Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kapitel 20: Reger Betrieb

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Wer hat da noch während der frühen Zurüstungen in den präliminarischen Kapiteln danach gekräht, dass es doch endlich an Bord gehen möge, meine geschätzten Mitleser? Jetzt, auf Höhe von 14,8–15,6% der Kapitel, wo Ismael und Queequeg endlich Planken betreten, um sie erst nach drei Jahren wieder zu verlassen, und die Weltpresse in Gestalt von Cetacea auf uns aufmerksam geworden ist, sind noch ungefähr 1,5 Mitleserinnen übrig, die sich ebenfalls nicht gerade vertraglich zu irgendwas verpflichtet haben. Nach dem 135. Kapitel war Ismael auch allein…

Aunt Charity AndersonDie Beobachterrolle, die Ismael wie von selbst einnimt und bis zum Ende wohl nicht mehr aufgibt, wird ihm im 20. Kapitel All Astir ja sogar von offizieller Seite zugestanden: Nicht einmal das Schiff, das er im Verlauf der folgenden Jahre wieder leerzufuttern gedenkt, muss er selbst mit Proviant und Arbeitsmaterial beladen helfen; lang leben die Schauermänner und Takelgäste.

Eine neue Lieblingsfigur hab ich: Bildads Schwester, eine der doch unerwartet vielen Frauen im Buch, die sich offenbar ungefragt in die Ladearbeiten einmischt. Muss man sie nicht lieb haben, die kleinen alten Damen, die sich die fürsorgliche Oma raushängen lassen, und gälte es die Rente? Solche aufdringlichen Mütterlichkeiten auf zwei Beinen kenn ich sehr gut, ich musste mich eine frühe Kindheit lang gegen sie wehren, und es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich sie schätzen lernte. Wenn man erst seine seelischen Grenzen so klar definiert hat, um sich zu sagen: Ach Gott, die Guten können halt auch nicht aus ihrer Haut, und sie sich bei Bedarf wieder vom Leib halten kann, in welchem Falle die lieben Omas tatsächlich richtig ranzig werden können, geht’s.

Das funktioniert mit sehr freundlichen, sehr eindeutigen Botschaften: kurze Sätze! Klare Anweisungen! Immer mit genau einer Begründung! Gar keine Begründung wird als unhöflich und damit als Freischein, ja Verpflichtung zum Weitermachen aufgefasst, zwei und mehr Gründe können sich schon widersprechen, und damit macht man sich angreifbar. Sich den vierten Teller Grießbrei, den fünften selbergebrannten Zwetschgengeist oder eben ungerufene Krüge mit Eingelegtem, Wolldecken, Federkiele und Trankellen zu verbitten, ist eine harte Übung, der nur die psychisch Kerngesündesten gewachsen sind.

Das war ein Tipp: Bildads Schwester und Ihre Oma wünschen Anerkennung, genau wie Sie und ich auch. Auch wenn Oma nicht offiziell bei den Quäkern eingeschrieben ist – diese Art Mildtätigkeit ist weit verbreitet in Kreisen, die sich nur als irgendwie christlich verstehen. Tante Charity meint es gut. Nun ist “gut gemeint” das Gegenteil von “gut”, aber auch wenn Ihre eigene Oma Charity damit nichts als Scheiße baut, soll man sie deswegen nicht für böse halten.

Ismael steht mittendrin, lässt die Schiffseigner und ihre Beauftragten machen und wird sich, gerade bei seinem Mutterbild, hüten, Tante Charity in den Weg zu rennen. Wird ihm die Aussicht auf drei Jahre ohne Festlandkontakt vielleicht doch langsam unheimlich? – Es wäre nicht unmenschlicher als die Regungen von Quäkertante Charity, zu deren Schiffseigneranteilen auch die zweibeinige Ladung gehört.

Die Crew

Written by Wolf

14. February 2007 at 2:03 am

Posted in Steuermann Wolf

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