Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Die Predigt: Wolf hat das 9. Kapitel gelesen

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Father Mapple, Ann Nathan Gallery ChicagoEndlich geht’s mal ausführlich um ein sehr großes Wasser. An dieser Stelle ging es beim Originallesen los, dass man öfter das Wörterbuch als das Buch braucht. Bulwarks: Schanzkleid. Hach, all diese berückend schönen Wörter, die man normalerweise nicht mal auf Deutsch kennt.

Außer dem handfesten Anlass, dass ein Wal vorkommt, wird es noch einen anderen Grund haben, dass Vater Mapple übers Buch Jona predigt. Von Sünde und Schuld geht seine Rede, und zwar in reichlich beklemmender Lebensnähe. Man könnte glatt auf den Gedanken verfallen, das Thema lässt Vater Mapple persönlich nicht ganz kalt: Von welcher Schuld wird dieser Mann gebeutelt?

Das muss nicht mal von einem früheren Verbrechen herkommen. Ich war mal katholisch, wurde jedenfalls so erzogen, und weiß: Mit Schuld belädt man sich fatal schnell. Das ist geradezu das Hauptanliegen einer katholischen Erziehung: den Menschen klein und im Bewusstsein seiner immerwährenden Schuld zu halten. Es gab Zeiten, da hätt ich mich auch am liebsten sofort nach Tharsis oder sonstwo gemacht – wegen nichts – und nur mit einem T-Shirt mit der Aufschrift: “Ich bin schuld”. O ja, das gibt’s; ich versteh Jona.

Bei Vater Mapple hat das offenbar auch funktioniert, bei Melville erst recht, und jetzt geben sie es beide mit donnernder Eloquenz weiter. Der erstere einer Kirche voller Gemeinde, der letztere der literarisch empfänglichen Welt, noch 115 Jahre nach seinem Tod and still counting. Mich jedenfalls schaudert noch bei der plastischen Schilderung, wie sich Jona in seine Kajüte verdrückt, um sich seinen Panikattacken zu widmen.

Außer zum ganzen Moby-Dick ist Eugen Drewermann ja auch zu Jona ein ganzes Buch eingefallen. Welche Übervater- und Mutterschoßparallelen werden einen da wieder anspringen? Was Vater Mapple draus macht: “Weh dem, der zu gefallen trachtet statt zu erschrecken!” (“to appal”, nicht “to be shocked” oder dergleichen – also die Tätigkeit, nicht der Affekt), “Weh dem, der seinen guten Namen höher hält als das Gute! Weh dem, der in dieser Welt nicht nach Ehrlosigkeit strebt!”

Laut Vater Mapples dringenden Empfehlungen auf Seite 101 soll ich also meinen guten Namen in den Dreck ziehen, Leute erschrecken und dabei das Gute hochhalten, auf dass ich wahrhaftig bleibe? – Na Wahnsinn. Pommes dazu?

Von den seelischen Schäden mal abgesehen, die von derlei kirchlichen Lehren wenn nicht als Ursache, so doch mit aktiver Unterstützung ausgehen, hätte mir so ein Gottesdienst in meiner kirchlich begleiteten Zeit schon gut gefallen: Was Vater Mapple da zelebriert, besteht rein aus Predigt.

Predigt war immer mein Lieblingsteil in der Kirche. Z.E.N.: Zuschauen, Entspannen, Nachdenken; so lange kann man sich weder durch falsche Responsorien noch allzu obszönes Hostienkauen blamieren. Wie weit man seinen Lehren folgen will, kann man beim nachkirchlichen Frühschoppen immer noch entscheiden.

Bei Mapple findet keine Orgel, keine Eucharistie statt, die Audience Participation beschränkt sich auf Mitsingen eines Chorals am Anfang, und selbst da scheint es, als ob die Gemeinde nicht so richtig dazu verpflichtet gewesen wäre. Der Pfarrer macht alles, der hat das gelernt und wird dafür bezahlt. Ein reiner Wortgottesdienst.

Welche Kirche feiert so? Die Reformed Dutch, nach der Melville erzogen wurde? Oder die Episkopalen von Pittsfield, denen er mit seiner Frau angehörte? Die Presbyterianer, zu denen Ismael sich bekennt? Die Unitarier aus Melvilles väterlicher Seite? Und wer von denen verbreitet diese autoaggressiven Ansichten? – Die Lehren und die Liturgien werden irgendwo einsehbar ausliegen. Wenn man schon Kirche haben muss, dann bitte mit so einem einnehmenden Prediger.

Bramstengenfreude (Melville/Mapple/Jendis) für alle!

Nach der Predigt

Written by Wolf

10. October 2006 at 6:03 am

Posted in Steuermann Wolf

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