Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Elkes Schemen

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Elke sagt:

Hach, nun geht die Reise wirklich los, und gleich so rasant. Ach, eigentlich wollte man ja nur nicht der vorlaute Moses sein: als letzter an Bord gegangen, aber als erster das Maul aufreißen. ;o)

Na gut, ich gebe zu, ich habe das Buch schon einmal gelesen, von einem um meine musische Bildung sich sorgenden Onkel empfohlen, wenn ich mich recht erinnere. Es sollte so in den letzten Zügen der Pubertät gewesen sein. Das mir verehrte Exemplar muss dann irgendwann in der Zeit verloren gegangen sein, als ich pünktlich mit dem Erreichen der Volljährigkeit meine Sesshaftigkeit vorübergehend aufgab, aufs Meer des Lebens hinaussegelte, sozusagen… Ich hab es auch lange nicht sehr vermisst, es war von damals als ein etwas anstrengendes Leseerlebnis weniger haften geblieben als verblasst. Umso deutlicher spukte mir seit meiner Kindheit viele Jahre lang das Bild aus dem Finale des John-Huston-Films im Gedächtnis: der ‘winkende’, an den riesigen Körper des Wals gefesselte Fanatiker Ahab alias Gregory Peck, dessen Schicksal sich erfüllt. Immer wieder mit dem Schauer im Nacken erwartet, immer wieder einen kleinen Albtraum wert.

Nun läuft einem dieses Projekt übern Weg und suggeriert: das ist es vielleicht noch nicht gewesen… Man liest sich wieder hinein in die ersten Seiten und — mag nicht aufhören. Entdeckt so schnell so vieles neu. Oder gar zum ersten Mal? Stellt sich die Frage: kann man wohl ein Buch zur Unzeit gelesen haben? Und weiß plötzlich mal wieder, warum man mit so vielen Büchern lange nicht oder niemals fertig wird, sich immer wieder hineinstürzt und sie jedesmal anders erlebt. Das sind die, bei denen dich keiner davon abbringen kann, dass sie gut sind, für dich gut sind…

Autsch, da verplaudere ich mich grad grauslich. Ich gelobe Besserung, wusste doch, es wird ein Abenteuer. Und ihr wartet ja noch auf meine Schemen, in denen wir uns augenscheinlich vorerst auf Ismael und den Wal einschießen.

Für mich ist Ismael zunächst – wir streifen wohlgemerkt immer noch durchs erste Kapitel – ein unruhiger Geist, der alles offen lässt, sogar sich selbst. Wer ist er, der sich lediglich so ‘nennen’ lässt – auch nur wenig mehr als ein Schemen? Nicht ein Bild, das sich uns als bekannt (gemacht) vorgaukelt und sich doch nicht mehr preisgibt als durch diesen selbstverliehenen Namen? Ein Stück Leichtfuß voller Selbstironie, ein Stück distanzierter Betrachter, bibelfest und wortgewandt? Er ist ein melancholischer Sturkopf, der sich der eigenen Widersprüchlichkeit und seiner Außenseiterrolle bewusst ist. Keine Verantwortung zu übernehmen (wenn man es denn so ausdrücken will) bedeutet für ihn doch eigentlich, frei zu sein von ihn beengenden Regeln des täglichen langweiligen Einerlei, von ödem Festgefahrensein – sei es auch um den Preis, dem harten Kommando eines Kapitäns zu gehorchen. Wenn man sich einreden kann, dass dies aus eigenem Willen geschehe…

Hach, dieses Sich-Selbst-In-Frage-Stellen und all das andere, gepaart mit einer guten Portion Humor, dieser seelenrettenden Fähigkeit, sich selbst nicht todernst zu nehmen, machen ihn mir sympathisch, diesen Ismael. Ich steh auf solche Kerle, nennt sie meinetwegen verschroben – langweilig sind sie gewiss nicht.

Der Wal? Ja, der Wal ist sogar für Ismael etwas Ernsthaftes, Großes. Eine unbekannte Herausforderung. Ein Ziel einstweilen, dazu so recht eins nach ismaelschem Sinne – ein Schemen.

Written by Wolf

8. September 2006 at 8:32 pm

Posted in Steuerfrau Elke

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