Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Alles Clarel

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Es fängt schon grüblerisch an:

1. Teil: JERUSALEM
I. Die Herberge

In einer Kammer, niedrig und von Zeit gezeichnet,
Altes Gemäuer, jüngst mit Kalk getüncht –
Das einem frisch in Stein gehau’nen Grabe gleicht,
Sitzt ein Student, Ellbogen auf dem Knie,
Die Stirn ganz regungslos gestützt auf die
Handschräge, und sinnt für sich.

Schreibheft 63, 2004Clarel. Ein Gedicht und eine Pilgerreise ins Heilige Land, im Original Clarel. A Poem and Pilgrimage in the Holy Land und bezeichnender in der meist auftretenden Schreibweise CLAREL, in Zahlen, damit die aufstrebenden Literaturwissenschaftler da draußen ein Gerüst für anstehende Hausarbeiten haben:

Herman Melvilles erstes und letztes Versepos, inspiriert seit seiner sechsmonatigen Reise in die alte Welt 1856–57, ausgearbeitet ab 1870, herausgegeben am 3. Juni 1876 bei G. P. Putnam & Co. auf eigene Kosten und unter Zuschuss seines Onkels Peter Gansevoort in 330, vielleicht auch 350 Exemplaren. Das war 100 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, zugleich im zehnten Jahr von Melvilles Brot-Tätigkeit als Zollinspektor, seine insgesamt 26. Veröffentlichung.

Entstanden ist das längste Gedicht der amerikanischen Literatur – eingeteilt in 4 Teile, 150 Cantos und knapp 18.000 Verse in jambischen Tetrametern, unterbrochen von Einschüben in anderen Versmaßen – länger als Ilias und Odyssee zusammen, vergleichbar mit der Divina Commedia von Dante, den Canterbury Tales von Chaucer oder Paradise Lost von Milton. Außerdem war ein Jahr zuvor Mark Twains Innocents Abroad erschienen, ein humoriger Roman – ein Bestseller – über eine Reisegruppe durch Europa und die alte Welt, was Melville den Anstoß zu dem ähnlichen Thema verabreicht haben mag.

Melville betrachtete Clarel als sein dichterisches Vermächtnis an die Nachwelt. Trotzdem musste der Verleger Putnam Melville überreden, überhaupt seinen Namen auf den Umschlag setzen zu lassen. Melvilles Misstrauen in seine eigene Arbeit erwies sich nach all den vorangegangenen literarischen Fehlschlägen als berechtigt: Das Werk stieß bei Kritik und Publikum auf fundamentales Unverständnis und verkaufte sich so gut wie überhaupt nicht. 1879 musste Melville 224 Restexemplare von der Erstauflage wiederum auf eigene Kosten einstampfen lassen.

In Melvilles Tagebüchern und Korrespondenz finden sich keine Hinweise auf die Arbeit an Clarel, solange sie – immerhin in seiner Freizeit neben seiner Arbeit im New Yorker Hafen – vor sich ging. Trotzdem weiß Pechmann von familiären Szenen bei Melvilles zu berichten, in denen der Dichter morgens um zwei ins Zimmer seiner Tochter Fanny stürmte, um ihr seine Arbeitsfortschritte vorzulesen; „manchmal mußte sie ihm am Klavier den Takt vorgeben, damit er den Rhythmus seiner Verse prüfen konnte.“

Erst am 10. Oktober 1884, fünf Jahre nachdem Clarel weitgehend aus dem Weltgeschehen getilgt war, bezeichnete Melville das Werk in einem Brief an einen seiner raren Bewunderer, James Billson, als metrical affair (etwas herabsetzend als „Ding in Versen“) und insgesamt als „höchlich dazu geeignet, unpopulär zu sein“. Weitere drei Monate später schickte er Billson ein verbliebenes Exemplar aus eigenen Beständen, wohl zu Zwecken der Forschung und Dokumentation.

Clarel erlebte außer den Northwestern-Newberry Editions von 1924 und 1991, letztere herausgegeben von Harrison Hayford, Alma A. MacDougall, Hershel Parker und G. Thomas Tanselle, keine weiteren Auflagen. William Potter forschte ebenfalls erst 2004 in Melville’s Clarel and the Intersympathy of Creeds für Kent State University Press darüber.

Clarel erstmals in einer FremdspracheDie Ausgabe bei Jung und Jung, Salzburg 2006, ist die erste vollständige Übersetzung des Clarel in eine andere Sprache überhaupt. Besorgt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen wurde sie von Rainer G. Schmidt auf Grundlage der Northwestern-Newberry Edition 1991, die Auszüge aus Melvilles Reisetagebüchern nach deren deutscher Ausgabe bei Achilla Presse, die Bibelstellen nach einer Lutherbibel von 1855.

Ein Vorbericht von Alexander Pechmann, „Eine Pilgerfahrt, ein Ding in Versen…“, über dieses verlegerische Unternehmen erschien 2004 im Schreibheft 63 auf Seite 95–100 und sicherte dessen Fortgang – vor allem auch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturfonds e.V., während welcher Unstimmigkeiten auftraten.

Die vier Teile des Epos sind benannt:
1. Teil: Jerusalem
2. Teil: Die Wüstenei (The Wilderness)
3. Teil: Mar Saba
4. Teil: Bethlehem

Die äußere Handlung führt den Theologiestudenten Clarel auf seiner vergeblichen Suche nach Offenbarungen nach Jerusalem. Dort verliebt er sich in die rätselhaft schöne Tochter Ruth des amerikanisch-jüdischen Milleniaristenfreundes Nathan, welcher kurz darauf ermordet wird. Um die Zeit zu überbrücken, bis er das Haus der Familie nach jüdischem Brauch wieder betreten darf, unternimmt Clarel eine Pilgerreise zum Toten Meer, die ihn mit zahlreichen Diskussionspartnern zusammenführt, anhand derer er den Sinn des Lebens sucht. Das geliebte Mädchen Ruth ist kurz vor Clarels Rückkehr nach Jerusalem am Fieber gestorben.

Der Inhalt nach dem Klappentext der deutschen Ausgabe:

Clarel, ein junger amerikanischer Student, unternimmt eine Reise nach Jerusalem. Dort verweben sich biblische Vorzeit und Jetztzeit, dort verknüpfen sich alle gesehenen und imaginierten Landschaften und alle Seelenbestrebungen zu einem großartigen Teppich von melancholischer Wortpracht. Grandiose Wüstenszenerien und Südseereminiszenzen vermischen sich mit Phantasien von antiker Freizügigkeit und asketischen Modellen von Christentum und Islam. Clarel ist ein Traumspiel, worin Zeiten, Mythen und Stoffe zu einer schillernden poetischen Präsenz gebündelt werden.

Noch mehr SekundärliteraturAllgemein klingen Rainer G. Schmidts Ausführungen immer wieder etwas angestrengt nach einem Versuch der Ehrenrettung für Melvilles Werk. So wertet er die incoherence in Form von unreinen und unregelmäßig auftretenden Reimen und anderer formaler Schwächen, die Clarel von der Kritik vorgeworfen wurde, lieber abgemildert als die von anderer Stelle bescheinigte inconclusiveness – also nur Ergebnislosigkeit. Die schiere überbordende Gesamtlänge des Werkes verteidigt er mit dessen Gliederung in Cantos von nachgerade süffiger Textmenge, manche von nur einer Druckseite, zwischen denen man sogar lesend (und übersetzend) springen kann.

Schmidts erhellendste Erkenntnis aus seinem ansonsten erfreulich hohen Stand der aktuellen Forschung ist vielleicht die, dass Melville sein Leben lang immer nur ein einziges Buch schrieb, immer wieder ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln anging, mit dem er nie fertig wurde – eine umfassende und zutiefst menschliche Suche, vielleicht nach Sinn. Daher all die Reiseerzählungen, die ab seinem dritten Buch Mardi von 1849 stark philosophisch, ja metaphysisch durchsetzt und untermauert waren.

Auch brach spätestens seit Mardi Melvilles Hang zur Lyrik durch. Die Themen und Techniken aus Mardi sind in Moby-Dick von 1851 nachweisbar vervollkommnet und überhöht; dazu zählen Elemente wie die Stellen in rhythmisierter Prosa und liedhafte Strukturen. Schon Mardi lässt sich geradezu als Gedicht begreifen, und zwar als Rundgesang mit den verschiedenen Südseeinseln als Strophen (siehe deutsche Ausgabe Band II, S. 515). Als Melville mit Moby-Dick seinen Abstieg in der Publikumsgunst verankerte und nach dem Einbruch mit dem Confidence Man von 1857 vollends klein beigeben musste, zog er sich hauptsächlich auf Lyrik zurück. So gesehen ist ein Monolith wie Clarel – lyrisch, vieldeutig, grundsätzlich, einsam, pessimistisch – nur das logische Ergebnis von Melvilles Entwicklung.

Randbemerkung Melvilles in seiner Ausgabe der Künstlerbiographien von Giorgio Vasari:

Erreiche das bestmögliche Ergebnis. – Eine Fähigkeit zum Ergreifen. – Die unablässige Wahl erhabener Themen. – Der Ausdruck. – Packe so viel hinein wie du kannst. – Vollendung bedeutet Vollständigkeit, Fülle, nicht Glätte – Größe ist vom Maßstab abhängig. – Klarheit & Entschlossenheit. – Die größtmögliche Anzahl der größten Ideen.“

So viel als Einstieg.

Written by Wolf

10. November 2006 at 5:00 pm

2 Responses

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  1. Manueller Pingback:

    Eine Anmerkung zum Thema Auflagenhöhe steht in
    https://ismaels.wordpress.com/2006/12/23/aus-aktuellem-anlass-eine-reise-ins-heilige-land

    Wolf

    24. December 2006 at 5:14 pm

  2. […] leave a comment » Update zu Alles Clarel: […]


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