Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Die Steppdecke: Elke hat das 4. Kapitel gelesen

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Elke war fleißig und sagt:

Uuh ja, also auf in dieses sonderbare und bemerkenswerte vierte Kapitel. Bei dem offenbar schon die Steppdecke (uns) wieder etwas be- und andeuten soll, die es betitelt und sich so eigenartig Ton in Ton mit Queequegs besitzergreifendem tätowierten Arm verbandelt – ist’s gar eine Allegorie? Wie uns dieses Kapitel überhaupt auf den schwankenden Boden der Deutung wirft und uns schier darin versinken lässt. Denn kaum hat man sich aus diesem sonderbaren “Flickwerk unregelmäßiger kleiner Quadrate und Dreiecke in allen Farben” gewühlt, überfällt einen Ismael mit seinem nicht minder seltsamen Kindertraum, der einem verrückterweise auch noch bekannt vorkommt…

Ich werde den Teufel tun und hier zu Herrn Freud in Konkurrenz treten. Mag sich jeder selber seinen Reim darauf machen, was diese fremde Hand (oder die Einbildung derselben), dieser Traum und die Erinnerung daran just in diesem Augenblick oder der Vergleich der Situationen meinen wollen. Was weiß man denn, wie die Geschichte weitergeht. Man denkt sich halt seinen Teil.

Oh, eines fasziniert: Man bekommt ein Stück von diesem Ismael zu packen, wieder eins, das man noch nicht kannte. Da sind Ängste, vor etwas, das sich nicht benennen lässt. Vor unbekannten Gefahren? Oder geboren aus einem Gefühl der… Einsamkeit? Bei diesem Kerl, der drei Kapitel vorher noch nach Entlegenem lechzte, „verbotene Meere […] besegeln und an barbarischen Küsten […] landen“ wollte? Der alles sicher Fassbare hinter sich lässt? Da ist doch etwas in dem Spötter und Aussteiger, das sich nach Geborgenheit, nach Wärme sehnt – auch wenn er dies nie offen zugeben würde. Erst recht nicht in der Lage, in der er sich von einem anderen Kerl umarmt findet.

Huch, nun bin ich ja doch nah bei der Traumdeuterei und Symbolik gelandet. Nun ja, man kann es einfach nicht nicht merken, dass das ganze Buch von (An)deutungen und Ahnungen, von Symbolen als Stilmittel und zur Abbildung der (Um)welt nur so strotzt. Hier und da wird „Moby-Dick“ als ein wichtiges Werk (auch) des Symbolismus bezeichnet. Dagegen kann man gar nichts haben. Und fragt sich dennoch, wie das sein kann, wo der doch erst zum Ende des 19. Jahrhunderts ausgebrochen ist, und zwar in Europa. Ist Melville seiner Zeit voraus? Zum amerikanischen Symbolismus in der Literatur habe ich bisher nicht so viel gefunden, außer dass der von mir hoch verehrte Herr E.A. Poe zu seinen Vorreitern zählt und eben auch Herman Melville.

Zuallererst wird aber auch dieses Kapitel von vorne bis hinten durch Queequeg und die Vorahnung (schon wieder) einer großen Freundschaft beherrscht. Herzliches Schmunzeln provoziert dessen Ankleidezeremonie, von Ismael-Melville mit köstlichem Humor geschildert. Was auffällt: die unbändige, ja geradezu penetrante, Neugier Ismaels auf das Tun und Wesen dieses sanften „Wilden“. Sie ist so groß, dass sich das Verständnis von zivilisiert und dem Gegenteil davon für den bedingungslos allen beiden geneigten Leser sogar umkehrt. Der unbefangen und gnadenlos hier in dem anderen, dem Typen aus gutem Hause, den Wilden zu sehen bereit ist. Doch nichts von alldem verhindert, dass unsereins Ismaels aufkeimende Sympathie für Queequeg erahnt.

Melville weiß uns im hier strapazierten Kapitel durchaus zu überzeugen, dass er auch mit unserem Dichterfürsten und des Herrn Geheimrats „Dichtung und Wahrheit“ auf gutem Fuße steht. Allerdings ist für mich die Stelle, wo Ismael Queequeg „ein Geschöpf im Übergang von einem Zustand in den nächsten – weder Raupe noch Schmetterling“ nennt, noch nicht fertig erzogen und „gerade zivilisiert genug, seine fremdländischen Sitten so befremdlich wie möglich vorzuführen“, nicht zuerst deshalb interessant. Ich fühlte mich irgendwie an die hehre und selbst auferlegte Bildungs-, Erziehungs- und Läuterungsmission in Werken von Väterchen Tolstoi und anderen alten Russen erinnert – mit der sie im übrigen, manchmal sogar seelisch, scheiterten. Dieser Missionierungsdrang klingt bei Melville auch an, wenngleich wir längst wissen, dass aus „Moby-Dick“ (das nehme ich mir einfach mal heraus und dem weiteren Verlauf vorweg) ein ganz anderes Buch geworden ist…

Written by Wolf

23. September 2006 at 7:10 am

Posted in Steuerfrau Elke

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