Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Prophetin Steffi gibt alles

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nachdem sie Kapitel 19 gelesen hat:

Prophetin ohne PockennarbenIn der Personenbeschreibung des Propheten zeigt sich die ganze Genialität du Wortgewalt eines Herman Melville:

Verwachsene Pockennarben ergossen sich nach allen Seiten über sein Gesicht und gaben ihm Ähnlichkeit mit dem verästelten, vieladrigen Wasserlauf eines Sturzbaches, wenn die tosenden Wasser versiegt sind.“ (S. 167)

Wow, kann ich da nur sagen. Anschaulich beschrieben, etwas gruselig oder abstoßend in der Wirkung und noch ein Stück Lebensgeschichte des Beschriebenen vermittelnd. Es wird klar, dass dieser Mensch schon viel erlebt haben muss. Die Pocken wahrscheinlich schon in seiner Kindheit (deswegen verwachsen) und gerade aus den schlimmsten Strömungen des Meeres entronnen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sein Arm versehrt ist – es ist zu deuten, dass er ebenfalls Opfer eines Wals wurde und damit die Dämonen gestreift hat, die Kapitän Ahab nun umtreiben.

Ja, er weiß die Zukunft vorherzusehen (wenn nicht, wäre er andererseits auch ein armseliger Prophet) und er weiß, dass Kapitän Ahab erst dann wieder wohlauf ist, wenn sein Arm das auch ist.

Er deutet noch viel mehr an, ohne Genaueres zu nennen, was Kapitän Ahab in seinem Seemannsleben passiert ist. Von Entweihung ist die Rede, wobei nicht klar wird, ob das vor oder nach der Begegnung mit Moby Dick geschah.

Es wird jedenfalls klar, dass dieser Wal ihn auf mehrere Arten gezeichnet hat als nur auf die physische. Er ist verändert, auch wenn die Besitzer der Pequod das noch nicht sehen können.

Es bleibt im Dunkeln, ob Kapitän Ahab auch schon vorher ein „Teufelskerl“ war. Verzeiht mir meine dünne Quellenlage (ich hoffe auf mehr Klarheit in den Monologen des Kapitäns in seiner Kajüte), aber die Verfilmung mit Patrick Stewart deutet an, dass er vorher ein ganz anderer gewesen sein muss – ein Seemann mit Familie, Anstand und Respekt.

Die Frage, die sich mir unmittelbar stellt, ist, warum es ihn derart aus der Bahn geworfen hat? Warum hadert er danach mit Gott und der Welt? Es scheint, als wäre mehr passiert, als dass eine Naturgewalt ihm bei einem Kampf (den er wohlgemerkt angefangen hat) das Bein abgerissen hat. Es scheint, als wäre er auf unverzeihliche Art und Weise entweiht, entwürdigt und gedemütigt worden, so dass es keinen anderen Weg als die Blutrache gibt.

Das führt mich gedanklich in ganz andere, modernere Gewässer der Religionsinterpretation, aber lassen wir es hier bewenden.

Kapitän Ahab zeigt sich als Mann, der auf der einen Seite so verständlich reagiert, aber auf der anderen Seite mit der Heftigkeit seiner Reaktion befremdet.

Written by Wolf

16. January 2007 at 12:57 am

Posted in Steuerfrau Steffi

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