Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Busenfreundschaft: Steffi hat das 10. Kapitel gelesen

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Steffi sagt:

Liebe Bordkameraden,

zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass die Benennungen der Kapitel nicht ganz so passend sind, wie Onkel Melville das wahrscheinlich indiziert hat.

Worum geht es?

Die Verbrüderung, Eins-Werdung von Ismael und Queequeg, das Begießen der Blutsbrüderschaft, das Rauchen der Friedenspfeife, nun sind sie also Winnetou und Old Shatterhand und wir wissen schon, was für ein Schicksal dem edlen Wilden blüht.

Doch den alten Kalle May mal beiseite: Im Gegensatz zum Film kam gar keine Blutsbrüderschaft mit obligatorischen Handritzen im Buch vor. Tatsächlich nur das gemeinsame Rauchen der heidnischen Pfeife, Götzendienst als Gottesdienst und zärtliche Umarmungen im Bett.

Vielleicht störe ich mich an dem deutschen Begriff der Busen-Freundschaft, der einfach falsche Gedanken heraufbeschwört und nicht so recht zu diesem Freundschaftsmodell zu passen scheint. Denn auch, wenn es alles recht zärtlich zugeht, davon gesprochen wird, dass sie jetzt verheiratet wären (sie seien jetzt vermählt S. 106 unten), so würden sie doch jetzt füreinander sterben. Ja, es sind Flitterwochen der Herzen, sie sind ein trautes Liebespaar, wie es am Ende des Kapitels so schön heißt.

Queequeg verdeutlicht diese Vereinigung für uns westlich geprägte Leser sogar noch deutlicher: Er teilt sogar sein Geld (was heute ja nicht einmal mehr in vielen Ehen der Brauch ist).

Was sagt uns das jetzt alles?

Wir sind wirklich endgültig im Buddy-Genre angekommen.

Jeder kann hier beweisen, wie kosmopolitisch und aufgeklärt er wirklich ist: wenn man hier die Handlung für nicht schwul hält, ist man wohl wirklich offen (passend dazu die Zensur in der Londoner Ausgabe).

Ich denke mir, dass ich auch gerne eine solche Freundschaft hätte, begangen in einer schuljungenhaften Unschuld und mit einer Ernsthaftigkeit, die weiser Männer würdig ist.

So fällt mir noch der 23. Psalm ein. Mag etwas blasphemisch sein, Queequeg hier auf eine Stufe mit dem Herrn zu stellen, aber erstens kann ich nichts für meine Assoziationen und zweitens trifft das Bild genau den Ton:

“Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir.”

Ehehygienische Maßnahmen

Written by Wolf

14. October 2006 at 7:31 am

Posted in Steuerfrau Steffi

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