Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Unfreundliche Begegnungen: Moby-Dick goes Huckleberry Finn

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Unfreundliche Begegnung 1Wie vor kurzem noch ohne theoretisches Fundament gesagt, ist Moby-Dick das, was der Amerikaner im Vergleich zum Deutschen statt Faust hat. Was ist jetzt eigentlich das katexochene amerikanische Nationalepos?

So jung die USA sind, wird das Epos keine Verserzählung sein, sondern ein episch breiter Roman. Ältere Nationen identifizieren sich meist über gebundene Rede, ob es ihnen passt oder nicht: Das Nibelungenlied der Deutschen, der Beowulf der Engländer, die Göttliche Komödie der Italiener verharren geehrt und ungelesen.

Epen sind out, lest Romane, insinuierte der Nordamerikaner. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts, als er sich in schmerzhaften Selbstfindungsprozessen als Trendsetter der Welt entdeckte. Kandidaten sind Huckleberry Finn, Gone With the Wind, als jüngstes Werk The Old Man and the Sea – und Moby-Dick. (Citizen Kane existiert nur als Film, und Winnetou samt all seinen Derivaten war sächsisch.)

Huckleberry Finn also – und warum nicht dessen erster Teil, Tom Sawyer?

Wegen der quantitativen Länge vielleicht: Tom Sawyer kann ohne weiteres als Mark Twains Fingerübung zu Huckleberry Finn angesehen werden. Die ungekürzte Ausgabe war das erste Buch, das ich auf Englisch ausgelesen hab; da war ich vielleicht 15 (mein zweites war dann Bukowski), demnach reicht es wohl nicht weit über süffige Jugendunterhaltung hinaus – was okay ist, aber kein Vergleich zur Vielschichtigkeit des Huckleberry Finn.

Klischees stimmen immer, vor allem, wenn so durchschaubar wird, wie sie entstanden sind: Die Quintessenz von Amerika erkennt sich in einem Kinderbuch wieder, in dem kleine Jungs richtige Helden sind. Dichtes Kolorit, nachvollziehbare Moral, Personal zum Identifizieren und Mitleiden, der soziale Underdog als Inhaber der Weisheit, überlegener Schläue sowie am Ende eines Schatzes, und alles in pointierter Durchführung – Weltliteratur. Das ist ein Rezept. Das hat Amerika, der große Lausejunge, womöglich nicht bewusst so eingefädelt, aber nie wieder aufgegeben. Ein gutes Jahrhundert später befand Ernest Hemingway, Nobelpreis für Literatur 1954: “Das größte Buch, das wir haben.”

Bernard DeVoto hat jedoch schon 1932 in Mark Twain’s America (in der Norton Critical Edition von Moby-Dick reprinted by permission of Houghton Mifflin Company, Chautauqua Institution, S. 633) zwischen Mark Twain und Herman Melville parallele Schwächen aufgedeckt:

Much more identity than has ever been noticed in print exists in the careers of Mark Twain and Herman Melville, whose minds were as antipathetic as religion and reality or the subjective and the objective worlds can be. […] “Moby Dick” has, as fiction, no structure whatever. Its lines of force mercilessly intercept one another. Its improvisations are commoner and falser than those in Huck Finn. […] And, though Melville could write great prose, his book frequently escapes into a passionately swooning rhetoric that is unconscious burlesque. He was nor surer than Mark, he was in fact less sure, of the true object of his book, and much less sure of the technical instruments necessary to achieve it. That much of weakness the two novels have in common. […] “Moby Dick” opposes metaphysics to the objective reality of “Huckleberry Finn.” It is a study in demonology, bound to the world of experience by no more durable threads than a few passages in the lives of mates, harpooners and sailors who are otherwise mostly symbol or mist. They were the book’s disregarded possibility of great realism. Melville preferred to sigh through eternity after the infinite.

Unfreundliche Begegnung 2. mysite.du.edu/~ttyler/ploughboy/bealeold.htmAuf den Punkt gebracht: Moby-Dick ist genau so ein Schrott wie Huck Finn, nur schlimmer, weil der letztere immerhin das wahre Leben abbildet.

Noch mehr Stimmen wurden laut, die Melville nicht nur das Zeug zum Nationalepiker, sondern Qualität überhaupt absprachen. Zum Beispiel Ludwig Lewisohn, ebenfalls 1932, in Expression in American. Wir geben seine Verachtung nach der Norton Critical Edition von Moby-Dick wieder (darin reprinted by permission of the publishers, Harper & Brothers, New York, S. 634):

Melville: Not Even a Minor Master

The final image that arises from all of Melville’s work is that of a big bearded violently excited man trying to shout down the whimpering, lonely child in his soul.

It will be seen at once that I consider the recent reëstimate of Melville to have somewhat overshot the mark. Great wits have praised him, but not, perhaps, those of most balanced judgment. He has his superb moments. But are those moments not rare and do they wholly repay the labor necessary to reach them? A younger generation, in search of that “usable” American past which Van Wyck Brooks so earnestly and sagaciously demanded long ago, has fastened its flag to his mast. Has not that generation been both deceived and self-deceived? Has it not substituted its desire and ideal for the reality? Melville was not a strong man defying the the cruel order of the world; he was a weak man fleeing from his own soul and from life, a querulous man, a fretful man. * * *

No, Melville is not even a minor master. His works constitute rather one of the important curiosities of literature. He will be chiefly remembered as the inventor of a somber legend cencerning the evil that is under the sun. But to embody this legend in a permanently valid form he had only half the creative power and none of the creative discipline or serenity.

Abermals auf den Punkt gebracht: Herman Melville ein jammervoller Schwächling, der mit seiner eigenen Befindlichkeit nicht klar kommt, geschweige denn mit den Anforderungen eines großen Romans, aber von fehlgeleiteten jungen Leuten als Repräsentant der amerikanischen Geschichte hochgejubelt wurde? – Man muss es denken dürfen.

Leslie Fiedler meint ja laut Wikipedia, nicht nur Moby-Dick, sondern gar der traditionelle amerikanische Roman überhaupt komme ohne Frauen aus:

1948 veröffentlichte er in der Partisan Review den provokanten Artikel „Come Back to the Raft Ag’n, Huck Honey“, in dem er homoerotischen Subtexten in Mark Twains „Huckleberry Finn“ und Herman Melvilles „Moby Dick“ nachging. Das prekäre Verhältnis der amerikanischen Gesellschaft und Literatur zu Sexualität und Rasse untersuchte er auch in seinem bis heute wohl bekanntesten Werk „Love and Death in the American Novel“ (1960). Darin konstatierte er, dass der amerikanische Roman seit seinen Anfängen meist misogyn, wenn nicht sogar frauenlos sei, während das zentrale Thema der europäischen Literatur die Liebe zwischen Mann und Frau sei. Schon in Washington Irvings Kurzgeschichte „Rip Van Winkle“ flüchtet der Protagonist vor seiner zänkischen Frau in die Wälder, und in James Fenimore Coopers „Der Wildtöter“ schlägt „Lederstrumpf“ die Ehe mit Judith Hutter aus, um weiter die Freiheit des Pionier- und Waldläuferlebens genießen zu können. Der amerikanische Schriftsteller, so Fiedler, flüchte sich aus Furcht vor der Ehe in die Welt seiner Jugend, auf See, oder in den amerikanischen Westen. So kommt es, dass die Klassiker der amerikanischen Literatur häufig reine Männergesellschaften darstellen und homoerotische Tendenzen prägend wurden, so etwa in Herman Melvilles „Moby Dick“, in dem der Seemann Ishmael mit dem polynesischen Harpunier Queequeg eine Art Ehe eingeht. Auch in der Literatur der amerikanischen Moderne, so im Werk Ernest Hemingways, William Faulkners und Nathanael Wests sind kaum intakte Ehen zu finden.

Was wir daraus lernen? Dass man so ausgewucherte Monstren wie Moby-Dick erst mögen muss, um sie mögen – und was an der Norton Edition so Critical ist.

Gone With the Wind, The Old Man and the Sea und Citizen Kane kriegen wir dann ein anderes Mal.

Written by Wolf

20. October 2006 at 11:17 am

6 Responses

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  1. Now that is interesting. Melodrama, dachte ich, als ich gestern und vorgestern weiterlas. Ich lese solches gern every which way, nur nicht von vorne nach hinten, aber wenn das Buch gut ist, führen alle Wege nach Rom, das heisst, zum guten Kern.

    Aber ich weiss nicht, wie man etwa jahraus jahrein Melville betreiben kann. Und ich bin froh, dass die Amerikaner offenbar auch ein wenig zweifeln. Wenn doch die Spanier eines Tages auch ins Klare kämen mit ihrem Quixote!

    cantueso

    9. November 2009 at 12:14 pm

  2. Die ganzen zeitgenössischen Kritiken wollte ich schon lange mal auswerten: Moby-Dick war ja das Gegenteil von einem Senkrechtstarter. Die in meiner Ausgabe hinten drin hätten mir da gereicht; als ich da einen ausführlichen hochwissenschaftlichen Band gefunden hab, war ich schon wieder überfordert.

    Den gibt’s übrigens online: Brian Higgins, Hershel Parker: The Contemporary Reviews, 1995.

    Wolf

    9. November 2009 at 9:33 pm

  3. Aber ich legte das Buch schliesslich weg.

    Da war ein alter kranker Wal, und blind war er auch, und starb in full view of the ship and the author. Diese Beschreibung konnte ich dann nicht verdauen und der Tod des Wals wurde zu einem bösen Traum ohne Wal und ohne Meer, aber awful.

    Voilà, dachte ich, that’s the end of it; no more Melville for a while.

    cantueso

    15. November 2009 at 9:05 am

  4. Im “Leben mit toten Dichtern” fehlt Goethe. Ist halt abhanden gekommen. Ist auch im Google kaum zu finden. Es ist ihm ergangen wie dem lieben Gott: es mag halt niemand gern das eigene Hirngespinst, und man wird es auch nicht so leicht los.

    Schad. Der junge Goethe? Nicht der alte, sondern der mit der theatralischen Sendung, der Dichter von Faust I?!

    cantueso

    15. November 2009 at 9:21 am

  5. No more whales for a while, das dachte Melville sich selber — und schrieb als erstes den Bartleby, das Unseemännischste und Beengteste, was nur geht. Und gerade den find ich auch verdammt gut.

    Goethe kommt da nicht vor, weil er zu selbstverständlich war. Vielleicht irgendwann, wenn ich eine sehr gute, sehr lustige und genügend abgelegene Seite finde. Geradezu künstlich raushalten will ich ihn wiederum nicht.

    (Theatralische Sendung? Holla, da kennt sich jemand aus :o) )

    Wolf

    15. November 2009 at 11:07 am

  6. […] one comment Update zu Moby-Dick goes Huckleberry Finn und The little mocking bird sang sweetly all the day: Gentlemen: — Please do not use my name […]


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