Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

More done with pens than swords [and whips]

with one comment

Update zu Work in Congress und
erst recht Bürgerkriegsware:

Price, Birch & Company, 1865

Einmal, ein einziges Mal, nahm Herman Melville mit einem seiner Bücher Einfluss auf die Politik seines Landes.

Gewerbeträchtigem Schreiben hatte er sich nach ein paar juvenilen Versuchen überhaupt wieder zugewandt, weil die Leute so gern seinem Seemannsgarn zuhörten und er sich ihren Ermunterungen, das doch mal alles aufzuschreiben, nicht länger widersetzen mochte. Zwei Bücher lang lief’s ganz gut, dann kam ein Einbruch mit Mardi, dann eine Erholung mit Redburn, und dann kam White Jacket, seine Nr. 5 anno 1850, eins vor Moby-Dick, siehe Bücherliste.

Zu dem Seemannsgarn gehörte, dass Melville sich einmal gezwungen sah, von seinen Schiffen zu desertieren: den 9. Juli 1842 vom Walfänger Acushnet, was zu den Erlebnissen in Typee führte; vom nächsten Walfänger Charles and Henry Richtung Hawaii und danach dem Kriegsschiff United States nach Boston über die Marquesas, Tahiti, Valparaiso, Callao, Lima und Rio de Janeiro wurde er ordnungsgemäß abgemustert. Die Erlebnisse zwischen den beiden letzteren mündeten in White Jacket.

Weißjacke (auf Deutsch nur im vergriffenen Sammelband) geriet zu einem Pamphlet gegen die Zustände in der US-amerikanischen Marine.

Am historischen Horizont drohte schon der Sezessionskrieg (1861–1865), in dem Sklavenhaltung zur Glaubensfrage erhoben wurde. Gestrenge, knochenharte Puritaner hatten höfliche, gottvergnügte Quäker abgelöst und leiteten aus dem Alten Testament und einigen Stellen der Paulus-Briefe Argumente pro Sklaverei ab, denn auch Bibeldruckpapier ist geduldig. Und darauf stand geschrieben, dass seine Kinder züchtigt, wer sie liebt. Und seine Sklaven dann ja wohl erst recht.

Auspeitschungen kannte Melville. Vom Man-o-War United States. Und fand sie schlimm genug, um gegen sie anzuschreiben. White Jacket schenkt dem Leser nichts, es liest sich stellenweise engagiert bis brutal.

Jemand im Kongress höchstselbst glaubte ihm. Und die alte Manesse-Ausgabe weiß im Nachwort:

Das Buch wurde jedem Kongressmitglied auf das Pult gelegt, und bald ging ein Gesetz durch, das die Auspeitschung in der Flotte untersagte und keine andere Strafe an deren Stelle setzte.

Konteradmiral Franklin nach John Freeman:
Herman Melville, cit. H. M.: Weißjacke,
Nachwort von Dr. Walter Weber, Manesse 1948

So wurde die Prügelstrafe in der Marine 1850 vom amerikanischen Kongress wenn schon nicht faktisch abgeschafft, so doch offiziell verboten. Eins der verdienstreichsten Beispiele der Geschichte, dass Literatur sehr wohl etwas bewirken kann.

Zwischenrechnung für die Lohnschreiber unter uns: 1850 bestand der US-amerikanische Kongress aus 233 Abgeordneten. Allein die Aktion, jeden davon mit einem Exemplar seines Romans zu versorgen, brachte Melville also eine Auflage, von der er bei seinen späten Gedichtbänden nur träumen konnte: Der letzte davon, Timoleon vom Mai 1891, erschien in 25 Exemplaren.

Harriet Beecher-StoweÜberhaupt war die Zeit sensibel für literarische Eingriffe in die Politik, sogar im ruppigen, provinziellen Süden: Uncle Tom’s Cabin von Harriet “There is more done with pens than swords” Beecher-Stowe erschien 1852, ziemlich genau zwei Monate nach Moby-Dick. Noch 1862, da der Bürgerkrieg schon rundum tobte, begrüßte Abraham Lincoln Frau Beecher-Stowe mit dem denkwürdigen Satz:

So you’re the little woman who wrote the book that started this Great War.

Das ist doch die Art von Anerkennung, die sich der Elfenbeintürmer wünscht.

Written by Wolf

5. June 2007 at 2:44 am

Posted in Rabe Wolf

One Response

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] Update for More done with pens than swords [and whips]: […]


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: