Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kapitel 16: Sailor, can you hear the Pequod’s sea wings?

with one comment

Elke hat alles mögliche gelesen und weiß:

Elke HegewaldOh ja, dieses sechzehnte Kapitel verdient die Ehrfurcht, die es gebietet. Es hat was zum Dran-Herumzausen und verbindet sich mit einer diffusen Erwartung, die zunehmend in einem selber rumort und sich schwer artikulieren lässt…

Ich für meinen Teil wurde beim Anblick dieses “Kannibale[n] unter den Schiffen, der sich mit den erjagten Gebeinen seiner Feinde schmückt” (S. 133), von einer wahren Sturmflut an Bildern heimgesucht, die aus meinem Kopf, meinem Bauch oder von sonstwoher kamen. Eine ganze Schiffsflotte segelte da tollkühn am Horizont entlang. Travens “Totenschiff” nur eines davon – in illustrer, gruselig-unheilvoller Gesellschaft. Der Schatten eines mit wilden Trophäen geschmückten Wikingerschiffes (das des wüsten Thorkill-Hake?) spukte mir ebenso durch den Sinn wie Charon, der Fährmann des Totenreichs der alten Griechen oder Wilhelm Hauffs Geschichte von dem Gespensterschiff.

Westwärts WikingGanz vorne auch der verfluchte Fliegende Holländer, der bis zum jüngsten Tag in Sturm und Flaute über die Meere jagt, wie nicht nur Heines Herr von Schnabelowopski bereits wusste. Sind sie nicht alle – jedes auf seine Weise – vom Hauch des Todes, von einer düsteren Unausweichlichkeit des Schicksals und/oder dem Fluch und der (Ohn)macht ihrer Kapitäne umweht, die ihre Besatzungen in selbiges mitreißen?

Nicht zu vergessen Davy Jones, die Mutation des Flying Dutchman, dessen Legende neben anderen der Erfinder der amerikanischen Kurzgeschichte Washington Irving Leben einhauchte. In seinen Adventures of the Black Fisherman nämlich.

Besagter Davy Jones treibt übrigens auch in Fluch der Karibik 2 mit seinem sinnigerweise eben Flying Dutchman benannten Schiff sein Unwesen. Sollte es noch der Erwähnung bedürfen, dass er ein Holzbein trägt und für viele Seeleute ein Symbol für den Teufel des Meeres ist, um meine ausufernden Gedanken um die Pequod und Käpt’n Ahab zu entschuldigen und den Bogen zurück zu schlagen? Na gut, für den, dem das nicht genügt, hier noch eine gängige Deutung des Nachnamens von Davy Jones: er könnte auf den Propheten Jona hinweisen, dessen Geschichte in und um den Wal für Seeleute Unglück bedeutet, woran wir uns dunkel aus Vater Mapples Predigt erinnern.

Mhja, der geheimnisvolle und unsichtbare Käptn Ahab – aus mehr oder weniger unklar angedeuteten Gründen abwesend. Obwohl: Für den Leser ist er das eigentlich gar nicht. Seine gewichtige Präsenz wird ja von Peleg und Ismael geradezu herbeigeredet. Und – schau an! – dieser Kapitän Peleg, schlitzohrig und geschäftstüchtig, hält doch tatsächlich mit Wärme ein Plädoyer ganz eigener Art auf Ahab. Dabei dringt ihm eine verschrobene Sympathie und Verehrung aus allen Knopflöchern, für diesen unheimlichen Sonderling, unter dem er einst Steuermann war. Er nennt ihn aus Überzeugung einen guten Menschen, gottlos und gottgleich in einem, voller Schwermut und Wildheit, mit Weib und Kind, und trifft damit weise wohl ziemlich genau den Grat zwischen seiner Menschlichkeit und der Tragik seines krankhaft-fanatischen Stolzes. “Denn alle tragischen Männer gewinnen ihre Größe durch etwas Krankhaftes in ihnen”, sagt Melville (S. 140). Und manchmal fürchtet man, er könnte Recht haben…

Selbst Peleg gewinnt während seiner Ansprache an Ismael an Menschlichkeit; er sucht ihm und sich das unheildrohende Orakel um Ahab und seinen Namen auszureden. Und in seinem fast rührenden Eifer wird eben jener Ahab zu diesem wohlbekannten, sehr menschlichen Wesen, dem zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust.

Fliegende GespensterSchade, nun kommen mir hier wohl die beiden Quäker mit den biblischen Namen, jeder für sich seine eigene Legende, etwas zu kurz. Dabei hätten sie ein würdiges Plätzchen hier durchaus nochmals verdient, nicht nur wegen der hintergründigen Bibelsymbolik, der versteckten Gleichnisse darin und dem Anspielungen aus der Bergpredigt vor sich hin murmelnden Bildad.

Man möchte gern noch ein bisschen in der wechselvollen und nicht widerspruchsfreien Geschichte der Society of Friends, der “Fighting Quakers”, wie Melville sie zweideutig nannte, kramen. Nun ja…

Doch zumindest scheint es mir angebracht, auf das auch von Jendis/Göske (Seite 945) erwähnte Gedicht The Quaker Graveyard of Nantucket des zweifach pulitzerpreisbekränzten Robert Lowell zu verweisen, mit dem dieser Melvilles Darstellung der Quaker sailors, Ahabs Pequod und Moby-Dick ein Denkmal setzte:

… They died
When time was open-eyed,
Wooden and childish; only bones abide
There, in the nowhere, where their boats were tossed
Sky-high, where mariners had fabled news
Of IS, the whited monster. What it cost
Them is their secret. In the sperm-whale’s slick
I see the Quakers drown and hear their cry:
“If God himself had not been on our side,
If God himself had not been on our side,
When the Atlantic rose against us, why,
Then it had swallowed us up quick.

Der flatternde Herzogenauracher

Written by Wolf

19. December 2006 at 4:18 am

Posted in Steuerfrau Elke

One Response

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  1. […] der herzwarmen Brandrede des alten Peleg auf den guten Menschen Ahab doch selber schon die zwei Seelen herbeiverglichen hab, die der Goethe seinem Faustus eingepflanzt. Es gibt davor eine Stelle, in der Ismael über die […]


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