Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kapitel 10: My Buddy is Over the Other Ufer

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Sind sie nicht goldig? Doktor Freud mag vor lauter Jagdtrieb nach so einer blühenden latenten Homophilie Augen so groß wie seine Brille bekommen, meine Frau mit bebender Stimme herumdüstern, dass sie’s ja schon immer geahnt hat, meine letzten Kumpels vor mir zurückschrecken (“Lass bloß die Pfoten auf deiner eigenen Seite!”) – aber haben wir uns nicht alle immer so eine Männerfreundschaft gewünscht?

Natürlich nicht, darf man ja nicht sagen, ist ja schwul. Und warum war das mit zehn Jahren so erhebend, als Winnetou & Old Shatterhand ihre Blutsbrüderschaft geschlossen haben – wie endgültig kann man sich noch mit einem Menschen vereinigen?, warum verbeißt man sich eigentlich heute noch die Tränchen, wenn in Winnetou III die Stelle kommt, wo Shatterhands bessere Hälfte in die ewigen Jagdgründe eingeht (doch nicht, weil Winnetou sich mit seinem letzten Schnaufer noch schnell zum Christentum – siehe Moby-Dick, Kapitel 9 – bekennt)?

Warum ist ausgerechnet in dem Erdteil mit den echtesten härtesten Kerlen der Welt das Händchenhalten unter Mannsbildern sozial erlaubt? Ausgerechnet im verklemmten, homophoben Orient, den derselbe Karl May fast so liebevoll feiert wie den verklemmten, homophoben Wilden Westen, wo der Schnurrbart noch als Insignium von Manneskraft gilt, nicht von Homosexualität?

Warum gebärden sich gerade die Schwulen in meiner Hood als die Krone der Männlichkeit (und da rede ich nicht von kreischenden, gackernden Fummeltrinen, die seit der Vorpubertät die Ellenbogen nicht mehr geradeaus strecken können)?

Ganz einfach: weil sie in allen Lebensbereichen ohne Frauen auskommen: How männlich can you get?

Mit zehn, im verlorenen Paradies des Karl-May-Alters, war es normal, anerkannt und wünschenswert, mit seinem besten Kumpel das Bett zu teilen. Das verbindet und schweißt zusammen gegen den Erbfeind, die Mädchen. Psychologisch ist das natürlich eine sexuelle Angelegenheit, aber eben “nur” im Verständnis sinnlichen Erlebens und nicht in jener genitalen Ausprägung, mit der die wenigsten umgehen können, die sich für gereifte Erwachsene halten.

Das Gekicher, mit dem man sich zwei Jahre später in derbe Schwanz- und Muschiwitze rettete und über dem man nichts mehr davon wissen wollte, dass man je mit anderen Jungs unter einer Bettdecke lag, nennen wir pubertär – und aus war’s mit der Unschuld. Dieses Paradies ist nicht wiederzugewinnen; man kann den Apfel der Erkenntnis Doktor Freud nicht vor die Stiefel speien.

Was man über genuin schwule Lebensbelange weiß, bezieht man ja größtenteils aus den Comics von Ralf König, die bei allem Klamauk ordentlich recherchiert und höchst glaubwürdig gestrickt sind; sie stammen aus erster Hand und denunzieren deshalb niemanden. Nach dem antiken Griechenland, Troja, dem Shakespearischen England und immer wieder der deutschen Gegenwart erwarte ich alsbald eine Bearbeitung des Moby-Dick-Stoffes.

War Herman Melville schwul? Bei vier Kindern aus einer (letztendlich doch) ungeschiedenen Ehe jedenfalls ungeoutet und unausgelebt. Offenbar kann er aber den Wunsch nachvollziehen, sich mit seinesgleichen zusammenzutun – was übrigens auch in seinem sonstigen Werk immer wieder aufblitzt.

Niemand glaubt, dass praktizierende Schwule frei von Beziehungsproblemen wären; niemand wünscht sich mit einer dermaßen ungeheuerlichen sexuellen Orientierung behaftet, dass er sie über kurz oder lang outen muss. Es liegt dennoch nahe, dass Mannsbilder untereinander besser verstehen, wie sie ticken, und ihr Problem deshalb leichter ausräumen können. Was man bei Ralf König lernt: Schwule Lebensweise ist auch kein Ponyhof, aber wenigstens kann man einschätzen, mit wem man es zu tun hat. Worauf man an manchen Tagen geradezu neidisch werden könnte.

Ismael & Queequeg leben anscheinend noch in ihrem Jungensparadies. Die können Freundschaft schließen, im Bett die Nacht durchquasseln, es unschuldig finden – und am Ende nicht als sodomitische Schwuletten dastehen, sondern weiterhin als Walfänger. How männlich can you get.

Written by Wolf

16. October 2006 at 8:51 am

Posted in Steuermann Wolf

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