Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kapitel 16: Das Schiff trägt keine Seewölfe

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Speaking words of wisdomEin großes Kapitel, alles was recht ist. Eigentlich mindestens drei. So gesehen kein Wunder, dass man wochenlang so misstrausisch außenrum schleicht… Gelesen hat man’s ja bald, es liest sich sogar ausgesprochen süffig – aber was Kluges drüber zu sagen ist nochmal ein ganz anderes Unterfangen: Man stinkt ja so leicht dagegen ab. Ist es Zufall, dass einer der beiden verdienstreichen Volltexte in Weblog-Form ausgerechnet mit dem 16. Kapitel abgebrochen wurde? (Weiterhin online steht Moby Dick By Herman Melville.)

Gegen Melville abstinken kann keine Schande sein, also was soll die Schüchternheit. Machen wir’s mal extra realschülermäßig.

Was erfahren wir? – Erstens die Pequod. Ein Totenschiff ist sie sichtlich. Was uns dazu einfallen darf: B. Traven, Das Totenschiff, 1959 verfilmt mit Horst Buchholz, Mario Adorf und Elke Sommer, über das Traven vielleicht ohne Anklang an die Pequod schreiben konnte, aber nicht ohne an sie zu denken – und dann bitte wieder etwas gezügeltere Bahnen.

Zweitens: Die Schiffseigner Captain Peleg und Bildad veranstalten mit Ismael ein Good-Cop-Bad-Cop-Spiel, damit er dankbar ist, überhaupt den 300. Teil vom Gesamtumsatz zu bekommen, was ja über 100% mehr als der zuerst veranschlagte 777. Teil ist (woher eigentlich die schiefe Zahl? Eine Reminiszenz an die Number of the Beast aus der Bibel?) – und dann bitte wieder mehr Text und weniger unbegründete Textaufgaben.

Drittens: Captain Ahab ist ein sehr kluger, weitgereister, respektabler Mann, noch bevor er überhaupt auftritt – und ein glücklicher noch dazu, weil er trotz einer schweren Körperbehinderung in einem Beruf, der aus Körpereinsatz ja geradezu besteht, bei seinen Vorgesetzten derart gut angeschrieben ist. Am spannendsten fand ich im Jendis/Göske (Seite 946 f.), dass Ahabs biblischer Namensvater nach heutigem Maßstab kein rein verworfener Teufelsbraten, sondern ein ausgesprochen fähiger Staatsmann gewesen sein muss. Oder sieht man an beiden Umständen doch nur, wie sehr in den letzten paar tausend Jahren die Ansprüche an Führungskräfte gesunken sind?

Und dann: Ahab als Miltonscher Satan. Das ist eine dermaßen verlockende Parallele, dass man sich gar nicht einzulesen traut… Kommt noch, kommt noch…

Je länger man das ganze Kapitel vor sich herschiebt, desto mehr wächst mit dem Zugzwang der Respekt.

Written by Wolf

12. December 2006 at 4:02 am

Posted in Steuermann Wolf

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