Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Ismael danach oder Man weiß es nicht und wozu auch

leave a comment »

Mir war, als blicke ich vom Gipfel des Pisga hinab in die Wälder des alten Kanaan. Ein puseyitisches Gemälde von einer Madonna mit dem Kinde, das eines der unteren Fenster schmückte, schien die einzigen Bewohner dieser Wildnis – die richtige Hagar mit ihrem Ismael – darzustellen.

Das ist aus “Die zwei Tempel”, genauer: gegen Ende des ersten Tempels in der verdienstreichen Übersetzung von Mummendey, in dem sich der Ich-Erzähler in jenen Tempel hat einsperren lassen, um heimlich einem Gottesdienst beizuwohnen, und damit von 1854.

Wie fühlt sich ein Schreiber, der drei Jahre nach seinem ersten opus magnum das Vorbild für seine damalige Hauptfigur noch einmal verwendet, diesmal als kurz aufblitzende Nebenfigur?

1854 wusste Melville noch nicht, wie das so ist, wenn sich die eigenen Kinder erschießen. Auch mir darf sich das gern so lange wie möglich verschließen, ich glaube aber nicht, dass es Balsam fürs Ego ist.

Sind Romanfiguren Schreibers Kinder? Bei einem Alter Ego, das ein Monument von einer metaphysischen Seefahrergeschichte lang durchhalten musste, liegt die Vorstellung nahe. Als Leser kann man den Ismael aus Moby-Dick mögen oder nicht oder irgendwas dazwischen, und der Ozean wogt weiter. Aus Sicht des Schreibers genauso, aber sicher war er Blut von seinem Blut.

Leicht vorzustellen, dass Melville beim Abfassen fraglicher Stelle in The two Temples leise gegrinst hat: Da is er ja nochmal; ganz tot zu kriegen is er nicht, mein einziger Überlebender der Pequod, und schau an, als sein eigenes Urbild schreibt er sich heut hin.

Von glimmender Hoffnung handelt dann auch spätestens der zweite Tempel. Gerade nach den ganzen Verrissen für Moby-Dick nebst Nachfolger Pierre, die Melville wegstecken musste, ein tröstliches Unterfangen. Spekulation gibt nie Sicherheit, aber doch: Es muss tröstlich sein, nie mit dem Schreiben aufzuhören.

Ein Linguistik-Dozent hat mal an einer Arbeit von mir bemängelt, meine Behandlung einer bestimmten Problemstellung bleibe in der Verwunderung darüber stecken. Klavier spielen soll er gehen. Ich bleibe nicht stecken, ich werfe auf. Oder nennen wir es wenigstens ein erschauerndes Verweilen vor der Schönheit solcher nicht weiter auszuräumenden Ungewissheit.

Ismael der andere

Written by Wolf

29. September 2006 at 1:51 pm

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: