Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Wolfsmaels Schemen

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Wäre mir ja im Leben nie aufgefallen, was der Ismael für ein verantwortungsloser Gesell ist… Wo genau verrät er sich denn? Die „Schemen“ dauern in unseren Ausgaben acht Seiten, weit versteckt kann’s also nicht sein.

So wie mich das jetzt beschäftigt, scheint es mich etwas anzugehen. Bis gerade eben hab ich Ismael für eine Art Mann ohne Eigenschaften, was ein anderes Flaggschiff ist, gehalten, die blankgeputzte Projektionsfläche für alles, was der Mensch als menschlich erachten mag – und siehe da: Eine von vornherein verwerfliche Seite bringt er schon mit. – Nun, als ob gerade das nicht zutiefst menschlich wäre.

Mit dem Namen, den er sich aussucht – denn er verleiht ihn sich aktiv – stellt er sich nicht gerade als leuchtendes Vorbild hin. Ismael, der als Spötter in die Wüste Geschickte, Genesis 21,9 ff., bekennend verantwortungslos, faustisch unbehaust, ziellos umhertreibend – er müsste sich wirklich in einer postmodernen Generation X wohl fühlen.

Generation X gab’s nicht? Egal, Slacker gibt’s immer.

Es sind fast schon zu viele Bücher im dritten Jahrtausend, die von ihnen handeln. Warum dieses? Vielleicht, weil es leicht ist, welche zu schreiben, und weil sie immer so gewinnende rausgewachsene Lausbubencharmeure mit funkelnden Augen sind, nicht blöd, können scharf hingucken und alles in gebildete Worte fassen, die man verlagsseitig guten Gewissens auf Autorenlesungsreise schicken kann?

Durchaus ein Leben, von dem es in mir träumt fort und fort, und zu dem ich immer nur den entscheidenden Tick zu spießig war („feige“ ist ein großes, böses Wort).

Den Wal als Inbegriff des Bösen find ich nicht übertrieben umweltfeindlich dargestellt. So wie sich Ismael selbst als Abkömmling eines Mythos aufstellt, so erst recht das bis jetzt gesichts- und namenlose Untier. Der Wal taucht gerade mal als Andeutung – ist das überhaupt schon ein Symbol? – einer Naturgewalt auf.

Wofür man den Wal alles als Symbol betrachten kann! Für den Teufel, Gott, Natur, das menschliche Leben, den tierischen Tod, Reichtum, Streben, Versagen. Für alles und das Gegenteil davon, nur für nichts Nebensächliches.

Das glaub ich dann gern, dass sich ein Prinzip von derart grundsätzlichem Ernst gegen einen koketten Dauersarkastiker richtet, der erst mal gucken muss. Der Esel geht aufs Eis. Einer zieht aus, das Fürchten zu lernen. Ich glaub ja, Ismael geht (übrigens nicht zum ersten Mal!) auf See, um erwachsen zu werden.

So gesehen finde ich schon, dass Ismael wenn nicht der natürliche Feind, so doch der komplementäre Charakter zu Moby-Dick ist. Falls das keine Absicht von Melville war – und ich glaub nicht, dass er’s künstlich so hinschrauben musste –, dann haben die Figuren sich von selbst so gefügt. Und das hebt das ganze Buch endgültig ins mythische Format.

Call me Ishmael, but call me for dinner.

Auslaufen

Written by Wolf

7. September 2006 at 6:24 pm

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