Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for April 2007

Benito Cereno oder Was man überhaupt noch glauben soll

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Vor dem AufstandDer Benito Cereno, erschienen Oktober–Dezember 1855 in Putnam’s Magazine, zählt zu den anerkannten Meisterleistungen Melvilles. Das sah er auch selbst so und machte ein Jahr später die zweite der Piazza-Erzählungen daraus.

Amaso Delano, historisch echt, bodenständig freundlich und außerdem Kapitän des Robbenfängers Bachelor’s Delight, hilft das in einer Flaute festliegende und seiner weißen Offiziere und Matrosen beraubte Schiff eines Sklavenhändlers (Don Benito Cereno) flott zu bekommen und scheitert immer wieder an dem schwer durchdringlichen passiven Widerstand des zickigen Adligen.

Die Erzählzeit ist identisch mit der erzählten Zeit (etwa 7.30 Uhr morgens bis 18 Uhr des selben Tages), was einige Längen ergibt; oder positiv formuliert: Das Geschehen ist in Echtzeit wiedergegeben, ja es wird sogar die aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung eingehalten. Die Besonderheit: Etwa das letzte Viertel besteht aus Passagen einer nur teilweise fingierten Gerichtsakte, aus welcher der Gang der Handlung nachträglich eine gegenteilige Deutung erfährt – ein Kniff, der eigentlich erst in der Literatur des 20. Jahrhunderts fällig war. Der Negeraufstand auf einem Sklavenhändler, von dem Melville Nachricht erhielt, fand nämlich statt.

Aus heutiger Sicht ist Melvilles Beurteilung von “Negern” grenzwertig: Er ergeht sich in einer Art wohlwollendem Rassismus. Kapitän Delano, der ungebrochen freundlich erscheint, fühlt sich zu Negern hingezogen “wie andere Leute zu Neufundländern”. Jedoch darf Melville unterstellt werden, sich gegen Diskriminierung zu wenden, jedenfalls unterstützt er nirgends in seinem Werk die zu seiner Zeit höchst gebräuchliche Sklaverei. In White-Jacket und Billy Budd wandte er sich engagiert gegen körperliche Strafen, im ersten Fall mit dem politischen Effekt, dass die Prügelstrafe in der Marine abgeschafft wurde. Auch für Weiße. Ich schweife ab.

Letztendlich äußert sich Melville hier in keiner unkorrekteren Nomenklatur als zeitüblich, und einen edleren Wilden als Queequeg aus Moby-Dick gibt’s gar nicht. Zusätzlich fällt mir noch der komischer gehaltene Negersklave Yorpy aus The Happy Failure ein, der in der Geschichte der eigentliche Gewinner wird.

William Blake, A Negro Hung Alive by the Ribs to a GallowsMelville idealisiert hier klar den weißen Europäer. Das verfolgt jedoch einen historischen Zweck: Benito Cereno ist derjenige, der eben keiner von der Bachelor’s Delight werden kann, weil er an Jahrtausenden von Geschichte trägt. Die Neger sind der Gegenseite der Weißen kämpferisch und intellektuell ebenbürtig, ihr Aufstand war berechtigt, ihre Bestrafung fällt nicht weniger grausam als ihr eigenes Verbrechen aus. Da schenkt keiner dem anderen was.

Melville bezog den Stoff für Benito Cereno aus dem Logbuch von Amaso Delano: Narrative of Voyages and Travels in the Northern and Southern Hemispheres, der als Hauptfigur seiner Erzählung seinen Klarnamen behält.

Das Interessante ist ja nun, dass Melville sich ausgiebig bei einem fremden Logbuch bedient bedient hat. Nennt man das nicht Plagiat?

Nein. Man nennt es… nein, auch nicht Inspiration, man nennt es: aus den Fakten eine Allegorie ableiten. Auch schon im Logbuch ist Kapitän Delano seinem Augenschein aufgesessen und verstrickte sich in ein ganzes Netz aus falschen Deutungen: Aus dem Benehmen des Don Benito und seiner verbliebenen Sklaven musste er schließen, dass er selbst auf der schwarzen Liste stand. Vor dem präventiven Erstschalg hielt ihn nur seine angeborene Gutmütigkeit ab, und dass er seinen ursprünglichen, gottesfürchtigen und mildtätigen Plan nicht aufgrund von Indizien kippen mochte.

Das Kapitel 115 von Moby-Dick heißt The Pequod Meets the Bachelor; die Pequod traf also 1851 schon ein Schiff, das fast so hieß wie 1855 der Robbenfänger von Kapitän Delano.

Schon die freundliche Begegnung der Pequod geschah mit einer auffallend freundlichen Mannschaft, die gerade ihr Glück gemacht hatte und sich auf zu Hause freute. Wie düster und verdammt dagegen die Jungs auf der Pequod, die weiter ihre Nemesis suchten. Noch ahnungsloser bleibt er in Benito Cereno, was sein Glück ist – im Sinne von Seelenfrieden nicht weniger als von dem Dusel, dass er mit dem Leben, dem Schiff und einer nur leicht dezimierten Mannschaft davonkommt.

Fast noch weiter als alle anderen Ebenen der Erzählung trägt die offene Frage, was man glauben soll: Delanos Versuch, ein guter Mensch zu sein, kostet ihn fast das Leben. Der Blick hinter die Maske betrifft die Existenz. Geradezu biblisch, gell?

Die Lösung des Konflikts in Benito Cereno kann nur lokal, an diesem beschriebenen Einzelfall stattfinden. An der grundsätzlichen Lösung verzweifelt Don Benito, ohne seinen begründeten Weltschmerz je klar formulieren zu können. Man mag es überinterpretieren, aber genau deshalb stirbt er ganz nebenbei, buchstäblich im allerletzten Nebensatz zweiter Ordnung.

Deutsch gibt’s die Erzählung bei Martus; von wissenschaftlichem Gebrauchswert ist die Einzelausgabe, 1987 eingerichtet und herausgegeben von Marianne Kesting bei Insel, die man in Stadtbibliotheken und Antiquariaten suchen soll.

Historischer Sklavenwitz

Written by Wolf

22. April 2007 at 1:29 am

Posted in Rabe Wolf

Katzencontent

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via meez.com:

Green shoes are cool.

Adam Ford

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Karl Valentin

MeezwolfAls einziges Buch die Bibel, und die Schuhe hätten grün gehört. Gab’s aber nicht. Wie in der Zone. Typisch Web 2.0.

Written by Wolf

21. April 2007 at 3:36 am

Posted in Mundschenk Wolf

That same image selves see in all rivers, in oceans, in lakes and in Welles

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Update zu My name is Orson Welles (but I am still rehearsing), außerdem neu in den Freundlichen Begegnungen:

The Acting CompanyOrson Welles war, fast noch bevor er ein Mensch war, ein Theaterwesen. Moby-Dick hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen.

Der verdienstreiche Laughing Bone hat weitere Materialien über Orson Welles’ Wiedergaben von Moby-Dick aufgetrieben. Für den Artikel in der New York Times voller Tatsachen, die man sonst nicht gleich findet, muss man sich registrieren, wenn man den Lachenden Knochen nicht hätte; aber es wäre ohnehin gratis, weswegen ich eine Registrierung ausdrücklich empfehle, da haben Sie was fürs Leben.

In Moby-Dick 2.0 ebenfalls complete and unabridged:

That Great White Whale Through a Wellesian Lens

Jason Zinoman, 10. März 2007 in der New York Times:

Captain my CaptainIt takes a fool or perhaps a genius to adapt one of the greatest American novels for the stage — and Orson Welles was a bit of both. He chased.

”Moby-Dick” through much of the 1950s. After writing and starring in ”Moby Dick — Rehearsed” in 1955, he made his own film version of that Melville classic for British television before starring in John Huston’s. But Welles still wasn’t finished, returning to the novel at the end of his life, filming scenes of himself reading it in one of his many unfinished works. (There are remarkable excerpts on YouTube.)

Welles may never have caught the big fish in the same way that he captured, say, William Randolph Hearst in ”Citizen Kane,” but this gripping revival of ”Moby Dick — Rehearsed,” presented by Twenty Feet Productions with a Shakespearean sweep, proves that this was a perfect marriage of man and material.

It’s easy to forget that Welles was first a man of the theater, and this ferocious drama, a poetic examination of one man’s obsession, is, among other things, a celebration of the stage. It begins almost offhandedly with a group of actors filing into the theater where they are to perform ”King Lear.”

In a light, almost documentary style, Welles satirizes backstage small talk: the complaints about critics, pay and academics. When one performer talks about the need for theater, another corrects him: ”Nobody ever needed the theater — except us. Have you ever heard of an unemployed audience?”

When the vain star (Seth Duerr) enters, he informs the ensemble that they will be performing ”Moby-Dick” instead of ”Lear,” and that he will play Ahab. This framing device provides a justification for the bare-bones adaptation (everyone wears casual clothes and mimes the props), but the director, Marc Silberschatz, is smart to avoid hammering home the theatrical themes, since the play-within-a-play conceit has become a cliché.

Gregory Peck unter John HustonInstead, he concentrates on suspending our disbelief, relying on a direct, simple staging that tells the story with gusto and clarity. The cramped theater, a black box with bad sightlines, actually helps give a sense of being trapped on a rickety ship.

Welles, who ruthlessly edited Melville’s novel down to two hours, would no doubt have approved of Dana Sterling’s moody lighting design. But this play rises and falls on the strength of Ahab, and Mr. Duerr is happily up to the challenge. With sunken eyes that betray a touch of madness, he looks like a man losing a battle but refusing to give up.

He doesn’t perform off his fellow actors so much as recite his lines to the heavens, which makes perfect sense, since he’s playing a dictatorial actor playing a dictatorial captain. At his best, Mr. Duerr’s booming baritone even brings to mind Welles himself. Call me impressed.

Die nötigen Links, um sich zügig und nachhaltig über Moby Dick Rehearsed schlau zu machen, für Hausarbeiten und den schnellen Wissensdurst zwischendurch und so, finden Sie in den Freundlichen Begegnungen, aber der Erschöpfung halber sag ich’s auch gern zweimal:

Orson Welles: Moby Dick Rehearsed, 1955. Theaterstück in zwei Akten, am 15. Juni 1955 in London uraufgeführt, wegen großen Erfolgs vom Autor fürs Fernsehen verfilmt (22 Minuten; Welles spielte selbst Ishmael, Ahab und Starbuck). Eine verbesserte Version von 1971 wurde 1999 von Stefan Drößler vom Münchner Fimmuseum restauriert. – Orson Welles spielte 1956 in der Moby-Dick-Verfilmung von John Huston den Father Mapple.

Und jetzt liest uns der Meister nochmal The Symphony:

Der Meister ölt seine Stimme

Written by Wolf

18. April 2007 at 8:31 pm

Posted in Rabe Wolf

Like as the waves make towards the pebbled shore

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Neu in den Freundlichen Begegnungen:

Williams & MarquardtThe Sea Change featuring Lew Soloff: Moby Dick. Songs & Paintings, 2006 beim Label I Sea Music. The Sea Change besteht aus zwei Künstlern: Sven Gordon Williams und Ralf Walter Marquardt. Die Verstärkung Lew Soloff ist der mit der Trompete, die so nach Miles Davis klingt.

Die Musik, eine der unüberschaubaren Spielarten des Jazz, von der man sich beim Label einen legalen Eindruck verschaffen kann, wird als atmosphärisch dicht beschrieben. Mir ist sie zu knochenlos, aber ich bin ja mehr so der Zupfgeigenhansel. Was das (obgleich schöne und meeresthematische) Shakespeare-Sonett 60 da mittendrin soll, hab ich auch nicht verstanden.

Wer aber eine moderne Vertonung von Moby-Dick haben will, soll sich das gern mal kaufen. Wirklich schlecht kann’s nicht sein.

Written by Wolf

17. April 2007 at 4:44 am

Posted in Moses Wolf

Niemand gehört dermaßen hierher wie du

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Just another Leitfaden für junge Schriftsteller:

Miranda July in MyspaceJunge Autoren werden nicht entdeckt (ich hab das mal versucht). Entweder bleiben sie bis zur Vergreisung auf einer Sachbearbeiterstelle in der Wettbewerbsphase stecken, oder sie veröffentlichen bei Books on Demand, gründen mit sehr viel Mut und Fachwissen einen eigenen Verlag, oder sie sind der leibhaftige Stuckrad-Barre und haben’s einfach nicht nötig, was schon mal eine angenehmere Vergreisungsmöglichkeit als die erste sein muss.

Oder wie der frühe Stuckrad-Barre und der frühe Melville werden sie zum literarischen Sexsymbol ausgerufen. Das passiert allerdings, wie diese beiden Präzedenzfälle lehren, nach zwei erfolgreichen Romanen, ist also keine verlässliche Lösung.

Neu im Web 2.0: Mit den Mitteln von Web ca. 0.1 seine eigene Autoren-Werbeseite bauen, flashfrei und sogar ohne vollwertige Abwischtafel.

Willkommen to the Literaturbetrieb, Miranda July: No one belongs here more than you.

Written by Wolf

16. April 2007 at 12:28 am

Posted in Reeperbahn

Wenn e.e. cummings Moby-Dick geschrieben hätte

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, Nabokov, Lolita, 50th Anniversary EditionE.E. (Edward Estlin) Cummings, der sich die gängige Kleinschreibung seines Namens eigentlich verbeten hat, sollte einem als verstockter Liebhaber sehr junger Mädchen (“you shall above all things be glad and young“) und wegen gewisser Aspeke seiner Weltsicht suspekt sein – wegen anderer wiederum das Gegenteil–, wenn er nicht etliche Gedichte geschaffen hätte, für die man ihm einfach nur die Hand schütteln möchte. In Deutschland außerhalb der Amerikanistik praktisch unbekannt, in Amerika Allgemeingut.

Written by Wolf

14. April 2007 at 1:21 am

Kiefer des Todes

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Tiere greifen anUnd die Leute reden vom Da-Vinci-Code, in dem es (vermutlich) darum geht, dass ein Messer scharf wird, wenn man es über Nacht unter eine Pyramide legt, dass auf Dollarscheinen ein Auge drauf ist, und ein bisschen Verunglimpfung unschuldiger Freimaurer.

Die heißen Sachen stehen wieder in Moby-Dick. Sind darin doch die Tode von Indira Gandhi, Trotzki, Martin Luther King, John F. Kennedy, Abraham Lincoln, Yitzhak Rabin und – sitzen Sie gut? – Lady Di, letzterer nicht als Attentat, vorhergesagt.

Die Methode ist die der Kabbala, mit der sich das Hebräische, so ganz ohne Vokale, bedeutend leichter schafft als das Englische. Wie viel mehr muss Melville da Recht haben.

Seltsam? Aber so steht es geschrieben.

Written by Wolf

11. April 2007 at 12:57 am

Posted in Mundschenk Wolf