Overkill für Pulp Fiction wiederbelebt.
Bilder: Rockwell Kent: Chapter XXXII: Cetology, by Lakeside Press of Moby Dick;
Michael Stolzke: Wa(h)lverwandtschaften — Einseitig und Moby Dick, 26. Juli 2006.
This whole book is but a draught – nay, but the draught of a draught.
Auch Sascha, der stolze Gewinner im Sommergewinnspiel auf Moby-Dick™, der den Redburn so gut wie den Wealth of Nations kennt, hat Kapitel 32: Cetologie gelesen und nutzt seinen Gewinn dazu, sich in die Kapitelbesprechungen einzureihen. Das macht er gut! Solche Leser brauchen wir, one, two:
Ich bin ganz Jürgens Meinung, ich möchte allerdings noch eine weitere Dimension des Kapitels ansprechen.
Ich habe, wie Jürgen auch, Nachforschungen in der Walkunde betrieben und ich stimme ihm zu, wenn er sagt, dass die Melvillsche Klassifikation für die damalige Zeit doch relativ brauchbar und bemerkenswert war. Als Buchhändler hätte Jürgen aber auch die erwähnten Buchklassifikationen Folio, Oktav, Duodez weiter verfolgen sollen ;), denn:
Melville (der Ich-Erzähler Ishmael ist hier, wie oft auch anderswo im Buch einfach abwesend) klassifiziert die Wale nach ihrer Größe, beginnend mit dem Pottwal (sperm whale), welchen er damals für den größten der Wale hielt. Für diese Taxonomie verwendet er die Klassifikationsbezeichnung von Buchformaten (Folio, Oktav, Duodez), absteigend von den großformatigen zu den kleinformatigen Buchseiten bzw. -größen. Wale sind hier also wie Bücher anzusehen!
Irgendwie ist (das Buch) Moby-Dick ja auch ein Wal: “A book of a whale and a whale of a book.” Dazu passt es ganz wunderschön, dass Melville in einem Brief an seinen Verleger Evert A. Duyckinck im Jahre 1849 über den Schriftsteller und Philosophen Ralph Waldo Emerson schrieb:
I love all men who dive. Any fish can swim near the surface, but it takes a great whale to go down stairs five miles or more; & if he don’t attain the bottom, why, all the lead in Galena can’t fashion the plummet that will.
Herman Melville: To Evert A. Duynckinck, 3 March 1849,
in: Correspondence, ed. Lynn Horth
(Evanston: Northwestern UP, 1993) 121.
Mit diesem Zitat wird die Analogie zwischen (Ab-)Tauchen in die Tiefe des Meeres und (Ein-)Tauchen in das gesammelte Wissen der Welt hergestellt, das metaphysische Schwimmen durch Bibliotheken findet seine physische Entsprechung im Abtauchen der Wale.
„I have swam through libraries and sailed through oceans.“ Wale schwimmen durch das Meer, Bücherwürmer schwimmen durch Bibliotheken, und, falls sie so ein Pfundskerl wie Melville waren, gingen sie auch noch vor dem Mast zur See.
Wie das wohl aussähe, wenn man durch eine Bibliothek schwämme? So wie in diesem Portishead-Video vielleicht?
Abtauchen wird im Kapitel Cetology gleichgesetzt mit der Suche nach Wissen und Erkenntnis und damit auch nach deren Sinnzuschreibungen. Der Wal ist der Meister des Abtauchens und seine Entsprechung zu Land sind diejenigen, die sich in gedanklichen Tiefen das Hirn über die Welt zermartern, so wie es Melville oft tat.
Melville sagt über seine Klassifikation in Cetology, was auch für jegliches Wissenskompendium gilt:
I promise nothing complete; because any human thing supposed to be complete, must for that very reason infallibly be faulty.
Hier werden in gewisser Weise Einsichten vorweggenommen, wonach Bedeutung und Wissen nicht letztgültig “festgeschrieben” und fixiert werden können. Später im Roman versucht Ahab, den weißen Wal in seiner Interpretation als böses Monster festzuschreiben und überlebt seinen Versuch nicht.
Melville bzw. Ishmael ist da weiser als Ahab und lässt Bescheidenheit bei seinem Klassifikationsversuch und bei seinem Werk als Ganzem walten:
God keep me from ever completing anything. This whole book is but a draught – nay, but the draught of a draught. Oh, Time, Strength, Cash, and Patience!
Alles in allem denke ich also, dass es in Kapitel 32 weniger darum geht, den Leser mit dem sperm whale/Pottwal, der später auftaucht, vertraut zu machen. Vielmehr geht es um epistemologische Fragen: Wie sammelt man Wissen? Und wie kann man daraus Struktur und Erkenntnis gewinnen, bzw. letztendlich Sinn erzeugen? Wie der Wal wirklich aussieht, wie groß er ist, ob er Zähne oder Barten hat, ist doch absolut egal für den Roman und für den monomanischen Ahab. Entscheidend ist, was man auf diese große weiße Leinwand von Rücken eines Moby Dick projiziert. Mehr dazu blüht uns in Kapitel 42: The Whiteness of the Whale.
Und an dieser Stelle möchte ich mich für das Sommergewinnspiel bedanken und für die Chance, auf diesem wunderbaren Blog meine evtl. größte Leserschaft jemals zu erreichen. Meine Magisterarbeit wollte keine Sau lesen ;)
An die P.E.Q.U.O.D.-Crew: Weiter so, nicht einschlafen, nicht entmutigen lassen. In White-Jacket schrieb Melville:
Ihr seid die Top-Men der aktiven MD-Jünger, also keep afloat!
Ich für meinen Teil bleibe Euch treu bis Kapitel 135 (bzw. bis zum Epilog). Grüße vom dankbaren Gastbeitragslieferanten Sascha.
Bild: Sascha Zivkovic;
Soundtrack: Portishead: Only You, aus: Portishead, 1997.
Vom Schwimmen durch Bibliotheken
Jürgen hat Kapitel 32: Cetologie gelesen:
Man will ja nicht meckern, (für mich — wie für viele andere — machen solche Kapitel einen nicht unerheblichen Teil des Reizes von Moby-Dick aus), aber der unvoreingenommene Leser hat schon bei der seltsamen Traumgeschichte in Kapitel 31 die Stirn gerunzelt, doch die war kurz und am Ende gab’s den Lichtblick: Der Weiße Wal kommt ins Spiel! “Hurra!”, denkt der Leser und seine Stirn glättet sich wohlwollend, “erst 31 Kapitel gelesen und schon wird zum ersten Mal der Wal erwähnt, um den es gehen soll…”
Und dann Cetology.
Ein schier unendliches Kapitel, in dem nichts passiert. Gar nichts. NADA! Die Stirnfalten werden tief wie der Marianengraben. Was soll denn das? Gute Frage — laut Anmerkungen in der Jendis-Übersetzung ein Stilmittel, mit dem Melville “literarisches Neuland” betritt. Na, das kann man wohl sagen!
Wer einen Abenteuerroman wie Typee erwartet, der wird allerspätestens an dieser Stelle bemerken, dass er das falsche Buch gekauft hat. Melville zerschlägt mutwillig den (ohnehin schwächelnden) Spannungsbogen, den er eben so mühsam aufgebaut hat (zur Erinnerung: Ahab tritt auf — Konfrontation Ahab/Stubb — der Weiße Wal wird erwähnt). Statt dessen liefert er nicht enden wollendes Geschwafel über den Wal an sich und verschiedene Walarten (von denen die meisten in Moby-Dick nie wieder erwähnt werden).
Melville wollte “a mighty book” über “a mighty theme” schreiben. Den Wal in all seinen Facetten beleuchten. Und so muss er seinem Leser erst einmal das Subjekt vorstellen. In den 1850ern waren Wale bekannt, doch den meisten Lesern wohl eher schemenhaft. Also stellt Melville klar, wovon im folgenden die Rede sein wird. Er hätte sich da bestimmt kürzer fassen können, aber das ist nicht unbedingt seine stärkste Seite. Wie eine Buchhändler-Kollegin an dieser Stelle sagen würde: “Er konnte die Tinte nicht halten.”
Das Ziel ist klar: Dem Leser soll deutlich werden, mit welch gewaltiger Kreatur sich Ahab anlegt. Der Pottwal: “the great sperm whale now reigneth!” Dabei wird z.B. der deutlich größere Blauwal (”Sulphur Bottom”) zwar erwähnt, aber nur am Rande. Um ihn wird es nicht gehen… Doch neben der offensichtlichen Absicht — deutlich zu machen, dass Moby-Dick eben mehr ist als eine Abenteuergeschichte — ist da vielleicht ein wenig Frustration im Spiel?
Immerhin ist Melville eine Koryphäe auf dem Gebiet der “Cetologie” zu seiner Zeit, von all seinen Quellen haben nur zwei (Bennett und Beale) den Pottwal lebend gesehen. Und die beiden waren Schiffsärzte auf Walfangschiffen, also keine “richtigen” Waljäger.
Melville aber hat tatsächlich Wale gejagt, “I have had to do with whales with these visible hands”, sagt er, seine Beschreibungen des Pottwals sind (für uns heute leicht nachprüfbar) erstaunlich genau, zu seiner Zeit sensationell genau. Wer wäre also besser geeignet, eine Systematik der Wale zu erstellen? Er ist “durch Bibliotheken geschwommen und über Weltmeere gesegelt.” Melville hat wirklich Ahnung vom Thema. Dieses Wissen aber dürfte ihm in wissenschaftlichen “Fachkreisen” wenig genutzt haben. War ihm das bewusst? Wusste er, dass all sein erlebtes und erlesenes Wissen wenig Eindruck auf einen Universitätsprofessor gemacht hätte? Dass man ihn vielleicht ausgelacht hätte? Und “versteckt” er deshalb diese durchaus sinnvolle und brauchbare (wenn auch spaßig formulierte) Systematik in einem Roman? Um der Nachwelt zu zeigen: “Schaut, das habe ich alles gewusst!”?
Dazu interessant dieses:
Eine der frühesten Rezeptionen des 1851 in London und New York ersterschienenen Romans findet sich 1860 in einer anonymen Miszelle der “Gartenlaube”, wo auf S. 655–656 Melvilles systematische Einteilung der Wale in Folio-, Oktav- und Duodez-Wale ohne Nennung des Werkes — nur des Autors, „sehr gelehrt in Sachen der Walfische“ — anzitiert wird.
Aus einer Besprechung der Rathjen-Übersetzung auf Cetacea.de
Und was seine Definition des Wals als “a spouting fish with a horizontal tail” angeht: Das stößt dem Melville-Fan natürlich sauer auf, dass sich der Meister so geirrt haben soll. Schließlich lernt doch heute jedes Kind, dass Wale eben keine Fische, sondern Säugetiere sind. Aber das ist eben nur eine Frage der Definition, der Systematik. Bezeichnet man alle Tiere, die im Wasser leben als Fisch, dann ist auch der Wal ein solcher. Linné hat sich durchgesetzt, nicht Melville, davon aber abgesehen, ist die Melvillesche Definition ziemlich brauchbar. Zumal wenn man übers Meer segelt und wenig Gelegenheit hat, Fortpflanzungs- und Aufzuchtverhalten der Wale zu beobachten.
Und noch eine Anmerkung zu den Übersetzungen ins Deutsche. Sowohl Jendis als auch Rathjen übersetzen den schönen Satz “… I have swam through libraries and sailed through oceans” mit “[...] ich [...] bin durch Bibliotheken geschwommen und über Weltmeere gesegelt”, das ergibt ja auch Sinn, Melville wird das Bild vom “Schwimmen” durch Bibliotheken bewusst gewählt haben. Dennoch übersetzen sowohl Herr Mummendey wie auch Herr Güttinger mit “ich durchpflügte Bibliotheken”! Was haben die sich dabei gedacht? So eine bodenständige, erdverbundene Metapher in ein Buch hinein zu übersetzen, das ganz offensichtlich ein Buch über das Meer ist? Es zeigt auf jeden Fall, dass eine Neu-Übersetzung sinnvoll war!
Bilder: Cetacea mit deutschen, englischen, norwegischen und noch irgendwas Walnamen, Pazifischer Nordkaper (Eubalaena japonica) und Zwergpottwal (Kogia breviceps), alle gemeinfrei;
Film: Willy Astor: Welthits im Original:
Wortwitz und Fabulierlust und ein Wal kommt sogar auch drin vor.
Freud um Nietzsche, Ahab um Stubb
Elke hat Kapitel 31: Mab, die Feenkönigin gelesen:
Als hier das große Wundern und Grübeln über die Titelung der Kapitelung und den Inhalt dahinter ausbrach, war ich spontan geneigt und bereit einzustimmen – aus vielfältigsten Beweggründen (zu denen auch die Überraschung gehört, wie Dr. Jürgen Freud in seinem großartigen traumdeutenden Beitrag bei wenigstens einer Version seine Zweifel hinsichtlich der Wahrung des Zeitbezugs kühn und vorübergehend über Bord zu werfen gewagt hat). Bis auf einmal alles (s)einen tiefen Melvilleischen Eigensinn bekam und sich irgendwie allegorisch rund legte. Meine beiden (oder anderthalben) Deutungsvorschläge:
Der erste lehnt sich so ein bisschen an meine eigenen Erfahrungen aus dem täglichen Broterwerb an und die dabei sattsam gewonnenen psychologischen Einblicke. Bei denen (auch wenn ich nicht Frau Dr. Freud bin) womöglich gleich wieder Jürgens Besorgnisse hinsichtlich Melvillebezugs und dortigen menschlichen Anders-Denkens aufhorchen werden. Aber man glaubt es kaum, was der liebe Mitmensch, das unbekannte Wesen, alles in sich selber anstellt, um ein Stückerl von seinem malträtierten Rückgrat zu behalten. Dass zu diesem Zwecke auch Träume in einem rumrumoren, weiß ja die Welt schließlich auch nicht erst seit dem Erfinder der Psychoanalyse. Die aufgesammelten und nicht mal seltenen seelischen Selbsttherapien kommen schon Wolfs Einsortierung des guten, narrischen Stubb ziemlich nahe. Der sich nämlich einen geträumten Tritt in den Hintern oder weißichwohin schönredet (also der Stubb jetzt), um sich solcherart mit Ach und Krach sein Selbstwertgefühl zu bewahren, seine menschliche Würde zu retten. Der Anschnauzer seines vorgesetzten Kapitäns macht ihm – Frohnatur und anpassungsfähiges Gemüt hin oder her – mehr als man denkt zu schaffen, wo er ihn bis in seinen wellengewiegten Schlummer verfolgt. Und was tut so einer, der wie unser Stubb nicht für das Auflehnen wider den Starken und Mächtigen geboren ist, nun dagegen? Na klar, er träumt sich’s klein. Versucht, das gesunde Empfinden einer handfesten Beleidigung herunterzuspielen, indem er in seinem tumben Stubble-Kopp den Wert Ahabs und dessen ja nur via künstliches Walbein und nicht als “a living thump” verabfolgten Tritt schmälert. Gegen den er sich anfangs sogar zu wehren sucht, “stubbing [his] silly toes against that cursed pyramid”. Na, und mit ein bissel Rückgratstärkung durch einen, wenn auch arg bucklig und marlspiekert geträumten Merman fühlt sich’s doch gleich noch ein bisschen besser an, nä.
Soweit die Alltags- und real(un)poetische Natur-des-Menschen-Version. Die mir übrigens geeignet scheint, nicht gar zu sehr (wenn überhaupt) in den Zwang einer Rechtfertigung vor Herrn Melville zu geraten: Erniedrigung bleibt Erniedrigung, Mensch angesichts einer solchen sooo Mensch – und fühlt auch so.
Sollte man gesunderweise meinen.
Wäre nicht… ja, wäre da nicht noch was in den nach Melvillescher Art eingeflochtenen Symbolismen und Anspielungen, von denen es nur so wimmelt im Kapitel. Etwas, das mir zwar dunkel, aber verdammt nochmal bekannt vorkömmt . Die müssen doch einen Sinn ergeben – hätte er ja auch einfacher haben können sonst, der Herman. Und auch ein paar heftige spöttische Grinsefältchen meint man in seinen Augenwinkeln wahrzunehmen. Was sollen also die ganzen Bilder, die Pyramide und das abbe Bein vom Stubb und das getackerte nackerte Hinterteil des Merman-Phantoms?
Ha, und spätestens als der Bucklige blank zieht, fällt mir die Erleuchtung wie Schuppen aus den Haaren der feenhaften Frau Mab. Ahnt’ ichs doch! — Und nein, auch wenn es bitter und enttäuschend ist für alle einschlägigen Suchmaschinenquäler und auch wenn es Jürgens brillant freudischen Tiefenpsychologie-Exkurs nicht zu stützen scheint, kein Kindesmissbrauch des kleinen Herman, keine homoerotischen Fantasien alternder Schriftsteller und Matrosen, auch nicht Stubbs Potenz- mit Beinverlust fliegen mich an und geistern durch meinen Sinn. Sondern der alte Käpt’n Bildad ists – erinnert sich noch jemand an den? Was murmelte der nochmal andauernd durch einen guten Teil des 16. Kapitels? Jaaah, die biblische Bergpredigt wars, auf der er herumkaute! Die war’s!
Sind es nicht deren Weisheiten, die Melville da mit einem Augenzwinkern und dem uns hinlänglich bekannten freigeisternden Handhaben von Religionsfragen in den Traumbildern des braven Stubb herumstreut? Selig sind die Sanftmütigen!
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.
predigt Jesus auf dem Berge (Matthäus 5,39f.). — Je nun, Bein um Bein beim Stubb und Ahab? Und reckt der alte Merman auf Stubbs angedrohte Schläge nicht gar gleich seine zwei Backen hin? Auch wenn der Gottessohn wohl eher die andern zwei meinte. Und auch die Märtyrerdornen – oder sind’s Marternägel? — gehören eigentlich woanders hin, oder?
Wohlgemerkt, die Predigt handelt in diesem Passus “vom Vergelten”. Und ei der Daus, wären dann die Stubbschen Dissonanzen mit Ahab für Melville nicht nur Mittel zum Zweck? Gingen seine Anspielungen dann nicht verflixt weit darüber hinaus? – Gesetzt den Fall, an meinen Herumdeutelungen wäre was dran: dann ginge es hier um nicht mehr und nicht weniger als um das Einläuten eines Hauptthemas des ganzen Moby-Dick, das den Handlungsfaden vorantreibt: des finstern Käpt’ns – nicht des kleinen Stubb — Drang nach Rache und Vergeltung nämlich. Großes Kino also. Ergibt somit im Zusammenhang des Romans das ganze Kapitel nicht sehr wohl einen tiefen Sinn? Und nicht von ungefähr, so deucht mich, findet gerade in diesem Moment der weiße Wal zum ersten Mal Erwähnung. Was meint ihr?
Und wenn das so ist, wird auch der Wolf – mitsamt unserm gotteslästerlichen Herman – Recht behalten. Wie sagte er so schön?: “Stubb wird der erste sein, der sich freudig von Ahab alles gefallen lässt, und es als Ruhm und Ehre betrachten.” — Worauf wir einen lassen… öhm, also wetten können, denn: “Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.” (Matthäus 5,41)
Dass der Stubb sich den Ahab zu allem Überfluss auch noch zur Pyramide traumzaubert, die ja auch auch als Symbol des dreidimensionalen (heiligen) Kreuzes interpretiert wird – hm, soll man das nun als Zeichen schleichend wachsender Ahab-Einschwörung und Verblendung deuten? Doktor Freud, übernehmen Sie büdde wieder!
Dochdoch, Doktor, nu ziernse sich mal nicht so! Das wäre schon deshalb angebracht, weil Mr. Melville — okayokay, Jürgen — den Freud zwar nicht kennen kunnt, aber mir ihm in Sachen Religionskritik zet Be kaum nachzustehen scheint. Nicht dass ich jetzt behaupten wöllt’, er sei ein Verfechter des blinden Rachegedankens um jeden Preis. Doch schaut es mir so aus (denn den Spötter Melville dichte ich mir doch nicht nur hinein, oder?), als wäre auch er als ein, leicht konspirativer, Gegner der berggepredigten über-menschlichen Erwartungen und deren “Sklavenmoral” auszumachen. Wie der große Freudsche Zeitgenosse Friedrich Nietzsche es sieht, der deren entschiedenster einer war und dem der Doktor zudem selber bescheinigte, etliche Einsichten der Psychoanalyse intuitiv vorweggenommen zu haben. Nietzsches Also sprach Zarathustra wird als Gesamtwerk sogar als eine Art Anti-Bergpredigt gehandelt, wider die Demut und Unterwürfigkeit und für die Selbstbestimmtheit des Menschen. — Anmerkung: Jaha, ich bin mir bewusst, dass dies eine stark vereinfachte und unzulässige Verkürzung sowohl des Herrn Nietzsche als auch seines Zarathustra ist und ein eigenes Thema verdient hat.
Und um das Maß voll zu machen und eure Geduld bis an den Rand zu strapazieren, nehme ich mir auch schnell und – versprochen! — kurz Frau Königin Mab zur Brust. Ein ketzerischer Titel im gerade episch ausgebreiteten Zusammenhang, findet ihr nicht? Die heidnische keltische Fee, die in der Mythologie Schöpferin, aber auch Hexe ist. Die unsern eh schon verwirrten Stubb nun auch noch heimsucht. Tsss, Mister Melville, ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Ich klau da nochmal kurz beim Shakespeare, den ja auch uns’ Herman beständig alles andre als verleugnet:
… and then anon
Drums in his ear, at which he starts and wakes,
And being thus frighted swears a prayer or two
And sleeps again. This is that very Mab
That plats the manes of horses in the night,
And bakes the elflocks in foul sluttish hairs,
Which once untangled, much misfortune bodes:
This is the hag…
Sorry, das musste noch, bei Hexen und Feen kann ich nicht anders. Wo ich doch selber eine bin.
Bilder: Max Klinger: Der Gang zur Bergpredigt, 1877;
A23H: Teufel ist tot, 29. Dezember 2005;
Carl Bloch: Die Bergpredigt, Kopenhagen 23. Mai 1834;
Johann Heinrich Füssli: Prinz Arthur und die Feenkönigin, um 1788.
You know how curious all dreams are
Merkwürdige Sache, Kapitel 31,
meint Jürgen,
merkwürdig der Traum, merkwürdig auch die Tatsache, dass Stubb ihn Flask erzählt. Darauf ist Wolf ja schon eingegangen. Aber der Traum an sich ist auch nicht ohne. Zum einen enthält er viele Elemente, die man aus eigenen Träumen kennt: Da verwandeln sich Dinge so mir-nichts-dir-nichts in etwas anderes (Ahab in eine Pyramide), tauchen aus dem Nichts Gestalten auf (der merman), und am Schluss wird sogar ein bisschen geflogen: „With that, he all of a sudden seemed somehow, in some queer fashion, to swim off into the air.“ So.
Nun gibt es zwei Optionen. Entweder ist Melville ein verflucht guter Schriftsteller, der es fertig bringt, einen Traum so realistisch unrealistisch zu schildern, dass man ihn glaubt (einschließlich dieser Momente, in denen man beim Erzählen eines Traums selber merkt, dass es nicht logisch ist: „And then, presto!“ und „With that, he all of a sudden…“ und auch das entschuldigende „But what was still more curious, Flask — you know how curious all dreams are…“), oder das Kapitel verrät uns etwas über Melvilles eigene Befindlichkeit, es ist die (sicherlich etwas angepasste) Nacherzählung eines eigenen Traums.
Und das eröffnet uns dann wieder zwei Möglichkeiten, womit ich wieder bei Freud und meinen Zweifeln an ihm lande. Wenn der Traum tatsächlich „nur“ ein schriftstellerisches Produkt ist, dann, finde ich, ist eine Interpretation nach Freud fehl am Platze. Denn Melville kannte Freuds Ideen nicht, kann also auch nicht auf dessen Baukastenklötzchen zurückgegriffen haben, um Stubb den Traum zu basteln. Wenn es aber ein „echter“ Traum ist, der hier beschrieben wird, dann könnte man ihn schon tiefenpsychologisch deuten, denn auch die Träume von Menschen, die keine Ahnung von Freud haben, sollen ja – laut Freud – etwas bedeuten.
Schwierige Kiste. Wollen uns mal dran versuchen. Zuerst den Traum in leicht verdaubare Häppchen aufteilen:
1. Ahab tritt Stubb;
2. Stubb tritt zurück, dabei verliert Stubb sein Bein;
3. Ahab wird zur Pyramide;
4. Stubb denkt sich den Tritt schön;
5. Der merman tritt auf und packt Stubb;
6. Stubb droht ihm (dem merman) mit einem Tritt, der bietet sein Hinterteil dar, das voller Stacheln steckt;
7. Der merman redet den Tritt schön.
Erstmal versuchen wir uns dann an einer Traumdeutung mit freudianischen Grundkenntnissen, wie man sie halbgar in der Schule serviert bekommt und später in Nachmittags-Talkshows aufgewärmt.
Zu 1.: Stubb wird mit einem künstlichen Bein getreten, womöglich in den Allerwertesten? Ist Ahabs Prothese ein Phallussymbol? Ganz sicher! Wenn das mal keine homoerotische Tendenz erkennen lässt!
Zu 2.: Und Stubb verliert sein Bein? Das deutet doch auf Impotenz, oder?
Zu 3.: Ahab wird eine Pyramide! Bei Freud ist die „Dreizahl“ ein „mehrseitig gesichertes Symbol des männlichen Genitals“! (S. Freud, Die Traumdeutung, Ftb 6344, Frankfurt a.M.: Fischer 1977, Seite 297)*, eine Pyramide besteht aus Dreiecken, das dürfte auf die starke Männlichkeit Ahabs deuten.
Zu 4.: Ahab ist superpotent, Stubb dagegen impotent, das ist hart. Irgendwie muss er sich das schöndenken.
Zu 5.: Ein buckliger alter Mann packt Stubb an den Schultern und dreht ihn herum. Hat Stubb (oder der Träumer) vielleicht in seiner Jugend schlechte Erfahrungen gemacht mit älteren Männern?
Zu 6.: Wieder ein eindeutig homoerotisches Bild: den nackten Hintern darbieten. Allerdings weiß Stubb (oder der Träumer), dass es sich um etwas Verbotenes handelt, deshalb die abweisenden Marlspieker.
Zu 7.: Auch der Alte redet den Tritt schön: So schlimm ist es doch gar nicht, von einem Stärkeren missbraucht zu werden.
Das ist ein ziemlich finstere Sache, die man da finden kann. Missbrauch in der Jugend, durch einen älteren Erwachsenen? Aber, wie schon gesagt, es kann nicht Melvilles Intention gewesen sein, das in dieser Form in Stubbs Biographie zu schreiben, dazu fehlte ihm das Rüstzeug. Wenn man so interpretieren will, muss man davon ausgehen, dass Melville eigene Erlebnisse verarbeitet hat.
Aber: Im Leben nicht würde ich diese laienhafte Analyse auf einen echten Menschen anwenden wollen. Auf eine literarische Gestalt schon, die ist in der Regel auch übersichtlicher.
(Anm. des Bio-Checkers: Melvilles Vaterfiguren in der Prägungsphase werden, vor allem auch in der neuesten Biografie Ein Leben, als eher stärkend und wohlwollend dargestellt: harmonische, glückliche Familie in gesicherten Verhältnissen, Vater in traditioneller Ernährerrolle. Jedenfalls bis zum Verarmen der Familie, weil der Vater Büro und Wohnung in West Village Manhattan verzockt hat. Unabsichtlich bis leichtsinnig — gerade in vorfreudianischer Zeit weiß man da nie, wie traumatisch das von einem Zwölfjährigen wahrgenommen und weiterverarbeitet wird. — Zurück an Jürgen.)
Nehmen wir an, dass Melville „nur“ brillant war, dann kann man den Traum natürlich auch weniger freudianisch deuten:
Zu 1: Die Sache mit dem Tritt kommt ja schon in Kapitel 29 auf: „Maybe he did kick me, and I didn’t observe it, I was so taken aback with his brow, somehow.“ Hier verarbeitet Stubb sie weiter.
Zu 2: Stubb hat keine Chance, es Ahab mit gleicher Münze heim zu zahlen. Ahab ist schließlich der Kapitän. Den tritt man nicht.
Zu 3: Eine Pyramide ist auch ein Symbol für Macht (des Pharaos), Dauer (ist für die Ewigkeit gebaut) und – Tod (ein Grabmal). Wenn das mal kein schlechtes Zeichen ist!
Zu 4: Das mit dem Schöndenken hat Wolf schon schön ausgeführt: „wie er sich einen Arschtritt schöndefiniert.“
Zu 5: Stubb ist ja nicht so der Selber-Denken-Typ (siehe Kapitel 29: „But that’s against my principles. Think not, is my eleventh commandment“), vielleicht taucht deshalb jemand auf, der ihn lobt („’Wise Stubb,’ said he, ‘wise Stubb“) und in seinen Ideen bestärkt.
Zu 6: Soll der Alte vielleicht Stubbs Gewissen sein? Das er nicht zum Schweigen bringen kann? Da werd ich nicht so recht schlau draus…
Zu 7: Und wieder wird der Tritt „schöndefiniert“.
Sehr viel konventioneller, diese Deutung. Aber so im Zusammenhang des Romans ergibt das ganze Kapitel eigentlich wenig Sinn, oder? Als einzig nützlicher Fakt springt das raus: Erstmals wird der Weiße Wal erwähnt! Weiß denn eigentlich keiner der Besatzung, dass Ahab sein Bein an Moby Dick verloren hat?
* Dieses Freud-Zitat inklusive Quellenangabe habe ich dem wunderbar-seltsamen Buch „Der Ernst des Lesens – Beinharte Forschung zu Arno Schmidt und Consorten“ von Friedhelm Rathjen entnommen! Erschienen in der EDITION ReJOYCE, lieferbar über den Buchhandel (ISBN 3-00-020219-6) oder z.B. über booklooker direkt beim Herausgeber, da sogar auf Wunsch signiert!
Bilder: Sigmund Freud geht an Bord, Berlin-Tempelhof 1930: A. W. Freud et al., by arrangement with Mark Paterson & Associates
via Freud-Lacan-Gesellschaft/Psycoanalytische Assoziation Berlin e.V.;
Johann Zahn, Augsburg 1696: Vir marinus episcopi specie.
Film: Capitaine Achab, Frankreich 2007.
And then dreams he of cutting foreign throats
Wolf hat Kapitel 31: Mab, die Feenkönigin gelesen:
Mercutio. Nun seh’ ich wohl, Frau Mab hat euch besucht.
Romeo. Frau Mab, wer ist sie?
Mercutio. Sie ist der Feenwelt Entbinderin.
Sie kömmt, nicht größer als der Edelstein
Am Zeigefinger eines Aldermanns,
Und fährt mit einem Spann von Sonnenstäubchen
Den Schlafenden quer auf der Nase hin.
Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen,
Des Wagens Deck’ aus eines Heupferds Flügeln,
Aus feinem Spinngewebe das Geschirr,
Die Zügel aus des Mondes feuchtem Strahl;
Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,
Die Schnur aus Fasern; eine kleine Mücke
Im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn,
Nicht halb so groß als wie ein kleines Würmchen,
Das in des Mädchens müß’gem Finger nistet.
Die Kutsch’ ist eine hohle Haselnuß,
Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm
Zurecht gemacht, die seit uralten Zeiten
Der Feen Wagner sind. In diesem Staat
Trabt sie dann Nacht für Nacht; befährt das Hirn
Verliebter, und sie träumen dann von Liebe;
Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen,
Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich,
Der Schönen Lippen, die von Küssen träumen
(Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese,
Weil ihren Odem Näscherei verdarb).
Bald trabt sie über eines Hofrats Nase,
Dann wittert er im Traum sich Aemter aus.
Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn
Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt:
Von einer bessern Pfründe träumt ihm dann.
Bald fährt sie über des Soldaten Nacken:
Der träumt sofort von Niedersäbeln, träumt
Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern,
Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk;
Nun trommelt’s ihm ins Ohr: da fährt er auf,
Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete,
Und schläft von neuem. Eben diese Mab
Verwirrt der Pferde Mähnen in der Nacht,
Und flicht in strupp’ges Haar die Weichselzöpfe,
Die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten.
Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
Als Weiber einst die Männer zu ertragen.
Dies ist sie –William Shakespeare: Romeo and Juliet, 1596,
Act I, Scene 4, line 553ff.;
dt. August Wilhelm von Schlegel, 1891
Warum das Kapitel ausgerechnet “Mab, die Feenkönigin” heißt, hätt ich ja im Leben nicht von selbst rausgefunden. Kurzer Check: ein Übersetzungsfehler? Nein, in den restlichen Übersetzungen heißt es ähnlich, und das Original heißt “Queen Mab”. Ohne Anklang an Feen, aber na gut. Aufklärung bringt die Anmerkung in der Jendis-Übersetzung: Die Feenkönigin Mab (gälisch gern auch Medb, Meḋḃ, Medhbh, Meadhbh, Meab°, Meabh, Méabh, Maeve oder Maev, das ist: die Berauschende) bringt Träume. Die Sandfrau.
Schade eigentlich. Seit Kapitel 20: All Astir wurde in Moby-Dick keine Frau mehr gesichtet, da hätte man sich schon über die Krone der Schöpfung, eine Fee gefreut. Und dann erzählt einem nur wieder der olle Stubb seine krausen Träume, über die man womöglich, weil vor Freudischen Zeiten erlebt und dokumentiert, nicht mal allzuviel aussagen kann.
Jedenfalls ist das ein Bedenken, das Jürgen aufgebracht hat (Weblog-Eintrag folgt, wenn sich die Diskussion auf Xing darüber rentiert!), und zwar nicht ganz unbegründet.
Auch ohne freudianisches Fachwissen zu bemühen, kommt mir Stubb schon fast selbstverletzerisch vor, wie er sich einen Arschtritt schöndefiniert. Einen geträumten Tritt, dazu noch aus einem Traum, der sich aus Erlebnissen des vergangenen Tages zusammengebraut haben mag, immerhin aber kein Erlebnis aus einem Wunschtraum. Gegen den Strich gedacht, hätte Stubb sich danach erst recht gegen Ahab aufregen können; das wäre bei seinem Eifer leicht in einer Überreaktion in die andere Richtung geendet, aber nachvollziehbarer. Gut, man liest lieber von Skurrilitäten als von einem Dahinplätschern, in das man die Handlung nicht einmal groß vorantreiben müsste. Mit dem schrittweisen Zurechtdenken von der Beleidigung zur Ehrung erschreckt mich Stubb.
Was steckt der Gute überhaupt so viel Denkarbeit in einen Traum? Und behelligt sogar seinen Kollegen damit? Ist das Sitte unter Raubauzen zur See, dass die ihre Träume ausdiskutieren?
Erstmals seit seiner Einführung in Kapitel 27: Ritter und Knappen erhält Flask eine Daseinsberechtigung in der Handlung: Der zweite Steuermann erzählt dem dritten seinen Traum. Kein Dienstgespräch von oben nach unten, mehr eine symmetrische, kumpelhafte Unterhaltung. Und Flask hat dabei vorerst nur zuzuhören, weiter charakterisiert wird er nicht. Vielleicht ist das an dieser Stelle sogar ganz gut: Je mehr der Zuhörer Flask im Hintergrund bleibt, desto verblüffter und sprachloser kann man ihn sich vorstellen: Was palavert mich dieser Stubb da mit seinen Träumen zu? “Weiß nicht, aber er kommt mir ein bisschen närrisch vor.” — das ist die Hauptsache, die er zu sagen hat. Recht hat er. Ein bisschen närrisch, der Traum, Stubbs Auslegung davon, und nicht zuletzt der ganze Stubb.
Soll ich mal raten? Stubb wird der erste sein, der sich freudig von Ahab alles gefallen lässt, und es als Ruhm und Ehre betrachten. Als ob das dramaturgisch noch nötig wäre, hat er gerade seinen eigenen Untergang eingesungen.
Na? Treffer, Frau Königin Medb? Wenn nicht, geb ich meinen Titel als Feenversteher zurück.
Bilder: Fairy Queen Medb; Fairy Queen Mab.
Feenmusik: Tom Waits: Watch Her Disappear aus: Alice, 2002.
Das heldische Leiden an der Welt
And we sail and we sail and we never see land,
just the rum in the bottle and a pipe in my hand.
Kapitel 30: Die Pfeife ist ein auffallend kurzes in unserem whale of a tale; die erzählte Zeit — ein kurzes Nachdenken, dann ein Überbordschleudern — liegt trotzdem immer noch weit unter der Erzählzeit. Scheint also wichtig zu sein.
Die Experten auf dem Gradeserver schreiben als analysis dazu:
Melville demonstrates Ahab’s power and influence over his crew through the effect that Ahab has on Stubb, who is shaken by his confrontation with Ahab. This bolsters the idea that Ahab is a fearsome man not to be opposed, not only because of his physical and direct influence over others but also because of the psychological stress that he places on others. Ahab is capable of creating a sense of turmoil and unease in Stubb, who finds no solace for his anxiety concerning Ahab.
Ist ja gut, das mag schon alles sein — steht aber, wie ich es verstehe, da nicht drin; ist also nicht heraus-, sondern hineingelesen. Was die verdienstvollen Moby-Dick™-Analytiker herausgefunden haben, finde ich da weit luzider.
Ich bin ja nur so ein ganz simpel denkender Mensch. Drum bleiben wir doch mal ganz stumpf bei dem, was da steht, im Gang der Handlung. Da darf ich in der Erinnerung ans gerade verflossene 29. Kapitel schließen, dass Ahab das Zusammenrücken mit Stubb mehr zu schaffen macht, als er sich eingestehen will. Stubb, der — ganz recht, Kollegen — sich durch sein beständiges Pfeifenschmauchen geradezu definiert, der des Morgens nicht ohne seine Pfeife im Gesicht aus der Kajüte treten würde, sondern eher ohne seine Nase (schon wieder so eine jahrzehntelang gehätschelte Lieblingsformulierung aus meinem ersten Jugendversuch) — eine Unart, die dem Seemann durchaus ansteht, die Ahab aber plötzlich an sich selbst entdeckt.
Will er zu denen gehören? Zur Misera Plebs seiner Untergebenen, die auf ihren Schönheitsschlaf halten, statt ein Ziel zu verfolgen? Diesen Flaschen, die sich von betäubenden Dämpfen umnebeln lassen, statt sich gut puritanisch zu quälen? Es ist ihm nicht recht, dem Ahab, er trauert durchaus um seinen Anteil an der grundsätzlichen Lebensfreude, an selbstverständlichen ozeanischen (!) Wohlgefühl am Dasein in der Welt: “Da habe ich mich nun wie besinnungslos abgeplagt, statt mich des Lebens zu freuen” — aber es ist nun einmal so um ihn bestellt: Ein gemütlicher Raucher ist er nicht.
Dramaturgisch haben wir hier also nicht weniger denn einen Schub in Ahabs Selbstfindung. Da musste erst der aus Ahabs Sicht verächtliche Stubb kommen und um Ruhe vor Ahabs innerer Unruhe bitten, um ihn dahin — sorry for the cheap pun — anzustubbsen. Nicht um the effect that Ahab has on Stubb geht es also, wie der o.a. Gradeserver nahelegt, sondern Stubbs effect on Ahab.
So endet einer, der seinen Weg geht: freudlos, menschenfeindlich, fatalistisch, im Verdacht des armen Irren, bestenfalls noch voll des grimmigen Galgenhumors unter Tränen lachend. Kein Wunder, dass einer da im Affekt die Insignien seiner letzten fadenschinigen Lebensfreude über Bord feuern mag. Denn dass es der Anfang von Ahabs Ende ist, has been foreshadowed genug.
Besondere Leistung in der Disziplin Pinkeln gegen den Wind, nein: Rauchen an Luv (Cpt. Ahab): die übersetzerische Leistung, aus The Pipe ein Die Tobackspfeife herauszulesen.
Echte Helden (pinkeln gegen den Wind, auch wenn sie dann die Begossenen sind): rauchen macht laune: Die neue Rechtschreibung, 27. Februar 2007;
Lied: The Pogues: Bottle of Smoke, aus: If I Should Fall From Grace With God, 1987.
Mein Liebchen: Edle von der Pfeife
Elke erhebt Einwände zu den Einwänden zu Kapitel 30: Die Pfeife:
Irgendwie bin ich mit keinem der verkündigten Argumente so richtig glücklich. Die “Befreiung von allem Irdischen” kömmt mir bei dieser winzigen Episode und dem Sonderling-Gebrabbel fast ein bisschen zu pathetisch daher. Naja, und die Absage ans Pfeifchenpaffen als trotzige und entschlossene Gebärde zu interpretieren, hinter der der einsame Rächer sein hehres Ziel glasklar und nicht durch vernebelnden Qualm im wachsamen Adlerauge behalten will, ist auch ein einigermaßen schräges Bild, oder? Jedenfalls wenn man selbiges Ziel eher als fixe Idee und Racheplan verletzten männlichen Stolzes denn als heldischen Vorsatz zu sehen geneigt ist.
Hey Jungs, ‘tschulljung, wenn ich mich in eure kerligen Gespräche einmische. Ich will ja auch gar nicht streiten und vielleicht liegt’s ja daran, dass ich ein Mädchen bin und mit dem sturen einsamen Cowboy respektive Walfänger nichts anfangen kann, der – koste es was es wolle – für seine Ehre in den Sonnenuntergang… na, ihr wisst schon. Und wenn doch, dann um der dramatischen Ausgeburt Melvillescher Künstlerfantasie und der menschlichen Tragik unseres unseligen Ahab willen.
Allerdings fallen meine Deutungen etwas weniger glorios aus, als Seeweib muss man doch ‘n bisschen Realität in den Disput bringen.
Da murmelt also dieser Finsterling so vor sich hin in seinen Bart (hm, hat er eigentlich einen?):
“How now… this smoking no longer soothes. Oh, my pipe! hard must it go with me if thy charm be gone! Here have I been unconsciously toiling, not pleasuring — aye, and ignorantly smoking to windward all the while; to windward, and with such nervous whiffs, as if, like the dying whale, my final jets were the strongest and fullest of trouble. What business have I with this pipe? This thing that is meant for sereneness, to send up mild white vapours among mild white hairs, not among torn iron-grey locks like mine. I’ll smoke no more — “
Tja, und was spricht er da eigentlich? Wenn man sich ganz einfach machte, könnt man sagen: Es schmeckt ihm nicht mehr, sein Pfeifchen. Himmel, seid ihr keine Raucher? Kennt doch jeder von denen, der lang genug dieser Sucht frönt. Meistens gibt sich das irgendwann wieder. Aber es wäre auch eine gute Variante – dazu noch mit einem fein theatralischen Effekt – damit aufzuhören, nä. Über Bord mit dem Ding, opfern wir es dem Meeresgott! Ahab, dem Kerl mit dem eisenharten Willen, dem Mann für radikale Lösungen, traut man sogar zu, dass er’s so packt. Und zu kaum einem passt wohl diese Geste, in einer Aufwallung von Groll auf sich selber das gute Stück in hohem Bogen in die Wellen zu werfen, so sehr wie zu ihm. Ist doch ein sturer, verbohrter Hund, der.
Doch so schnöde und schlicht ist’s dann vielleicht doch nicht. Schwingt da nicht auch eine schmerzliche Erkenntnis mit in seinem Gebrummel?: Es funktioniert nicht mehr, dieses angenehme Fünkchen Leben, der Zauber eines besänftigenden Pfeifleins im Mundwinkel, der auch ihm wohl tat, ist verflogen. Er selbst ist nicht mehr zugänglich für die kleinsten Freuden dieses Lebens, ist eine arme, einsame und verzweifelte Seele. Und diese Regung tut weh, was er sich jedoch niemals eingestehen würde:
“Was habe ich mit dieser Pfeife zu schaffen? Dieses Ding, das doch heitere Gelassenheit stiften und mildweiße Wölkchen zu mildweißem Haar emporsenden soll, statt zu zerzausten, eisengrauen Locken wie den meinen…”
Hier nun auch mein Einwand zum Einwand, lieber Jürgen: Ja, es muss die Pfeife sein — sie ist etwas Schönes, Versöhnliches, Herzwarmes. Verflucht er sich vielleicht gar für diese unzulässig sentimentale Regung, reagiert er deshalb so schroff?
Wir wissen es nicht. Und stehen, ihn beinahe scheu aus den Augenwinkeln beobachtend, neben ihm an der Reling…
Pfeifenraucher umschwebt doch irgendwie der Hauch des Gemütlichen, ja, eben so, wie Melville selber es beim guten schlichten Stubb beschrieben hat. Mit dem Wölkchenpaffen an sich verbindet sich doch das Gefühl von von Genuss (heute hat es manchmal sogar etwas Elitäres an sich, oder?). Ein paar von den Großen, die wir kennen, waren Pfeifenraucher, so der jüngst hier besungene Pfannkuchenschreiber Hemingway oder Albert Einstein. Pfeifen sind ein unverzichtbares Requsit der Seeleute und manche von den Nuckelschätzchen tragen gar den stolzen Namen Kapitänspfeife und sehen auch so aus.
Meisterschaften im kultivierten Pfeifenrauchen werden ausgetragen und die Kunst der Pfeifenbäckerei wissenschaftlich erforscht.
Tabakspfeifen sind Freundinnen. Der hier seinerzeit auch schon (zu weitaus mutigeren Themen) durchgehechelte selbsternannte Indianerfreund Karl May nannte die seine gar sein Liebchen und hat die Wonnen mit ihr — schauschau! — in Versen besungen. Über deren Unsterblichkeit ich mir hier zwar beileibe kein Urteil anmaße, die aber das besondere Flair des Schmökens für seine Jünger vermitteln:
Mein Liebchen
Wenn Sorge mich und Unmuth quälet,
Wenn mir’s an Moos im Beutel fehlet,
Wenn mich ein schwerer Kummer drückt,
Das Schicksal mich mit Pech beglückt:
Was ist es dann, wonach ich greife?
I nun! Die liebe Tabakspfeife!Bei meinen Freuden, meinen Scherzen,
Beim Austausch gleichgesinnter Herzen,
In all’ den traulich frohen Stunden,
Die ich im Freundeskreis gefunden,
Bei meines Glück’s so seltner Reife
Ist stets um mich die liebe Pfeife.Auf all’ den Reisen, die ich machte,
Wo die Natur mir freundlich lachte,
Auf all’ den einsam trauten Wegen,
Im Waldesgrün, wo ich gelegen,
In Feld und Flur, die ich durchstreife,
Begleitet mich die treue Pfeife.Sie bleibt mir Braut durch’s ganze Leben;
Ja, sie in Adel zu erheben
Ist wohl ein Leichtes: Das Diplom
Schreibt sie sich selbst durch ihr Arom.
Sie heiße d’rum, ob man auch keife,
Von jetzt an: Edle von der Pfeife!
Ich selber mag den Geruch einer schmurgelnden Tabakspfeife. Und hab’s auch schon mal probiert, auch wenn ich gewiss nicht grad zum Freak werde.
Und ich glaube, er wird es bereuen, der alte Ahab.
Bilder: Martin Mißfeldt: Junger Mann mit Pfeife, nach Pablo Picasso;
Vincent van Gogh: Alter Schiffer, Bleistift, schwarze und weiße Kreide, 1883;
Damenpfeife aus dem Pfeifenlädchen.
Er lacht sich eins und trinkt/sein Eierbier und singt
Oh! jolly is the gale,
And a joker is the whale,
A’ flourishin’ his tail, –
Such a funny, sporty, gamy, jesty, joky, hoky-poky lad,
is the Ocean, oh!The scud all a flyin’,
That’s his flip only foamin’;
When he stirs in the spicin’, –
Such a funny, sporty, gamy, jesty, joky, hoky-poky lad,
is the Ocean, oh!Thunder splits the ships,
But he only smacks his lips,
A tastin’ of this flip, –
Such a funny, sporty, gamy, jesty, joky, hoky-poky lad,
is the Ocean, oh!Old song sung by Stubb. Chapter 119: The Candles.
Stephan wendet auf Jürgens World Disinfecting Agent Day ein:
Lieber Jürgen, in der Tat klasse!
Aber lass mich weiter die kleine Laus in deinem Pelz sein:
Vielleicht lässt Melville Ahab das Rauchen aufgeben, weil er sich von allem Irdischem befreien will, weil er mit seiner bisherigen Existenz abschließt. Er hat das Ziel, Moby Dick zu erledigen. Und er ahnt, dass ihn das Alles kosten wird. Er will seinem letzten Gefecht frei von allem irdischen Ballast entgegen schreiten. Er bringt sich mit Leib und Seele in Stellung.
Da hat Jürgen nicht mal was dagegen:
“Laus im Pelz”? So schlimm ist’s doch nicht, oder? Wie steht es in unser aller Moby-Dick (Kapitel 119): “But never mind; it’s all in fun.” Zur Sache:
Das mit dem “von allem Irdischem befreien” kann ich gar nicht als Vorwurf empfinden. Im Gegenteil, wenn es sich irgendwo textlich festmachen ließe, dann würde es wunderbar zu “meinem” Ahab passen — sich so auf ein einziges Ziel zu konzentrieren, das hat übermenschliche Größe.
Um das hier mal klar zu stellen: Ahab ist kein Mensch, er ist “nur” eine Figur in einem Buch. Deshalb stelle ich andere Anforderungen an ihn als an einen gewöhnlichen Menschen. Die gewöhnlichen Menschen (das sind wir alle) müssen uns beständig nach den Das-tut-man-Nichts richten, die Konsequenzen unseres Handelns für uns und andere abwägen, immer wieder Kompromisse eingehen. Kurz: Wir verzetteln uns in unseren Leben. “Große” literarische Figuren sollten das meiner Meinung nach nicht tun. Sie sollten klare Ziele haben und diese zu erreichen suchen. Dem Erreichen dieses Ziels kann (und sollte) manches geopfert werden. Nur so lässt sich dramatische Größe erreichen. “Klarheit” erwarte ich von Literatur, nicht tausend lose Enden!
Allerdings sehe ich das Motiv der bewussten Befreiung von irdischem Ballast für das letzte Gefecht so bei Ahab (noch) nicht. Ahab ist durchaus bereit, für die Erreichung seines Ziels (die Vernichtung Moby Dicks) zu sterben — allerdings ist ein Walfänger das zu seiner Zeit doch eigentlich immer, oder? Jeder Wal kann jeden Waljäger töten, das ist Berufsrisiko.
Und noch ein Einwand: Wenn Melville nur Ahabs Abkehr vom Irdischen zeigen wollte, warum dann mit einer Pfeife? Warum lässt er ihn nicht ein Stück Schiffszwieback über Bord werfen oder einen Becher Rum? Warum eine Pfeife, der in Bezug auf Stubb soviel Aufmerksamkeit geschenkt wurde?
So. Und auf das “Klasse” von BillyBudd im Kommentar auf World Disinfecting Agent Day gönne ich mir jetzt ein Gläschen Talisker. Wünsche wohl zu ruhen!
Lied: Flogging Molly: Seven Deadly Sins, aus: Within a Mile of Home, 2004.
World Disinfecting Agent Day
Jürgen hat Kapitel 30: Die Pfeife gelesen:
Weltnichtrauchertag war neulich, den hab’ ich leider glatt verpasst — wo das doch so ein schöner Termin gewesen wäre. Immerhin schmeißt er seine Pfeife über Bord, der missgelaunte Ahab. Stellt sich natürlich die Frage — warum? Möchte er seiner Crew die Gefahren des Passivrauchens ersparen (dann sollte er wohl lieber Stubb über Bord werfen!)? Oder sorgt er sich um sein eigenes Wohl? Angst vor Raucherbein? Nein, das dürfte damals wohl eher nicht der Beweggrund gewesen sein. Weil sie ihn nicht mehr beruhigt, weil das Rauchen nichts ist für torn iron-grey locks wie die seinen, so steht’s im Text. Aber warum meint Melville, sein Ahab solle nicht mehr rauchen? Sicher nicht um der Political Correctness willen, damit musste er sich in den 1850ern nicht herumschlagen.
Ein wenig Licht in das grüblerische Dunkel bringt vielleicht wieder ein Blick zu Stubb in Kapitel 27. Da erfährt der geneigte Leser — so er nicht die langatmigen Beschreibungen überliest (”Und wo bleibt der Wal, häh?”) — dass unser Stubb Pfeife raucht. Immer. Nachdem er seine Beine aus der Koje geschwungen hat, zündet er sich das Pfeifchen an und lässt es nicht mehr ausgehen, bis er sich nach vollbrachtem Tagwerk wieder in die Koje sinken lässt. Da raucht er dann noch ein Weilchen, ehe er die Augen schließt. Und dann träumt er wahrscheinlich noch vom Qualmen. Melville charakterisiert den Kettenraucher aber durchaus sympathisch und liefert in der Nikotinsucht auch gleich eine mögliche Erklärung für Stubbs ruhiges und ausgeglichenes Wesen: “So, likewise, against all mortal tribulations, Stubb’s tobacco smoke might have operated as a sort of disinfecting agent.” Als Mittel gegen die Angriffe der Welt.
Und Ahab? Wirft die Pfeife fort! Seinen Schutz gegen die mortal tribulations! Wenn das mal gut geht, denkt man sich da als mitdenkender Leser.
Obwohl… Auch das genaue Gegenteil könnte Herman uns da durch die Blume zu vermitteln suchen. Hängt eigentlich wieder ganz davon ab, wie man zu Ahab steht. Entweder man beneidet Stubb um seinen Gleichmut und seine Einfalt — dann ist der Tabaksqualm eine hilfreiche Waffe gegen die Anfeindungen einer unfreundlichen Welt. Ein Schutzpanzer, der, wenn man nur genug pafft, alles Übel vom Paffenden fernhält. Oder man steht eher auf Ahabs Typ, der vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig ist, dafür aber mutig der Welt in ihre wütende Fratze blickt! Und der sich ganz und gar nicht einlullen lassen will von irgendwelchen Dämpfen.
Ich persönlich neige ja zur zweiten Theorie — Ahab erscheint mir so viel kraftvoller und mit viel mehr Tiefe versehen als der doch recht schlichte Stubb. Kann doch nicht sein, dass Melville uns Stubb als Ideal präsentieren will. Dann eher Ahab, der den Mut hat, sich der Welt zu stellen. Auch wenn er das zugegeben recht eigenwillig tut…
Bild: Heather Coleman: Dawnmist Studio Clay Pipe Shop.
Enter Stubb; To himself, Stubb: Du sollst nicht denken
Elke hat Kapitel 29: Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb gelesen:
Ich konnte mich ja eines Schmunzelns nicht erwehren beim Lesen der Szene mit den zwei kläffenden, zänkischen Kerls. Für mich hatte sie durchaus was Kurioses.
Zu Ahabs Ehrenrettung muss zunächst mal angemerkt werden, dass er ja mitnichten ohne Rücksicht auf Verluste und Mannschaftsschlaf allnächtlich mit seinem Knüppelfuß übers Deck poltert. Er achtet im Gegenteil sehr wohl auf die verdiente Ruhe seiner Crew. Sogar
some considering touch of humanity was in him; for at times like these, he usually abstained from patrolling the quarter-deck; because to his wearied mates, seeking repose within six inches of his ivory heel, such would have been the reverberating crack and din of that bony step, that their dreams would have been on the crunching teeth of sharks.
Verjendist siehe Seite 217.
Aber ahnen wir doch längst, was ihn umtreibt und dass es manchmal mit ihm durchgeht. Der Typ kreist doch um sich selbst – na, und diesen ominösen Wal. Und dann kommt dieser Trottel Stubb angebolzt und beschwert sich, dass er mal nicht schlafen kann.
So gesehen und in Anbetracht von dessen “scherzhafter Unterwürfigkeit” beginnt von Ahabs Seite das Geplänkel ja noch geradezu leutselig und beschwichtigend – ein Zug, den man in ihm, mit Verlaub, gar nicht vermutet hätte, oder? Nur im Nachsatz muss er dann doch noch den Boss raushängen lassen und ihn einen Hund heißen – oder hatte es gar auch der Versuch eines Scherzes werden sollen? (Melville wäre das zuzutrauen, aber das ist nun wieder der Nachteil vom Lesen, man hört ja den Tonfall nicht so recht…). Sollte es denn so gewesen sein, ging das jedenfalls kräftig daneben, um nicht zu sagen, nach hinten los. Denn so kann man selbst einem Stubb nicht kommen, schließlich hat ein ehrbarer Waljäger auch seinen Stolz.
Was das Erstaunliche daran ist: Es kommt einem beinahe so vor, als wären beider Rollen vertauscht, freilich nur für einen kleinen Moment. Denn der finstere Ahab scheint zuerst ungewohnt menschlich und milde und wird erst unversehens wieder dämonisch und aufbrausend, als ihm Widerworte entgegen wehen. So weit kommt das noch, dass der Untergebene, dieser kleine Knappe sich gegen ihn auflehnt – wer ist denn hier der Kapitän!
Stubb hingegen, dessen heiteres und gemütliches Wesen uns Kapitel 27 bekanntlich in einigermaßen epischer Breite erhellte, das ist doch der, den so schnell nix aus der Ruhe bringt – “so cheerily trudging off with the burden of life in a world full of grave pedlars, all bowed to the ground with their packs” (Kapitel 27, bei Jendis Seite 205). Der mit dieser sympathischen Fischkopp-Mentalität des küstengeborenen Inselmenschen, wie sie in derartigen Landstrichen offenbar weltweit zu Hause ist. Und der versteht den etwas verunglückt geratenen Humor seines Obersten plötzlich miss und muckt auf. Statt einfach den ollen Walbeinernen zu nehmen wie er ist und ihm dieses eine Mal nachzusehen, dass er seinen Moralischen hat und infolge seiner Behinderung in naturgemäßem Stakkato über ihren Köpfen herumtrampelt. Und den gebieterisch rauen Ton eines Käptns auf seinem Schiffe, der halt nicht mit Engelszungen daherkommt, sollten solche harten Kerls nicht gewohnt sein…? Hm, wenn diese skurrile Konstellation ihren Zündstoff, an dem sie explodiert, nicht selber ausgebrütet hat, dann weiß ich auch nicht.
Und hinterher brabbelt er ratlos wirres Zeug in sich hinein und versteht die Welt nicht mehr oder was ihn eigentlich geritten hat, sich mit dem da anzulegen. Diesem Murmelmonolog wohnt wirklich nichts weniger inne als der durchgeistigte und psychologelnde Bewusstseinsstrom späterer Autoren, da hat der Wolf schon Recht – und Melville sowieso. Denn nennen wir es doch beim Namen: Unser guter Stubb ist ein einfaches Gemüt, das eben auch mal langsamer denkt, als es spricht, und sich nicht gern den Kopf zerbricht. Nicht umsonst besinnt sich so einer zu guter Letzt gegen das Chaos in seinem Hirn auf sein höchstpersönliches elftes Gebot: Du sollst nicht denken! Und sein zwölftes: Du sollst schlafen – wenn du kannst. Schau an, nicht supergescheit aber lebenstüchtig, der Mann. Rettung durch Verdrängen – kennt doch jeder. Oder etwa nicht?
P.S. Ach ja, eine freundliche Begegnung hatte ich auch noch, beim Kramen nach der passenden Illustration. Wollt ihr hörn? Es gibt tatsächlich eine Insel, die Stubbs Island heißt. Ein winziges Stück Land im Meer an der Nordspitze des riesigen kanadischen Vancouver Island, beide voller Natur pur, ersteres besonders hübsch bei Sonnenuntergang. Und wenn ich mir einerseits auch schwer vorstellen kann, dass dieses Inselchen ausgerechnet nach Ahabs Zweitem benannt ist, spricht doch andererseits etwas Gewichtiges beinahe dafür: Es bietet nämlich eine Touristenattraktion an, wie sie einschlägiger kaum sein kann – Stubbs Island Whale Watching! So viel Zufall kanns doch gar nicht geben, oder?
Bilder: Moby Dick! The Musical; Norman Bolwell: Stubb’s Whaleboat.
Pfeife schmauchen und Kaffee trinken
Conceive him now in a man-of-war; with his letters of mart, well armed, victualed, and appointed, and see how he acquits himself.
Thomas Fuller: The Good Sea-Captain,
in: The Holy State, and the Profane State, 1648.
Jürgen hat Kapitel 29: Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb gelesen:
In Kapitel 27 findet sich über Stubb der schöne Satz: “Long usage had, for this Stubb, converted the jaws of death into an easy chair.”
“Long usage” — Gewohnheit. Das scheint mir der markanteste Zug an Stubb bisher. Solange alles seinen geregelten Gang geht, solange ist er zufrieden. (Zu seinen Gewohnheiten gehört ganz sicher auch das Pfeifenschmauchen!) Da schreckt ihn nichts. Der Gang zum Kapitän, um sich zu beschweren — das ist schon was anderes. Denn das sollte man nicht vergessen: Ein Schiff ist keine Demokratie und Ahab ist auf der Pequod nicht nur “oberes Management”. Er ist Herr über Leben und Tod an Bord, sein Wort ist Gesetz. “Herr über Leben und Tod” vielleicht nicht so im Wortsinn, wie das auf einem Schiff der Kriegsmarine gelten würde, aber Ahabs Befehle entscheiden über das Leben der Männer an Bord. Das gehört zum Kapitän-Sein. Eiserne Disziplin ist nötig, damit das Walfangunternehmen gelingen kann.
Und dann geht Stubb zu Ahab, um sich über die Störung der Nachtruhe zu beklagen. Das erfordert Mut. Vielleicht fast ein bisschen mehr, als Stubb gegeben ist? Versucht er’s darum mit “scherzhafter Unterwürfigkeit”? Weil er ahnt, dass er sich auf unsicherem Grund bewegt?
Immerhin bringt er den Mut auf, zu widersprechen, als Ahab ihn einen Hund nennt. Doch der folgende Ausbruch seines Kapitäns ist zuviel: Rückzug. Sicher nicht aus Feigheit ob der Drohungen Ahabs, einem Gleichgestellten dürfte Stubb eine passende (vielleicht handfeste) Antwort gegeben haben, schließlich wird er sich seinen Platz als Nummer Drei an Bord verdient haben — und nicht dadurch, dass er jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist. Aber dem Kapitän hat er zu gehorchen und er tut es.
Aber kann er sich das einfach so eingestehen? Dass er da an einen geraten ist, dem er nicht gewachsen ist? Nein, kann er nicht. Darum der folgende Monolog, in dem Stubb sich einzureden versucht, dass
- Ahab ja doch ein komischer Kauz ist (”Anyway there’s something’s on his mind”) — und der Vorfall darum nicht so ernst zu nehmen,
- die Welt ohnehin ein merkwürdiger Ort ist (”but all things are queer, come to think of ‘em”) — und der Vorfall darum nicht so ernst zu nehmen,
- er alles vielleicht doch nur geträumt hat? (”I must have been dreaming”) — und der Vorfall darum nicht so ernst zu nehmen ist.
Und morgen sieht dann alles wieder anders aus und geht seinen gewohnten Gang. Womit Stubb die Sache als erledigt betrachten dürfte.
Bild: North Side Review: Stubbs Coffee in: Chicagoist, 15. Dezember 2006.
Wo deinesgleichen zwischen Leichentüchern schläft
Damn me, but all things are queer, come to think of ‘em.
Enter Ahab; to Him, Stubb. Die Pequod fährt auf Höhe von Quito, Ecuador, Stadt des ewigen Frühlings, kein Meereszugang. Ich-Erzähler Ismael ab, Queequeg vermissen wir sowieso schon seit Kapitel 27 (”Aber Queequeg kennt ihr ja schon”), Auftritt der allwissende Märchenonkel. Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb.
Hol’s der Klabautermann, da hat ein Erzähler zu sich gefunden und seine Erzählweise aufgenommen: Melville kommt uns jetzt mit inneren Monologen, um seine Figuren zu zeichnen. Stubb “knurrt” seinen noch probehalber, aber ich glaub nicht, dass einer wie der fast zwei Seiten lang in sich elaborierte Sätze hineingrummelt, das ist Melville schon unter den Fingern zu einem Stilmittel geraten, das man noch nicht lange zur Hand hatte (für unsere Ghostleser aus Gründen des Englischunterrichts: Und es ist eben kein Stream of Consciousness).
Was zeichnet er uns? Das, was wir aus Internetdiskussionen kennen: zwei Leute, die sich kaum kennen, sehr wahrscheinlich aber nicht mögen, und sich in leutselige Flapsigkeit flüchten, obwohl sie keine verstehen. Beiderseitige Ironieresistenz auf Offiziersebene, nach praktisch überhaupt keiner Vorlaufzeit Zank und Beleidigung. Eine Meisterleistung kommunikativen Verhaltens, wenn dergleichen beabsichtigt wäre.
Stubb fängt an damit. Er hat an seinem oberen Management etwas auszusetzen, kann aber aus Rücksicht auf Zeitbudget und Dienstweg keinen großen Verbesserungsvorschlag einreichen, sondern ist darauf angewiesen, dem Kapitän sein Anliegen auf eine Weise zu sagen, die ihn kooperativ stimmt, nicht verletzt.
“Mit scherzhafter Unterwürfigkeit” versucht er’s. Das kann, wie jedes andere Verhalten auch, richtig oder falsch sein, grundsätzlich schlecht kann ich es nicht finden. Macht er schon richtig, der Stubb. Schade, dass er diese sanguinische Tonart nicht durchhält. Da grinst schnell die Eskalation ums Eck.
Und prompt: “Ach, Stubb, du kanntest deinen Ahab noch nicht!” Mit dem kann man das nämlich nicht machen. Der Mann schläft seit Tagen nur drei Stunden am Tag — vermutlich um ihn vom Mannschaftspöbel zu unterscheiden, der menschlichen Bedürfnissen wie dem Schlaf obliegt, und dafür in die Nähe eines Napoleon zu rücken, von dem dieselbe Legende geht, vier Tagesstunden Schlaf seien für Weiber und deren fünf schon für Schwächlinge.
Für einen letzteren hätte ihn nie jemand gehalten, aber er reagiert auf denkbar unausgeschlafene Weise. Ahabs erste Replik enthält noch versöhnliche Teile: “Doch geh nur, ich hatte nicht daran gedacht” — aber selbstherrliche Führungskraft, die er ist, muss er weiterranzen. Leider kommen dann schon die ersten Schimpfwörter vor. “Kusch dich, du Hund, ab in die Hütte!” könnte man noch als bärbeißigen Abschluss der Diskussion werten und es gut sein lassen, das vorausgehende
Below to thy nightly grave; where such as ye sleep between shrouds, to use ye to the filling one at last.
als etwas fehlgeleitete Brillanz verbuchen. Batz, schon hat er überreagiert. Ahabs Eloquenz dient keinem intellektuellen Kräftemessen, sondern ist die eines donnernden Predigers — und falls doch, hat er nicht mit dem Zweiten Offizier in Stubb gerechnet oder ihn absichtsvoll ignoriert.
And now that I think of it (Stubb), war Ahabs Versuch vielleicht gerade doch, einen geistigen Sparringspartner zu finden. Dass Stubb so humorlos einfriert und einen auf verletzte Ehre macht, treibt Ahab ja erst zu seiner richtigen Kaskade mit Esel und Maultier und Schafskopf rauf und runter. Vielleicht braucht er nur deshalb so wenig Schlaf, weil er geistig unausgelastet ist?
Stubb entlässt er dann als Feind in zwei Seiten passiver Aggression. Der Horizont kann öde sein. Und Ironie ein geladen Schießgewehr.
Bild: Frank Stella: Enter Ahab; to him, Stubb, 1988,
aus: Moby-Dick and Imaginary Places, Galerie Jamileh Weber.
Stigma diabolicum
Elke hat Kapitel 28: Ahab gelesen und Ahabs Mal gesehen:
Kapitän Ahab betritt die Bühne. Da steht er also auf seinem Achterdeck rum, der Langersehnte. Das war aber auch schon das Dramatischste, was dieses 28. Kapitel zu verkünden hat, oder? Ansonsten: ein bisschen ahnungsvolles Bauchgrimmen sowie besorgte Spekulationen über Scheffes Befehlsgebaren bei Ismael, der sich wohl auf seine schwindende Erzählerrolle im weiteren Handlungsverlauf vorbereitet, zunehmend eitel Sonnenschein und eine milde Brise auf Deck. Die sogar den finsteren bislang Unsichtbaren zunehmend ans Tageslicht lockt und beinahe hätte lächeln lassen…
Also wirklich. Auf die Gefahr hin, mit grünen Tomaten und Chowder-Bowls beworfen zu werden, frag ich mal ketzerisch: Hat der geneigte Leser (abgesehen von den eingeweihten, die eh Bescheid wussten und nur so tun als ob) von diesem Auftritt nicht was Spektakuläreres, Unheilschwangereres erwartet — und verdient? Wie hat er diesem Moment entgegengefiebert und wie viele Kapitel mit weit mehr Input über den Herrn der Pequod schon hinter sich gebracht und noch zu erwarten. Sogar von dessen Walbein — sei’s nun das rechte oder das linke — weiß er längst. Wen wundert es da noch, wenn die Moby-Projekt-Arbeiter sich “vor der Größe der Ereignisse in stubengelahrte Kniefieseleien” flüchten, wie der Wolf so schön zu formulabern pflegte? Und sich bei ihrer literierenden Waljagd vorübergehend bis an die Grenzen der Trägheit selber retardieren. Andererseits: Wer musste auch seine Erwartungen an des Leibhaftigen Erscheinen so auf die Spitze treiben?
Genug davon und ProvoZeter-Modus aus. Zumal uns doch immer eingebläut wird, positiv zu denken, nä. Und so gesehen ist diese gefühlte Ereignislosigkeit des bemotzten Kapitels nicht des guten Melvilles Schuld, sondern sein Verdienst. Und er uns, explizit was das nämliche Retardieren angeht, ein großer Lehrmeister, hihi.
Öhm… schreiten wir also mal zu einer gerafften Bestandsaufnahme der vorliegenden Nummer 28.
“Die Wirklichkeit übertraf jede Befürchtung. Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck” macht sich in jedem Falle gut als filmische Drehbuchanweisung und ist eine echte Herausforderung für jeden Regisseur, oder? Womit wir dann allerdings — nicht wahr, Stephan? — schon wieder bei Gregory Peck oder Patrick Stewart und Konsorten wären.
Der Umgang des obersten Herrn der Pequod mit seinen Steuerleuten wird uns sicher noch anders als durch geschlossene Türen offenbar; auf die bunte und für ihr Handwerk überaus kompetente Vielvölkercrew scheinen sowohl Ismael als auch Melville selbst felsenfest zu bauen.










