Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Bartleby, Michaela und ich

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I would prefer not to.
Bartleby

„Ich bin ein ziemlich bejahrter Mann“, fängt Herman Melville: Bartleby, 1853, in der Übersetzung von Elisabeth Schnack, 1962 für die sechsfache Anthologie „Der Connaisseur“ bei Diogenes, Band 2: „Eine Sammlung von Hassgeschichten von Rudyard Kipling bis D.H. Lawrence, für den Literaturfreund ausgewählt von Mary Hottinger“, an.

Trotzdem ersteht vor meinem Geist noch plastisch, wie ich mit meiner neuen Freundin eines Sonntagmorgens in meinem viel zu engen Single-Bett lag und mit ihr tat, was man mit seiner neuen Freundin sonntagmorgens in einem viel zu engen Single-Bett tun sollte: uns gegenseitig Geschichten vorlesen.

Wir waren noch mitten dabei, einander kennenzulernen. Darum rezitierten wir uns nicht irgendwas, sondern was uns etwas bedeutete. Bartleby zum Beispiel – obwohl oder weil das von Melville ist und deshalb von einer fundamentalen Asexualität.

Besser noch: Gerade bei diesem rätselhaften Allroundverlierer, dem verhuschten Schreibgehilfen Bartleby, der sich aus eigentlich überhaupt keinen Gründen in den Ruin verweigert, stellt sich das Thema der Erotik überhaupt nicht. Außer vielleicht, man liegt neben einem Mädchen von der Farbe und dem Geruch bettwarmer Vanillemilch. Sie hieß Michaela und sollte später todsicher eine Lady werden.

„‚Stellen wir uns einen Mann vor, der infolge von Veranlagung und Missgeschick schon einer fahlen Hoffnungslosigkeit zuneigt – welche Beschäftigung wäre wohl geeigneter, ihn darin noch zu bestärken, als das tägliche Hantieren und Sichten unbestellbarer Briefe für ein Ende in den Flammen? Denn ganze Wagenladungen voll werden alljährlich verbrannt. Manchmal nimmt ein blasser Angestellter aus dem zusammengefalteten Papier wohl einen Ring – der Finger, für den er bestimmt war, modert vielleicht längst im Grabe; oder eine Banknote, aus Hilfsbereitschaft eiligst fortgesandt – doch der, dem sie zu Hilfe kommen sollte, ist jenseits allen Hungers; oder er liest von Verzeihung für solche, die verzweifelt starben, von Hoffnung für andere, die ohne Hoffnung starben, von froher Botschaft für alle, die die unter der Bürde ungelinderten Unglücks zusammenbrachen und starben. Mit Leben befrachtet, eilten diese Briefe in den Tod.

O Bartleby! O Menschenlos!’“ schloss ich.

Michaela hatte ernst zugehört, an ihren Daumennägeln herumknapsend.

„Warum liest du mir das vor?“ fragte sie endlich, kurz bevor ich aufstehen und Frühstück machen wollte.

Erwischt.

„Weil der Refrain von dem Wurstel mit ‚Ich möchte lieber nicht’ schmissiger übersetzt ist als von Mummendey in meinen Sämtlichen Erzählungen mit ‚Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.’“

„Red dich nicht raus.“

Doch, natürlich redete ich mich raus. In Wahrheit hatte es damit zu tun, dass ich eigentlich gar nicht vorlesen kann, weil meine Stimme ein nach innen gerichteter Gießkannenbariton ist, und ich das Vorlesen von vornherein bleiben lasse, wofern es an dem Samstagabend vor dem Sonntagmorgen nicht gerade Whisky gab, weil als Stimmbalsam weder Bier noch Obstler hilft. Und damit, dass ich an einem Sonntagmorgen nach einem whiskyschwangeren Samstagabend nur mühsam neben nackten Mädchen stille liegen kann, die nach Vanillemilch duften und denen schon früh im Leben von den Zehenschildchen widerspiegelt, dass sie mal eine Lady werden, und mich mit 75 Seiten langen Geschichten von fundamentaler Asexualität ablenken muss.

„Lass mich doch rausreden“, quakte ich.

Michaela lachte hell; unsere Liebe war jung.

„Komm mal her“, ließ sie von ihren Daumennägeln ab und begann mit Armen und Beinen in der abgestandenen Luft einer Junggesellenbude an einem ungefrühstückten Sonntagmorgen herumzurudern. Dann waren wir uns ein Stündchen gut.

Michaela und ich lernten aneinander, Beziehungen zu führen. Das war eine ihrer Lektionen. Weitere Lektionen waren, dass ich mir besser merken kann, mit welcher Tonlage und Ausdauer Mädchen im Zustand der Wonne stöhnen, als welche für ihr Seelenleben bedeutsamen Geschichten sie mir ihrerseits vorgelesen haben, und dass sie sich auch oberhalb der Schienbeine rasieren.

Dafür konnte sie fortan niemals eine fadenscheinige Migräne vorschützen, ohne dass ich sie anfeixte: „Ich möchte lieber nicht.“ Man glaubt nicht, wenn man nicht erlebt hat: wie anzüglich „Mach mir den Bartleby“ klingen kann. Und plötzlich wird sich den Bartleby vorlesen im wörtlichsten Sinne kinky.

Das war ein Tipp, Jungs.

Gescheitert ist es an etwas anderem.

Oder doch?

Written by Wolf

11. September 2006 at 10:04 am

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