Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for September 2006

Losing My Religion

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An Doktor Freud schon wieder: Wollen Sie übernehmen?

Ismael – also der aus der Bibel jetzt – ist ja, wenn man keine Angst vor Genre-Crossing hat, einer der Lost Boys aus dem Peter Pan.

VaterfreudenDer Unterschied ist, dass Ismael nicht versehentlich aus dem Kinderwagen gepurzelt ist, sondern aktiv rausgeschmissen wurde. Urvater Abraham, die Blaupause aller Patriarchen, schickt seinen Erstgeborenen in die Wüste, weil seine Frau mosert, dass der ja gar nicht von ihr ist. Seinen Zweiten, Isaak, opfert er wie ein Stück Vieh.

Gut, geopfert hat er ihn nicht. Dazu musste ihm aber Gott persönlich in den Arm fallen, der das Schlachtmesser hielt. Der Trick ist: Er hätte es getan.

Das konnten die Jungs nur kompensieren, indem sie ihrerseits Stammväter wurden: der eine für die Araber, der andere für die Juden.

Die Lost Boys haben sich von Peter Pan, dem größten Kindskopf unter ihnen, losgesagt und gründeten mit Mädchen wie Wendy Familien. Peter Pan durfte Tinkerbell behalten. Abraham kämmt seinen Bart.

Schöner Übervater.

Written by Wolf

25. September 2006 at 3:00 pm

Posted in Rabe Wolf

Die Steppdecke: Wolf hat das 4. Kapitel gelesen oder Mutter, lass mich dein Söhnchen sein

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Doktor Freud, übernehmen Sie!

Da glaubt man seit Kindheitstagen, im Moby-Dick kämen bis auf eine flüchtig vorbeihuschende Hafenkneipenwirtin keine Frauen vor – und dann liefert uns Ismael ein detailliertes frühkindliches Erlebnis mit seiner Mutter, das man in seiner entwaffnenden Beiläufigkeit, so in den Gang der Handlung hineingegossen, gar nicht überschätzen kann. Wie selektiv musste man lesen, um das selbst noch beim zweiten Durchgang auf Englisch zu übersehen?

Natürlich ist es die katexochene böse Stiefmutter, und der Kollege Freud wird mir zustimmen, wenn ich annehme, dass Ismael, wie immer er richtig heißen mag, wegen dieser ach so herzensguten Frau seine Identität des Verstoßenen angenommen hat.

Gut spricht er von ihr – mir kommen ja die Tränen, wie er seine Kindheitswunden mit allem nötigen Sarkasmus beiseitewitzelt: „Sie war die beste und gewissenhafteste Stiefmutter von allen, und ich musste zurück auf mein Zimmer“ – hör da nur ich die passive Aggressivität eines Kishon raus?

Aus solchen Erlebnissen haben andere komplette Bücher gestrickt, weil sie anders nicht damit fertig wurden, da muss man nicht mal gleich Kafka bemühen. Es hat viel Hypnotisches, in welchen Zustand der junge Ismael gerät, wahrscheinlich ein ungebändigter Wildfang, der seine Tage mit Bäumeklettern und Maikäferfangen verbracht haben wird, wenn er bei helllichtem Tag ins Bett – nun ja: gefesselt wird. Glatt zu delirieren fängt er an.

Was für manchen perspektivlosen Depressivling die einzige Möglichkeit ist, den Tag zu überstehen – dämmernd im Bette zu liegen –, war für Klein-Ismael die schlimmste aller Strafen. So zieht man sich perspektivlose Depressivlinge. Ein Wunder, dass er später im Leben noch den Antrieb für so einschneidende Unternehmungen wie Walfang aufbringt.

Übermutter Moss Oder wie viele Äußerungen der Depression – und reden wir mal von der pathologischen Diagnose, nicht von der vagen Verstimmung – gibt’s eigentlich? Der Kollege Freud mag mich berichtigen, falls ich meinerseits deliriere, aber ich glaub, es gibt durchaus offensive bis aggressive Formen. Das bringt mich zu der Vermutung, dass Ismael sein Leben damit verbringt, es seiner Stiefmutter zu zeigen. Erst büchst er auf Meer aus, und ich darf in ihm eine gewisse Lust am eigenen Untergang wittern: Siehste Mutter, das haste nu davon; Walfang ist der sichere Tod, das glaubst du doch, Mutter, hab ich Recht? An Land hat mich ja noch nie irgendwas Besonderes gehalten. – Ismael zahlt es seiner Mutter, der alten Hexe, die ihn damals ins Bett gesteckt hat, ordentlich heim, und gelte es sein Leben. Und war nicht Thanatos die andere stärkste Triebkraft des Menschen, nebst Eros?

Interessant wäre jetzt noch, wo denn Ismaels richtige Mutter abgeblieben ist, und war je die Rede von seinem Vater? Oder ist der Begriff „Stiefmutter“ hier eine Art Grimmsche Verglimpfung: die taktvolle Maßnahme, Stiefmütter herbeizuzerren, wo man aus religiösen Gründen (viertes Gebot!) nicht über böse leibliche Mütter reden mag? – Man weiß so wenig.

Jetzt seh ich’s erst: Ismael ist ein Lost Boy wie aus dem Peter Pan. Und es sollte mich wundern, wenn nicht grade aus diesen eindreiviertel Seiten Papa Melville persönlich den kleinen Jungen Herman durch sein Alter Ego reden ließe.

Besonders über diese Stelle erwarte ich einiges von Drewermann, wenn ich endlich die 29,90 für seine Tiefenpsychologie erschwinge (oder wahlweise die Stadtbibliothek mein Desideratum erhört, hähä).

Soll ich wieder übernehmen, Doktor Freud…?

Heute beim dritten Lesen fallen mir die Stellen schon fast nicht mehr auf, über die ich vor allem beim ersten Durchgang als Zwölfjähriger am meisten gelacht hab. Poltert sich doch nicht der wilde Neger zum Stiefelanziehen diskret unters Bett, um im weiteren Verlauf in Stiefeln und Zylinder und sonst gar nix im Zimmer umherzugeistern?

Queequegs gewinnende Tollpatschigkeit hat mich damals endgültig in das Buch gezogen. Einigen Respekt hatte man damals doch vor der voluminösen Erwachsenenschwarte, das aufs Wesentliche reduzierte Reclamheft schmeckte ohnehin so nach staubtrockenem Deutschunterricht – und als ich gemerkt hab, dass es da ja richtig was zu lachen gibt, wusste ich: Das Ding hältst du durch.

Written by Wolf

24. September 2006 at 3:37 pm

Wale sprengen

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Was aus der Pequod geworden ist, weiß man. Was aus Moby-Dick geworden ist, schon weniger. Seine nachgeborenen Kumpels an der amerikanischen Ostküste haben, wie der Spiegel verlautet, nicht mal postmarin ihre Ruhe.

Moby tot

Written by Wolf

23. September 2006 at 8:02 am

Posted in Meeresgrund

Die Steppdecke: Elke hat das 4. Kapitel gelesen

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Elke war fleißig und sagt:

Uuh ja, also auf in dieses sonderbare und bemerkenswerte vierte Kapitel. Bei dem offenbar schon die Steppdecke (uns) wieder etwas be- und andeuten soll, die es betitelt und sich so eigenartig Ton in Ton mit Queequegs besitzergreifendem tätowierten Arm verbandelt – ist’s gar eine Allegorie? Wie uns dieses Kapitel überhaupt auf den schwankenden Boden der Deutung wirft und uns schier darin versinken lässt. Denn kaum hat man sich aus diesem sonderbaren “Flickwerk unregelmäßiger kleiner Quadrate und Dreiecke in allen Farben” gewühlt, überfällt einen Ismael mit seinem nicht minder seltsamen Kindertraum, der einem verrückterweise auch noch bekannt vorkommt…

Ich werde den Teufel tun und hier zu Herrn Freud in Konkurrenz treten. Mag sich jeder selber seinen Reim darauf machen, was diese fremde Hand (oder die Einbildung derselben), dieser Traum und die Erinnerung daran just in diesem Augenblick oder der Vergleich der Situationen meinen wollen. Was weiß man denn, wie die Geschichte weitergeht. Man denkt sich halt seinen Teil.

Oh, eines fasziniert: Man bekommt ein Stück von diesem Ismael zu packen, wieder eins, das man noch nicht kannte. Da sind Ängste, vor etwas, das sich nicht benennen lässt. Vor unbekannten Gefahren? Oder geboren aus einem Gefühl der… Einsamkeit? Bei diesem Kerl, der drei Kapitel vorher noch nach Entlegenem lechzte, „verbotene Meere […] besegeln und an barbarischen Küsten […] landen“ wollte? Der alles sicher Fassbare hinter sich lässt? Da ist doch etwas in dem Spötter und Aussteiger, das sich nach Geborgenheit, nach Wärme sehnt – auch wenn er dies nie offen zugeben würde. Erst recht nicht in der Lage, in der er sich von einem anderen Kerl umarmt findet.

Huch, nun bin ich ja doch nah bei der Traumdeuterei und Symbolik gelandet. Nun ja, man kann es einfach nicht nicht merken, dass das ganze Buch von (An)deutungen und Ahnungen, von Symbolen als Stilmittel und zur Abbildung der (Um)welt nur so strotzt. Hier und da wird „Moby-Dick“ als ein wichtiges Werk (auch) des Symbolismus bezeichnet. Dagegen kann man gar nichts haben. Und fragt sich dennoch, wie das sein kann, wo der doch erst zum Ende des 19. Jahrhunderts ausgebrochen ist, und zwar in Europa. Ist Melville seiner Zeit voraus? Zum amerikanischen Symbolismus in der Literatur habe ich bisher nicht so viel gefunden, außer dass der von mir hoch verehrte Herr E.A. Poe zu seinen Vorreitern zählt und eben auch Herman Melville.

Zuallererst wird aber auch dieses Kapitel von vorne bis hinten durch Queequeg und die Vorahnung (schon wieder) einer großen Freundschaft beherrscht. Herzliches Schmunzeln provoziert dessen Ankleidezeremonie, von Ismael-Melville mit köstlichem Humor geschildert. Was auffällt: die unbändige, ja geradezu penetrante, Neugier Ismaels auf das Tun und Wesen dieses sanften „Wilden“. Sie ist so groß, dass sich das Verständnis von zivilisiert und dem Gegenteil davon für den bedingungslos allen beiden geneigten Leser sogar umkehrt. Der unbefangen und gnadenlos hier in dem anderen, dem Typen aus gutem Hause, den Wilden zu sehen bereit ist. Doch nichts von alldem verhindert, dass unsereins Ismaels aufkeimende Sympathie für Queequeg erahnt.

Melville weiß uns im hier strapazierten Kapitel durchaus zu überzeugen, dass er auch mit unserem Dichterfürsten und des Herrn Geheimrats „Dichtung und Wahrheit“ auf gutem Fuße steht. Allerdings ist für mich die Stelle, wo Ismael Queequeg „ein Geschöpf im Übergang von einem Zustand in den nächsten – weder Raupe noch Schmetterling“ nennt, noch nicht fertig erzogen und „gerade zivilisiert genug, seine fremdländischen Sitten so befremdlich wie möglich vorzuführen“, nicht zuerst deshalb interessant. Ich fühlte mich irgendwie an die hehre und selbst auferlegte Bildungs-, Erziehungs- und Läuterungsmission in Werken von Väterchen Tolstoi und anderen alten Russen erinnert – mit der sie im übrigen, manchmal sogar seelisch, scheiterten. Dieser Missionierungsdrang klingt bei Melville auch an, wenngleich wir längst wissen, dass aus „Moby-Dick“ (das nehme ich mir einfach mal heraus und dem weiteren Verlauf vorweg) ein ganz anderes Buch geworden ist…

Written by Wolf

23. September 2006 at 7:10 am

Posted in Steuerfrau Elke

Hatte Herman Melville Kinder?

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„Wie hat Herman Melville überhaupt ausgesehen?“

„Wie der Nikolaus.“

„Du meinst, wie ein calvinistischer Patriarch.“

„Aber ich bin fies, gell?“

„Wie ein Quäkerpilgervater?“

„Er wird keine Weltreise davon entfernt sein.“

„Wie viele Kinder hat der denn gehabt?“

„Weiß ich auch grade nicht auswendig…“

„Solche Sachen sind’s aber, die die Leute interessieren!“

„Und nicht, welche Bücher sie noch von ihm kaufen können?“

„Das kommt später. Erst will man hören, dass Angelina Jolie die zehn kleinen Negerlein adoptiert hat – dann guckt man einen Film mit ihr.“

„Moment, ich weiß, wo’s steht. Im Jendis ist eine zehnseitige Biografie.“

„Da ist der moderne Leser zu faul. Die Information muss sofort greifbar sein.“

„Warum googelt er’s nicht, der moderne Leser?“

Du bist doch der Experte. Den modernen Leser interessieren deine nerdigen Schulaufsätze ex cathedra nicht. Wozu führst du denn deinen Weblog?“

„Damit ich besser weiß, welcher von deinen modernen Lesern mich langsam mal kreuzweise kann. Unerhebliche Fragen stellen und zu hedonistisch, die Antwort anzuhören.“

„Ein Glück, dass du nicht arrogant bist.“

„Söhne Malcolm, 16. Februar 1849 in Boston, und Stanwix, 22. Oktober 1851 in Pittsfield, Töchter Elizabeth, 22. Mai 1853 auch in Pittsfield, und Frances, 2. März 1855 erst recht in Pittsfield. Den Malcolm hat er am 11. September 1867 mit Kopfschuss nach dem Waffenreinigen in seinem Zimmer aufgefunden, Stanwix ist am 23. Februar 1886 in San Francisco an Tuberkulose gestorben. Ta-daa.“

„Und die Mädels? Leben noch?“

„Glaub ich nicht. Sind eben nicht so detailliert überliefert, weil sie den Vater überlebt haben, bei dem sie in der Biografie vorkommen.“

„Und weil Frauen in der Historie…“

„Sag jetzt nichts, Liebling.“

„Die CD von Paris Hilton ist gefälscht und heimlich in den Plattenläden verteilt worden.“

So viel zur Entschleunigung. Leben mit Melville.

So sieht der aus

Written by Wolf

21. September 2006 at 11:57 am

Moby-Dick ist ein Gummitier,

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wie Elke weiß,

jawohl, so eins zum Aufblasen, mit Ventil und Stöpsel. Er war nicht weiß, sondern blau, und planschte vor vielen Jahren mit einem kleinen, blondbezopften Mädchen in den Ostseewellen. Meine erste Erinnerung an diesen Namen hat ein süß lächelndes Gesichtchen mit Kulleraugen und so überhaupt nichts mit diesem mythischen Wesen, dem Bild des gewaltigen und unheimlichen Gegenspielers des Kapitän Ahab zu tun.

Wie so vieles andere übrigens auch nicht, wofür Moby-Dick heutzutage alles herhalten muss. Das hätte der gute Herman Melville, der den Welterfolg seines Buches nicht mehr erlebt hat, sich nicht träumen lassen, welch unvorstellbaren Siegeszug auf bisweilen recht eigenwillige, ja kuriose Weise sein weißer Wal ein gutes Jahrhundert später sogar bis in die letzten Ecken des Alltagslebens antreten würde. Ihn gar für werbeträchtig zu halten, wäre ihm erst recht niemals nicht eingefallen. Und als aufrechte reale Poeten hoffen wir nur, dass er sich nicht im Grabe umdrehen möge angesichts des schwungvollen Handels mit nicht nur den erwähnten Schwimmhilfen (die ja noch eine gewisse, wenn auch seeehr entfernte Ähnlichkeit mit dem Namensgeber haben), sondern auch Kinderplanschbecken, Fischtellern, Surfbrettern und anderen Fortbewegungungsmitteln, Ferienunterkünften und was sonst noch alles von findigen Geldmachern mit Moby in Verbindung gebracht wird.

Dem Weißwal, der einstens sein eigenes Geheimnis den Rhein stromaufwärts bis nach Bonn getragen und retour wieder mitgenommen, dazu noch der Umweltbewegung einen kräftigen Push gegeben hat, legt man da allerdings gern und ehrfürchtig ein „Nennt mich Moby-Dick“ ins Maul.

Und ganz bestimmt werden sich auch die Täufer von Kindertagesstätten und die Sauna- und Muckibudenbetreiber bei den symbolträchtigen Benamsungen ihrer Häuser was Großes gedacht haben – fragt sich nur: Was?

Moby Dick, DresdenEines tiefen Nachdenkens wert finde ich vor allem die Namensidee für ein ohne Frage sehr lobenswertes Kindergesundheitsprojekt – ob man sie wohl etwas skurril nennen darf? Oder habe ich den tiefen Sinn des Ganzen nur nicht verstanden?

Die Begegnungen mit ähnlichen Merkwürdigkeiten sind Legion. Und lassen einen mit einem leisen Kopfschütteln auf die „Pequod“ zurückkehren wie an einen Zufluchtsort, an dem Moby-Dick noch das ist, was Melville um ihn gewoben hat. Unergründlich… vielleicht – aber auf jeden Fall ganz anders.

Moby Blau-aber-Nützlich

Written by Wolf

20. September 2006 at 11:36 am

Posted in Smutjin Elke

Clarel und kein Ende

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672 Seiten vollendete TatsachenAls ob Clarel noch nicht lang genug wäre. Das Beste: Wo die Österreicher vollendete Tatsachen geschafft haben, müssen die Deutschen noch lange rumzoffen. A geh, gehns schäääßn.

Written by Wolf

15. September 2006 at 10:40 am

Posted in Mundschenk Wolf