Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Mummendey hatte Recht

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Also mein persönlicher Internet-Fund des Monats sind ja die beiden Links zu Putnam’s Monthly Magazine und Harper’s New Monthly Magazine, in denen Melvilles abgelegenere Geschichten erschienen sind. Schön, das schon Mitte des Monats zu wissen.

In meinem alten Melville, übersetzt, kommentiert, erläutert, bibliografiert, herausgegeben und auch sonst mit selbstangebautem Grießbrei gefüttert von Richard Mummendey, stehen seit vor 1960 kryptische Quellenangaben, die von lange vergessenen und eingestampften amerikanischen Literaturzeitschriften handeln. Fünfzig Jahre später ist die Menschheit so weit, sie morgens um drei im Internet nachgucken zu können. Über Mummendeys Übertragungen kann man stellenweise diskutieren, aber insgesamt war es schon a piece of lion work, und wenn man nach seinen Arbeiten seine Bücherliste verlinken will – : Batz! ist alles da.

Die USA sind für alles mögliche beliebt und berüchtigt, nur nicht für geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung. Making of America erinnert einen dann wieder daran, dass sie non solum den einen oder anderen Krieg, sed etiam die systematische Ausbildung in Creative Writing erfunden haben, und der nächste, der ich weiß nicht wem nachsabbelt, “Die Amis ham ja ka Kuldur, nix Eigns und alles vo di andern Länder abgschaut”, fängt eine. Es ist eine junge Kultur, auf irgend einen anderen Steinbruch wird sie sich beziehen müssen. Wie weit waren die Deutschen nach 300 Jahren ihrer eigenen Geschichte? Jedenfalls anderthalb Jahrtausende von dem Wissen entfernt, wer sie überhaupt sind.

Ich stelle mir vor, wie ein entsetzter Hiwi dazu abgestellt wurde, aus dem Uniarchiv so viele Jahrgänge von Putnam’s und Harper’s auszuleihen, wie er auf seinen Ausweis kriegen konnte, und sie zum Scanner in dem staubigen Büro der Bibliothek von Cornell zu schleppen. Missmutig und mit den Gedanken bei seinen Kumpels, mit denen er am Freitagabend wieder im Cabrio beim Table-Dance vorfahren wollte, brach er jedem Einzel-Issue das Kreuz, dass vergilbter Papierabrieb herausrieselte, und legte manche Blätter ein bisschen schief auf.

Der Nächste, der sich von dem selbstverständlich geißbärtigen, vieräugigen projektleitenden Professor misshandelt vorkam, war der mit einer Staubschicht überzogene Nerd im Computerraum, der aus den Scans eine Website bauen sollte. Das hielt ihn wochenlang vom Counterstriken ab, aber wenigstens hielt der Prof danach bis auf weiteres den Mund.

Und es war den beiden überhaupt nicht klar, was sie da zum Fortschritt der Menschheit beitrugen: Grundlagenforschung aus der Zeit, als ihr Land, auf das stolz zu sein man sie ihre ganze Education lang gelehrt hatte, genau halb so alt war wie jetzt. Als ihnen auffiel, dass eine Geschichte von Melville in der selben Ausgabe wie eine Fortsetzung eines Dickens-Romans ersterschienen war, unterlief ihnen eben doch ein anerkennendes Nicken.

Die etwas davon haben, sollen gern noch eine Zeitlang ihr Web 2.0 durchs Dorf treiben. Der wahre Wert des Internet ist doch, dass in ihm das Wissen über die Zeiten und Plattformen getragen werden kann.

Putnam und der Wolf

Written by Wolf

12. September 2006 at 4:00 pm

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