Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Steffis Schemen

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Steffi sagt:

Nun endlich ist es soweit.

Ich darf das Buch nicht nur in den Händen halten, sondern es aufschlagen, verschlingen, es mir aneignen und darin aufgehen, wie es gute Bücher von einem verlangen.

Ich bin etwas skeptisch, schließlich hatte ich viel von der Sperrigkeit des Moby-Dick gelesen und war mit gebremster Euphorie an das ganze herangegangen.

Aber jeder Vorbehalt wurde hinweggeweht von einer frischen Brise Humor und Zeitkolorit! Ismael erzählt locker, witzig und manchmal auch etwas hochtrabend von einer Welt, die vor meinem geistigen Auge entsteht und tatsächlich: Ich kann das Meer hören; die Wellen klatschen an die Kaimauer, die Möwen kreischen und das graue Blau des Himmels und des Meeres vermischen sich am Horizont, wohin es sein und mein Herz drängt.

Er beschreibt die Menschen, die Straßen, die Schiffe, und alles kann ich sehen.

Was für ein guter Anfang!

Ich lese, dass es ihn hinauszieht, dass er fort muss und ich denke dabei an die Hobbits aus einer ganz anderen Welt, die doch auch mit einer Sehnsucht nach der Ferne beseelt sind, wie ich sie selbst im Herbst oft spüre, von der ich mich beim Eintauchen in diese fremde Welten anstecken lasse. Ja, diese Gedanken an die Ferne kann ich verstehen, ich kann sie teilen und so bin ich freudig dabei, diesen Außenseiter eines ehemaligen Schulmeisters auf seinem Weg zu begleiten und ihm über die Schulter zu gucken.

Kann ich Ismael verstehen, mich mit ihm identifizieren?

Noch ist es wohl zu früh. Die Welt vor meinem geistigen Auge ist zwar sichtbar, doch noch nicht echt. Was ist eigentlich die Zeit, in der diese wunderbare Geschichte spielt, frage ich mich. Die Motive von Ismael kann ich verstehen, aber doch nicht teilen – als Kind meiner Zeit kann ich einen Wal nicht mehr als Bestie sehen, sehe sämtliche Tiere in einem anderen Licht, als die Bewohner der Zeit inmitten des 19. Jahrhunderts.

Aber wer kann es ihnen verübeln, dass sie diese Giganten des Meeres fürchten, wo sie doch so leicht ein Schiff zerstören können? Wo das Leben überhaupt menschenfeindlich und schwierig ist, wo die Seefahrt ein Abenteuer ist, das jederzeit tödlich enden kann, jede Reise über den Ozean ein Wagnis ist.

Nein, Ismaels Einstellung kann ich verstehen, bin vielleicht auch stolz auf ihn, dass er als aufgeklärter Mensch dem Wal nicht gleich alles Schlechte zuspricht. Und ja, er hat mich angesteckt, ich will auch raus aufs Meer, will mit auf den Walfänger, will das Monstrum sehen.

Ismael beginnt für mich ein Freund zu werden, ein Begleiter auf einer wunderbaren Reise, und ich glaube, er ist ein guter Gefährte. Mit guter Beobachtungsgabe und einer Portion ironischen Abstand zu sich und der Welt führt er mich auf den Weg.

Und doch gibt es da etwas an ihm, das an mir kratzt, wie ein rauer Hals vor einer Erkältung. Ich stoße mich an seiner Aussage, keine Verantwortung übernehmen zu wollen, andere entscheiden und handeln zu lassen und das erklärt er dazu mit Funken sprühendem Charme und einer Unernsthaftigkeit, die mich sofort fragen lässt, was für ein Schelm sich mir da vorstellt.

Super! denke ich. Ein vielschichtiger, ambivalenter Mensch! Und freue mich auf das zweite Kapitel.

Written by Wolf

7. September 2006 at 5:53 pm

Posted in Steuerfrau Steffi

One Response

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