Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Die Anwaltin Barbara Walesch

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Elke hat Kapitel 24: Der Anwalt gelesen:

Elke HegewaldDer kritische und wache Leser scheint sich mit seinem Kommentar zu diesem Plädoyer auf den Walfänger geradewegs und mit vollen Segeln in ein Dilemma zu manövrieren. Wo wir doch im hochaktuellen Kontext seit zwei Tagen den grandiosen Sieg der Anwälte und Retter des Wals im Ohr haben. Von dem wir – bei den Reaktionen der Gegenseite – hoffen und glauben wollen, dass es wirklich einer ist.

Doch wir setzen ja voraus, dass eine/r, die/der den Spuren von Moby-Dick und Melville bis hierher zu folgen bereit war, über die nötige Kenntnis und Qualifikation verfügt, die Ismael vom Autor in den Mund gelegte Brandrede einzusortieren – in den Rahmen ihrer Zeit, die Hoch-Zeit des Walfangs, und in des Schreibers Hintergedanken. Wobei, wie ich finde, zweierlei gesagt werden muss: Erstens, dass der Stern des klassischen Waljägerhandwerks 1851 bereits zu sinken begann – nicht Moby-Dick zuliebe, der neue Götze hieß Erdöl.

Und zweitens, dass bei aller Leidenschaft und philosophischen Poesie (oder poetischen Philosophie?) des Dichters in seinem Hohelied auf das Hohetier und seine Jäger der Stachel nicht zu überlesen ist, der den Nichtakademiker Melville angesichts der augenscheinlichen gelahrten Geringschätzung drückt. Weswegen seine Anwaltschaft neben ihrer Fundiertheit auch ein gutes Stück Provokation atmet – und sich geradezu nach einem Plädoyer in eigener Sache anfühlt.

Übersetzt (des vereinfachten Verständnisses halber) in eine der heutzutage unter Couch-Potatoes allseits beliebten Fernseh-Gerichtsshows hörte sich diese durchaus offensive Verteidigung unseres engagierten Advokaten gegen den fiktiven Ankläger womöglich in etwa so an:


Kuo Toa, LeviathanAnwalt: Was werfen Sie meinem bisher nicht vorbestraften Mandanten eigentlich vor, Herr Kollege?

Der (einstweilen ahnungslose) Ankläger: Öh… Sie müssen doch zugeben, dass er ein blutrünstiges und schmutziges Schlächterhandwerk ausübt und…

Anwalt: Aber erlauben Sie, Herr Kollege, dass der Walfang ein Schlächterhandwerk ist und dabei wie bei jedem Metzger auch Blut fließt, das leugnet er doch gar nicht. Gegen die Anschuldigung des Schmutzigen dagegen verwahren wir uns entschieden, davon können Sie sich gerne bei einem Lokaltermin auf einem Pottwalfänger überzeugen. Und wenn mir die Frage gestattet ist: wie viele Heerführer haben Sie für ihre Schlächterei der blutigsten Sorte hier schon verurteilt, statt sie in den höchsten Tönen zu preisen und mit Ehren zu überhäufen? Und welcher von denen würde es auch nur wagen, der Schwanzflosse eines wütenden Wals zu nahe zu kommen? Geben Sie’s zu, Sie wären selber zu feige…

Ankläger: Aber Sie können doch nicht leugnen, dass…

Anwalt: Was kann ich nicht leugnen? Dass alle Welt sich um das Walrat reißt, das ein Walfänger nach gut getanem Job nach Hause bringt? Dass alle Kerzen und Lampen auf diesem Globus nur dank des braven Walmanns leuchten und Sie ohne ihn im Dustern säßen? Was glauben Sie, warum die Holländer ihre Fangflotten von Admirälen befehligen ließen? Und warum der französische Ludwig XVI. unter unseren Waljägern in Nantucket Abwerbung getrieben hat? Warum das große Britannien seinen Walfängern schon vor hundert Jahren fürstliche Handgelder auf die Kralle gezahlt hat? Und überhaupt, schaunse mal lieber in die Statistiken des amerikanischen Walfangs, statt dauernd nur in ihre Paragraphen und statt hier die Nase zu rümpfen über meinen Mandanten.

Sie kennen doch sicher die Namen James Cook und VancouverKrusenstern…?

Ankläger: Aber gewiss doch, das sind berühmte Forscher und Weltrei…

Anwalt: Wissense was, die guten Walfänger haben die entlegensten Ecken auf der Weltkugel schon durchstöbert und erforscht, da war an die hochverehrten Herren noch gar nicht zu denken. Ihre namenlosen Kapitäne haben zu Dutzenden denen den Boden bereitet, damit sie von den Wilden dort nicht ohne Federlesen gleich mit Haut und Haar gefressen wurden. Wofür ein Vancouver mit seinen Berichten Ruhm und Ehre einheimste, das war “nur das lebenslange täglich Brot unserer Helden von Nantucket.” (Seite 193) Sie haben Befreiung und Demokratie an vielen Orten Vorschub geleistet, australische Auswanderer mit ihrem trockenem Schiffszwieback vorm Verhungern gerettet, für Händler und Missionare vorgearbeitet und was nicht noch alles. Und jetzt sagen Sie mir bittschön offen ins Gesicht, was sie noch gegen meinen Mandanten hier haben.

Ankläger: Das können Sie alles nicht beweisen. Keine namhaften Zeugen, keine Zeugnisse über den Wal. Unglaubwürdig die Leute, aus ungeordeten Verhältnissen und windige Abenteurer.

Anwalt: Sag ich’s nicht, Sie sind ein Paragraphendrescher und ignoranter Fachidiot. Wären es nicht Perlen, vor die Säue geworfen, würde ich Ihnen Hiobs Bericht über den Leviathan, Alfred den Großen oder Edmund Burke hier vorführen? Oder Benjamin Franklins Großmutter persönlich in den Zeugenstand rufen, die mit gutem Recht Ahnherrin einer ganzen Dynastie von Nantucketer Harpunieren heißen darf?

Ankläger: Ähm… das ändert aber doch nichts daran, dass der Walfang nicht als nicht gerade seriöser und eher niederer Job gesehen werden muss, wo ist da die Würde, die Anerkennung?

Anwalt: Erzählen Sie mir was von Würde! Ihre Vorurteile in allen Ehren, Herr Kollege, aber da hätte ich doch mal was Erfreuliches für Sie: das alte englische Satzungsrecht nämlich, das den Wal zum “königlichen Fische” erklärt. Und darf ich fragen, ob die seriöse Zunft der Juristen vielleicht auf ein berufseigenes Sternbild verweisen kann wie die Walmänner auf Cetus am südlichen Himmel? Noch Fragen? Ich beantrage Freispruch!


Wer wollte bestreiten, dass da einer (also im Original jetzt wieder) weiß, wovon er redet? Seine Quellen hat er jedenfalls gut zu nutzen gewusst. Das machte dem gewesenen Selber-Walfänger keiner der hochnäsigen Buchstabengelehrten und echten Yale- und Havard-Absolventen seiner Zeit nach. Und sonst wahrscheinlich auch keiner. Und einer hats schon damals erkannt, seines Zeichens Kritiker des John Bull:

Wer hätte je nach Philosophie in Walen oder Poesie im Walspeck gesucht? Es gibt wenig Bücher, die sich ausdrücklich der Metaphysik widmen oder ihre Abstammung von den Musen beanspruchen und so viel wahre Philosophie und echte Poesie enthalten wie diese Geschichte von der Walfahrt der Pequod.

Nach Göske/Jendis, Seite 949

Die Zerstörung des Leviathan

Written by Wolf

4. June 2007 at 1:02 am

Posted in Steuerfrau Elke

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