Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for November 2006

Alles Clarel

with 2 comments

Es fängt schon grüblerisch an:

1. Teil: JERUSALEM
I. Die Herberge

In einer Kammer, niedrig und von Zeit gezeichnet,
Altes Gemäuer, jüngst mit Kalk getüncht –
Das einem frisch in Stein gehau’nen Grabe gleicht,
Sitzt ein Student, Ellbogen auf dem Knie,
Die Stirn ganz regungslos gestützt auf die
Handschräge, und sinnt für sich.

Schreibheft 63, 2004Clarel. Ein Gedicht und eine Pilgerreise ins Heilige Land, im Original Clarel. A Poem and Pilgrimage in the Holy Land und bezeichnender in der meist auftretenden Schreibweise CLAREL, in Zahlen, damit die aufstrebenden Literaturwissenschaftler da draußen ein Gerüst für anstehende Hausarbeiten haben:

Herman Melvilles erstes und letztes Versepos, inspiriert seit seiner sechsmonatigen Reise in die alte Welt 1856–57, ausgearbeitet ab 1870, herausgegeben am 3. Juni 1876 bei G. P. Putnam & Co. auf eigene Kosten und unter Zuschuss seines Onkels Peter Gansevoort in 330, vielleicht auch 350 Exemplaren. Das war 100 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, zugleich im zehnten Jahr von Melvilles Brot-Tätigkeit als Zollinspektor, seine insgesamt 26. Veröffentlichung.

Entstanden ist das längste Gedicht der amerikanischen Literatur – eingeteilt in 4 Teile, 150 Cantos und knapp 18.000 Verse in jambischen Tetrametern, unterbrochen von Einschüben in anderen Versmaßen – länger als Ilias und Odyssee zusammen, vergleichbar mit der Divina Commedia von Dante, den Canterbury Tales von Chaucer oder Paradise Lost von Milton. Außerdem war ein Jahr zuvor Mark Twains Innocents Abroad erschienen, ein humoriger Roman – ein Bestseller – über eine Reisegruppe durch Europa und die alte Welt, was Melville den Anstoß zu dem ähnlichen Thema verabreicht haben mag.

Melville betrachtete Clarel als sein dichterisches Vermächtnis an die Nachwelt. Trotzdem musste der Verleger Putnam Melville überreden, überhaupt seinen Namen auf den Umschlag setzen zu lassen. Melvilles Misstrauen in seine eigene Arbeit erwies sich nach all den vorangegangenen literarischen Fehlschlägen als berechtigt: Das Werk stieß bei Kritik und Publikum auf fundamentales Unverständnis und verkaufte sich so gut wie überhaupt nicht. 1879 musste Melville 224 Restexemplare von der Erstauflage wiederum auf eigene Kosten einstampfen lassen.

In Melvilles Tagebüchern und Korrespondenz finden sich keine Hinweise auf die Arbeit an Clarel, solange sie – immerhin in seiner Freizeit neben seiner Arbeit im New Yorker Hafen – vor sich ging. Trotzdem weiß Pechmann von familiären Szenen bei Melvilles zu berichten, in denen der Dichter morgens um zwei ins Zimmer seiner Tochter Fanny stürmte, um ihr seine Arbeitsfortschritte vorzulesen; „manchmal mußte sie ihm am Klavier den Takt vorgeben, damit er den Rhythmus seiner Verse prüfen konnte.“

Erst am 10. Oktober 1884, fünf Jahre nachdem Clarel weitgehend aus dem Weltgeschehen getilgt war, bezeichnete Melville das Werk in einem Brief an einen seiner raren Bewunderer, James Billson, als metrical affair (etwas herabsetzend als „Ding in Versen“) und insgesamt als „höchlich dazu geeignet, unpopulär zu sein“. Weitere drei Monate später schickte er Billson ein verbliebenes Exemplar aus eigenen Beständen, wohl zu Zwecken der Forschung und Dokumentation.

Clarel erlebte außer den Northwestern-Newberry Editions von 1924 und 1991, letztere herausgegeben von Harrison Hayford, Alma A. MacDougall, Hershel Parker und G. Thomas Tanselle, keine weiteren Auflagen. William Potter forschte ebenfalls erst 2004 in Melville’s Clarel and the Intersympathy of Creeds für Kent State University Press darüber.

Clarel erstmals in einer FremdspracheDie Ausgabe bei Jung und Jung, Salzburg 2006, ist die erste vollständige Übersetzung des Clarel in eine andere Sprache überhaupt. Besorgt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen wurde sie von Rainer G. Schmidt auf Grundlage der Northwestern-Newberry Edition 1991, die Auszüge aus Melvilles Reisetagebüchern nach deren deutscher Ausgabe bei Achilla Presse, die Bibelstellen nach einer Lutherbibel von 1855.

Ein Vorbericht von Alexander Pechmann, „Eine Pilgerfahrt, ein Ding in Versen…“, über dieses verlegerische Unternehmen erschien 2004 im Schreibheft 63 auf Seite 95–100 und sicherte dessen Fortgang – vor allem auch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturfonds e.V., während welcher Unstimmigkeiten auftraten.

Die vier Teile des Epos sind benannt:
1. Teil: Jerusalem
2. Teil: Die Wüstenei (The Wilderness)
3. Teil: Mar Saba
4. Teil: Bethlehem

Die äußere Handlung führt den Theologiestudenten Clarel auf seiner vergeblichen Suche nach Offenbarungen nach Jerusalem. Dort verliebt er sich in die rätselhaft schöne Tochter Ruth des amerikanisch-jüdischen Milleniaristenfreundes Nathan, welcher kurz darauf ermordet wird. Um die Zeit zu überbrücken, bis er das Haus der Familie nach jüdischem Brauch wieder betreten darf, unternimmt Clarel eine Pilgerreise zum Toten Meer, die ihn mit zahlreichen Diskussionspartnern zusammenführt, anhand derer er den Sinn des Lebens sucht. Das geliebte Mädchen Ruth ist kurz vor Clarels Rückkehr nach Jerusalem am Fieber gestorben.

Der Inhalt nach dem Klappentext der deutschen Ausgabe:

Clarel, ein junger amerikanischer Student, unternimmt eine Reise nach Jerusalem. Dort verweben sich biblische Vorzeit und Jetztzeit, dort verknüpfen sich alle gesehenen und imaginierten Landschaften und alle Seelenbestrebungen zu einem großartigen Teppich von melancholischer Wortpracht. Grandiose Wüstenszenerien und Südseereminiszenzen vermischen sich mit Phantasien von antiker Freizügigkeit und asketischen Modellen von Christentum und Islam. Clarel ist ein Traumspiel, worin Zeiten, Mythen und Stoffe zu einer schillernden poetischen Präsenz gebündelt werden.

Noch mehr SekundärliteraturAllgemein klingen Rainer G. Schmidts Ausführungen immer wieder etwas angestrengt nach einem Versuch der Ehrenrettung für Melvilles Werk. So wertet er die incoherence in Form von unreinen und unregelmäßig auftretenden Reimen und anderer formaler Schwächen, die Clarel von der Kritik vorgeworfen wurde, lieber abgemildert als die von anderer Stelle bescheinigte inconclusiveness – also nur Ergebnislosigkeit. Die schiere überbordende Gesamtlänge des Werkes verteidigt er mit dessen Gliederung in Cantos von nachgerade süffiger Textmenge, manche von nur einer Druckseite, zwischen denen man sogar lesend (und übersetzend) springen kann.

Schmidts erhellendste Erkenntnis aus seinem ansonsten erfreulich hohen Stand der aktuellen Forschung ist vielleicht die, dass Melville sein Leben lang immer nur ein einziges Buch schrieb, immer wieder ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln anging, mit dem er nie fertig wurde – eine umfassende und zutiefst menschliche Suche, vielleicht nach Sinn. Daher all die Reiseerzählungen, die ab seinem dritten Buch Mardi von 1849 stark philosophisch, ja metaphysisch durchsetzt und untermauert waren.

Auch brach spätestens seit Mardi Melvilles Hang zur Lyrik durch. Die Themen und Techniken aus Mardi sind in Moby-Dick von 1851 nachweisbar vervollkommnet und überhöht; dazu zählen Elemente wie die Stellen in rhythmisierter Prosa und liedhafte Strukturen. Schon Mardi lässt sich geradezu als Gedicht begreifen, und zwar als Rundgesang mit den verschiedenen Südseeinseln als Strophen (siehe deutsche Ausgabe Band II, S. 515). Als Melville mit Moby-Dick seinen Abstieg in der Publikumsgunst verankerte und nach dem Einbruch mit dem Confidence Man von 1857 vollends klein beigeben musste, zog er sich hauptsächlich auf Lyrik zurück. So gesehen ist ein Monolith wie Clarel – lyrisch, vieldeutig, grundsätzlich, einsam, pessimistisch – nur das logische Ergebnis von Melvilles Entwicklung.

Randbemerkung Melvilles in seiner Ausgabe der Künstlerbiographien von Giorgio Vasari:

Erreiche das bestmögliche Ergebnis. – Eine Fähigkeit zum Ergreifen. – Die unablässige Wahl erhabener Themen. – Der Ausdruck. – Packe so viel hinein wie du kannst. – Vollendung bedeutet Vollständigkeit, Fülle, nicht Glätte – Größe ist vom Maßstab abhängig. – Klarheit & Entschlossenheit. – Die größtmögliche Anzahl der größten Ideen.“

So viel als Einstieg.

Written by Wolf

10. November 2006 at 5:00 pm

Auf der Jagd nach Nantucket

leave a comment »

Elke hat noch was gefunden:

Die Jagd nach Dr. U englischBeinahe hätte ich mein kleines Fundstück vergessen, welches nur bestätigt, dass an Nantucket kein Weg vorbei führt. Denn hätte es wohl sonst seinen Platz sogar im Kosmos der Länder, Sprachen und Figuren eines H.C. Artmann gefunden, dieses, wenn im vorliegenden Fall auch nur kopfreisenden, Weltenbummlers vor dem Herrn? Auf seiner stetigen “Poetischen Suche nach dem Randständigen und Bedrohten”?

Written by Wolf

7. November 2006 at 8:08 pm

Posted in Smutjin Elke

Kapitel 14: Elke’s Whalesong into Nantucket

leave a comment »

Elke ist praktisch schon da:

Yeah, Nantucket, wir kommen!

Elke HegewaldHerrje, und wäre ich nicht an der Seite unserer zwei Helden an Bord der “Moss” (also dieses zielsicheren Fährschiffchens jetzt) gegangen, ehrlich, ich hätte dieses wundersame Eiland, die wahre Heimat der Waljäger und Seefahrer, ganz woanders vermutet, mehr in Richtung des unwirtlichen Neufundland… irgendwie.

Denn denkt man sich nicht alles, was mit Walfängerei zu tun hat, ganz von selber in nördlichere Breiten? Ha, Moby-Dick als Bildungsbuch! Aber das hätten wir ja spätestens bei der noch etliche Kapitel voraus liegenden Melvilleschen Cetologie eh gemerkt. Jedenfalls weiß man jetzt endlich auch als Nicht-Nantucketer, dass selbiger nur ein paar läppische hundert Seemeilen östlich von New York und sogar um einige Breitengrädelchen näher zum Äquator hin als der Ostfriese, der Neufünfländer und ja, auch der Franke zu Hause ist. Der freundliche Hinweis, in die Karte zu schauen, war gar nicht so schlecht.

Da schwanken wir noch auf den Planken vor der Küste dieses “Ellenbogens aus Sand”, und schon purzeln uns die Legenden nur so vor die Füße. Und zuerst erinnern sie uns tatsächlich an Anekdoten über ein uns wohlbekanntes heimatliches Küstenvölkchen. Bis man merkt, dass Herr Melville doch recht liebevoll mit diesem Menschenschlag umgeht – er wird gewusst haben, warum…

Nantucket von untenÜberhaupt scheint die Gegend recht mythenträchtig zu sein, nicht zuletzt auf geheimnisvolle und besondere Weise verwoben mit “der mächtigsten Masse Leben, welche die Sintflut überlebt hat… einem wahren Ungeheuer, gewaltig wie ein Berg!” (S. 124) Irgendwo (wüsste ich doch nur noch wo) habe ich die Legende der fast zufälligen Erfindung des Pottwalfangs auf Nantucketisch gelesen, die ja mehr sowas wie der verzweifelte Befreiungsschlag eines von diesen Riesenviechern umzingelten Fischfängers gewesen sein soll. Auch die verhängnisvolle Fahrt der Essex auf den Wal, vielleicht das reale Vorbild unserer Geschichte, deren schiffbrüchige Reste der Mannschaft nur als Menschenfresser überleben konnten, nahm hier ihren ihren Anfang.

Und, nicht zu vergessen: schließlich liegt die “Pequod” des Captain Ahab, beide inzwischen ihr eigener Mythos und bereit zur Jagd auf Moby-Dick, im Hafen von Nantucket.

Martha's WeingartenHach, und beim Erkunden der empfohlenen Landkarte entdeckte ich, dass sogar Martha’s Vineyard, des Eilands nordwestliche Nachbarinsel, die Form eines verwesenden Wals ohne Kopf hat. Bisher wusste man ja nur, dass Haustiere ihren Herrchen mit den Jahren immer ähnlicher werden sollen (oder umgekehrt?) – aber ganze Landschaften?

Auf jeden Fall scheinen wir uns mit Melville (und mittlerweile auch Scharen von lästigen Touristen) über die Faszination dieses Fleckchens Erde einig zu sein. Also: Alle Mann von Booord!

Written by Wolf

7. November 2006 at 7:56 pm

Posted in Steuerfrau Elke

Charles Warren Stoddard zum Gruß

leave a comment »

MitteRobert Louis Stevenson – der mit der Schatzinsel – kannte und schätzte Melville. Über seinen offiziellen Erstling Typee ist von Stevenson überliefert:

“Es gibt nur zwei Schriftsteller, welche die Südsee genial geschildert haben, und das sind zwei Amerikaner: Herman Melville und Charles Warren Stoddard.”

Stoddard?

Einer von den Unterschätzten, auch im eigenen Land, und schon gar nicht ins Deutsche übersetzt. Für uns Heutige wahrscheinlich zu christlich geprägt, aber schon früher bekennend katholisch.

Das meiste, was über ihn greifbar ist, stammt aus Wikipedia, die sich ihrerseits bei der Catholic Encyclopedia bedient und auf die sich praktisch alle anderen Fundstellen beziehen: *7. August 1843 in Rochester, New York – +23. April 1909 in Monterey, California.

Immer wieder wird Stoddard mit den Vokabeln beschrieben, die er auch selbst für seine Mitmenschen in Kalifornien, der Südsee und auf seinen sonstigen Reisen findet: light, sweet, wild, fresh, imaginative, impressionable. Er muss ein umgänglicher Mensch mit reichhaltigem Seelenleben gewesen sein. Ein praktizierender Christ, der nicht durch penetrantes Herumfrömmeln stört, sondern der seine als bereichernd empfundene Religion in ansteckender Weise zum Anlass nimmt, Gutes zu tun, um ein guter Mensch zu sein – ein Reisender auch, dem ein Ort auf der Welt nie genug war, und der sich immer darüber mitteilen wollte. Von fragiler Gesundheit, aber eine große Seele.

Die Südsee hat Stoddard etwa 20 Jahre nach Melville bereist, in Ägypten mit Heiligem Land war er vor ihm. Melville und Stoddard schrieben mit unterschiedlicher Motivation und bedienten unterschiedliche Leserbedürfnisse. Das Interesse daran, mit wie viel Recht Stevenson beider Südseebeschreibungen in einem Atemzug nennen konnte, fordert zu neuer vergleichender Forschung auf.

Um Stoddard der Erinnerung des deutschsprachigen Publikums erhalten zu helfen, plane ich seinen Wikipedia-Artikel zu übersetzen. Wenn er fertig ist, erfahren Sie via Blog-Eintrag davon.

Als Vorschuss Stoddards Gesamtwerk chronologisch:

Poems by Charles Warren Stoddard, nach 1857
South-Sea Idyls, ab 1864;
Lazy Letters from Low Latitudes;
The Island of Tranquil Delights: A South Sea Idyl and Others;
The Lepers of Molokai, ca. 1866;
A Troubled Heart and How it was Comforted, nach 1867. “Here you have my inner life all laid bare.” Die Geschichte von Stoddards Bekehrung zum Katholizismus.
Summer Cruising in the south Seas, 1874;
Marshallah, a Flight into Egypt, 1885;
A Trip to Hawaii, 1885;
Exits and Entrances: A Book of Essays and Sketches, nach 1889, lieferbar bei University Press of the Pacific. Erinnerungen an Stoddards Busenfreund Stevenson und andere literarische Bekanntschaften. Sein eigenes Lieblingsbuch.
For the Pleasure of His Company, nach 1889. “Here you have my confessions.” Stoddards einziger Roman.
In the Footprints of the Padres, 1892; lieferbar bei University Press of the Pacific und Paperbackshop.Co.UK Ltd – Echo Library;
Hawaiian Life, 1894;
Saint Anthony, the Wonder-Worker of Padua, 1896;
A Cruise under the Crescent, 1898;
Over the Rocky Mountains to Alaska, 1899;
Father Damien, a Sketch, 1903;
With Staff and Scrip, 1904;
Hither and Yon; The Confessions of a Reformed Poet, 1907;
The Dream Lady, 1907;
A Bit of Old China, ohne Jahr.

Wie man auf sowas kommt? – Man liest das Schöpfungsmärchen zu Moby-Dick: Jean Giono: Melville zum Gruß.

Written by Wolf

6. November 2006 at 5:44 pm

Kapitel 13: Elke kennt sich aus mit Schubkarren

leave a comment »

Elke redet noch von was anderem als dem Wetter:

Elke HegewaldOh ja, es wird Zeit für unsere zwei Busenfreunde, sich zur Überfahrt nach Nantucket einzuschiffen. Und Melville geleitet sie sicher dorthin. Ging er doch als einundzwanzigjähriger Abenteurer selbst im New Bedforder Hafen an Bord der Acushnet, um achtzehn Monate später von seiner ersten und einzigen Walfangreise zurückzukehren – zum gestandenen Manne gereift und lebend, denn Mocha Dick ist er wohl nicht begegnet…

An diesem ruhigen… hm, nach des Wolfes Zeitforschung und Herrn Adam Riese müsste – nach zwei gemeinsamen Nächten des frischvermählten Freundespaares – grad das zweite Adventswochenende vorbei sein… an diesem ruhigen Montagvormittag also schieben sie, einander brav abwechselnd, ihren Schubkarren mit diversem Gepäck zum Einchecken an den Kai. Das Wetter ist akzeptabel, wenn man von ein paar Windböen, die es ja in diesem Kapitel wegen der Dramaturgie und gemäßigten Dramatik noch brauchen wird, einmal absieht.

Seamen's BethelEin paar Straßen weiter, in Seamen’s Bethel, dem Gottesort der Walfänger, wird Vater Mapple nun auch sie in seine Gebete einschließen, denn es wird langsam ernst mit dem Abenteuer Mann gegen Wal.

Der Schubkarren, in seinen verschiedenen Erscheinungsformen (und vielleicht sogar Nicht-Erscheinungs-Formen) sicher sowohl für Mundartforscher als auch für die Jünger der einschlägigen urbanen und ruralen Historie ein lohnendes Objekt, gibt nicht nur dem 13. Kapitel seinen Namen, sondern darf gleich noch für einen (zumindest für mich in meiner beruflichen Prägung) deliziösen Exkurs herhalten. Über Missverständnisse kultureller Art nämlich. Und schau an: Unser guter Queequeg erweist sich durchaus nicht als drolliger Wilder, der ulkige Bräuche praktiziert, sondern offenbart eine Weisheit, gepaart mit offensichtlichem Humor und gesunder Selbstironie, wie sie die ach so zivilisierten Weißen, die durchs Bild stolpern, heftigst vermissen lassen. Also, in heutiger, globalisierender Lesart würde ich ja dem Jungen mit der Harpune ohne Zögern interkulturelle Kompetenz bescheinigen. “Na, was du jetz denken? Unsere Leute nicht lachen müssen?”

Zudem weiß er sich bei einem Angriff auf seine Würde durchaus seiner Haut zu wehren und sich handfest Respekt zu verschaffen. Und seine mit gelassener Ruhe vollbrachte Rettungstat enthüllt eine Selbstlosigkeit und Menschlichkeit, die mich in meinem schon woanders geäußerten heimlichen Verdacht nur noch bestärkt, dass Melville mit ihm so eine Art weißen Raben als Ideal der (christlichen?) Nächstenliebe in die Geschichte schnitzen wollte. Für den die “Welt […] eine Gesellschaft auf Gegenseitigkeit mit unbeschränkter Haftung [ist], und zwar in allen Breiten”, in der “[w]ir Menschenfresser […] diesen Christenmenschen beistehen [müssen]”. (S. 122) Hmm…

Written by Wolf

6. November 2006 at 5:40 pm

Posted in Steuerfrau Elke

Kapitel 14: Nantucket

leave a comment »

Jetzt hagelt’s aber Legenden.

Out of NantucketEs scheint, der Nantucketer an sich ist eine Art Ostfriese – nach allem, was man über amerikanischen Lokalrassismus weiß, die Fortsetzung des New Jerseyaners (heißen die so…?) mit maritimen Mitteln. Wer aus Franken (wahlweise Österreich, Saarland, Neufünfland) kommt, musste sich sowas oft genug anhören. Jede ethnische Formation hat ja ihr Opfervolk, über das sie Witze erzählt; das stiftet Identität und verbindet und schützt gegen die Angst vor den komischen Leuten hinterm Berg.

Nantucket kommt unter Melvilles Fingern noch ganz gut weg: Die hämische Charakterisierung ist Zitat, Ismael stiftet nur die Bewunderung für ein verschrobenes Völkchen dazu, das seit seiner Gründung durch vom Schicksal gebeutelte und nur zufällig herbeigeruderte Indianer seine eigene Suppe kocht. Ein abseitiges Inselvolk, das sich von einem vom Adler geraubten und gefressenen Indianerkind herleitet – das kann er nachvollziehen, der Lost Boy Ismael.

Und jetzt mischt er sich unter die anderen Lost Boys. Er kennt sie noch nicht persönlich, aber hier müssen sie sein, und ihnen gehört nicht die Welt, aber zwei Drittel davon schon, und zwar die nassen.

Langsam wird mir auch klar, warum Ismael sich so bereitwillig zur Freundschaft mit Queequeg entschlossen hat (wir erinnern uns: Es war ja ein bewusster Vorsatz: “Ich will’s mit einem Heidenfreund versuchen”, Busenfreund-Kapitel 10, Seite 105, und die ganze Zeremonie der Vermählung): Da hat ein Lost Boy den anderen erkannt und zum Freund genommen, und wenn schon, dann gleich den offensichtlichsten von allen – einen, der mit seiner knallenden schallenden Besonderheit womöglich noch schwerer in der Welt zurechtkommt als Ismael: Queequeg, diese Gladiole unter Primeln. Bei jedem anderen als Ismael hätte einem so eine 180°-Wendung verdächtig vorkommen müssen, vorschnell oder wie eine vorübergehende Laune, so von der todesängstlichen Reserviertheit hin zu nicht weniger als der Freundschaft fürs Leben innerhalb einer Nacht. Aber Queequeg Löwenherz, der Königssohn, macht mit seiner selbstverständlich unangestrengten Tapferkeit tatsächlich all das richtig, worüber Ismael alleine vermutlich nur trübe philosphieren könnte. Dochdoch, es haben sich schon die zwei Richtigen gefunden.

Die Freundschaft ist ja nun, wie Freundschaften so sind, gegenseitig. Was hat eigentlich Queequeg angetrieben, sich seinerseits mit Ismael zu vermählen? Ethnologisches Interesse? Praktische Erwägungen? Hat er instinktiv geraten, dass Ismael schon kein verkehrter Mensch sein wird? Weil er da war? – “Wilde sind freilich seltsame Wesen.” Seite 104.

Und weil grade noch Platz ist, ein Opferethnienwitz zum Weitererzählen: Billigstes Urlaubsland der Welt? – Die Schweiz: Da kann man mit Franken zahlen, hahaha…

Written by Wolf

4. November 2006 at 7:31 am

Posted in Steuermann Wolf

Kapitel 13: Schubkarren im Dezember

leave a comment »

Toothpaste for DinnerWas am publikumswirksamsten Umberto Eco in der Nachschrift zum Namen der Rose “sich seinen Leser schaffen” nannte, ist Melville wahrscheinlich so absichtslos wie probat unterlaufen. Es musste einfach so viel gesagt werden, bevor das losgeht, worauf wir hedonistischen Lesefrüchtchen warten: eine ordentliche Action auf See. Die unter uns keine philosphischen Exkurse vertragen, sollten inzwischen rausgeekelt sein.

All die Aufbruchsstimmung hat was von Frühling, was mich darauf bringt: In welcher Jahreszeit handeln wir eigentlich?

Seit dem ersten Absatz in Kapitel 1 – “immer wenn in meiner Seele nasser, niesliger November herrscht” – war ich auf dem Trip: Logisch, November. Genaueres Hinterherforschen im ersten Absatz von Kapitel 2 bringt die Gewissheit: “Es war an einem Samstagabend im Dezember“. Öha.

Besonders adventlich wird’s nicht mehr werden. Selbst Vater Mapple hat über ein Thema gepredigt, das New Bedford wohl ganzjährig beschäftigt; wenn schon der 4. Advent akut wäre, sollte sogar der Exharpunier Lukas 2 aufschlagen.

Dafür imponiert mir umso mehr das Wochenende in Echtzeit, auf das man via Kirchgang den philosophsichen Überbau – oder ist es in diesem Fall ein Unterbau? – für die folgenden Verhängnisse projizieren konnte.

Dezember also, tippen wir mal auf den Montagmorgen nach dem 2. Advent, die eisbedeckten Bäume glitzern in der kalten, klaren Luft, und so wie unsere beiden Kumpels die Nüstern nach der frischen Seeluft blähen und sich schon mal von der ersten Gischt umschäumen lassen – ist das anders vorzustellen als frühlingshaft? Dann springt der Tropeninsulaner auch noch bedenkenlos und unbeschadet in die Eisbrühe, die ich auf Google Earth dauernd mit dem Golf von Labrador verwechselt hab… O ja, dieser Dezember ist der Anfang von etwas.

Wird das noch ein Schnelldurchlauf durch einen Jahreszyklus?

Leckerli zum Direktvergleichen: “Von jener Stund an klebte ich an Queequeg wie eine Entenmuschel am Schiffsrumpf” heißt im Original: “From that hour I clove to Queequeg like a barnacle”. Nichts von Schiffsrümpfen. – “Des is doch der Auster so wurscht.” (Shel Silverstein, übs. Harry Rowohlt)

Written by Wolf

3. November 2006 at 1:54 pm

Posted in Steuermann Wolf