Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Zum Walfänger: Elke hat das 3. Kapitel gelesen

leave a comment »

Elke sagt:

Im Zweiten kommt er ja mal wieder so richtig einnehmend als Poet rüber, der Ismael. Dessen Anspielungen auf Lazarus offenbar wegen des Verdachts latenter Gotteslästerei nicht nur größtenteils weggelassen wurden (in der Londoner Ausgabe des ‘Whale’ nämlich), sondern sich vor allem wunderschön lesen: “Welch schöne, frostige Nacht! Wie der Orion glitzert! Was für prächtige Nordlichter! Lasst sie nur schwärmen von ihren morgenländischen Breiten ewigen Sommers und immergrüner Gärten; gewährt mir das Vorrecht mit meinen eigenen Kohlen meinen eigenen Sommer zu machen.” (S. 45)

Ha, und ein Mann mit Stil ist er auch. Denn an Bord eines Walfängers geht ein Kerl, der auf sich hält, natürlich niemals nicht vom größten Walfängerhafen wo gibt, sondern nur vom echten, traditionellen und einzig wahren Nantucket. Ich wusste es: ein Romantiker!

Was mich immer wieder fasziniert, auch in der echten Welt: wie sehr das Meer und die Seefahrt und das ganze Drumherum die Gegend um einen Hafen und an der Küste prägen. Geh durch die Gassen und Straßen an Ost- oder Nordsee (von denen man ein ganz paar kennt) – die Namen der Hafenkneipen, ihr Ambiente, das Fernweh und der Atem des Meeres, die dir förmlich zur Tür heraus entgegenwehen, das kann es nur da und nirgendwo anders geben. ––– Unser Held kann überhaupt nirgendwo anders als in den “Gekreuzten Harpunen” oder dem “Walfänger” landen…

Und die Ankunft daselbst, die sich ja nun wirklich als erster Schritt in das große mannhafte Abenteuer fixieren lässt, mit dem Ismael die Zwänge und Regeln eines braven Landschulmeisterlebens hinter sich lässt, ist nur folgerichtig eine tiefere und bange Ahnung des Abenteuers selbst. Der Wal kommt näher, ist schon ein optisches, wenn auch verschwommenes und unheimliches (Ab)Bild. Und ja, seine Beschreibung in einer derartigen Intensität, mit dem Gefühl einer unheilvollen Erhabenheit und Faszination, könnte man wohl eine Vorausdeutung nennen. Ein Kunstgriff Melvilles, der sich wiederholen und steigern wird?

Der lärmende Einfall des Seefahrervolkes in die Schankstube lässt einen irgendwie an die Glückssucher der Goldgräberzeit oder die “Geschichten auf See” von Jack London denken, dessen Helden schon ein Remarque den “wilden Atem des Lebens” bescheinigte. Und die Begegnung mit dem ‘Wilden’ Queequeg ist so spektakulär, wie es dem künftigen Gefährten gebührt. Ich kann in den Szenen übrigens kaum was von dem sogenannten alltäglichen Rassismus oder wie immer man es nennen mag, finden. Aber jeder hat da – völlig legitim – seine Sicht, der eine so, der andere so… Für mich ist es die Angst vor Fremdem, die man überwinden oder in Vorurteilen zementieren kann. Ismael sagt es selbst: “Unwissenheit erzeugt Angst, und da ich ob dieses Fremden vollkommen verwirrt und durcheinander war, muss ich zugeben, dass ich jetzt solche Angst vor ihm hatte, als wäre der Leibhaftige höchstselbst mitten in der Nacht so in mein Zimmer eingebrochen.” Und wie schnell sich diese Angst verliert, als er ihn als freundlichen, gleichgesinnten Kerl erlebt! “…der Mann ist ein Mensch, gerade so wie ich… Lieber mit einem nüchternen Kannibalen das Bett teilen, als mit einem trunkenen Christenmenschen.”

Der Wirt – er ist nicht der Kontrast, für mich, wohlgemerkt. Er ist ein Schelm, der seinen Spaß hat an Ismaels Reaktion, die er sicher vorausgesehen hat. Ein mit allen Wassern gewaschener Menschenkenner, der mit den Leuten auf seine Art umgeht, und das durchaus nicht unsympathisch, finde ich. Für mich haben diese Szenen so gar nichts von der Diskriminierung in sich, wie sie beispielsweise ein Robinson Crusoe seinem Gefährten entgegenbrachte. Ich rechne dies Melville als Verdienst seines Humanismus an.

Hach, wie zeitgemäß ist dieses Buch! Da hat die Matrosin Steffi nun wieder absolut Recht. Wenn ich da nur an die Unsendung eines privaten Fernsehsenders denke, in der man zu den “Wilden” leben geht… Die gleichberechtigte Menschen einer – genau! – lediglich anderen Kultur sind! Tssss, westliche Zivilisation schützt vor Dummheit nicht… oder so. ;o)

Written by Wolf

13. September 2006 at 10:46 am

Posted in Steuerfrau Elke

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: