Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Diskussion: Über die Magie des Bösen

with 8 comments

Niemals wird die Magie des Bösen mächtiger wirken, als wenn jemand glaubt, das Böse besiegen zu können mit den Instrumenten des Bösen.

Das sagt Eugen Drewermann in seiner Interpretation zu Moby-Dick.

Ein Satz, der erschreckend an die Rhetorik des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush erinnert. Das sagt Dr. Werner Fuchs in seiner Besprechung zu Drewermanns Buch. Und anhand solcher Parallelen wird schon fast körperlich die Aktualität Herman Melvilles spürbar.

Oder?

Könnte Bush das gesagt haben? Wäre er dazu intelligent genug oder müsste man solche Aussagen auf seine reduzierte Gesamtverfassung zurückführen? Wie würde so ein Satz von Bush in der Welt aufgenommen? Könnte man ihm zustimmen? Wäre so eine Aussage doch eher einem Bush-Gegner zuzuschreiben? Hätte er damit Recht? Heiligt der Zweck die Mittel? Muss man den Teufel in der Hölle bekämpfen? Muss man ihn denn bekämpfen? Wer ist dazu berufen? Ist jeder dazu verpflichtet? Ist irgend jemand dazu befugt? Hat Captain Ahab das Böse bekämpft? War er selbst böse? Warum? Weil er sich der Instrumente des Bösen bediente? Ist, wer böse handelt, böse? Was macht einen guten Menschen aus? Entsteht moralisches Handeln bestenfalls zufällig?

Sind das zeitgemäße, sind es wichtige Fragen oder kann oder sollte einem das wurscht sein?

Die Kommentarfunktion ist offen.

Written by Wolf

25. February 2007 at 5:19 am

8 Responses

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  1. Ich denke, Ahab bekämpft ganz schön das Böse in sich selbst. Aber hallo.

    Jeder trägt zwei Seiten in sich, gutes und schlechtes – der Neurotiker ist aber der, der beides zusammen nicht aushält oder nicht wahrhaben will oder kann.
    Ahab ist einer, der das nicht aushält, nicht dazu steht. Er ist ein Neurotiker. Auch fundamental-christlich verbildet. Religion fördert das Neurotische in uns ja noch, indem sie das Böse ebenfalls externalisiert und uns knutet. Da Religion menschengemacht ist, liegt auf der Hand, das sie so funktioniert, funktionieren muss.

    Da das aber nicht geht, das Böse in sich selbst bewusst zu erkennen (es bereitet Schmerz) oder er das nicht hinkriegt, bekämpft Ahab das externalisierte Böse in Form eines Wals. Er könnte genauso gut aber auch als bewegter Ökopazifist japanische Walfänger aktiv bekämpfen, geht genauso mit dieser Persönlichkeitsstruktur. (Hätte in meinen Augen lediglich mehr Sinn – denn was gibt es Sinn, ein Tier zu bekämpfen, das nie etwas anders sein wird wie “Tier” , damit Teil der Natur ist und damit auch ganz sicher: Teil von uns.

    Was jeweils als bekämpfenswert gilt, ist immer Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes und daher fast beliebig; bis auf ein paar archaische Basics.

    Von Bush junior wissen wir, dass er lange Alkoholiker und Nichtstuer mit jeunesse d’orée war, genau deswegen als Versager in der reichen Familie galt, kaum was hinkriegte und deswegen oder grad drum vorher ein Prob mit deinem Vater hatte. Leute mit solcher Struktur wie Bush junior sehen sich mit einer solchen Biografie und Psyche als zu bekämpfender Versager. Da sie nach erfolgreicher Trockenlegung und Wahl eine 180° Wendung nach aussen hin vollzog (wo Papi kräftig geholfen hat, näch – denn in US gewinnt man keine Wahl ohne Geld und passender Herkunft) muss Bush junior ewig damit klar kommen, dass er innen nach wie vor “böse” = ein Versager ist: diesmal unter seiner “erfolgreichen” Decke. Da “den Erfolg” nicht von alleine geschafft.

    Dieses dumpfe Gefühl des Versagertums und damit des Böseskindseins geht nun schon mal gar nicht. Es stört beim sich Gut_fühlenwollen. Also hat er und seine Beraterclique die Achse des Bösen erfunden (von alleine kommt er auch nicht auf solch griffige Mistideen). Den Rest kennen wir.

    Fazit:
    Menschengemachte Religion und Menschsein ist schon ein ganz schöner Shit. Shit für Ahab, Shit auch für den Rest der Welt. Das gilt auch für Muslime, besonders für ganz orthodoxen unter ihnen, die im Moment nix grade lassen. Oder als Machthaber im Hintergrund bewusst für handfeste egoistische monetäre oder imperialistische Machtzwecke (Saudis) die muslimischen Massen verhetzen und anheizen.

    Hüben (Okzident) wie drüben (Orient) die selben. Und es wird Zeit, dass darüber geredet wird.

    Vroni

    25. February 2007 at 9:21 pm

  2. “Könnte Bush das gesagt haben? Wäre er dazu intelligent genug oder müsste man solche Aussagen auf seine reduzierte Gesamtverfassung zurückführen?”

    Natürlich könnte er das gesagt haben – und dies unabhängig von seiner Intelligenz. Weil ich nämlich der festen Überzeugung bin, dass vieles was er sagt nicht aus seinem eigenen Hirn kommt.

    “Wie würde so ein Satz von Bush in der Welt aufgenommen? Könnte man ihm zustimmen? Wäre so eine Aussage doch eher einem Bush-Gegner zuzuschreiben?”

    Wie der Rest aufgenommen wird… Der eine Teil lacht und glaubt nicht dass das ernst gemeint sein kann bzw. erschrickt dann vor der Realität.
    Und eigentlich hätte ich den Satz einem Gegner zugeschrieben. Weil Bush sich selber ja kaum als das “Böse” sehen dürfte und seine Waffen genauso wenig als “Werkzeug des Bösen”. Aber dass vieles paradox is was er sagt, hindert ihn nicht daran trotzdem Unrecht zu tun.

    “Hätte er damit Recht? Heiligt der Zweck die Mittel? Muss man den Teufel in der Hölle bekämpfen? Muss man ihn denn bekämpfen? Wer ist dazu berufen? Ist jeder dazu verpflichtet? Ist irgend jemand dazu befugt? Hat Captain Ahab das Böse bekämpft? War er selbst böse? Warum? Weil er sich der Instrumente des Bösen bediente? Ist, wer böse handelt, böse? Was macht einen guten Menschen aus? Entsteht moralisches Handeln bestenfalls zufällig?
    Sind das zeitgemäße, sind es wichtige Fragen oder kann oder sollte einem das wurscht sein?”

    Das sind Fragen die sich die Menschheit immer stellen wird und es auch keine wirkliche Antwort geben wird. Heutzutage sind noch genügend Leute für die Todesstrafe – unabhängig von all den moralischen oder logischen Argumenten die dagegen sprechen.

    Sancho Panda

    26. February 2007 at 8:22 pm

  3. Danke für eure Gedanken. Mich wird das Thema wohl nicht so schnell in Ruhe lassen – weil es vielleicht das wichtigste von allen ist, weil es den Menschen von der Graugans unterscheidet – und weil man keine endgültigen Antworten darauf finden kann, was ein unpraktisches Zusammentreffen ist.

    Am praktischsten ist noch die Serie “Gewissensfrage”die schon eine ganz schöne Zeitlang in der Süddeutschen Zeitung läuft und die solche Inhalte immerhin ernst nimmt. Mehr als die Kasuistik, die darin wöchentlich aufgerollt wird, ist vielleicht tatsächlich nicht zu leisten…

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/index.php?id=gewissensfrage

    Wolf

    27. February 2007 at 8:38 am

  4. Müsste man für die Diskussion nicht erstmal ‘böse’ (und am besten auch ‘gut’) definieren? Ich bin der Überzeugung, dass es beides in der Realität nicht gibt. Als literarisches Motiv erscheint mir die Existenz allerdings logischer – da gut und böse Konstrukte des menschlichen Geistes sind, muss es sie in den Geschichten, die die Menschen sich erzählen, auch geben. In der Literatur ist der Kampf Gut gegen Böse oder auch die Verwirrung darüber, was gut und was böse ist, eine interessante und fetzige Sache. Aber in der Realität ist es dann nicht mehr so einfach. Eine ‘böse’ Figur, wenn sie denn als solche entworfen wurde, lässt sich immer auch also solche erkennen. Aber ein echter Mensch ist immer vielschichtig und da kann man, denke ich, nicht einfach jemandem den Stempel ‘böse’ aufdrücken. Es sei denn vielleicht, es handelt sich um einen Psychopathen, aber die fallen sowieso aus allem raus.

    phrixuscoyote

    18. May 2007 at 11:32 pm

  5. > Müsste man für die Diskussion nicht erstmal ‘böse’ (und am besten auch ‘gut’) definieren?

    Sinnvolle Idee. Geht das, solange beides eher willkürliche Konstrukte sind? Ich werd mit dem Alter immer moralischer und komm immer noch nicht dahinter, ob diese hochphilosophische Feinunterscheidung nicht nur der Libertinage Vorschub leistet.

    Mir hat ja immer die Definition von A.S. Neill – der mit der Summerhill-Schule – gefallen: Man darf alles, was keinen anderen beeinträchtigt. Merkfähig wie nur was, und die großen Wahrheiten sind ja immer die ganz einfachen (was ich nicht mit “einfachen Lösungen” für komplexe Probleme verwürfeln will).

    > Ich bin der Überzeugung, dass es beides in der Realität nicht gibt.

    Zuzeiten bin ich überzeugt, dass es noch nicht mal eine Realität gibt. Wenn man dann von menschlichem Verhalten eingeholt wird, das einem schadet, wünscht man sich doch wieder Klarheit darüber, wer denn hier der Böse ist.

    Dann wäre die Unterscheidung sehr situativ. Allgemeingültig geht’s wohl nicht, mit diesem Konstruktivismus im Hintergrund.

    > Eine ‘böse’ Figur, wenn sie denn als solche entworfen wurde, lässt sich immer auch also solche erkennen. Aber ein echter Mensch ist immer vielschichtig und da kann man, denke ich, nicht einfach jemandem den Stempel ‘böse’ aufdrücken.

    Die besser entworfenen unter den Bösewichtern schillern auch – und “besser” heißt hier: so, dass man sie ebenfalls nicht ganz eindeutig der einen oder anderen Seite zuordnen kann. Und schon sind sie näher an der Realität (und ich geb hier alles, “Realität” nicht mit Anführungszeichen zu versehen – hups, schon passiert…).

    > Es sei denn vielleicht, es handelt sich um einen Psychopathen, aber die fallen sowieso aus allem raus.

    So einer wie Ahab? Der gilt in allen Interpretationen, die mir so einfallen, als der Böse in dem ganzen Setting und gleichzeitig als Psychopath. Und du hast Recht, dass man ihm nach modernen Kategorien – mit dem psychologischen Grundwissen des 20. Jahrhunderts ff. – höchstens eine dieser Eigenschaften zusprechen dürfte.

    Danke, Phrixus.

    Wolf

    19. May 2007 at 12:28 am

  6. >Sinnvolle Idee. Geht das, solange beides eher willkürliche Konstrukte sind?

    Da bin ich mir auch nicht sicher. Ich überlass das gerne anderen Leuten. Aber gerade wenn man von der “Magie des Bösen”, also seiner Anziehungskraft spricht, dann ist es ja meist die Anziehungskraft a) fremdartiger Moralvorstellungen, die einfach andere Prioritäten setzen als es von unserer Gesellschaft vorgeschrieben ist – oder b) des Egoisten, der sich über jede Moral und Konvention hinwegsetzt, der bereit ist, anderen seelischen und/oder körperlichen Schaden zuzufügen um seine Ziele durchzusetzen oder um zu Wohlbefinden zu kommen. Uns fasziniert also jemand, der sich über die Konventionen hinwegsetzt, denen wir unterworfen sind – und um dennoch keine Verwirrung über unsere eigene Position aufkommen zu lassen, nennen wir diesen jemand dann ‘böse’.
    Man könnte, finde ich, auch von der “Magie des Egoisten” sprechen (und ich fürchte, ich nähere mich inhaltlich gerade sehr Aleister Crowley und Anton LaVey an).

    >Mir hat ja immer die Definition von A.S. Neill – der mit der Summerhill-Schule – gefallen: Man darf alles, was keinen anderen beeinträchtigt. Merkfähig wie nur was, und die großen Wahrheiten sind ja immer die ganz einfachen (was ich nicht mit “einfachen Lösungen” für komplexe Probleme verwürfeln will).

    Gut, das bezieht die Existenz von Gut und Böse aber nicht notgedrungen ein. Ich bemühe mich auch, der buddhistischen Maxime zu folgen: Lebe so, dass du keinem anderen Wesen Schaden zufügst. Ich persönlich halte das für das Wichtigste, was man tun kann, und man sollte den Satz nicht zu lasch auslegen. Aber in der Realität gibt es nur menschliche Motivationen und Menschen, die aufgrund ihrer Motivation handeln und oft ist es keine gute Idee, diese Motivationen moralisch beurteilen zu wollen – weil es einfach zu viele unterschiedliche Moralvorstellungen durch die Zeit und durch die Kulturen gibt und gegeben hat. Ich halte jemandes Handeln dann für falsch, wenn es irgendwelchen Lebewesen Schaden zufügt – auch wenn es vielleicht nachvollziehbar sein mag.

    >Zuzeiten bin ich überzeugt, dass es noch nicht mal eine Realität gibt.

    Das ist an sich eine gute Einstellung.

    >Dann wäre die Unterscheidung sehr situativ.

    Jein. Wenn es beides nicht gibt, kann man auch nicht unterscheiden. Es gibt nur “heilsame” Handlungen und Gedanken und “unheilsame” Handlungen und Gedanken.

    >Die besser entworfenen unter den Bösewichtern schillern auch – und “besser” heißt hier: so, dass man sie ebenfalls nicht ganz eindeutig der einen oder anderen Seite zuordnen kann. Und schon sind sie näher an der Realität (und ich geb hier alles, “Realität” nicht mit Anführungszeichen zu versehen – hups, schon passiert…).

    Je näher an der Realität (psychologisch gesehen!) ein Roman ist, desto vielschichtiger und “schillernder” müssen Protagonisten und Antagonisten werden – und dann hat man eben wieder das Problem, das man auch in der Wirklichkeit hat bzw. haben sollte: niemand ist wirklich gut oder wirklich böse. Jeder ist auf irgendeiner Ebene selbstsüchtig. Der große Unterschied ist einfach, wie weit jemand zu gehen bereit ist, um seine nur ihm selbst dienenden Bedürfnisse durchzusetzen. Auf höherer Ebene, wie weit ist jemand zu gehen bereit, um eine Ideologie zu unterstützen oder durchzusetzen. Die alte Frage: ist ein Menschenleben mehr wert als die Leben von hundert Menschen? Würdest du ein Kind töten, wenn du damit hundert oder tausend Menschen retten würdest?
    Mit reiner, kalter Logik müsste die Antwort lauten: Das Wohl von vielen ist mehr wert als das Wohl von wenigen (Zitat geklaut bei Star Trek – das wäre die vulkanische Logik von Mr. Spock). Das ist uns auch allen bewusst, nur leider kommt uns dann die menschliche Ethik dazwischen: Wo wäre Schluss, wenn man einmal in dieser Argumentation drinhängt? Irgenwann würde man Tausende opfern um Millionen zu retten, denn dem liegt das gleiche Argument vom Wohl vieler zugrunde.

    Aber in Romanen kann man immerhin meistens Protagonisten und Antagonisten bestimmen – und ein “tiefer” Roman ist es meiner Meinung nach dann, wenn man sich mit beiden Seiten auch identifizieren, also ihre Motivation nachvollziehen kann. Wenn man über den “Bösewicht” sagen kann: Ich weiß, was er tut ist falsch, aber ich kann nicht garantieren, dass ich nicht aus einer ähnlichen Motivation dasselbe tun würde. Oder wenn die Motivation des “Bösen” so überzeugend klingt, dass man für einen kurzen Moment in moralisches Straucheln gerät.

    Wobei ich gestehen muss, dass ich auch ganz gern Fantasyromane lese, in denen die Bösen einfach nur böse sind, weil es ihr Job ist und ich nicht so viel ruminterpretieren muss. :-)

    Zum Thema “das Böse bekämpfen mit den Instrumenten des Bösen” möchte ich nur das Graffito zitieren: Fighting for peace is like fucking for virginity”. Man erreicht in allen drei Fällen das Gegenteil.

    phrixuscoyote

    19. May 2007 at 6:15 pm

  7. Herrgott, wie ist denn so viel Text dahin gekommen?!

    phrixuscoyote

    19. May 2007 at 6:16 pm

  8. Selbsterstellende Texte; wir arbeiten dran .ò)

    Die schiere Fülle fängt an, mich zu überfordern. Auch sehe ich mich durch nichts veranlasst zu widersprechen.

    Noch jemand?

    Der kategorische Konjunktiv auf vier Pfoten

    Wolf

    20. May 2007 at 1:08 am


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