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Leben mit Herman Melville

Wie schwul geht es bei Karl May wirklich zu?

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Auszug aus Steffis Hausarbeit:

Als Arno Schmidt in seiner 1963 erschienen Studie „Sitara und der Weg dorthin“ veröffentlichte, war ihm klar, dass Karl May schwul sein musste. Er sah bei May „eine für Leser faszinierende, aber nicht bewusst wahrnehmbare “Sexualberieselung”, die der vermeintlich schwule May seinen Lesern unterjubelt.

Zu erkennen glaubte er das an den Organabbildungen, die Schmidt in rein sexuellem Sinne zu deuten wusste. Mit einfachen Pinselstrichen macht Arno Schmidt klar, wie Karl May in seinen Augen die Landschaft konzipiert hat. Die Sekundärliteratur jüngeren Datums hat seinen eigenen Blick auf Arno Schmidt:

“So richtig geht die Interpretationspost [bei Schmidt] aber ab, wenn man alles Doppeldeutige beäugt und mit einem etwas eigenem Freud-Verständnis – alles was höher ist als breit, ist ein Phallus – liest. Beispiele wären das Potenzgehabe mit den Flinten, das häufige Eindringen in Höhlen, die Landschaftsbeschreibungen, die angeblich nur so wimmeln von Verweisen: Hintern als Felsenkessel; Hintern als Tälchen (wo ‘Rote’ ruhen auf Rasengrund, (‘gleich bei der Hand, in voller Erwartung’ geht’s weiter); Hintern als Höhlen schlimme Klüfte ….”

Die ironische Schreibweise verrät auch schon die Distanz der Autoren zu Schmidt, dem sie eigene Motive unterstellten wie etwa, „dass Schmidt hier eine Les- und Schreibart fand, die ihn inspirierte, die ihn als Autor zu neuen Ufern aufzubrechen erlaubte.“

Fairerweise muß man aber sagen, dass Arno Schmidt im Nachhinein indirekt widerrufen hat.

Doch mal ganz abgesehen von der Frage, ob Arno Schmidt Recht hat oder nicht: Ist erst mal der Blickwinkel justiert, fallen einem als Leser schon Phrasen und Sätze auf, die eine durchaus sexuelle Botschaft tragen können.

Martin Lowsky, der Arno Schmidts Forschungsstandpunkt kritisch gedeutet hat, gibt aber zu, dass Schmidt in dem Sinne recht behält, „dass sich in Mays Männerbündnissen der Freundschaftsbegriff von vorpubertären Knaben kundtut, die die Neigung zum anderen Geschlecht nicht kennen und so generell homosexuell sind.“

Es begegnen den Helden selten Frauen und sie sehnen sich auch nicht nach ihnen, wohl auch weil sie eine Einschränkung ihrer absoluten Freiheit bedeuten würden und die Bindungslosigkeit, mit der die Freundschaften zwischen den Männern gekennzeichnet sind, beenden würden.

Eine besondere Rolle in diesem Zusammenhang nimmt der Artikel von Barbara Sichtermann ein, die Karl May als Jugendautor verstanden haben will und damit auch implizit mit einer sexuellen Botschaft beladen.

FilmkurierDadurch, dass es keine weiblichen Identifikationsfiguren gibt, ist die weibliche Leserin darauf angewiesen, sich in die männlichen Protagonisten hineinzuversetzen. Zwar ist die Ideenwelt von Karl May nicht gänzlich frauenlos, aber die existierenden Weiblichkeiten bieten nur wenig Projektionsfläche für Frauen. Zumal sexuell attraktive Frauen der Abenteuerromane meist böse sind, wie die Judith in ‚Satan’. „Von physischer Attraktivität bei Frauen ist nur selten die Rede; vor allem die guten zeichnen andere Eigenschaften aus. Sie sind edel und verkörpern geistige und sittliche Macht wie Marah Durimeh, Hanneh und Nscho-tschi, führen in Ausnahmefällen ein ganz unweibliches Leben in der Wildnis wie Kolma Puschi […] oder sie agieren als komische Figur wie Rosalie Ebersbach im ‚Ölprinz’.“

Doch sind eben nicht nur die mangelnden weiblichen Rollen, nicht nur weil die dramaturgische Autokratie des Ich-Erzählers keine Alternative zuließ, der Grund für die Identifikation mit den männlichen Protagonisten – Barbara Sichtermann gibt auch an, dass sie in der Zeit kein besonderes Bedürfnis hatte, weiblich zu sein.

Damit ist keine homosexuelle Neigung von ihr als Kind gemeint, vielmehr ist darauf hingewiesen, dass es in der Entwicklung von Kindern eine Phase gibt, in der sie spielerisch ihr eigenes und das fremde Geschlecht erforschen. Sie haben in ihrer Beziehung zum Geschlecht noch keine Starrheit erreicht, die sie als Erwachsene haben werden.

„[…] Mädchen lassen sich von Scout-Kult und Reiterromantik fesseln, ohne das Gefühl zu haben, sie liehen ihr weibliches Interesse einer fremden Welt, wie umgekehrt Knaben sich ohne Schwierigkeiten vom Roman einer verkannten Komtess faszinieren lassen.“

Kinder zeichnen sich da in ihrer Themenwahl und in ihren Identifikationswillen als sehr tolerant aus. Dass dies nicht unbedingt ein neumodisches Phänomen ist, zeigen die Bilder, die Karl May in seinem Leseralbum zusammengestellt hatte. So gibt es durchaus Frauen, resp. Kinder, die sich mit Karl Mays Welt identifizierten.

So besitzt Mays Werk für Mädchen den Reiz des Transsexuellen und für Jungen die erotische Qualität der Neigungen und Antipathien, der Tierliebe und der Jagdlust, der Freundschaften und der Verfolgungen.

„Das schwule Antlitz der berühmtesten Liebe im (als Jugendliteratur gängigen) Werk von May, die zwischen Winnetou und Old Shatterhand“, so Sichtermann, „ist klar genug.“

Written by Wolf

19. October 2006 at 7:10 am

4 Responses

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  1. Ob es der Reiz des Transsexuellen ist … weiß nicht, ob ich es so beschreiben würde. Es sind ja eher die gesellschaftlichen Geschlechter-Zuschreibungen, die als nicht erstrebenswert empfunden werden.

    Ich war auch so ein Tomboy, war aber sehr verletzt, wenn jemand mich als Jungen ‘verkannt’ hat.

    Aber das hier bringt es schon gut auf den Punkt:
    „[…] Mädchen lassen sich von Scout-Kult und Reiterromantik fesseln, ohne das Gefühl zu haben, sie liehen ihr weibliches Interesse einer fremden Welt [….]”

    fernseherin

    25. January 2007 at 2:38 pm

  2. Hi ich muss in den nächsten wochen auch eine hausarbeit über das selbe thema schreiben, is es wohl möglich das ich einmal die komplette hausarbeit mir ansehen kann.
    mit freundlichem Gruß
    Katrin

    Katrin

    17. December 2007 at 9:33 am

  3. Steffi heißt Stefanie Drecktrah und ist erreichbar über http://www.xing.com.

    Wolf

    17. December 2007 at 7:23 pm

  4. […] zu Wie schwul geht es bei Karl May wirklich zu? (und der Weg dorthin): Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig […]


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