Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

19. Kapitel: Prophetens Los: Verkannt und unerhört

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Elke hält auch in Kapitel 19 zu Ismael:

Elke HegewaldDa kann man schon misstrauisch werden, wenn auf einmal so ein abgerissener Kerl, wie sie zuhauf in jeder Hafenszene rumlungern, etwas von einem will.

Sogar in der Hochstimmung darüber, gerade einen ordentlichen Job in trockene Tücher gebracht zu haben. Den lässt sich doch ein Ismael nicht von so einem Irren und Wichtigtuer vermiesen. Am Ende ist’s gar ein Gauner, der ihm und seinem Queequeg ans Leder will, so gruselig wie er ausschaut.

Und was will der überhaupt mit seinen wirren Reden und Anspielungen und orakelnden Mahnungen? Am besten gibt man ihm gleich mal ordentlich Bescheid, dass ihre Seelen ihn ein feuchtes Walblasen angehen, und die vom Käpt’n Ahab auch. Der Alte versucht doch glatt, ihnen den zu einem gottlosen Monster zu machen. Nun ja, irgendwie unheimlich ist er Ismael aber doch mit seinen rätselhaften Offenbarungen, die kein Mensch versteht. Und da haben wir es doch wieder, das laute Pfeifen im dunklen Wald – oder wie soll man das Loswettern gegen den armen Kerl sonst deuten, der ihnen nichts Böses, sondern eher das Gegenteil will. Und es zumindest schafft, dass in unserem guten Ismael wieder mal “alle möglichen dumpfen Ahnungen und unausgegorenen Befürchtungen aufsteigen, die allesamt mit der Pequod zu tun hatten und mit Kapitän Ahab und mit dem Bein, das er eingebüßt hatte, und mit seinem Anfall bei Kap Hoorn und mit der silbernen Kalebasse […] und mit hundert anderen Dingen, die mir schemenhaft blieben.” (S. 171)

Schemenhaft sind sie allerdings, die Warnungen dieses selbsternannten Propheten, und vage wie nur irgendwas. Ob das etwas damit zu tun hat, dass er selber noch an den Folgen verhängnisvoller Walfahrerei laboriert?

Der Wolf hat es sehr wohlwollend formuliert, ich hingegen fragte mich zum ersten Mal seit Beginn unserer Jagd auf Moby-Dick, ob man in diesem Kapitel wohl ausnahmsweise mal ein Schwächeln unseres großen Meisters Melville entdecken darf – scheint mir das alles doch ein bisschen diffus und halbherzig nicht auf den Punkt, sondern allenfalls aufs Komma gebracht. Oder ist es gerade das, was den Charme und die authentische Atemlosigkeit eines Melville ausmacht, die der Wolf besingt?

Ist es vielleicht gar noch mehr?: eine Wertschätzung und Auszeichnung für den geneigten Leser, der ihm ebenbürtig und ein mündiger Leser sein soll? Der schon ganz alleine herausfinden wird, was es mit diesem Propheten und seinem sehr wohlgewählten Namen – Elias – auf sich hat? Das sähe dem Erfinder des amerikanischen Symbolismus ähnlich. Dann fühlte ich mich aber ganz besonders geehrt, wo ich doch eine bin, der die solide Bibelfestigkeit nicht an der Wiege gesungen wurde. Deshalb krame ich ja mit Feuereifer und Wissbegier den biblischen Pendants hinterher, denen er beinahe jeden seiner Helden ein Stückchen nachgebaut hat. Und finde das todspannend. Dass der biblische Elias des dortigen Königs Ahab direkter Widerpart ist, wissen wir ja schon vom Wolf und den Herren Jendis und Göske.

Und er gilt als der zweitwichtigste unter den Propheten nach Moses höchstselbst. Und wenn man denn aus seiner Begegnung mit unseren beiden Walfängern noch eine weitere Parallele zu biblischen Vorkommnissen und Vorhersagen finden mag, dann in der alttestamentlichen Prophezeiung, dass er wiederkehren werde, um als letzter Prophet vor dem Ende zur Umkehr zu rufen:

Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf daß ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.” (Maleachi 3,23)

Der heruntergekommene Alte am Hafen ist unserer beider Abenteurer letzte Chance, bevor sie endgültig und ohne Umkehr mit dem Dämon Ahab in ihr Unglück segeln. Und wie es verkannte Propheten häufig erleben, geht denen seine Warnung trotz eines leicht mulmigen Gefühls am Arsch vorbei… öhm, wird selbige nicht erhört, wollt ich sagen. Passt scho. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf…

Written by Wolf

31. January 2007 at 2:53 am

Posted in Steuerfrau Elke

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