Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Dös peitscht mi jetzt ned so sonderlich

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Update zu Bartleby, Michaela und ich:

“Prefer not to,” echoed I, rising in high excitement, and crossing the room with a stride. “What do you mean? Are you moon-struck? I want you to help me compare this sheet here—take it,” and I thrust it towards him.

“I would prefer not to,” said he.

I looked at him steadfastly. His face was leanly composed; his gray eye dimly calm. Not a wrinkle of agitation rippled him. Had there been the least uneasiness, anger, impatience or impertinence in his manner; in other words, had there been any thing ordinarily human about him, doubtless I should have violently dismissed him from the premises. But as it was, I should have as soon thought of turning my pale plaster-of-paris bust of Cicero out of doors. I stood gazing at him awhile, as he went on with his own writing, and then reseated myself at my desk.

Herman Melville: Bartleby, 1853.

Bartleby goes BoneBartleby, jener Geniestreich über Arbeitsgebaren und dessen Verweigerung in letzter Konsequenz, ist das erste, was Herman Melville nach Moby-Dick schrieb, auch wenn bis zur Veröffentlichung noch ein ganzer Roman (Pierre, 1852) dazwischen lag.

Was den Bartleby mit dem Moby-Dick verbindet?

Erst mal gar nichts. Sondern im diametralen Gegenteil: Moby-Dick kann gar nicht genug Raum einnehmen: ein (in manchen Augaben) 800-Seiten-Hammer auf allen Ozeanen, das Personal mit dem Anspruch, die ganze Menschheit zu repräsentieren. Die Geschichte öffnet sich immer weiträumiger, bis es buchstäblich nicht weitergeht. Bartleby dagegen spielt auf etwa 30 Quadratmetern in der New Yorker Wall Street, wo Raum ein teures Gut ist, das Personal besteht aus fünf Leuten, allesamt sehr spezielle Einzelcharakter, einer verschrobener als der andere, jeder in seine enge Kopistenarbeit vertieft.

Aber dann: Beide werden von einem namenlosen bzw. einem gut getarnten Ich-Erzähler vermittelt, die jeweils einen Wahnsinnigen beobachten. Und beide enden in einer Katastrophe.

Wie genau? – : Ismael muss seinem Captain Ahab zuschauen, wie er die Mannschaft der Pequod für seine persönliche Rache in den gemeinsamen Untergang befehligt; der Anwalt, der den Kanzleischreiber Bartleby beschäftigt, gibt sich wehrlos gegenüber der Arbeitsverweigerung seines Angestellten, auch wenn der sich hauptsächlich nur selbst schadet: Der Mann verhungert an seinem eigenen Negativismus. Bartleby ist defensiver als Ahab. In der modernen Psychologie fiele sein Verhalten wohl unter passive Aggression.

Ahabs wie Bartlebys Wahnsinn besteht in ihrer unabwendbaren Sturheit. Ihr Trotz steckt an, er beeinträchtigt ihre Umgebung, reißt sie in ihre respektiven Abgründe. Die Umgebung? Die Jungs auf der Pequod, die anderen Jungs in der New Yorker Anwaltskanzlei? Spielen mit, nehmen es hin, unter Protest zwar, aber welche Wahl bleibt ihnen schon.

Dabei wissen sich Bartlebys Kollegen noch eher zu helfen, weil Bartleby ihnen keine übergeordnete Instanz ist, sondern ein neuer Kollege, der sich zum Störfaktor macht. Ihre Lösung könnte egoistischer sein, wie es gesund wäre: Statt Bartleby mit Gewalt rauszuschmeißen, geben sie das Büro auf. Sie verlassen das sinkende Schiff, obwohl sie nicht die Ratten sind. Die versammelte Pequod, die dem gottgleichen Ahab untersteht, entkommt nirgendwohin.

Beides keine glücklichen Ausgänge. Ahab wie Bartleby enden einsam, unverstanden, verbohrt und tot.

Das Moderne daran: Ab etwa 1920 finden die Ungeheuerlichkeiten in der Literatur nicht mehr in äußeren Umständen statt, sondern im Verhalten der Figuren. Will sagen: Ab beispielsweise Kafka wird die Erde nicht mehr von einem Erdbeben in Chile umgewälzt, sondern die Menschen mauern sich ihre Katastrophe, schaufeln sich ihr Grab fein schön selber.

Gerade den Kafka nämlich nimmt der Bartleby 1853 ganz eklatant vorweg: Erst macht er alle, wie sie da sind und nicht weiterwissen, zu seinen verblüfften Mittätern, dann zieht er seine unerklärliche Unvernunft bis zuletzt durch. Selbstzerstörung ohne Rücksicht auf Verluste anderer.

Gerade diese fundamentale Nutzlosigkeit des Untergangs ist hochmodern, sorry to say. Einen eventuellen Gott hat spätestens Nietzsche für tot erklärt, das war 1882. 1851, bei Moby-Dick, hatten die Menschen wenigstens noch Ahab.


Viel davon steht im Vorwort von Jorge Luis Borges zur Bartleby-Ausgabe in seiner eigenen Bibliothek von Babel (Band 17 von 30) – und ihr, die ihr auf der Suche seid nach Material für eure Englisch-Hausarbeit: Eine brauchbare Interpretation zum Bartleby steht in der Lesekost, da nehmt ihr noch ein paar Aspekte aus dem Fluter mit rein.

Bartleby, der hölzerne Charakter

Written by Wolf

9. May 2007 at 1:01 am

Posted in Rabe Wolf

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