Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kapitel 22: Fröhliche Weihnachten

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So weit also hätte ich mit dem Leseprojekt bis Weihnachten sein wollen. Kurz vor Ostern erhellt: Doch, hätte schon gepasst.

Endlich wieder eins von den wirklich staatstragenden Kapiteln. Wird auch Zeit: Der Primärtext hat in unserer Ausgabe 866 Seiten, und auf Seite 187, das ist bei 22 % der Gesamtlänge, laufen sie endlich mal aus, die Stubenhocker von Seebären. Schöner Seefahrerroman.

Nachdem in aller gebotenen Besonnenheit und allegorischen Breite klar gemacht wurde, wie das Buch ausgehen wird, muss eigentlich nur noch das Unausweichliche durchdekliniert werden. Die Spannung im Sinne von suspense hat Melville damit drangegeben, aber was für Konsumbärchen sind wir wohl, zu glauben, dass ihm daran lag.

Nix da. Es ist schon passend so: Die Spannung in Moby-Dick liegt im Unterwegssein, nicht im Ankommen. So dramatisch es ausgehen wird: Mittlerweile ist das Ziel klar, für den Weg dorthin bleiben noch 78 % Restlänge. Und gerade dazu passt die ganze Vorläufigkeit, das unlektorierte Dahingaukeln, das nicht mal eine anständige Komposition ist.

Ich verstehe auch, dass man das mögen muss, um es zu mögen. So viel Vertrauensvorschuss braucht das Buch. Meine Verlags- und Buchhandelsausbildung sagt mir: blankes Kassengift, sowas. Hätte heute keine Chance auf dem Markt. Und hatte es genau genommen auch 1851 nicht – aus anderen, nämlich weltanschaulichen Gründen, die sich aber genau auf diese formalen Mängel hinausredeten, weil das leicht ist. Das Erschaffen des eigenen Lesers ist damit beendet; wer bis hier gelesen hat, hält bis zum FINIS durch.

Es stimmt ja sogar: Formale Mängel gibt’s genug. Die Tante Charity ist, wie man eingangs Kapitel 22 hört, außer Bildads Schwester plötzlich auch noch Stubbs Schwägerin. In dieser Art Rätsel – “Brothers and sisters have I none” – war ich nie gut: Wer ist demnach mit wem verheiratet?

Die Kapitelüberschrift Merry Christmas scheint in einem Anfall von Bedeutungsschwangerschaft gewählt: Natürlich kann die Pequod nicht irgendwann ausfahren, sondern wenn schon, dann an einem sehr hohen christlichen Feiertag vor, genau: Jahresende. “Es war ein kurzer und kalter Weihnachtstag” (Seite 184) und fertig. Ansonsten äußert sich Weihnachten im Hafen nicht weiter. Nicht mal Tante Charity, die doch sonst alles mögliche anschleppt, hat Plätzchen mitgebracht oder was immer der Presbyterianer am Heiligen Abend zu sich nimmt (Apple Pie, wetten?).

Soll ich weitermachen? Ich erspare es uns, ich komme mir schofel dabei vor. Das Unterwegssein macht nämlich durchaus schon Spaß: Etliche Lieblingsstellen hab ich in diesem Kapitel:

  • Natürlich das Bild vom fromme Lieder singenden Bildad, der nicht nur Pelegs Ablegemanöver, sondern auch noch die losen Lieder über die Mädchen aus der Booble Alley zu übertönen versucht, die er eigentlich untersagt hat.
  • Soso: Ein Anker wird also nicht nur gelichtet, sondern wenn er sichtbar über Wasser ist, bis unter den Bug gekattet. Das geschieht am Gangspill, und zwar vermittelst der Handspaken.
  • Obacht heißt auf Nautisch: Wahrschau. Muss ich mir merken.
  • Nochmal soso: Peleg weiß ganz gut, dass es auf Südseeinseln gerne unzüchtig zugeht. Wenn man über den (ohnehin weit gefassten) Tellerrand des Moby-Dick hinausgeguckt hat, erinnert einen das ans seinerzeit berüchtigte 18. Kapitel von Typee. Peleg weiß wohl so gut wie sein Schöpfer Melville, wovor er da warnt.

Wer noch formale Mängel findet, darf sie behalten. Da passt nämlich jeder einzelne ganz gut.

Toothpaste for Dinner

Written by Wolf

14. March 2007 at 1:36 am

Posted in Steuermann Wolf

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