Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Biographisches: Queequeg lebt (Kapitel 11 & 12)

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Sehen wir’s mal dramaturgisch. Mir fällt auf, wie viel man unbewusst voraussetzt, was bisher noch gar nicht in der Geschichte drinstand. Oder hat jemand dran gezweifelt, dass Queequeg sich Ismael anschließen wird?

Tod eines HauptdarstellersBestimmt nicht – es wird aber erst auf Seite 114 beschlossen (“Ich fragte ihn nach seinen jetzigen Plänen” pp.), und dann fällt weiter auf, von wie langer Hand das begründet ist. Da braucht es annähernd 60 Seiten Exposition eines Charakters, Aufkeimen und Erblühen einer wunderbaren Freundschaft und schließlich die Lebensgeschichte samt status quo des jungen Wilden unter den Christen. Himmel, was hat der Puppenspieler Melville mit seiner Figur bloß noch alles vorgehabt?

Ursprünglich, weiß man, wollte Melville Queequeg (und Pip, den wir später kriegen) noch während der Walfangreise einem nassen Tod überantworten (Jendis/Göske, S. 881). Das Konzept hat er erst in einer späteren Schreibphase umgeschmissen zugunsten der Lösung, am Schluss die gesamte Mannschaft auf einmal zu versenken.

Hätte mir vielleicht sogar gefallen: Es hat einen großen Impact, wenn in einer Geschichte auch mal ein Sympathieträger gewaltsam aus der Handlung fällt.

Die andern dürfen doch auchBei Großmeistern des dramaturgischen Effekts wie Stephen King sterben ja auch immer ein paar von den netten Leuten. Bei Tarantino ist nicht mal der Kameramann seines Lebens sicher. Und der stilbildende Mord unter Dusche in “Psycho” lebt zu einer Hälfte genau davon, dass Hitchcock die Hauptrolle nach einer Dreiviertelstunde doch lieber an den Schurken übergibt.

Eine schon fast postmoderne Idee, die Melville da hatte: einen Charakter aufbauen, nur damit er einem ordentlich Leid tut. Hätten wir das miterleben dürfen, wenn Moby-Dick je einen anständigen Lektor gesehen hätte?

“Vielleicht aber wären gerade das mitreißend Ungestüme, die unbändige Phantasie und Sprachgewalt des jungen Melville in einem Maß zurechtgestutzt worden, das uns heute reuen müßte”, sagt Göske im Jendis (S. 875).

Ja, eben: Vielleicht. Das heißt aber auch: Selbst ohne schon bis zum Ende weitergelesen zu haben, dürfen wir darauf vertrauen, dass der nach allen Regeln des Handwerks eingeführte Queequeg uns jetzt als einer der Hauptcharaktere erhalten bleibt.

Die Mannschaft in einem Aufwasch zu dranzugeben, hat natürlich etwas Altmodischeres, oder respektvoller: etwas Archetypischeres, weil viel Apokalytischeres. Damit hat Melville sich wohl entschieden, Moby-Dick näher an die Bibel zu rücken – oder soll man vermuten: eine Gegenbibel zu entwerfen?

Naja, ist ja auch schön…

Written by Wolf

23. October 2006 at 6:33 am

Posted in Steuermann Wolf

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