Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kirche & Kanzel: Elke hat das 7. & 8. Kapitel gelesen

leave a comment »

Elke sagt:

Da folgen wir ihm also in die kleine Kirche, dem frischgebackenen Walfänger, fast auf Zehenspitzen – an einen Ort der Stille und leisen Andacht… So meinen wir jedenfalls. Und dann geraten wir aus diesem Schneesturm da draußen vor der Tür, ehe wir’s uns versehen, schon wieder in einen neuen – und der tobt in unserem guten Ismael selber, will mir scheinen. Oder hören wir hier gar ziemlich unverfremdet Herrn Melville höchstselbst, in seiner eigenen Not zwischen Glauben und Zweifel?

Jaja, hier kommt noch eine daher, die wohl mehr Fragen als Antworten hat. Und die hat’s auch nicht so mit den religiösen Spielarten. Wen wundert’s, könnte wer sagen, wenn er sich’s einfach machen wollte. Wo ich mir doch die Hand reichen könnte mit dem ungetauften Queequeg… irgendwie. Der – auch das wundert kaum noch einen – natürlich mitten in der andächtigen Gemeinde hockt. Was ich eigentlich sagen wollte: vielleicht kommts darauf gar nicht an, wes Geistes Kind man ist, welcher Religion mit ihren Grundsätzen, Geboten oder Regeln man folgt? Selbst wenn einer gar keine hat, heißt das noch lange nicht, dass er an nichts glauben will. Ich nenne es die Suche nach dem Sinn.

Und auch ich habe mich gefragt: Diese trostlosen Tafeln, diese – o ja! – kaltfröstelnden Inschriften, so überdeutlich vor des Lesers Auge gebaut, was sollen sie bedeuten? Sie haben etwas mit Ismaels (oder Hermans?) Gedankensturm zu tun, mit der “ungewollte[n] Ungläubigkeit in jenen Zeilen, die den Glauben selbst zu zersetzen scheinen und jenen Geschöpfen die Auferstehung verweigern, die ohne bleibende Stätte, ohne Grab zugrunde gehen”. Ist es der Versuch einer ohnmächtigen Beschwörung, dass da doch etwas bleibt, bleiben muss; einer Beschwörung, die bis zur sympathetischen Vereinigung der „stillschweigenden Inseln“ einsamen Grams getrieben wird? Weil das ganze doch einen Sinn haben muss, weil „der Glaube […] sich, wie der Schakal, seine Nahrung zwischen den Gräbern [sucht] und […] gerade aus diesen tödlichen Zweifeln seine lebensspendende Hoffnung [zieht]“?

Mir kommt es ja so vor, wandele sich Ismael am Ende des siebenten Kapitels beinah zum Fatalisten, den möglichen Ausgang seines Walfängerschicksals auf einmal so plastisch-sarkastisch vor Augen. Aber wenn da was dran sein sollte, dann ist es ein recht kämpferischer Fatalismus, denn sein wahres Ich, seine – jawohl, reine, – „Seele zermalmen, das kann selbst der Höchste nicht.“

Selbstverständlich war dieser sein (und Melvilles?) ketzerischer Gedanke den englischen Puritanern nicht zuzumuten und las sich desterwegen in der Londoner Ausgabe so: „meine Seele zermalmen, wer kann das?“

Meiomei, wie viel Zeit man sich wieder lässt, um endlich an dieser nun wirklich einzigartigen Kanzel anzukommen! Zu der Vater Mapple – vom Wolf bereits gebührend besungen – mittels einer Strickleiter hinaufklimmt, die (wäre einer nicht drauf gekommen?) mitsamt der ganzen Kanzel natürlich auch wieder ein Sinnbild darstellt, den Bug eines Schiffes – und das Schiff ist die Welt.

Melville sagt es andersherum: „Wahrlich, die Welt ist ein Schiff…“ – und ich mag diesen letzten Satz des Kapitels, mag dieses Bild des Schiffes auf dem Meer, im Sturm … des Lebens? Und bin damit in bester Humboldt-Gesellschaft.

Calvinisten

Written by Wolf

6. October 2006 at 7:02 am

Posted in Steuerfrau Elke

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: