Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Die Predigt: Elke hat das 9. Kapitel gelesen und vielleicht sogar verstanden

Elke denkt mit und spricht:

Ach ja, nicht mal der gottloseste Kerl der Gemeinde könnte sich dagegen wehren, diesem Prediger sein Ohr zu leihen. Der doch die einst für sonstwen gedrechselten Worte der Heiligen Schrift in die Sprache ‘übersetzt’, die so einer jeden Tag selber im Maule führt.

Und spätestens nach dem inbrünstig jubilierten Choral, an den Melville höchstpersönlich Hand angelegt hat (die Anspielungen auf Jona im Wal sind seine Umdichtungen, verrät uns Herr Jendis) hat Vater Mapple sie alle da, wo er sie haben will. Der Leser hadert einzwei Seiten lang noch ein bisschen mit dem leicht widerspenstigen, absatzarmen Text – und merkt erst dann, dass längst auch er gebannt dem flammenden Lehrstücklein einer Predigt lauscht.

Auch ich habe mich gefragt, welch dunkler Punkt in seinem Leben wohl dem braven Priester selbst zu schaffen machen mag. Über die Prägungen einer katholischen Erziehung hin zu latenten oder akuten Schuldgefühlen kann ich nun nicht so recht mitreden, durfte ich mir doch von Kindheit an meinen eigenen freien Glauben zimmern, mal in die Irre und wieder geradeaus gehen… Und doch kann unsereins des Predigers eigenes Ringen und Jonas innere Qualen nachfühlen – so fremd ist es einem denn doch nicht. Menschen neigen nun mal dazu, sich schwer zu tun mit dem eigenen rechten Weg. Was für ein weites und dankbares Feld für die Drewermanns oder gar die Berufsnachfolger von Herrn Freud – und natürlich einen Herman Melville.

Nun könnte man sichs einfach machen und sagen: Klar muss es die Geschichte von Jona und dem Wal sein, sind wir nicht im “Moby-Dick“? Und man liegt bestimmt auch nicht falsch, dass sie auf das Kommende hindeutet. Hm, und vielleicht stimmt es sogar, dass sie so etwas wie eine Warnung ist, nicht den Schöpfer selber zu erzürnen, der mit allen seinen Kreaturen mitleidig, gnädig und barmherzig ist, ob nun mit unbotmäßigen Propheten, dem weißen Wal oder denen, die ihn jagen.

Für mich ist da allerdings mal wieder das Unausgesprochene spannend, das, was der Prediger auslässt von der „nur vier Garne“ langen Mär .

Denn dieser Jona, der – auf seiner Flucht vor dem Gebot des HERRN in die entgegengesetzte Richtung das blanke schlechte Gewissen selber – seinen Auftrag schließlich doch noch erfüllt, dem sündigen Gesocks von Niniwe zu predigen und mit Gottes Strafe zu drohen nämlich, ist er nicht immer noch ein widersprüchlicher Kerl?

Ehrliche Reue? Ha! Aber woher denn! Der ist dem Chef sauer, weil der gnädig ist mit den ganz fix und heftig reuigen Sündern in Sack und Asche und ihm die Lehre erteilt, dass Güte und Gnade mehr wert und wichtiger sind in der Welt als Zorn, Hass und Strafe. Jona, der will Vergeltung. Will… Rache? Und da fiele mir schon einer ein, der diesem Drang bis zum bitteren Ende folgen wird. Nun ja, vielleicht ist ja diese Deutung auch etwas fürwitzig…

Außerdem würde ich ja hier auch gerne eine Anknüpfung an die verlorenen Seelen von den Marmortafeln sehen wollen. Denn die Verschlingung und Rettung Jonas wird in der Bibelinterpretation ja auch als ein Symbol für Tod und Auferstehung gedeutet. Oder sagen wir es weltlicher: es ist für den suchenden Menschen auch ein Bild von einem Neubeginn nach dem Ende, nach Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ich kenne mich, wie ja schon zugegeben, mit Predigten nicht übermäßig gut aus. Aber ein treuer Gottesmann, wie Vater Mapple einer ist, der predigt doch nicht einfach so mit Leidenschaft daher und entlässt seine überwiegend trauernde Gemeinde dann ohne ein Licht am Ende des dunklen Tunnels aus seiner Kirche, nicht wahr. Oder sehe ich das falsch?

“Aber ach, Kameraden! An Steuerbord von jedem Schmerz, da wartet sichere Freude, und der Gipfel dieser Freude ist höher, als der Grund des Wehs tief.”

Was für ein Hirte!

Written by Wolf

12. October 2006 at 10:43 am

Posted in Steuerfrau Elke

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