Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Die Steppdecke: Wolf hat das 4. Kapitel gelesen oder Mutter, lass mich dein Söhnchen sein

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Doktor Freud, übernehmen Sie!

Da glaubt man seit Kindheitstagen, im Moby-Dick kämen bis auf eine flüchtig vorbeihuschende Hafenkneipenwirtin keine Frauen vor – und dann liefert uns Ismael ein detailliertes frühkindliches Erlebnis mit seiner Mutter, das man in seiner entwaffnenden Beiläufigkeit, so in den Gang der Handlung hineingegossen, gar nicht überschätzen kann. Wie selektiv musste man lesen, um das selbst noch beim zweiten Durchgang auf Englisch zu übersehen?

Natürlich ist es die katexochene böse Stiefmutter, und der Kollege Freud wird mir zustimmen, wenn ich annehme, dass Ismael, wie immer er richtig heißen mag, wegen dieser ach so herzensguten Frau seine Identität des Verstoßenen angenommen hat.

Gut spricht er von ihr – mir kommen ja die Tränen, wie er seine Kindheitswunden mit allem nötigen Sarkasmus beiseitewitzelt: „Sie war die beste und gewissenhafteste Stiefmutter von allen, und ich musste zurück auf mein Zimmer“ – hör da nur ich die passive Aggressivität eines Kishon raus?

Aus solchen Erlebnissen haben andere komplette Bücher gestrickt, weil sie anders nicht damit fertig wurden, da muss man nicht mal gleich Kafka bemühen. Es hat viel Hypnotisches, in welchen Zustand der junge Ismael gerät, wahrscheinlich ein ungebändigter Wildfang, der seine Tage mit Bäumeklettern und Maikäferfangen verbracht haben wird, wenn er bei helllichtem Tag ins Bett – nun ja: gefesselt wird. Glatt zu delirieren fängt er an.

Was für manchen perspektivlosen Depressivling die einzige Möglichkeit ist, den Tag zu überstehen – dämmernd im Bette zu liegen –, war für Klein-Ismael die schlimmste aller Strafen. So zieht man sich perspektivlose Depressivlinge. Ein Wunder, dass er später im Leben noch den Antrieb für so einschneidende Unternehmungen wie Walfang aufbringt.

Übermutter Moss Oder wie viele Äußerungen der Depression – und reden wir mal von der pathologischen Diagnose, nicht von der vagen Verstimmung – gibt’s eigentlich? Der Kollege Freud mag mich berichtigen, falls ich meinerseits deliriere, aber ich glaub, es gibt durchaus offensive bis aggressive Formen. Das bringt mich zu der Vermutung, dass Ismael sein Leben damit verbringt, es seiner Stiefmutter zu zeigen. Erst büchst er auf Meer aus, und ich darf in ihm eine gewisse Lust am eigenen Untergang wittern: Siehste Mutter, das haste nu davon; Walfang ist der sichere Tod, das glaubst du doch, Mutter, hab ich Recht? An Land hat mich ja noch nie irgendwas Besonderes gehalten. – Ismael zahlt es seiner Mutter, der alten Hexe, die ihn damals ins Bett gesteckt hat, ordentlich heim, und gelte es sein Leben. Und war nicht Thanatos die andere stärkste Triebkraft des Menschen, nebst Eros?

Interessant wäre jetzt noch, wo denn Ismaels richtige Mutter abgeblieben ist, und war je die Rede von seinem Vater? Oder ist der Begriff „Stiefmutter“ hier eine Art Grimmsche Verglimpfung: die taktvolle Maßnahme, Stiefmütter herbeizuzerren, wo man aus religiösen Gründen (viertes Gebot!) nicht über böse leibliche Mütter reden mag? – Man weiß so wenig.

Jetzt seh ich’s erst: Ismael ist ein Lost Boy wie aus dem Peter Pan. Und es sollte mich wundern, wenn nicht grade aus diesen eindreiviertel Seiten Papa Melville persönlich den kleinen Jungen Herman durch sein Alter Ego reden ließe.

Besonders über diese Stelle erwarte ich einiges von Drewermann, wenn ich endlich die 29,90 für seine Tiefenpsychologie erschwinge (oder wahlweise die Stadtbibliothek mein Desideratum erhört, hähä).

Soll ich wieder übernehmen, Doktor Freud…?

Heute beim dritten Lesen fallen mir die Stellen schon fast nicht mehr auf, über die ich vor allem beim ersten Durchgang als Zwölfjähriger am meisten gelacht hab. Poltert sich doch nicht der wilde Neger zum Stiefelanziehen diskret unters Bett, um im weiteren Verlauf in Stiefeln und Zylinder und sonst gar nix im Zimmer umherzugeistern?

Queequegs gewinnende Tollpatschigkeit hat mich damals endgültig in das Buch gezogen. Einigen Respekt hatte man damals doch vor der voluminösen Erwachsenenschwarte, das aufs Wesentliche reduzierte Reclamheft schmeckte ohnehin so nach staubtrockenem Deutschunterricht – und als ich gemerkt hab, dass es da ja richtig was zu lachen gibt, wusste ich: Das Ding hältst du durch.

Written by Wolf

24. September 2006 at 3:37 pm

3 Responses

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  1. […] a comment » Wolf hat Kapitel 35: Im Masttopp gelesen und macht ein Update zu Mutter, lass mich dein Söhnchen sein:      Roll on, thou deep and dark blue Ocean — roll! […]

  2. […] habe ich leider doch keinen Anknüpfungspunkt gefunden, um über Ahabs oder Moby Dicks Beziehung zur Mutter zu spekulieren – vielleicht in späteren Kapiteln, bester Wolf. Mein Identifikationspotential mit […]

  3. Amazing. It’s such a shame more folks haven’t heard about
    this place, it covered everything I needed to know!

    Chaitali Varughese

    7. August 2012 at 9:03 am


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