Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Benito Cereno oder Was man überhaupt noch glauben soll

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Vor dem AufstandDer Benito Cereno, erschienen Oktober–Dezember 1855 in Putnam’s Magazine, zählt zu den anerkannten Meisterleistungen Melvilles. Das sah er auch selbst so und machte ein Jahr später die zweite der Piazza-Erzählungen daraus.

Amaso Delano, historisch echt, bodenständig freundlich und außerdem Kapitän des Robbenfängers Bachelor’s Delight, hilft das in einer Flaute festliegende und seiner weißen Offiziere und Matrosen beraubte Schiff eines Sklavenhändlers (Don Benito Cereno) flott zu bekommen und scheitert immer wieder an dem schwer durchdringlichen passiven Widerstand des zickigen Adligen.

Die Erzählzeit ist identisch mit der erzählten Zeit (etwa 7.30 Uhr morgens bis 18 Uhr des selben Tages), was einige Längen ergibt; oder positiv formuliert: Das Geschehen ist in Echtzeit wiedergegeben, ja es wird sogar die aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung eingehalten. Die Besonderheit: Etwa das letzte Viertel besteht aus Passagen einer nur teilweise fingierten Gerichtsakte, aus welcher der Gang der Handlung nachträglich eine gegenteilige Deutung erfährt – ein Kniff, der eigentlich erst in der Literatur des 20. Jahrhunderts fällig war. Der Negeraufstand auf einem Sklavenhändler, von dem Melville Nachricht erhielt, fand nämlich statt.

Aus heutiger Sicht ist Melvilles Beurteilung von “Negern” grenzwertig: Er ergeht sich in einer Art wohlwollendem Rassismus. Kapitän Delano, der ungebrochen freundlich erscheint, fühlt sich zu Negern hingezogen “wie andere Leute zu Neufundländern”. Jedoch darf Melville unterstellt werden, sich gegen Diskriminierung zu wenden, jedenfalls unterstützt er nirgends in seinem Werk die zu seiner Zeit höchst gebräuchliche Sklaverei. In White-Jacket und Billy Budd wandte er sich engagiert gegen körperliche Strafen, im ersten Fall mit dem politischen Effekt, dass die Prügelstrafe in der Marine abgeschafft wurde. Auch für Weiße. Ich schweife ab.

Letztendlich äußert sich Melville hier in keiner unkorrekteren Nomenklatur als zeitüblich, und einen edleren Wilden als Queequeg aus Moby-Dick gibt’s gar nicht. Zusätzlich fällt mir noch der komischer gehaltene Negersklave Yorpy aus The Happy Failure ein, der in der Geschichte der eigentliche Gewinner wird.

William Blake, A Negro Hung Alive by the Ribs to a GallowsMelville idealisiert hier klar den weißen Europäer. Das verfolgt jedoch einen historischen Zweck: Benito Cereno ist derjenige, der eben keiner von der Bachelor’s Delight werden kann, weil er an Jahrtausenden von Geschichte trägt. Die Neger sind der Gegenseite der Weißen kämpferisch und intellektuell ebenbürtig, ihr Aufstand war berechtigt, ihre Bestrafung fällt nicht weniger grausam als ihr eigenes Verbrechen aus. Da schenkt keiner dem anderen was.

Melville bezog den Stoff für Benito Cereno aus dem Logbuch von Amaso Delano: Narrative of Voyages and Travels in the Northern and Southern Hemispheres, der als Hauptfigur seiner Erzählung seinen Klarnamen behält.

Das Interessante ist ja nun, dass Melville sich ausgiebig bei einem fremden Logbuch bedient bedient hat. Nennt man das nicht Plagiat?

Nein. Man nennt es… nein, auch nicht Inspiration, man nennt es: aus den Fakten eine Allegorie ableiten. Auch schon im Logbuch ist Kapitän Delano seinem Augenschein aufgesessen und verstrickte sich in ein ganzes Netz aus falschen Deutungen: Aus dem Benehmen des Don Benito und seiner verbliebenen Sklaven musste er schließen, dass er selbst auf der schwarzen Liste stand. Vor dem präventiven Erstschalg hielt ihn nur seine angeborene Gutmütigkeit ab, und dass er seinen ursprünglichen, gottesfürchtigen und mildtätigen Plan nicht aufgrund von Indizien kippen mochte.

Das Kapitel 115 von Moby-Dick heißt The Pequod Meets the Bachelor; die Pequod traf also 1851 schon ein Schiff, das fast so hieß wie 1855 der Robbenfänger von Kapitän Delano.

Schon die freundliche Begegnung der Pequod geschah mit einer auffallend freundlichen Mannschaft, die gerade ihr Glück gemacht hatte und sich auf zu Hause freute. Wie düster und verdammt dagegen die Jungs auf der Pequod, die weiter ihre Nemesis suchten. Noch ahnungsloser bleibt er in Benito Cereno, was sein Glück ist – im Sinne von Seelenfrieden nicht weniger als von dem Dusel, dass er mit dem Leben, dem Schiff und einer nur leicht dezimierten Mannschaft davonkommt.

Fast noch weiter als alle anderen Ebenen der Erzählung trägt die offene Frage, was man glauben soll: Delanos Versuch, ein guter Mensch zu sein, kostet ihn fast das Leben. Der Blick hinter die Maske betrifft die Existenz. Geradezu biblisch, gell?

Die Lösung des Konflikts in Benito Cereno kann nur lokal, an diesem beschriebenen Einzelfall stattfinden. An der grundsätzlichen Lösung verzweifelt Don Benito, ohne seinen begründeten Weltschmerz je klar formulieren zu können. Man mag es überinterpretieren, aber genau deshalb stirbt er ganz nebenbei, buchstäblich im allerletzten Nebensatz zweiter Ordnung.

Deutsch gibt’s die Erzählung bei Martus; von wissenschaftlichem Gebrauchswert ist die Einzelausgabe, 1987 eingerichtet und herausgegeben von Marianne Kesting bei Insel, die man in Stadtbibliotheken und Antiquariaten suchen soll.

Historischer Sklavenwitz

Written by Wolf

22. April 2007 at 1:29 am

Posted in Rabe Wolf

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