Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Gut gefrühstückt zum Stadtbummel: Elke hat das 5. & 6. Kapitel gelesen

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Elke sagt:

Also, wenn ihr mich fragt, finde ich Ismaels und erst recht Melvilles Tempo, dem wir mit unserer eigenen Gemächlichkeit folgen, durchaus angemessen. Und zwar auf zweierlei Weise:

Zum Ersten haben Ismaels Erlebnisse so einen Touch von Echtzeit: man fühlt sich, in seiner kuscheligen Sofaecke hockend, doch selber mittendrin und voll dabei in diesem wilden Haufen raubeiniger Kerle. Die es furchtlos mit jedem noch so großen Wal aufnehmen, und diese erwartet munter lärmende Frühstücksrunde – schau an! – auf einmal scheu und schweigsam hinter sich bringen. Ja, auf den Weltmeeren herumzukommen, heißt halt mitnichten, weltgewandt und umgänglich zu sein. Im Gegenteil steht es zu vermuten, dass diese Walfänger und Abenteurer in ihrer Mehrzahl eine Schar von Sonderlingen und Einzelgängern sind, auf hoher See durch ihren gefährlichen Job zusammengeschweißt und dem normalen Leben so fern und entwöhnt wie nur irgendwer.

Und ich hab ja, wo wir doch längst um die hintergründige Psychologelei Melvilles in seiner Sicht auf die Welt wissen, noch einen ganz andern Verdacht: dass er damit nicht nur diese Tafelrunde meint…

Und zum Zweiten haben diese Erzählweise und Ismaels Beobachterposten, auf dem er sich ja nun im Einzelkapitel (im Gegensatz zu mir) weiß Gott nicht weitschweifig palavernd und häuslich niederlässt, ihren tiefen Sinn. Ham wir doch wieder was gelernt! Zuallererst nämlich, wie und warum der zunehmend an Queequeg einen Narren frisst. Denn der Kerl hat was in dieser Meute (noch?) gesichtsloser Gestalten: ein gelassenes und äußerst gesundes Selbstbewusstsein, „und jedermann weiß, dass Gelassenheit in den Augen der meisten Menschen auf ein vornehmes Wesen hindeutet.“ (S. 76) Denn wie man ja selber heutzutage – vom Sitzungstisch bis zum Hörsaal – immer wieder erlebt, sitzt „am Kopfe der Tafel“ entweder einer, den es aus dem Bewusstsein der Wichtigkeit seiner Person oder aus Geltungsdrang ins „Präsidium“ oder zumindest in dessen Nähe drängt, oder eben der, der sich darüber überhaupt keinen Kopp macht. So einer ist Queequeg, in sich ruhend, mit seiner höchstpersönlichen Würde. Und es schert ihn nicht mal, ob es jemanden anderen schert, dass er mit der Harpune sein halbblutiges Steak frühstückt. Im übrigen sei wohlmeinend davor gewarnt, beim nächsten Restaurantbesuch den einschlägigen Gourmet einen Wilden zu nennen.

Natürlich geht es nicht an, dem wissbegierigen Leser einen Eindruck von der Walfängermetropole New Bedford vorzuenthalten – wie wir sehen, kommen wir also auch nicht ohne das sechste Kapitel aus. Denn wer möchte schließlich gern aus dem Niemandsland auf Walfang gehen.

Sie ist voll von Seeleuten und Abenteurern unterschiedlichster Couleur, die Stadt – vom echten Menschenfresser über bunte Exoten aus aller Herren Länder bis zum auf Walfänger gestylten Bauernlümmel aus Vermont oder New Hampshire. Der heiß darauf ist, das große Geld zu machen, und, wenn es ernst wird, noch sein blaues Wunder erleben wird.

Um nochmal beim Geld zu bleiben: Melville, ach nein, Ismael zeichnet ein knappes, aber klares und farbiges Bild des üppigen Wohlstands, den die Region den Walen verdankt. Und keine Rede davon, dass der Walboom schon in sein sieches Stadium zu fallen beginnt, weil ja längst ergiebigeres Gold gefunden wurde, schwarzes Gold. Und weil es Ismael ist, der uns das alles erzählt, darf natürlich hier seine Anspielung auf Kanaan, das Gelobte Land nicht fehlen. Auch wenn New Bedford an das natürlich nicht ganz rankommt, aber nur ganz knapp nicht. Okay, ich geb’s ja zu, dass mir die sehr kurze Anmerkung dazu nicht gereicht hat und mich eine Kurzfassung der Geschichte des entsprechenden Buch Mose inhalieren ließ – was tut man nicht alles für seine Bibelfestigkeit. Demnach wurde besagtes Gelobtes Land ja schließlich des echten Ismaels Vadder Abraham und seinen Nachkommen von Gott höchstpersönlich versprochen. Nu hatte Vadder zwar eben jenen Ismael schmählich aus dem Haus getrieben; trotzdem meint man herauszuhörn, dass der „Unsrige“ sich vorerst auch mit dem beinah Gelobten Land zufrieden gibt.

Written by Wolf

29. September 2006 at 12:39 pm

Posted in Steuerfrau Elke

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