Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Fröhliche Weihnachten: Elke hat Kapitel 22 gelesen

with one comment

Windlass Elke meint:

Anker auf – hievt!

Elke HegewaldNa, wenn das kein Weihnachtsgeschenk für die Mannschaft ist! Dass es nun endlich auf See geht nach diesem ausgedehnten und geduldigen Vorgeplänkel und wo schon keiner einen Gedanken an das Fest zu verschwenden scheint.

Und wenn anlässlich des Ablegens und steigender Spannung denn mal ein Zwischenfazit angebracht ist: Die Lesecrew in ihrer Sofaecke hat sich auf dem Weg bis hierher doch zu ganz passablen Walfängern gemausert, sich auf eigene und sonderbare Weise selbst als Leser erschaffen, oder? Die gehen mit diebischem Vergnügen auf den großen weißen Wal am Horizont, die lässt kein noch so heftiger Sturm mehr seekrank werden, der die Pequod durch die Wellen peitscht! Hat je schon wer solch ein Abenteuer aus der tiefsinnigen Geschichte von Vater Melville gemacht?

Zurück zu Whalemans Weihnacht. Was so ein richtiger Seebär ist, der tanzt auf Deck nicht um den Christbaum, sondern – um das Gangspill.

Und wenn er das nicht mit dem nötigen Eifer tut, fängt er sich schon mal einen Tritt ins Hinterteil vom wild herumkommandierenden Käptn Peleg. Während der eigentlich zuständige Ahab weiterhin hartnäckig durch Abwesenheit glänzt und damit ausdauernd an seinem melvillegewollten unheimlichen Mythos zimmert. Dabei weiß eh jedermann längst, mit welcher Rolle er in dem gebotenen Schauspiel besetzt ist, mag unser guter Ismael im inneren Kampfe gegen seine Vorahnungen sich auch noch so stichhaltige Entschuldigungen für dieses Schattendasein zurechtdrechseln. Dessen Ende ist jedenfalls in Sicht.

Der Wolf ist ja schon auf diversen unlektorierten Seltsamkeiten rumgeritten, von denen die Tante Charity – bei geordneten Familienverhältnissen – entweder mit dem frömmelnden Bildad eine weitere gemeinsame Schwester hat, Stubbs Ehefrau nämlich, oder selbst einen Stubbschen Bruder geehelicht haben dürfte. Da werf ich halt auch noch eine kleine Ungereimtheit in die Runde: Woher weiß Ismael eigentlich, welche Befehle “seit dreißig Jahren” zum Ritual des Seeklarmachens auf der Pequod gehören? Da werkelt doch Ismelville wieder leibhaftig mit auf Deck.

Und das Bild dieses kalten Weihnachtstages auf See, das er malt, verrät den alten Waljäger, der noch immer an der Seefahrt und dem Meere hängt, obwohl er inzwischen im trauten Arrowhead sein Nest gebaut hat. Hätte er sonst solche Worte gefunden? – :

… und als der kurze Tag des Nordens mit der Nacht verschmolz, standen wir schon beinahe auf der hohen See des winterlichen Weltmeeres, dessen gefrierende Gischt uns in Eis hüllte wie in einen glänzenden Harnisch. Die langen Zahnreihen auf der Reling leuchteten weiß im Mondeslicht; riesige, krumme Eiszapfen hingen wie die weißen, elfenbeinernen Stoßzähne eines gewaltigen Elephanten vom Bug herab.

Der hagere Bildad hatte die erste Wache unter sich. Während die alte Bark ohne Unterlaß tief in die grünen Wogen tauchte und sich mit frostiger Gischt bedeckte, während die Winde heulten und die Takelage sang, ertönte unbeirrbar sein Lied…” (S. 184)

Paul Gauguin, Près de la mer, 1892Na, das ist doch mein Stichwort. Endlich kann man aufhören, über die Songs the Whalemen sang nur zu spekulieren und palavern. Selbst den frommen Singsang des Lotsen Bildad, mit dem er die Männer an den Handspaken im Takt hält, kann man ja inzwischen als Capstan-(Gangspill-) oder Windlass-(Bratspill-) -Shanty klassifizieren – der als besondere Art des Homeward-Bound-Songs beim letzten Ankerlichten für die Heimfahrt zelebriert wurde.

Wobei ich schon gerne den grölenden Volltext des Kehrreims der Matrosen gelesen hätte, natürlich nur, um zu wissen, wie sich der Refrain um die Mädchen aus der Booble Alley zu Watts’ Chorälen gesellt.

Das beinahe tränenreiche Scheiden der beiden Schiffseigner, bei dem es sogar den derben Peleg fast hinreißt, wird zu aller Glück durch die zu Lachtränen reizende Abschiedsansprache des bigotten Bildad gerettet. Die gibt uns nicht nur weiteren Aufschluss über den Zwiespalt zwischen Quäker- und Walfängersein:

“Geht mir an den Tagen des Herrn nicht zu sehr auf den Wal aus, Männer, aber lasst auch keine günstige Gelegenheit verstreichen, denn das hieße, des Herrn gute Gaben zu verschmähen.” (S. 186)

Nein, er warnt auch gleich noch vor Unzucht auf den fernen Inseln, mahnt, nicht mit der teuren Butter zu aasen und hält überhaupt jedermann zur Sparsamkeit an allen Ecken und Enden an – einfach köstlich, der Gute.

Auch wenn das Herze nun allen schwer genug ist ob des blinden Schicksals, das der Mannschaft harrt: Endlich Schiff ahoi! Oder: Ab dafür! – um’s mit der Pelegschen Feinfühligkeit zu sagen.

“Ihr da, die Großrah backgebrasst!”

Written by Wolf

22. March 2007 at 12:47 am

Posted in Steuerfrau Elke

One Response

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] mit erschöpfender Auskunft sind mir, glaub ich, zum ersten Mal so richtig um Weihnachten (Chapter 22) und beim schaumgewordenen Bulkington bewusst […]


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: