Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Nennt mich nochmal Ismael

with 4 comments

Extended Remix des Updates zu Moby-Dick goes after Arthur Gordon Pym:

Call me IshmaelGetreu der Binse, dass es wenig gibt, was Edgar Allan Poe nicht erfunden hat, müssen wir dazu sogar den Anfangssatz aus Moby-Dick zählen.

Melville formulierte, derweil man das Jahr 1851 schrieb:

Call me Ishmael.

Gut gesagt. Ein klarer Hauptsatz mit genau 1 Aussage, ein Gongschlag von Romananfang.

Gehen wir zurück nach 1838. Da hielt Poe die abenteuerhungrigen Leser in Atem mit seinem einzigen Roman Arthur Gordon Pym. Erster Satz:

My name is Arthur Gordon Pym.

Gong. Ähnlicher Satzbau, nur eben noch Indikativ statt Imperativ, aber in der Funktion? Da verhüllt die persönliche Vorstellung des Ich-Erzählers genau wie bei Melville eher die Identität, statt eine zu stiften. Daniel Göske sagt in seinen Anmerkungen zur Jendis-Übersetzung (Seite 931) sogar:

Die Erzählerfigur des Moby-Dick beginnt seine Geschichte also mit einer bedeutungsvollen Selbstdeutung. Das Englische lässt hier übrigens offen, ob Ismael sich an mehrere Personen (Pl.) oder den klassischen “geneigten Leser” (Sg.) der Romanliteratur wendet. Übersetzer in anders geschnittene Sprachsysteme müssen sich entscheiden. Andere Stellen in diesem Kapitel legen nahe, daß Melvilles Roman als (quasimündliche?) Erzählung zunächst an viele Hörer beginnt. Auch die ital., frz. und span. Fassungen wählen daher meist die Imperativform im Plural. Hinzu kommt das Problem der Vertraulichkeit der Anrede, wie auch die früheren dt. Versionen zeigen: “Nenne mich Ismael” (1942), “Man nenne mich Ismael” (1944) und “Nennt mich Ismael” (1956). Wichtig ist jedenfalls Ismaels selbstbestimmter Akt der Maskierung, weshalb manche Übersetzungen – “Nennt mich meinethalben Ismael” (1946) oder “So nennt mich denn Ismael” (1954) [Richtig: 1964] – eine mißverständliche Deutung nahelegen.

Herausgehört und für unseren Zweck im Sinn behalten: Ismaels selbstbestimmter Akt der Maskierung. So schiebt Melville ihm eine perfekte Täuschung mit dem einfachsten Mittel unter. Musste er das neu erfinden?

Ein Jahr später, 1839: Poe verarbeitet seine schlimme Jugend im Internat und einen Zeitschriftenartikel von Washington Irving in seiner Erzählung William Wilson. Erster Satz:

Let me call myself, for the present, William Wilson.

Gong. Siehe oben. Und for the present heißt diesmal ganz erklärtermaßen, dass der vorgestellte Name ein künstlich angenommener ist.

Ein anderes Feuer, das Melville ebenfalls nicht selbst entdecken musste, ist der Kniff, seine Abenteuerhandlung mit theoretischen Exkursen aufzufüllen. Das hat Poe im nämlichen Pym aus Not getan, weil er short stories gewöhnt war. Melville musste es “nur” kultivieren und auf die Spitze treiben – was er übrigens vor Moby-Dick schon 1849 in Mardi hemmungslos durchgezogen hat.

Umberto Eco, der natürlich die gesamte Weltliteratur auswendig kennt, hat 2004 was gemerkt: Am Anfang von Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana. Illustrierter Roman zeigt der Protagonist seine selektive Amnesie, indem er die beiden Romananfänge von Poe und Melville (in der korrekten literaturhistorischen Reihenfolge) ausprobiert:

»Wie heißen Sie?«

Das war’s, hier zögerte ich. Dabei hatte ich’s auf der Zunge. Nach einer kurzen Pause gab ich die selbstverständlichste Antwort.

»Ich heiße Arthur Gordon Pym.«

»Nein, so heißen Sie nicht.«

Sicherlich war Arthur Gordon Pym ein anderer. Er ist nicht zurückgekommen. Ich versuchte, mit dem Doktor eine Vereinbarung zu treffen.

»Nennt mich… Ismael?«

»Nein, Sie heißen nicht Ismael. Strengen Sie sich an.«

Und dann noch:

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Das hat einer vor dreitausend Jahren gesagt.

Call me Ishmael tonight

Written by Wolf

18. March 2007 at 4:35 am

Posted in Rabe Wolf

4 Responses

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  1. […] Nennt mich nochmal Ismael – Moby Dick […]

    Poe Forward's Poe Blog

    7. October 2007 at 1:08 am

  2. Unerwähnt ist: daß der ins Deutsche übersetzte Imperativ in Pluralform der Deutungshoheit des Lesers/der Leser überläßt, ob tatsächlich mehrere Rezipienten angesprochen werden oder ob es sich um einen nicht ungewohnten archaischen Pluralis Majestatis handelt.

    Kleiner Kniff :-)

    Akareyon

    1. September 2009 at 5:47 pm

  3. Oder ein Modestis…? Das wäre der nächste Kniff, dass der mit dem Majestatis gleich klingt. — Stimmt natürlich; einmal ist mir sogar kurz aufgefallen, dass keine der vorliegenden Übersetzungen “Nenn(e) mich Ismael” verwendet, wo sie sogar schon auf Saltos wie “So nennt mich denn Ismael” verfallen sind. 2051 vielleicht, wenn die nächsten Übersetzungen zum 200-Jährigen fällig werden :o)

    Wolf

    2. September 2009 at 12:51 am

  4. […] for Nennt mich nochmal Ismael and Now you’re just being a […]


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